Peter Handke

"Es gibt keine Idyllen in dieser Welt. Nirgendwo."

Schönes Interview mit Peter Handke in den "Salzburger Nachrichten" (SN).*
SN: Wünschten Sie sich, manchmal etwas oberflächlicher wahrgenommen zu werden?
Handke: Ja, Sie haben recht. Ich würd’ mir wünschen, dass einige meiner Stücke als Boulevard stücke wahrgenommen werden.

SN: Passiert aber nicht. Vielleicht auch, weil Sie ja so ein Art Heiligkeit umgibt, der Dichter jenseits von jedem, der im Wald um Paris Schwammerl sucht, sich manchmal provokant zu Wort meldet. Das ist doch nicht schön, nur so – als Schwieriger – wahrgenommen zu werden.
Handke: Natürlich ist es ein Dilemma heutzutage für einen, der ernsthaft Literatur schreibt, Träume formuliert, vielleicht wirke ich da manchmal nicht so ernsthaft, sondern etwas flapsig, aber die Frage ist tatsächlich immer schwieriger zu beantworten: Wo habe ich meinen Platz als Schreiber? Es ist eine schwierige Situation, ein Dilemma, das nie größer war als in dieser Zeit.

SN: Woran liegt das?
Handke: Wir werden immer in ein bisschen ein seltsames Licht gerückt. Und das ist ja auch normal. Aber die meisten Schriftsteller und Schreiber sind ja längst unglaublich tüchtige Bankiers und Produzenten und Regisseure und auch die Conferenciers ihrer selbst. Ich hab’ das schon auch zwischendurch ein paar Mal versucht zu machen, Aber ich hab’ bemerkt: Ich bin da nicht gut darin.
Irgendwann am Ende wird es dann ein bisschen Ernst:
Es gibt keine Idyllen in dieser Welt. Nirgendwo. […] Nie hat’s Idylle gegeben. Nie. Es gibt vielleicht Atemräume für einen Moment. Und es ist vielleicht ein Vorteil, einen Garten zu haben, um dort lesen zu können. Aber es hat nichts mit Idylle zu tun. Der Garten kann Ort es größten Dramas sein oder des schönsten Dramas. Vielleicht gibt’s solche Momente, wenn der Wind durch die Kastanien geht. Aber Idylle ist das nicht. Vielleicht ein Aufatmen und dann denkt man: Jetzt ist jetzt. Das ist ja eine Gabe, das sagen zu können.
Etwas über Handkes in Salzburg gespieltes Stück: "Bis daß der Tag Euch scheidet oder Eine Frage des Lichts". Und hier die Besprechung aus "Kulturzeit" von 3sat.
*Salzburger Nachrichten, 11. August 2009, Seite 10; Interview mit Bernhard Flieher

Bemerkungen zu Peter Handkes "Die Kuckucke von Velika Hoča"

Peter Handke Die Kuckucke von Velika HocaNaturgemäss findet Peter Handkes neuestes Buch "Die Kuckucke von Velika Hoča" weder annährend die Aufmerksamkeit noch die fast einhellige Zustimmung wie sein letztes Prosabuch "Die morawische Nacht".

Es scheint fast ein Gesetz zu sein: Immer wenn Handke Bücher mit der Problematik des Zerfalls seines Arkadien (= Jugoslawien) als Zeugenbericht in der Ich-Form schreibt und Dichter und Erzähler verschmelzen (oder beinahe verschmelzen), scheint ein "Skandal" (also das, was man dafür hält) in der Luft zu liegen.

Der ARD-Korrespondent Andreas Meyer-Feist lässt sich zum Buch im SWR2 befragen. Bemerkenswert, denn so ganz genau scheint er es nicht gelesen zu haben, etwa wenn er behauptet, es handele auch von den Kuckucken, die im Dorf "früher dort zu hören" gewesen wären und jetzt – durch die Klimaerwärmung – nicht mehr. In Wirklichkeit ist Handkes Beobachtung genau anders: Gerade dort, in Velika Hoča, sind diese Vögel noch zu hören (die Symbolik dahinter streift Meyer-Feist nur am Rande).
Rajika
Auch Meyer-Feists Vorwurf, Handke mache genau das, was er anderen Reportern vorwerfe, ist absurd: Fast das Gegenteil ist der Fall, wenn Handke eben genau auch wie die von ihm nach wie vor ambivalent empfundenen Journalisten plötzlich das Wort "angeblich" verwendet – aber genau nicht, um Äusserungen von Zeugen zu relativieren oder gar zu diskreditieren, sondern wenn er Gesagtes schlichtweg nicht bezeugen kann.

Eine interessante Besprechung findet sich in der Neuen Züricher Zeitung von Beqë Cufaj. Der Rezensent versteht Handke wie er es gerne möchte, moniert, was dieser nicht gesehen habe und versteift sich am Ende zu der reichlich kühnen Aussage, dass "mit der Unabhängigkeit Kosovos der Balkankonflikt entschärft scheint". Lothar Müller abstrahiert immerhin in der "Süddeutschen Zeitung" den Ich-Erzähler des Buches von Handke, macht aber kaum mehr als eine Inhaltsangabe des Buches.

In einer dezidierten Besprechung in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sieht Michael Martens Handke in einer unbewussten (!) "weithin unbekannten (beziehungsweise schon vor Generationen wieder vergessenen) Tradition einer schwärmerischen deutschsprachigen Serbienliteratur." Martens' Quintessenz des Buches "Handke erzählt allein von sich" greift allerdings zu kurz.

Eine weitere Besprechung (die erste) findet sich im "Standard" (Stefan Gmünder), wobei der Autor Handke an dessen Essay "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms" erinnert und fast entrüstet anmahnt, Handke solle sich doch an sein damaliges Diktum, welches eine dezidiert politische Literatur ablehnt, halten. (Die anschliessende Diskussion zeigt das Dilemma, wenn Leute aufgrund von Sekundärliteratur ihre Urteile fällen.)

Ach ja, und dann hier noch ein Versuch einer Darstellung des Buches: "Kuckuckskonzil"

Augen auf...

Augen auf, du bist allein: im Bahnhof von Brighton die saalartige unterirdische Toilette, traumgroß, traumleer, dazu der Mosaikboden, und draußen der Vollmond; Augen auf: die vielen Rothaarigen im letzten Zug zurück nach London, und zuvor, Augen auf: die, wir, paar Alleinigen in der letzten Kinovorstellung, am Nachmittag des Weihnachtsabends in B., Frauen fast nur, und nach dem Film die Kassen des Kinos schon mit Hüllen drüber

Peter Handke: "Gestern unterwegs"; undatiert, aber Weihnachten 1988 zuzuschreiben

Heute war der erste Morgen, an dem ich aufwachte und bis zum Aufstehen einige Minuten zubrachte, ohne direkt daran zu denken, daß ich würde sterben müssen.

Aleksandar Tišma, Tagebücher, aus: Schreibheft Nr. 71; unter dem Datum des 25.12.1994

Fabjan Hafner: Peter Handke - Unterwegs ins Neunte Land

Fabjan Hafner   Peter Handke unterwegs ins Neunte LandMit seinem Buch "Peter Handke – Unterwegs ins Neunte Land" möchte Fabjan Hafner aufzeigen, dass das Slowenische bei Peter Handke mehr als nur eine Beschäftigung mit seinen Ahnen ist, sondern nichts weniger als ein Lebensthema , ja der Generalbaß im Gesamtwerk des Dichters. Slowenien ist Sehnsuchtsort, (s)ein Utopia sui generis und bukolisches Traumland. Die gesamte mütterliche Verwandtschaft Handkes gehörte der Minderheit der Kärntner Slowenen an. Besonders der Grossvater, Gregor Siutz (slowenisch: Sivec) und dessen gleichnamiger Sohn sind Lichtgestalten in Handkes Kindheit und Jugend und bleiben darüber hinaus prägend.

Hafner betont zwar wiederholt, dass Handke selber eine biografische Deutung seiner Erzählungen (insbesondere seiner Slowenien-Rekurse) ablehnt, konzidiert dann jedoch, dass die lebensgeschichtliche Lesart…ergiebiger sei als die intertextuelle. 1942 wurde Peter Handke in Altenmarkt (bei Griffen) in Südkärnten geboren. 1944 geht die Familie nach Berlin (in den Ostteil der Stadt); Handkes Stiefvater (es stellte sich für Handke erst später erst heraus, dass es sein Stiefvater war) kam aus Berlin. 1948 zurück, hat der kleine Handke das Slowenische vollkommen vergessen und spricht "hochdeutsch", was im Dorf als abgehoben empfunden wird. Er kann sich mit den Einheimischen, wie auch dem Grossvater nur schlecht verständigen; ihren Dialekt versteht er nicht. Hieraus rührt – so Hafner – Handkes generelle Ablehnung des Dialekts gegenüber. Die Familie ist in mehrfacher Hinsicht "am Rand", der junge Handke doppelt unzuhause: Geografisch bewohnt die Familie einen Hof am Dorfrand; es sind "einfache Verhältnisse". Gesellschaftlich sind sie Kärntner Slowenen, also eine Minderheit, andererseits stammt der Mann der Mutter aus Deutschland. In der Familie dient (wie auch unter den "österreichischen Kärntnern") das Slowenische als eine Art Geheimsprache.

Handke ist Aussenseiter. Zwischen dem Grossvater, der weitgehend Vaterersatz wird (Handke "überspringt" sozusagen zeitweise eine Generation) und seinem Enkel lockert sich das sprachliche Band; Handkes Schriftsprache ist das Deutsche geworden. Die Internatszeit in Tanzenberg wird von Handke selber rückwirkend sehr negativ betrachtet; er ist dort ebenfalls heimatlos. In der Gruppenbildung "Deutschkärntner" versus "Slowenen" (Hafner weist interessanterweise darauf hin, dass niemand auf den Gedanken kommt, statt "Slowenen" die Bezeichung "Slowenenkärntner" zu verwenden) findet Handke keinen Platz. Er nimmt dort den Unterricht in slowenischer Sprache wieder auf.

