Provokantes

"Emanationen der Ichbesessenheit" - Rolf Schneider wider das Regietheater

Zunächst einmal: Was für ein erfrischender Beitrag! In der "Welt" schreibt der Schriftsteller Rolf Schneider einen Appell, ja fast eine Philippika, gegen das, was seit ungefähr zwanzig Jahren grosse Teile des deutschsprachigen Theaters in Geiselhaft genommen hat: Das sogenannte "Regietheater", also jene Form der Inszenierung, in der Regisseure ihre privaten Neurosen auf die Bühne stellten, unter bevorzugter Benutzung von Texten, die sich einer solchen Interpretation widersetzten, weswegen man dieselben zerschlagen muss.

Unter dem Titel "Schluss mit dem Theater" (es müsste vielleicht präziser heissen: "Schluss mit dem Theater") skizziert Schneider ohne Rücksicht auf irgendwelche art-correctness in fast aufklärerischer Manier Beginn, Entwicklung und traurigen Status-quo dieses leider immer noch allzu präsenten Genres.

Das dies zunächst durchaus seine Berechtigung hatte, konstatiert er sehr wohl: Am Anfang stand der verständliche Wunsch von Theaterleuten, zu der kanonisierten und immer wieder gespielten Klassik auf unserer Sprechbühnen, also den Dramen von Aischylos über Shakespeare und Goethe bis Kleist, einen neuen, nämlich zeitgenössischen Zugang zu finden. Und als das Verfahren noch gänzlich neu war, reagierten Rezensenten, zweimal die Arbeitswoche dazu verdammt, eine Premiere abzusitzen, auf derlei Abweichung von der Stadttheaterroutine mit der enthusiastischsten Aufmerksamkeit. Den Zwang des sich fortschrittlich gebenden Zuschauers der 70er Jahre, dies gutfinden zu müssen, sieht Schneider natürlich auch: Das Bildungsbürgertum oder das, was davon übrig ist oder sich dafür hält, mochte sich nicht lumpen lassen und als kunstkonservativ gelten. Als "Avantgarde" musste man schliesslich auf der Höhe der Zeit sein. Es war allerdings schon immer die Ambivalenz der Avantgarde irgendwann zu dem zu mutieren, was man selber einst bekämpfte.

Was ist daraus geworden? Schön entwickelt Schneider die sukzessive Verödung des sich so zeigenden Theaters bis zur Gegenwart: Zuletzt wurde kaum noch eine Geschichte erzählt, stattdessen Situationen vorgeführt. […] Die Inszenierung gedieh zum Happening, zur Installation, zur Performance.

Interessant und provokativ wird der Essay, wenn er den läppischen Provokationsmummenschanz angegrauter Neurotiker bzw. deren Adepten in die politische Dimension rückt:

Die Protagonisten des Regietheaters begreifen sich mehrheitlich als Vertreter von linkspolitischen Gesinnungen. Zu denen gehört, seit je, ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein und dessen Beförderung. Die Produkte des Regietheaters liefern weder Geschichten noch Einsichten in Geschichte noch Impulse für engagiertes Kollektivverhalten. Sie bleiben Emanationen einer einigermaßen reaktionären, nämlich irrationalistisch-spätbürgerlichen Ichbesessenheit, ihr behaupteter Avantgardismus ist, im Wortsinn, die reine Formsache.

Der Appell an Werktreue ist natürlich gut gemeint (und verständlich), bleibt jedoch leider etwas diffus. Es ist ja weiss Gott nicht nur das von ihm entsprechend skizzierte "Regietheater" mit ihrer hohlen Dekonstruktionsmetaphorik, was die einstmals so fruchtbare deutsche Theaterlandschaft immer mehr zur Kulturwüste macht. Es ist das Anbiedern der Regisseure an die sich durch Fernsehen und auch die digitalen Medien veränderten Rezeptionsgewohnheiten der Zuschauer, in dem Inszenierungen beispielsweise durch Videoinstallatiionen und/oder (meistens missglückten) Imitationen von Fernsehformaten zurechtgebogen werden und auch von den Verfechtern durchaus werktreuer Inszenierungen zwischenzeitlich (wenn auch teilweise zähneknischend) aufgenommen wurde.

Von der "Bearbeitung" – ein Euphemismus für Verhunzung – der angeblich überkommenen Sprache eines Stückes ganz abgesehen. Wenn die Sprache antiquiert ist, der Plot nicht mehr zeitgemäss, die Figuren altbacken – warum wird das Stück denn dann noch aufgeführt bzw. nicht – der Ehrlichkeit halber – neu- und umgeschrieben und mit neuem Namen und Autoren versehen? Die Erklärung ist einfach. In ein Stück mit einem bekannten Namen und Autor gehen die Leute eher als in zeitgenössischen Stücken. Man kann das Resultat ruhig so nennen, wie es oft genug daherkommt: Etikettenschwindel.

Aber ich wiederhole mich.

Stringtanga vs. Unterhose

Alice Schwarzer irrt, weil sie den letzten Satz nicht gelesen hat: In dem Artikel von Iris Radisch in der ZEIT über die neueste Anti-Pornographie-Kampagne der "Emma"-Herausgeberin dreht Radisch mehrere rhetorische Pirouetten, landet dann in den Armen des "Bild"-Girls – aber (und hier irrt Frau Schwarzer eben) sie stimmt ihr nicht zu: Die Kälte, die eine Durchsexualisierung der Gesellschaft zur Folge hat, lässt sich mit den alten Waffen des Geschlechterkampfes nicht mehr besiegen steht da. Heisst übersetzt: Frau Schwarzer, das schaffen wir auch ohne ihre antiquierten Methoden.

Worum geht es bei "PorNO"? Dass eine ins Hintertreffen gekommene Emanzipationsbewegung wieder neue Atemluft zugefächert bekommen möchte? Immerhin hat die ZEIT (aber nicht nur sie) vor rund einem Jahr die Notwendigkeit eines neuen Feminismus postuliert – ohne die Ikone der Vergangenheit, deren Bedeutungsverlust bereits damals spürbar war. Frau Schwarzer zog es zwischenzeitlich vor, auf Muslime einzudreschen, Papst Johannes-Paul II als Nachgeber vor islamischen Terrorismus zu diffamieren und Zwangsmissionierungen von Kopftuchträgerinnen vorzunehmen, die sie alle prophylaktisch (d. h. ohne sie im Einzelfall gefragt zu haben) in Kollektivschutz nahm.

Jetzt ist mit frischem Wind der alte Feind entdeckt: Der Mann und sein Machtanspruch, den er unter anderem bzw. vor allem durch die Sexualität ausübt. Die These der Durchsexualisierung unserer Gesellschaft ist nicht neu – in possierlicher Harmlosigkeit hat sich Ariadne von Schirach dem schon in Buchform angenommen (sie steuert einen Artikel zur "Emma"-Kampagne bei). Mit frischen Kohlen springt nun Alice Schwarzer auf den müden Zug, um ihm die richtige Fahrt zu geben.

Erst einmal die Definition (von der Webseite von Emma):

Pornografie ist die Verknüpfung in Text oder Bild von sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung und Gewalt (Es geht also bei der Kritik an Pornografie nicht um Kritik an Nacktheit, Erotik oder Sexualtität). (Der Schreibfehler ist authentisch, aber wir wissen, dass "Sexualität" gemeint sein dürfte. Er ist vielleicht aber ein bisschen exemplarisch.)

Einverstanden. Aber rennt man da nicht offene Türen ein? Geht es tatsächlich um die "Gangbang"-Videos, von denen Iris Radisch Schulhöfe überschwemmt wähnt? (Nebenbei bemerkt: Wo sind denn da die Erziehungsberechtigten?) Oder geht es um mehr? Was ist beispielsweise konkret mit "Erniedrigung" gemeint? Wir finden leider auf der Emma-Seite keine weitere Erklärung. Aber Frau Radisch hilft:

[…] der Minirock und das Vergewaltigungsvideo – dies ist die These aller Anti-Porno-Kampagnen –, sind Ausdruck der bis heute ungebrochenen Gewaltherrschaft der Männer über die Frauen. Der in weiblicher Selbstbestimmung getragene Minirock, die in weiblicher Souveränität wasserstoffblond gefärbten Haare, die weibliche Lust an Sex und Pornografie sind in dieser Lesart mehr als ein Widerspruch in sich: Sie sind Lügen, Selbsttäuschungen der Frau, die den Ausgang aus der männlich verschuldeten Unmündigkeit noch nicht gefunden hat.

Dachte ich's mir doch: Die posierende Frau am Strand; das laszive Musikvideo eines eher durchschnittlich begabten Sängersternchens; der provozierende Blick in der Disco oder im Zug – alles Selbsttäuschungen. In Wahrheit sind die Frauen – das folgert aus dieser These – immer noch blöd wie vor dreissig Jahren, als sie willig ihrem Mann das Abendessen servierten. Heute servieren sie eben sich dazu – wissen aber gar nicht, dass sie dabei der geheimen Macht des Patriarchats erlegen sind.

Wenn Alice Schwarzer das glaubt, dann sieht sie ihre Arbeit der letzten dreissig Jahre in einem sehr schlechten Licht. Und sie hält immer noch die Frauen für das, wofür viele Männer sie in den 60er Jahren hielten. Soviel Frauenverachtung aus der Emanzipationsecke erstaunt. Welch' einen Selbsthass man da so durch die Gegend schleppen muss.

Iris Radisch beginnt in ihrem Artikel dieses Postulat zu befragen: Müssen Frauen sich … noch immer von Alice Schwarzer darüber belehren lassen, dass »rein genitale Sexualität« unweiblich, dass ein »vaginaler Orgasmus« nicht möglich und die »Penetration« der weiblichen »Lust oft eher hinderlich« sei? Tja, sagt jetzt vermutlich Frau Schwarzer: Alleine die Frage ist schon aus der männlichen Sicht gestellt. Und gegen dieses Totschlagsargument kann man natürlich nicht mehr diskutieren, ohne dass man selber in den Topf der Porno-Befürworter gesteckt wird. Die Heilige Katholische Kirche hat Erfahrung in dieser Art der paranoiden Argumentationsführung - man nannte das seinerzeit Inquisition. Das hatte Millionen Tote gefordert – darunter sehr viele Frauen, die als Hexen verbrannt wurden. Die Opfer der Inquisition konnten eigentlich machen was sie wollten: Gaben sie ihr "Vergehen" zu, wurden sie umgebracht. Bestritten sie ihre "Taten" – dann auch. Die Grossinquisitoren und Frau Schwarzer - gewisse Parallelen sind unverkennbar.

