Splitter

Der trauernde Affe

Da unser Rückflug sich verzögerte, hatten wir, Vater und Sohn, unverhofft ein paar Stunden Zeit und gingen in den Berliner Zoo. Während Noam um die Habitate exotischer Tiere strolchte, saß ich da und schaute den gefangenen Affen zu. Alle sprangen lebhaft und verspielt von einem Ast zum anderen. Mit einer Hand hielten sie sich fest, streckten die andere nach dem nächsten Ast aus und hangelten sich weiter. Ein Affe saß allein abseits und mischte sich nicht unter die anderen. Ich erkundigte mich bei einem vorbeigehenden Tierpfleger, was das hier habe. "Er ist anders", antwortete er. "Er kann nicht klettern, weil er Angst hat, den Ast loszulassen. Wenn man sich mit beiden Händen an dem Ast festhält, kann man nicht klettern. Das ist sein Schicksal. Er sitzt den ganzen Tag auf dem Boden wie ein Trauernder, der vom Leben um ihn herum isoliert ist."

Aus "Hitler besiegen" von Avraham Burg [Seite 28] – einem Buch, dass es hier noch ausführlich zu besprechen gilt.

Rätsel

Wer hat dies als junger Mensch gesagt/geschrieben?
Um gläubig zu sein, muß man nicht Hostien verschlucken, muß man nicht alle Jahre zweimal beichten. Es genügt, wenn der Mensch ins Antlitz der Welt schaut, tief hinein in seine Mitte [...] Man soll niemals über die Kirche spotten, aber man darf die schlechten Priester als schlecht bezeichnen und die niederträchtigen Nonnen als niederträchtig. Man muß aber auch den Glanz und die Güte Gottes preisen...

[...]

Der Reichtum...nützte nichts, das ganze Geld nützte nichts, alles, alles, nützte nichts, nieder sinkt er, scheinbar klein wird er letztlich, und nieder kniet er sich in Delirien und fleht um die letzte Erleuchtung: um den ewigen Vater!


Es gibt nichts Materielles zu gewinnen; nur ganz viel Ruhm.

Kay Peter Jankrift: Henker, Huren, Handelsherren

Kay Peter Jankrift Henker Huren HandelsherrenHat man sich nicht schon einmal nach einem Besuch eines der inzwischen so zahlreichen mittelalterlichen Märkte gefragt, wie denn das Leben im Mittelalter tatsächlich gewesen ist? Wie haben die Menschen gelebt? Kay Peter Jankrift verspricht mit seinem Buch, diesen Alltag zu beschreiben. Störend ist dabei zunächst der reisserische Titel "Henker, Huren, Handelsherren" - zumal ein alltägliches Leben streng genommen nicht alleine auf diese drei Berufsgruppen basieren konnte.

Behandelt wird im Wesentlichen das Spätmittelalter von Mitte des 14. bis Beginn des 16. Jahrhunderts; der Fokus der Betrachtung liegt auf der Stadt Augsburg, einer Stadt mit 15.000-20.000 Einwohnern und seit 1276 "Freie Reichsstadt". Ausführlich erläutert Jankrift warum seine Wahl auf Augsburg fiel und nicht etwa auf Nürnberg oder Köln (mit 40.000 Einwohnern eine für damalige Verhältnisse untypisch grosse Stadt). Quellenlage und Alter spielten eine Rolle, aber der überraschte Leser erfährt dann, dass unter anderem der überregionale Bekanntheitsgrad des Marionettentheaters der "Augsburger Puppenkiste" ein Kriterium gewesen sei.

