Splitter

Von Verdeutschungen und sprachlichem Fremdenhass

FAZ Reading Room zu Die WohlgesinntenHier äusserte ich am Rande eine Kritik an dem (wie ich finde grässlichen) Anglizismus "Reading Room", den die FAZ für ihren neu geschaffenes Bücherforum verwendet. Nun, es interessiert die FAZ natürlich nicht, wenn sich unsereiner von diesem Begriff geradezu angeekelt fühlt.

Nach Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" und Martins Walsers "Ein liebender Mann" wird nun Jutta Limbachs Buch "Hat Deutsch eine Zukunft" (mit der emphatisch überschriebenen Einführung "Mehr Deutsch wagen") vorgestellt und die Thesen der Autorin diskutiert. Fast logisch, dass sich irgendwann die Frage stellt, warum man den englischen Ausdruck "Reading Room" verwendet und kein deutsches Wort finden wollte. Löblich, dass die FAZ dies nun seit dem 02. Mai mit Lesern diskutiert – mit dem merkwürdigen Untertitel in der Fragestellung: "Darf dieses Forum 'Reading Room' heissen?"

Merkwürdig deshalb, weil es kaum um ein "dürfen" geht – eher um ein "müssen". Immerhin, es darf diskutiert werden. Wie schon vorher ist der Aufwand beträchtlich, die Software sehr gut. Die Beiträge werden moderiert – das ist bei der FAZ üblich. Bis zum 10. Mai will man Stimmen sammeln.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der "Reading Room" ist meiner Meinung nach ein gelungenes, multimediales Angebot – fast könnte man es "zeitgemäss" nennen, wenn dies nicht ein bisschen negativ klingt. Der gute, alte Fortsetzungsroman wurde auf "Web 2.0" getrimmt. Das hat ja mit der Qualität der vorgestellten Bücher zunächst einmal nichts zu tun. Ich finde es auch weitgehend überflüssig, den "Reading Room" abzulehnen, weil es letztlich nichts anderes ist als ein Vermarktungsinstrument für Neuerscheinungen. Es ist natürlich mit kommerziellem Hintergrund (d. h. es geht darum, das Buch zu verkaufen) – aber das, was geboten wird, ist mehr als ein dröger Appetithappen.

Die ersten Vorschläge zu einer deutschen Bezeichnung trudelten am Freitag ein und auch ich hatte einen Kommentar hinterlassen.

Dieser blieb nicht ohne Resonanz. Wenige Stunden später nahm – ohne den Kommentar direkt zu zitieren – einer der Experten, Hans-Martin Gauger, hierzu Stellung. Und flugs wurde ich (und auch indirekt einige andere Kommentatoren, die sich fast ausnahmslos für einen deutschen Namen aussprachen) als sprachlicher Nationalist bezeichnet, der sprachliche[n] Fremdenhass praktiziere. Gauger geht noch weiter. In professoralem Duktus wird Deutschtümelei, wie wir sie nie mehr haben wollen entdeckt. Gauger unterstellt, ich hätte geschrieben, dass das unpassendste deutsche Wort besser als das passendste englische sei. Das ist erkennbar mitnichten der Fall. Für jemanden wie Gauger, immerhin Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, muss das offenkundig sein, also ist seine Unterstellung nur bösartig.

Im weiteren Verlauf des Kommentars "übernimmt" er dann einen meiner Vorschläge (Lesesaal), weil dies die äquivalente Verdeutschung von "Reading Room" sei. Er argumentiert damit ähnlich wie Jürgen Schiewe, der auch Probleme mit "Verdeutschungen" hat. Die Frage eines Lesers, worin dieses Problem denn bestehen soll, ist derzeit noch unbeantwortet.

In der Konsequenz bedeutet ein solches Vorgehen: Man sucht einen Anglizismus, den man dann möglichst treffend ins Deutsche überträgt. Das klingt irgendwie paradox. Ausgerechnet Intellektuelle, die sich für die Pflege der deutsche Sprache einsetzen sollen, sehen die Anglizismen mit einer gewissen Nonchalance.
AKTUALISIERUNG 07.05.08 - 17:30 Uhr: Die Umbenennung erfolgt in "Lesesaal".

Und Uwe Ebbinghaus in der Begründung: "Deutschtümelei? - Iwo! Eher ein Experiment mit der Hypothese, dass das Deutsche auch Entwicklungen der neuen Medien angemessen benennen kann."