PorNOZur Unterstützung ihrer vorübergehenden Kehre in die Emma-Fraktion bemüht Frau Radisch auch Porno-Rapper und –natürlich! – Michel Houellebecq (so widerlich diese Bushidos tatsächlich sind zeigt dies erschreckend, dass Iris Radisch von Houellebecq gar nichts verstanden hat). Aber – und da hat Iris Radisch recht – der alte Aktionismus (drollig: 100 Aufkleber für inkriminierende Darstellungen kosten 10 Euro) greift nicht mehr. Eine Initiative für ein Gesetz gegen Pornografie als Verstoß gegen die Menschenwürde und gegen Frauenhass als Volksverhetzung ist gut gemeint. Aber bereits heute gibt es gegen die angesprochenen Exzesse (beispielsweise bei Rap-Musik) Gesetze, die auch angewandt werden. Wobei Verbote gerade die Verbreitung im Internet-Zeitalter noch beschleunigen. Wem wäre mit einer Tugenddiktatur geholfen, die Frauen nach Stringtangas durchsucht und zu Unterhosen verpflichtet (nebenbei erwähnt: ich - ein Mann! - will sie auch nicht sehen - also bitte, ja?)?

Medienkampagnen wie "PorNO" ersetzen nicht eine grundlegende Debatte um neue gesellschaftliche Entwürfe (von bildungspolitischen Fragen bis zur vielbeschworenen und viel missbrauchten Wertediskussion). Sie befriedigen letztlich nur das Ego ihrer Macher und bringen ein paar Schlagzeilen. Wir hoffen auf die Nach-Schwarzer-Ära.

Der fatale Fehlschluss

In jeder Diskussion um Verbesserungen des Bildungssystems in Deutschland fällt nach wenigen Sätzen fast unausweichlich die Behauptung: In keinem anderen Land (der OECD) bestimmen die Herkunft und die finanziellen Mittel die Bildungschancen derart stark wie in Deutschland. Kinder aus Arbeiteraushalten oder anderen "prekären" Milieus haben – so die These – systembedingt schlechtere Chancen auf höhere Schulabschlüsse wie beispielsweise das Abitur oder gar ein Studium. Der Schluss hieraus lautet, dass Haushalte mit grösseren pekuniären Mitteln per se eine bessere Bildung für ihre Kinder erreichen. Dies bedeutet auch, so die gängige Meinung, dass "ärmere" Kinder bedingt durch ihre "Armut" schlechtere Bildungschancen hätten.

Neben den gängigen OECD-Studien wird auch die PISA-Studie hier immer wieder zitiert. Befragt wird diese These und vor allem ihre Erhebungsmethode gar nicht mehr; sie ist derart kanonisiert, dass es offensichtlich ein Faktum zu sein scheint.

Dabei müssten diese Thesen eigentlich verwundern, denn in Deutschland existieren weder Schulgeld noch Zugangsbeschränkungen, die an finanzielle Zuwendungen gebunden wären (lässt man jetzt einmal die wenigen privaten Internatsschulen beiseite). Wie wird eigentlich genau diese Aussage belegt? Und: Stimmt es tatsächlich in dieser Einfachheit, dass die ökonomische Ausrüstung des Elternhauses den Grad der Bildung bestimmt?

Das entsprechende Kapitel in der PISA-Studie (Jahrgang 2003) konstatiert zunächst einmal, dass in der entsprechenden Milieu-Studie ausschliesslich die mathematische Kompetenz überprüft wurde. Diese gilt als repräsentativ für andere Kompetenzfelder, die ansonsten in der Studie gross untersucht werden und durchaus divergierende Ergebnisse befördern. Nehmen wir diese Repräsentationsfähigkeit der mathematischen Kompetenz als gegeben an (was m. E. eigentlich zu einseitig ausgerichtet ist), so stellt sich als zweites die Frage, nach welchen Kriterien der soziale "Stand" definiert wird.

Im Kapitel 9 ist dies erläutert: Es zählt nämlich mitnichten die finanzielle Ausstattung der Familien alleine als Kriterium (dies hätte man ja sehr schnell an Einkommensgrenzen bzw. relative Einkommen in Form eines Wertes festmachen können). Die Angelegenheit ist wesentlich komplizierter: Man bildet aus ökonomischen, sozialen und kulturellen Indikatoren einen Index. Dieser nennt sich Index of Economic, Social and Cultural Status - ESCS.

In der Wikipedia ist nachzulesen, dass dieser ESC-Status sich aus der sozioökonomischen Stellung der Familie, dem erreichten Ausbildungsniveau der Eltern und dem häuslichen Besitz errechnet.

Weiter heisst es dort:

Als Indikatoren für das kulturelle Kapital der Familien werden die nationale Herkunft und die Dauer im Aufenthaltsland erfasst, sowie die Sprache, die im Familienalltag gesprochen wird. Ein anderer Indikator für das kulturelle Kapital der Familie ist das so genannte Humankapital der Eltern, d.h. deren Schulbildung und Berufsausbildung. Als weiterer Indikator ist die kulturelle Praxis der Familie zu nennen. Die kulturelle Praxis beinhaltet Theater- oder Museumsbesuche, den Besitz von Kulturgütern, das kulturelle Leben innerhalb der Familie und auch den Besitz von z.B. Taschenrechnern, Lexika oder sonstiger Bücher. Kinder und Jugendliche verfügen über soziales Kapital, wenn sie in einem Netzwerk sozialer Beziehungen aufwachsen/-wuchsen, welches sie dabei unterstützt sozial anerkannte Ziele, Werte und Einstellungen zu übernehmen. Dieses soziale Kapital wird hauptsächlich in der Familie, der Verwandtschaft, der Nachbarschaft, in religiösen und ethnischen Gruppen, Vereinen, Parteien und Betrieben gebildet. Soziales Kapital spielt eine bedeutsame Rolle bei der Bildung von Humankapital. Als Indikatoren für das soziale Kapital der Familie werden Struktur und Größe der Familie (d.h. Personenzahl, Anzahl der Geschwister, u.a.), der Erwerbstätigkeitsstatus der Eltern und verschiedene Aspekte der Eltern-Kind-Beziehung (unter anderem der Erziehungsstil oder die Unterstützung und Hilfe bei Problemen, Schulaufgaben u.a.) erfasst.

Die Auflistung in der PISA-Studie zeigt nun, dass – stark vereinfacht dargestellt – die Höhe des ESC-Status-Index mit der Art der weiterführenden Schule korreliert. D. h. ein Kind mit hohem "ESCS-Quartil" ist eher auf einem Gymnasium zu finden – Hauptschüler rekrutieren sich in hohem Masse aus Familien mit niedrigerem Quartil. Aus dieser Korrelation lässt sich aber mitnichten eine allgemein gültige Kausalität ableiten.

Der Wert selber spiegelt in keinem Fall ausschliesslich die Einkommensverhältnisse wider.

Er soll eben auch Erziehungshaltung widerspiegeln, die durch die Eltern vermittelt und im Elternhaus gelebt wird. Kinder, die sehr früh mit Büchern und dem Wert des Wissens aus dem Lesen konfrontiert werden, bekommen natürlich andere Wertvorstellungen vermittelt, als diejenigen, die in ihrer Familie nur "Fun" und "Action" erleben. Kinder, die im Umfeld von frühester Zeit ausschliesslich mit "Super-RTL" und/oder, später, der "BILD"-Zeitung aufwachsen, werden später vermutlich grosse Probleme mit dem Verständnis komplexerer Zusammenhänge bekommen. Deren Eltern gewichten aber damit auch die Bedeutung von Bildung anders – sie halten die Hauptschule oft genug als ausreichend.

Wenn das Umfeld jedoch Bildung per se nicht als wichtige und notwendige Tugend begreift, sondern die Schule als lästiges Übel empfindet, welches die Freizeitaktivitäten unnötig behindert, so ist natürlich auch wenig Interesse beim Nachwuchs zu wecken. Wenn Eltern die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Schule gar nicht entsprechend thematisieren – dann muss man sich nicht über das Ergebnis wundern.

Der Irrtum der Interpretatoren liegt darin, zu suggerieren, dass das "kulturelle Kapital" a priori und ausschliesslich an finanzielle Mittel gebunden sei. Dies ist nicht der Fall – es gibt bspw. Bibliotheken, Gebrauchtbücherhandel, Download-Möglichkeiten über das Internet für interessante Zeitungsartikel, usw. Mitentscheidend für den Bildungsweg ist also der vermittelte Wert von Bildung und dessen Stellung innerhalb des familiären Kontextes. Dieser ist aber nicht alleine von den Einkommensverhältnissen abhängig. Wenn im Elternhaus die Prioritäten andere sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man das Kind auf eine höhere Schule schickt, auch relativ gering.

Und wenn das Fernsehen als "Erziehungsinstrument" verwendet wird (beispielsweise um Kinder entsprechend "zu versorgen"), so hat dies auch Auswirkungen auf den späteren Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen. Studien belegen, wer früh sehr viel und vor allem unstrukturiert fernsieht, hat statistisch betrachtet später eine geringere Bildung.

Der Schluss der PISA-Studie Für Deutschland ist ein enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und mathematischer Kompetenz festzustellen, der vor allem auch über die Beteiligung und Beteiligungschancen an den unterschiedlichen Schulformen vermittelt wird. klingt anders, als die platte, landläufig suggerierte Formel, dass der "Geldbeutel" über die Bildungschancen entscheidet.

Vielleicht liegt eine der Ursachen auch in der viel zu früh ansetzenden Selektion für die weiterführenden Schulen. Ist es wirklich notwendig, Kinder nach vier Schuljahren, also im Alter von ca. 10 Jahren, eine später schwierig zu revidierende Entscheidung vornehmen zu lassen?

Und: Ist das föderale System der Bundesrepublik, welche durch die sogenannte Föderalismusreform gerade noch einmal die Kompetenzen der Bundesländer stärkte, wirklich so günstig? Ist es erforderlich, dass bei Umzügen in andere Bundesländer die Schüler oft derart unterschiedliche Niveaus antreffen? Wem, ausser der Arroganz einiger Länderregierungschefs, hilft es wirklich sogenannte "Wettbewerbsvorteile" im landesspezifischen Bildungssystem im Vergleich zu anderen Ländern zu generieren?

