Terrorismus

Louise Richardson: Was Terroristen wollen

Louise Richardson Was Terroristen wollenDer Untertitel des Buches Was Terroristen wollen verspricht nicht zuviel: Die Ursachen der Gewalt und wie wir sie bekämpfen können. Louise Richardson, Politikprofessorin aus Harvard, hat sich jahrzehntelang mit Terrorismus beschäftigt und diesen wissenschaftlich untersucht. Das vorliegende Buch ist dabei sowohl eine populärwissenschaftliche Zusammenfassung ihrer Untersuchungen als auch Wegweiser, wie demokratische und liberale Rechtsstaaten mit dieser Bedrohung umgehen können, die ja – auch das wird im Laufe der Lektüre deutlich – kein neuartiges Phänomen darstellt (und auch nicht einer bestimmten Kultur zugeschrieben werden kann).

Die Tatsache, dass Richardson Irin ist und auch selbst als Jugendliche mit dem Terrorismus der IRA (bzw. PIRA) konfrontiert wurde, bringt noch eine zusätzliche Facette in dieses Buch hinein (die jedoch nur sehr dezent und am Anfang erwähnt wird). So berichtet die Autorin sehr wohl, wie die Infiltration im Elternhaus, in der Schule und unter Freunden wie eine Art schleichendes Gift in ihr fortschritt und dieses für Terroristen und ihre Anhänger typische dichotomische Weltbild erzeugte. Und sie schildert ihr Erweckungserlebnis, welches sie schlagartig "bekehrte", als sie auf dem Dachboden ein Foto des Onkels fand, der als widerständischer Freiheitsheld in der Familie gefeiert wurde, auf dem Foto jedoch ausgerechnet eine britische Uniform trug und alle Mythengeschichten, jene erinnerte Historie, die von Generation zu Generation immer weitererzählt wurde, auf einen Schlag zu Lügen mutierten.

Was ist Terrorismus?

Zunächst einmal definiert Richardson den Begriff des Terrorismus (bzw. des Terroristen), was absolut notwendig ist, denn "Terror" und "Terrorist" finden inzwischen inflationär Verwendung – auch und gerade in den Medien und auch in vollkommen anderen Zusammenhängen (bspw. "Telefonterror" oder "Wirtschaftsterror" für Devisenspekulationen).

Terrorismus bedeutet einfach, für politische Zwecke planmässig und gewaltsam gegen Zivilisten vorzugehen. So die einfache, aber durchaus sinnvolle Definition von Richardson. Sieben Merkmale lassen sich hieraus ableiten:

- Terrorismus ist politisch motiviert.

- Wenn nicht gewaltsam vorgegangen wird (bzw. Gewalt angedroht wird), ist es nicht Terrorismus.

- Zweck von Terrorismus ist nicht, den Feind zu besiegen, sondern eine Botschaft zu verkünden.

- Der Terrorakt und die Opfer haben in der Regel symbolische Bedeutung. Terroristen arbeiten sehr stark mit psychologischen Wirkungen ihrer Anschläge – auch und gerade in Bezug auf pluralistische Demokratien und ihre Berichterstattung über die Aktionen.

- Terrorismus sei – so Richardsons These, die diese jedoch als umstritten darstellt, eine Vorgehensweise von Gruppen auf substaatlicher Ebene, nicht von Staaten. Damit ist nicht gemeint, dass Staaten nicht Terrororganisationen, die in anderen Ländern operieren, unterstützen können (das geschieht ja durch den Iran und Syrien beispielsweise – aber auch, das verschweigt Richardson nicht, durch die USA). Auch wird nicht bestritten, dass es durch Staaten selber terroristische Angriffe gegeben hat wie beispielsweise die Bombardements der Alliierten im Zweiten Weltkrieg (gipfelnd in den Atombombenabwürfen über Japan), aber auch – natürlich – die Bombardements der Nazis auf Grossbritannien (und Rotterdam und Belgrad). Letztlich macht sie auch in den Regierungen während der Französischen Revolution einen Staatsterrorismus "von oben" aus. Allerdings – und das wird im Laufe des Buches deutlich – muss Terrorismus primär als substaatliches Agieren verstanden werden (hiernach richten sich auch die Abwehrmassnahmen).

- Opfer des Terrorismus und "Publikum", das die Terroristen zu erreichen versuchen, sind nicht identisch.

- Das letzte und wichtigste Merkmal des Terrorismus ist, dass er sich bewusst gegen Zivilisten richtet. Das unterscheidet ihn von anderen Formen politischer Gewalt, auch vom eng verwandten wie dem Guerillakrieg. Das Töten von Nichtkämpfenden ist kein Unfall oder unbeabsichtigter Nebeneffekt, […] sondern strategisch geplant. In dem die Zivilbevölkerung praktisch in Kollektivhaftung genommen wird, schalten Terroristen die Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kämpfern aus. Das beispielsweise alle Amerikaner Steuern bezahlen genügt ihnen, alle Amerikaner pauschal als unmittelbar Beteiligte anzugreifen. Diese eigentlich unsinnige Betrachtung wird später, wenn es um Strategien zur Terrorbekämpfung geht, eine gewisse Rolle spielen, denn sie kann durchaus auch "umgekehrt" werden.

Wichtig ist, dass die Regierungsform eines Staates, der Opfer von Terroranschlägen wird, nicht die Definition von Terrorismus verändert. Die These, dass ausschliesslich demokratische Staaten Opfer von Terrorakten sein können, da sie doch friedliche Formen der Opposition auf institutioneller Ebene ermöglichen, verwirft Richardson ausdrücklich. Auch einer irgendwie legitimen Art des Terrorismus, sofern er nur "unseren" Wertvorstellungen entspricht, also quasi gegen autokratische oder rassistische Systeme, muss das Wort geredet werden. Terrorismus bleibt Terrorismus, sofern die o. g. Kriterien erfüllt sind.

Hiervon macht Richardson die moralische Legitimation im Diskurs abhängig: Solange wir nicht bereit sind, einer Gruppe, deren Ziele wir teilen, dennoch das Etikett Terroristen anzuhängen, wenn sie zum erreichen dieser Ziele planvoll Zivilisten angreift, werden wir niemals in der Lage sein, eine wirkungsvolle internationale Zusammenarbeit gegen den Terrorismus zustande zu bringen.

Eine Vermischung des Begriffs des Terrorismus mit dem des "Freiheitskämpfers" lässt sie ebenfalls nicht zu. Dass Terroristen behaupten, sie seien Freiheitskämpfer, heisst nicht, dass wir ihnen das zugestehen sollten…

Grundsätzliche oder begrenzte Ziele?

In einer Matrix sortiert Richardson Ziele und Unterstützung von Terrorismus. Sie unterscheidet begrenze Ziele und grundsätzliche Ziele. Innerhalb dieser Ziele unterscheidet sie dann zwischen engerem und isoliertem Verhältnis zur Gemeinschaft.

Die sozialrevolutionären Bewegungen in Europa (z. B. die RAF oder die roten Brigaden in Italien) verfolgten "grundsätzliche Ziele", d. h. die Zerschlagung eines ganzen politischen Systems. Ihr Verhältnis zur Gemeinschaft war eher isoliert. Richardsons These ist – vereinfacht dargestellt – dass Terroristen mit grundsätzlichen, systemzerstörerischen Forderungen dauerhaft keine grosse Resonanz in der Bevölkerung finden werden und somit mittelfristig scheitern. Ihre Matrix hierzu zeigt eine Menge dieser Terrororganisationen, von denen ein Grossteil schon nicht mehr oder kaum noch aktiv ist. Keine einzige hiervon ist direkt mit einer breiten Zustimmung in der Bevölkerung aufgeführt.

Allerdings ist – das gibt Richardson zu – al-Qaida unter Umständen ein Sonderfall: Hier ist die Vermischung zwischen panarabisch-nationalistischer Rhetorik und der religiös konnotierten Argumentation neu. Richardson rubriziert al-Qaida als Organisation mit "grundsätzlichen Zielen", was sie durchaus im weiteren Verlauf ihres Buches befragt.

Wesentlich schwieriger ist die Angelegenheit bei den Organisationen, die "begrenzte Ziele" formulieren, also beispielsweise Sezessionsbewegungen oder sogenannte Befreiungsbewegungen. Gelingt es solchen Organisationen eine enge Verankerung für ihre Ziele in der Bevölkerung zu erreichen, so ist eine Bekämpfung sehr schwierig. Als Beispiel hierfür werden unter anderem die al-Aksa-Märtyrerbrigaden, die baskische ETA, die tamilische LTTE, die kurdische PKK und der "Leuchtende Pfad" in Peru genannt.

Terrororganisationen bleiben allerdings, trotz eventueller Unterstützung in Teilen der Bevölkerung, immer in einem ungleichen Kampf die schwächere Partei. Diese Erkenntnis hat später signifikante Auswirkungen auf die Strategie zur Bekämpfung des Terrorismus.

Vehement sträubt sich Richardson dagegen, Terroristen a priori jegliche Moral abzusprechen (was sie auch exemplarisch belegt). Terroristen in die Ecke irrationaler Verrückter zu stellen, macht ebenfalls keinen Sinn. Richardson verwertet hier eigene Erlebnisse in workshopähnlichen Veranstaltungen mit "Aktivisten". Das Engagement von Terroristen entspringt durchaus rationalen Beweggründen.

Schlüssig zeigt Louise Richardson, dass die von bestimmten Kreisen gerne vorgenommene Verwechslung von Empathie mit Sympathie eine billige, aber durchaus massenwirksame rhetorische Volte ist, um das Gegenüber, welches um Konfliktlösung bemüht ist, zu diffamieren. Die "Falken" gehen damit eine gewisse Allianz mit den Terroristen ein (und deren "Falken"). Terrorbekämpfer und Terroristen bedingen sich gegeneinander, lassen oft – trotz rationaler Gründe dagegen – nicht voneinander los, in dem sie auf ihren Standpunkten beharren. Am Ende des Buches belegt Richardson, dass etliche terroristische Konflikte durch diese Vorgehensweise nur unnötig in die Länge gezogen wurden.

Neben ausführlichen historischen Abrissen zu Terrorismus in der Geschichte untersucht Richardson natürlich auch die Ursachen. Sie kommt zu dem Schluss, dass es hier keine monokausalen Erklärungen gibt, also auch Verallgemeinerungen falsch sind. Die Ebene des individuellen Terroristen, der die terroristische Organisation und die des sie finanzierenden Staates können alle möglichen Gründe liefern. Auf gesellschaftlicher ebene sind sozio-ökonomische Faktoren wie etwa Armut und Ungleichheit mögliche Ursachen, auf transnationaler Ebene können Religion und Globalisierung welche sein.

Entfremdung vom Status quo

Unterschieden werden muss zwischen den Terroristen selber auf unterschiedlichen Hierarchieebenen und deren Sympathisanten, und zwar insbesondere was die Motive angeht. Bei den Anführern handelt es sich meist um gebildete Leute, die dem Terrorismus eine intellektuelle (und/oder religiöse) Unterfütterung geben. Richardson zitiert eine Untersuchung, die ergab, dass rund zwei Drittel von 179 al-Qaida-Mitgliedern der Mittel- bzw. Oberschicht zuzuordnen waren (Aktivisten ethnonationalistischer Organisationen stammen allerdings eher auch klassischen Arbeiterschichten).

Detailliert untersucht Richardson was Leute dazu treibt, in Terrorismus ihre Ausdrucksmöglichkeit zu finden. Sie zieht am Rande auch Elemente der youth-bulge-Theorie Gunnar Heinsohns zu Rate (den sie allerdings nicht erwähnt). Am Ende kommt sie zu dem Schluss, dass Terrorismus im wesentlichen aus einem tödlich Cocktail herrührt, der aus drei Zutaten zusammengemixt ist: persönliche Enttäuschung, eine gutheissende Gesellschaft (sie nennt dies auch Komplizengesellschaft) und eine legitimierende Ideologie. Dabei setzt Terrorismus eine Entfremdung vom Status quo voraus. Er gedeiht immer dort sehr gut, wenn sich Menschen ungerecht behandelt fühlen und sich charismatische Anführer herauskristallisieren, die diese Verhältnisse erklären, eine Gruppe organisieren und für deren Effizienz sorgen.