Na also.

Jerzy Jedlicki: Die Intellektuellen als europäische Spezies

Der Grundzug der neuen Zeit ist nicht die Festigkeit der Überzeugungen – davon hatten wir immer mehr als genug -, sondern im Gegenteil eine Ungewissheit, die selbst jene Denker nicht verschont, die mit dem Absoluten auf vertrautem Fuss stehen, die aber wissen, dass heilige Gebote nur sehr verschwommene Hinweis geben, wie man in konfliktträchtigen und unübersichtlichen Situationen zu urteilen und zu handeln habe. Die Ethik der Erkenntnis heisst uns grösseren Respekt vor ehrlich eingestandenen Zweifeln als vor unzureichend begründeten Überzeugungen zu haben. So kann der Respekt vor der Wahrheit paradoxerweise zu einer Schwächung unserer moralischen Entschlossenheit im handeln führen.

[…]

Daher wird die Herausbildung eines neuen Typus des Intellektuellen – sensibel gegenüber Leiden und Unrecht, bereit zum Protest gegen Verfolgungen und Ungerechtigkeit, dabei aber Individualist und Skeptiker, der niemals als Apostel der Einen Wahrheit auf die Fähigkeit zum kritischen Denken und Zweifeln verzichtet – ganz gewiss ein schwieriger Wandlungsprozess, der unter dem Beschuss der Anwälte diverser heiliger Werte verlaufen wird. Sie werden dieser Haltung moralischen Relativismus vorwerfen und nachzuweisen versuchen, wie nutzlos solche Weicheier seien, die sich auf Vorbehalte und Zweifel, auf all diese verschiedenen "Aber" spezialisiert hätten, wo die Menschen doch vor allem des Gefühls eines kollektiven Sinnes bedürften – und dessen Quellen könnten allein Glaube und Tradition sein. .

Jerzy Jedlicki "Die entartete Welt"; Denken und Wissen – Eine polnische Bibliothek - Suhrkamp 2008, S. 293f

Wörter...

Manchmal vermag ein Wort tatsächlich sehr viel zu sagen. Beispielsweise über eine Gesellschaft und deren Sorgen.

In Deutschland wurde heute das "Wort des Jahres 2007" von der "Gesellschaft für deutsche Sprache" bekanntgegeben (ermittelt?): Klimakatastrophe.

ich könnte schwören, einige Nachrichtenquellen hätten "Klimawandel" genannt, aber ich täusche mich vermutlich. Dieses Wort ist wohl zu neutral, zu wenig effekthascherisch. Für Deutschland muss es immer auch ein bisschen deutlicher sein. Da passt Klimakatastrophe genau. Es bezeichnet nicht nur die augenblickliche Stimmung zu diesem Thema im medialen Zirkus, sondern ist auch gleichzeitig wertend; keinen Widerspruch duldend.

Das an sich wäre noch nicht wichtig. Wenn nicht heute auch in der Schweiz das "Wort des Jahres" gekürt worden wäre. Und das heisst nun - für den normalen Deutschen, der sich mit der Schweiz so gut wie nie befasst, vollkommen unverständlich: Sterbetourismus.

Auch Sterbetourismus spiegelt eine Diskussion wieder, die in der Schweiz stattgefunden hat. Nämlich dass es u. a. Deutsche gibt, die in die Schweiz kommen, um die Hilfe von sogenannten (kommerziellen) "Sterbehelfern" in Anspruch zu nehmen. Für die Schweiz, die vom Tourismus nicht unwesentlich profitiert, ist ein solcher Tourismus eher peinlich.

Einmal abgesehen von den jeweiligen Diskussionen: Wäre es möglich, dass in der Schweiz irgendwann einmal das Wort Klimakatastophe "Wort des Jahres" würde? Und umgekehrt das Wort Sterbetourismus in Deutschland? Ich glaube nicht. Und das sagt auch etwas über diese Länder aus.

In Österreich lässt man sich mit dem "Wort des Jahres" Zeit bis zum 31.12. Ich bin gespannt.