Und so erfährt der Lesetr in bisweilen ausladendem Erzählstil von den zahlreichen Pestseuchen (inklusiver einer kleinen aufschlussreichen Kulturgeschichte der Pest), die Augsburg heimgesucht haben (insbesondere 1348 und 1358; aber auch den Heimsuchungen im 15. Jahrhundert wie 1420, 1429, 1438, 1462 [die "Rote Ruhr"], 1463, 1483, usw.), von den Judenpogromen 1348, der Ausweisung der Juden 1438, den Funktionen der Henker (sie hatten unter anderem auch die Aufgabe die Abtritte sauber zu halten) und deren Ächtung, die dann zu Scharfrichterdynastien führte. Man lernt, dass die Strassen aufgrund von Fäkalien und Müll bestialisch gestunken haben müssen, dass die Dienste einer Hure zwei Pfennige "kostete" (ein Geselle verdiente bis zu 20 Pfennige pro Tag) und den Unterschied zwischen freien Prostituierten und Frauenhäusern. Diverse Hinrichtungs- und Foltermethoden werden erläutert – und Jankrift hat auch immer ein Beispiel (mit Namen!) dabei, sofern es die Quellen hergeben. Wenn es aber aus Augsburg nichts gibt, dann werden Daten beispielsweise aus Köln, München, Ulm oder Nürnberg locker (und mitunter reichlich verwirrend) integriert.

Es gibt eine Abhandlung über Homosexualität im Mittelalter und sogar über Sodomie (aber davon ist nur ein Fall belegt) und auch die (oft vergebliche) Kunst der Ärzte (und Quacksalber) wird erläutert. Es gibt Informationen über mittelalterliche Friedhöfe (die auch arg gestunken haben müssen), die diversen "Ungelde" (Steuerfestsetzungen nach Kassenlage - daran hat sich also auch nach 600 Jahren nicht viel geändert), einen interessanten Exkurs über Pergament und Papier – und gefälschten Safran. Wir bekommen den Einzug eines "Ketzermeisters" (1393) erzählt, erfahren einiges über das (fragile) Verhältnis von Juden und Christen (dabei erstaunlich wenig von der Religiosität der "normalen" Leute), sind beim Schützenfest 1509 dabei, erfahren, dass die Opferzahlen bei Seuchen meist viel zu hoch veranschlagt wurden, wie die Stadt um 1412 den Brunnen- und Rohrleitungsbau ausbaute und wie viel ein Fuhrmann für die Beförderung von Baumaterial bekommen hat.

Jankrift erzählt nicht chronologisch sondern nach Themenbereichen. Aber selbst innerhalb der Kapitel springt er nach Lust und Laune durch die Jahrhunderte (und auch Orte). Im Kapitel über Verbrechen, ihre Aufdeckung und Bestrafung springt er von einem Szenario aus dem Jahr 1449 auf ein anderes um 1513, dann die Schilderung eines Vorfalls um 1355, dann 1467, 1430, 1348, 1429, 1448 und 1499. Einmal wird die Neuzeit mit der Entdeckung der "neuen Welt" durch Columbus 1492 ausgerufen – und wenige Zeilen weiter ist man zurück im Jahr 1438. Eine irgendwie geartete Information über die Einheitlichkeit dieser Epoche findet sich aber nirgendwo.

Natürlich soll die "grosse Politik" in diesem Buch nicht die erste Rolle spielen. Konsequent ist es daher, dass die Fugger und ihre enorme Wirkungsmacht tatsächlich nur am Rande auftauchen (in einem Unterkapitel). Und packend wird es, wenn Jankrift das ausserordentlich facettenreiche Leben des Kaufmanns (und späteren Chronisten) Bernhard Zink (1396-1474/75) aufgrund von Zinks Schriften rekonstruiert (und dabei klugerweise zum Beispiel Übertreibungen zurechtrückt). Diese Seiten zählen zu den besten in diesem Buch.

Natürlich muss man die Kriege, in die Augsburg verwickelt wurde, erwähnen (beispielsweise 1372 gegen die bayerischen Herzöge). Jankrift stellt in einem sehr lehrreichen Kapitel auch heraus, wie sich das Kriegswesen im 14. Jahrhundert grundlegend zu verändern begann (es gab Feuerwaffen; man schickte Söldner in den Krieg). Natürlich haben all diese Entwicklungen auch den Alltag der Menschen geprägt.

