Religion

Ist Gott gefährlich? - Ulrich Beck und seine schlichten Thesen

Irgendwo habe ich mal gelesen, Ulrich Beck schreibe manchmal sehr schnell. Einen Essay oder ein kleines Buch in wenigen Tagen – keine Problem. Hieraus resultiert dann gelegentlich auch mal der Vorwurf des Schnellen, Voreiligen; gar eines kessen Zeitgeistsurfers. Sein neuester Essay in der aktuellen Ausgabe der "ZEIT" scheint von dieser Art zu sein. "Gott-ist-gefaehrlich- (pdf, 188 KB)" schreibt der renommierte Soziologe und stupende Risikoforscher Beck dort und formuliert fünf Thesen, die dieses arg pauschale Urteil bestätigen sollen – und enttäuschend schlicht daherkommen.

Becks AppellBecks erste These beschäftigt sich mit der Dualität Gläubiger und Ungläubiger. Zwar postulierten religiöse Systeme die Gleichheit aller Menschen – aber im gleichen Moment, wo diese Brücke gebaut sei, zerstöre man durch die dualistische Logik zwischen Ungläubigen und Gläubigen diese Versöhnungsgeste wieder. Und Beck möchte dem Gesundheitsminister ins Stammbuch schreiben: Religion tötet. Religion darf an Jugendliche unter 18 Jahren nicht weitergegeben werden.

Ein schönes Aperçu und stimmig mit den Dawkins' und Hitchens' dieser Tage. Beck sagt aber leider nicht, wem dieser fesche Appell des säkularen Trendsetters gilt. Gilt er dem Staat? Soll damit gesagt werden, dass der Staat seine Aufgabe nicht mehr länger darin sehen kann, im Religionsunterricht in den Schulen diese eine Religion sozusagen als Monopol zu verordnen bzw. zu verorten? Dann hätte er Position zu der Frage eines Ethikunterrichts als Alternative zum bisherigen Religionsunterricht an den Schulen bezogen. Einem Punkt, dem tatsächlich voll zuzustimmen ist, denn auch wenn eine normative Trennung zwischen Staat und Kirche in der Bundesrepublik nicht existiert, so wäre doch eine eher laizistische Position seiner Institutionen wünschenswert (und damit ein Anfang gemacht). Alleine, um im interkulturellen Kontext andere religiöse und ethische Systeme vorzustellen.

Oder meint er, dass das Verbot mit religiösen Systemen in Kontakt zu kommen, auch von seiten der Erziehungsberechtigten einzufordern ist? Will Beck in das private Erziehungsmonopol (Art. 6 GG) eingreifen? Wohl kaum. Und wer erklärt dann den Kindern Weihnachten oder Ostern – oder werden diese Festtage gleich mit "säkularisiert" und der kommerziellem Vermarktung endgültig preisgegeben? Und dann die Fragen von leuchtenden Kinderaugen, was man denn in diesen grossen Gebäuden da mache, in denen einige Menschen immer an bestimmten Tagen hineingehen? Wie denjenigen erklären, die im fortgeschrittenen Jugendlichenalter am Computer bereits ganze Weltreiche befehligen oder Jagdfliegerstaffeln kommandieren, dass das, was sich in diesen ominösen Häusern abspielt, noch nichts für ihre jungen, reinen Seelen sei und die Versammlung der Gläubigen in Kirchen, Moscheen oder Synagogen damit einen konspirativen Charakter bekommt? Würde nicht gerade dann sogar eine gewisse Neugier angestachelt?

Am Anfang macht sich Beck über die Drei-Tage-Christen und den Konsum der Kirchentheaterdienstleistung lustig – aber was ist mit diesen Elfmonatsatheisten eigentlich, die ihren rationalistischen Furor immer dann spazieren führen, wenn für sie gerade mal die Sonne scheint?

Auch seine zweite These hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Sein Versuch einer Trennung zwischen "Religion" und "religiös" ist irgendwie nicht überzeugend – und im fortschreitenden Eklektizismus der Religionen, wie er ihn für Japan beschreibt, könnte man doch als positives Element die Atomisierung der Dogmengläubigkeit zu jeder einzelnen Religion erkennen. Seltsam – diese Angst vor der Vermischung der einzelnen religiösen Bräuche hat er dann sicherlich durchaus mit den jeweiligen Exegeten des "reinen Glaubens" gemein.

Mit der dritten (Glaube sticht Verstand - ist das nicht für jede Weltanschauung immanent?) und vierten These greift Beck direkt die Argumente des aktuellen "neuen Atheismus" auf. Er erkennt eine virulente Nähe zwischen der manichäischen Welt der Religionen und des Nationalismus. Die Germanisierung des Christentums während der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere eines aggressive[n], antreibende[n] Antisemitismus protestantischer Gemeinden, erkennt Beck nicht als Pervertierung des christlichen Menschenbildes, sondern als dessen Folge. Der Theologennationalismus während des sogenannten Dritten Reiches wird als Inspirationsquelle für den Totalitarismus der Nationalsozialisten gesehen.

Das ist – mit Verlaub – in dieser Kontinuität gesehen nichts anderes als Geschichtsklitterung. Beck übernimmt hier ungelenk (und stark verkürzend) Goldhagens These vom spezifisch deutschen "eliminatorischen Antisemitismus", aber während Goldhagen ausgesprochen scharf die katholische Kirche (und auch den Vatikan) angreift, kapriziert sich Beck auf den Protestantismus, um in einem Befreiungsschlag gleich das ganze Christentum zu denunzieren.

Beck setzt in der – berechtigten – Negation der absolutistischen Wahrheitsansprüche der monotheistischen Religionen einfach den absolutistischen Wahrheitsanspruch seines Säkularismus. Ich hätte gerne erfahren, worin dieser besteht. Stattdessen schreibt er sich ab an der Geisselung religiöser Systeme. Am Ende wird ein wenig über Gandhis "Hinduismus" erzählt (für Beck ist Hinduismus offensichtlich homogen, was aber definitiv nicht der Fall ist und damals schon gar nicht) und stattdessen Beton für die nächste Vergötterung gerührt.

Also noch einmal die Frage: Ist Gott gefährlich? Oder sind nur diejenigen gefährlich, die Gott für ihre Zwecke usurpieren? Natürlich ist es ein einfaches Spiel, immer zu behaupten, die Religion würde "missbraucht". Aber wird sie nicht in diesem Moment auch vom glühenden Atheisten "missbraucht", der sie als Folie für sein wachsendes Unbehagen an der Moderne braucht? Und wie immer, wenn ein Projekt zu scheitern droht oder der Wind ins Gesicht weht, braucht es knorrige Sündenböcke, die leicht herangezogen werden können (und es den Kritikern auch oft genug leicht machen).

Wird vielleicht deshalb suggeriert, auch in Rom würde den Ungläubigen der Status des Menschen überhaupt abgesprochen? Woran macht er das dingfest? Die neue Papst-Enzyklika sagt etwas anderes. Und sogar im Koran ist definiert, wer der "Ungläubige" ist. Freilich gibt es im Islam keine einheitlichen Lesarten.

Statt das Unbehagen an der Moderne, der sozialen Vereinzelung, die Überforderungen des individualisierten, jeglicher Transzendenz "befreiten" Menschen zu beschreiben, werden die Nischen der teilweise nur noch virtuellen Gottesgemeinden dieser Welt dafür verantwortlich gemacht. Verwechselt man nicht Ursache und Wirkung? Ist Becks Beschwörung des gefährlichen Gottes nicht eher ein eifersüchtiges Schauen auf das, was im Projekt der Moderne nicht mehr zu funktionieren scheint?

Kann man die bedrohlich überschwappende Welle antiaufklärerischer Kreationisten aus den USA mit der Bannung jeglicher Religion bekämpfen? Kann, und das ist nicht rhetorisch gefragt, die Moderne die antimodernen Affekte nur seinerseits mit antimodernen Affekten, also mit strikten Verboten, schützen? Was wäre eine Gesellschaft wert, die ihre Werte nur für ihresgleichen verteidigt und die Gefahren, die durch andere Weltanschauungen drohen oder zu drohen scheinen, schlichtweg verbietet ? Und wie kann das "Projekt der Moderne", welches offensichtlich mehr und mehr als Überforderung – auch und gerade in industrialisierten Gesellschaften – wahrgenommen wird, wieder attraktiv gemacht werden?

Ich wünschte mir eine in diesem Sinne fruchtbare Religionskritik. Religionskritik, die ihren Gegenstand nicht diffamiert, sondern wahrnimmt, ihre Vorteile erkennt, aber ihre Nachteile in einem strikt weltanschaulich neutralen Staat bekämpft. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten.
Hiermit ist dann erst einmal von meiner Seite zum Thema Religion und Atheismus Schluss.