Nun sind – das scheint belegt zu sein – auch die Unterschiede zwischen den Schulformen (Hauptschule – Realschule – Gymnasium) grösser als dies wünschenswert ist (über die Tatsache, dass es Unterschiede zwischen den Schulformen zu geben hat, dürfte allerdings Konsens bestehen; von den gleichmacherischen Experimenten in den 70er Jahren, die zur allgemeinen Nivellierung des Bildungssystems führten, ist man wohl weitestgehend abgerückt). Insbesondere der drastische Abfall der Hauptschule gibt zu denken. Das anschliessende Kapitel 9.2 über die Migrationsintegration erklärt jedoch einiges; in der Zusammenfassung heisst es dann Die Leistungsdifferenzen zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind in Deutschland sehr stark ausgeprägt.... Auch dies ist primär kein Problem, welches dem Schulsystem angelastet werden kann, sondern liegt in den unverantwortlichen Versäumnissen der politischen Eliten aller Parteien, die auf Kosten von Lehrern und Schülern ausgetragen wird.

Der weitergehende Schluss Für Deutschland kann an dieser Stelle eine eher ungünstige Kombination von Chancengerechtigkeit und Kompetenzniveau festgestellt werden... ist schlichtweg falsch: Die "Gerechtigkeit" ist gar nicht untersucht worden – es werden zwei Feststellungen in ein fragwürdiges Verhältnis zueinander gesetzt.

Es bleibt die Frage, ob bei dieser Lesart nicht Ursache mit Wirkung verwechselt wird. Die soziale Herkunft bestimmt auch immer ein Stück weit die Prioritäten für den Bildungs- und Berufsweg der Kinder und Jugendlichen. Dies alleine dem Schulsystem anzulasten, ist falsch – auch wenn durch Tabellen suggeriert wird, die Erhebungen wären international vergleichbar. Inzwischen gibt es erste Kritik.

Die Frage ist, warum die wenig differenzierten Verallgemeinerungen ständig in den Medien fortgeschrieben werden und eine Stimmung erzeugen, die auch die Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung in sich bergen. Vielleicht hängt dies mit der in Deutschland gängigen Meinung zusammen, alleine finanzielle Zuwendungen könnten die gewünschten Impulse erzeugen. Die gesamte Sozialpolitik der letzten dreissig Jahre funktioniert nach diesem Prinzip. Die Untersuchungen zeigen inzwischen, dass pekuniäre Zuwendungen jedoch sehr häufig nicht den Effekt dort erzielen, wo er gewünscht wird. Haushalte, in denen Bücher bestenfalls in Form eines Lexikon präsent sind, dürften Erhöhungen von Transferleistungen (bspw. Kindergeld) nicht als Anreiz nehmen, Kinder zum Lesen zu animieren; man wird dann das Geld vielleicht eher für Videospiele oder MP3-Player verwenden.

Nicht umsonst plädiert der Soziologe Paul Nolte von einem Abwenden der rein pekuniären Versorgung der "Unterschichten": Wir sind zu lange einem Konzept gefolgt, das man als "fürsorgliche Vernachlässigung" bezeichnen könnte. Einer vergleichsweise hohen materiellen Fürsorge der Unterschicht steht eine Vernachlässigung in sozialer und kultureller Hinsicht gegenüber. Das Ziel muss es wieder sein, Kulturen der Armut und der Abhängigkeit, des Bildungsmangels und der Unselbstständigkeit nicht sich selbst zu überlassen, sondern sich einzumischen, sie herauszufordern und aufzubrechen. Es geht um Integration in die Mehrheitsgesellschaft, aber auch - für viele ein heikleres Thema - um die Vermittlung kultureller Standards und Leitbilder.

Die von Nolte propagierten Einmischungskonzepte des Staates sind eben nicht mehr rein finanzieller Natur, sondern greifen unter Umständen direkt in die Erziehung von Eltern hinein. Aus historischen Gründen diese Art von "Fürsorge" des Staates mindestens ambivalent zu betrachten. Der Spagat zwischen allzu starkem staatlichen Einfluss auf die Erziehung einerseits (nebst der Gefahr ideologischer Indoktrination) und dem bisherigen "Laissez-faire" andererseits ist schwierig und eine der Herausforderungen weitsichtiger Sozial- und Bildungspolitik.

In der Politik werden langsam die Stimmen stärker, die für zweckgebundene Verwendungen von Geldern, beispielsweise in Form einer Schaffung entsprechender Infrastruktur eintreten, wie Kindergärten kostenlos anzubieten, Ganztagsschulen zu errichten, Schulbücher wieder kostenlos zu verteilen, mehr Lehrer an Schulen einzustellen, usw. Bundesfinanzminister Steinbrück ist einer der Vorreiter dieses Gedankens; er erwägt sogar, Teile des Kindergeldes für die Finanzierung dieser Massnahmen heranzuziehen.

Die aktuellen Diskussionen um Krippenplätze und die angeblich demografischen Probleme der bundesdeutschen Gesellschaft lassen jedoch die Befürchtung aufkommen, dass mit breit gestreuten finanziellen Zuwendungen der uralte Fehler der Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte unverändert fortgesetzt wird. Es ist ja auch wesentlich populärer, den jeweiligen Privathaushalten mehr Geld zukommen zu lassen, als dieses Geld in entsprechende Infrastruktur zu investieren, die vom Bürger unter Umständen (zunächst einmal) gar nicht wahrgenommen wird. 300 Euro mehr in der Kasse ist "spürbarer" als die Einstellung neuer Lehrer – insbesondere wenn es darum geht, in nächster Zeit als Politiker wiedergewählt zu werden.

Wenn jedoch "Experten" in voreilig gezogenen Schlüssen, die eigentlich einer differenzierteren Betrachtung und Bewertung unterzogen werden sollten, in den Chor der Populisten noch einstimmen, so tragen sie durch diese Art des trivialen Diskurses wesentlich dazu bei, dass die Zustände, die sie anprangern, zementiert werden. Und jeder Journalist, der dies unreflektiert und verkürzt nachplappert, handelt unverantwortlich.

Ende einer Freundschaft

Ich kenne diese öden, langweiligen Diskussionen, währenddessen friedliebende und sich einander respektierende Menschen in wenigen Augenblicken mutierten zu feindseligen, auf immer zerstritten mit denen, die sie noch vor wenigen Stunden Freunde genannt hatten: Es geht um das Pro und Contra dessen, was man (ungenau) Todesstrafe nennt und in den 70er und 80er Jahre das beliebteste Referendarsdiskussionsthema gewesen sein muss.

Konnte man doch in der sicheren Hülle einer demokratischen Gesellschaft seine politisch-korrekte Ächtung monstranzähnlich immer aufs Neue unter Beweis stellen und es all denjenigen zeigen, die sich der kategorischen Festlegung auf einer der scheinbar unverrückbaren Pole entziehen wollten (meistens versuchten sie dies anfangs argumentativ, um dann – nach kurzer Zeit – vom Wortschwall niedermoralisiert zu werden). Selektive Wahrnehmungen hatten auch damals schon Konjunktur.

Ende einer FreundschaftSaddam Hussein ist heute hingerichtet worden. Man kann auch sagen, er sei ermordet worden. Menschenrechtsorganisationen versuchten, die Vollstreckung des Todesurteils zu verhindern. Die deutsche Bundesregierung betont, man sei gegen die Todesstrafe. Der Vatikan entblödet sich nicht, dieses Ereignis "tragisch" zu nennen (vermutlich ist man dort des Begriffs der Tragik verlustig gegangen) und ein EU-Mensch nannte es bestialisch (vermutlich vom warmen Kamin aus). Diejenigen, die sich vor 20 oder noch mehr Jahren nicht scheuten, mit dem Diktator vor den Kameras zu posieren, zeigen sich zufrieden. Welch' ein Gefasel. Welche Heuchelei.

Dabei hat Saddam Hussein eigentlich nur einen grossen Fehler begangen und zeigt ein Lehrstück für alle Diktatoren dieser Welt: Sie dürfen in ihrer Bevölkerung ruhig Massaker anrichten; Menschen in Dörfern vergasen; autokratische Systeme errichten; korrupt sein (man verdient ja daran auch so schön) – sie dürfen nur eines nicht: Sich mit der USA (und dem Westen) anlegen! Sie dürfen nicht den Weltmachtanspruch infrage stellen und sich gegen ihn stellen. Als der Irak noch als Bollwerk gegen die iranische Revolution galt, war Saddam unser "Freund" – als er Kuwait angriff (die Umstände, warum er das tat sind immer noch ungeklärt) und nicht weichen wollte, mutierte er zum Satan. Realpolitiker erkannten dennoch, dass er ein fragiles Gebilde genannt Irak zusammenhielt. Irgendwann setzten sich die "Visionäre" an den Tisch – und begannen, an ihren Epitaphe zu denken.

In Wahrheit musste man Saddam dankbar sein: Im Rahmen der sogenannten asymmetrischen Kriege (wieder so ein hohles Wort) war er ein bequemer Feind. Er war geografisch festzumachen; das konventionell-militärische Prozedere verfing (zweifellos übersah man, dass ein militärischer Sieg ungleich leichter als ein politischer Sieg ist). George Bush konnte sich endlich von seinem Vater emanzipieren und zeigen, was für ein toller Führer er doch ist.

Verliebt in die Hitler-Metaphorik einiger Dummköpfe (auch unter Deutschlands Wichtigtuern waren sie zu finden) dachte man wohl, der Sturz des Diktators werde ähnlich aufgenommen wie 1945 in Deutschland. Dort konnte man allerdings Konzentrationslager vorzeigen, die in ihrer Monstrosität alles in den Schatten stellten, was vorstellbar schien (von deren Existenz übrigens die Aliierten früh genug wussten). Bei Saddam Hussein fanden sich nicht einmal die vermuteten Massenvernichtungswaffen. Sein Gebiss, mit dem er die Zähne zeigte, war aus billigem Plastik. Die Massaker Saddams waren fast alle zu Zeiten der Freundschaft verübt worden.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Hinrichtung Saddam Husseins empfinde ich als wohltuend. Ein Scheusal weniger. Hätte ich 1946 gelebt, hätte ich auch die Hinrichtungen der Nürnberger Prozesse als reinigend und notwendig begriffen. Was diese erbärmlichen Verbrecher anrichten, wenn man sie einsperrt und sogar wieder freilässt, ist am Beispiel von Speer hinreichend dokumentiert. Und am Beispiel von Rudolf Hess zeigt sich, dass auch ein Häftling gerade dadurch zum Märtyrer für Schwachköpfe werden kann, in dem er lebenslänglich einsitzt und sein "Schicksal" stoisch erträgt.