Religionen können eine Rolle bei terroristischen Aktivitäten spielen, müssen es aber nicht. Dies führt Richardson am Beispiel zahlreicher säkularer Terrororganisationen aus. Dort, wo religiöse Diktionen gebraucht werden, dienen sie häufig dazu Konflikte zu absolutieren. Religiös motivierte Terroristen sind häufiger bereit, grössere Opferzahlen in Kauf zu nehmen. (Wenn Gott das Publikum ist, dann muss man sich keine Gedanken darum machen, es möglicherweise vor den Kopf zu stossen.) In der Praxis vermischen sich jedoch häufig religiöse und nationalistische Motive. Ausserdem ist religiöse Motivation mitnichten auf den Islam beschränkt, was auch an Beispielen u.a. aus Europa illustriert wird.

Alle Terrorbewegungen haben zwei Arten von Zielen: Kurzfristige organisatorische und langfristige, politische, wobei Letztere einen erheblichen politischen Wandel voraussetzen. Diese Unterscheidung ist essentiell. Richardson unterscheidet hierzu die primären von den sekundären Motiven. Die primären Motive liegen in der jeweiligen politischen Zielsetzung – diese ist in den Terrorbewegungen durchaus unterschiedlich verankert (beispielsweise Sezession, Abzug einer Besatzungsmacht oder Errichtung einer anderen Staatsform). Interessant die These, dass viele primäre Ziele nur relativ undeutlich und vage formuliert sind, und hier kaum detailliert durchdachte Konzepte für die Zukunft entwickelt wurden. Das erklärt warum, nachdem ein solches Ziel erreicht wurde, oft die Ausführung vollkommen unkoordiniert und unbefriedigend verläuft – die (einstige) Terrororganisation hatte zwar einen präzises Feindbild, aber keine Vorstellung, was nach dessen Beseitigung zu tun ist.

Rache – Ruhm – Reaktion

Die sekundären Motive hingegen sind bei nahezu allen Terrororganisationen gleich. Sie bestehen aus dem, was Richardson auf die Kurzformel der drei Rs bringt: Rache, Ruhm, Reaktion.

Alle Terroristen trachten nach Rache, Ruhm und Reaktion. Das Phänomen der Rache durchzieht die Rechtfertigungen und Pamphlete aller Terrororganisationen. Bei aller empirischen Beweisführung vernachlässigt Richardson ein wenig, dass Rache besonders dort auf besonders fruchtbaren Boden fallen wird, wo Rechtsstrukturen nicht ausreichend verankert sind oder schlichtweg eine starke Korruption geltendes Recht nicht zulässt. Zu recht betont sie, dass Rachegelüsten aus Sicht der Terrorbekämpfung schwierig beizukommen ist – ausser dahingehend, nicht jenen Entschuldigungen zu liefern, die zur Gewalt greifen wollen.

Ruhm ist ein weiteres, wichtiges Motiv für Terrorismus. Die Akteure sonnen sich in der Aufmerksamkeit, die sie erlangen. Oft genug sind ihre Anschläge auch noch reichlich symbolischer Natur (das Paradebeispiel ist natürlich wieder der Anschlag auf die Twin-Towers als Symbol des Kapitalismus). Der Ruhm spielt auch innerhalb der jeweiligen Organisation eine gewisse Rolle, und zwar wenn es sich um dezentral agierende Einheiten handelt.

Richardson warnt jedoch davor, die durch die Anschläge weltweit hervorgerufene Aufmerksamkeit als Beleg für das "Funktionieren" des Terrorismus zu werten. Wenn dem so wäre, dann könnte man einfach die Berichterstattung über Terrorakte einstellen (sie zitiert Margaret Thatcher, die einmal vom "Sauerstoff entziehen" sprach). Abgesehen davon, dass dies in demokratischen Gesellschaften gar nicht möglich ist, würde dies auch wiederum Terroristen zu noch grösseren Attentaten anstacheln.

Der interessanteste Punkt, der nicht sofort auf der Hand liegt, später jedoch in der Gegenstrategie einen wichtigen Hebel bietet, bezeichnet Richardson als Reaktion. Durch ihre Aktion(en) kommunizieren Terroristen mit der Welt. Man nennt das "Propaganda durch die Tat". Durch ihre Aktion(en) wollen sie Reaktion(en) hervorrufen. Es ist bemerkenswert – und das zeigt Richardson an vielen Beispielen – das viele Reaktionen exakt so ausfallen, wie die Terroristen es wollen – nämlich die Eskalationsspirale der drei Rs befeuern, statt zu deeskalieren. Das, wenn man so will, Geniale am Terrorismus ist […], dass er Reaktionen hervorruft, die öfter im Interesse der Terroristen sind als in dem der Opfer. Insbesondere dann haben die Terroristen in doppelter Weise ihr Ziel erreicht, wenn es ihnen gelingt, demokratische Staaten zu drakonischen Massnahmen zu verleiten, um damit die Stimmigkeit ihrer Propaganda zu belegen.

Selbstmordattentäter sind weder per se religiös noch Irre

Zu den beeindruckendsten Kapiteln des Buches gehört jenes über Selbstmordattentäter. Richardson räumt mit der These auf, dass Selbstmordanschläge religiöse Konnotationen benötigen. Ausführlich untersucht sie insbesondere die LTTE ("Liberation Tigers of Tamil Eelam" ["Befreiungstiger von Tamil Eelam"], der ethnonationalistischen Separatistenorganisation der Tamilen auf Sri Lanka) und deren quasi ritualisierten Einsätze von Selbstmordattentaten.

Anfang der 80er Jahre wurden Selbstmordattentate während des libanesischen Bürgerkrieges von säkularen Terroristen sozusagen "neu entdeckt" und in die Neuzeit transferiert. Die Anschläge von 1983 auf die amerikanische Botschaft in Beirut (80 Tote) und auf das Hauptquartier der US-Marines (241 Tote) sorgten dafür, dass sich die USA auf dem Libanon zurückzogen (die Terroristen hatten ihr Ziel erreicht und noch heute dient es der al-Qaida-Propaganda als Beleg für die "Feigheit" Amerikas). Die LTTE hatte diese Taktik übernommen. Und bis zur Eskalation der Selbstmordtaktik bei den Aufständischen im Irak hatten die LTTE mehr Selbstmordanschläge durchgeführt als jede andere Terrororganisation.

Psychopathen und ähnliche instabile Charaktere sind von den Führern für solche Aktionen ausdrücklich nicht erwünscht; sie würden die Effizienz dieses Mittels infrage stellen. Es gibt harte Auswahlverfahren, wer für eine Aktion "berufen" ist. Selbstmordattentäter sind in der Regel keine blindwütigen Fanatiker, die spontan und unbeherrscht reagieren. Ihre Aktionen sind geplant. Sie werden in ihren Organisationen entsprechend geschult und gezielt auf ihren Einsatz hingeführt. Ihre Aktionen sind effizient (d. h. – um es hart zu formulieren – billig und effektvoll) und erfüllen die drei Rs perfekt.

Im Gegensatz zu den aktuellen, islamistisch motivierten Selbstmordattentätern, ist die LTTE eine Organisation bar jeder religiösen Komponente (ähnlich wie die PKK, die auch Selbstmordanschläge, allerdings in wesentlich geringerem Ausmass, durchgeführt hat). Es handelt sich um eine rein säkulare, sezessionistische Terrororganisation. Ihre Hingabe an die Sache nährt sich aus dem Hass auf den Feind und den Wunsch, sich für dessen Übergriffe zu rächen, nicht aus dem Glauben an Gott. Und es gibt ein umfangreiches, festgelegtes Instrumentarium, in dem Attentäter (und ihre Familien) in Publikationen und Schreinen quasireligiöse Heldenverehrung geniessen.

Manichäisches Weltbild – auf beiden Seiten

Wie ist nun dem Terrorismus beizukommen? Ausführlich dokumentiert Richardson zunächst, wie die Bush-Administration nach dem 11. September auf diesen Megaschlag reagiert hat. Und sie stellt nüchtern und ohne in primitives Bush-Bashing zu verfallen fest: Es war nahezu alles falsch, was gemacht wurde.

Angefangen von der Rhetorik bis zu den Aktionen im Inneren ("Patriot-Act") bis zu den Kriegen in Afghanistan und natürlich insbesondere im Irak – Richardson seziert die Fehler einer nach dem anderen.

Der grösste Fehler war wohl, die Metaphorik des "Krieges" einzusetzen und Terrorbekämpfung somit als rein militärische Aktion zu verstehen. Mit dem Status des "Krieges" hat man letztlich nicht nur den Terroristen als gleichwertigen Kämpfer anerkannt, ihn also auf die gleiche Stufe gestellt, sondern auch dessen Aktion wie gewünscht beantwortet. Statt den Terrorismus als einen kriminellen Akt darzustellen und ihn kriminalistisch zu behandeln, wird durch die überbordende Bildhaftigkeit eines "Krieges" das Vokabular des Gegners – inklusive des manichäischen Weltbildes - übernommen. Richardson schliesst nicht aus, dass dies auch deshalb geschah, um mit dem Instrument der "Kriegserklärung" die Exekutive mit mehr Macht auszustatten. Ein beliebter Kniff, insbesondere in politisch labilen Systemen.

Parallel zur kriminalistischen Verfolgung der Hintermänner des Anschlages hätte man die primären Motive der Anschläge mit untersuchen müssen. Welches sind die Forderungen der Terroristen? Sind diese tatsächlich so abstrus und unerfüllbar? Welche transnationalen Fehler hat die US-Aussenpolitik in den letzten Jahren begangen? Wie haben die Verbündeten ähnlich gelagerte Fälle gelöst (beispielsweise hätte man auf die britischen Erfahrungen mit der IRA zurückgreifen können)? Wie hätte man fruchtbar die Solidarität anderer Nationen mit den Vereinigten Staaten nach den Anschlägen verwenden können? All dies Versäumnisse, die heute sehr schwer oder gar nicht mehr aufzuholen sind.

Und schliesslich: Wie will man "Krieg gegen den Terror" führen? Terror ist eine Emotion. Wie will man dagegen kriegerisch d. h. militärisch vorgehen? Richardson führt aus, dass dieser "Krieg gegen den Terror" militärisch nicht gewinnbar ist und sogar zusätzliche Rekrutierungen für den Terrorismus erzeugen kann. Zwar gibt es Beispiele aus Argentinien und Chile aus den 70er und 80er Jahren, die zeigen, dass terroristische Aktivitäten, die lokal auftreten, militärisch ausgemerzt werden können. Aber das, so Richardson eindrucksvoll, ist für demokratische Rechtsstaaten nicht durchführbar. Die genannten Länder waren Diktaturen und konnten mit Mitteln vorgehen, die sich für den Rechtsstaat verbieten.

Der zyprische Nationalist Georgios Grivas meinte einmal: "Mit einem Panzer fängt man […] keine Feldmaus – das kann eine Katze besser." Richardson: Dem Terrorismus den Krieg zu erklären und dafür eine Armee in den Kampf zu schicken, ist so etwas Ähnliches, wie mit einem Panzer eine Feldmaus zu fangen.

Mit einem Handstreich wird nebenbei auch das dümmliche Geschwätz von Herfried Münkler von den "asymmetrischen Kriegen" weggefegt. Vermutlich kennt sie weder Münkler noch dessen These, die in Deutschland in Ermangelung vernünftigen Denkens vor einigen Jahren durch voreilige Feuilletonisten und politische Kommentatoren hoffähig wurde. Richardson zeigt, dass ein solches Denken falsch und unhistorisch ist und zu kontraproduktiven Schlussfolgerungen und Strategien führt.

Die falschen Reaktionen auf die Anschläge des 11. September haben die Welt verändert

Richardsons Schluss: Es ist daher nicht ganz richtig, dass 'der 11. September unsere Welt veränderte', wie Präsident Bush es ausdrückte. Vielmehr war es unsere Reaktion auf den 11. September, die die Welt veränderte. Die Amerikaner erlitten einen Terrorangriff, der in seiner Grössenordnung und Zerstörungskraft ohne Beispiel war, und verloren dadurch ihr Sicherheitsgefühl und ihr Augenmass. Wobei – das ist immanent – Politik gerade darin bestanden hätte, Sicherheitsgefühl und Augenmass in der gebotenen Relation zum Terrorakt in der Bevölkerung zu erhalten, in dem analytisch das Problem angeht.

Beispiellos der Hysterisierungsgrad, der dann in der lügenhaften Argumentation über angebliche Massenvernichtungswaffen des Irak (und der Kooperation zwischen Osama bin Laden und Saddam Hussein) führte. Richardson führt beeindruckend aus, wie hysterisch und mit wenig Sachkenntnis diese Diskussion geführt wurde.