Christopher Hitchens: Der Herr ist kein Hirte

Christopher Hitchens  Der Herr ist kein HirteIn dem Film "Modern Times" ("Moderne Zeiten") von 1936 muss der Arbeiter Charlie (gespielt von Charlie Chaplin) mit zwei Schraubenschlüsseln laufend Schrauben anziehen. Charlie verinnerlicht diese immergleichen Fliessbandbewegungen so stark, dass er irgendwann diese auch an den Brustwarzen, Nasen oder Hinterteilen seiner Kollegen, an irgendwelchen Knöpfen, an Hydranten - und schliesslich auch an vorbeiflanierenden Frauen wie der Sekretärin des Chefs und einer korpulenten Dame auf der Strasse ausüben möchte. Charlie sieht überall nur noch Schrauben. Alles muss von ihm festgeschraubt werden. Er steht vor dem Wahnsinn; die Monotonie seiner Arbeit hat seine Sinne vorübergehend deformiert.

Arbeitsverhältnisse wie 1936 gibt es kaum noch. Dennoch kann es auch heute noch passieren, dass eine einseitige Ausrichtung einer Tätigkeit zu der Ausblendung dessen, was man vielleicht 'vollständige Wahrnehmung' nennen könnte, führen kann. Ich habe Grund zu der Annahme, dass dies bei dem Journalisten Christopher Hitchens der Fall ist. Hitchens' selektive Wahrnehmung dokumentiert sein Buch Der Herr ist kein Hirte.

Der Rummel

Religionskritische Bücher sind derzeit en vogue. Hitchens' Buch stand (und steht) – wie auch Richard Dawkins' "Der Gotteswahn" - auf diversen Bestsellerlisten, u. a. in den USA. Sie sorgen für Furore. Aus unterschiedlichen Gründen. Zunächst wegen ihrer Mischung von spätpubertärem Jargon und kalkulierter Tabuverletzung. Auf so etwas Rückständiges wie Pietät (was religiöse Gefühle von gläubigen Menschen angeht) wurde explizit keine Rücksicht mehr genommen.

Ein anderer Grund liegt darin, dass religiöse Radikalisten sowohl im Islam als auch im Christentum eine irgendwie geartete Stellungnahme des Individuums "verlangen". Religionen zwingen uns (wieder) zu einem Standpunkt. Dies hat vor allem mit dem selbstbewussten Auftreten radikaler Religionsexegeten zu tun; sowohl in einigen islamischen Ländern als auch (und für uns besonders relevant) in den USA. Dort streben Kreationisten die Abkehr von den Lehren der Naturwissenschaften hin zu wörtlichen Auslegungen der Bibel an – und das bereits in der Schule beginnend. Jahrzehntelang eher eine private Nebensache, bekommt Religion gesellschaftspolitische Relevanz, weil sie von bestimmten Gruppen offensiv als Alternative zu bestehenden Ordnungen eingebracht wird und nicht auf der spirituellen Ebene ausgeübt werden soll, sondern bestimmend bis in die Alltäglichkeit wirken soll. Auch Agnostiker oder Atheisten in den westlichen Staaten müssen sich zu religiösen Gesellschaftsbewegungen – unter Umständen sowohl von Einheimischen als auch von Einwanderern - positionieren.

Das immer virulentere Durchdringen kreationistischen Denkens dürfte den Erfolg der beiden Bücher in den USA befördert haben. Inzwischen wird nicht nur von linksliberalen Kräften in den Vereinigten Staaten, sondern durchaus auch von gemässigten Christen vor weiterer Infiltration bis in die höchsten politischen Entscheidungsgremien gewarnt.

Koch und Kellner

Heiligt (sic!) aber der Zweck die Mittel? Hitchens' Buch wurde in Deutschland erstaunlicherweise von vielen Rezensenten wohlwollender und milder aufgenommen als Dawkins'. Und im Gegensatz zu Dawkins, der sich inzwischen als Initiator der "Brights"-Bewegung quasi guruähnlichen Status verschafft hat (was Hitchens gleich auf den ersten Seiten seines Buches kritisiert), konzidiert er durchaus so etwas wie eine "Seele" (Dawkins lehnt dieses Konstrukt radikal ab). Hitchens hält auch Atheisten nicht per se für intelligenter. Aber während Dawkins sich ausschliesslich mit den monotheistischen Religionen beschäftigt und fernöstliche Religionen als ethische Systeme begreift und ausklammert, wütet Hitchens hemmungslos gegen alle möglichen Glaubensbekenntnisse. Religionen, so mit grossem Überschwang und Pauschalität (seine Hauptwaffe) verkündet, sind dem Rassismus nicht unähnlich.

Seine vier Einwände gegen den religiösen Glauben formuliert Hitchens gleich am Anfang:

Er stellt die Ursprünge des Menschen und des Universums völlig falsch dar, er verbindet infolge dieses Irrtums ein Höchstmass an Unterwürfigkeit mit einem Höchstmass an Solipsismus, er ist Folge und Ursache einer gefährlichen sexuellen Repression, und er fusst letzten Endes auf Wunschdenken.

Typisch für ihn dieser Nachtrag: Ich glaube, es ist nicht arrogant, wenn ich behaupte, dass ich diese vier Einwände entdeckte, ehe ich in den Stimmbruch kam. (Und ich glaube, es ist nicht arrogant, wenn ich behaupte, dass ich solche Wahrheitsminister schon vor meinem Stimmbruch nicht leiden konnte.)

Schnell kommt dann die "Erkenntnis", dass der Mensch Gott und die Religion erschaffen habe – was vielleicht nicht so originell für ein religionskritisches Buch des 21. Jahrhunderts ist. Das wirkt im Vergleich zu Dawkins noch wesentlicher einfacher gestrickt (und man ist überrascht, dass das noch geht).

Die Wiederkehr des Immergleichen

Und dennoch sind die Gemeinsamkeiten der beiden Bücher frappierend. Wie Dawkins kritisiert Hitchens vehement das Alte Testament (insbesondere das Abraham-Opfer - Hitchens bleibt fast ausschliesslich beim Pentateuch [zusammengeschusterte Fiktion], um dann allerdings im nächsten Kapitel zu behaupten, dass das Gefasel im Neuen Testament noch viel schlimmer sei); mokiert sich über den "Cargo-Kult" südostasiatischer und pazifischer Ureinwohner; vereinnahmt Einstein als Gesinnungsgenosse (weniger akribisch als Dawkins); sieht Religionserziehung als Kindesmissbrauch und empört sich seitenlang darüber; prügelt auf Mutter Teresa ein (freilich aus anderen Gründen als Dawkins), hält Religion für unmoralisch (und postuliert Shakespeare für moralisch weitaus gewichtiger – von solcher Art sind Hitchens' Gegenentwürfe häufig) oder sieht Religiosität für eine ernstzunehmende Bedrohung für die Volksgesundheit (mit letzterem geisselt er scharf die in der Tat fürchterliche Sexualmoal der katholischen Kirche – insbesondere was die Verhütungspraxis gegen AIDS angeht).

Fast kongruent zu den Dawkins'schen Erlebnisschilderungen beschreibt Hitchens seine Religionsschulstunden – und in ziemlicher Überheblichkeit erklärt er dem Leser, wie früh er bereits alles durchschaut und so nebenbei die Deutung eines Freud-Essays eskomptiert habe. Ein bisschen reservierter fällt bei Hitchens die "Alternative" zur Religion aus – er hält zwar die Evolution für klüger als wir und preist die Schönheit der DNS-Doppelhelix, aber so richtig vermag ihn so etwas wohl nicht zu begeistern.

Irgendwann überkommt ihn dann für einen kurzen Augenblick Mitleid für all diejenigen, die nun – aufgrund der Lektüre dieses Buches – von ihrem alten Weltbild Abschied nehmen müssen. Er macht dies daran fest, in dem er sich als ehemaliger Marxist outet und beschreibt, wie schwer es ihm gefallen sei, sich hiervon zu trennen und erzählt von seinem früheren Phantomschmerz.

Der britische Broder

Hitchens' politisches Weltbild spielt in dem Buch zwar direkt keine Rolle, schimmert aber durchaus zwischen den Zeilen durch. Denn während Dawkins bei allem teilweise bösartigen Furor vor allem gegen kreationistische und evangelikale Kräfte in den USA stösst und so ganz "nebenbei" dezidiert keinen Hehl aus der Ablehnung der Politik der Bush-Administration (aussen- wie innenpolitisch) machte, liegt die Lage bei Hitchens anders. Zwar widmet sich Hitchens auch den Kreationisten (mehr allerdings noch den Mormonen), aber nicht mit der Verve von Dawkins.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist schon, dass Hitchens sehr wohl ein bekennender Befürworter beispielsweise des Irakkrieges 2003 (wie er noch unlängst in einem Gespräch mit Peter Schneider in der "Zeit" sagte). Man könnte ihn hinsichtlich seiner dezidiert islamophoben Äusserungen (er bezweifelt ja sogar, ob der Islam eine eigene Religion darstellt) durchaus als britischen Henryk M. Broder bezeichnen (hierzu auch dieser recht aktuelle Artikel in der "WELT"). Im Buch stellt er zum Beispiel die These auf, Saddam Husseins Regime sei gar nicht säkular gewesen, sondern etliche seiner Krieger seien verkappte Dschihadisten gewesen.

Mit ähnlichen schlichtweg falschen Äusserungen muss sich der Leser im Verlauf des Buches oft abgeben. Das Buch strotzt geradezu vor Fehlern, einseitigen Wahrnehmungen und böswilligen Unterstellungen.