Humanität für die systematischen Vernichter von Humanität einzufordern, sich gar mit ihr zu rühmen, ist Dummheit. Der Tod Saddams ist natürlich ein Symbol – er hilft dem Land nicht und dürfte kurzfristig sogar zu noch mehr Unruhen führen. Ihm haftet auch der Geruch einer Siegerjustiz an. Wer auf der richtigen Seite steht, bestimmt. Aber Krokodilstränen heulen – nein, soweit geht mein Mitgefühl nicht. Auf diese Humanitätsduselei verzichte ich.

Gunnar Heinsohn: Söhne und Weltmacht

Gunnar Heinsohn   Soehne und WeltmachtDie bereits in 2003 von Gunnar Heinsohn entwickelten Thesen zur Bevölkerungsentwicklung und deren eminente Bedeutung wurden Ende Oktober im "Philosophischen Quartett" vorgestellt. Die ansonsten recht strukturiert und statisch von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski moderierte Sendung geriet ein bisschen aus den Fugen, da Heinsohn, schlagfertig, ironisch und gelegentlich ein bisschen raunend Widerspruch provozierend, die Diskussionsteilnehmer in den Bann zog und im Laufe der 60 Minuten dann alle seinen Schlussfolgerungen erlagen.

Die Kernthese Heinsohns ist ziemlich einfach: In Gesellschaften mit überzähligen jungen Männern besteht die grosse Gefahr, dass diese jungen, wütenden [zornigen] und ohne Karriereaussichten Zweit-, Dritt- und Viertsöhne (der erste, älteste Sohn ist durch Erbfolge abgesichert) ihre Perspektive anderswo suchen und es zu blutigen Expansionen und zur Schaffung und Zerstörung von Reichen kommt.

Heinsohn führt den Begriff des children bulge und des youth bulge* ein. Unter children bulge versteht er den Überschuss in einem prozentualen Verhältnis der Kinder unter 15 Jahren in einer Gesellschaft (bzw. einer Nation oder Region oder der Weltbevölkerung). Aus dem children bulge entsteht dann der sogenannte youth bulge; so nennt er die 15-24 jährigen (in vielen Gesellschaften beginnt das Kriegeralter bei 15 Jahren). Aus dem children bulge lässt sich das "Rekrutierungspotential" der "Zornigen" ablesen. Die weltweit zweifellos gestiegene ärztliche und ernährungstechnische Versorgung (Heinsohn belegt dies ohne zu verschweigen, dass noch vieles im argen liegt) sorgt dafür, dass aus dem children bulge relativ zuverlässig auf ein youth bulge geschlossen werden kann.

Die Phänomene children bulge und youth bulge dürfen nicht mit kurzfristig steigenden Geburtenraten verwechselt werden, die nach wenigen Jahren wieder abklingen; hierfür benutzt er das allseits bekannte Wort vom babyboom.

*[Heinsohn bietet keine Übersetzung der Anglizismen an; man könnte grob vereinfacht mit "demografischer Kinderbeule" bzw. "Jugendlichenbeule" übersetzen, was ein bisschen geschwollen klingt. Gelegentlich wird vom "Überschuss" gesprochen. Dabei ist unbedingt klarzustellen, dass dieser Begriff nicht im reduktionistischen Sinn gebraucht wird, sondern rein deskriptiv.]

Wichtig ist dabei, dass die absoluten Zahlen nicht unbedingt relevant sind. Am Beispiel der Volksrepublik China wird dies deutlich: Zwar gibt es dort derzeit 310 Millionen Kinder unter 15 Jahren (was eine gewaltige Zahl ist), aber mit einem Prozentsatz der Bevölkerung unter 15 Jahren (in letzter Halbdekade) von "nur" 24% liegt China bereits unter der vom Autor als relevant benannten Quote von 25% für potentiell "expansiv-aggressive" Gesellschaften; die Ein-Kind-Politik sorgt dafür, dass der Höhepunkt der Geburten bereits erreicht ist. Langfristig ist China eine vergreisende Gesellschaft. Eindrucksvolle Beispiele für vergreisende Gesellschaften liefert Heinsohn im Verlauf des Buches auch u. a. für Japan, Russland (insbesondere den asiatischen Teil), die Ukraine und auch – wenn auch nicht ganz so dramatisch wie bei den vorgenannten – für die Bundesrepublik Deutschland, in der bereits ganze Landstriche im Osten aussterben.

Wenn ein Vater statt einem plötzlich drei Söhne hinterlässt und fast alle Väter das in jeder nächsten Generation von neuem tun, dann lebt eine Nation mit einem Dauer-youth bulge. Der sucht – wie es beschönigend heisst – sein Glück eben nicht nur zu Hause, sondern auch in der Neuen Welt...[...] 'Go west, young man!', heisst eben nicht nur "verschwinde, zorniger junger Mann!", sondern immer auch: "Es gibt noch jede Menge Chancen für die Gründung einer eigenen Existenz fern von Deinen Brüdern".

Wichtig für die weitere Betrachtung ist, dass Heinsohn ausdrücklich erwähnt, dass die zornigen jungen Männer keinesfalls Geschwächte oder Hungernde sind, die sich quasi der Not gehorchend mit letzter Verzweiflung neue Lebensräume erobern wollen. Sie stecken nicht in absoluter Armut und hungern nicht (Ihre militärischen Optionen zielen zwar auch auf Ernährungsgrundlagen, aber eher im Sinne einer Optimierung, einer Gewinnung von ökologisch interessantem Lebensraum)

Heinsohn greift auch die so oft kolportierte These frontal an, (der islamistisch motivierte) Terrorismus sei Ausdruck einer Bewegung von Unterdrückten oder Schwachen. Ted Honderichs (umstrittener) Erklärungsversuch in "Nach dem Terror", die Terroristen re-agierten aus einem gewissen Gerechtigkeitsfuror heraus (das Umstrittene daran war Honderichs' mindestens rudimentär geäussertes Verständnis für diese Form von "Verzweiflungstat"; seine These ist aber komplexer und hier sehr verkürzt wiedergegeben), wird damit verworfen. Und auch Enzensbergers psychoanalytisch krude Deutung des "radikalen Verlierers" wird zerpflückt. Nach Heinsohn suchen die überflüssigen Söhne anderswo Anerkennung und letztendlich Spitzenpositionen, die sie in der eigenen Gesellschaft nicht mehr finden (da die raren Positionen von ihren älteren Brüdern besetzt sind).

Das Kernstück des Buches ist eine tabellarische Rangordnung der Nationen nach Zahl der Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres (auf dem Stand von 2003). Penibel listet er 124 Staaten und deren demografische Strukturen auf (und fügt in den Bemerkungen relevante Entwicklungen wie Kriege und Bürgerkriege ein; Heinsohn ist ja auch Völkermordforscher).

Neben den schwarzafrikanischen Ländern, die mit children bulge-Quoten von 40% und mehr erscheinen, legt Heinsohn natürlich besonderes Augenmerk auf die uns (scheinbar?) unmittelbar stärker tangierenden Bevölkerungsentwicklungen von Ländern wie Indien und – vor allem - den islamischen Staaten. Hier wird konstatiert:

Das aktuell quantitativ beeindruckendste Beispiel für youth bulges liefern die islamisch geprägten Länder, die in nur fünf Generationen (1900-2000) von 150 auf 1200 Millionen Menschen zugenommen haben...[...]

Europa, das sich bis 1900 mit 460 Millionen Menschen auf ein Viertel der Weltbevölkerung vermehrt hatte [...], ist (ohne Sowjetunion/Russland in Asien) in den 100 Jahren bis 2000 "nur" auf 660 Millionen gestiegen und hat sich so aus einer bald dreifachen "Übermacht" gegenüber dem Islam in eine zweifache "Unterlegenheit" gedreht.


Die Katastrophen zweier Weltkriege, die sich in Europa zwischen 1914 und 1945 ereignet haben, blendet Heinsohn nicht aus, sind aber letztlich nicht signifikant konstuierend auf die Bevölkerungsentwicklung; vor allem, was die Prognosen angeht.

China hat sich im gleichen Zeitraum von 400 auf 1200 Millionen "nur" verdreifacht; Indien (heutiges Territorium) von 250 auf 1000 Millionen vervierfacht. Lediglich für Einwanderungsländer konstatiert Heinsohn höhere Werte: Brasilien beispielsweise mit seinen zahlreichen Genoziden an Eingeborenen von 17 auf 170 Millionen. (Am Rande interessant: Die Bevölkerung der USA mit ihren Reservats-Deportationen und Indianergenoziden steigt zwischen 1790 und 1890 sogar von knapp 4 auf über 60 Millionen, also um den Faktor 15).

Die gesamte Menschheit hat sich zwischen 1800 und 2000 von 1,5 auf 6 Milliarden viervierfacht. Und: Von den 6,3 Milliarden Menschen des Jahres 2003 erblickten 4 Milliarden in den 35 Jahren nach 1968 das Licht der Welt... In den 2020er Jahren wird der Islam ein Viertel der Menschheit umfassen. Das entspricht dem Anteil Europas auf dem Höhepunkt seiner Weltherrschaft (1900) oder dem Anteil des Britischen Imperiums auf seinem Gipfel von 1920...

Um Missverständnisse zu vermeiden: Heinsohn stellt diese Fakten und Zahlen (und auch seine hieraus abgeleiteten Prognosen [hierüber wird noch zu reden sein]) vollkommen emotionslos dar. Eine Hysterisierung, was den Umgang mit den islamischen Ländern angeht, liegt ihm fern. Es gibt gelegentlich lakonische bis ironische Seitenhiebe auf das eurozentristische Weltbild, wenn er etwa die häufig benutze Vokabel der "Islamisten" für die Terroristen islamischen Glaubens auf das mittelalterliche Europa anwendet, und meint, niemand sei jemals auf die Idee gekommen, diese als "Christianisten" zu bezeichnen.