Hinwendung zum Slowenischen

Nach rund einem Viertel des Buches beginnt Hafner mit der Werkbesprechung, in dem er Buch für Buch (allerdings nicht alle) auf das slowenische Thema hin abhandelt. Handkes erste Bücher können zunächst durchaus als Absonderung seiner Herkunft gegenüber gelesen werden. Dennoch schimmert die Auseinandersetzung mit "dem Slowenischen" als durchgängiges Lateralphänomen auch in seinem Erstling "Die Hornissen" durch. Hafner entwickelt dies durchaus überzeugend. Indem Handke Kindheitsbilder aneinanderreiht (das Hornissen-Symbol steht für die Bomberflugzeuge, die Handke als Kind wahrgenommen hat), ist die Motivlage fast vorgegeben, obwohl sich der junge Schriftsteller zunächst als Sprachspieler und –kritiker geriert und Lust am Experiment zeigt.

Eine verstärkte Hinwendung "zum Slowenischen", eine Art Vorfahrenvergegenwärtigung, beginnt mit der Erzählung "Wunschloses Unglück" (1972), in der Handke über seine Mutter und deren Freitod erzählt. Eingehend werden die Bücher seiner "Langsame Heimkehr"-Tetralogie abgeklopft. Die Bücher bis Anfang der 80er Jahre (inklusive "Die Geschichte des Bleistifts") subsumiert Hafner (weitgehend treffend) unter der Kapitelüberschrift Aufbruch heimwärts. Ende der 70er Jahre beginnt Handke mit der Übersetzung zweier Bücher aus dem Slowenischen. Zunächst Florjan Lipuš' "Der Zögling Tjaž" (zusammen mit Helga Mračnikar) und dann Gedichte von Gustav Januš. Übrigens waren beide Autoren, was vielen Beobachtern damals entgangen war, nicht aus Slowenien selbst, sondern können als "Auslandsslowenen" (Lipuš als "Kärntner Slowene") bezeichnet werden. Beide, Lipuš und Januš, besuchten wie Handke das Internat Tanzenberg (ein Zufall?). Handke musste für den "Zögling" die slowenische Sprache praktisch wieder neu erlernen. Die Hilfe von Helga Mračnikar war, wie er selber rückwirkend schreibt, unbedingt notwendig. Januš konnte er dann selber übersetzen.

Den Übersetzungen widmet Hafner ein eigenes, kleines Kapitel. Es steht vor dem grössten Abschnitt seines Buches In der Heimat mit der doppeldeutigen Parenthese Auszeit von der Weltgeschichte. Besonders ergiebig wird hier das 1986 erschienene Buch "Die Wiederholung" untersucht. In diesem Buch bricht der Protagonist und Ich-Erzähler Filip Kobal (die Vokabel "kobal" entnimmt Handke dem letzten Satz des "Zögling Tjaž"), der noch nie Österreich verlassen hat, auf, um seinen verschollenen Bruder in Slowenien zu suchen.

Suche nach dem verschollenen Bruder

Während des Reisens, des Zug- und Busfahrens, vor allem aber des Gehens erfährt Kobal nun in epiphanischen Momenten (die Hafner sehr gut deutet) den Rekurs auf seinen Ahnen (was allerdings keinesfalls mit einem Ahnenkult verwechselt werden darf). Die Suche bleibt zwar faktisch erfolglos und Kobal kehrt am Ende wieder zurück zu Familie, aber diese Reise, die eine Reise zu sich selbst ist ("Die Wiederholung" ist ein klassischer Entwicklungsroman) hat den Protagonisten verwandelt, denn in den epiphanischen Erscheinungen, erzeugt durch Aufgehen in der Landschaft, ist er sehr wohl seinem Bruder begegnet. Denn Filip Kobal hat es mit dem Schein! Dabei ist Schein als Abglanz fremden Erlebens, nicht mit Täuschung zu verwechseln. "Wiederholung" bedeutet bei Handke auch immer "Verwandlung" (eine Tatsache, die Hafner ein bisschen vernachlässigt). Und am Ende beginnt Filip auch über das Erzählen zu erzählen; ein weiteres, häufiges (und wichtiges!) Motiv bei Handke, was Hafner (fast naturgemäss) vernachlässigt. Und die einst zerstrittene Familie ist plötzlich miteinander versöhnt.

Hafner bemerkt, Cornelia Blasberg, zitierend zutreffend, dass für Filip Kobal gelte, was die meisten Gregor-Figuren im Werk Handkes auszeichnet, er "scheint somit die Chiffre jener Kreisbewegung zu sein, die sich als Zirkel von Ausziehen, sich Verlieren, sich Finden und Heimkehren nachzeichnen lässt".

Die autobiografischen Anspielungen sind überdeutlich. Wie Handkes Onkel heisst der gesuchte Bruder Gregor. Und wie Gregor Siutz, der in der Zeit von 1932 bis 1937 die Landwirtschaftsschule in Maribor besuchte und eine Handschrift über den Obstbau verfasste, reist Filip Kobal mit einem "Werkheft" des Bruders welches vor allem vom Obstbau handelt. Handke bemerkt in Interviews selbst, wie wichtig ihm diese Handschrift des Onkels ist (Ich habe sein Obstbaubuch noch bei mir zu Hause…Das schwebt oben im Plafond, und ich sehe jeden Tag hinauf auf die slowenischen Beschreibungen der Äpfel, der Birnen, der 'jabolke' und so weiter und les zumindest ein paar Wörter davon). Gregor Siutz wird (anders als der andere gefallene Mutterbruder) durch die Feldpostbriefe (teilweise in der "verbotenen" Sprache slowenisch) und das "Obstbaubuch" zum "schreibenden Vorfahren" (Hafner zitiert hier Adolf Haslinger); ein Abwesender, der Schrift geworden ist. Und wie Handke sich mit dem Pleteršnik-Wörterbuches von 1894/95 das Slowenische Ende der 70er Jahre wieder nahebringt so benutzt Filip das große slowenisch-deutsche Wörterbuch aus dem neunzehnten Jahrhundert, um die Schrift des Bruders zu entziffern. Dezidiert anders ist allerdings, dass die Romanfigur als Widerstandsheld mindestens phantasiert wird, während der "reale" Gregor zwar ein slowenischer Agitator war, aber letztlich als Slawe in der Armee Hitlerdeutschlands ums Leben kam.

Die "Wiederholung" – keine Suche nach der verlorenen Zeit

Das zentrale Motiv nicht nur in diesem Roman, aber vor allem hier, ist das der "Wiederholung". Der Titel ist demzufolge doppeldeutig und dem Leser erschliesst sich dies erst im Laufe der Lektüre (der Terminus selber fällt –ausser im Titel selber- ansonsten nicht ein einziges Mal). Das Motiv der "Wiederholung" entlehnt Handke bei Heidegger und Sören Kierkegaard, der folgendermassen definiert: "Wiederholung und Erinnerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn was da erinnert wird, ist gewesen, wird nach rückwärts wiederholt, wohingegen die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert wird".

Und Handke lässt Filip Kobal finden: Erinnerung hiess nicht: Was gewesen war, kehrte wieder; sondern: Was gewesen war, zeigte, indem es wiederkehrte, seinen Platz. Wenn ich mich erinnerte, erfuhr ich: So war das Erlebnis, genau so!, und damit wurde mir dieses erst bewusst, benennbar, stimmhaft und spruchreif, und deshalb ist mir die Erinnerung kein beliebiges Zurückdenken, sondern ein Am-Werk-Sein, und das Werk der Erinnerung schreibt dem Erlebten seinen Platz zu, in der es am Leben haltenden Folge, der Erzählung, die immer wieder übergehen kann ins offene Erzählen, ins grössere Leben, in die Erfindung.

Hafner zitiert Frauke Maier-Gossau, die dieses "Verfahren" Handkes treffend zusammenfasst: "…der Verschwundene und seine Hinterlassenschaften sowie die Landschaften und Orte selbst, zu denen sie in einer innigen Beziehung stehen, [dienen] zu nichts anderem als zur Beschwörung von 'Erinnerung': erinnernd ein Bild sich zu machen, von dem für den Suchenden alsdann eine Vorstellung von Zukunft ausgehen kann – eine Hoffnung auf eine andere Art zu leben, die freilich vollends imaginativ bleibt." Hier wird das beschrieben, was auf der rein poetologisch-ästhetischen Ebene seinerzeit durchaus Diskussionen auslöste (und zum grossen Missverständnis führte, Handke sei ein Verfechter slowenischer Unabhängigkeit), Ende der 90er Jahre jedoch mit Handkes (sogenannten) Serbien-Büchern zu heftigen politischen Konfrontationen führen wird.

Dabei war immer schon klar: Handke vertraut explizit nicht der gängigen Geschichtsschreibung, die für ihn im Dienst der Gegenwart steht. Das Grundmisstrauen den vermittelnden Instanzen gegenüber, gegen das Vorausgewusste sitzt tief. Handkes Ideal von Überlieferung, die Anschauung, der Augenschein, "verfechtet" ein induktives Verfahren: Und Nahsicht und Weitsicht haben dabei in eins zu gehen: Weitsicht wird erst, wenn Nahsicht wird: Die Sierra fern nur durch das Weggras nah.. Poetische Evidenz wohnt nur dem Bild inne nicht die Faktengenauigkeit. Nur die Anschauung führt zur Wiederholung.

Zwillingsbücher

Das Wiederholen wird als Gegenmaßnahme gegen die Abwesenheit zum Mittel der Vergegenwärtigung, ist dadurch unterschieden vom Erinnern, das die Vergangenheit in der Vergangenheit belässt. Der Moment der Epiphanie zeichnet sich aus durch ein alles andere verdrängendes Hier und Jetzt. Gekonnt verknüpft Hafner das Wiederholungs- mit dem Abwesenheitsmotiv. Die Abwesenden werden zu Sehnsuchtsobjekten, wie man exemplarisch in "Die Abwesenheit" sehen kann. Ein Greis, ein Spieler, ein Soldat und eine Schöne machen sich jeder für sich auf, finden aber schnell, wie zufällig, zueinander. Doch erst nachdem der Alte…verschwindet, wissen die verbliebenen drei, wo es langgeht. Das gesuchte Andere – ihr erklärtes Ziel – offenbart sich erst…durch diese Abwesenheit. Nach der Unsicherheit, gar Angst, erfolgt das Zerwürfnis. Schliesslich aber kommen die drei zum Erzählen und Jeder der drei legte schließlich dem anderen den Arm um die Schultern. Und für eine kleine Weile saßen wir da und ließen uns einfach sehen. (Ein ähnliches Arrangement, ausgefeilter und verspielter, im 1989 entstandenen Theaterstück "Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land"). Am Ende die Versöhnung - womit der Bogen zur "Wiederholung" wieder geschlagen ist (und die Verwandlung eingetreten ist).