Mit diesen Erkenntnissen ausgestattet erahnt der Leser natürlich, welche Lösungsmöglichkeiten die Autorin vorschlägt. Sie sind allesamt nicht besonders spektakulär und dürften eher mittel- und langfristig zu Erfolgen führen, während für schwache Politiker fast ein Zwang zu kurzfristigem Aktionismus zu bestehen scheint. Richardson stellt sechs goldene Regeln auf:

1. Ein vertretbares und erreichbares Ziel erreichen.
Nicht das "Böse" gilt es zu besiegen, sondern die islamistische Militanz koordiniert zu stoppen. Ein weiteres Ziel könnte sein, den Vergeltungsimpuls einzudämmen. Hierfür sind Zwangs- und Beschwichtigungsmassnahmen parallel erforderlich. Zwangsmassnahmen – auf rechtsstaatlicher Basis – nur gegen die unmittelbaren Gewalttäter und Beschwichtungsmassnahmen, um potentielle Rekrutierungen aufzuhalten.

2. Nach den eigenen Prinzipien leben.
Nicht der Demokratie- und Werteexport in kolonialer Manier ist gemeint, sondern das Anwenden der eigenen Werte auf sich selber. Richardson ist der Meinung, dass Demokratien per se durch ihre liberale und offene Gesellschaft nicht anfälliger gegen Terrorismus sind. Sie bezeichnet unsere demokratischen Prinzipien nicht als Einschränkung unserer Möglichkeiten gegenüber Terroristen vorzugehen, sondern als unsere stärkste Waffe. Auf die Idee der Notwendigkeit einer "Selbstbehauptung des Rechtsstaates" kommt Richardson nicht im Traum. Fast pathetisch das Bekenntnis zu George Washington und seinem Verhalten gegenüber britischen Kriegsgefangenen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.

Entsprechend scharf geht sie mit Notverordnungen und Rechtsverbiegungen ins Gericht. Beides sei falsch und unterminiere den Rechtsstaat – das, was die Terroristen erreichen wollen. In dem man den Terroristen den Krieg erklärt habe, ihnen aber gleichzeitig den Status gemäss der Genfer Konvention verweigere, liefert man Futter für die antiamerikanische Propaganda auf der Welt. Eine Demokratie, die ihre eigenen Werte missachtet, kann naturgemäss auch keine Strahlkraft nach aussen entwickeln und büsst jegliche Legitimation ein. Wenn George W. Bush jedoch ständig die "Überlegenheit unserer Werte" preist – worin bestehen diese denn in Wirklichkeit, wenn man ihnen selber nicht traut? (Und – das erwähnt Richardson erstaunlicherweise nicht – laufend demokratische Wahlen, deren Ausgang nicht ins politische Konzept passt, schlichtweg ignoriert, andererseits jedoch die Demokratie exportieren möchte.)

3. Den Feind genau kennen
Richardson plädiert für genaue und ausführliche Geheimdienstarbeit und für die Infiltration von Terrororganisationen. Zu Hause können Informationen durch die Einbindung der loyalen muslimischen Bevölkerung gewonnen werden. Diese Massnahmen müssen im Respekt vor diesen Menschen geschehen. Stattdessen werden sie potentiell pauschal zu Verdächtigen erklärt.

4. Die Terroristen von ihren Gemeinschaften lösen.
Terroristen benötigen zwingend die Unterstützung der Bevölkerung. Wichtig daher, stille Sympathie oder gar Rückhalt in der Anhängerschaft durch vertrauensbildende Massnahmen auszudünnen. Ziel muss es sein, dass die Unterstützung für das planmässige Töten von Zivilisten (also das, was oben als Terrorismus definiert wurde) keine Sympathie mehr bekommt.

Richardson ist keine Träumerin und vermutet sicherlich richtig, dass die Unterstützung Israels den USA in der arabischen Welt immer gewisse Probleme schaffen dürfte. Aber in dem beispielsweise bei der Bewertung von Aktionen und politischen Handlungen die gleichen Massstäbe angesetzt werden, könnte die USA in der arabischen Bevölkerung wenigstens einen gewissen Respekt zurückgewinnen.

Als ausserordentlich problematisch ist dabei die Unterstützung der doch so stark auf "Demokratie" und "Menschenrechte" orientierten Politik der USA für Diktaturen wie Ägypten oder Saudi-Arabien, die aus geopolitischen und/oder ökonomischen Gründen zu Alliierten erklärt werden. Mit Recht weist sie darauf hin, dass al-Qaida gerade diese Regime ob ihrer Selbstherrlichkeit und politischen Unterdrückungsapparate angreift und deren Führer stürzen will.

Einen interessanten Fall macht Richardson bei der Tsunami-Hilfe der USA für Indonesien aus. Vor dem Tsunami war Umfragen zufolge das Bild der USA in der Bevölkerung mehrheitlich negativ; es gab durchaus Rekrutierungen von al-Qaida, die in den bekannten Terroranschlägen mündeten. Nachdem jedoch die weitgehend bedingungslose Tsunami-Hilfe der USA angelaufen war und auch sichtbare Erfolge zeigte, änderte sich das Bild in der Bevölkerung dramatisch, wie sie durch später durchgeführte Umfragen belegt.

Mit dem Vorschlag eines gross angelegten, möglichst von anderen Nationen mit unterstützten umfassenden Entwicklungsplans (ähnlich etwa dem Marshallplan) formuliert Richardson ein interessantes Ziel, welches jedoch sehr gut durchdacht werden muss, damit es nicht als Neokolonialismus ausgelegt und missdeutet werden kann.

5. Verbündete suchen.
Richardson plädiert hier für eine Transnationalisierung von Geheimdiensten und Regierungen.

Dieser Punkt hat teilweise Überschneidungen mit Punkt Nr. 3. Beide Regeln haben – das soll nicht verschwiegen werden - Schönheitsfehler, die sich zum Teil in der Aussenpolitik der USA der letzten Jahrzehnte gezeigt haben und prägnant mit der Formel "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" subsumiert werden kann. Vermutlich schwebt Richardson aber so etwas wie eine gemeinsame Allianz vor, wie sie im Kalten Krieg mehr oder weniger unter den NATO-Verbündeten geherrscht hat. Das Problem hierbei ist – das wird durchaus am Rande thematisiert – das die Geheimdienste derart unkontrollierbar erscheinen und verzweigt sind, dass schon eine Koordination innerhalb der USA schwierig genug ist. Hierfür müssten natürlich Strukturen gestrafft werden.

6. Geduld haben und das Ziel im Blick behalten.
Die oben beschriebenen Massnahmen bedingen Zeit und Geduld und man sollte nicht bei jedem neuen Anschlag in alte Vergeltungsmechanismen zurückfallen.

Verantwortungsethik vs. Gesinnungsethik

Die Erfahrungen vieler Konflikte zeigen, dass Terrorismus ausgetrocknet werden kann, so dass Anzahl und Vehemenz der Anschläge mittelfristig dauerhaft reduziert wird – und am Ende ganz verschwindet. Dort, wo die primären, politischen Motive zumindest teilweise berechtigt sein können, müssen sie auch diskutiert werden. Sezessionen oder Befreiungskämpfe können auch immer in Kompromissen (stärkere Autonomie; Zeitplan für den Abzug von Truppen unter gleichzeitigen Massnahmen zur Festigung ökonomischer und politischer Strukturen) mindestens teilbefriedet werden.

Bei al-Qaida sieht die Autorin ein bisschen schwärzer. Hier vermischen sich transnationale Forderungen mit religiösen Implikationen. Was jedoch bisher vernachlässigt wurde, ist beispielsweise dezidierter die Differenz von islamistischem Fundamentalismus einerseits und muslimischem Nationalismus andererseits zu analysieren und für die eigenen Handlungen fruchtbar zu machen.

Richardson fragt im Buch allerdings durchaus berechtigt, warum die USA nicht Mitte der 90er Jahre ihre Truppen aus Saudi-Arabien beispielsweise in die Emirate oder in den Golf zurückgezogen haben; unmittelbar notwendig waren sie dort nicht. Wäre es so unmöglich gewesen, diese auch in gemässigten muslimischen Kreisen mit Unbehagen verfolgte Besatzung zu beenden? Aus Äusserungen führender al-Qaida-Führer hätte man zwar diesen Abzug unter Umständen mit weitergehenden Forderungen bezüglich anderer muslimischer Länder beantwortet und für nicht ausreichend erachtet – aber grosse Teile der arabischen Bevölkerung wären viel weniger sensibilisiert gewesen.

Kühl summiert Richardson am Schluss des Buches, die Bush-Administration verhalte sich der Traditionen des Landes unwürdig. Und weiter heisst es: Beim Kampf gegen den Terrorismus müssen unsere Interessen und unsere Ethik eindeutig im Einklang stehen.

Louise Richardson ist pragmatische Verantwortungsethikerin und eine Anhängerin von langfristigen, strategischen Politikzielen. Schnelle Reaktionen, die auf dem Markt für eine kurze Zeit billige Meinungspunkte bringen, sind ihr fremd, weil es sich dabei eben nicht um Politik handelt.

Die Lektüre dieses Buches immunisiert gegen Scharfmacher jeder Art und lässt die gängigen, gesinnungsethischen Moralapostel wie steinzeitliche Krieger erscheinen, die mit einer archaischen Wollust die Gewaltspirale der Terroristen willig und gerne übernehmen und ihnen in punkto Aktion und Reaktion immer ähnlicher werden. Ideen, wie beispielsweise in Afghanistan mit den gemässigten Taliban zu verhandeln, erscheinen danach weder absurd noch käme ein vernünftig denkender Mensch auf den Gedanken, die Verfechter als "Terrorfreunde" zu denunzieren. Richardsons Buch, obwohl insbesondere im zweiten Teil stark auf die USA reflektierend, ist auch und gerade für den Europäer von Interesse und von gerade unverzichtbarer Notwendigkeit. Es bietet eine Fülle von Querverweisen und weiterführenden Schriften zu einzelnen Aspekten. Es sollte als zeitgemässes Standardwerk betrachtet werden. Danach kann der Diskurs beginnen. Danach. Nicht davor.

Al Qaida - Texte des Terrors (IV)

  • Abu Mus’ab al-Zarqawi

Mit nur rund 50 Seiten ist der Komplex über al-Zarqawi der knappste im Buch. Al-Zarqawi gilt als „Vertreter“ Al-Qaidas im Irak. Auf sein Konto gehen nicht nur zahlreiche Entführungen, bei denen er teilweise persönlich die Opfer bestialisch exekutiert haben soll, sondern auch zahllose Anschläge im ganzen Land, die die Stabilität untergraben sollen.

Jean-Pierre Milelli hat nur sehr dürftiges Material über den 1966 in Jordanien geborenen al-Zarqawi zur Verfügung. Sicher ist, dass er weder eine hohe Schulbildung, noch religiöse Studien vorzuweisen hat. Die Situation der Palästinenser und der „Kampf“ der PLO hat ihn sehr schnell politisiert. Ein ideologischer Überbau oder ein besonders religiöser Impetus kann man al-Zarqawi dennoch nicht nachsagen; auch wenn seine Botschaften natürlich orthodox-islamische Konnotationen enthalten, sind sie spirituell nicht richtungsweisend.

Milleli sieht al-Zarqawi als Protagonist einer „neuen“ Generation. 1989 dürfte er aktiv an Kämpfen in Afghanistan teilgenommen haben. 1994 wurde er in Jordanien wegen illegalen Waffenbesitzes und Fälschung von Reisepässen zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber 1999 im Rahmen einer Amnestie von König Abdullah II. wieder frei. Al-Zarqawi agierte ab 2001 aus dem irakischen Kurdistan und Syrien heraus und versuchte mit Anschlägen, die alle im Vorfeld schon scheiterten, Jordanien zu destabilisieren.

Im Februar 2003 dienten al-Zarqawis Aktivitäten im Irak Colin Powell als einer der Rechtfertigungsgründe, um gegen den Terrorismus in den Irak einzumarschieren, da er bereits damals eine Verbindung zwischen Bin Laden und al-Zarqawi ausmachte.