Aber wie dieser Alltag tatsächlich aussah – bei aller Detailfülle (die manchmal etwas arg schulmeisterlich daherkommt) fehlen essentielle Erläuterungen: Was war damals eine Stadt? (Warum wird dies nicht lexikalisch kurz gebündelt erläutert?) Was zeichnet eine "Freie Reichsstadt" aus? Worin bestanden die Konflikte zwischen dem Reich, den Adeligen und den Städten? Warum nicht mindestens kurz erklären, was die Verbannung, die so oft ausgesprochen wurde, bedeutete? Setzt Jankrift diese Kenntnisse voraus? Wenn ja, warum wendet er sich dann so detailliert den Zünften zu – auch dies müsste dann beim Leser als bekannt vorausgesetzt werden.

Und warum werden diese unterschiedlichen Währungen (Gulden, Taler, Pfennige) nicht versuchsweise in eine gewisse Relation zueinander gebracht (wie er es bei den Prostituierten-Preisen aus Nürnberg und Nördlingen macht)? Statt die Bischöfe von Augsburg im Anhang aufzuzählen, wären andere Tabellen erhellender gewesen. Und was haben die Menschen im Mittelalter eigentlich gegessen? (Einmal ist ganz allgemein ist vom hohen Fleischkonsum die Rede.) Und was hat man getrunken?

Natürlich ist es interessant, dem Autor (in seinem Stolz) bei der Ausbreitung all seiner Fundstücke aus Archiven und Sekundärquellen zuzuschauen (obwohl manchmal Unterkapitel auch förmlich "abstürzen", wenn zugegeben werden muss, dass keine Informationen vorliegen). Man liest dieses schön aufbereitete (und in der Mitte bebilderte) Buch gerne und durchaus mit Gewinn. Aber dem Anspruch, den Alltag von Menschen im Mittelalter zu zeigen, wird es nur teilweise gerecht. Umfassende Lektüreverweise gibt es in den Fussnoten und im Glossar (ein bisschen oft verweist Jankrift auf eigene Werke). Und wer ein wunderbares, belletristisches Buch aus dieser Zeit lesen will, ist mit Boccaccios "Decamerone" ausgezeichnet bedient.

Lächerliche Spielchen

Wieder einmal ist es geschafft: Die Diskurswächter haben das Monopol auf ihre Deutungshoheit anderen aufgedrängt. Aktuell im Beispiel Tchibo und Esso. Hatten beide Unternehmen (in seltsamer Parallelität) doch die Frechheit besessen mit dem (merkwürdig anmutenden) Spruch "Jedem den Seinen" für ihre Produkte zu werben.

Das durfte natürlich nicht sein. Der scheinbar notorisch unterbeschäftigte Zentralrat der Juden schmeisst – wie inzwischen üblich - ganz schnell die Empörungsritualmaschine an. "Nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit" oder ein Beispiel "totaler Geschichtsunkenntnis" schmettern sie dann in die Runde. Weil während der Zeit des Nationalsozialismus der Spruch "Jedem das Seine" über dem Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald prangte, scheint es so zu sein, dass das Eigentum der Rechte an diesem ursprünglich harmlosen Lebenshilfe-Diktum aus der Antike an den Zentralrat übergegangen zu sein scheint und von nun an im rhetorischen Giftschrank zu verbleiben habe. Ob man damit den Nationalsozialisten nicht ein bisschen zuviel Ehre zukommen lässt?

Ähnliches durfte der Ministerpräsident Niedersachsens, Christian Wulff, mit dem Begriff des "Pogroms" erfahren. Auch hier beharrte man auf die Exklusivrechte. Wulff hatte in einer Talkshow folgende Formulierung gebraucht: "Ich finde, wenn jemand 40 Millionen Steuern zahlt als Person und Zehntausende Jobs sichert, dann muss sich gegen den hier nicht eine Pogromstimmung entwickeln." Zweifellos ist dieser Vergleich unangemessen und übertrieben. Aber ist er auch eine "nicht hinnehmbare" Entgleisung, wie die Vorsitzende Knobloch nahe legt? Geradezu absurd die "Forderung" des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer nach einem Rücktritt des Ministerpräsidenten. Wulff telefonierte mit Kramer, der sich zunächst "nicht zufrieden" mit der Entschuldigung des Ministerpräsidenten zeigte. Ein albernes Spiel: ein freigewählter Politiker, der einen blöden Vergleich intonierte, sich dafür jedoch entschuldigte, wird öffentlich einem virtuellen Tribunal unterzogen.