Hafner sieht die beiden Bücher zentral in Handkes Werk als sich einander spiegelbildlich ergänzende Zwillingsbücher[:] 'Die Wiederholung' – über die Suche nach dem Vorfahren – und 'Die Abwesenheit' – nach dem Verschwinden des Vorfahren. Diese Übereinstimmung, so Hafner, ist stupend in ihrer Schlüssigkeit. Das Abwesende ist für Handke zugleich das Andere, das seine Beweggründe bestimmt.

Am Rande wird erwähnt, dass aus den Landschaftsbeschreibungen in der Erzählung "Die Abwesenheit" (Gattungsbegriff: "Ein Märchen") sehr wohl auf Slowenien als Wander- und Geh-Ort geschlossen werden kann (auch wenn es keine Ortsnamen gibt), diese Indizien jedoch aus dem Film "L'Absence", der 1992 als deutscher Beitrag zum Filmfestival in Venedig unter der Regie von Peter Handke gedreht wurde (unter anderem mit Bruno Ganz, Jeanne Moreau und Handkes späterer Frau Sophie Semin), getilgt worden sind.

Das Poetische und das Politische…

Bei all diesen Parallelen muss jedoch gefragt werden, wie weit eine Deutung der Prosa von Peter Handke alleine auf biografische Rekurse hin möglich ist. Hafner relativiert dies klugerweise selber, in dem er beispielsweise von einer Brudersuche im emphatischen Sinn spricht. Und natürlich stellt er klar, dass mit Slowenien und dem Slowenen-Volk nicht unbedingt das geografische Slowenien gemeint ist was sich an Handkes heftiger Ablehnung dem Begriff "Mitteleuropa" gegenüber indirekt zeigt. Das Slowenen-Volk ist für Handke ein durch Wörter (nicht Worte!) verbundenes. Das Slowenische ist für Handke eine "unverdorbene" Sprache (anders als das Deutsche, in dem es wegen des Nazismus noch heute schwer ist, poetische Prosa zu schreiben). Slowenien, ein Mutterkindland, Handkes "Neuntes Land", basierend auf einem Volksmythos (erschaffen von Josip Stritar) - eine agrarische Insel, ähnlich Morus' Utopia, eine Savanne der Freiheit. Handkes Slowenien soll (kann), so Hafner, keinesfalls mit dem realen Slowenien (der jugoslawischen Provinz) gleichgesetzt werden und muss als rein metaphorisches Land verstanden werden.

Wenn aber Hafner feststellt, dass Handkes emphatischer Begriff von Wirklichkeit (der eben gerade nicht die Alltagsrealität, sondern die herausgehobenen Momente der Epiphanie meint) dahingehend zu interpretieren sei, dass die slowenische Eigenart…sich im slawischen Verband leichter bewahren [liesse], als unter dem normierenden, gleichmacherischen Druck der westlichen Warenwelt, dann muss es doch eine mindestens partielle Übereinstimmung zwischen dem "real existierenden" Slowenien und Handkes Schwellenland, welches er als Sache meines Lebens betrachtet, geben. Da mag das Eintreten für die Republik von Kobarid, einem Dorf, welches im Zweiten Weltkrieg zwei Monate Widerstand gegen die deutsche Besatzung leistete, nur noch zusätzliches Indiz sein (Hafner legt dies irrigerweise dahingehend aus, dass Handke prinzipiell nicht gegen Sezessionen sei).

Jugoslawien ist Handkes A priori

Hafners These, Handkes "Engagement" für Serbien sei mit der Angelegenheit des "Slowenischen" in seiner Intensität und Wichtigkeit nicht vergleichbar, ist bei näherer Betrachtung kühn. Richtig wird zunächst herausgearbeitet, dass mit der politischen (und vor allem gesellschaftlichen und ökonomischen) Orientierung Sloweniens an "den Westen", die Handke als Anbiederung und als vorschnelle Aufgabe kultureller Identität bewertet, bei Handke ein Bildverlust eingetreten sei (sein sperriges Opus Magnum mit diesem Titel liefert hier profund Zeugnis). Handke sei, so Hafner, seines Kinderlandes enteignet worden. Dieser Feststellung ist unbedingt zuzustimmen. Aber in dem Hafner das Kinderland ausschliesslich mit Slowenien gleichsetzt, springt er zu kurz. Handkes vehemeter Protest der Loslösung Sloweniens von 1991 in "Abschied des Träumers vom Neunten Land" (hier beginnt Hafners Kapitel Heimatlos) bezog sich darauf, dass mit der slowenischen Sezession dem Staatenbund Jugoslawien der Todesstoss versetzt wurde – Jugoslawien: Handkes Arkadien.

Die Quelle springt, vereinigt stürzen Bäche,
und schon sind Schluchten, Hänge, Matten grün.
Auf hundert Hügeln unterbrochner Fläche
Siehst Wollenherden ausgebreitet ziehn.

Verteilt, vorsichtig abgemessen schreitet
Gehörntes Rind hinan zum jähen Rand;
Doch Obdach ist den sämtlichen bereitet,
Zu hundert Höhlen wölbt sich Felsenwand.
[…]
Und mütterlich im stillen Schattenkreise
Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm;
Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,
Und Honig trieft vom ausgehöhlten Stamm.

Hier ist das Wohlbehagen erblich,
Die Wange heitert wie der Mund,
Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich:
Sie sind zufrieden und gesund.


So schildert Faust seine Vorstellung von Arkadien. Er wird es betreten – und wieder hinausgetragen werden. Arkadien war (nicht nur) für Goethe Synonym für das "goldene Zeitalter". Insofern erscheint die Zuweisung, Handkes Jugoslawien sei sein Arkadien gewesen, nicht übertrieben. Dabei ist dieses Arkadien beileibe nicht nur Selbstzweck und Jugoslawien nicht nur Träger der Kontinuität. Auch von antikapitalistischer Schwärmerei ist Handke, wenn man ihn genau liest, weit entfernt.

Parallel dazu, dass Handke Slowenien, dem Land seiner (mütterlichen) Vorfahren als eine Art Gegenwelt sah, war dieses Slowenien natürlich (geografisch und politisch) Bestandteil des Staatenverbunds Jugoslawien und rückte somit in den politischen Kontext des Widerstandes gegen die nationalsozialistische Besatzung. Hier findet nämlich – bei aller Rede um die Geschichtslosigkeit des Handkeschen Denkens und Schreibens – sehr wohl eine historische Einordnung statt. Und diese ist fundamental. Handke betont ausdrücklich, dass die Findung des Staates Jugoslawien im weitgehend eigenen, von anderen Mächten autarken Widerstand konstituierend und beispielhaft für ihn sei. Hafner weist selber darauf hin, dass Handke im gemeinschaftliche[n] Kampf der Völker Jugoslawiens, auch der unterschiedlichen Parteien und Weltanschauungen – ausgenommen fast nur die kroatischen Ustascha-Faschisten – gegen das Grossdeutschland einen integrativen Gründungsmythos seines weiten Seelen-Landes sieht.

Viele werfen Handke vor, diesen Gründungsmythos idealisierend darzustellen. Tatsächlich interessiert er sich für die (spätere) Politik Titos nur am Rande. Aber hier greift dann das von Hafner so ausführlich dargelegte Ideal von Überlieferung. Jugoslawien ist Handkes A priori – Voraussetzung für alles Andere. Hafner weist zwar darauf hin, dass die von Handke ersehnte Gegengeschichte...kein aus der Luft gegriffener Entwurf ist, erkennt jedoch nicht den Rang dieser Gegengeschichte. Wenn er schreibt, dass Jugoslawien…im Kindheitskrieg auf der Gegenseite jener Aggressoren [stand], die den Tod der Mutterbrüder verschuldet…oder zumindest des Gewährenlassens auf die Väter geworfen haben, dann muss man auch hier die biografischen Bezüge Handkes erkennen: Sowohl Handkes "Lichtgestalt" Onkel Gregor, als auch Handkes Stiefvater Bruno Adolf [sic!] und sein leiblicher Vater (Ernst Schönemann) waren Soldaten der deutschen Wehrmacht. Handke verfremdet in der "Wiederholung" das Soldatentum Gregors in dem er Kobals verschollenen Bruder zum Widerstandskämpfer in der Republik Kobarid macht.

Konstituierend im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, insbesondere der "einfachen Leute" spielt für Handke eine wichtige Rolle: "Und wenn es in diesem Jahrhundert in Europa für mich Helden gegeben hat, dann waren das die jugoslawischen Partisanen." Und im "Figaro littéraire", aus dem Hafner zitiert, sagte Handke 2004: Die Slowenen (das Volk meiner Mutter) haben durch haben durch den Widerstand ihrer Minderheit gegen Hitler die Ehre Kärntens gerettet. Gegenwärtig vergisst man den Beitrag der Partisanen zur Befreiung Kärntens im Jahr 1945. Damals war es ein Ruhmesblatt Mitteleuropas.

Ohne diese politische Grundhaltung ist seine Emphase für Jugoslawien nicht denkbar, wie sich auch im 1983 erschienenen "Chinese des Schmerzes" zeigt. Hafner sucht in der Besprechung hierzu ausführlich nach biografischen Parallelen Handkes mit denen des "Schwellenkundler[s]" Loser, der Hauptfigur. Die eigentliche Tat, die dem Buch so etwas wie eine Handlung gibt, wird jedoch fast nur beiläufig erörtert: Loser tötet im Affekt einen Hakenkreuzschmierer (archaisch mit einem Steinwurf), den er in flagranti erwischt. Die Hakenkreuze tauchen im Buch vorher mehrfach auf; Loser entfernt sie sogar mithilfe seiner kleinen Tochter.

Unverständlich, wie Hafner dies dahingehend deutet, dass Loser durch diese Tat gleichsam zum Deutschen, also zum Täter werde und Handke sich damit auf die Seite der Väter stelle. Das genaue Gegenteil dürfte der Fall sein. Durch diesen Totschlag konstituiert sich in der Person des Protagonisten der (in der Familie nicht vorhandene) Widerstand gegen den Nazismus. Unabhängig von einer juristischen Bewertung der Tat (Handke hat Jura studiert) wird Loser zu einem "Gerechten".