Der Text von al-Zarqawi, aus dem zitiert wird, Brief an Bin Laden und al-Zawahiri wurde im Januar 2004 bei der Festnahme des Pakistani Hassan Guhl auf einer CD-Rom gefunden. Er beinhaltet gegen Ende eine Treueerklärung an Bin Laden, die allerdings mit einem sehr selbstbewussten Zusatz versehen ist:

Wenn Ihr Euch unseren Plan zu eigen macht und von der Idee, die häretischen Sekten zu bekämpfen, überzeugt seid, werden wir Euch als allzeit bereite Soldaten dienen, uns Eurer Fahne anschliessen und Euch Gehorsam und Treue schwören [...]. Falls ihr jedoch anderer Meinung seid, lasst uns einfach Brüder bleiben, und kein Streit wird uns auseinanderbringen können. Wir werden uns nach besten Kräften gegenseitig unterstützen und im Dschihad einander Hilfestellung geben.

Gemäss Kommentator wird dieser Treueschwur von Bin Laden am 27. Dezember 2004 angenommen, nachdem er im Oktober 2004 über das Internet noch einmal (in ähnlicher Form) von al-Zarqawi formuliert wurde.

Das Buch schliesst mit der sehr interessanten Frage: Bedeutet dies, dass auch Bin Laden sich endgültig für diese Strategie entscheiden hat?

Al-Zarqawis Strategie wird in dem Schreiben - neben einer ausführlichen (gelegentlich banalen) Lagebeschreibung des Irak zum Jahreswechsel 2003/2004 – dargestellt und enthält eine Menge Zündstoff: Im Gegensatz zu der bisherigen Handlungsweise von Al-Qaida, die auf die Einheit aller muslimischen Kräfte gegen den äusseren Feind setzte, und innere Meinungsverschiedenheiten bewusst erst einmal ausgeblendet hatte, greift al-Zarqawi frontal die Schiiten an, rekurriert auf das islamische Schisma zwischen Schiiten und Sunniten und rubriziert die Schiiten, die für seine Verhältnisse mit der Amerikanern zu sehr kooperieren, als die grössten und gefährlichsten Verräter, die es physisch zu bekämpfen gelte: Sie sind „Häretiker“, was eine noch schlimmere Beleidigung darstellt, als jemanden als „Ungläubigen“ zu bezeichnen.

Al-Zarqawi entwirft eine „Liste“ der Bevölkerungsgruppen im Irak; eine Rangfolge, nach der letztlich von ihm entschieden wird, ob Menschen sterben müssen oder nicht: Die Kurden seien trojanische Pferde (der Laizismus der Kurden ist ihm natürlich ein Dorn im Auge); die Schiiten sind die „Häretiker“, insbesondere, weil sie beginnen, in die Administration der Polizei und Verwaltung des Irak einzudringen – dies bedeutet für al-Zarqawi natürlich Verrat, weil es unter Anleitung der Amerikaner und Briten geschieht; die Sunniten, die nicht der orthodox-islamischen Lehre anhängen – auch sie finden bei ihm keine Gnade; die ausländischen Kämpfer, die er jedoch als überraschend harmlos darstellt, weil sie zahlenmässig wenige sind und en Tod fürchten.

Am Ende plädiert al-Zarqawi für die Unausweichlichkeit eines Religionskriegs und betont die Eile, bevor man den Wettlauf mit der Demokratie vielleicht doch noch verliere. Im Text al-Zarqawis schwingt auch Angst mit; Angst davor, wieder (wieder?) vertrieben zu werden. Daher Zerstörung und Destruktion um jeden Preis. Die zitierten Suren sind oft willkürlich gewählt – einmal bedient er sich eines Koran-Verses, um das Schisma zu rechtfertigen, obwohl es zu der Zeit, als dieser Vers geschrieben wurde, offensichtlich noch keine Religionstrennung gab.

Der von ihm entwickelte Arbeitsplan ist, zwei Jahre nach Erstellung, erschreckende Wirklichkeit im Irak geworden. Die Schiiten werden mit Selbstmordattentaten sowohl im gesellschaftlichen als auch im religiösen Raum angegriffen. Die Entführungen, vorwiegend von Ausländern, gehen weiter, vermutlich um den vereinzelten Organisationen Geld zu beschaffen. Ein geordnetes, vernünftiges Leben für die Bevölkerung ist kaum möglich; ständig muss man auf der Hut vor Terroranschlägen sein. Der Irak ist derzeit das gewalttätigste Land der Welt. Al-Zarqawi ist der Kopf dieses monströsen, schrecklichen Terrors.
  • Resumé

Nach der Lektüre ist man ernüchtert und rekapituliert die Ereignisse, die in diese schier ausweglose Situation geführt haben.

Lässt man einen Moment den israelisch-palästinensischen Konflikt ausser Acht, so haben zwei Ereignisse den neuen orthodoxen Islamismus befördert, wenn nicht gar erzeugt:
  • Der Überfall der Sowjetunion 1979 auf Afghanistan.

  • Der Überfall des Irak Saddam Husseins 1990 auf Kuwait.
Alle anderen Ereignisse sind nur Folgen dieser beiden.

Rückwirkend betrachtet, hätte bis Mitte der 90er Jahre die Möglichkeit bestanden, radikal-islamistischen Kräften mit einer konzentrierten Politik der Vernunft (nicht des Nachgebens!) Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Bewegung, die sich Al-Qaida nennt, wäre nicht verhindert worden, hätte aber nie so leichtes Spiel gehabt wie jetzt:
  • Die Taliban-Regierung etablierte sich erst Mitte der 90er Jahre in Afghanistan – bis dahin waren eine Vielzahl potentieller Dschihadisten in den afghanischen Bürgerkrieg verstrickt.

  • Die Präsenz der US-amerikanischen Truppen in Saudi-Arabien war nach dem Sieg 1991 und der Re-Implementierung des nepotistischen, anti-demokratischen Regimes in Kuwait nicht von eminenter, strategischer Bedeutung.

  • Der Nahost-Friedensprozess war mit dem Oslo-Abkommen 1995 gut vorangekommen. Das Scheitern vom Camp David II im Jahre 2000 hat u. a. damit zu tun, dass insbesondere auf Arafat kein politischer Druck ausgeübt wurde, der ihn zur Annahme der (sehr weitgehenden) Vereinbarungen gezwungen hat. Stattdessen begann die Zweite Intifada.
In diesem Klima der „Wiederbelebung“ von Gewalt setzte Al-Qaida auf Eskalation: Die Anschlägen des 11. September 2001. Für Al-Qaida hatte diese Operation Vor- und Nachteile. Die Vorteile lagen in der ungeheueren, im Grunde genommen bis heute andauernden medialen Wucht der erzeugten Bilder, in Verbindung mit dem direkten Angriff auf dem Territorium des „Feindes“. Das war in den USA seit Pearl Harbor 1941 nicht mehr der Fall gewesen; und auch da muss man hinweisen, dass mit Pearl Harbor nicht ein Festlandposten der Vereinigten Staaten von Amerika angegriffen wurde. Die Weltmacht USA und deren Stärke wurde (kurzfristig) relativiert.

Nicht wenige Muslime empfanden beim Anblick der zerstörten Twin Towers auch eine gewisse Genugtuung für die über Jahre und Jahrzehnte empfundenen Demütigungen. Der „Erfolg“ hatte viele Väter – Bin Laden berichtet, wie ihm die Idee bereits während des libanesischen Bürgerkrieg gekommen war; al-Zawahiri stellt den Angriff in seinen Schriften ebenfalls als gelungen dar, merkt jedoch durchaus selbstkritisch an, dass damit – voraussehbar – die Basen in Afghanistan wegbrachen.

Dies ist bereits der erste Nachteil dieser Aktion für Al-Qaida: Wie zu erwarten war, begannen die USA und Verbündete 2001 einen (völkerrechtlich fragwürdigen) Luftkrieg gegen das Taliban-Regime in Afghanistan, der in kurzer Zeit und mit Bodenunterstützung gewonnen wurde. Einerseits hatte Al-Qaida nun einen gewaltigen Exetus nicht nur an Personal zu verkraften, sondern vor allem hatte man alle Trainingsbasen verloren, die seit Mitte der 80er Jahre für Nachwuchs sorgten.

Dieser Nachteil konnte nur teilweise in einen Vorteil umgemünzt werden: Die Ideologie, dass nach den „Ungläubigen“ der UdSSR nun die „Ungläubigen“ der USA dieses Land besetzt hielten, verfing nicht richtig (zumal Pakistan als „Sammelbecken“ für einen neuen Kampf wegfiel und sogar Verbündeter der USA wurde). Afghanistan liegt nun mal geografisch an der Peripherie und etliche Regierungen der umliegenden (islamischen) Staaten waren im Grunde froh, dass das Taliban-Regime nicht mehr an der Macht war, drohte doch von dort aus auch irgendwann einmal ein Überschwappen der Taliban-Ideologie auf das eigene Land.

Die Kriegsvorbereitungen der USA gegen den Irak, basierend auf Lügen und gezielten Desinformationen, legitimiert durch an den Haaren herbeigezogene Interpretationen der UN-Resolutionen – DAS war die Geburtsstunde des neuen Dschihadismus. Der Einmarsch in den Irak im April 2004 war die Frischzellenkur für Al-Qaida.

Also: Wo sind die Politiker mit Weitblick, die mit Empathie und einem gewissen Abstraktionsvermögen die festgefahrene westliche Politik aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit herauslösen?

Der Zeitpunkt, den Schaden für beide Seiten zu begrenzen, scheint im Moment verpasst; die Situation verfahren. Die Eskalation, die von der neuen Al-Qaida-Generation wie al-Zarqawi herbeigebombt wird, macht ein Verhandeln mit diesen Protagonisten unmöglich. Zumal es sich bei Al-Qaida kaum noch um einen hierarchischen Verband handeln dürfte (vielleicht war es auch nie einer), sondern vielmehr um verschiedene, stark heterogene Organisationen, die zwar miteinander vernetzt sind, aber doch relativ autark handeln. Bin Laden und al-Zawahiri, die in ihrer Beweglichkeit offensichtlich enorm eingeschränkt sind, dürften längst mindestens die Kontrolle über die Organisationen verloren haben – vielleicht sogar die Macht.

In einigen Rezensionen wird die Primitivität der Parolen der Al-Qaida Protagonisten beklagt. Das ist natürlich einerseits richtig – es erschrickt schon, mit welch ewig gleichen Floskeln dort ein Krieg propagandistisch gerechtfertigt wird. Aber erstens sollte man, im Glashaus sitzend, nicht Steine werfen und zweitens scheint diese sehr simple Sprache zu verfangen, da sie exakt ins Herz der arabischen Masse trifft: Das Gefühl der Unterlegenheit und einer ungerechten Behandlung – im Grunde genommen fühlt man sich als Spielball des Westens; nicht zu unrecht wird der Abzug der Kolonialtruppen als Beginn einer anderen, subtileren Kolonialisierung betrachtet (die an der Ausbeutung der Ölquellen festgemacht wird).

Der "orthodoxe" Islam, der hier ausgebreitet wird, ist sicherlich keine direkt globalisierungsfeindliche Bewegung, d. h. der Kapitalismus wird nicht ausdrücklich abgelehnt. Die Stossrichtung ist in der allgemeinen Kulturhegemonie des Westens zu suchen. Implizit ist eine Furcht spürbar, dass die westliche Kultur die "Umma", die Gemeinschaft der Muslime, zu Gunsten anderer Orientierungen aushöhlt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die evangelikale Bewegung in den USA (deren prominentester Vertreter Bush ist) durchaus ein ähnliches "Gemeinschaftsgefühl" propagiert bzw. ihre Werteausrichtung auch im Westen verderbte Strukturen ausmacht.

Ohne ihn überhöhen zu wollen, aber manchmal erscheint mir Bin Laden wie ein moderner Michael Kohlhaas, einer der „entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, wie Kleist ihn gleich an Anfang charakterisierte, dessen „Rechtsgefühl“ ihn zum „Räuber und Mörder“ machte. So berechtigt Kohlhaas’ Ansprüche waren – sie wurden diskreditiert durch seine ausufernde Rache und blinde Gewalt. Irgendwann wurde in der Kleist-Novelle der Zeitpunkt erreicht, als selbst die Erfüllung der ursprünglichen Forderung nicht mehr die Kämpfe beenden konnte.