Komplexitätsreduzierung

So sind für ihn beispielsweise die Jugoslawienkriege der 90er Jahre eindeutig Religionskriege. Nicht Serben und Kroaten kämpften dort – sondern orthodoxe Christen gegen Katholiken. Und warum, so Hitchens, bezeichnet man die Muslime eigentlich als einzige Gruppe mit ihrer Religion? Stimmt zwar so gar nicht, möchte man ihm zurufen – man sagt durchaus 'Bosnier' – aber da ist das Thema auch schon durch. Später ist es für ihn dann ausgemacht, dass der Völkermord von 1994 in Ruanda zwischen Hutu und Tutsi von der katholisch infiltrierten Hutu-Power angestachelt wurde. Dabei gibt es zahlreiche Untersuchungen, die diese Kausalität nicht bestätigen (man lese z. B. Günther Schlee im Interview in der SZ).

Hitchens verschont südostasiatische Religionen nicht. So überzieht er den japanischen Mahayana-Buddhismus nebst "Tennokult" mit beissendem Hass (nebenbei stellt er gönnerhaft fest, dass man 1945 beschlossen hatte, den lächerlichen Tenno am Leben zu erhalten – von den Atombombenabwürfen sagt er nichts), kratzt gewaltig am tibetanischen Buddhismus (hier macht er auch Sadisten aus) und bezeichnet den Dalai Lama als mittelalterlichen Kronprinz (und suggeriert, die Verhältnisse von 1959 in Tibet wären heute noch genau so, wenn die Chinesen damals nicht Tibet überfallen hätten).

Er wettert – weitgehend kenntnislos in Details - gegen den "Hinduismus" und den angeblichen Friedensmann Gandhi, der in entscheidenden Situationen vor religiösen Gegebenheiten kapituliert hätte. Hitchens weiss allerdings schlichtweg nicht, dass es den "Hinduglauben" in diesem Sinne gar nicht gibt, sondern das es sich um eine sehr grobe Subsummierung unterschiedlichster Gläubiger handelt (als Hauptrichtungen können der Vishnuismus und der Shivaismus genannt werden; das ist aber beileibe nicht vollständig) Die Typisierung "Hinduismus" stammt aus der Kolonialzeit. Der Vorwurf, Gandhi hätte mit Indien einen antimodernistischen Kurs verfolgt (auch wirtschaftspolitisch), ist absurd begründet: Er, Gandhi, hätte das Spinnrad in die Flagge Indiens gebracht und dies sei ein Symbol für ökonomischen Rückschritt (wir reden von 1946/47). Und Hitchens glaubt allen Ernstes, dass auch heute noch in der indischen Flagge ein Spinnrad zu finden ist – ein Lesen beispielsweise des Wikipedia-Artikels über die tatsächliche Symbolik des Rades hätte Aufklärung verschafft.

Aber alles, was nicht in seine einfache Weltsicht passt, wird schlichtweg ignoriert. So stimmt er einen wütenden Exkurs über das südafrikanische Apartheid-Regime an, welches von der katholischen Kirche inspiriert, gestützt und am Leben erhalten worden sei. Aber von Desmond Tutu und dem Wirken des südafrikanischen Kirchenrates gegen die Apartheid (Tutu bekam – nur zur Erinnerung – 1984 den Friedensnobelpreis) kein einziges Wort. Dieser Mensch und dieses Wirken existiert für ihn nicht – sonst würde ja seine forsche These auch nicht mehr stimmen.

"Was ohne Beweise behauptet werden kann, lässt sich auch ohne Beweise verwerfen."

Was soll man jemandem glauben (!), der so grob die Regeln des fairen Diskurses verletzt, der wichtige Aspekte einfach weglässt, nur weil sie nicht in seine Argumentation hineinpassen? Wie kann jemand, der in solch plumper und dummer Art und Weise die Realitäten verbiegt, überhaupt Ernst genommen werden? Und – eine Frage auch den Verlag: Wie kann man eigentlich (offensichtlich ohne Lektorat bzw. Bearbeitung) einen solchen über viele Strecken blühenden Unsinn drucken?

Was ohne Beweise behauptet werden kann, lässt sich auch ohne Beweise verwerfen. Dieses Zitat verwendet Hitchens in Bezug auf die zahlreichen religiös konnotierten "Bestrafungstheorien" zum Attentat des 11. September 2001. Wenn er diesen Satz ernst nimmt, dann könnte er den grosse Teile seines Buches verwerfen. Hitchens hat gar keine Ahnung von Religionskritik. "Nebenbei" denunziert er mit Wonne Befreiungstheologen. Er schreibt über Ethik, zitiert einen Satz von Kant (die Naturgesetzformel des kategorischen Imperativs) und folgert daraus, Kant habe gezeigt, dass es hiernach keiner übernatürlichen Macht mehr bedürfe. So einfach ist Hitchens' Welt.

Oftmals setzt er Attribute nur noch in Bezug auf Religion. Aus der deutschen Intellektuellen Hannah Arendt wird beispielsweise eine jüdisch-säkulare Intellektuelle. Ihre Totalitarismuskritik wird von ihm zur Religionskritik vereinnahmt. Ähnlich 'missbraucht' er George Orwell. Seinen Satz "Der totalitäre Staat ist praktisch eine Theokratie" versteht er wörtlich. Das in "1984" konzipierte "Gedankenverbrechen" verwendet er als Ausdruck für religiös motivierte Häresie und suggeriert eine Nähe zur Inquisition. Nur am Rande dann die Bemerkung, dass Orwell auch eine Auseinandersetzung mit dem Stalinismus betrieben haben könnte.

'Ach wie gut, dass ich nichts weiss…'

Viele seiner Ausführungen sind derart skurrile Schlussfolgerungen, dass es einem fast die Tränen in die Augen treiben. Am Beispiel des radikal antireligiös kommunistischen Albanien zur Zeit des Kalten Krieges, schlussfolgert Hitchens, dass der religiöse Impuls – das Bedürfnis nach Gottesverehrung – noch abscheulichere Formen annehmen kann, wenn er unterdrückt wird, was wiederum nicht gerade für diese Neigung spricht. Oder wenn er meint Regeln sollen so sein, dass man sie befolgen kann. Aber wie legt man denn so etwas fest? Wer ist überhaupt man? Freilich, mit solchen "Kleinigkeiten" hält sich ein Mann wie Hitchens nicht auf.

Seine Tiraden kommen manchmal wir Wirbelstürme hereingeweht. Urplötzlich ist er dann bei Mel Gibson und seinem kruden Leidensepos "Passion Christ". Das klingt dann so: Im Jahr 2004 produzierte der australische Faschist und Schmierenkomödiant Mel Gibson eine Seifenoper über den Tod Jesu. Im weiteren Verlauf wird Gibson noch als Judenhetzer charakterisiert (in der Tat ist der Film in dieser Hinsicht umstritten – hat aber durchaus eine differenziertere Kritik verdient) und sein Film als sadomasochistische[r] Homoerotik "qualifiziert". Ich wüsste gerne, welchen Film Hitchens wirklich gesehen hat…

Anderes ist schlichtweg falsch. So schliesst er nicht aus, dass Sokrates (der von ihm wegen seiner Standhaftigkeit wider religiöse Indoktrination hymnisch gefeiert wird) vielleicht gar nicht gelebt hat; hält Homer für eine mystische Figur; meint, Nietzsche habe mit seinem "Gott ist tot"-Ausspruch einen Denkfehler begangen, weil er dann ja von der Existenz Gottes ausgegangen sei (er versteht die Intention dieses Ausspruchs nicht); sieht das berühmt-berüchtigte "Auge um Auge, Zahn um Zahn" als Vergeltungsaufforderung (jeder Theologiestudent im ersten Semester weiss es besser), und so weiter - die Liste liesse sich noch lange fortsetzen. Wenn er gar nicht mehr weiter weiss, dann heisst es lapidar, das spielt für uns keine Rolle.

Aber einmal stimmt der Leser ihm rückhaltlos zu: Die Kollektivierung der Schuld ist unverantwortlich. Aber warum, so fragt man sich, verstösst Hitchens dann permanent gegen diesen, seinen eigenen Imperativ? Warum handelt er derart unverantwortlich? Ist es nur der Publicity wegen?

Mangelnde Selbstreflexion

Der Jargon, dessen sich Hitchens bedient, ermüdet irgendwann den Leser. Die letzten Seiten ziehen sich unendlich hin. Viel Neues weiss er dann nicht mehr zu berichten. Und der am Schluss zitierte Orakelspruch von Delphi (den er auch mißinterpretiert) "Erkenne Dich selbst" könnte als Möglichkeit zur Selbstreflexion dienen. Aber so etwas perlt an Hitchens ab, wie an einer Ente das Wasser.

Der Herr ist kein Hirte ist keine Religionskritik, sondern triviale Krawallprosa. Hitchens verwechselt ja sogar die Begriffe 'säkular' und 'laizistisch'. Und den Religions-Apologeten ähnlich, die mit ihren Gottesbeweisen fast immer nur bei den bereits Glaubenden reüssieren werden, sind derartige Elaborate für eine tiefe (und tatsächlich notwendige, allerdings alle grossen Religionen umfassende) Auseinandersetzung mit dem Ziel einer möglichst friedlichen Säkularisierung von Entitäten absolut untauglich (und eher kontraproduktiv).