Ohne Jugoslawien als A priori sind die späteren, sogenannten Serbien-Bücher Handkes nicht verständlich (Was Jugoslawien betrifft, bin ich gern ewiggestrig oder meinetwegen nostalgisch). Und in dem Hafner herausstellt, dass Handke seine Heimat aufgrund der lebensgeschichtlichen Tatsachen in Slowenien gefunden habe (vermutlich jedoch eher das, was Handke meine Art Heimat nennt) und allen späteren Engagements…dieses schicksalhafte Moment abspricht (Danach durch Serbien reisend, hatte ich dagegen keinerlei Heimat zu verlieren) übersieht er Ursache und Wirkung: Nach dem "Zusammenbruch" Jugoslawiens gibt es für Handke keine Heimat im emphatischen (freilich allegorischen) Sinne mehr. Handkes Sehnsucht nach Aufgehobensein und Aufgehen in einer Gemeinschaft (die freilich immer eine Gemeinschaft der Verstreuten war), wird mit der Zerschlagung Jugoslawiens unerreichbar.

Noch einmal für Jugoslawien

Die Prägung der Protagonisten in Handkes Prosa ist durchaus nicht auf Slowenien beschränkt – so eindeutig dies auch zunächst scheinen mag. Autobiografisch bleibt anzumerken, dass Handke auf der Insel Krk (Kroatien) eine Art Initiationserlebnis hatte und seinen Erstling "Die Hornissen" fertigstellte (Hafner erwähnt dies). Handkes Theaterstück "Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land" kann durchaus (wenn auch ohne textuellen Bezug) als ein Aufbruch in das "sonore Land" Jugoslawien verstanden werden. Und wie man im Journalband Gestern Unterwegs nachlesen kann, bereist Handke zwischen November 1987 und Juli 1990 beileibe nicht nur Slowenien und Jugoslawien (man ist geneigt, die Notizen zu diesen Reisen als Abschiede zu lesen). Auch einiger seiner Erzählungen aus dem 1991 erschienenen Band "Noch einmal für Thukydides" spielen an jugoslawischen Orten. 1995 wird in einer Neuauflage die Erzählung "Noch einmal für Jugoslawien" aufgenommen, die 1992 bereits in der "taz" abgedruckt war. Sie heisst im Buch: "Die Kopfbedeckungen von Skopje"; ein Beschwörungstext:
Ein mögliches, kleines Epos: das von den unterschiedlichen Kopfbedeckungen der vorübergehenden Menschheit in den großen Städten, wie zum Beispiel in Skopje in Mazedonien/Jugoslawien am 10. Dezember 1987. Es gab sogar, mitten in der Metropole, jene "Passe-Montagne" oder Gebirgsüberquer-Mützen, über die Nase unten und dir Stirn oben gehend und nur die Augen freilassend, und dazwischen die Radkarrenfahrer mit schwarzen Moslemkappen, die fest auf den Schädeln saßen, während daneben am Straßenrand ein alter Mann Abschied nahm von seine Tochter oder Enkelin aus Titograd/Montenegro oder Vipava/Slowenien, vielfache Spitzgiebel in seiner Haube, ein islamisches Fenster- und Kapitellornament (die Tochter oder Enkelin weinte). Es schneite im südlichsten Jugoslawien und taute zugleich. Und dann passierte einer mit weißem gestrickten, von orientalischen Mustern durchschossenen Käppi unter dem vertropfenden Schnee, gefolgt von einem blonden Mädchen mit dicker Schimütze (Quaste obenauf), und gleich darauf einem Bebrillten mit Baskenmütze, dunkelblauer Strengel obenauf, gefolgt von einem Beret eines Großschrittsoldaten und den paarweise Polizisten-Schirmmützen und deren gemuldeter Oberfläche. […] Ein Junger mit vielschichtiger Ledermütze, von Schicht zu Schicht eine andere Farbe. Einer schob einen Karren und hatte eine Plastikkappe über den Ohren, das Kinn umwickelt mit einem Palästinensertuch.
[…]
Eine Brillenschönheit ging vorbei mit lila Borsalinohut und schlenderte um die Ecke, gefolgt von einer sehr kleinen Frau mit selbstgestrickter Zopfmütze, welche hoch aufragte, gefolgt von einem Säugling mit Sombrero auf der noch offenen Schädelfontanelle, getragen von einem Mädchen mit überkopfgroßer Baskenmütze 'made in Hongkong'. Ein Junge mit Schal um Hals und Ohren. Ein Bursche mit Schifahrer-Ohrenschützern, Aufschrift TRICOT. Undsoweiter. All das schöne Undsoweiter. All das schöne Undsoweiter.
Wille zum Miteinander: Der ewige Friede ist möglich

Hafner betont zwar, dass Handke sich durchaus bewusst in die Tradition er literarischen Friedens- und Freiheitssehnsucht stellt, überrascht jedoch mit ausgesprochen sparsamen Hinweisen in seinem Werk hierauf. So klopft er zwar Handkes "dramatisches Gedicht" "Über die Dörfer" wieder hinsichtlich der Parallelen zum Slowenischen hin ab (wieder das Heimkehrmotiv; wieder ein Gregor; wieder die nachher versöhnte Familie [durch Gregors grosszügigen Verzicht auf das Erbe]), unterlässt es aber die eminent politische Rede der "Nova" in dem Stück als Beleg für diese Friedenssehnsucht einzubringen:
Der Krieg ist fern von hier. Das zwischen euch Vorgefallene sei euer letztes Drama gewesen, das gesagte sei ungesagt. Unsere Heerscharen stehen nicht grau in grau auf den grauen Betonpisten, sondern gelb in gelb in den gelben Blütenkelchen, und die Blume steht hochaufgerichtet als unser heimlicher König. […] Das Bergblau ist - das Braun der Pistolentasche ist nicht; und wen oder was man vom Fernsehen kennt, das kennt man nicht. Geht in der ausgestöpselten freien Ebene, als Nähe die Farben, als Ferne die Formen, die Farben leuchtend zu euren Füssen, die Formen die Zugkraft zu euren Häuptern, und beides eure Beschützer. […] Die Natur ist das einzige, was ich euch versprechen kann – das einzig stichhaltige Versprechen. […] Sie kann freilich weder Zufluchtsort noch Ausweg sein. Aber sie ist das Vorbild und gibt das Maß: dieses muß nur täglich genommen werden. […] Übergeht die kindfernen Zweifler. Wartet nicht auf einen neuen Krieg, um geistesgegenwärtig zu werden: die Klügsten sind die im Angesicht der Natur. Blickt ins Land – so vergeht die böse Dummheit. […] Und verachtet die unernsten Spötter: es ist noch immer – seid dankbar. Die Dankbarkeit ist die Begeisterung, und erst das bedankte erscheint als die Dauerform – erst die Dankbarkeit gibt den Blick in die weite Welt. […] Laßt die Illusionslosen böse grinsen: die Illusion ist die Kraft der Vision, und die Vision ist wahr. […] Der ewige Friede ist möglich.
"Der ewige Friede" – eine Anspielung auf Kants Schrift "Zum ewigen Frieden". Das Sein im Frieden ist Handkes Vision, eine Sehnsucht nach der friedlichen Gemeinschaft. Vielleicht ist sie eine Illusion; vielleicht war Jugoslawien eine Projektionsfläche, wie Hafner einmal anmerkt. Aber Jugoslawien ist für Handke "Beispielland für ein anderes Europa". Und ohne Illusion würde man gar nichts tun, würde man immer seine Scheiße verschmieren, vielleicht…ohne Illusion ist man depressiv. Handke versuchte noch, ein Refugium für seine Illusion zu finden. Er, der Heimatlose "entdeckte" das "Exil" Serbien, welches sich "Bundesrepublik Jugoslawien" nannte.

Patiniertes Pathos erkennt Hafner da gelegentlich, zitiert Slavoj Žižeks kritische Haltung Handkes Slowenienbild gegenüber und erwähnt Drago Jančars Diktum, Handke habe, was Slowenien anbelangt, eine "rosarote Brille" auf (das war im Verhältnis zu dem, was Handke noch zu hören bekommen sollte, harmlos; Jančar argumentierte noch). Gregors Schwester Sophie wirft ihrem Bruder in "Über die Dörfer" eine Kraft der Verklärung vor, die Hafner auf einzelne Äusserungen Handkes bezieht und fast entschuldigend anbringt.

In einem fast angeklebt erscheinenden 6. Kapitel fragt Hafner anhand der "Morawischen Nacht": Ist nicht doch eine Heimkehr möglich? Handke könnte, so Hafners Idee, sich zwischenzeitlich selber "verwandelt", sozusagen eine Versöhnung mit sich selbst vorgenommen haben. Es gibt im Buch sehr wohl Indizien für eine derartige Versöhnung, insbesondere wenn man den erzählenden (inzwischen verstummten) Dichter mit Handke gleichsetzt. Aber indem Hafner auf Äusserungen Handkes hinweist, die eine Art Partisanenstück über den slowenischen Widerstandskämpfer Lipej Kolenik-Stanko (1925-2008) zu schreiben, dürfte es wohl ziemlich sicher sein, dass Handke die Thematik nicht mehr loslassen wird.

Profunde Kennerschaft

Nur selten sind Hafners Interpretationen ein bisschen gewagt, etwa wenn er auf Handkes Präferenz dem Vornamen Gregor gegenüber hinweisend suggeriert, dass die Wahl seines jetzigen Wohnsitzes (Chaville) auch damit zu tun haben könnte, dass dort eine Kirche dem heiligen Gregor gewidmet sei. Oder wenn er darin, dass für den verschollenen Onkel Gregor dessen Schwester Ursula, also Handkes Tante, Taufpatin wurde, das Weibliche in Handkes Werk stellvertretend für das Andere, das Abwesende deutet. Und auch die Interpretation des Namens "Sorger" (des Protagonisten aus "Langsame Heimkehr"), die Hafner auf den Fluss "La Sorgue", der Heimat des Dichters und Widerstandskämpfers René Char zurückführt, scheint verstiegen (der Bezug auf Heideggers "Sorge" und "Besorgen" ist deutlich näherliegender).