Ein "Verharmloser" ist Heinsohn aber auch nicht. Seine Rechnung ergibt bis 2020 rund 300 Millionen junge Männer, die in ihren Staaten keinerlei Perspektive mehr haben:

Dreihundert von insgesamt neunhundert Millionen jungen Männern aus der Dritten Welt werden in den kommenden fünfzehn Jahren entschlossen ausserhalb ihrer Heimat um Positionen kämpfen müssen. Sie gelten in den USA als Hauptgegner der nahen Zukunft. Sie sind alle schon geboren und werden auch dadurch nicht weniger, dass die 2-prozentige Rekordzunahme der Weltbevölkerung im Jahrzehnt 1962-1971 bis 2003 auf 1,2% gefallen ist...

Und weiter heisst es ein wenig süffisant:

Mit der islamischen Speerspitze dieser Jugendarmee tritt nach dem Ende der marxistischen Weltbewegung erstmals wieder ein Herausforderer auf, der das Geschäft des aktuellen Hegemon nicht etwa übernehmen, sondern zerstören will.

Akribisch unterfüttert Heinsohn seine These im Blick auf die Geschichte - anhand der europäischen Hegemone von ca. 1400 bis ca. 1900 (danach die USA als bestimmender Welthegemon) – von den Portugiesen, den Spaniern, den Holländern, den Schweden, den Engländern, usw. Heinsohn belegt, dass immer dann, wenn youth bulge-Phänomene in diesen Völkern aufgetreten sind, die zornigen, aggressiven Zweit- bis Fünftbrüder ihre Spitzenpositionen – mangels Gelegenheit – in der Welt gesucht hatten – mit den allseits bekannten Folgen. Hier arbeitet Heinsohn auch den religiösen Überbau heraus, der den Eroberern als Vorwand diente – also der aktuellen Situation nicht unähnlich scheinend.

Eine interessante Korrelation entwickelt Heinsohn wenn es daran geht, zu ergründen, warum es ca. ab 1500 einen youth bulge in den verschiedenen europäischen Staaten / Hegemonen überhaupt gibt. Der Grund für die gestiegene Geburtlichkeit ist banal: Die Frauen bekommen mehr Kinder. Die Frage ist aber. Warum? Eine wichtige Ursache hierfür sieht er in der brutalen und durchgreifenden Hexenverfolgung, die ab 1484 einsetzte. Als "Hexen" wurden hauptsächlich Hebammen verurteilt, die ihr Wissen um die Verhütung an Frauen weitergaben (durch Abtreibung aber auch medizinische Hilfe). Mit der Tötung dieser als "Hexen" denunzierten Frauen (auch hier wurde der religiöse Grund nur vorgegeben), wurde das Wissen um Verhütungstechniken ausgerottet. Die europäische Bevölkerung wächst in dieser Zeit nicht primär aufgrund einer verbesserten medizinischen Versorgung – sondern weil mehr Kinder geboren werden.

Exkurs: Die Eigentumsgesellschaft


Ein youth bulge ist aber nicht der einzige Grund, dass sich Weltreiche implementierten. Neben einer überlegenen Waffentechnik (die spanischen Eroberer beispielsweise stiessen bei den Naturvölkern in Südamerika auf steinzeitlich bewaffnete Gegner), gibt es noch einen anderen Grund: Die Implementierung einer Eigentumsgesellschaft statt der Besitzgesellschaft, wie sie in archaischen Lebensverhältnissen und in frühmittelalterlichen Feudalgesellschaften Europas existierten.

Dieser Punkt der Eigentumsgesellschaft spielt eine zentrale Rolle bei Heinsohns Betrachtungen und er benennt die Transformation von der Besitz- in eine Eigentumsgesellschaft für einen extrem wichtigen Punkt, der heute den (sogenannten) Entwicklungsländern sogar als Königsweg aus ihrer verfahrenen Situation zu empfehlen sei.

Der besseren Übersichtlichkeit geschuldet, sind die Zitate aus Heinsohns Buch für diesen Exkurs in blauer Schrift (und nicht – wie im Rest dieses Begleitschreibens kursiv hervorgehoben.

Die Basis des Wirtschaftens liegt aber weder im Kapital noch im Markt, sondern im Eigentum. Das kann man nicht sehen, riechen, schmecken oder anfassen, weil es ein papierner Rechtstitel ist. Nun wird gern geglaubt, dass "Privateigentum" der menschlichen Gier am angemessensten Ausdruck gebe. Aber bürgerliche, also eigentümerliche Gier wird durch Polizei und Gerichtsvollzieher viel strenger kontrolliert als die von raubritterlichen Feudalherren oder "primitiven Stammesgenossen". Vor allem im edlen Wilden hofft man auf einen Menschen noch ohne Eigennutz. [...] Aber auch und gerade unter Stammesgenossen gilt: "Der Erste, Schönste, Erfolgreichste, Stärkste und Reichste sein – danach strebt man".

Die Suche nach Profit entsteht nicht aus einer Gier nach ihm. Er ist lediglich das, was einem Wirtschaftenden über die Summe hinaus bleibt, die er für die Tilgung seiner Geldschuld und den Zins darauf auch dann begleichen müsste, wenn ihm jede Gier fremd wäre. Und solche Schuldverpflichtungen entstehen nur dort, wo es neben dem Besitz auch Eigentum gibt. Die Unterscheidung zwischen Besitz und Eigentum ist für das Verständnis des Wirtschaftens fundamental. Ökonomie wird so schlecht verstanden, weil die Gelehrten Besitz und Eigentum für ein und dieselbe Sache halten.

Die auf Eigentum basierenden Gesellschaften können auch zahlenmässig grössere Völker übertreffen, weil Eigentum für die Schaffung von Geld belastet und für das Borgen von Geld in einem Kredit verpfändet werden kann. Der Geldschaffer verliert durch diese Belastung während des Kreditzeitraums die Freiheit seines Eigentums, kann es nicht noch einmal belasten und auch nicht verkaufen oder verschenken. Dafür gewinnt er die Zinszusage seines Schuldners. Und eben für den Zins, für dieses immer mehr aus niemals länger werdenden Jahresfristen, muss erfinderisch gewirtschaftet werden.

Gesellschaften ohne Eigentum haben kein Geld, also keine zinsbelasteten Schulden und bleiben deshalb ohne nennenswertes Wachstum.

[...]

Dass der Zins als entscheidende Zugkraft des Wirtschaftens am Eigentum haftet, ist zwar ganz allgemein schlecht verstanden. Aber nur die Marxisten streiten seit 1917 zu seiner regelrechten Abschaffung. Sie versprechen – wenn man so will – den Menschen für ihr Auto eine noch höhere und überdies pannensichere Geschwindigkeit, wenn man nur den Motor ausbaue. Diese Heilung der Tuberkulose durch Entfernung der Lunge hat an die 100 Millionen Menschen das Leben gekostet...

An einem Stück Ackerland lässt sich die wirtschaftliche Potenz des Eigentums über das bloss besitzbasierte – und ewige – Produzieren hinaus besonders leicht nachvollziehen. In allen drei der Menschheitsgeschichte bekannten Gesellschaftstypen – Stamm (nur Besitz), Feudalismus (nur Besitz) und Eigentumsgesellschaft (Besitz und Eigentum – kann der Besitz einer Feldmark zum Pflügen, Einsäen und Ernten genutzt werden, also einen greifbaren Ertrag hervorbringen. Gewirtschaftet wird bei dieser Nutzung der Ackerkrume jedoch nicht. Sie wird lediglich physisch benutzt, das heisst an ihr wird das Besitzrecht wahrgenommen.

Zur geschäftlichen Verwendung eines Ackers - also zum Wirtschaften mit ihm - kann es erst kommen, wenn zum Besitzrecht noch ein Eigentumstitel hinzutritt. Man kann sagen, dass mit dem Acker produziert, mit dem Zaun, der ihn umgibt, jedoch gewirtschaftet wird, wobei er den Eigentumstitel symbolisiert und nicht nach Draht und Pfosten betrachtet wird, die es auch in reinen Besitzgesellschaften geben kann. Während der Bauer einer Eigentumsgesellschaft seine Feldmark durch eigenen Gebrauch oder durch Verpachten - als Besitzer nutzt, kann er mit dem Eigentumstitel an ihr gleichzeitig und eben zusätzlich wirtschaften. Er kann diesen Titel für das Leihen von Geld - Mark z.B. - verpfänden, oder er kann ihn für die Besicherung des von ihm selbst emittierten Geldes - wiederum Mark - belasten.

Die Geldnote - ob auf Metall oder Papier gedruckt - ist also ein Eingriffsrecht in das Eigentum ihres Emittenten und kommt nur durch Schuldenmachen in die Welt. Auch das auf fast wertlosem Material notierte Geld ist wertvoll, weil hinter ihm besicherndes und zusätzlich verpfändetes Eigentum steht. Wo jemand Geld emittiert, tut er dieses für einen anderen, der ihm mindestens im selben Wert Eigentum verpfändet sowie Tilgung und Zins zugesagt hat. Der in die Zirkulation gelangten Geldnote entspricht mithin ein zweites notifiziertes Dokument. Das ist der Kreditkontrakt, in dem der geschaffene Betrag als mit Eigentum des Leihers besicherte und zu verzinsende Schuld niedergeschrieben ist. Erst wenn der die Schuld getilgt hat, kann die zum Verleiher heimgekehrte Geldnote vernichtet und der Kreditkontrakt zerrissen werden. Sind die Noten aus Metall oder ist das Papier noch gut, können sie bei einer neuerlichen Emission wieder verwendet werden. Bis dahin aber - bis zu einem neuen Kreditkontrakt, der sie gewissermassen auflädt bzw. scharf macht - sind sie nur Formulare. Die werden in einem Tresor aufbewahrt, weil sie, durch Diebstahl in Zirkulation gelangt, äusserlich nicht von solchen "Formularen" zu unterscheiden sind, die erst verschuldete Eigentümer durch Zusage von Pfand, Tilgung und Zins in genuines Geld transformieren.

Als Verwender von Geld, das immer jemand - nämlich der im geldschaffenden Kreditkontrakt Benannte - schuldet, entwickeln Mitglieder von Eigentumsgesellschaften einen ganz anderen Blick auf die Welt als Menschen aus reinen Besitzgesellschaften, also aus Stämmen oder aus Feudalgesellschaften - werden diese nun durch Adelskasten oder "Avantgarden" einer Arbeiterklasse dirigiert. Geldschuldner suchen immer nach Wegen, aus der prinzipiell unveränderlich gleich langen Zeit eines Jahres oder eines Monats das Zusätzliche herauszuholen, das sie für den Zins aufbringen müssen. Eben dafür erzeugen sie Märkte. Auf diesen versucht man Schuldendeckungsmittel, also Geld zu erlangen. Dessen Existenz geht dem Markt somit voraus, während die Marktwirtschaftler glauben, dass erst die Märkte da seien, auf denen es dann für eine Tauscherleichterung erfunden werde.