Hitchens Buch spiegelt dahingehend den Zeitgeist wieder, da die Bereitschaft sich argumentativ und nicht mit vorgefassten Meinungen einer Sache zu nähern, stark abnimmt und eher als altmodisch bzw. - fast noch schlimmer – als langweilig betrachtet wird. Dabei werden dann allzu oft die Verhaltensweisen kopiert, die man an anderen kritisiert, weil man glaubt, mit gleicher Münze zurückzahlen zu dürfen. Ausser zur Mobilisierung der eigenen Truppen und einer kurzfristigen Entfesselung eines kalkulierten Hypes tragen Leute wie Hitchens (und auch Dawkins) nichts bei.

Christopher Hitchens: Der Herr ist kein Hirte

Christopher Hitchens  Der Herr ist kein HirteIn dem Film "Modern Times" ("Moderne Zeiten") von 1936 muss der Arbeiter Charlie (gespielt von Charlie Chaplin) mit zwei Schraubenschlüsseln laufend Schrauben anziehen. Charlie verinnerlicht diese immergleichen Fliessbandbewegungen so stark, dass er irgendwann diese auch an den Brustwarzen, Nasen oder Hinterteilen seiner Kollegen, an irgendwelchen Knöpfen, an Hydranten - und schliesslich auch an vorbeiflanierenden Frauen wie der Sekretärin des Chefs und einer korpulenten Dame auf der Strasse ausüben möchte. Charlie sieht überall nur noch Schrauben. Alles muss von ihm festgeschraubt werden. Er steht vor dem Wahnsinn; die Monotonie seiner Arbeit hat seine Sinne vorübergehend deformiert.

Arbeitsverhältnisse wie 1936 gibt es kaum noch. Dennoch kann es auch heute noch passieren, dass eine einseitige Ausrichtung einer Tätigkeit zu der Ausblendung dessen, was man vielleicht 'vollständige Wahrnehmung' nennen könnte, führen kann. Ich habe Grund zu der Annahme, dass dies bei dem Journalisten Christopher Hitchens der Fall ist. Hitchens' selektive Wahrnehmung dokumentiert sein Buch Der Herr ist kein Hirte.

[weiterlesen und kommentieren]

Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Richard Dawkins  Der Gotteswahn"Der Gotteswahn" ist ein Missionierungsversuch, eine Kampfschrift wider alles und allem, was in irgendeiner Form mit Transzendenz in Verbindung gebracht werden kann. Der rationalistische Furor des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins ist eine Mischung zwischen krudem Weltverbesserungspathos, der Paranoia frommer Exorzisten, die überall nur noch Besessene sehen, die von ihrer Krankheit zu heilen sind und einem archaisch-jakobinischem Moralverständnis. Der monotheistischen Chauvinismus speziell des Christentums hat es ihm angetan (früh werden Konfuzianismus und Buddhismus ausgeklammert; sie werden flugs als ethische Systeme eingeordnet) und sein Bildersturm für einen radikalen Atheismus nimmt im Laufe des Buches wahrhaft kulturrevolutionärere Züge an (verflacht dann allerdings auf den letzten 50 Seiten).

Religion ist eine "psychiatrische Krankheit"

Es ist eigentlich ganz einfach. Zunächst einmal wird der Atheismus als tapferes, grossartiges Ziel ausgegeben. Dann verweigert Dawkins ausdrücklich und dezidiert den religiösen Gefühlen von Menschen seinen Respekt – vermutlich, um historische Ungerechtigkeiten ein für allemal auszugleichen (der bewusstseinserweiternde Feminismus der 68er ist da sein "Lehrmeister"). Eigentlich also ein Vorgehen, welches dem freimütig bekannten Zweck der Bekehrung zuwiderläuft, denn gemeinhin gewinnt man einen Menschen für eine Idee nicht dadurch, in dem man seine bisherigen Überzeugungen in den Dreck zieht. Nachdem dann Albert Einstein und – etwas später -Thomas Jefferson als Gesinnungsgenossen vereinnahmt wurden (bei Jefferson unterschlägt Dawkins allerdings dessen Bewunderung dem Neuen Testament gegenüber, welches in der sogenannten "Jefferson Bible" mündete) geht es dann los: Religion ist eine psychiatrische Krankheit, ein Virus, sie entsteht durch Fehlfunktionen einzelner Gehirnmodule; ihre Verfechter sind sehr viel dümmer als Atheisten (gläubige Katholiken haben – immer noch nach Dawkins – eine unterdurchschnittliche Intelligenz).

Die Theologie selber ist gar kein Forschungsgegenstand, da Gott eh nicht existiert (ein Schluss, der den Autor für den Rest des Buches entbindet, sich mit kritischen religionswissenschaftlichen Stimmen auseinanderzusetzen); eine "Seele", die den Körper überdauert, existiert ebenfalls nicht. Ein besonderes Anliegen ist ihm die religiöse Indoktrination von Kindern und er behauptet, der durch sexuellen Missbrauch erzeugte psychische Schaden, sei nachweislich geringer als der, den eine katholische Erziehung anrichte. Und ein Beispiel für das Unheil, welches Religionen heute noch anrichten, erkennt er im islamischen Dschihadismus, in dem er die Aktionen der Selbstmordattentäter als aus der Religion abgeleitete Imperative behauptet.

Umfrage per E-Mail

In Anbetracht dessen, dass Dawkins ein Wissenschaftler ist, sind seine Methoden – gelinde gesagt - reichlich merkwürdig. Als er beispielsweise beweisen will, dass Hochschulgelehrte in Grossbritannien im Verhältnis zur Bevölkerung überdurchschnittlich atheistisch eingestellt sind (also ein indirekter weiterer Nachweis für die These, dass religiöse Menschen unintelligent sind), zitiert er eine Studie, die wie folgt ablief: Befragt wurden 1074 Fellows der Royal Society, die eine E-Mail-Adresse besassen (die grosse Mehrheit), und von diesen antworteten ungefähr 23 Prozent (was für eine solche Untersuchung eine gute Quote ist). Das Resultat: Nur 3,3 Prozent der Fellows äusserten zu der Aussage, es gebe einen persönlichen Gott eine starke Zustimmung […], 78,8 Prozent dagegen lehnten sie völlig ab…. Scheinbar beeindruckend.

Aber das Ergebnis ist vollkommen wertlos und überhaupt nicht repräsentativ. Zunächst wurden offensichtlich nur die Fellows mit E-Mail-Adresse befragt – ein fragwürdiges Auswahlkriterium. Desweiteren bleibt Dawkins schuldig, wie hoch die "kleine Minderheit" ist, die keine E-Mail-Adresse hat. Und dann ist die Beteiligung von 23% viel zu niedrig, um einen Schluss auf die "Frömmigkeit" in der gesamten "Royal Society" zu ziehen. Unerwähnt bleibt auch noch, ob die Erhebung "neutral" durchgeführt wurde, oder ob die beiden Befrager (Cornwell und Stirrat) in Erscheinung getreten sind (also den Befragten die "Intention" der Anfrage durchaus hätte bekannt sein können). Und nicht erwähnt wird auch, ob die Antworten der Fellows anonymisiert wurden oder schlicht mit dem "Antwort"-Button erfolgten.

Induktive Schlüsse, Verallgemeinerungen, Behauptungen, Widersprüche

Dawkins arbeitet mit Vorliebe mit induktiven Schlüssen, die er dann als Beweise ausgibt. Beispielsweise belegt er die eigentlich schockierende Behauptung, die religiöse Erziehung von Kindern wäre dem sexuellen Missbrauch gleichzustellen, mit genau zwei Quellen: Zum ersten den Brief einer Frau, die einmal als Kind von einem Priester im Auto gestreichelt wurde und zum zweiten mit der Mail einer anderen Frau, die heute ihre religiöse Erziehung nachträglich als Martyrium empfindet.

Manchmal vollzieht er reichlich sprunghafte Assoziationen. Etwa, wenn er Thomas Jefferson als Atheist darstellen will, aus Christopher Hitchens' Jefferson-Biographie zitierend: Als seine Tage zur Neige gingen, schrieb Jefferson mehr als einmal an Freunde, er sehe seinem bevorstehenden Ende weder mit Hoffnung noch mit Furcht entgegen. Zweifellos eine interessante Aussage, die mit den gängigen Dogmen des Christentums nicht direkt in Verbindung zu bringen sind. Um so verblüffender dennoch der Schluss: Das war das Gleiche, als hätte er unmissverständlich erklärt, dass er kein Christ war. Übrigens kein Problem für den Jünger des ethischen Zeitgeistes schnell noch Immanuel Kant Atheismus zuzuschreiben, Huxleys doppeldeutige Äusserungen wissend als Atheismus zu interpretieren und Adolf Hitler zum (vielleicht) gläubigen Christen zu machen (mit einigen Goebbels-Zitate und ein bisschen "Mein Kampf"). Letzteres, damit nicht böse Menschen Stalin und Hitler zu Repräsentanten der Handlungen von Atheisten machen können (so hilflos "wehrt" sich Dawkins gegen eine lächerliche Schlussfolgerung – anstatt einfach den Fehlschluss offenzulegen).