Schizophrenes Rollenspiel

Gestern hat wenigstens einer einmal dieses unsäglich dumme Geschwätz von der "Tarifautonomie" im Tarifstreit zwischen der Deutschen Bahn AG und der GDL angekratzt. In einem Interview mit Verkehrsminister Tiefensee konstatierte Claus Kleber im "heute journal", als Tiefensee seinen üblichen Sermon wieder abspulen wollte, dass in diesem Fall die Bundesregierung (als Vertreter für die Bundesrepublik Deutschland) ja selber Tarifpartei sei, also die gesetzlich geregelte Tarifautonomie, die den Staat bei Tarifverhandlungen zur Neutralität verpflichtet, gar nicht gelte.

Leider hakte Kleber nicht sachlich nach, als der Minister dann seine Nebelkerzen wieder zündete, sondern versuchte sich mit der Frage zu profilieren, warum er, Tiefensee, als Minister eigentlich noch nicht zurückgetreten sei. Und irgendwann fiel dann wieder das "T"-Wort und niemand scherte es mehr (vermutlich, weil die Zeit für das Gespräch abgelaufen war).

Offensichtlich reicht es, eine unrichtige Aussage nur lange genug zu wiederholen, damit sie nicht mehr von deutschen Journalisten befragt wird. Statt sich in präzisem Nachhaken zu üben, hüpft man zum anderen Punkt auf der Liste und klopft dann auch schon mal einen markigen Spruch.

Mich hätte beispielsweise interessiert, warum der Mehrheitsaktionär eines Unternehmens, dessen gewählte Repräsentanten gelobt haben, Schaden vom Volk abzuwenden, bei einem derartigen volkswirtschaftlichen Schaden nicht wenigstens moderierend eingreift, sondern sich in ein schizophrenes Rollenspiel flüchtet, nur um die Gallionsfigur (Mehdorn) nicht zu beschädigen.

Oder ist es einfach nur – Inkompetenz?

Leider habe ich in der Mediathek des ZDF das Interview nicht als Einzelfilm gefunden. Man muss wohl die gesamte Sendung anschauen.

Blaming the victim

David Harnasch, ein Juniorschreiber der Achse des Blöden, nimmt seinen Schmähartikel auf den angeblich bloggenden Murat Kurnaz nach der Enttarnung dieses Blogs als Fälschung nicht etwa vom Netz, sondern fügt lapidar hinzu, dass er zur Recherche, ob denn das Blog tatsächlich von Kurnaz stamme, keine Zeit gehabt habe.

Das ist natürlich unlogisch. Hätte er, wie Stefan Niggemeier empfiehlt, recherchiert, hätte er sich das anschliessende geifernde Wortgetümmel ganz sparen können. Aber genau das wollte Harnasch offensichtlich nicht. Es kam ihm gar nicht darauf an, die Authentizität des Blogs zu erfragen (trotz seines Satzes in Parenthese). In wunderbarer Art und Weise bot ihm das gefälschte Blog Anlass, seinen latenten Hass auf Kurnaz abzulassen. Psychologen bezeichnen dieses Phänomen als "blaming the victim".

Harnasch befindet sich damit übrigens in bester (deutscher) Tradition. Auch Altnazis nach dem Krieg machten weniger den Urhebern der Katastrophe Vorwürfe (hier fanden sie allerhand Entlastendes; auch Selbst-Entlastendes), sondern den Verfolgten, die die Barbarei (oftmals nur durch ein Wunder) überlebten. Sie fühlten sich von diesen Davongekommenen geradezu beleidigt.

Aber gemach: Man sollte, ja muss mit den Anhängern des primitiven Bushismus, die ihre kruden Weltverschwörungstheorien im aufklärerischen Mäntelchen der westlichen Wertevermittlung präsentieren, Mitleid haben. Man sollte ihre Schmähungen, Unwahrheiten, Verdrehungen, politischen "Unkorrektheiten" und peinlichen Affekte geduldig archivieren. Man sollte ihnen ansonsten medial aus dem Weg gehen; das Lesen von Markwort- und Schönbohm- Laudationes dringend unterlassen; Klimaskeptikerskeptiker-Artikeln in "Qualitätsmedien" meiden – und mit der gewonnenen Zeit beispielsweise schöne Reisen machen.