Langsam aber sicher verspielt der Zentralrat der Juden mit solchen lächerlichen Spielchen seinen Ruf als intellektuelle Instanz der Bundesrepublik. Die Zeiten eines Ignatz Bubis, der sich mit Martin Walser an einen Tisch setzte und diskutierte, sind offensichtlich leider längst vorbei. Von Kierkegaard stammt das Bild des Theaterbesuchers, dessen Feuerwarnung nicht mehr gehört wird, weil er vorher immer seinen Spass damit getrieben hatte. Unter der Ägide von Charlotte Knobloch rück-entwickelt sich der Zentralrat zur profanen Diskurspolizei, die mit pawlowschen Affekten die "Verfehlungen" aus Politik, Wirtschaft und Popkultur abstrafen will. Dabei scheuen sie vor keinen noch so abwegigen Übertreibungen zurück, als müssten sie die Inflationierung der Nazi-Vergleiche (die es zweifellos in einer aufmerksamkeitsgeilen Diskursgesellschaft gibt) mit superlativem Betroffenheitsgestus kontern (vielleicht eine Folge der langsam aber sicher eintretenden Abgestumpftheit eben aufgrund übermässiger Orchestrierung).

Die Suche nach Empörungsfutter lässt inzwischen sogar "Bild"-Leserreporter "Nazi-Kleiderständer" entdecken. Und in den USA fand man vor anderthalb Jahren einen Jahrzehnte alten US-Navy-Stützpunkt in Hakenkreuzform. Das erinnert alles ein bisschen an die (belegte) Szene im 1977 entführten Flugzeug "Landshut", als eine Passagierin vom "Anführer" der Entführer, einem rasenden Antisemiten, als "jüdisch" beschimpft wurde, weil das Logo ihres Mont-Blanc-Stiftes für ihn als Davidstern interpretiert wurde.

Wie wäre es, nicht mehr jeden Unsinn und jeden blödsinnigen Nazi-Vergleich durch übertriebene und irgendwann selbst den wohlwollenden Geistern enervierende Erregungen noch künstlich aufzuwerten? Wie wäre es mit einer rhetorischen und verbalen Abrüstung, damit tatsächlich besorgniserregende Entwicklungen nicht mit dem gleichen Gestus kommentiert werden müssen wie die debilen Absonderungen diverser Promis? Warum nicht ein gewisses Vertrauen in eine Diskurskultur entwickeln?

Die Pharisäer

Viel wäre schon gewonnen, wenn einem die Meldungen über die lächerlich-heuchlerischen Weihnachtspredigten diverser Bischöfe und Kardinäle erspart bliebe. Denke ich gerade, als ich von Bischof Hubers Weihnachtspredigt lese. "Wir dürfen das Geld nicht länger vergötzen" heisst es da wohl – so von tagesschau.de zitiert. Auch der Rest des Beitrags: der übliche Schmus, die Appelle an die der Bescheidenheit. Und Kardinal Meisner empört sich darüber, dass Leute mit Dingen, die nicht existieren handeln. Atheisten könnten dies der Kirche ebenfalls vorwerfen. Aber darum geht es nicht.