Und dann widerspricht sich Dawkins gelegentlich in seinem Übereifer, etwa wenn er einerseits zugibt, viele benutzten Religion als Etikett, um ihre Zwecke durchzusetzen aber später dann den Dschihadismus direkt aus dem Koran ableitet. Oder er begeht ausdrücklich nicht den Weg, dem Christentum die ganzen Verbrechen der letzten zweitausend Jahre gebetsmühlenartig (!) vorzuwerfen (Kreuzzüge; Missionierungen; Eroberungen; Inquisition), weil es ja grausame und böse Menschen in jedem Jahrhundert gegeben habe – um dann irgendwann wieder auf die unheilvolle Christengeschichte im Namen der Bibel hinzuweisen.

Manchmal schreibt er schlichtweg Unsinn, etwa wenn er Altruismus im Tierreich laufend mit Symbiose verwechselt oder die amerikanischen Gründerväter beleglos als Säkularisten bezeichnet (andere Quellen sagen exakt das Gegenteil – wie wäre es, Mr. Dawkins, dies mal wissenschaftlich zu klären?) oder behauptet Dualisten interpretieren geistige Krankheiten bereitwillig als "Teufelsbesessenheit". Vom Islam hat Dawkins offensichtlich überhaupt keine Kenntnisse – einmal spricht er von der allgemein üblichen Interpretation des Islam [sic!]. Von einem Autor über Religion erwarte ich als Mindestkriterium, dass er weiss, dass es so etwas gar nicht gibt.

Nichtexistenzbeweise

Natürlich ist Religion auch als Stifter für ethische und moralische Fragen untauglich. Dawkins begründet dies für das Christentum hauptsächlich mit der Blutrünstigkeit des Gottes des Alten Testaments (das Opfer Abrahams wird ausführlich behandelt), die sich auch in einigen Teilen im Neuen Testament fortsetzt (gemeint ist hauptsächlich die Erbsünde; aber ein paar freundliche Worte zur Bergpredigt findet er dennoch). Mit spürbarer Lust an der Verspottung des Gegenstands greift Dawkins einige Erzählungen des Alten Testaments heraus, die exemplarisch für seine These stehen. Dabei rennt er – was ihm offensichtlich unbekannt ist – offene Türen en masse ein, aber die Dekonstruktion dieser tatsächlich furchtbaren Texte macht ihm einfach zuviel Spass, während der Leser ob der Redundanzen schon ein bisschen gelangweilt ist.

Eine Moral basierend auf diesen launisch-boshaften Tyrannen namens "Gott" ist für Dawkins schlichtweg unmöglich zu begründen. Soweit mag man ihm ja durchaus folgen. Hieraus zieht er jedoch den Schluss, dass die Kirche ihre Kompetenz in diesen Fragen für alle Zeiten und vollständig eingebüsst hat. Moraltheologen wie beispielsweise Hans Küng, die versuchen, eine allgemein gültige Weltethik aus den monotheistischen Religionen zu destillieren, kennt Dawkins natürlich nicht (seine Literaturliste enthält fast ausschliesslich englischsprachige Publikationen, die mehrheitlich seiner Linie folgen).

Warum er bei einem derart eindeutigen Resultat für die Gefährlichkeit und Nutzlosigkeit von Religion überhaupt noch den Beweis der Nichtexistenz Gottes vornimmt, bleibt sein Geheimnis. Dieser Abschnitt, welchen er als einer seiner Kernkapitel sieht, gehört zum schwächsten des Buches. Die These Gott existiert nicht, da es kein Lebewesen gibt, welches ausserhalb eines Evolutionsprozesses steht ist in seiner Substanzlosigkeit vielen sogenannten Gottesbeweisen ebenbürtig. Den Einwand, dass Gott als "Begründer" der Evolution gesehen werden würde, kontert Dawkins mit einem lustigen Einfall: Wenn es Gott gäbe, dann müsste es ein Wesen geben, welches diesen Gott erschaffen hat. Und dann eines, welchen den Vater Gottes erschuf, usw. In dem er diese Regression ins Unendliche treibt, versucht er zu beweisen, dass es deshalb keinen Gott geben kann. Diese These ist selbst für einen Ungläubigen einfach zu widerlegen, in dem er (mit Kant) Gott als ein "Ding an sich" (ein "möglicher Gedanke") "sieht", welches der Kausalität (die nur für die "Welt der Erscheinungen" gilt) entzogen ist.

Von den "Zellhaufen" und "Kaulquappen"

Beim Thema Abtreibung läuft Dawkins zu Hochform auf. Zunächst einmal stellt er fest, dass viele Personen, die für ein radikales Abtreibungsverbot plädieren gleichzeitig Befürworter der Todesstrafe für Kapitalverbrechen sind (er bezieht sich hier auf die USA und nennt natürlich als prominentestes Beispiel George W. Bush). Aber statt diesen interessanten Zusammenhang detailliert zu durchleuchten, dient das natürlich ausschliesslich als Munition gegen Religion.

Fatalerweise glaubt der Autor mit effekthascherischer Wortwahl noch mehr erreichen zu können. Zunächst wird Mutter Teresa als scheinheilig-heuchlerisch tituliert (weil sie eine andere Meinung als er vertritt) und dann werden menschliche Embryos (Kaulquappen) mit Kühen in einem Schlachthaus verglichen (letztere würden bei der Schlachtung mehr leiden als Embryos, wenn diese vor Entwicklung des Nervensystems abgetrieben würden). Und überhaupt sei das anthropozentrische Weltbild sowieso schädlich (er fordert keine Sonderrechte mehr für die menschliche Spezies) und das primitive Schwarz-Weiss-Bild funktioniert auch bei diesem Thema aufgrund der strikt selektiven Wahrnehmung wunderbar: Religiöse Ethiker diskutieren häufig über Fragen wie die, wann ein Embryo zu einer Person wird, also zu einem menschlichen Wesen. Säkulare Ethiker dagegen fragen eher: "Ganz gleich, ob es ein Mensch ist (was bedeutet das bei einem kleinen Zellhaufen überhaupt?) – von welchem Entwicklungsstadium an ist ein Embryo jeder beliebigen Tierart in der Lage, zu leiden?

Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn – wer seine Thesen nicht übernimmt, ist ein "Religiöser" (Agnostiker finden am Anfang des Buches nur zögernd einen gewissen Respekt; im Grunde betrachtet er sie als Weicheier). Und man stellt altbekanntes auch bei Dawkins fest: Eine Person bestimmt ex cathedra, wer der Abtrünnige, der Häretiker ist, und wer der Verkünder des neuen, ethischen Zeitgeistes.

Worum es wirklich geht

Atheisten haben keinen Glauben postuliert Dawkins – und ernennt flugs die natürliche Selektion, die unsichtbare Hand (Hand?) der Evolution zur unumstösslichen Tatsache. Für Dawkins ist das nicht bloss wissenschaftliches Axiom, sondern ein Faktum (vom Gödelschen Unvollständigkeitssatz hat er scheinbar noch nie etwas gehört). Evolution und religiöser Glauben sind für ihn nicht vereinbar. Damit begibt er sich in seltsamer Übereinstimmung mit den Kreationisten, die er so vehement bekämpft. Und dieser "Kampf" bildet der wahre Hintergrund für dieses Buch. Dawkins zitiert den Genetiker Jerry Coyne:

Für Wissenschaftler wie Dawkins und Wilson [E. O. Wilson, den berühmten Biologen der Harvard University] tobt der wahre Krieg zwischen Rationalismus und Aberglauben. Naturwissenschaft ist eine Form des Rationalismus, und Religion ist die am weitesten verbreitete Form des Aberglaubens. Der Kreationismus ist nur ein Symptom dessen, was sie als ihren grösseren Feind ansehen: die Religion. Zwar kann Religion ohne Kreationismus existieren, aber einen Kreationismus ohne Religion gibt es nicht. (Hervorhebung von mir)

"Der Gotteswahn" ist nur auf Basis dieses Zitats zu verstehen. Dawkins sind die kreationistischen Umtriebe in den USA, die auch immer mehr nach Europa überschwappen, zutiefst zuwider (in Deutschland wird das Phänomen, obwohl es erste Anzeichen gibt, noch weitgehend unterschätzt). Indem Kreationisten (die amerikanischen Taliban) durch ihr dogmatisches Behaupten der Wörtlichkeit der Bibel elementarste naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse ad absurdum führen und eine eigene, krude Moral aus ihrer Exegese schöpfen, greifen sie das Primat der Naturwissenschaften an. Vermutlich überziehen sie Dawkins' "Lebenswerk" mit ähnlich unflätigen Texten, so dass sich dieser zum Befreiungsschlag genötigt sieht (Christopher Hitchens ist ein anderer Protagonist dieser vehementen Religionskritik). Ein-, zweimal verbeisst sich Dawkins geradezu in Texten des (kreationistischen) "Wachtturms", und man fragt sich, warum ein Naturwissenschaftler sich in derartige Niederungen begibt. Statt sich in einzelne Formulierungen einer Wochen- oder Monatsschrift zu verlieren, hätte vielleicht eine etwas detaillierte Betrachtung der unterschiedlichen Bewegungen und ihrer inzwischen gesellschaftspolitischen Verstrickungen gut getan. Aber feines Argumentieren und Ausarbeiten ist Dawkins' Sache nicht; er ist ein Uhrmacher, der mit Axt und Vorschlaghammer reparieren möchte.