Al Qaida - Texte des TerrorsDas Buch herausgegeben von Gilles Kepel und Jean-Pierre Milleli konfrontiert den Leser nicht nur mit den Texten aus einer in mehrfacher Hinsicht anderen Welt, sondern zeigt auch den Weg in den Abgrund an, auf den sich beide Kulturen im Moment zubewegen. Die Lektüre ist gelegentlich schwierig, aber für den interessierten Laien durchaus mit Gewinn verbunden. Als aktuelle Studie ist das Buch in jedem Fall empfehlenswert.

Zwar heisst es „Texte des Terrors“, aber gelegentlich hätte man sehr gerne auch Auszüge von Islamgelehrten gelesen, die andere Exegesen anbieten. Die Gefahr des Buches beim emotional aufgewühlten Leser könnte darin liegen, dass der Islam insgesamt mit den Protagonisten gleichgesetzt bzw. verwechselt wird. In Wahrheit wird von einer relativ kleinen Gruppe von Demagogen nichts anderes versucht, als die Deutungshoheit bei der breiten arabischen Masse über den Islam mit platten Parolen zu erringen. Das Phänomen ist im Prinzip nichts Neues. Werden diese Parolen jedoch mit Jenseitsversprechungen transzendental unterfüttert, droht eine Entwicklung, wie sie uns nicht nur fremd, sondern auch überwunden schien.


Teile: I - II - III

Al Qaida - Texte des Terrors (III)

  • Abdullah Azzam

Azzam wird allgemein als der „geistige Vater“ des Al-Qaida Terrorismus bezeichnet. Seine Biographie ist recht bruchstückhaft überliefert. Der 1941 im Westjordanland geborene Sohn eines Lebensmittelhändlers (die Familie ist weit verzweigt), galt als kluges, wissbegieriges Kind. Als Jugendlicher kam Azzam in die Kreise der Muslimbrüder. Er wurde Lehrer, bis er sich Anfang der 60er Jahre zur Aufgabe des Berufes entschlossen haben muss. Er schrieb sich 1963 an der Universität von Damaskus ein, studierte muslimisches Recht und machte dort 1966 seinen Abschluss. Seine Arbeit hatte den Titel „Die Auflösung der Ehe in der islamischen Rechtssprechung und dem bürgerlichen Recht“.

Nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 emigrierte (floh?) Azzam mit seiner Familie nach Jordanien, d. h. er kam zunächst in einem Flüchtlingslager in al-Zarqa unter (übrigens der Heimatstadt von al-Zarqawi), siedelte jedoch schnell in die Nähe von Amman, wo er an einer Mädchenschule unterrichtete. 1968 schrieb sich Azzam an der renommierten Al-Azhar-Universität in Kairo ein, wo er 1969 ein Examen in islamischem Recht ablegte. 1970 ging Azzam wieder zurück nach Jordanien.

Seine Rolle im palästinensischen Dschihad der 70er Jahre ist nicht ganz klar; hier gibt es teilweise widersprüchliche Quellen. Vermutlich wird sein Engagement von seinen Anhängern bedeutender dargestellt, als es in Wirklichkeit war.

Al Azhar Universität   c Wikipedia1971 geriet Azzam in Kairo (wieder an der Al-Azhar-Universität) in den Strom radikaler Kräfte (an der Spitze Saiyid Qutb, der später hingerichtet wurde). Azzam verliess das Land 1973 mit dem Doktortitel in muslimischem Recht – und vermutlich mit einem Netzwerk von Verbindungen in die radikal-islamistische Szene, speziell Ägyptens.

Von 1973 an lehrte Azzam nach kurzem Zwischenspiel in der Regierungsverwaltung wieder an der Universität in Amman, Jordanien. Er war inzwischen eine hoch einflussreiche Persönlichkeit, galt als renommierter Experte für islamisches Recht. Azzam geriet mehr und mehr in Konflikt mit den Behörden, denen die immer weitergehenden politischen Dimensionen seiner Reden hin zu einem radikal-orthodoxen Islamverständnis zu weit gingen. Als er sich 1980 über eine Karikatur, in der Geistliche als amerikanische Spione verspottet wurden, entrüstete, schaukelte sich sein Protest derartig hoch, dass er des Amtes enthoben wurde.

Mitte 1980 verliess Azzam Jordanien und wurde kurz Professor an der König-Saud-Universität in Dschidda. Ob Osama Bin Laden, der zur gleichen Zeit dort Wirtschaftslehre studierte, Azzam kennenlernte, wird allgemein bezweifelt. Auf einer Mekka-Pilgerfahrt im Oktober 1980 begegnete Azzam Scheich Kamal al-Sananiri, der vom Dschihad gegen die Ungläubigen in Afghanistan seit 1979 beseelt war. Al-Sananiri überzeugte Azzam – er brach 1981 über Pakistan nach Afghanistan auf. Dort traf er mit Bin Laden zusammen und gründete das „Dienstleistungsbüro“ (in Peschawar), eine Rekrutierungsstelle für Freiwillige gegen den Kampf der sowjetischen Besatzung, die dann, ab 1984 in entsprechende Ausbildungslager (die in Afghanistan gegründet wurden) verbracht wurden. Das „Dienstleistungsbüro“ kann als Keimzelle von Al-Qaida gelten (Al-Qaida heisst im Arabischen auch „die Basis“.)

Azzam kann rückwirkend wie ein „Botschafter des Dschihads“ betrachtet werden. Unermüdlich suchte er Unterstützer und Geld und unternahm sehr viele Reisen, u. a. auch mehrere in die USA (wo es übrigens nie Probleme bei der Ein- oder Ausreise gab). Selbst dort gelang es ihm „Dienstleistungsbüros“ einzurichten, über die Muslime Kontakt aufnehmen konnten, um dann mit der Waffe die Sowjets in Afghanistan zu vertreiben.

Neben zahlreichen Ämtern in islamischen Wohlfahrtsorganisationen war Azzam auch ein produktiver Autor, der in zahlreichen Artikeln, Reden, Büchern und Interviews die „Ideologie“ des Dschihads entwickelte. Er sah sich als Denker und Schriftsteller.

Die Hintergründe seines Todes 1989, als er in Peschawar von einer Bombe getötet wurde, sind unklar. Es ist eine Stärke des Textes von Thomas Hegghammer, dass er übermässige Spekulationen vermeidet. Tatsache dürfte sein, dass Azzams Ansichten denen von Bin Laden zunehmend widersprachen.

Obwohl er in der Auswahl der Kämpfer offensichtlich nicht – wie Bin Laden – jeden Freiwilligen nehmen wollte, sondern auch auf die ideologisch-religiöse Lauterkeit des Kämpfers Wert legte (also beispielsweise eine gewisse Bildung voraussetzte, aber auch Ausbildung an der Waffe – siehe Die feste Basis), gilt Azzam als „gemässigter“ als Bin Laden, der offensichtlich bereits sehr früh den Dschihad auch das Territorium des Feindes einbeziehen wollte, während Azzam der Meinung war, keine Attentate gegen das bzw. im Gebiet „ferner Feinde“ zu unternehmen. Azzams Vorstellung war eher die eines Guerillakrieges, während Bin Laden wohl früh als Apologet des Terrors gelten muss.

Dennoch ist der Einfluss Azzams auf Al-Qaida in vielfacher Hinsicht prägend gewesen. Er hat den afghanischen Dschihad in seinen späten Schriften zu einem weltweiten Konflikt ausgedehnt, d. h. überall dort, wo Muslime von „Ungläubigen“ unterdrückt werden, ist es die Pflicht jedes Gläubigen, den Kampf aufzunehmen. Ausführlich erläutert Hegghammer die ideologische Dimension von Azzams Denken, welches heute noch gilt, allerdings sehr wohl „verfeinert“ bzw. radikalisiert wurde.

In den Texten Azzams kann man den Sinneswandel von der „kollektiven Pflicht“ zum Dschihad zur „persönlichen Pflicht“ eines jeden Muslimen zum Kampf gegen den Ungläubigen ausmachen. Hinzu kommt, das „Dschihad“, also der Heilige Krieg als physischer, bewaffneter Kampf definiert wird; die ursprüngliche Bedeutung könnte auch "intellektueller Kampf" interpretiert werden. Hiervon ist bei Azzam keine Rede mehr.

Jeder Muslim hat nun aktiv (physisch) und mit der Waffe dem Heiligen Krieg zu folgen. Während bei der „kollektiven Pflicht“ noch Geldmittel oder eher passive „Hilfe“ ausreichten (Gebete; moralische Unterstützung; ziviler Ungehorsam gegenüber „weltlichen“ Institutionen, wie Behörden oder Ämtern), bedeutet der Schwenk zur „persönlichen Pflicht“ nichts geringeres als die Unterordnung aller Bedürfnisse für das oberste Ziel, die Ungläubigen zu bekämpfen.

Akribisch entwirft Azzam, wer von diese Pflicht ausgenommen ist – es sind wenige Personengruppen; sogar Blinde haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten Verpflichtungen. Der Dschihad setzt auch die „normalen“ sozialen Gepflogenheiten ausser Kraft, so ist es beispielsweise Frauen gestattet, ohne Genehmigung ihres Mannes in den Dschihad zu ziehen.

In Sitten und Recht des Dschihads werden detailliert die verbindlichen Gesetzmässigkeiten festgelegt. Das zu lesen, ist teilweise schwer erträglich. Der Text ist extrem menschenverachtend. So wird beispielsweise ausgiebig entwickelt, wann Mönche zu töten sind (wenn sie in das soziale Gefüge der Gesellschaft, die zu „befreien“ gilt, eingebunden sind) und wann sie nicht getötet werden sollen (wenn sie als Einsiedler leben). Insofern relativiert sich das o. g. Wort des „gemässigten“ Azzam sehr deutlich.

Azzam unterscheidet zwischen dem „offensiven Dschihad“, also der Verbreitung des Islam auch in nicht-islamische Länder und dem „defensiven Dschihad“, dem Vertreiben der Ungläubigen aus unseren Ländern. Die zitierten Texte lassen den Schluss zu, dass zunächst einmal der defensive Dschihad Priorität hat. Allerdings weist Azzam sehr wohl auf die zahlreichen Rebellen- und Sezessionsgruppen in der Welt hin, die dort als „unterdrückte“ Muslime gesehen werden (beispielsweise China, Philippinen, Kaschmir). Gelegentlich gibt es auch sehr dezidierte Formulierungen, die ein Weltmachtstreben erkennen lassen: Wir können sogar sagen, dass der Zweck des Dschihads (der Kampf) darin besteht, die Schranken niederzureissen, die diese Religion davon abhalten, sich über den egasamten Erdkreis auszubreiten.

Ein sehr wichtiger Punkt, auf den im Buch mehrfach hingewiesen wird, ist, dass Azzam das Märtyrertum sehr geschickt in seine orthodoxe Auslegung des Islam und seine Ideologie des Heiligen Krieges eingebunden hat. Mit dieser, seiner Interpretation des Märtyrertums, muss Azzam wohl als der „Erfinder“ (mindestens jedoch der „Wiederentdecker“) der Selbstmordattentate gelten.

Dass der Kampf auf dem Wege Gottes stattfindet („Wer kämpft, damit das Wort das Wort Gottes den Sieg davonträgt, ist auf dem Wege Gottes.“), das ist ein anerkannter Hadith. Das ist ein Text, der Gesetzeskraft besitzt. Wer in der Absicht, dem Islam beizustehen, getötet worden ist, ist ein Märtyrer, andernfalls ist er es nicht.

Die „Belohnungen“ werden übrigens an anderer Stelle in Form eines „echten“ Hadiths zitiert:

Dies sind die sieben Vergünstigungen, die dem Märtyrer gewährt werden: schon ab dem ersten Blutstropfen, der vergossen wird, werden ihm seine Sünden vergeben; er erblickt seinen Platz im Paradies; er trägt das Gewand des Glaubens; er heiratet 62 Huris¹; er erleidet nicht die Qualen des Grabes; er wird nicht vom grossen Schrecken heimgesucht; er wird mit einem Szepter der Würde aus Edelsteinen gekrönt, die kostbarer sind als die Welt und ihre Schätze; er darf sich für sechzig Personen aus seiner Familie verbürgen.