Nach einigen Jahren sollte man dann die Archive wieder öffnen und sie einfach nur zitieren. Jens Jessen hat dies neulich schon in einem sehr stupenden Artikel in der ZEIT gemacht ("Der Krieg der Worte" – und die Zitatensammlung dazu). Der Unterhaltungswert ist enorm; etliche der zitierten müssten sich eigentlich für ihre Lügen und Unterstellungen in Grund und Boden schämen. Schlechte Erziehung und selektive Wahrnehmung verhindern dies wohl. Und irgendwie erwartet man es auch nicht anders.

Die Mitschuld des Zuschauers

Am 8. und 15. August brachte die ARD um 22.45 Uhr eine zweiteilige Dokumentation mit dem etwas martialischen Titel "Blut und Spiele". Die drei Autoren (neben Freddie Röckenhaus auch Petra Höfer und Francesca D'Amicis) führten dort auf beeindruckende Weise vor, wie auch der Sport im "westlichen Lager" mit Doping durchdrungen war (und vermutlich noch ist).

Die Aufrüstung der USA

Im ersten Teil beschäftigte sich der Film ausführlich mit der US-amerikanischen Leichtathletik, die seit Mitte der 80er Jahre mit dem staatlichen osteuropäischen Doping aufgeschlossen hatte. Es werden Dokumente gezeigt, die belegen, dass mehrere Wochen vor den Olympischen Spielen 1988 in Seoul zahlreiche US-Athleten bei den "Trails" positiv gedopt waren. Die eiligst vorgenommene Amnestie ("Exucse") hatte auch zur Folge, dass diese Resultate verschwanden. Die Athleten nahmen an den Olympischen Spielen teil; zahlreiche Olympiasieger und Medaillengewinner unter ihnen.

Zu den inkriminierten Sportlern gehört auch Carl Lewis. Ausgerechnet er, der nach der Disqualifikation von Ben Johnson im 100 m-Lauf die Goldmedaille zugesprochen bekam. Im weiteren Verlauf des Berichtes wird gezeigt, dass nur einer der acht Endlaufteilnehmer des 100 m-Herren-Finales von Seoul niemals mit Doping in Kontakt gekommen ist. Warum ausgerechnet Ben Johnson erwischt wurde – auch das wird thematisiert. Zumal Johnson mit einem Mittel überführt wurde, welches er – nach übereinstimmenden, freimütigen Aussagen seines damaligen Managers und Arztes – niemals genommen hatte.

Zahlreiche Zeugen aus der amerikanischen Leichtathletik-Szene kommen zu Wort und berichten in einer nie gesehenen Offenheit. Ins Visier gerät Florence Griffith-Joyner, die in sehr frühem Alter unter mysteriösen Umständen starb (ihr 100 m-Weltrekord dürfte für immer unerreicht bleiben), aber auch Marion Jones. Der ehemalige Doping-Händler Victor Conte gibt freimütig Auskunft über seine Kunden, über Produkte, Mengen und Trainingspläne. Ein US-Kugelstosser und die (Ex-)Doppelweltmeisterin Kelli White, die später des Dopings überführt wurde und gestand, komplettieren das Bild eines flächendeckenden Dopings. Es ist, so der Tenor des Films, nicht der so häufig beschworene Einzelfall – es handelt sich um systematisches Doping mit Wissen der entsprechenden Verbände. US-Sportler wurden sogar von IOC-zugelassenen Labors vor entsprechenden Meisterschaften vorgetestet – um nur ja nicht bei den entsprechenden Wettbewerben aufzufallen. Die positiven Ergebnisse verschwanden in den Archiven.

Auch der Fussball ist längst nicht mehr dopingfrei

Im zweiten Teil dreht es sich hauptsächlich um den Radsport und die Blutdopingaktivitäten des ominösen Arztes Fuentes. Die Autoren fragen unter anderem warum ein spanischer Richter den Ermittlern nach wie vor verbietet, die bei Razzien beschlagnahmten Computer zu untersuchen. Die These: Fuentes' Verwicklungen reichen auch in den italienischen und spanischen Fussball hinein. Am Rande wird über den Prozess um Juventus Turin herum berichtet.