Chemotherapie gegen Kreationisten

Da die Religion gemäss obiger These die Basis für kreationistisches Gedankengut darstellt, ist es Dawkins weder möglich, eine Diversifizierung von Religion und Gottesglauben vorzunehmen, noch eine Religionsinterpretation in Betracht zu ziehen, welche die Evolutionstheorie inkorporiert und versucht, eine Synthese zwischen Naturwissenschaft und Glauben zu schaffen (Vorreiter dieses Strebens, wie den deutschen Religionsphilosophen Karl Rahner, hat er wohl nicht gelesen).

Dawkins kennt – und wiederum gibt es Ähnlichkeiten zwischen ihm und denjenigen, die er bekämpft – nur die Dichotomie "gut" oder "böse". Kreationisten sind böse und – und hierin liegt der zweite Grund für Dawkins' Erregung – nicht nur dogmatische Bibelinterpreten, die sektenartig das Land mit falschen Lehren überziehen. Sie streben insbesondere - zusammen mit den Evangelikalen – nach gesellschaftlichem und politischem Einfluss, ja: Macht. Dawkins ist ein Anhänger des westlichen Universalismus und warnt in diesem Zusammenhang vor einer Zerstörung des (demokratischen) Wertesystems unter anderem durch falsch verstandene Toleranz denjenigen gegenüber, die das Falsche verbreiten. Er nimmt da ausdrücklich den Islam nicht aus, wobei sein Islam-Bashing begrenzt ist und immer im Kontext mit dem eigentlichen Feindbild, dem Christentum, gesehen werden muss (das Judentum wird nur mit zwei, drei despektierlichen Bemerkungen "bedacht" [man ahnt, warum]; Scientology hält er einer einzigen Bemerkung für eine Religion, die intelligent gestaltet sei – eine Ausnahme, wie Dawkins schreibt, ohne diese Einlassung zu präzisieren).

Vor diesem Hintergrund spielt sich dieser Kulturkampf ab: Dawkins sieht die Vereinigten Staaten in dieser Hinsicht im fortgeschrittenen Stadium einer Krebskrankheit. Sein Buch ist somit eine Therapie, in der dann auch Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen sind (in dem man beispielsweise den gesamten gemässigten oder gar progressiven Klerus verprellt). Und um Europa (und sein Heimatland Grossbritannien) hiervor zu beschützen, verordnet er eine radikale, neoadjuvante Chemotherapie. Man sieht in der Ferne den moralischen Impetus und den guten Willen (den hatten die Jakobiner sicherlich auch am Anfang) – aber viel Wohlwollen zerstört Dawkins durch seinen abstossenden Rigorismus.

Es grüsst ein wütender Antichrist, der unfähig ist, beispielsweise eine Synthese zwischen den feinen Denkstrukturen des Existentialismus und der von ihm als Gegenbild postulierten Naturwissenschaft fortzuschreiben. (Weshalb ich den Existentialismus immer vorziehe.) Ein unbedingter Rechthaber, der keinen Tabubruch scheut, um Aufmerksamkeit zu erheischen; ein Zwangsprovokateur. Die Verwunderung über die Vorwürfe seiner schrillen Sprache im Nachwort klingt dabei wie Heuchelei. Von "nüchternem Nachdenken", welches er sich selber attestiert, ist er meilenweit entfernt.

Hundenasen und die Schönheit von Schrödingers Katze

Dawkins entwickelt keine neue Ideologie als Religionssurrogat. Einmal zitiert er irgendwelche neuen zehn Gebote (das 10. Gebot lautet: Stelle alles infrage) – und gibt wenig später zu, nur den ersten Googletreffer wiedergegeben zu haben; es hätte enorm viele, andere "Angebote" gegeben. Ihm reicht eigentlich die Schönheit der Naturwissenschaft als Ersatz für das religiöse Denken. Seine Bekehrung hin zu diesem Denken fallen eher ungelenk aus. Da wird die Schönheit des Modells von Schrödingers Katze und der "Viele-Welten-Theorie" postuliert oder das Geruchsvermögen von Hunden gepriesen. Oder man könnte mal "Per Anhalter durch die Galaxis" lesen. Und natürlich die Beschwörung der bewusstseinserweiternden natürlichen Selektion (wobei Dawkins vielleicht einigen Irrtümern in der Interpretation Darwins aufsitzt). Und obschon für Dawkins Religion und Religionsgefühle nur evolutionäre Nebenprodukte darstellen, die als religiöse Ideen überleben, weil sie sich mit anderen Memen vertragen (Meme sind Dawkins Erfindung – es sind, vereinfacht gesagt, kulturelle Verhaltensweisen, analog zum Gen, allerdings nicht stofflicher Natur) und in Memplexen, also einem imaginären Korb kultureller Tradierungen, Überreste darstellen (diese Hypothese überzeugt nicht richtig), scheint er zu ahnen, dass seine Gegenwelten wenig attraktiv sind, denn hier ermattet sein einst so vehementer Furor.

Die Attraktiviät religiöser Strukturen

Bei aller Kritik an seiner Sprache und der unreflektierten Hingabe naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchen gegenüber – zwei wesentliche Gründe für das scheinbar unvertilgbare Verlangen vieler Menschen nach Transzendentalem hat Dawkins schlichtweg vergessen: Zum einen sind Religionen Gemeinschaftsstifter, und zwar notfalls über alle physischen Grenzen hinweg (zweifellos mit der Gefahr, auch ausgrenzend zu wirken). Ein wichtiger Punkt, der sich im Christentum in der "Gemeinde" zeigt, oder im Islam in der "Umma", die über das religiöse hinaus auch soziale Funktionen übernimmt. In dieser Gemeinschaft wird – unter anderem, aber immer irgendwie präsent - die Ungeheuerlichkeit der Todestatsache aufgearbeitet: Die Gläubigen wollen sich nicht mit dem geborgten Dasein abfinden. Man mag das Lebens als zwecklos bezeichnen – und dies mag ja durchaus richtig sein (wer vermag es zu sagen?) -, aber diese Perspektive ist offensichtlich für viele Menschen nicht besonders verlockend.

Der andere Punkt, der in Dawkins Theoriegerüst keinen Eingang gefunden hat, und der die weltweite Zunahme nach religiösem Überbau teilweise erklärt, liegt in der zunehmenden Verunsicherung, welche die pluralistisch-kapitalistische Welt bietet. Viele sehnen sich einerseits nach Freiheit und Glück – aber erfahren schnell, dass die Glücksversprechen (materieller und ideeller Natur) schwierig zu erreichen sind. Parallel hierzu empfinden viele einen diffusen, von der Masse erzeugten Druck, diese Glücksversprechen erfüllen zu müssen. Sie sehen sich in einem Konformitätszwang, der aber - bei Einhaltung der Normen – letztlich trotzdem überhaupt kein Sicherheitsnetz bietet; im Gegenteil: man steigert u. U. die Abhängigkeit fremdbestimmter Entscheidungen, denn nichts ist mehr sicher.

In dieser, von vielen als vage Bedrohung empfundenen Situation, wächst nicht nur der Hang zu hierarchischen politischen Entscheidungen (die "einfache" Lösungen anbieten), sondern auch die Bereitschaft sich mit einem irgendwie gearteten transzendentalen Netz zu umgeben, an das beispielsweise grundlegende "Entscheidungen" oder sogar das Scheitern delegiert werden können. Das ist ein Grund, der für den immer noch steigenden Zulauf hin zur Esoterik oder Sekten (im westlichen Kulturraum) oder eine der "grossen" Religionen führt (insbesondere des Islam). Hier ist in de Regel eine einfache, gradlinige Struktur, die vor der Komplexität der Aussenwelt schützt oder mindestens Antworten gibt. Und hier greift wieder der obige Punkt: Statt lauter individualisierte Konformisten (nur scheinbar ein Widerspruch), die einem imaginären und unsicheren Glück hinterherjagen, bringt man sich ein in eine Gemeinschaft, die eindeutige Paradigmen postuliert und klare Ziele hat. Religion als Reaktion wider die zunehmend empfundene Komplexität der globalisierten und "unsicherer" gewordenen Welt (zu beobachten insbesondere am "Boom" nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in den osteuropäischen Staaten).

Man mag dies verurteilen oder die Menschen, die so reagieren, beschimpfen, in dem man sie für dumm erklärt. Aber gelöst hat man das Problem damit nicht.

Alle kursiv gedruckten Passagen sind Original-Zitate aus dem Buch "Der Gotteswahn"

Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Richard Dawkins  Der Gotteswahn"Der Gotteswahn" ist ein Missionierungsversuch, eine Kampfschrift wider alles und allem, was in irgendeiner Form mit Transzendenz in Verbindung gebracht werden kann. Der rationalistische Furor des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins ist eine Mischung zwischen krudem Weltverbesserungspathos, der Paranoia frommer Exorzisten, die überall nur noch Besessene sehen, die von ihrer Krankheit zu heilen sind und einem archaisch-jakobinischem Moralverständnis. Der monotheistischen Chauvinismus speziell des Christentums hat es ihm angetan (früh werden Konfuzianismus und Buddhismus ausgeklammert; sie werden flugs als ethische Systeme eingeordnet) und sein Bildersturm für einen radikalen Atheismus nimmt im Laufe des Buches wahrhaft kulturrevolutionärere Züge an (verflacht dann allerdings auf den letzten 50 Seiten).