¹Zu den Wonnen (karamat), die dem Märtyrer nach seinem Tod gewährt werden, gehören auch die 62 Huris (al-hur), die ihn im Paradies erwarten. Diese Jungfrauen von aussergewöhnlicher Schönheit sind ein wichtiges Element der Vorstellungen, die in der islamischen Überlieferung mit dem Märtyrertod verbnunden werden.
  • Ayman al-Zawahiri


Bin Laden und Al-Zawahiri Al-Zawahiri gilt derzeit als die Nummer Zwei bei Al-Qaida, hinter Osama Bin Laden. Auf Videos sind sie oft zusammen zu sehen. Stéphane Lacroix stellt im Einführungstext al-Zawahiri als Vordenker des 11. September dar, was in späteren Zitaten (auch in den Texten Bin Ladens) nicht schlüssig belegt wird. Überhaupt hat der Text diverse Mängel und enthält teilweise unnötige, sich selbst oder anderen Texten widersprechende Formulierungen, so wird beispielsweise Bin Laden immer noch als „Milliardär“ bezeichnet.

Ausführlich wird al-Zawahiris Lebensweg innerhalb der ägyptischen Islamistenszene beschrieben; gelegentlich sind die Details hierüber ermüdend und zu ausschweifend.

Al-Zawahiri wird 1951 geboren, entstammt einer eher kosmopolitisch orientierten Oberschicht und wächst in einem Vorort von Kairo auf. Früh fühlt er sich den orthodox-religiösen Kreisen der ägyptischen Muslimbrüder verbunden. Er studiert, wird Arzt (Chirurg) und arbeitet in einem Krankenhaus der Bruderschaft. Sein religiöser Eifer und seine sehr indirekten Verstrickungen in den Mord um den damaligen ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat bringen ihn 1981 ins Gefängnis. Merkwürdigerweise wird al-Zawahiri ausgerechnet dort zu einem (vielleicht dem) Führer der radikal-islamischen Bewegung Ägyptens. 1984 wird er freigelassen und schliesst sich sehr schnell dem Widerstand in Afghanistan an. Da die islamistische Szene in Ägypten aus dem Land flieht (es gibt harte Repressalien), versucht er in der „Diaspora“ diese Kräfte zu bündeln.

Lacroix schreibt, al-Zawahiri hätte von Anfang an ohne Konsultation des damals sehr stark engagierten Azzam (an der Seite Bin Ladens) agiert und quasi rivalisierend, autark von ihm eine Dschihadistenbewegung implementiert. Nach Azzams Tod 1989 seien er und Bin Laden unzertrennlich. Damit suggeriert er eine Verstrickung von al-Zawahiri was das Attentat an Azzam angeht.

Nach Azzams Tod fungiert al-Zawahiri als Ideologe. Lacroix geht sogar so weit zu behaupten, dass al-Zawahiri nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als Gedächtnis der Bewegung zu betrachten sei; Bin Laden sei nur noch charismatische Figur und Symbolgestalt. Er belegt dies mit der stärkeren medialen Präsenz al-Zawahiris seit dem Oktober 2002; detailliert werden seine von Al-Dschasira ausgestrahlten Botschaften aufgezählt; in dieser Zeit gibt es von Bin Laden sehr viel weniger Auftritte.

Von den vier ausgesuchten Texten al-Zawahiris sind zwei auf den ersten Blick formal sehr widersprüchlich. Einer, Ritter unter dem Banner des Propheten, ist ein eher journalistischer Text, der 2001 in einer „panarabischen“ Zeitung erschien und an einigen Textstellen von der Redaktion redigiert worden sein dürfte. Der zweite, 2002 entstandene, wesentlich interessantere, Die Treue und der Bruch, ist ein auf unendlich vielen Koranzitaten basierendes, unpersönliches Konvolut, welches damit den auf spirituellen Gebiet ausgewiesenen Laien al-Zawahiri auch als religiösen Führer ausweisen soll.

Al-Zawahiri „belegt“ hier eindeutig nicht nur die Notwendigkeit, sondern die Pflicht jedes Muslim, in den Heiligen Krieg zu ziehen. Die Masse der Koranzitate, manchmal nach wenigen Seiten immer wieder die gleichen Suren redundant zitierend, soll eine unerschütterliche, legitimierte Deutungshoheit suggerieren. Al-Zawahiri geht weiter als Azzam, da er die individuelle, persönliche Pflicht zum Dschihad als notwendig für die Umma, der Gemeinschaft der Muslime (die nicht nur religiös konnotiert ist, sondern sehr wohl auch soziale Komponenten aufweist) betrachtet.

Den materiellen Wohlstand (des Westens) greift al-Zawahiri an, als den Verlust des Wissens um das Gebot des Guten und des Verbots des Schlechten - ein immer wiederkehrender Passus, der die Verderbheit der „Schriftvölker“ (Christen- und Judentum) suggerieren soll.

Al-Zawahiri lehnt aber nicht nur die „gottlosen Tyrannen“ ab, also die säkularen Oligarchen der islamischen Staaten (wie beispielsweise Hosni Mubarak in Ägypten), sondern auch die (westliche) Demokratie:

Die Demokratie ist eine neue Religion, denn da, wo im Islam die Gesetzgebung von Gott (gerühmt sei Er!) kommt, kommt sie in der Demokratie dem Volk zu. Es handelt sich durchaus um eine neue Religion, die auf der Vergöttlichung des Volkes beruht und die dem Volk das Recht Gottes sowie dessen Attribute verleiht.

Mit dem Rekurs, dass ausschliesslich Gottes Gesetzgebung zu gelten habe, wird implizit die Deutungshoheit hierfür beansprucht und behauptet. Man könnte sagen, dass al-Zawahiri sich selbst mindestens teilweise auf „göttliche“ Stufe stellt. Das ist vermutlich im Sinne des Koran unislamisch, da, das wird sehr oft postuliert, der letzte Prophet Mohammed war. Letztlich handelt es sich also um nichts anderes als eine spiritualisierte Form des Faschismus.

Es lohnt sich, die Auszüge aus Die Treue und der Bruch durchzuarbeiten, auch wenn es gelegentlich grosser Geduld bedarf. Al-Zawahiri geht 2002 bereits deutlich weiter als Bin Laden 2004 in Botschaft für das amerikanische Volk. Er postuliert nichts anderes als einen globalen Dschihad, einen Angriffskrieg gegen alle und jeden, die nicht im Sinne der selbsternannten Exegeten leben und handeln.

Der Bezug, der mit möglichst alten und authentischen Hadiths belegt werden soll, steht in der Tradition orthodox-sunnitischer, wahhabitisch-salafistischer Exegeten, u.a. auch des 18. Jahrhunderts und geht gleichzeitig weit über sie hinaus. So gestattet sich al-Zawahiri in einem anderen Text, die Fatwa des wahhabitischen, sehr hoch angesehen Religionsgelehrten Ben Baz (1909-1999) anzugreifen, die das Hereinholen der US-Truppen nach Saudi Arabien rechtfertigen sollte (wir erinnern uns, al-Zawahiri ist ausgebildeter Arzt!).

Leider allzu selten – wenn die selbst ernannten Exegeten „erwischt“ werden: Wenn al-Zawahiri Beweise für die notwendige Ablehnung des nichtmuslimischen andern zitiert, und nur den Islam als einzig wahre Religion gelten lässt (und auch den „Abtrünnigen“ den Tod wünscht, also diejenigen Muslime, die nicht nach den „wahren“ Vorstellungen leben), so wird die Zwiespältigkeit seiner Auslegung gelegentlich selbst einem Laien offenbar:

{O ihr Ungläubigen, euch eure Religion und mir meine Religion} [109, 1-6]

Im Kommentar hierzu wird erklärt, dass exakt diese Stelle gemässigten Auslegern als Beleg für ein mögliches „Nebeneinander“ der Religionen gilt.

4. und letzter Teil folgt
Teile: I - II

Al Qaida - Texte des Terrors (II)

Fortgesetzt von hier
  • Die Texte Bin Ladens

Die authentischen Texte sind von einer recht perfiden, offenbar ungeheuer wirksamen Demagogie; textlich für jeden verständlich, sich stringent an den (politischen) „Fehlern“ des Feindes orientierend (die dieser mit fortschreitender Zeit immer bereitwilliger zu machen scheint), um dann am Ende metaphernreich die Einheit der Umma, der Gemeinschaft der Muslime beschwörend und dann dem Feind drohend. (Über den eminent wichtigen, illustrativen Charakter seiner Videobotschaften ist schon eingegangen worden.)

Im Gegensatz zu Abdullah Azzam und Ayman al-Zawahiri, die zu ihrer jeweiligen Zeit religiöse (also auch ideologische) Vordenker waren (hierüber wird noch zu sprechen sein), ist Bin Laden eher der „Marketingmanager“, der, die Religiosität implizit voraussetzend, mit der Zeit seine Botschaften als Lagebeschreibungen im „Heiligen Krieg“ inszeniert, stets rekurrierend auf dem den Mudschaheddin ausschliesslich zugeschriebenen Sieg in Afghanistan, der die Vertreibung der sowjetischen Truppen bewirkte.

Zwar hält Bin Laden die klassischen Regeln muslimischer Rhetorik ein (Einleitung mit dem Lob Gottes und des Propheten, Zitat von Gedichten und Koranversen und dem Schluss mit einer Bitte), aber der Kern ist Propaganda fürs Volk, Aufzeigen der Niederlagen, die den Ungläubigen bereits zugefügt wurden, Durchhalteparolen, Zukunftsversprechen, Drohungen und Siegesbeschwörungen – also „Public Relations“ (so nenne man das inzwischen, wie ich neulich belehrt wurde).

Es gibt noch einen anderen Unterschied Texten Azzams und al-Zawahiris. Während diese auch deutlich missionarische Komponenten propagieren, den „Heiligen Krieg“ zur persönlichen Pflicht jeden Muslims postulieren, um am Ende den Glauben auch weiter zu verbreiten, so verwendet Bin Laden häufig die Rhetorik der Verteidigung gegen den Kreuzzug gegen die muslimische Welt oder zitiert andere Gelehrte: Was den Verteidigungskampf anbetrifft, so ist am nötigsten von allen, und den zurückzuschlagen, der die Ehre und die Religion angreift, ist nach einhelliger Meinung Pflicht.

Insgesamt werden acht Texte Bin Ladens vorgestellt. Der erste, 1991 erstmals erschienen, ist ein Monolog Bin Ladens, der die Historie des Krieges in Afghanistan aus seiner Sicht darstellt. Zwei andere sind Interviews (eines mit Peter Arnett [1997, also ein Jahr vor dem „offziellen“ ersten Terroranschlag von Al-Qaida] und eines mit Al-Dschasira [im Dezember 1998; es sind eher Monologe über sein bisheriges Leben und die Ziele, die er verfolgt: Unser Ziel ist es deshalb, das Land des Islam vom Unglauben zu befreien und das Gesetz Gottes (gelobt und gepriesen sei Er!) anzuwenden]).

In den frühen Texten Bin Ladens werden zwei Punkte, die ihn antreiben, immer wieder herausgestellt: Die Stationierung der amerikanischen Truppen im „Land der beiden Heiligen Stätten“ (inakzeptabel für ihn: das Verhalten der Frauen in der US-Armee) und der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt um Palästina.

Zwar zeigt Bin Laden, dass er sich sehr gut in der Welt auskennt, was die „Unterdrückungen“ oder „Ungerechtigkeiten“, die Muslimen in der Welt zugefügt werden, beispielsweise in Tadschikistan, Birma, den Philippinen, Kaschmir, Assam, Eritrea, Bosnien, Somalia, Tschetschenien – aber dies dürften nur Nebenschauplätze für ihn sein, zumal etliche der oben genannten Konflikte, die Bin Laden in einer Botschaft von 1996 aufzählt, oft genug Konflikte mit eher sezessionistischem Charakter waren bzw. sind.

Im Laufe des Jahres 1998 kommt noch der Boykott der Vereinten Nationen gegen den Irak dazu, den er auch noch erwähnt. Dabei muss unbedingt berücksichtigt werden, dass dies nicht mit einer „Bruderschaft“ Bin Ladens mit Saddam Hussein einher geht; den irakischen Ex-Diktator lehnte Bin Laden alleine schon wegen seines protzigen Laizismus ab. Aber der Boykott, einer der „Spätfolgen“ des Feldzugs der USA im Irak 1991, passte natürlich exakt ins Konzept Bin Ladens, zumal die Überwachung der Flugverbotszone u. a. vom Stützpunkt der US-Truppen in Saudi-Arabien geschah.