Fabjan Hafner hat sich – aller Divergenzen zum Trotz - mit diesem überaus detailreichen Buch als profunder Kenner des Werkes von Peter Handke erwiesen. Er vermeidet ermüdendes Germanistenjargon, in dem er streng am "Text" bleibt. Hafner animiert, Handke wieder zu lesen und in seinen Romanen und Erzählungen neue Facetten zu entdecken. Hierfür muss man ihm danken.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus Fabjan Hafners Buch. Zur besseren Orientierung wurden Zitate von Peter Handke in blau hinterlegt. Eine Passage kursiv und blau bedeutet demnach, dass es sich um ein Handke-Zitat handelt, welches im Buch angeführt wird. Auf eine Unterscheidung zwischen Textzitat und Interviewzitat wurde verzichtet, da sich dies aus dem Geschriebenen ergibt.
Zu Handkes Beziehung zu Lipej Kolenik-Stanko (und mehr) siehe dieses Interview mit der "Kleinen Zeitung": "Ich bin ein überzeugter Staatenloser".
Nachtrag 08.10.08: Fabjan-Hafners-Reaktion (pdf, 392 KB) auf dieses Begleitschreiben per Mail vom 06.10.08. Sie sei ausdrücklich als ergänzende Lektüre empfohlen.

Peter Handke / Alfred Kolleritsch: Schönheit ist die erste Bürgerpflicht

Handke und Kolleritsch  Schoenheit ist die erste BuergerpflichtDie Philologisierung des Werkes von Peter Handke schreitet voran. Nach der Veröffentlichung des Briefwechsels mit Nicolas Born im Jahr 2005 und - ein Jahr später – Hermann Lenz nun die Publikation der Korrespondenz zwischen Freunden, die noch am Leben sind (Alfred Kolleritsch). Diese ist zunächst einmal für den werkinteressierten und ein bisschen kundigen Leser von Bedeutung, aber obendrein für den durch E-Mail oder SMS inzwischen dem Briefschreiben entwöhnten Zeitgenossen. So ist dieser Briefwechsel zwischen Alfred Kolleritsch (geboren 1931) und dem elf Jahre jüngeren Handke zusätzlich ein Dokument einer schwindenden Kulturtechnik – einer Kulturtechnik des Wortes, der Nuance, der Albernheit, der Ernsthaftigkeit, der Schwermut (und auch des Nachschauens im Briefkasten ob der sehnsuchtsvoll erwarteten Antwort).

Viele der – man ahnt es im Verlauf des Buches – schönen, ja: reichen Briefe Kolleritschs sind nicht mehr da (der Verlust wohl Handkes zahlreichen Umzügen geschuldet), so dass die Korrespondenz von Peter Handke eine Überzahl bilden. Manchmal kann man aufgrund der Antworten ein bisschen erahnen, was wohl im Brief gestanden haben mag – später, wenn dann auch Kolleritsch-Briefe abgedruckt sind, merkt man, dass man diesen Stil dann vermisst.

Fast von Anfang sind die Voraussetzungen verdreht: Nicht der ältere protegiert den jungen Schriftsteller – nein, es ist Kolleritsch der (besonders zu Beginn) massiv um Handke fast buhlt, der (natürlich) das grosse Talent erkennt und immer Neues für seine Literaturzeitschrift "Manuskripte" nachfragt. Manchmal kann Handke diesen Wünschen gar nicht nachkommen, zumal er schnell ziemlich "prominent" wird (Dein Peter Handke, Erfolgsautor zeichnet er einmal selber halb kokettierend, halb erschrocken) und – vor allem – sehr produktiv und da "Manuskripte" immer nur bis dato unveröffentlichtes Material aufnimmt, ist die Exklusivität der Beiträge häufig nur von kurzer Dauer und manchmal konstatiert Handke, er habe einfach nichts.

Niemals steigt Handke der Erfolg zu Kopf. Im Gegenteil: Er unterstützt die Zeitschrift finanziell, sobald sich seine eigene Situation verbessert (das Buch beginnt mit einem Brief Handkes, mit dem er um einen Fahrkostenvorschuss ersucht). Er wird früh selbständiger Schriftsteller, während Kolleritsch immer seine Lehrertätigkeit ausübt und Schriftsteller und Herausgeber "nebenbei" bleibt.

Bei aller Loyalität beanstandet Handke im Einzelfall sehr wohl Beiträge im Heft. Und auch die Gedichte von Kolleritsch belegt er ab und an mit subtiler Kritik: Ich hörte darin ein wenig zu sehr Deine eigene Stimme, sah zu sehr Deine Gestalt; das hiesse, ein andrer, der Dich nicht kennte, sähe wahrscheinlich zu wenig Gestalt, d. h. Sprachgestalt.

Es gibt viel Privates in diesen Briefen, viele Terminabsprachen, einige (unerhörte) Wünsche nach Treffen, Lesungen, Geschriebenem und nach verstanden-werden- wollen. Und es gibt auch einiges Lustige wie beispielsweise dieser Brief Handkes am Tag seiner Hochzeit mit Libgart Schwarz, den er in albern-euphorischem Duktus schreibt oder als Handke eine Elektrogitarre geschenkt bekommt und bemerkt, dass jetzt nur noch etwas aus ihm werden müsse. Meist aber viele Zweifel, Überdruss, eine erdumspannende Trägheit oder eine Nachdenklichkeit. Und immer mal wieder Alkohol (auf beiden Seiten) und – dezent – die Frauen. Später die Vaterfreuden (und –leiden).

Handke und Kerbler  und machte mich auf meinen Namen zu suchenMerkwürdig diese schon früh aufkommende, ängstliche Zurückhaltung Handkes jeder Art von Vernetzung, jeder gruppenähnlichen Verbindung gegenüber, die sofort in den Verdacht gerät, Kumpanei zu sein. Sogar bei Suhrkamp verhielten sich einige offensichtlich knilchös. Und auch Kolleritsch ist für ihn eingedunstet in den Betrieb; seine Verbindungen in und zur Grazer Literaturszene (u. a. "Forum Stadtpark") fast suspekt. Was Handke allerdings später nicht darin hinderte, wenigstens teilweise durch sein Jurorentum beim Petrarca- bzw. Hermann-Lenz-Preis selber ein Teil eines literarischen Zirkels zu sein. Und irgendwie fühlt man sich an die letzten Sätze im feinspürigen (und hörenswerten) Gespräch mit Michael Kerbler (unlängst im Wieser-Verlag als CD mit Textbuch erschienen: "…und machte mich auf, meinen Namen zu suchen") erinnert: "Das Alleinsein ist keine Lösung, und das dauernde Gemeinsam, das ist, glaube ich, noch verderblicher. Das ganze Geheimnis im Leben ist der Abstand – der Abstand und der Rhythmus, was man aus dem Abstand macht."

Einher geht diese Scheu mit den oft erstaunlichen "Geständnissen" Handkes, schon seit Tagen (5) niemanden mehr getroffen zu haben ausser einer Portugiesin, die seit ein paar Wochen manchmal bei mir aufräumt. Das sei, so Handke, auch eine Art Expedition. Aber auch eine Art Bekenntnis, wenn er davon schreibt, sich aufs Wohnen zu freuen, wie ich mich noch nie auf so etwas gefreut habe. Stetig ist da nur die Unstetigkeit, die Ambivalenzen zwischen Sesshaftigkeit und Reiselust (es gibt auch einen launigen Gruss von der ewigen Flucht an den Freund, dem es aber offensichtlich gelingt, den "Flüchtigen" irgendwie zu erreichen).

Dann wieder entmutigt: Was für falsche Ideen ich vom Schreiben hatte. Und auch diese Verzagtheiten, am stärksten Ende 1996, nach den beiden Büchern "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" und "Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise", als Handke Kolleritsch bittet mit "Petar Sivec" (Mutter-Name, jugo) zu veröffentlichen, denn durch das Zeug, was letztens schaltsatzweise gegen mich in den "m" stand kann (oder will?) er nichts mehr mit meinem Namen da publizieren. Aber gleich die Geste zum Freund: Klar, dass das nichts mit uns beiden zu tun hat. Es ist eine objektive Gegebenheit, und unser beider Weihnachts- und Pfingstgeschichte wird umso erfreulicher weitergehen.

Der Respekt und die Freundschaftsgefühle auf beiden Seiten – immer gegenwärtig. (Sie haben selbst – wie Kolleritsch im Nachwort schreibt - ein gemeinsames Lied.) Trotz gelegentlich divergierender Meinungen, nicht erhaltener Antworten (beide Seiten mahnen manchmal Auskünfte oder Festlegungen an, derer sich der jeweils andere nonchalant widersetzte) oder anderer Empfindlichkeiten. So moniert Kolleritsch einmal, dass Handke während eines Spaziergangs ein Notizbuch zückt und etwas zu schreiben beginnt. Handke beschwichtigte, er soll es nicht so wichtig nehmen – um dann ein Jahr später diesen "Vorfalls" wieder aufzunehmen: Ich werde wohl nicht 'in der Arbeit' sein, wie beim letzten Mal, wo Du, Anfang Dezember, beleidigt warst von meinem Abdriften zum Notizbuch, als wir in den Wäldern gingen.

Der Verlag versichert, dass nichts gestrichen wurde und keine "Rücksichten" hinsichtlich despektierlicher Äusserungen anderen Personen gegenüber genommen wurden. Obwohl Invektiven nicht vorkommen, intime Details der beiden Briefschreiber eher selten berichtet werden (Ich lebe recht für mich im Moment, ohne Vögeln, und warte auf die Frau meines Lebens - Handke 1976) und Klatschgeschichten sind eher rar (gut so). Dass Handke seine Frau Libgart mal als faul betitelt (sie sortiert Kolleritschs Briefe, den Handke mit Fredy anredet unter "Freddy Quinn") oder Marcel Reich-Ranicki einmal als gemeindumme[s] Monster von Frankfurt, einige andere Literaturkritiker als eine Horde von Gesindel bezeichnet oder in Grass' Buch keinen Moment der Wahrheit entdeckt - das sind schon fast die deftigsten Sentenzen.

Das Buch bietet einige Miniaturen zur zeitgenössischen Literatur bzw. Literaten aber nur selten tiefe Einblicke in den "Betrieb". Gleich am Anfang eine Überraschung, denn Peymanns Inszenierung der "Publikumsbeschimpfung" (1968) findet Handke ganz schlecht. Bisweilen wirkt er auch ein bisschen hilflos, etwa wenn er Besuch von seinem damaligen Übersetzer hat: Michael Roloff ist im Moment in Paris und trägt einen wildledernen Hut mit einer langen Fasanenfeder daran. Er isst Austern schon zum Frühstück und ist freundlich und auf eine manchmal wohltuende Weise langweilig. Einfühlsames zu Karin Struck (deren Literatur ihm nicht zusagt, aber ihren Furor respektierte er). Reserviert Handkes Urteil über Gerhard Roth, den er einer zu grosser Routine bezichtigt.