[weiterlesen und kommentieren]

Robert Spaemann / Rolf Schönberger: Der letzte Gottesbeweis

Der letzte Gottesbeweis   Spaemann und SchoenbergerIn Zeiten fast blinden Wissenschaftsglaubens scheint der neue Versuch, einen Beweis für die Existenz Gottes zu führen, fast schon rührend. Dies in einer Welt, in der Neurowissenschaftler mit ihren Erkenntnissen gleich mehrere lästige Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen. Der grösste Brummer ist dabei die Leugnung des freien Willens. Den entdecken sie nämlich (genau wie die "Seele") auf ihren Kinderbildchen nicht mehr und glauben damit, etwas Neues oder Anderes zu erkennen. Die nur im Schafspelz getarnten Wölfe überbieten sich derzeit mit den abstrusen "Sensationen", die in Wirklichkeit nur effekthascherische Belanglosigkeiten sind, die ihre philosophische Impotenz nur verschleiern. Da ist von einer "Matrix-Existenz" die Rede oder es werden Luftbuchungen wie "phänomenale Selbstmodelle" in die Welt gesetzt – grosses Getöse in einem hohlen Körper. Der Dekonstruktionsfuror hat, ist er erst einmal aus seinem Bedeutung simulierenden Jargon herausgelöst, den Charme eines verwelkten Blumenstrausses.

Noch eine Stufe hinter die Aufklärung zurück geht allerdings Robert Spaemann mit seinem Büchlein "Der letzte Gottesbeweis". Bereits im zweiten Satz des Vorwortes zieht er einerseits den hochtrabenden Anspruch, einen neuen Gottesbeweis liefern zu wollen, zurück und spricht lieber von einem Argument, das die Vernünftigkeit des Gottglaubens zeigen soll – andererseits sieht er sich jedoch durchaus in der Tradition von Pascal und Kant, was wohl als grandiose Selbstüberschätzung gesehen werden muss. Spaemanns (und später auch Schönbergers) Furor, Nietzsches Ausspruch "Gott ist tot" als Gottesleugnung zu interpretieren und den diagnostischen Charakter dieses Diktums entweder zu leugnen oder schlichtweg zu übersehen, ist fast peinlich.

Die vom Verlag gepriesene "kleine Sensation" ist ein alter Hut

Den jetzt als Buch vorgelegten Gottesbeweis hatte Spaemann bereits seit 2005 in diversen Vorträgen und Publikationen entwickelt (wesentliche Textstellen des Buches finden sich ein einem Artikel in der Welt und in dem Artikel "Rationalität und Gottesglaube"). Der eigentliche "Beweis" folgt auf Seite 31 und umfasst etwa eine Seite. Danach wechselt der Autor dann (auf dem Cover ist das nicht zu sehen; erst im Klappentext) und Rolf Schönberger referiert über die Gottesbeweise von Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin und tastet sich über Kant und Nietzsche auf den letzten rund 10 Seiten des Buches an eine Interpretation von Spaemanns Beweis.

Spaemanns "vernünftiges Argument" lautet:

Ich möchte das, was ich meine, dass nämlich Wahrheit Gott voraussetzt, an einem letzten Beispiel verdeutlichen, an einem Gottesbeweis, der sozusagen nietzsche-resistent ist, einem Gottesbeweis aus der Grammatik, genauer aus dem sogenannten Futurum exactum. Das Futurum exactum, das zweite Futur ist für uns denknotwendig mit dem Präsens verbunden. Von etwas sagen, es sei jetzt, ist gleichbedeutend damit, zu sagen, es sei in Zukunft gewesen. In diesem Sinne ist jede Wahrheit ewig. Dass am Abend des 12. Oktober 2006 zahlreiche Menschen in der Katholischen Akademie in München zu einem Vortrag über »Rationalität und Gottesglaube« versammelt waren, war nicht nur an jenem Abend wahr, das ist immer wahr. Wenn wir heute hier sind, werden wir morgen hier gewesen sein. Das Gegenwärtige bleibt als Vergangenheit des künftig Gegenwärtigen immer wirklich. Aber von welcher Art ist diese Wirklichkeit? Man könnte sagen: in den Spuren, die sie durch ihre kausale Einwirkung hinterlässt. Aber diese Spuren werden schwächer und schwächer. Und Spuren sind sie nur, solange das, was sie hinterlassen hat, als es selbst erinnert wird.

Solange Vergangenes erinnert wird, ist es nicht schwer, die Frage nach seiner Seinsart zu beantworten. Es hat seine Wirklichkeit eben im Erinnert werden. Aber die Erinnerung hört irgendwann auf. Und irgendwann wird es keine Menschen mehr auf der Erde geben. Schließlich wird die Erde selbst verschwinden. Da zur Vergangenheit immer eine Gegenwart gehört, deren Vergangenheit sie ist, müssten wir also sagen: Mit der bewussten Gegenwart — und Gegenwart ist immer nur als bewusste Gegenwart zu verstehen — verschwindet auch die Vergangenheit, und das Futurum exactum verliert seinen Sinn. Aber genau dies können wir nicht denken. Der Satz »In ferner Zukunft wird es nicht mehr wahr sein, dass wir heute Abend hier zusammen waren« ist Unsinn. Er lässt sich nicht denken. Wenn wir einmal nicht mehr hier gewesen sein werden, dann sind wir tatsachlich auch jetzt nicht wirklich hier, wie es der Buddhismus denn auch konsequenterweise behauptet. Wenn gegenwärtige Wirklichkeit einmal nicht mehr gewesen sein wird, dann ist sie gar nicht wirklich. Wer das Futurum exactum beseitigt, beseitigt das Präsens.

Aber noch einmal: Von welcher Art ist diese Wirklichkeit des Vergangenen, das ewige Wahrsein jeder Wahrheit? Die einzige Antwort kann lauten: Wir müssen ein Bewusstsein denken, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist, ein absolutes Bewusstsein. Kein Wort wird einmal ungesprochen sein, kein Schmerz unerlitten, keine Freude unerlebt. Geschehenes kann verziehen, es kann nicht ungeschehen gemacht werden. Wenn es Wirklichkeit gibt, dann ist das Futurum exactum unausweichlich und mit ihm das Postulat des wirklichen Gottes. »Ich fürchte«, so schrieb Nietzsche, »wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben.« Aber wir können nicht umhin, an die Grammatik zu glauben. Auch Nietzsche konnte nur schreiben, was er schrieb, weil er das, was er sagen wollte, der Grammatik anvertraute.


Unbefriedigende Beweisführung

Die entscheidende Frage lautet: Warum "müssen" wir ein Bewusstsein denken, in dem alles aufgehoben ist? Wie ist das gemeint? Eine Art kollektives Erinnerungsdepot mit Gott als Oberbibliothekar? Oder ein kafkaesker Gesetzeshüter, der für das "jüngste Gericht" Beweismittel sammelt? Man ist gespannt auf Schönbergers Ausführungen. Aber in medias res kommt er erst 90 Seiten später (vier Seiten vor Ende des Buches):

Im Bewusstsein … ist die Vergangenheit nicht durch ihre Folgen, sondern durch das Erinnertwerden gegenwärtig. Auch hierdurch lässt sich keine Ewigkeit denken. Denn das Bewusstsein ist das von Menschen; es wird aber auch die Spezies Homo sapiens, aus welchen Gründen auch immer, untergehen. Dann gibt es keine menschliche Erinnerung mehr. Die Vergangenheit ist dann wie nicht gewesen. Aber genau das kann nicht sein, denn es widerspräche dem Ausgangssatz [Alle Tatsachenwahrheiten sind ewige Wahrheiten]…

Keine Tatsache wird jemals wieder falsch. Dies heißt aber, dass weder die Natur noch der menschliche Geist der Ort dieser Wahrheit sein können. Es kann also nur ein unendliches Bewusstsein sein. Ein solches absolutes Bewusstsein können wir nur Gott zuschreiben.


Wenn es also keine Menschen mehr auf der Erde geben wird, dann bliebe doch die Tatsache aus Spaemanns Beispiel, dass am Abend des 12. Oktober 2006 zahlreiche Menschen in der Katholischen Akademie in München zu einem Vortrag über »Rationalität und Gottesglaube« versammelt waren wahr. Nur: Wem ist dies dann noch gegenwärtig? Die Antwort wäre (gemäss Schönberger): Gott.

Aber was ist diese Tatsache dann "wert", wenn kein anderes Lebewesen mehr Rekurs hierauf nehmen kann? Schon in einhundert Jahren dürfte diese "Wahrheit" (1.) irrelevant und (2.) vergessen sein (im Gegensatz zu anderen "Wahrheiten", wie beispielsweise historischen Ereignissen). Sie existiert nur solange, so lange sie erinnert wird. Danach bleibt diese Tatsache zwar weiterhin wahr, ist aber nicht mehr präsent. Gott wäre also nur eine Art Präsenzverwalter für ewige Wahrheiten – so banal sie auch sein mögen. Aber was finge ein Gott mit solchen Tatsachen an? Was finge er mit allen Wahrheiten der Welt an, wenn sie nur ihm bekannt wären? Und: Wem nütze eine Bibliothek aller Wahrheiten, wenn er nur alleine auf der Welt wäre?