[...]

Die Kontakte der Europäer zu den neuen Welten werden also umgehend in die Erfüllung von Gläubiger-Schuldner-Kontrakten eingebunden. Dadurch beginnt Globalisierung.


Und für die Entwicklung der sogenannten Dritten Welt rät Heinsohn zur Vereigentümerung:

Wenn man den weniger entwickelten Ländern helfen will, dann darf man ihnen kein Geld geben. Die denken sonst in der Tat, dass auf rätselhafte Weise riesige Tresore voll mit dem edlen Papier gerade in den OECD-Staaten gelandet sind, die somit ruhig mal etwas abgeben könnten. Doch die haben keine Kisten, sondern für die Geldbeschaffung belastbares Eigentum. Die Etablierung von Eigentum wiederum erfordert nur ganz geringen technischen Aufwand. Blosse Besitztümer müssen um Eigentumstitel ergänzt und dabei breit gestreut werden. Diese Verteilung muss muss in Dokumenten über die Eigentumstitel fixiert werden. Kataster und Grundbücher sind anzulegen. [...] Man muss an Gesetze gebundene Polizei und unabhängige Gerichte schaffen, die in die Eigentumstitel – ohne Ansehen der Macht ihrer Halter – vollstrecken können.

Dennoch: Einen Automatismus, der hinter einem überproportionalen youth bulge und der Aggression ein Gleichheitszeichen setzt, gibt es bei Heinsohn nicht. Dabei ist nicht nur die Betrachtung der Hitlerschen Aggressionskriege gemeint, die mit einem direkten Sohnüberschuss nicht "erklärt" werden können. Heinsohn wird da ein wenig einsilbig. Er merkt an, Hitler habe den youth bulge sozusagen herbeidekretieren wollen – mit dem Versuch, Frauen von der seinerzeit fortschreitenden Erwerbstätigkeit wegzubringen und wieder als Mütter einzusetzen. Der erste Weltkrieg, der rund 10 Millionen Söhnen das Leben gekostet hatte, war noch in der demografischen Entwicklung Europas verankert.

Heinsohn nennt zahllose Beispiele auch in der jüngeren Vergangenheit, die belegen, dass youth bulge-Staaten entweder in Bürgerkriege sich gegenseitig dezimiert haben oder aggressiv gegen andere Völker aktiv wurden (bzw. dies noch tun): Sri Lanka; Südamerika 1955-1995 im allgemeinen und El Salvador im speziellen; Nepal; Elfenbeinküste; Marokko (Genozid an den Sahauris); Afghanistan; unbedingt natürlich der Irak, den Heinsohn für lange Zeit "brodelnd" sieht; Palästina (wobei er den Palästina/Israel-Konflikt für in den Medien überzogen dargestellt sieht und in seiner Bedeutung – im Vergleich mit anderen Konflikten – eher am unteren Ende der Prioritätenliste sieht).

Eine Sonderstellung in der Betrachtung nehmen die USA ein (Heinsohn führt später den Begriff USanada ein [für USA und Kanada]). Als fast einziges westliches Land hat die USA noch Zuwachszahlen, die – so Heinsohns Prognose – am Weltmachtstatus der Vereinigten Staaten zunächst nicht rütteln werden (youth bulge-Quote von immerhin 21%). Aber die Politik der USA (wie auch Europas mit ungleich schlechteren Geburtenzahlen) trägt seiner Bevölkerungsentwicklung Rechnung:

Die Strategie der Vereinigten Staaten zielt...auf eine sequenzielle Ausschaltung despotischer Staaten mit Megatötungswaffen, weil ihre eigene Macht für die zeitgleiche Bekämpfung auch nur zweier aggressiver Atommächte nicht ausreicht.

Entwicklungen in anderen Staaten, innerstaatliche, bürgerkriegsähnliche Situationen oder regional begrenzte bilaterale Konflikte berühren die Weltmacht nur noch am Rande. Es wird zu Lippenbekenntnissen und wohlfeilen Appellen kommen, um den Schein zu wahren. Genozide wie in Ruanda oder jetzt in Darfur (Sudan) finden nicht das unmittelbare (prioritäre) Interesse der USA, weil die grundsätzliche Weltlage von ihnen nicht tangiert wird. Das ist der Grund, warum nicht eingegriffen wird: Wenn sich die youth bulge-Völker gegenseitig bekriegen, dann sinkt die Zahl der zu erwartenden Postensucher schon einmal. Das klingt hart, dürfte aber dem Kalkül der gängigen Politik entsprechen; übrigens nicht nur in den USA.

Obwohl Heinsohn die grösste Machtfülle der Vereinigten Staaten schon längst in der Vergangenheit sieht (er nennt die Zeit zwischen 1941-49; hauptsächlich deshalb, weil die USA zu dieser Zeit das Atomwaffenmonopol hatten), fällt ihm als Zukunftsperspektive nichts spektakuläres ein. Die Vereinigten Staaten werden wohl bis 2050 die bestimmende Macht bleiben. Neben der überlegenen Waffentechnik liegt dies auch daran, dass die Vereinigten Staaten (bzw. USanada) eine dauernde Heimstatt für die gut ausgebildeten Migranten sein werden; während die "Armutsflüchtlinge" hauptsächlich vor Europas Küsten stranden werden. Mit diesem Know-How sieht Heinsohn die USA à la longue dominierend; u. a. auch deswegen, weil selbst aus Europa die Eliten auswandern werden (allerdings wohl aus ökonomischen Gründen, denn einen youth bulge hat in Europa kein Staat mehr).

Die potentiellen Konkurrenten um den Weltmachtstatus der Zukunft sind entweder Vergreisungsgesellschaften (China; Europa) oder – tja, oder was? Warum Indien mit seinem youth bulge von 33% (Prognose 2050: 1628 Millionen [China 1394 Millionen; USA 413 Millionen]) dennoch keinen Gegenpart wird spielen können, lässt Heinsohn im Dunkeln. Es darf vermutet werden, dass er der doch sehr heterogenen indischen Gesellschaft mit durchaus grossen Klassenunterschieden den entscheidenden "Sprung" zur Herausforderung der USA als Weltmacht nicht zutraut. Viele gut ausgebildete indische Zweit- bis Fünftsöhne dürften übrigens auch von USanada angezogen werden.

Interessant ist Heinsohns These, dass die permanent steigenden Rüstungsausgaben der USA ein Ausweis von (gefühlter) Schwäche darstellt; die Römer hätten den Limes als Grenzbefestigung gebaut; die chinesische Mauer sollte Feinde abhalten, die mit Soldaten nicht mehr verdrängt werden konnten. Ähnliches sieht Heinsohn für die ehrgeizigen Rüstungspläne der USA (u. a. auch die Weltraumrüstung). Mit weniger als 5% der Weltbevölkerung [bringen die USA] auch im Jahre 2003 noch 50% aller Mittel der Menschheit für Forschung und Entwicklung auf. Da mag manche Wunderwaffe erfunden werden. Sicherlich ein nicht zu vernachlässigendes Argument.

Und Europa? Wie wird Europa den zornigen jungen Männern beispielsweise aus islamischen Gesellschaften begegnen können? Man kann Mauern errichten – Heinsohn hält diesen Weg für nicht sinnvoll. Man kann versuchen, Einwanderungspotential zu generieren, denn schliesslich sterben die europäischen Länder ja sukzessive aus. Um den Stand zu halten, müsste beispielsweise ein Land wie Spanien jährlich 1 Million Flüchtlinge aufnehmen (zum Beweis: derzeit leben in Spanien noch nicht einmal 1 Mio. Nicht-Spanier). Und:

Deutschland allein benötigt bis 2050 mindestens 15 und womöglich sogar 25 Millionen Neuzugänge - ... 500.000 jährlich, [einer Zahl,] der keiner richtig ins Gesicht sehen möchte.

Selbstredend wird es mit den Neuankömmlingen Schwierigkeiten zuhauf geben. Wer wollte ausschliessen, dass gerade aus der islamischen Welt voll ausgebildete Antisemiten herbeiströmen...[...] Man ersieht daran, dass unsere imponierenden Anstrengungen zur Fremdenliebe nicht aus dem Streben nach dem Guten als solchem erwachsen.


Zwischen den Zeilen liest man: Wo soll die Arbeit für diese Neuankömmlinge herkommen? Und: Welchen Ausbildungsgrad haben diese Menschen bzw. welchen "verlangen" wir? Die gut ausgebildeten werden sich direkt auf den Weg nach USanada machen; übrigens auch die in Europa herangezogenen Eliten, die Heinsohn in grossen Strömen dem sterbenden Kontinent den Rücken kehren sieht.

Ted Honderich hatte die Bildung als Ausweg gesehen: In Gesellschaften, in denen Frauen vermehrt freien Zugang zu Bildungseinrichtungen und danach in eine Art Berufsleben fanden, gingen die Geburtenzahlen signifikant zurück (freilich gab es hier auch Ausnahmen, wie beispielsweise der Iran und – vor allem – der Irak). Heinsohn sieht – das mag ein bisschen fatalistisch sein – keinen Ausweg; vor allem keinen Königsweg und rät (mehr oder weniger) zum Ausharren. Die Krieger von 2020 sind eh schon alle geboren; für die Zeit danach sieht er eine gewisse "Entspannung" (was eigentlich rein spekulativ ist und von Heinsohn auch so kommentiert wird).

Lediglich in der programmatischen Ausrichtung hin zur Eigentumsgesellschaft vermag man einen Hoffnungsschimmer zu erkennen: Durch eine Ökonomisierung der jeweiligen Gesellschaft könnten die sonst anderweitig gesuchten "Spitzenpositionen" in der eigenen Entität entstehen.

Die USA beschreibt Heinsohn insgesamt sehr optimistisch. Auguren wie Emmanuel Todd, die im horrenden Handelsbilanzdefizit der USA eine tickende Zeitbombe sehen, (und zwar nicht nur für die USA, sondern für die gesamte Weltwirtschaft) kommen bei ihm nicht zu Wort. Die Tatsache jedoch, dass die USA grosse Teile ihrer Industrieproduktion abgeschafft hat und auf Importe angewiesen ist, kann nicht wegdiskutiert werden.