Kolleritschs Kritik an John Bergers zweitem Erzählband (stilisiert…nicht vom Leben durchdrungen, sondern nach einer Ideologie gearbeitet) setzt Handke überraschend wenig entgegen und über den Thomas Bernhard von 1985 gibt es von Kolleritsch die Einschätzung, es handele sich um einen Zitatenschatz der Negation, der den letzten Ernst, die letzte Literatur + Sehnsucht danach, verdampft. Jahre vorher schon Handke (in anderem Bezug, aber durchaus treffend): Elend macht einen der Unernst.

Es gibt sehr schöne Stellen, ja ergreifendes, etwa wenn Handke von Kolleritschs Mutter, von der er so ehrfurchtsvoll spricht, ihrem Garten und den Tomaten und diesem Ort Brunnsee (Kolleritschs Geburtsort) schwärmt. Brunnsee wird für beide zum fast mythischen Sehnsuchts- und Freundschaftsort. Und Kolleritschs Bemerkungen, Einwürfe und Reflexionen zu Handkes Büchern sind, obwohl ausnahmslos positiv nie devot, sondern höchst anregend und von stupender Analysekraft - übrigens auch, was die Rezeption durch die Literaturkritik angeht. Das alleine lohnt die Lektüre.
Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Kosovo ante portas 2

In der gestrigen Ausgabe der französischen Zeitung "Le Figaro" nimmt Peter Handke in einem kurzen Kommentar Stellung zur Unabhängigkeit des Kosovo. Hier die – unautorisierte – Übersetzung (für Hinweise und Korrekturen bin ich dankbar):

Unser ehrwürdiges Europa hat sein Herz verloren

Jugoslawien war während des Zweiten Weltkrieges das Land, das sich (fast) allein von der nazistischen Besatzung befreit hat. Was dächten sie heute, diese Partisanen, die damaligen Widerstandskämpfer, die Slowenen, die Kroaten, die Bosnier, die Serben, die Mazedonier und auch die Albaner, den Refrain hörend (präsidial geworden), dass das große Jugoslawien, für das sie zusammen gekämpft haben, seit jeher ein "künstlicher Staat" war und das seine Zerstörung gar kein Riss und vor allem keine Tragödie sei?

Den albanischen Staat Kosovo (KOCOBO im kyrillischen) anerkennend, haben die selbsternannten Ärzte der westlichen Hemisphäre für einen Kranken gegen einen anderen Kranken grundsätzlich Partei ergriffen. Den albanischen Staat Kosovo anerkennend, haben diese Ärzte den Eid des Hippokrates verletzt und sich als falsche Ärzte erwiesen. Den albanischen Staat Kosovo anerkennend haben die westlichen Gaunerstaaten, die vorher das serbische Jugoslawien bombardiert und zerstört hatten, einen neuen Gaunerstaat bekommen. Den kosovo-albanischen Staat anerkennend, hat der Westen mit einem tödlichen Schlag dem serbischen Volk des Kosovo seine Heimat entzogen und ihn zum Gefangenen und Verbannten in seinem eigenen Land gemacht. Den albanischen Staat Kosovo anerkennend, hat unser ehrwürdiges Europa endgültig sein Herz verloren. Trauern wir still um die unparteiischen Wesen guten Willens, um das verlorene serbische Volk des Kosovo, KOCOBO.

Vorher hatte Handke in einem Interview für das österreichische Magazin "NEWS" gesagt:

Irgendwann wird es nicht anders möglich sein, als dass wir alle ohne Grenzen leben können. Da wird dann dieser zweite albanische Staat auch dazugehören. Aber im Moment ist die Zeit noch nicht reif. Um das Wort Demokratie, das mir immer schwerer über die Lippen geht, doch noch zu verwenden: Man hätte im Kosovo ein bisschen mehr Demokratie walten lassen sollen, damit das Volk sich daran gewöhnt. Durch die Verwaltung des Westens ist jedenfalls gerade das Gegenteil eingetreten, Schmuggel und Drogenhandel sind noch stärker geworden.

Kritische Stimmen, die auf völkerrechtlicher Basis argumentieren, findet man hier.
Dank für den Link an Michael Roloff

Einiges zu "Die morawische Nacht" von Peter Handke

Peter Handke   Die morawische NachtÜber das Verschwinden der Vorurteile zu erzählen, das sei Epik – so heisst es an einer Stelle in der "Morawischen Nacht" von Peter Handke. So ganz sind diese Vorurteile (oder Urteile) bei den Damen und Herren Kritiker noch nicht verschwunden – es wird reichlich Buße festgestellt und manchmal kann es schlimmer sein, so hinterrücks, so gönnerhaft, so fast-verzeihend gelobt zu werden als herzhaft verrissen. (Immerhin Platz 1 und viele Punkte in der Februar-Bestenliste des SWR.)

So knüpft Iris Radisch in ihrer Besprechung Bande zu Handkes Jugoslawien-Reisebücher und konstatiert, er, Handke, habe sich nun abgewandt von der "verstörenden Parteinahme", aber vor lauter "Budenzauber" übersehe man das Herzstück der Erzählung, welches sie in der Lossprechung der Sünden des Sohnes durch die Mutter sieht. Oh ja. Und was diese Frau liest und vor allem wie sie liest (liest oder nur herunterrattert?) erkennt man daran, dass sie das Buch dann am Ende mit einer Computeranimation vergleicht. Was haben die heutigen Dichter eigentlich verbrochen, einen solchen Blödsinn über sich ergehen lassen zu müssen?

Die FAZ bemüht sogar zwei Rezensenten. Hubert Spiegel trifft dabei erstaunlicherweise gelegentlich sogar den Ton und kommt fast ohne Häme aus, wobei er freilich Handke ziemlich gerne noch ins Büssergewand stecken würde. (Er legt dann noch einmal nach – vielleicht weil ihm seine Rezension zu positiv schien?) Volker Weidermann glaubt sogar, Handke verabschiede sich vom Balkan und macht damit seinen Wunsch zum Vater des (Leser-)Gedankens.

Schön das Herantasten und Einfühlen von Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung. "Keinen Funken Provokation" findet Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau und man fragt sich "warum auch?", und der Rezensent attestiert Handke ein "defensives" Buch und zeigt damit, dass er sich selber nicht von der Rezeption ÜBER Handke lösen kann (oder auch, dass er dazu nicht bereit ist), statt den Zauber des Buches auf sich wirken zu lassen.

Treffend der Titel der Besprechung von Andreas Breitenstein in der Neuen Zürcher Zeitung, "Die grosse Versöhnungstour", aber auch hier einige alte Rechnungen und gelegentlich ein rechthaberischer Unterton; sei's drum.

Zwingen muss man sich, Peter Mohrs Besprechung im "Titel-Magazin" bis zum Ende zu lesen, denn spätestens wenn jemand als "eigenwillig" charakterisiert wird, sollte man aufhören. Der Rezensent stellt dann noch Parallelen bis zum Narzissmus zum eigenen Werk Handkes fest (was für ein Unsinn) und hat offensichtlich gar nicht bemerkt, dass der Ex-Autor im Buch den Gregor Keuschnig gar nicht trifft.

Und flankierend natürlich ein Interview. Mindestens eines. Aber auch ein "gutes", fruchtbares. Von Christine Eichel in der Online-Ausgabe des "Cicero": "Der Zorn verraucht, das Feuer bleibt". Dort finden sich sehr bemerkenswerte Sätze von Handke; es ist wirklich lesens- und nachdenkenswert (obwohl einmal ein Umbruch fehlt, d. h. eine Frage wird in einer Antwort versteckt – wer findet's?). Eichel beginnt ihr Interview (ist es nicht schon fast ein Gespräch?) mit dem Zitat aus "Selbstportrait aus unwillkürlichen Selbstgesprächen" (aus der Zeitschrift "Manuskripte", im März 2007 erschienen, hier herunterzuladen [PDF; ca. 110 kb]), die man noch am ehesten mit Handkes Journalen vergleichen könnte, wenn diese auch wesentlich ausführlicher angelegt sind, während es sich bei den "Selbstgesprächen" weitgehend um kleine Sentenzen, nein, eher: Gedankensplitter handelt (auch diese Sätze hier enden ohne Punkt – wie in den Journalen).

Ach ja, und da gibt es noch eine Besprechung (unter sicher noch vielen anderen). Noch ein Versuch.

Möge sich jeder sein Urteil bilden.

Peter Handke: Gestern unterwegs

Peter Handke  Gestern unterwegs  BuchIn "Gestern unterwegs" setzte sich die Entwicklung aus den Journalen von Peter Handke fort, die sich schon bei seinem vorletzten Journal "Am Felsfenster, morgens" abzeichnete. Während die tagebuchähnliche Journale davor durchaus auch aphoristisches enthielten, teilweise ein bisschen jungenhaft daherkamen, zeigen sich in der von Handke vorgenommenen Auswahl insbesondere bei "Gestern unterwegs" neben den Reise-, nein, besser: Geh-Impressionen auch die Fingerübungen zu später entstehenden Büchern. Das ist bei einem Dichter sicherlich nicht ungewöhnlich, setzt jedoch beim Leser eine gewisse Auseinandersetzung mit dem Werk voraus, ohne die solche Verweise (auf zukünftige Literatur) sicherlich nur halb so interessant sein mögen.

So kann man sich überrascht zeigen, dass Handkes (bisher weitgehend unverstandenes Buch) "Der Bildverlust" (2002 erschienen) durchaus bereits in den "Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990" (so der Untertitel des Buches) Form annahm und mehr als nur ein vages Projekt gewesen sein muss (freilich betont Handke im kurzen Vorwort [Lieber Leser!], dass einiges bereits in dem 1994 erschienenen Buch "Mein Jahr in der Niemandsbucht" aufgenommen wurde). Natürlich fallen in die Zeit Handkes "Versuche" (die sich an zahlreichen Stellen abzeichnen), der Erzähl- und Novellenband "Noch einmal für Thukydides" und sein Theaterstück "Das Spiel vom Fragen".