Natürlich gibt es viele kämpferische und appellative Stellungnahmen von Dopingjägern. Aber die Ernüchterung bleibt. Auch der Zweifel, diesem Treiben jemals Herr zu werden – und falls doch, zu welchem Preis? Erhellend an dieser Dokumentation ist aber auch, dass der Zuschauer mit in die Verantwortung gezogen wird. Auch er wird in gewisser Weise für das Geschehen mitverantwortlich gemacht. Wie Freddie Röckenhaus im Interview in "Kulturzeit" erwähnt, besteht durchaus eine Bereitschaft beim Publikum, von allzu vielen Details "verschont" zu bleiben, damit die Mythen weiter gesponnen werden können und es auch weiterhin die "grossen Emotionen" und Märchenstorys gibt. Der Jubel um immer neue Weltrekorde ist fatal – denn die physische Leistungsgrenze des Menschen muss irgendwann erreicht sein -Trainingsmethoden oder Ausrüstung hin oder her.

Freigabe oder Repression? - Was ist überhaupt "Doping"?

Was also tun? Die Freigabe aller bisher verbotenen Mittel? Oder ist dies das falsche Signal? Alle Argumente, die insbesondere hier dagegen ausgeführt wurden, konnten mich nicht vollständig überzeugen. Matthias Heitmann schreibt in einem Artikel für die neueste Ausgabe von "Novo":

Wo liegen die Ursachen dafür, dass zwischen verschiedenen Arten der Leistungssteigerung so vehement unterschieden wird? Man könnte es sich leicht machen und sagen, der Unterschied läge darin, dass einige verboten seien und andere nicht. Doch das ist zu einfach. Regeln haben dann einen Sinn, wenn sie ein konkretes Ziel verfolgen und sich gleichzeitig an lebensweltlichen Wirklichkeiten und klar bestimmbaren Unterschieden orientieren.

Welche Ziele werden mit dem Dopingverbot verfolgt? Ein sauberer, gerechter sportlicher Wettbewerb, sagen manche. Doch ist es gerecht, wenn manche Sportler, da sie die finanziellen Mittel dazu haben, in Hightech-Labors trainieren können und andere nicht? Ist es „fair“, große Menschen gegen kleine antreten zu lassen? Warum gilt jemand, der sich zweimal im Jahr ein intensives Höhentraining leistet, um im Flachland bessere Leistungen zu bringen, als „natürlicher“ und „ehrlicher“ als jemand, der sich Eigenblut – also nicht einmal etwas „Körperfremdes“ – injiziert? Sind Gebirgsbewohner eigentlich immer gedopt? Wo liegt die angeblich so klare Grenze zwischen Vitamin-C-Präparaten und Epo, die viele dazu bringt, das eine zu nehmen und gleichzeitig das andere zu verteufeln? Ob ich mir Hilfsmittel in die Blutbahn spritze oder sie nur auf dem Körper trage – wo liegt der moralische Unterschied?

Doping sei ungesund, argumentieren andere. Das mag stimmen. Andererseits üben Leistungssportler ihren Sport nicht aus, um gesund zu bleiben. Sie verbrauchen ihren Körper, um Ziele zu erreichen. Körperkraft ist Mittel zum Zweck. Ist die Leistung erbracht, ist der Körper nicht selten ein Wrack, der Mensch aber oft ein Held.


Heitmann wird sehr deutlich, was das moralische Argument angeht:

Die moralische Ablehnung von Doping erklärt sich nicht dadurch, dass jemand offensichtlich gegen eine klar umrissene Spielregel verstoßen hat. Sie rührt vielmehr von einem sehr seltsamen Verständnis dessen her, was als „natürliche“ oder „menschliche“ Leistung angesehen wird. Dabei macht doch menschliche Leistung – und menschliches Leben insgesamt – gerade aus, dass natürliche Grenzen beständig durchbrochen werden. Wenn Doping als willentlich herbeigeführte unnatürliche Leistungssteigerung definiert würde, wären wir alle überführt. Doch die Definition ist viel banaler, denn sie existiert nicht: Doping ist, was auf der Liste eines Sportverbandes steht.

Welchem Zweck dient der Sport in unserer Gesellschaft?

So oft man diese Argumentation vertritt, kommt man schnell in den Geruch, den Sport "kaputt" machen zu wollen. Aber wer macht den Sport denn jetzt kaputt? Ist die jetzige Situation für denjenigen besser, der nicht gedopt hat? Wird er sich nicht irgendwann resigniert zurückziehen oder eben einfach mitmachen? Was ist – auch dieses Problem wird in "Blut und Spiele" angesprochen – wenn irgendwann das "Gen-Doping" kommt? Die Veränderung ist dann irreversibel und wird nur noch ein einziges Mal durchgeführt.