Am Beispiel Chinas könnte Heinsohns Theorie einen Dämpfer erhalten. Zwar ist die Volksrepublik bevölkerungsmässig nicht in der Lage, exzessive Kriege mit grossen Verlusten zu führen – aber vielleicht braucht man dies auch nicht mehr, um trotzdem eine Hegemonialposition zu erreichen (die andere Voraussetzungen bringt China ja mit). Ökonomisch ist China sowohl als Produzent als auch als Nachfrager die aktuelle Weltmacht – die Wachstumsraten erreichen regelmässig schwindelerregende Höhen (kein Wunder, es gibt natürlich viel "aufzuholen"). Ähnliches gilt für Indien. Wie wäre es, wenn sich Hegemonialpositionen im 21. Jahrhundert nicht mehr ausschliesslich an klassische (bellizistische) Kennzahlen orientieren, sondern auch (oder vor allem?) an ökonomische Parameter? Liefert nicht Deutschland seit Jahrzehnten auf bestimmten Gebieten (immer noch!) ein Beispiel, wie eine weltpolitisch relativ unbedeutende Nation durch ökonomische Stärke eine gewisse Relevanz erreichen kann (und diese dann – bedauerlicherweise oder doch nicht? – nicht in der Lage ist, politisch hieraus Kapital zu schlagen)?

Heinsohns Zahlen sind aufregend und beeindruckend; keine Frage. Gelegentlich sogar beklemmend. Das Buch enthält manchmal sarkastische Spitzen. Zarte Seelen könnten Anstoss an gelegentlich drastische Formulierungen nehmen; der Autor wird's verschmerzen. Das Zahlen- und Quellenmaterial ist beeindruckend und umfangreich (nach 160 Seiten Buch gibt es eine Literaturliste von 21 Seiten!); gelegentlich auch einmal verwirrend. Manche Unterthesen, die Heinsohn aufstellt, sind verblüffend und – im besten Sinne – nachdenkenswert (beispielhaft möge der Epilog dienen). Man mag nicht immer alles goutieren, aber das Buch ist unbedingt und dringend zu empfehlen. Danach wird man eine Zeit lang immer bei Nennung eines Landes die demografischen Daten nachschlagen. Und man sieht einiges in anderem Licht.

Epilog: Idolisierung aggressiver Führer heute und damals



So kann es kaum verwundern, dass etwa auch die jungen Leute Südkoreas den nordkoreanischen Diktator Kim Jong II gerade wegen seines Atompotenzials bewundern. Von den mindestens 500.000 Menschen, die er seit 1994 verhungern lässt (Hayashi 1997) und von seinem unvermindert tötenden Gulag (Bork 2003,10) lassen sie sich kaum irritieren. Nach der Einstufung dieses Landes in die "Achse des Bösen" durch den US-Präsidenten George W. Bush ist die Zahl der amerikafeindli- chen Südkoreaner dramatisch hochgeschnellt - von 15 Prozent 1994 auf 53 Prozent 2002. Aber nur 26 Prozent der über 50-jährigen gehören in diese Gruppe. Von den 20- bis 30-jährigen hingegen sind es 75 Prozent. Eine 29-jährige Frau erklärt An- fang 2003: "Wenn Nordkorea Atomwaffen will, soll es sie ruhig haben. Nordkorea würde uns nie angreifen. Wir sind ein und dasselbe Volk" (Goodman/Choo 2003, 6). Die Phantasien über die Möglichkeiten einer vereinigten 70-Millionen-Nation mit der ökonomischen Stärke Südkoreas und den dann noch verbesserbaren Megatötungswaffen des Nordens erweisen sich als unwiderstehlich. Und in der Tat bräuchte ein solches Korea keine Amerikaner mehr. Aber mit China zöge man nuklear gleich, und das altgehasste Japan liesse man hinter sich. Man tafelte im selben Klub mit Frankreich und Grossbritannien. Auf jeder diplomatischen Bühne der Welt wären junge Koreaner dabei und wichtig. Wie wohl das nationale Fühlen der Deutschen aussähe, wenn sie über die DDR an Atomwaffen gelangt wären - mit all dem Uran im Erzgebirge?

Die jungen Muslime, Koreaner etc. idolisieren ihre aggressiven Führer im 21. Jahrhundert also kaum anders als etwa im 18. Jahrhundert die Deutschen aus Goethes Kindheit den späteren Grossfriedrich, der - mit Preussen - gerade nicht dem ressourcenreichsten Gemeinwesen vorsteht und dennoch blutiger und tückischer oder eben kühner und intelligenter als alle anderen deutschen Fürsten sein Reich durch räuberische Überfälle auf die Nachbarn schmiedet. Diesen grossen Töter bewundert der junge Goethe: "Aber kaum hatte ich am 28. August 1756 mein siebentes Jahr zurückgelegt, als gleich darauf jener weltbekannte Krieg ausbrach, welcher auf die nächsten sieben Jahre meines Lebens auch grossen Einfluss haben sollte. Friedrich der Zweite, König von Preussen, war mit 60.000 Mann in Sachsen eingefallen, und statt einer vorgängigen Kriegserklärung folgte ein Manifest, wie man sagte, von ihm selbst verfasst, welches die Ursachen enthielt, die ihn zu einem solchen ungeheuren Schritt bewogen und berechtigt. [ ...] Und so war ich denn auch preussisch oder, um richtiger zu reden, fritzisch gesinnt. [ ...] Ich freute mich mit dem Vater unserer Siege, schrieb sehr gern die Siegeslieder ab, und fast noch lieber die Spottlieder auf die Gegenpartei. [ ...] Bei den Grosseltern [ ...] wollte mir kein Bissen mehr schmecken: denn ich musste meinen Helden aufs greulichste verleum- det hören. [ ...] So fing ich nun, wegen Friedrichs des Zweiten, die Gerechtigkeit des Publikums zu bezweifeln an. [ ...] Bedenke ich es aber jetzt genauer, so finde ich hier den Keim der Nichtachtung, ja der Verachtung des Publikums, die mir eine ganze Zeit meines Lebens anhing" (Dichtung und Wahrheit, Erster Teil, Zweites Buch).

Die Fritzischen und die Bin-Laden'schen haben mithin viel gemein. Mit unverhüllter Wehmut, dass ihm selbst diese Rolle nicht mehr gehört, hat sogar Libyen Diktator Gaddafi das zugestanden: "In der islamischen Welt ist er [Bin Laden] ein Prophet geworden und alle jungen Leute verehren ihn" (Weymouth 2003, 18). Mordversuche von Al-Qaida gegen die blutige Operettenfigur der 1980er Jahre dürften dieses Eingeständniss kaum erleichtert haben. Im Mai 2003 verfügt Osama bin Laden über das höchste moralische und politische Ansehen in fünf von sechs islamischen Ländern (Ausnahme Türkei), die in einer weltweiten Forschung über die Autorität von Politikern einbezogen wurden: Palästina, Indonesien, Jordanien, Marokko und Pakistan (Bortin 2003, 1/6).

Ergänzung


Das Buch ist als E-Book hier herunterzuladen. (PDF; 3,6 MB; Ausdruck nicht möglich und nicht gestattet)

Hereinspaziert: Weitere schockierende Bilder!

In der aktuellen Hysterie um Totenschändungen werden leider die armen Soldaten der Bundeswehr einseitig belastet. Erschütterndes Bildmaterial zeigt, wie weit verbreitet die Verrohung auch in der Wissenschaft inzwischen fortgeschritten ist.

Die folgenden Fotos in ihrer Grausamkeit für sensibele Menschen sicherlich schwer zu ertragen. Sie zu zeigen, ist jedoch oberste Aufklärungspflicht. Ich fühle mich da mit der BILD-Zeitung und der gesamten Redaktion wesensverwandt.

Triumph

Ausgrabung

Grab

"Ich bin alles andere als ein Feigling" - André Müller im Gespräch mit Arno Breker 1979

Nicht nur, aber auch in diesem Beitrag wurde die kürzlich eröffnete Ausstellung in Schwerin von Arno Breker thematisiert. Man kann viel dafür und viel dagegen sagen – bildende Kunst gehört nicht zu meinen Spezialthemen. Vielleicht bringt das Interview-mit-Arno-Breker-1979 (pdf, 75 KB), geführt von André Müller (neulich im "Perlentaucher" neu erschienen) ein bisschen Licht ins Dunkel.

Wie fast alle Müller-Interviews ist auch dieses sehr intensiv; nicht selten brechen die Interviewten das Gespräch irgendwann ab, da Müller an Grenzen geht; sie gelegentlich überschreitet. Legendär seine Gespräche mit Elfriede Jelinek oder Wolfgang Koeppen.

Es geht mir nicht um die Person Breker – weder um Rehabilitierung noch Verteufelung. Das Interview ist aus einem anderen Grund interessant: Es zeigt die Enttäuschung von jemandem, einer eigentlich als falsch empfundenen Sache angehangen zu haben und aus ihr Vorteile gezogen zu haben. Persönliche Schuld sieht er nicht, da er auch "geholfen" habe (was wohl stimmt). Was besonders schockierend wirkt (und Müller fast wütend zu machen scheint): Breker verweigert jegliche Form des Bedauerns; er scheint sich dem geradezu lustvoll entziehen zu wollen. Ein bisschen erinnerte es mich an Augsteins Gespräch mit Heidegger.

Interessant ist, dass die als gemeinhin unverfänglichen Kunstwerke Brekers (auch im Interview wird eins angesprochen – "Die Flehende") im Internet nicht oder kaum zu finden sind ("Die Flehende" habe ich nicht recherchieren können). Von den späteren, inkriminierten Werken gibt es ausreichend Bilder – so also hier die Skulptur "Bereitschaft" (auch im Gespräch genannt)

Einen interessanten Artikel gibt von Petra Kipphoff in der ZEIT "Buntes Gruselkabinett".

Dank an Michael Roloff für den Hinweis auf dieses Interview.

Aufwandsentschädigung

Altenheime haben seit einiger Zeit eine neue Möglichkeit gefunden, ihre Personalkosten weiter zu senken.

Trotz weiterhin steigender Kosten (Pflegesätze) wird fachlich ausgebildetes Personal immer mehr zurückgefahren. Inzwischen sind aber bereits 400 Euro-Arbeiten zu teuer geworden.