In den Texten nach dem 11.9.2001, die abgedruckt sind, brüstet sich Bin Laden natürlich mit der schönen Operation, die den Mythos vom grossen Amerika zum Einsturz gebracht haben soll. Die danach stattgefundene Beseitigung des Taliban-Regimes in Afghanistans und der Irakkrieg der USA ab 2003 liefern Bin Laden immer neue Rechtfertigungen, die er verwendet, um seinen Anhängern zu zeigen, welche Aggressoren die USA darstellen. Im Oktober 2003 werden die Prioritätn „verlagert“ - vom Heiligen Krieg von der arabischen Halbinsel (Saudi Arabien) hin zur Bekämpfung der Besatzungstruppen und deren Unterstützer im Irak. Das bedeutet allerdings wohl nicht, dass die anderen Schauplätze aus den Augen verloren wurden.
  • "Botschaft an das amerikanische Volk"

11.09.2001Am 30. Oktober 2004, wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen in den USA, meldet sich Bin Laden erneut. Seine Video-Präsentation war diesmal sehr viel „westlicher“; die Höhle wurde mit dem Schreibtisch vertauscht, es gab kein Maschinengewehr im Bild und die muslimische Rhetorik wurde zu Gunsten der Verständlichkeit für Nicht-Muslime weggelassen bzw. abgeschwächt. Der Text ist noch mehr verteidigend ausgerichtet – fast könnte man sogar sagen, er sei „rechtfertigend“. Etwa, wenn er sagt:

Beim Anblick der zerstörten Türme im Libanon [um die beiden höchsten Türme von Beirut, das „Holiday Inn“ und den „Murr“-Turm, tobte während des libanesischen Bürgerkrieges die „Schlacht der Hotels“ im September 1975] ist mir die Idee gekommen, dem Mörder mit gleicher Münze heimzuzahlen und die Türme in Amerika zu zerstören, damit Amerika ein wenig von dem erleidet, was wir erlitten haben, und aufhört, unsere Frauen und Kinder zu töten. Damals habe ich begriffen, dass es leit langem ein amerikanisches Gesetz ist, absichtlich Frauen und Kinder zu töten: Der Staatsterror heisst Freiheit und Demokratie, und der Widerstand heisst Terrorismus und Opposition. Genauso verhält es sich mit der Ungerechtigkeit und dem Embargo, bis der Tod eintritt, wie es Bush senior im Irak gemacht hat, wo er das grösste Massaker an Kindern verursachte, oder die massiven Bombenangriffe auf Millionen Kinder, wie es Bush junior gemacht hat, um einen alten Verbündeten [Saddam Hussein] zu stürzen und ihn durch einen neuen zu ersetzen, damit er, neben anderen Verbrechen, das irakische Öl stehen konnte.

Vor diesem Hintergrund sind die Ereignisse vom 11. September geschehen als eine Erwiderung auf diese gewaltigen Ungerechtigkeiten, denn kann man dem einen Vorwurf machen, der sich nur verteidigt? Ist es auch Terrorismus, wenn man sich verteidigt und den Unterdrücker bestraft?


In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, dass Bin Laden mit der Verteidigungsrhetorik nicht nur an die Anfänge der Besiedlung der Vereinigten Staaten anknüpft, sondern das noch heute von der sehr einflussreichen Waffenlobby vorgebrachte „Argument“ der „Selbstverteidigung“ aufgreift – eine Formulierung, die also, so vermutlich das Kalkül, auch dem einfachen Durchschnittsamerikaner bekannt sein dürfte.

Bin Laden setzt fort: Wenn es so ist, hatten wir keine andere Wahl.

Die Passage zeigt, mit welchem Geschick Bin Laden offensichtlich nicht nur muslimische Rhetorik beherrscht. Weiter heisst es:

...haben sich die angeblichen Verteidiger der Freiheit im Weissen Haus und die Fernsehsender, die unter ihrer Knute stehen, die Mühe gemacht, sich mit ihnen [den Personen, die Bin Laden Jahre vorher interviewt hatten] zu unterhalten und dem amerikanischen Volk mitzuteilen, was sie über die Gründe des Kampfes, den wir gegen euch führen, erfahren hatten?

Wenn ihr diese Gründe vermeidet, seid ihr auf dem richtigen Weg, um euch wieder der Sicherheit zu erfreuen, die ihr vor dem 11. September 2001 genossen habt. Nun zum Krieg und seinen Gründen.

Die Folgen sind, dem allmächtigen Gott sei Dank, höchst positiv, sie übersteigen jede Erwartung und jedes Mass, und zwar aus mehreren Gründen. Wir wussten genau, wie die Regierung Bush zu behandeln war, denn sie ähnelt den Regimen in unseren Ländern, die zur Hälfte von Militärs regiert werden und zur anderen Hälfte von Königssöhnen oder Präsidenten. Wir kennen sie gut, denn beide Arten zeichnen sich aus durch Hochmut und Arroganz, Gier und Korruption.

[...] Darum hat er [Bush sen.] den Despotismus und die Verachtung der Freiheiten auf seinen Sohn übertragen, der daraus ein „patriotisches Gesetz“ gemacht hat unter dem Vorwand, den Terrorismus zu bekämpfen.

Bush senior ist es gelungen, seine Söhne an die Spitze von Bundesstaaten zu bringen mit Hilfe von Wahlbetrug, der für schwierige Zeiten von uns nach Florida exportiert wurde.


Bin Laden zeigt sich über die Politik der USA informiert und formt nebenbei die Wahrheit so, wie sie ihm passt, wie auch bei dieser Verspottung von Bush jr.:

...es wäre uns niemals in den Sinn gekommen, das der oberste Chef der amerikanischen Streitkräfte 50.000 Mitbürger in den Türmen mit ihrer Qual allein lassen würde in dem Augenblick, als sie ihn am dringendsten brauchten, weil er lieber einem kleinen Mädchen zuhörte, das von seiner Ziege und ihren Hörnerstössen erzählte, als sich um die Flugzeuge und ihre Hörnerstösse gegen die Wolkenkratzer zu kümmern...

Zurecht wird im Kommentar auf Michael Moores Film „Fahrenheit 9/11“ verwiesen, den Bin Laden sicherlich gesehen hat.

Es wurde seinerzeit in den Medien kolportiert, dass Bin Laden mit diesem „Beitrag“ Partei für Kerry ergriffen habe. Dabei wird Kerrys Name wird nur einmal genannt:

Wisst, dass es besser ist, zum Guten zurückzukehren, als im Irrtum zu verharren, und dass vernünftige Leute weder ihre Sicherheit noch ihr Geld, noch ihre Kinder für den Lügner im Weissen Haus vernachlässigen.

Zum Schluss sage ich euch in aller Offenheit, dass eure Sicherheit nicht in den Händen von Kerry, Bush oder Al-Qaida liegt; eure Sicherheit liegt in euren Händen, und jeder Staat, der unsere Sicherheit nicht vernachlässigt, sorgt für seine Sicherheit.


Kurz vorher eine andere Drohung: Ich will euch nur daran erinnern, dass jeder Aktion eine Reaktion nach sich zieht.
  • Zwischenbilanz

Das Buch vermeidet eine Bewertung der Texte Bin Ladens; die Kommentare versuchen, sachliche Erläuterungen zu Begriffen, historischen Daten oder Personen zu geben (auch kleinere Interpretationen von Koran-Zitaten), was grösstenteils gelingt.

Nach dieser Lektüre scheint klar zu sein, dass es ein grosser Fehler der Bush-Administration war nach dem 11. September vom „Krieg gegen den Terrorismus“ und sogar – am Anfang – vom „Kreuzzug“ zu sprechen. Damit wurde nicht nur die Rhetorik von Al-Qaida, die, wie sich noch zeigen wird, mindestens seit Mitte der 90er Jahre vom Heiligen Krieg und dessen Pflicht spricht, übernommen, sondern den Predigten der Vordenker des Terrorismus nachträglich Wasser auf die Mühlen gegeben.

Desweiteren war die Besatzung des Irak und Beseitigung von Saddam Hussein in Wirklichkeit ein Rekrutierungsprogramm für Al-Qaida (wie sich noch zeigen wird, dürfte die „Einheit der Muslime“, die Bin Laden in seinen Texten beschwört, vermutlich bald zu Gunsten einer sunnitisch dominierenden Glaubensrichtung „abgelöst“ werden, was nicht ohne Probleme vor sich abgehen dürfte).

Kann es im übrigen sein, dass das Ansprechen niederer Instinkte, das Auslassen, Zurechtbiegen und Fälschen von Wahrheiten, die unheimlichen Drohgebärden, die wahnwitzigen Verschwörungstheorien, die falschen Versprechungen, die scheinbar nicht mehr aufzuhaltenden Gewalteskalationen – kurz, dass sich beide Seiten mit zunehmender Dauer immer ähnlicher werden?

...wird fortgesetzt

Al Qaida - Texte des Terrors (I)

Al Qaida - Texte des Terrors
  • Vorbemerkungen

„Al-Qaida – Texte des Terrors“ erschien 2005 in Frankreich („Al-Qaida dans le texte“) und liegt nun ins Deutsche übersetzt vor. Gilles Kepel und Jean-Pierre Millelli haben in Verbindung mit drei anderen Autoren dieses Buch herausgegeben. Es versammelt Texte von vier Protagonisten der „Organisation“ Al-Qaida:
  • Osama Bin Laden (geb. 1957)

  • Abdullah Azzam (1941 – 1989)

  • Ayman al-Zawahiri (geb. 1951)

  • Abu Mu’sab al-Zarqawi (geb. 1966)
Es handelt sich um Abschriften von Video-Botschaften, Verlautbarungen, Interviews, schriftlichen Erklärungen, religiösen Predigten, usw. Die Texte werden ausführlich kommentiert, was auch dringend notwendig ist, da sich der Inhalt vieler Textpassagen dem nicht in diesem Kulturkreis beheimateten Leser kaum oder gar nicht erschliessen würde; das es innerhalb der Erläuterungen gelegentlich Wiederholungen gibt, ist nicht störend, sondern durch die Fülle des Materials eher hilfreich.

Den Texten selbst, die teilweise ungekürzt abgedruckt werden, sind jeweils „Einführungen“ über die Protagonisten vorangestellt. Diese wirken oft sehr lückenhaft, was durchaus eingestanden wird, da es in arabischen Staaten beispielsweise kein oder nur ein ungenügendes Meldesystem gibt und auch durch Flüchtlingsbewegungen infolge von Kriegen oder Vertreibungen oftmals keine lückenlosen Dokumentationen existieren. Auf die Gefahr von Legendenbildung muss zusätzlich noch hingewiesen werden. Hinzu kommt, dass sehr viel biographisches Material nicht in einer westlichen Sprache übersetzt ist oder auf inzwischen deaktivierten Internetseiten kursierte.

Insofern handelt es sich bei diesen Einführungen um fragile Gebilde. Eine Schwäche ist es, dass diese Einführungsaufsätze zwar versuchen, den Weg der jeweiligen Figur hinsichtlich seiner Aktivitäten zum Islamismus bzw. Terrorismus hin zu erläutern, hierüber jedoch fast immer der Mensch vergessen wird. Über das Wesen dieser Protagonisten erfahren wir nichts. Sollte dies aufgrund der bereits angedeuteten schwierigen Quellenlage zurückzuführen sein, so ist es zwar besser zu schweigen, als irgendwelche Gerüchte zu verbreiten. Aber teilweise hätte man sich schon gerne ein bisschen mehr gewünscht, etwa was an den Gerüchten über Osama Bin Ladens Krankheit wahr ist.

Ein grosses Problem ist, dass wir den Autoren fast blind vertrauen müssen, und zwar sowohl was die Transkription als auch die Übersetzung der jeweiligen Texte angeht. Weitgehend war es notwendig, die nur im Arabischen vorgefundenen Konvolute zu übersetzen und entsprechend zu kommentieren. Für die deutsche Ausgabe kommt noch dazu, dass vom Französischen ins Deutsche übersetzt werden musste.

Das Buch wurde von mir im Vertrauen auf die Redlichkeit und Korrektheit des Tuns der Herausgeber und Verfasser gelesen und auch bewertet. Ich habe kaum Möglichkeiten, dies zu kontrollieren oder selber zu recherchieren. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich von dem grösstmöglichen Wahrheitsgehalt aus.