Einerseits. Und andererseits: Wollen wir einen Sport mit Mutanten? Sicherlich nicht. Aber wer sagt denn, dass wir so etwas nicht längst schon haben? Schwimmer, die in ihrem Körper Luftpolster tragen? Beispielsweise.

Wenn, wie oben angesprochen, der Zuschauer eine Mitschuld an der Entwicklung trägt (und es auch nur durch eine Verdrängungskultur) - was sagt dies über den Stellenwert des Sports in der Gesellschaft aus? Dient er überhaupt noch dem hehren Ziel einer "Gesundheit" oder "körperlichen Ertüchtigung"? Oder sind die Sportler schon längst die modernen Gladiatoren des 21. Jahrhunderts?

Vieles spricht vorerst dafür, dass die Medien wieder zur Tagesordnung zurückkehren werden. Es gab bei der Tour de France einige Bauernopfer. Bei der Live-Berichterstattung zur "Deutschland-Tour" gab es keinerlei kritische Töne mehr – obwohl sich an den Parametern nichts verändert hat. Die Durchschnittsgeschwindigkeiten der Spitzenfahrer lag deutlich über 40 km/h. Und das soll nur vom Nudelessen kommen?

ERGÄNZUNG: Die Manuskripte der Sendungen als PDF-Dateien (jeweils ca. 160 kB) kann man anfordern unter inland@wdr.de

Alles Käse

Seit einigen Tagen wird der zu erwartende Anstieg bei Milch und Milchprodukten unter anderem auch eine erhöhte Nachfrage für diese Produkte aus Asien – speziell aus China – angeführt.

Soeben meldete immer noch die ZDF-"heute"-Sendung davon ("Andererseits steigt die Milchnachfrage in Schwellenländern wie China.") – und auch die Tagesschau schloss sich dem Tenor der Meldung an. Von der "Bild"-Zeitung ist man ja nichts anders gewöhnt. Und die "FTD" erklärt, dass Chinesen mit Käse keine Probleme hätten. Das Gegenteil ist der Fall.

Nun, es wird seit langer Zeit versucht, bei der Ernährung von Kindern auch in Asien Milch und Milchpulver ins Geschäft zu kommen. Den Eltern wird versprochen, die Kinder würden besser wachsen und eher "westliche" Längen erreichen. Die Erfolge sind jedoch eher mässig. Denn in Asien (speziell in China) ist die Laktoseintoleranz sehr weit verbreitet. In China sind beispielsweise ca. 93% der Bevölkerung nicht in der Lage, Milch oder Milchprodukte ohne gesundheitliche Schäden zu konsumieren. Die Karte der Wikipedia illustriert das deutlich (je dunkler die Felder, je höher die Laktoseintoleranz in den entsprechenden Regionen):

Weltweite Verteilung Laktoseintoleranz   c Wikipedia

Der fast schon affektartige Reflex, ökonomische Nachfrage oder Verknappungen von Produkten mit einem Boom von China und/oder Indien zu verkoppeln, dürfte hier also in keinem Fall zutreffen.

Auch hier dürfte schreibt also wieder einmal einer vom anderen ab. Der Milchwirtschaft gefällt's: Die "Schuld" für höhere Preise wird delegiert. Wieder mal sind es die Chinesen. Und kein Wissenschaftsjournalist fragt mal…

Wieder eine(r) weniger

Ich habe Alice Schwarzer nie besonders "gemocht". Sie war mir oft zu militant, zu laut, zu polemisch. Aber vielleicht musste man das sein, um ihr Thema – die Emanzipation der Frauen in unserer Gesellschaft – erfolgreich anzupacken und dauerhaft in den Köpfen der breiten Masse zu verankern. Rückwirkend erscheint es dabei, dass Alice Schwarzer alleine gestanden hätte, was nachweislich falsch ist (auch wenn es immer wieder behauptet wird – und neulich sogar durch einen eigentlich renommierter Historiker wie Hans-Ulrich Wehler). Es ist inzwischen vieles Legende geworden, was das Wirken von Alice Schwarzer angeht. Dennoch sind ihre Verdienste nicht zu leugnen. Und die Versuche, sie in diversen Kampagnen zu denunzieren, haben mich immer angewidert. Man kann sagen, ich habe Alice Schwarzer respektiert.