Peter Handke  Gestern unterwegs  HoerbuchLösgelöst von diesen manchmal fast philologischen Details hat man sich im vorliegenden Hörbuch (4 CDs mit insgesamt 232 Minuten) bei Hoffmann und Campe fast ausschliesslich auf die wunderbaren Reisenotizen Handkes konzentriert. Und das alles von ihm selbst gelesen, bedächtig, in einer adäquaten Langsamkeit (die keine Trägheit ist), die die Episoden oft wie ein Gedicht rezitieren, ja zelebrieren; gelegentlich psalmodieren. (Wie schön, dass einige Male Vogelgezwitscher im Hintergrund zu hören ist.) Und ab und zu scheint Handke geradezu über eine Formulierung, ein Wort, ein Bild überrascht; manchmal erheitert und ein paar Mal fügt er etwas hinzu.

Handke, der Augenblickdenker und Gegenwartsammler mit dem Vergewisserungsblick, der rastlos Suchende mit der Sehnsucht nach Stille (und Ruhe), reist alleine durch das jugoslawische Karst, das Friaul, Triest, Griechenland, Kairo, dann nach Frankreich, Belgien, irgendwann ist er in Tokio und dann irgendwo anders in Japan durch Wälder irrend eine Buddhastatue suchend (und dann findend). Dann im Flugzeug nach Anchorage (man erinnert sich an "Langsame Heimkehr"), dann London, Lissabon/Portugal, Galizien, Baskenland; Nimes/Aix en Provence; wieder Triest, das Friaul; Versailles, London (er landete am Tag des Lockerbie-Unglücks mit der "Zubringer"-Maschine aus Frankfurt in London – eine der wenigen Male, wo Handke "zeitaktuell" wird); Schottland; Rouen/Bretagne; die Pyrenäen - und so weiter. Und immer wieder kommt er nach Jugoslawien, insbesondere nach Slowenien und es klingt nun (nachträglich) wie eine lange Abschiedsreise von seinem Arkadien, dem Land Jugoslawien, welches er, wie er einmal sagt, als Gegenland zu Hofmannsthals Deutschland.

'Staunend unterwegs' oder 'Exerzitien des Schauens' hätte man es auch nennen können. Handkes Aufzeichnungen "handeln" im landläufigen Sinne von – nichts; scheinbar nichts! Vom Fallen eines Blattes, von Spatzen (den einzelnen oder auch den Schwärmen) , der Wasserlache eines Feldwegs, den Figuren einer Kirche oder Moschee, den Kindern des Abends (Amseln), Passantenzügen, dem Fahren in Bussen oder Zügen (Handke kann nicht Autofahren); der Stille eines Ortes – mit und ohne Menschen; von so etwas wie den Glücksmomenten des Lebens und wenn sich so etwas ungeheuerliches dann "ereignet", wenn Handke so etwas in Sprache bringt, da begreift man erst einmal, was man im allgemeinen Lärm des (sogenannten) Alltags alles nicht mehr mitbekommt und man lernt – im Idealfall – wieder das Schauen, das Ruhen (das Ausruhen können) und vielleicht sogar wieder das Staunen. (Und Handkes Beschwörung des Verbots der Sorge [an Heidegger angelehnt] – und dieser Appell an sich selbst zeigt ja auch so einiges.)

Vieles ist bei Handke auch Suche (er nennt sich einen Stöberer); im Wissen um die "Unvollkommenheit". Einmal heisst es: ... und jetzt lass dem Phänomen wieder seine Ruhe - als verunreinige der menschliche Blick geradezu die Welt. Das Streben nach der Vollständigkeit des Mensch-Daseins – nichts weniger als das ist sein Wunsch; und es wäre fast eine Plattitüde würde man sagen, Handke wolle "eins sein" mit der Natur – nein: er will mit den Dingen wirklich sein. Ein freilich ephemeres Glück (das weiss Handke natürlich), aber eines, das unbedingt versucht werden muss (und kann). Und das Beschwören, das Tasten, das Offen-Werden für diese aufwandlosen Augenblicke, das Erzählen dieser Begebenheiten (die dann manchmal noch mit einem Datum versehen werden – sozusagen als eine Art wahres, neues, letztes Geschichtsbuch [Wann wurde das Eichhörnchen von Jägern in Mazedonien getötet? Wann zog der Spatzenschwarm davon? Wann ereignete sich die Kellnergeschichte?]), das Verbsuchen; die "Und-Gedichte" (Zweizeiler) – all dies mit der eingangs beschriebenen Handke-Stimme: Und der Leser sieht das gelesene Buch noch einmal ganz neu – durch das Hören.

Einmal heisst es: Ein (halbwegs) geglücktes Leben erkennst Du daran, dass derjenige nicht zum Popanz seiner selbst (seines Selbst) wird, sondern zittert, und zittert, kindlich, schwach, auf der Kippe, bis zuletzt. Und der letzte Satz auf der vierten CD im Hörbuch ist plötzlich nicht mehr so ganz abwegig: "…ein Regentropfen fiel in seine Oberlippenfurche. Eine Flocke streifte sie und das war das Leben. (==> Hörprobe hier: Peter-Handke-Gestern-unterwegs-Erscheinungen-der-Wintersonne (wma, 4,137 KB))
* * * *

Von den dreieinhalb Jahren dieses Journals ist Handke bestimmt insgesamt drei Jahre unterwegs. Dieses Journal sei denn das letzte seiner Art, schreibt er. Leider – fügt der Leser hinzu. Seit 1991 ist Handke – für seine Verhältnisse – sesshaft geworden und lebt in Chaville (in der Nähe von Paris). Seine weiteren Reisebücher sind dann schon diejenigen, die vom Abgesang Jugoslawiens erzählen.
* * * *

Hörbucher haben gelegentlich den Fehler, dass die Stimme des Vorlesers – meist eines Schauspielers, aber nicht nur bei ihnen - über Inhalt und Form des Geschriebenen dominiert. Stimme und Betonungen lenken ab von der Erfassung des Textes. Sei es, weil diese Vorleser sich besonders hingezogen fühlen zu dem Text und ihn noch ein bisschen herausheben wollen (was meist unnötig ist) oder einfach aus Eitelkeit, um sich selbst herauszustellen (was schrecklich ist). Von all dem hier nichts. Handke stellt sich sozusagen voll im Dienste des Wortes, des Satzes, des Begriffes, des Bildes – praktisch mit ihm verschmelzend, ohne es (das Geschriebene) zu dominieren zu wollen; ein gravitätisches Lesen.

Ach ja, und noch etwas für (oder besser: gegen) alle diejenigen, die uns von den "tollen Möglichkeiten" erzählen, Hörbucher "beim Autofahren" quasi zu konsumieren: Glaubt diesen Möchtegernlesern, diesen Literaturkritiker-Imitationen kein Wort! Wenigstens nicht hier und mit diesem Hörbuch. Aber auch sonst: Räumt dem Lesen, dem Hören, dem Schauen den Platz ein, der ihm gebührt. Nicht als Geräuschkulisse im Hintergrund soll Literatur dienen, sondern als in diesem Augenblick das Wichtigste auf der Welt. Man erschaffe sich solche Augenblicke. Und staunt dann wieder. Endlich. Recht so.

Peter Handke: Kali - Eine Vorwintergeschichte

Peter Hanke   KaliVor einem Vierteljahrhundert deklamierte Nova in Über die Dörfer: Die Natur ist das einzige, was ich euch versprechen kann – das einzig stichhaltige Versprechen. In ihr ist nichts "aus", wie in der bloßen Spielwelt, wo dann gefragt werden muß: "Und was jetzt?" Sie kann freilich weder Zufluchtsort noch Ausweg sein. Aber sie ist das Vorbild und gibt das Maß: dieses muß nur täglich genommen werden...euer Arbeiten soll ein Wirken sein – gebt etwas weiter. Weitergeben tun aber nur, die was lieben: liebt eines – es genügt für alles. Die Liebe erst ermöglicht die Sachlichkeit. Nur du, Geliebter, giltst. Dich liebend, erwache ich zu mir. Die emphatisch-programmatische Rede, nein: diese Philippika des Poetischen – niemals hat Peter Handke gesellschaftspolitisch konkreteres geschrieben – nahm die Häme von Teilen der Kritik bereits vorweg: Laßt die Illusionslosen böse grinsen: die Illusion ist die Kraft der Vision, und die Vision ist wahr.

Novas Vision ist einfach und doch grundlegend: Der ewige Friede ist möglich. Nichts weniger als eine neues Zeitalter phantasiert der Dichter hier (die Anlehnung an den grossen Philosophen ist natürlich beabsichtigt) – und wenn man Handkes Werk genau betrachtet und (grob verkürzend) auf einen Nenner bringen will, so hat er seitdem niemals mehr von diesem "Projekt" abgelassen. Immer suchen Handkes Protagonisten "ihr Glück" in einer anderen als der Allerwelt (Kali) und so sind seine Bücher fortwährende "Versuche" eines Entkommens; in seinen Journalen lesen wir dann die "Selbst(ver)suche" des Dichters (wie wortmächtig diese Bücher doch sind - erhellend und weitend für den Leser; wirkliche Pretiosen).

Ein Fehler wäre es, Handke eines Eskapismus zu zeihen – genau das macht er nicht bzw. er macht es nur, um einen Blick hinter die Dinge, die Menschen, die Natur werfen zu können; einen, wie er vielleicht sagen würde, notwendigen Blick. Ein Blick, der uns im Alltag schon längst abhanden gekommen ist; verschüttet wurde vom Unrat des Banalen und Einförmigen. Handkes Prosa ist durchdrungen von einer Sehnsucht nach einer entprofanisierten Welt. Man darf das nicht voreilig mit einer "heilen Welt" denunzieren; von einer verkitschten Weltvision ist Handkes Ideal weit entfernt. Er setzt nicht auf die Unterdrückung mephistophelischer Affekte, sondern auf deren Überwindung. Hinwendung zur Natur im Bewusstsein, hier einen Taktgeber, den Taktgeber, finden zu wollen; nicht Natur als vermenschlichten Kulturraum.

Letztlich strebt Handke eine Loslösung von der Abstraktion der Konsum- und Warenwelt unserer Zeit an – hin zu einer wieder "stofflichen" Welt, in dem das soziale Miteinander, das Eingebettetsein in so etwas wie Natur ein "Gesetz" ist; mehr noch: sich sozusagen das Gesetz selber konstituiert und von allen wie selbstverständlich verstanden und gelebt wird.