Was mich abstösst, ist das pharisäerhafte Gehabe, diese sonn- und feiertägliche verdummende, bigotte Schwafelrhetorik von Leuten, die es besser wissen und alljährlich meine Intelligenz mit ihren Reden beleidigen. "Die heimlichen Geschäfte der Wohltäter" heisst ein Artikel aus der F.A.Z. von 2006 (von Rainer Hank). Hank skizziert die Organisationstrukturen der grossen kirchlichen Organisationen, deren Intransparenz, Geheimniskrämerei und Schacherei, wenn es um staatliche Beihilfen geht. Auf 55 Milliarden Euro schätzen Experten den Umsatz derer, die die Vergötzung des Geldes anprangern. 80% der Einnahmen stammen aus öffentlichen Mitteln.
Die staatlich gewährten Privilegien sichern der Wohlfahrtspflege ihre führende Marktstellung im Sozialbereich. Unbehelligt von Wettbewerbern, handeln sie mit den Kostenträgern Pflegesätze für das Altenheim oder Betreuungskosten für den Kindergarten aus: Im teuren Kartell wird Hand in Hand gearbeitet.
Nein, das ist kein Plädoyer für die Öffnung der "Märkte". Obwohl die Verwaltungsquote sicherlich hoch wäre. Aber was geschieht? Richtig, nichts: Die Wohlfahrtsbranche kennt diese Kritik. Und reagiert ziemlich gelassen. Denn sie weiß die öffentliche Meinung auf ihrer Seite. Wer Gutes tut, ist vor Wirtschaftlichkeitskritik geschützt.

Der Non-Profit-Status von Caritas und Diakonie ist – im Beitrag wird es angedeutet – ein Witz. In Wirklichkeit werden über verschachtelte Organisationsstrukturen Gelder hin und her geschoben – solange, bis die Kriterien erfüllt sind. Ansonsten könnte kein privatbetriebenes Altenheim wirtschaftlich arbeiten (die Kosten sind beinahe identisch).

Nein, ich kann dieses billige Gewäsch nicht mehr hören. Ich will auch nicht hören, dass die Kirchen ja soviel Gutes tun. Ich will von diesen Leuten nicht mehr belästigt werden. Warum lassen sie die Leute nicht einfach in Ruhe und Frieden Weihnachten feiern?

Dreifaches Nein

Gestern hat das Bundesverfassungsgericht die Kürzung der Pendlerpauschale (Zahlung von EUR 0,30 pro km erst ab 21. Kilometer) verworfen. Diese Kürzung war am 1. Januar 2007 in Kraft getreten. Beschlossen wurde sie vom Bundeskabinett am 10. Mai 2006.

Dieser Vorgang ist ein Musterbeispiel für die Stümperhaftigkeit, mit der gelegentlich Gesetze beschlossen werden. Aber er ist auch exemplarisch für den unerträglich-anbiederischen Opportunismus von Politikern, die sich plötzlich nicht mehr an ihre Beschlüsse von vor zwei Jahren erinnern mögen, nur weil sich herausstellt, dass diese plötzlich unpopulärer sind, als man seinerzeit dachte.

Damals mit im Kabinett als Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz war Horst Seehofer (CSU). Von einer Opposition Seehofers diesem Beschluss gegenüber ist nichts dokumentiert. Im bayerischen Landtagswahlkampf hatte die CSU die Pendlerpauschale als Wahlkampfthema entdeckt, was insofern unsinnig war, weil es sich um ein Bundesgesetz handelte und die Causa längst beim Verfassungsgericht lag. Die CSU wollte sich als Anwalt der Leistungsträger generieren und "forderte" etwas zurückzunehmen, was sie selber vor zwei Jahren mitbeschlossen hatte. Als Grund wurden die steigenden Benzinpreise genannt. In Wirklichkeit ging es darum, die bröckelnde Mehrheit in Bayern mit einem Wahlgeschenk verhindern zu wollen.

Bei AFP kann man lesen:

Mit Blick auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Pendlerpauschale sagte Seehofer, Merkels Regierung hätte die von der CSU geäußerten Bedenken gegen eine Einschränkung der Pauschale "ernst nehmen und aufgreifen sollen". "Das hätte uns Rückenwind für den Wahlkampf in Bayern gegeben", fügte der CSU-Chef hinzu. "Diese Fehlentscheidung hat uns mit das Wahlergebnis verhagelt." Seehofer wandte sich gegen eine Neuregelung der Pendlerpauschale. "Ein dreifaches Nein. Wir wollen, dass diese Entlastung den Arbeitnehmern voll zugute kommt."