Aber in den letzten Jahren hatte sich wohl Feminismusthema wenn nicht thematisch, so doch rhetorisch erschöpft. Frauen brauchen keine wortgewaltigen Fürsprecher mehr, die nebenbei ihr Mütchen in unzähligen Talkshows kühlen. Unvergessen, ihr ziemlich hilfloses Agieren im Gespräch mit Verona Feldbusch (jetzige Pooth), die normalerweise intellektuell meilenweit unterlegen sein dürfte.

Inzwischen nehmen Frauen das selber in die Hand. Und jetzt hat sich Frau Schwarzer denjenigen zugewandt, die sich in unserer Gesellschaft am wenigstens vor ihrer Zuneigung wehren können: den muslimischen Frauen in Deutschland. Hier kommt ihre Militanz, die sie in Zwangsbeglückungen münden lassen möchte, wieder voll zum Tragen. Und merkwürdig: Erschien mir diese Militanz in den 70er/80er-Jahren noch durchaus notwendig (wenn auch nicht immer treffend), so kommt sie jetzt in Verbindung mit einer besserwisserischen Attitüde daher, die nicht nur peinlich, sondern geradezu abstossend ist. Ihr FAZ-Interview, in dem sie das Kopftuch mit dem Judenstern vergleicht, ist nur ein Beispiel für jene unsägliche Mischung zwischen Anmaßung und Missionsdrang, welche offensichtlich einige Intellektuelle im Alter wie eine fiebrige Krankheit befällt – nur mit dem Unterschied, dass dieses Fieber nicht mehr eingedämmt wird.

Der vorläufige Höhepunkt der Peinlichkeiten um bzw. von Alice Schwarzer ist nicht etwa ihr Buch, welches in der FAZ vorabgedruckt wird. Und auch nicht die diversen Interviews, die sie gibt. Der vorläufige Höhepunkt der Peinlichkeit ist das hier:

Alice ist angekommen

Man schüttelt nur mit dem Kopf und denkt: Wieder eine(r) weniger; endgültig. Und man fragt sich, welche Zeitspanne hier das Verschwinden des letzten Körnchens von Respekt zu nennen wäre.

Einzelgänger

Bei Amokläufen (bzw. das, was als solcher bezeichnet wird) oder ähnlichen Verbrechen kommt eine Charakterisierung bei der Beschreibung des Täters immer wieder zur Anwendung: Der Einzelgänger.

Immer war / ist der Täter ein eigenbrötlerischer Einzelgänger, der – im nachhinein betrachtet – eigentlich immer schon "komisch" war. Soviel schlechter Krimi ist fast immer. Insbesondere die Massenmedien haben schnell ihre Verurteilung gefunden. Mit grossem Vergnügen weidet man sich an denjenigen, der nun (posthum oder mindestens post festum) noch zum "Abschuss" freigegeben wurde.

Aber wer Einzelgängertum derart denunziert, verkennt, dass die grossen Morde der Menschheitsgeschichte immer aus Massenbewegungen hervorgegangen sind. Muss man an die überwältigende Zustimmung fast aller (auch intellektueller Kreise) am 1. August 1914 erinnern, als "endlich" der so lang erwartete Krieg ausbrach? Mit welcher Euphorie waren sie alle dabei (z. B. auch ein Thomas Mann)! Der Einzelgänger war hier derjenige, der sich dem Strom entzog. Derjenige, der weiter dachte. Vier Jahre später wussten es alle.

An den NS-Pöbel und andere Menschheitsverbrecher des 20. Jahrhunderts brauche ich nicht weiter erinnern. Sie hatten eines sicher gemein: Sie wurden von der Masse getragen (wenigstens am Anfang). Wer sich ihnen widersetzte, wurde oft genug an Leib und Leben bedroht. Der Einzelgänger war meist dagegen.

Einzelgänger waren Menschen wie Georg Elser, den heute kaum einer kennt. Ein einfacher Mensch, der erkannte, dass Hitler beseitigt gehört und der als einzelner das tat, was er glaubte, tun zu müssen. Das es heute in kaum einer deutschen Grossstadt eine "Georg-Elser-Strasse" gibt, dafür aber unzählige Hindenburgstrassen, ist eine Schande.