  • Osama Bin Laden

Der Einführungstext von Omar Saghi entwickelt zunächst Bin Ladens Lebensweg. Er wurde 1957 geboren; sein Vater stammt aus dem Jemen, aus dem er immigrierte und in Saudi Arabien als Mann aus armen Verhältnissen sehr schnell zu Reichtum und Wohlstand aufstieg. Sehr schnell kontrollierte er das öffentliche Bauwesen Saudi Arabiens und wurde zum Milliardär. Die „Binladen-Group“ ist in Saudi Arabien heute ein Imperium. Sein Sohn Osama, Sohn einer Syrerin, war der 17. Sohn von 24; Mohammed Bin Laden hatte auch noch 30 Töchter.

Der kleine Osama zog mit 10 Jahren mit seiner geschiedenen Mutter (die durch Intervention ihres Ex-Mannes schnell wiederverheiratet und zeitlebens durch die Familie wirtschaftlich unterstützt wurde) von Riad nach Dschidda. 1967 starb Mohammed Bin Laden bei einem Flugzeugabsturz. Dem allgemeinen Trend im Saudi Arabien der 70er Jahre, eine Annäherung an eher westlichen Lebensstil zu kultivieren, gab Osama nicht nach; er wurde religiös, blieb aber eher Autodidakt. 1974 heiratete er eine Cousine.

Politisch aktiv wurde er zum ersten Mal 1979, als er eine Organisation, die den syrischen Präsidenten Hafis al-Assad stürzen wolle, finanziell unterstützte – mit mässigem bzw. gar keinem Erfolg. Die Wende kam für den Studenten der Wirtschaftswissenschaften mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan am 24.12.1979. Saghi widerspricht der Selbstdarstellung Bin Ladens, er sei sofort nach Afghanistan aufgebrochen und macht Anfang 1980 als das Datum des Beginns seiner Aktivitäten fest. Bin Laden pendelte zwischen der arabischen Halbinsel, Pakistan und Afghanistan. Seine Hauptaufgabe war durch sein Netzwerk guter Kontakte (über seine Familie) Geld für die Mudschaheddin zu sammeln. Saghi stellt heraus, dass Bin Laden kein militärischer Kämpfer war; er schreibt ihm nur die Teilnahme an einer Schlacht 1986 zu; seine Aufgabe bliebt beschränkt auf die Beschaffung der finanziellen Mittel und – später – Planung und Errichtung von Ausbildungslager für die arabischen Widerstandskämpfer – anfangs in enger Kooperation mit Abdullah Azzam.

Saghi beschreibt, wie die USA in die Falle hineintappten, als sie den Muschaheddin die neuen, mobilen Stinger-Raketen lieferten, mit denen nun auch der Luftraum Truppen angegriffen werden konnte. Die USA rückten 1986 von der Taktik des „Ausblutens“ des Krieges ab und unterstützten die Kämpfer (die im "Schachspiel" des Kalten Krieges plötzlich eine wichtige Position zugewiesen bekamen), um den sowjetischen Truppen noch schwere Verluste zuzufügen. Hierin sieht der Autor den entscheidenden Punkt für den „Sieg“ der Rebellen, und nicht in der von Bin Laden später beschworenen und idealisierten Kraft der Kämpfer. In der Tat wird in den später zitierten Dokumenten Bin Ladens nicht einmal die Unterstützung der USA erwähnt. Stattdessen wird der Abzug der Sowjets 1988/89 verklärt als alleiniger Sieg.

Die Trennung von Abdullah Azzam, der als geistiger Vordenker des Heiligen Krieges der Neuzeit gelten kann, geschah aufgrund wachsender interner Konkurrenz. Bin Laden, der seine Organisation als Sammelbecken militanter Muslime sah (das spätere Al-Qaida Netzwerk), trennte sich von Azzam, dem es um eine stringente Lebensführung seiner Leute ankam und der einen eher intellektuellen Standpunkt vertrat.

Über die Jahre im afghanischen Bürgerkrieg schweigt der Beitrag. 1990 stationierten die USA auf Bitten des saudischen Königshauses Truppen in Saudi Arabien, um einen eventuellen Krieg gegen Saddam Hussein vorbereiten zu können, der Kuwait überfallen hatte. Für Osama Bin Laden fand für sich quasi die gleiche Situation wie in Afghanistan vor: Ungläubige besetzten ein muslimisches Land. Azzams Lehre sah für diesen Fall als eine persönliche Pflicht jedes Muslim, den Ungläubigen in einem Heiligen Krieg zu bekämpfen. Erschwerend war noch, dass es sich um das „Land der Heiligen Stätten“ handelt. Der Schock muss gross gewesen sein. Saghi misst ihm nicht eine zentrale Bedeutung zu, was den Lebensweg Bin Ladens angeht, und doch scheint es so, als sei gerade dieser Vorgang prägend für die weitere „Karriere“ dieses Mannes. In allen Texten, die später zitiert werden, die Forderung nach dem Abzug der amerikanischen Truppen ein essentieller Bestandteil.

Kursorisch werden Bin Ladens Aktivitäten im Jemen, im Sudan und in Somalia gestreift. 1994 wurde der „Störenfried“ Bin Laden von der saudischen Regierung ernstgenommen und seine Konten, derer man habhaft werden konnte, eingefroren. Die terroristische Karriere Bin Ladens und seiner Organisation Al-Qaida begann wahrscheinlich am 7. August 1998 mit den Anschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Daressalam, bei denen mehr als 200 Menschen starben (interessant das Datum – am 7. August 1990 begann die Stationierung der US-Truppen in Saudi Arabien; Saghi weist darauf hin, dass alle Daten von Terroraktionen nicht zufällig sind, sondern in einem gewissen Kontext zu sehen sind – leider geht er hier nicht ins Detail, was andere Anschläge angeht).

Nicht nur die Ausführung der Aktionen ist professionell geplant und ausgeführt. Auch die Art und Weise – es gibt immer mehrere Anschläge, so dass nicht der Anschein erweckt wird, dass es sich um Einzelaktionen handelt – und, vor allem, die anschliessende mediale „Verwertung“, in Form von Bekennerschreiben im Internet und Video-Botschaften im Fernsehen ist höchst ambitioniert.

Luzide analysiert Saghi die Rolle, die der Fernsehsender Al-Dschasira (und die späteren „Kopien“ des Systems Al-Dschasira) nicht nur für die Verbreitung der Botschaften Bin Ladens spielt, sondern generell für die arabische Welt bedeutet: Sender wie Al-Dschasira sind so etwas wie das Unbewusste der arabischen Welt, ohne Distanzierung und Abstand [...] [sie] können einer ausgeprägten arabischen Frustration Ausdruck geben.

Osama Bin Laden - Medial praesentBin Laden muss sehr früh das Potential dieser Kommunikationsmedien gesehen haben und verwendet es sehr geschickt. Mit Texten in einfacher Sprache (eine religiöse Konnotation ist zwar gegeben, aber es handelt sich nicht um Predigten), kurz, klar, mehr auf Bildern aufbauend (Inszenierungen) und ohne komplexe Argumentation; ein westlicher Marketingstratege hätte es nicht besser konzipieren können.

Omar Saghis Einführungstext überzeugt mich nicht ganz (die Exegese der Texte Bin Ladens danach um so mehr). Kurz die Gründe, warum. Zum einen schreibt Saghi manchmal sehr mit dem Wissen heutiger Zeit, beispielsweise wenn er es für ausgemacht hält, das 1987 der Zusammenbruch der Sowjetunion abzusehen war. Oder wenn er fast in Gänze den USA den Ruhm des Abzuges der sowjetischen Truppen zuschreibt, zumal er selber feststellt, dass die USA bis 1986 kaum aktiv die Mudschaheddin unterstützt haben. Also wurde der guerilla-ähnliche Kampf sehr wohl von Afghanen – und eben später Arabern – „aufrecht erhalten“. Ohne diese Zermürbungstaktik hätte sich die Sowjetunion viel sicherer im Land einrichten können. Merkwürdig seine Feststellung, der Irak hätte den 1. Golfkrieg 1980-1988 gegen den Iran gewonnen.

Was fast vollständig fehlt, ist eine auch nur kursorische Beschreibung der Vorgänge nach dem Abzug der sowjetischen Truppen in Afghanistan. Der blutige und schreckliche afghanische Bürgerkrieg und die Rolle, die Bin Laden hierin gespielt hat, kommt nicht vor. Stattdessen erscheint er wie ein Umherirrender, was nicht genug ausgeleuchtet wird.

Interessant ist die Zuweisung der „Tribünenfunktion“ von Al-Qaida. Saghi zitiert Georges Lavau von der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF), der seinerzeit die PCF auf die Funktion des politischen Sprachrohrs einer bestimmten Klientel beschränkte, d. h. eine Machtbeteiligung ausschloss, um nicht durch die Macht gezwungen zu werden, eine politische Linie zu vertreten, die dann ggf. zu stark von Kompromissen geprägt sein könnte.

Saghi spricht von der Nische des Protestes, in der sich Al-Qaida eingerichtet habe, in der man vermeide, eine echte Veränderung der Situation herbeizuführen. Dieser Schluss ist kühn und unterschlägt, dass die Tribünenfunktion immer auch vom (politischen) Gegner abhängt. Überhaupt scheint der Vergleich zwischen einem parlamentarisch-demokratischen strategischen Vorgehen (man könnte auch die Grünen der frühen 80er Jahre oder die aktuelle Linkspartei im Bundestag nehmen) und einem „Verhältnis“ zwischen „dem Westen“ und Al-Qaida - also nicht direkt kommunizierenden Entitäten - unverhältnismässig, da wesentliche Elemente fehlen, über das diese Funktion ausgehoben werden könnte: eine gemeinsame Kommunikationsplattform und – noch wichtiger – einen (wenigstens minimalen) Konsens des jeweiligen Akzepts. Es nutzt nichts, mich auf einer Tribüne zu befinden, wenn zu dieser Zeit gar kein Fussballspiel im Stadion stattfindet.

Man könnte fast eine Gegenthese aufstellen: Die medialen Inszenierungen Bin Ladens sind verklausulierte Angebote – freilich für uns unannehmbare, sowohl was die Geschichte seit 1998 über den 11.9.2001 bis zu den Terroraktionen in London und Madrid angeht, als auch was die für uns erpresserisch klingenden Forderungen Bin Ladens angehen. Wie man dies auch bewerten könnte, wird noch zu erörtern sein.

Schliesslich überzeugt mich Saghis Darstellung der Begründung des Alleinvertretungsanspruchs Bin Ladens nicht, was aber vielleicht daran liegt, dass ich ihn nur insoweit verstanden habe, dass Bin Laden diesen religiös unterfüttert, in dem zu den bestehenden fünf Säulen des Islam weitere fünf postuliert.

Sehr interessant sind die Hinweise auf die "Ökumenebestrebungen" Bin Ladens, über die in den Anwerkungen zu den Originaltexten ausführlicher eingegangen wird: Bin Laden kittet die fast schismatischen Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten, in dem er mehrfach in vielen Bemerkungen die Einheit aller Muslime beschwört. In den Einleitungsworten der Herausgeber wird darauf hingewiesen, dass dieser Punkt neuerdings von dem im Irak agierenden Terroristen al-Zarqawi (der am Ende des Buches besprochen wird) aufgegriffen und umgekehrt wird, in dem er neben den Amerikanern und Kollaborateuren Amerikas auch die Schiiten als Feinde darstellt.

Die kleinen Einwürfe am Ende sollen nicht verzerren. Es ist eine interessante Einführung, die es ermöglicht, den Tenor der anschliessenden Original-Texte auch ohne sofortige Lektüre der detailreichen Anmerkungen zu verstehen; freilich kommt man dann um ein zweites Lesen nicht herum.

...wird fortgesetzt

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HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.

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So ist es.
So ist es.
Gregor Keuschnig - 2009-11-06 20:40
Und derart treibt's auch...
Und derart treibt's auch mancher Mensch.
Gedankenpflug (Gast) - 2009-11-06 19:24
Erzählung über...
Eine weitere Serie, die hier seit kurzem zu sehen ist,...
Thorsten Wiesmann (Gast) - 2009-11-04 12:47
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Gregor Keuschnig - 2009-11-03 13:14
Bin vor einer Stunde
an der Buchhandlung vorbei und habe die "Konstruktion..."...
lou-salome - 2009-11-03 13:05

...anderswo

So ist es.
So ist es.
begleitschreiben - 2009-11-06 20:40
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
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begleitschreiben - 2009-11-03 13:14
Die Tonlage ist deutlich...
Die Tonlage ist deutlich "ernster" als bei Kästner....
begleitschreiben - 2009-11-03 11:30

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