Ja, wirklich: Ein "dreifaches Nein" solchen erbärmlichen Politikerimitationen wie Horst Seehofer! Da ist mir die Bärbeissigkeit und Unbeirrbarkeit eines Peer Steinbrück –zig mal lieber als dieses jämmerliche Schmierentheater dieses bajuwarischen Pseudo-Sozialritters. Seehofer zeigt sich wie immer: Als wetterwendischer Opportunist ohne Rückgrat. Wie schon damals als Gesundheitsminister, als er vor Lobbyisten resignierte und die Brocken hinwarf, wenn's ihm zu kompliziert wird und das noch nachträglich als Konsequenz feiern lässt.

Blässe und Jagdszenen

Zum 9. November eine Erzählung von Durs Grünbein in der aktuellen Zeit; angeblich autobiografisch. Man wundert sich über die doch sehr hölzerne, uninspirierte und bleierne Sprache. Und so voller Klischees. Eine merkwürdige Blässe schlägt einem da entgegen, die auch nicht mit Lakonie verwechselt werden kann. Selbst die anfangs so penetrante Selbstinszenierung des Widerständigen ist nur hohles Wortgeklingel. Ich muss an 'Schulaufsatz' denken.

---

Leider im Moment nicht online Dagegen dieses wunderbare "Road-Telling" von Henning Sussebach über den Deutschen und das Auto: Eine Liebe verschwindet. Zwar befragt Sussebach nicht direkt die seit Wochen kursierenden alarmistischen Szenarien und Zahlen, die natürlich nicht grundlos von der Automobilindustrie in die Medien geblasen werden (was davon ist notwendige Korrektur infolge massloser Überproduktion?), aber seine Methode, des Deutschen liebsten Fetisch anhand exemplarischer Begegnungen zu erfassen, ist bestes Feuilleton.

Der faradaysche Käfig für die durchschnittlichen 40 Tageskilometer als letztes Refugium. Wie selbstverständlich ist das inzwischen akzeptiert. Sussebach zitiert einen Verkehrspsychologen, der konstatiert, "dass unsere Umwelt nicht mehr nach dem Bedarf des Menschen gestaltet ist, sondern nach dem Bedarf des Menschen im Automobil". Da passt die Aussage, dass wer auf dem Land an der Bushaltestelle sitzt entweder Kind oder Kauz ist.

Fast genial die Passage über den sakral daherkommenden Daniel Goeudevert, der sich als weintrinkender Wasserprediger entpuppt. Und draußen jagt ein BMW einen Mercedes der einen Audi jagt. Eine Liebe verschwindet? Nein, so schnell nicht.

Der kleine Unterschied

Horst Seehofer gab das Amt Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz auf, weil er Ministerpräsident in Bayern wurde. Zur Neubesetzung des Ministeriums in Berlin ein paar Zitate aus unseren Qualitätsmedien aus den letzten Tagen:


DIE ZEIT:
Aigner ist über die Anfrage von Horst Seehofer, ob sie seine Nachfolge in Berlin antreten wolle, nach eigenem Bekunden zunächst "zusammengezuckt". Sie habe "erst mal schlucken und nachdenken" müssen, sagte sie am Freitag im ARD-"Morgenmagazin". "Aber mich freut das natürlich wahnsinnig, dass Horst Seehofer in mich das Vertrauen setzt."

Die Welt:
Diesen Posten wird künftig die oberbayerische Bundestagsabgeordnete Ilse Aigner übernehmen - Seehofer zog sie dem von der CSU-Landesgruppe favorisierten Agrarstaatssekretär Gerd Müller vor.

Reuters (30.10.):
Die CSU-Bundestagsabgeordnete Ilse Aigner wird neue Agrar- und Verbraucherschutzministerin im Bund.
CSU-Chef Horst Seehofer sagte am Donnerstag in München, die von ihm als Nachfolgerin ausgewählte 43-jährige Oberbayerin verfüge über große politische Erfahrung und kenne das Berliner Parkett in- und auswendig.