Die meisten Künstler sind (bzw. waren) Einzelgänger. In einem Mainstream, der Individualismus nur im Rahmen einer bestimmten Konformität gestattet, kann keine Kunst entstehen. Massengeschmack und Kunst gehen nur selten gemeinsame Wege.

Zu behaupten, Cho Seung-Hui sei ein Einzelgänger gewesen, sagt gar nichts über ihn aus. Es sagt aber eine Menge über eine Gesellschaft aus, die glaubt, derartige Trivialinjurien als "Wahrheit" verkaufen zu können. Es wird suggeriert, dass jemand, der einer "Masse" angehört, so etwas nicht tut. Sie entlastet sich damit selber von der Verantwortung. In den USA beispielsweise ist das sehr bequem, denn man braucht sich um eine Verschärfung des Waffengesetzes nicht zu kümmern, wenn man den Täter posthum aus der Gesellschaft stösst.

Ohne Einzelgänger gäbe es keinen Fortschritt. Dass einige wenige gelegentlich verrückt sind, widerspricht nicht der Notwendigkeit, dass es sie gibt. Mir graut mehr vor den Massen. Irgendwie.

Der furchtbare Politiker

Da zeigt die CDU wieder ihre alte, hässliche 50er-Jahre-Fratze – und das während sich in Berlin Merkel, von der Leyen & Co. um eine moderne CDU bemühen.

Bei der Beerdigung des ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, belässt es der amtierende Ministerpräsident Günther Oettinger nicht bei allgemeinen, floskelhaften Reden, sondern verklärt denjenigen, der kaum wie ein anderer als Prototyp des "furchtbaren Juristen" gilt. Die Zitate, die seit gestern Nachmittag in den Agenturen zu lesen sind, sprechen eine deutliche Sprache.

Oettinger postuliert wahrheitswidrig Hans Filbinger war kein Nationalsozialist (er trat 1937 der NSDAP bei) um dann über 60 Jahre nach der Verurteilung die Opfer des als Richters tätigen in übler Weise zu verhöhnen:

Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte.

Das ist eine eindeutige Lüge – es sei denn, man macht sich den Zynismus zu eigen, dass jeder Mensch eh' sterben muss, und es daher gleichgültig sei, ob früher oder später. Oettinger kommt mit dem seit Jahrzehnten strapazierten, unzählige Male widerlegten "Befehlsnotstand":

Er hatte nicht die Entscheidungsmacht und nicht die Entscheidungsfreiheit, die seine Kritiker ihm unterstellen.

Wie entscheidungsmächtig und -stark Filbinger tatsächlich war, ist hinreichend dokumentiert (übrigens auch in entlastender Hinsicht). Aber alle historische Forschung wischt Oettinger mit seinem Furor mit einem Federstrich weg, in dem er behauptet, Für uns Nachgeborene ist es schwer bis unmöglich, die damalige Zeit zu beurteilen. Genau das macht Oettinger dann trotzdem – und zwar für FIlbinger, den er fast als Widerstandskämpfer hochstilisiert und damit eine eklatante Geschichtsfälschung betreibt.

Von den illustren Ehrengästen (u. a. Lothar Späth [Filbingers Nachfolger] und Bundesinnenminister Schäuble) ist kein Wort des Widerspruchs bekannt.

Es wird interessant sein zu beobachten, ob diese Äusserungen Oettingers Konsequenzen haben werden, oder ob man schnell wieder zur Tagesordnung übergehen wird.

Kommentare hier...

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 19:39
Also über die Zugriffszahlen...
Also über die Zugriffszahlen kannst du dich wirklich...
Köppnick - 2008-05-13 17:26
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 13:47
Moderation - ja, jetzt...
Moderation - ja, jetzt fällt es mir auch wieder...
Köppnick - 2008-05-12 19:18
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 16:48
Was meinst du denn mit...
Was meinst du denn mit Moderation? Löschen kann...
Köppnick - 2008-05-12 16:30
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 13:37
Dialektik der Abklärung:...
Dialektik der Abklärung: Umrisse einer neuen Sicht...
Frank-C. Hansel (anonym) - 2008-05-10 12:24
Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58

...anderswo

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
begleitschreiben - 2008-05-13 19:39
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
begleitschreiben - 2008-05-13 13:47
Wie kann man denn ein...
Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?
kursiv - 2008-05-12 21:42
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
begleitschreiben - 2008-05-12 16:48
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
begleitschreiben - 2008-05-12 13:37

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