Küchendienst oder die "Fütterung" alter Menschen oder andere Hilfsarbeiten werden inzwischen fast ausschliesslich von Aushilfskräften durchgeführt, die am Tag für eine oder maximal zwei Stunden arbeiten. Bezahlt werden sie über eine sogenannte Aufwandsentschädigung (nicht zu verwecheln mit der Aufwandsentschädigung, die Politiker in Anspruch nehmen). Der Betrag von jährlich 1848 Euro (also rund 150 Euro/Monat) kann einmalig oder ratierlich ausgezahlt werden - steuer- und sozialversicherungsfrei.

Nicht ganz legal, aber durchaus Usus: Man arbeitet für ein oder zwei andere Personen noch "mit" (in der Regel Kinder oder Verwandte). Offiziell sind diese Leute dort tätig - inoffiziell bekommt jemand anders das Geld.

So werden die Personalkosten gesenkt. Das gesparte Geld müsste jedoch in andere Leistungen der Heime fliessen. Das ist eher selten zu entdecken.
Schöner Link zur Ökonomisierung von Sozialarbeit: hier

"Faites vos jeux" - Das Spiel geht weiter!

Gestern wurde das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hinsichtlich des Glücksspielmonopols des Staates gesprochen:

1. Es ist nach Maßgabe der Gründe mit Artikel 12 Absatz 1 des Grundgesetzes unvereinbar, dass nach dem Gesetz über die vom Freistaat Bayern veranstalteten Lotterien und Wetten (Staatslotteriegesetz) vom 29. April 1999 (Bayerisches Gesetz- und Verordnungsblatt Seite 226) in Bayern Sportwetten nur vom Freistaat Bayern veranstaltet und nur derartige Wetten gewerblich vermittelt werden dürfen, ohne das Monopol konsequent am Ziel der Bekämpfung der Suchtgefahren auszurichten.

2. Der Gesetzgeber ist verpflichtet, die Veranstaltung und Vermittlung von Sportwetten unter Beachtung der sich aus den Gründen ergebenden verfassungsrechtlichen Vorgaben bis zum 31. Dezember 2007 neu zu regeln.

3. Bis zu einer Neuregelung darf das Staatslotteriegesetz nach Maßgabe der Gründe weiter angewandt werden.
[...]

Entscheidend ist der von mir hervorgehobene Nebensatz.

Das klingt gut, einleuchtend und wurde von den diversen Suchtbeauftragten auch goutiert. Der Staat muss, will er das Monopol behalten, Sorge treffen, dass gleichzeitig die Suchtgefahren aus dem Glücksspiel entsprechend bekämpft werden. Das könnte beispielsweise mit einer Kontrolle der Werbung oder gar einem Werbeverbot erfolgen. Oder vielleicht einem Aufdruck auf dem Lottoschein: "Achtung! Das Lottospielen kann Ihre Familie ruinieren!"

Aber es ist auch eine schöne Illusion, der man sich wohl zu gerne hingibt. Denn längst gibt und gab es halb legale und sogar illegale Wettannahmen, die sogar in der Öffentlichkeit mit Ladenlokalen präsent sind. Die Grenzen zur organisierten Kriminalität werden hier häufig genug überschritten.

Und: Nehmen wir einmal an, der Staat trifft die vorgeschriebenen Massnahmen nicht. Würde dann eine Öffnung des Monopols zu Gunsten „privater“ Anbieter (der heutigen „wilden Buchmacher“) Abhilfe schaffen? Doch wohl kaum.

Zugegeben, ich bin persönlich betroffen. Mein Vater war Zeit seines Lebens spielsüchtig. Als sein Sohn wollte ich mal eine Zeit lang besser machen. Natürlich scheiterte ich. Das ist lange her. Die Einblicke, die im legalen und illegalen Wettgeschäft gewonnen habe, waren ernüchternd. Wer sich über „geschobene“ Fussballspiele heute empört, erntet bei mir nur ein mildes Lächeln. Bereits ohne „Oddset“ und "Betandwin" wurden in den 80er Jahren illegale Wetten von führenden Protagonisten getätigt (freilich über Strohmänner). Einige dieser Leute sind übrigens immer noch aktiv. Da gehen mir, was manche Zweitligavereine angeht, dann doch die Augen über...

Ich bin seit 1987 raus. Aber ich weiss, was Spielsucht anrichtet und wie schlimm sie ist. Ich halte sie für schwerer bekämpfbar als eine Sucht, die auf stofflichen Produkten basiert.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts mag formaljuristisch in Ordnung sein und sich auch an Urteile des EUGH orientieren. Abhilfe schafft es nicht. Kann es auch nicht. Wir stehen sowieso erst am Anfang. Die Kugel rollt. Noch darf man das Spiel machen.

Gottessen

I – Provokationen

Die Tabus, die in unserer Gesellschaft Schauder und Entrüstung hervorrufen, werden immer weniger. Für gezielte Tabubrecher, die ihre Wirkung nur noch auf diese Art erzielen können, wird der Markt schwieriger. Eile ist geboten - der Kollege könnte am gleichen Stoff arbeiten. Besser als die Präsentation des tabubrechenden Kunstwerkes ist deren medial inszenierte Verhinderung. Soviel Öffentlichkeit ist selten und tut gut. Kerner ist gewiss. In diese Richtung gehen die Macher und Verleiher des Films über die Ereignisse um den sogenannten „Kannibalen von Ro(h)tenburg“.

Denn: Kannibalismus ist noch ein Tabu. Aber warum eigentlich?

II - Zitate

Lukas 22,19:
Und er nahm das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.

Markus 14,22:
Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet, das ist mein Leib.

Matthäus 26,26:
Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib.

III - Glauben

Die Eucharistie ist der wesentliche Punkt jeder katholischen Messe. Brot und Wein werden in der Messe substantiell, objektiv in den Leib und das Blut Christi verwandelt. Es handelt sich dabei keinesfalls um eine symbolische Auslegung! Die Verwandlung geschieht tatsächlich – einer der essentiellen Glaubenssätze der katholischen Kirche (im Gegensatz dazu die „symbolische“ Auslegung in der evangelischen Kirche).

Ist aber der Gedanke, vom Leib Gottes zu essen nichts anderes als ein kannibalischer Akt?

Eine interessante Deutung der Eucharistie findet sich ausgerechnet (oder gerade?) bei Eugen Drewermann („Die Spirale der Angst“; Herder 1991, 4. Auflage, S. 310ff):

Gerade auf dem Hintergrund der oralen Schuldgefühle möchte die Eucharistiefeier in ihrer oralen Symbolsprache das menschliche Dasein von Grund auf, vom Erleben der Nahrungsaufnahme her, von jeder Schuld freisprechen und aus der Angst erlösen, die es wider Willen immer tiefer in das Dilemma der agressiven Triebregelungen verstricken muß. Wenn der orale Kannibalismus die tiefste Schulderfahrung darstellt, - nun, so scheint dieses Sakrament sagen zu wollen – so erlauben wir doch von Gott her den Kannibalismus; wenn der Mensch am tiefsten dadurch verwirrt und erschüttert wird, dass er töten muß, was er am meisten liebt, nun so erlauben wir ihm doch von Gott her, zu töten, wovon er lebt.

Er geht noch weiter:

Die Eucharistie ist wie ein verzweifeltes, äusserstes Bemühen der Religion, dem Menschen zu sagen, was psychologisch eine Mutter ihrem Kind in der Depression gerade nicht mehr überzeugend zu sagen vermag: dass seine Schuldgefühle unbegründet sind, dass es, entgegen seinem Schuldgefühl, kein Mörder ist und das es aufhören kann, sich als Kannibale zu fühlen und als Kannibale zu leben, nur weil es, um zu leben, essen muß; der Gott, den man im Sakrament zu töten meint, wird leben, - er gibt sich selber hin -, es ist des Gottes eigenes Opfer, nicht ein Mord, was da geschieht.

Drewermann involviert en passant noch eine andere Religion:

Die „Logik“ dieses Sakraments des Gottessens gegen das urtümliche orale Schuldgefühl erinnert lebhaft an die alte indische Legende, wonach der Buddha in einer seiner früheren Existenzen als ein Hase zu Welt kam; und um es den Menschen zu ersparen, dass sie durch seinen Tod Schuld auf sich lüden, opferte der Buddha sich selbst in der Gestalt des Hasen und sprang von sich aus freiwillig ins Feuer.

Diese Deutungen überzeugen mich als Laien – für den diese Art Bücher ja sein sollen – nicht. Lösen wir die Gründe für Drewermanns Argumentation (die Religion als Lösung wider den Krieg) aus dem Kontext und folgen nur seiner Interpretation der Eucharistie (die er – verkürzt gesagt – auch als Friedensbotschaft sieht) , so bleiben viele Fragen, die er auch aus psychologischen Deutungsmustern heraus nicht befriedigend beantworten kann.

Meine Frage im Bezug auf Kannibalismus: Ist nicht in dieser fast ornamentalen Symbolik des Neuen Testaments der Gedanke, sich Eigenschaften eines anderen Menschen über sein Aufessen „anzueignen“, durchaus vorhanden? Und, warum gibt es dennoch ein seit Jahrtausenden bestehendes Tabu des Kannibalismus?

IV – Schluss

Kann die als „sexuelle Perversion“ dargestellte Handlung des Angeklagten im Kannibalismus-Prozess also auch anders gesehen werden?

Kommentare hier...

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 19:39
Also über die Zugriffszahlen...
Also über die Zugriffszahlen kannst du dich wirklich...
Köppnick - 2008-05-13 17:26
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 13:47
Moderation - ja, jetzt...
Moderation - ja, jetzt fällt es mir auch wieder...
Köppnick - 2008-05-12 19:18
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 16:48
Was meinst du denn mit...
Was meinst du denn mit Moderation? Löschen kann...
Köppnick - 2008-05-12 16:30
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 13:37
Dialektik der Abklärung:...
Dialektik der Abklärung: Umrisse einer neuen Sicht...
Frank-C. Hansel (anonym) - 2008-05-10 12:24
Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58

...anderswo

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
begleitschreiben - 2008-05-13 19:39
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
begleitschreiben - 2008-05-13 13:47
Wie kann man denn ein...
Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?
kursiv - 2008-05-12 21:42
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
begleitschreiben - 2008-05-12 16:48
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
begleitschreiben - 2008-05-12 13:37

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