ZDF - heute.de (30.10.):
Seehofer zeigte sich aber mit dem Ergebnis zufrieden: "Wenn das kein Neuanfang ist, weiß ich nicht, was man noch machen soll." Aigner, bisher vor allem als Bildungspolitikerin bekannt und bis Mittwoch auch als Generalsekretärin im Gespräch, sei "mit der Landwirtschaft groß geworden und wird eine gute Ministerin abgeben", sagte Seehofer.

Und jetzt noch einmal für all die Herr- und Frauschaften, die diese Artikel verfasst haben, der Satz aus dem Grundgesetz, Artikel 64, Absatz 1:

Die Bundesminister werden auf Vorschlag des Bundeskanzlers vom Bundespräsidenten ernannt und entlassen.

Mir war neu, dass Horst Seehofer jetzt auch Bundeskanzler ist.

Von Verdeutschungen und sprachlichem Fremdenhass

FAZ Reading Room zu Die WohlgesinntenHier äusserte ich am Rande eine Kritik an dem (wie ich finde grässlichen) Anglizismus "Reading Room", den die FAZ für ihren neu geschaffenes Bücherforum verwendet. Nun, es interessiert die FAZ natürlich nicht, wenn sich unsereiner von diesem Begriff geradezu angeekelt fühlt.

Nach Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" und Martins Walsers "Ein liebender Mann" wird nun Jutta Limbachs Buch "Hat Deutsch eine Zukunft" (mit der emphatisch überschriebenen Einführung "Mehr Deutsch wagen") vorgestellt und die Thesen der Autorin diskutiert. Fast logisch, dass sich irgendwann die Frage stellt, warum man den englischen Ausdruck "Reading Room" verwendet und kein deutsches Wort finden wollte. Löblich, dass die FAZ dies nun seit dem 02. Mai mit Lesern diskutiert – mit dem merkwürdigen Untertitel in der Fragestellung: "Darf dieses Forum 'Reading Room' heissen?"

Merkwürdig deshalb, weil es kaum um ein "dürfen" geht – eher um ein "müssen". Immerhin, es darf diskutiert werden. Wie schon vorher ist der Aufwand beträchtlich, die Software sehr gut. Die Beiträge werden moderiert – das ist bei der FAZ üblich. Bis zum 10. Mai will man Stimmen sammeln.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der "Reading Room" ist meiner Meinung nach ein gelungenes, multimediales Angebot – fast könnte man es "zeitgemäss" nennen, wenn dies nicht ein bisschen negativ klingt. Der gute, alte Fortsetzungsroman wurde auf "Web 2.0" getrimmt. Das hat ja mit der Qualität der vorgestellten Bücher zunächst einmal nichts zu tun. Ich finde es auch weitgehend überflüssig, den "Reading Room" abzulehnen, weil es letztlich nichts anderes ist als ein Vermarktungsinstrument für Neuerscheinungen. Es ist natürlich mit kommerziellem Hintergrund (d. h. es geht darum, das Buch zu verkaufen) – aber das, was geboten wird, ist mehr als ein dröger Appetithappen.

Die ersten Vorschläge zu einer deutschen Bezeichnung trudelten am Freitag ein und auch ich hatte einen Kommentar hinterlassen.

Dieser blieb nicht ohne Resonanz. Wenige Stunden später nahm – ohne den Kommentar direkt zu zitieren – einer der Experten, Hans-Martin Gauger, hierzu Stellung. Und flugs wurde ich (und auch indirekt einige andere Kommentatoren, die sich fast ausnahmslos für einen deutschen Namen aussprachen) als sprachlicher Nationalist bezeichnet, der sprachliche[n] Fremdenhass praktiziere. Gauger geht noch weiter. In professoralem Duktus wird Deutschtümelei, wie wir sie nie mehr haben wollen entdeckt. Gauger unterstellt, ich hätte geschrieben, dass das unpassendste deutsche Wort besser als das passendste englische sei. Das ist erkennbar mitnichten der Fall. Für jemanden wie Gauger, immerhin Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, muss das offenkundig sein, also ist seine Unterstellung nur bösartig.