Das keine Tatsache jemals wieder falsch wird, ist zwar richtig (insofern sind Naturgesetze eben nur solange wahr, so lange sie nicht widerlegt sind). Dies setzt aber keinen Statthalter voraus, der diese in einem imaginären Bewusstseinsraum archiviert. Dieser Statthalter ist aber nicht automatisch dadurch schon inauguriert, dass es so etwas wie Wahrheiten gibt.

Zwar fragt Schönberger, ob denn für die Wahrheit einen Ort denken muss, an dem sie gedacht und gewusst wird, aber eine nachvollziehbare und befriedigende Beweisführung bleibt er schuldig. Genauso wie die Frage, wie man sich dieses absolute Bewusstsein nun zu denken hat. Flugs ist das Büchlein schon zu Ende, nicht ohne noch einmal herausgestellt zu haben, dass es sich nicht um einen Beweis im strengen Sinne handele.

"Bedingungslose Unterwerfung"

Obwohl Spaemann schreibt, dass die Abschaffung der Aufklärung zum Nihilismus führe, betreibt er selber ein voraufklärerisches Spiel. Sein Gott ist gut, gerecht, wahrhaftig und – vor allem – allmächtig! Spaemann kritisiert Teile der heutigen Priesterschaft, die Gott auf das "Gute" reduzieren wollen und seine Allmacht "vergessen". Das Theodizee-Problem, welches er mit keinem Wort erwähnt, wird durch dieses Postulat nicht eben kleiner. Da verwundert es allerdings nicht, wenn bedingungslose Unterwerfung Gott gegenüber für Spaemann ein absolutes Gebot ist. Für den heutigen Leser mutet dies arg archaisch an.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Spaemann im (durchaus berechtigten) Furor gegen die immer weiter fortschreitende, Verwissenschaftlichung der Welt, die nun ihrerseits religiöse Züge annimmt und immer mehr der Theologie und vor allem der Philosophie droht, den Rang abzulaufen, einen Kontrapunkt setzen wollte. Die Faszination, etwas empirisch beweisen zu können, was eigentlich jeder Empirie entzogen scheint und letztlich "nur" geglaubt werden kann, erscheint offensichtlich zu verlockend. Aber sein Beweis, den er selber schnell als Argument abwertet, hilft nur dort, wo es keiner Hilfe bedarf.

Ergänzende Links:
  • Robert Spaemann im Gespräch mit Peter Voß: "Bühler Begegnungen – Wozu muss man Gott beweisen, Herr Spaemann". Videostream der Sendung hier ("Video im Player" empfohlen).
  • Interview in der "Wirtschaftswoche" – Spaemann u. a. zu Kreationismus und Intelligent Design. Interessant auch seine Verschlüsselungsthese zu Johann Sebastian Bachs Violinsonate in g-moll, die, gemäss eines bestimmten Verschlüsselungsverfahrens einen Rosenkreuzertext hervorbringen soll. Spaemann hält es für unmöglich, dass dies ein "Zufall" sein kann und attestiert Bach göttliche Schöpferkraft. Von hier aus rekurriert er dann auf die Evolutionsthese. Diese Verschlüsselungsthese wird auch im behandelten Buch ausgebreitet, allerdings interessanterweise ohne Nennung der Musikwissenschaftlerin Helga Thoene.

Wider die Kirche als "Marke"

Christian Nürnbergers flammende Polemik im letzten "Süddeutsche Zeitung Magazin" "Korinther 9,99 Euro" ist auch (und gerade!) für Atheisten oder Agnostiker eine interessante und bewegende Lektüre. Denn hinter der Wut des Autors auf eine seelenlose Funktionärskirche verbirgt sich ja der innige (nicht zu denunzierende) Wunsch, es möge anders sein.

So wie die Kirche nach Nürnbergers Beobachtung voranschreitet, wird das aber nichts. Das Einzug gehaltene Denken von den Missionaren einer fremden Religion passt natürlich nicht zur christlichen Botschaft. So werden auch noch die letzten Getreuen mit dem ökonomisch-wichtigtuerischen Vokabular schicker Werbelümmel vertrieben. Man könnte, nein: man muss fragen, wie verzweifelt die Kirche sein muss, sich derart auszuverkaufen.

Nürnbergers Diagnose ist vernichtend:

Jesus lebt - das ist heute keine Gewissheit mehr, die das Dasein der Christen beflügelt. Der Satz dient nur als Geschäftsgrundlage einer Funktionärskirche, als gemeinsame Grundannahme, an die man besser nicht rührt, denn niemand könnte heute noch verbindlich sagen, was er eigentlich bedeutet.

Nürnberger geisselt in deutlicher Sprache die Mutation des Gottesdienstes zum Kundendienst und beschreibt einen deutlichen Gegensatz zu Ratzingers Diktum der altmodischen Frage nach der Wahrheit des Christentums. Es ginge, so die etwas verkniffen nach Originalität heischende Formulierung, nicht mehr um Erleuchtung, sondern allenfalls noch um die richtige Beleuchtung.

Insbesondere werden die exzessiven Kommerzialisierungsversuche der evangelischen Kirche aufgegriffen. Begriffe wie Marke evangelisch, die von führenden Repräsentanten wie EKD-Vorsitzender Huber nicht nur verwendet, sondern auch vertreten werden, sind natürlich Wasser auf Nürnbergers Mühlen. Aber auch Angebote zu Klosterurlauben werden als im Kern sinnentleertes und bloss effekthascherisches Treiben aufgespiesst.

Der Artikel erzeugte bei mir zweierlei: Zunächst grosse Zustimmung. Der Furor des Autors ist fast greifbar. Und dann? Die letzten Zeilen stimmen nachdenklich:

Der christliche Glaube war nie als individualistische Privatsache gedacht, sondern als öffentliche, stets auch politische Angelegenheit einer Gemeinschaft. Gott hatte sich sein Volk ursprünglich einmal erfunden, damit es die Not der Welt beseitige. Von einem Rückzug ins Private und einer Delegation dieser Aufgabe an den Staat war nie die Rede, auch nicht davon, dass die Kirche das Geld anderer Leute einsammle und damit die Not lindere.

Aber was will er wirklich? Eine Wiederbelebung bzw. Durchdringung religiöser Wertvorstellungen wie derzeit in den USA? Einen Rückzug hinter das Zweite Vatikanische Konzil? Wie soll diese Rückbesinnung auf die urchristliche Botschaft aussehen (polemisch gefragt: etwa wie jene fundamentalistische Lefebvre-Bewegung der 80er Jahre)?

Oder sucht Nürnberger eine (neue) soziale Integrationskraft der Gesellschaft über das Christentum bzw. dessen Wertvorstellungen zu konstituieren? Ähnlich dem, was u. a. Botho Strauß für den Islam konstatiert?

Bei aller Emphase wider die Kommerzialisierung der christlichen Botschaft – welche Alternativen bleiben in der heutigen "gottlosen" Zeit den Kirchen, sich Gehör zu verschaffen und dem drohenden Exitus (vor allem auch finanzieller Art) zu entziehen?

Kommentare hier...

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 19:39
Also über die Zugriffszahlen...
Also über die Zugriffszahlen kannst du dich wirklich...
Köppnick - 2008-05-13 17:26
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 13:47
Moderation - ja, jetzt...
Moderation - ja, jetzt fällt es mir auch wieder...
Köppnick - 2008-05-12 19:18
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 16:48
Was meinst du denn mit...
Was meinst du denn mit Moderation? Löschen kann...
Köppnick - 2008-05-12 16:30
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 13:37
Dialektik der Abklärung:...
Dialektik der Abklärung: Umrisse einer neuen Sicht...
Frank-C. Hansel (anonym) - 2008-05-10 12:24
Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58

...anderswo

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
begleitschreiben - 2008-05-13 19:39
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
begleitschreiben - 2008-05-13 13:47
Wie kann man denn ein...
Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?
kursiv - 2008-05-12 21:42
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
begleitschreiben - 2008-05-12 16:48
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
begleitschreiben - 2008-05-12 13:37

Such!

 

Kontakt

Grundsätzliches

Das Copyright der Texte liegt bei demjenigen, der mit dem Pseudonym hier als Gregor Keuschnig zeichnet. Verwendungen/Links mit Quellenangabe und Unterrichtung per Mail gestattet. Kommerzielle Verwertung ohne Kenntnis des Verfassers ist ausdrücklich untersagt und wird zur Anzeige gebracht. Disclaimer: Für Verlinkungen von diesem Blog auf andere Webseiten wird keine Verantwortung oder gar Haftung übernommen (Einzelheiten siehe unterlegten Link).

DIV. 1

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma

sorua enabled
xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this page (with comments)
xml version of this topic

twoday.net AGB

kostenlose counter

DIV. 2

kostenloser Counter


Deutsches Blog Verzeichnis