Im weiteren Verlauf des Kommentars "übernimmt" er dann einen meiner Vorschläge (Lesesaal), weil dies die äquivalente Verdeutschung von "Reading Room" sei. Er argumentiert damit ähnlich wie Jürgen Schiewe, der auch Probleme mit "Verdeutschungen" hat. Die Frage eines Lesers, worin dieses Problem denn bestehen soll, ist derzeit noch unbeantwortet.

In der Konsequenz bedeutet ein solches Vorgehen: Man sucht einen Anglizismus, den man dann möglichst treffend ins Deutsche überträgt. Das klingt irgendwie paradox. Ausgerechnet Intellektuelle, die sich für die Pflege der deutsche Sprache einsetzen sollen, sehen die Anglizismen mit einer gewissen Nonchalance.
AKTUALISIERUNG 07.05.08 - 17:30 Uhr: Die Umbenennung erfolgt in "Lesesaal".

Und Uwe Ebbinghaus in der Begründung: "Deutschtümelei? - Iwo! Eher ein Experiment mit der Hypothese, dass das Deutsche auch Entwicklungen der neuen Medien angemessen benennen kann."

Na also.

Jerzy Jedlicki: Die Intellektuellen als europäische Spezies

Der Grundzug der neuen Zeit ist nicht die Festigkeit der Überzeugungen – davon hatten wir immer mehr als genug -, sondern im Gegenteil eine Ungewissheit, die selbst jene Denker nicht verschont, die mit dem Absoluten auf vertrautem Fuss stehen, die aber wissen, dass heilige Gebote nur sehr verschwommene Hinweis geben, wie man in konfliktträchtigen und unübersichtlichen Situationen zu urteilen und zu handeln habe. Die Ethik der Erkenntnis heisst uns grösseren Respekt vor ehrlich eingestandenen Zweifeln als vor unzureichend begründeten Überzeugungen zu haben. So kann der Respekt vor der Wahrheit paradoxerweise zu einer Schwächung unserer moralischen Entschlossenheit im handeln führen.

[…]

Daher wird die Herausbildung eines neuen Typus des Intellektuellen – sensibel gegenüber Leiden und Unrecht, bereit zum Protest gegen Verfolgungen und Ungerechtigkeit, dabei aber Individualist und Skeptiker, der niemals als Apostel der Einen Wahrheit auf die Fähigkeit zum kritischen Denken und Zweifeln verzichtet – ganz gewiss ein schwieriger Wandlungsprozess, der unter dem Beschuss der Anwälte diverser heiliger Werte verlaufen wird. Sie werden dieser Haltung moralischen Relativismus vorwerfen und nachzuweisen versuchen, wie nutzlos solche Weicheier seien, die sich auf Vorbehalte und Zweifel, auf all diese verschiedenen "Aber" spezialisiert hätten, wo die Menschen doch vor allem des Gefühls eines kollektiven Sinnes bedürften – und dessen Quellen könnten allein Glaube und Tradition sein. .

Jerzy Jedlicki "Die entartete Welt"; Denken und Wissen – Eine polnische Bibliothek - Suhrkamp 2008, S. 293f

PERSONEN- UND SACHVERZEICHNIS

HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.

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Kommentare hier...

So ist es.
So ist es.
Gregor Keuschnig - 2009-11-06 20:40
Und derart treibt's auch...
Und derart treibt's auch mancher Mensch.
Gedankenpflug (Gast) - 2009-11-06 19:24
Erzählung über...
Eine weitere Serie, die hier seit kurzem zu sehen ist,...
Thorsten Wiesmann (Gast) - 2009-11-04 12:47
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
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Gregor Keuschnig - 2009-11-03 13:14
Bin vor einer Stunde
an der Buchhandlung vorbei und habe die "Konstruktion..."...
lou-salome - 2009-11-03 13:05

...anderswo

Ist in Österreich...
Ist in Österreich die Trennung von Staat und Kirche...
steppenhund - 2009-11-07 21:18
So ist es.
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begleitschreiben - 2009-11-06 20:40
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begleitschreiben - 2009-11-03 13:14

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