Seit einigen Jahren sind es bei Handke oft Frauen, die zu solchen Reisen in ein neues Zeitalter, eine neue Welt(erfahrung) aufbrechen. In den 70er/80er-Jahren nur sporadisch, wie in der linkshändigen Frau, der bereits erwähnten Nova in Über die Dörfer (auch interpretierbar als die "weibliche Seite" des Rück- und Heimkehrers Gregor), die starken Frauenfiguren in der Abwesenheit, dann jedoch 2002 mit der Abenteuerin und "Finanzfürstin" (aus dem kleinteiligen Deutschland stammend, dem abwesenden ostdeutschen Geburtsland - ist es eigentlich jemandem aufgefallen, dass Handke, der Deutschenhasser, eine Deutsche zur "Heldin" machte?) in Handkes sperrigstem und ambitioniertesten Buch, dem Bildverlust und der kindlichen (kindlichen?) Lucie in der heiteren Märchenerzählung Lucie im Wald mit den Dingsda. So unterschiedlich diese Protagonistinnen auch sind: sie sind Sucherinnen (die Sängerin in Kali ist – konsequenterweise – dann eine Finderin), mit Missionsdrang (freilich nicht im landläufigen Sinne), Reisende zum sonoren Land (Das Spiel vom Fragen), Verlasserinnen des ihnen Bekannten; ohne Aussicht (oder gar Wunsch) auf Rückkehr. Diese Unumkehrbarkeit verleiht Handkes Protagonisten (und Protagonistinnen) eine Aura von Stärke und gleichzeitig Verletzbarkeit; für den Leser bleibt eine Ungewissheit, ein Schwebezustand bis zum Schluss.

Mont St. Victoire oder ein Salzberg?Die namenlose Heldin der jüngsten Erzählung Kali, eine Sängerin, (eine Verwandte Novas oder der Finanzfrau aus dem Bildverlust?) beendet an einem Vorwintertag ihre Konzertsaison, fährt zu ihrer Mutter, begegnet einem Mann, besucht mit ihm eine Kali-Grube (Salzbergwerk) und am Ende findet sie wie zufällig, unbeabsichtigt, das verlorene, verschollene, das einzige Kind und es endet in mit einem grossen Fest und sie entrinnt durch die Liebe dem sicher geglaubten Tod (Überwindung einer Depression? Ja, vielleicht).

Der Plot gibt naturgemäss nicht die Filigranität der Erzählung wieder. Wie so oft wird bei Handke das scheinbar Nebensächliche zur Hauptsache herbeiphantasiert, zur Hauptsache gemacht. Im Nebensächlichen ist das zu finden, was man, pathetisch ausgedrückt (ja, gelegentlich wird es auch pathetisch), die Verbundenheit mit der Welt nennen könnte; freilich einer Welt, die eine andere ist, als die uns gemeinhin umgebende.

Nichts Aktuelles soll in dieses Haus. Immer ging es mir um ganz anderes als die Aktualität. Schon zu meiner Zeit kam mir vor, als würde sie, die verfluchte Aktualität, alles andere, was nicht sie ist, auffressen. Und inzwischen: als sei das Leben außerhalb der Aktualitäten nicht mehr der Rede wert, sei mit keinem Blick mehr zu würdigen, sei kein Gegenstand, keine Sache, kein Thema mehr, dürfe nicht mehr Leben oder Das Leben heißen. [...] Das Leben, es gilt bei euch draußen nicht mehr. Ihr habt das Leben, das einzige große, für null und nichtig erklärt, von euren Tischen gewischt, mitsamt den Tischen. Wie hieß doch einmal ein Satz der Sätze, in den Evangelien oder wo, und hieß so in der Folge immer wieder?: Das Leben ist erschienen. Und jetzt: Das Leben ist verschwunden? Das Leben hat verloren? Ihr glaubt, ich erkenne euch nicht? Ihr bildet euch ein, ich sei blind für euer Treiben?

So spricht die Mutter der Sängerin. Und später, als sie dann den Ort des Kalibergwerks erreicht hat, den grossen Salzberg vor Augen, (das Ziel? Der Salzberg ist Handkes Mont St. Victoire?), lässt Handke die Pfarrerin (wieder eine Frau!) sagen:

Wenn ich für mich bin, mit den Büchern hier, auch ohne sie, ist immer alles voll Sinn, warm von Sinn, heiß, kochheiß. Aber draußen dort und ebenso drinnen dort: weg, verpufft. Allgemeiner Unsinn. Unsinn, der kann ja lustig sein und fröhlich stimmen. Aber der Unsinn dort draußen ist lau und flau. Für meine Generation gibt es nichts Höheres mehr. Und je mehr das trotzdem behauptet wird, desto mehr wird noch der letzte Rest davon vernichtet. Existiert das denn überhaupt noch, eine Generation? Eine Generation im Aufbruch? Eine Pioniergeneration? Oder meinetwegen auch eine verlorene Generation? Eine verkaufte? Eine verratene? Nichts da. Meine sogenannte Generation, und genauso die vor mir, die vielleicht noch schlimmere, die der noch nicht so recht Alten, die auch nie so recht alt sein werden, wir und die, wir richten nichts als Unheil an in den lieben Welt, und das nicht einmal durch unser Tun und Lassen, sondern durch unser bloßes Dasein. Allein durch die Art unseres Daseins, ständig voll da, ständig in der Überzahl, ist unsereiner eine Beleidigung allein schon für das Auge...

Und in dem die Figuren derart ins Reden kommen, erzählen sie sich die Allerwelt (zum letzten Mal sei dieses Wort benutzt) vom Leib. Die Reden sind Beichte und Reinigung, Selbstvergewisserung und Schwur; Kali ist mehr ein dramatisches Gedicht als eine Erzählung; ein Theaterstück – ja vielleicht die Fortschreibung von Über die Dörfer? Der Erzähler, der "Verfolger" der Sängerin, oft genug sie suchend, mehr ein Beschreiber als ein Erzähler; ein Ins-Bild-Setzer und wesenhaft einem guten (einem guten!) Radioreporter ähnlich: Sein Schildern ermöglicht die Teilhabe; beflügelt die Phantasie (auch dann, wenn das Verschüttete aus dem dunklen Salzbergwerk allzu metaphernschwer daherkommt; ein seltener Moment im ansonsten so schön luftigen Buch).

Spielte der Bildverlust noch (vordergründig?) in fiktiven Orten in der spanischen Sierra de Gredos – allerdings in einer nicht definierten Zeit -, so gibt es in Kali eine bewusste Zeit- und Ortlosigkeit. Das sonore Land (?), der Salzberg – die Verirrten, Versprengten, Flüchtlinge (welch' eine Rede auf [auf!] Flüchtlinge!) - ewig Schiffbrüchige - sie sind Überlebende des Dritten Weltkriegs und doch, wie selten bei Handke (noch nie derart?) der Trost (kein "billiger Trost", kein "Friede, Freude, Eierkuchen [Andreas Isenschmid in "Kulturzeit"]): das Sprachengewirr der Bergleute ist nicht babylonisch-verwirrend, sondern die Worte werden plötzlich so weit vom Himmel weg - im Bergstollen - sonnenklar; der ewige Friede wird vom Zeitungsjungen wenigstens als Schlagzeile gerufen (in der Zeitung steht es dann doch anders); das Wünschen hat geholfen und am Ende, in der Kirche, die Verwandlung (ein zentraler Topos von Handke), die Pastorin vor dem Volk (ohne Kanzel):

Ich habe es gewusst. Alle die Äpfel auf dem Gartentisch beim ersten Blick aus dem Fenster am Morgen, und ich bin da. Und es ist da. Ich und es sind da. Das Leben ist neu erschienen. Die Träume sind zurückgekommen: Schaut, schaut – hört, hört. Nach all dem Schrecken, dem Grauen: wie sehe ich klarer, wie höre ich besser. Unser Geschichte: aufzugeben? Ausgeträumt? Nein, ich gebe die Geschichte nicht auf. Sie weiterträumen. Ereignete sich denn nicht jener eine göttliche Augenblick in ihr, und ereignet sich der nicht immer wieder, und das ist die wahre Geschichte?

Und dann, im toten Winkel (keine Enklave oder erst recht eine?) heisst es Weg von den Dramen. Weg auch von den Liedern. Und auch genug gepredigt... und es beginnt das Erzählen – und das Buch endet.

Kali ist kein Buch, den notorischen Handke-Ablehner zu befrieden. Das hatten in den 90er Jahren einmal kurz die Versuche geschafft (insbesondere der Versuch über den geglückten Tag). Dem Handke–Adepten setzt es das Werk fort; ein Kontinuum. Die Anspielungen auf vergangene Bücher sind zahlreich und fruchtbar und werden erneuert und erweitert. Relativ neu ist die tröstliche Aussicht, die das Buch am Ende verströmt – die Verwandlungen geschehen und sind nicht nur möglich.

Viele Rezensenten überinstrumentalisieren das Buch mit dem Verweis auf die indische Göttin Kali. Wenn dem so wäre, müsste man von einem mindestens ambivalenten Bildgebrauch Handkes sprechen, denn allzu stark ist die Erlösungs- und Verwandlungsmetaphorik des Christentums in diesem Buch präsent. Handkes Hinwendung zu religiösen Bildern (nicht nur des Christentums) – stetig zu beobachten seit Mein Jahr in der Niemandsbucht 1997 – ist zwar unverkennbar, aber eine spirituell aufgeladene Sinnsuche ist von Handke weder beabsichtigt noch gewünscht.

Frohes Fest

Etwas auspacken und statt das Papier den Inhalt in den Abfall werfen

Peter Handke "Die Geschichte des Bleistifts"

PERSONEN- UND SACHVERZEICHNIS

HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.

Kontakt

Kommentare hier...

@Falk D.
Ich vermute, Sie liegen mit Ihrer/n Prognose/n richtig.
Gregor Keuschnig - 2010-02-09 22:13
Passt ja genau!
Passt ja genau!
Gregor Keuschnig - 2010-02-09 22:11
Brahms, Liszt und Schumann...
Brahms, Liszt und Schumann (beide) spielten sich gegenseitig...
Falk D. (Gast) - 2010-02-09 21:57
Unbezahlbar: Google hat...
Unbezahlbar: Google hat Anzeigen für Ghostwriter...
Dreher (Gast) - 2010-02-09 21:47
interessanter
blog. interessier mich sehr fuer indianische kultur
ebbs - 2010-02-09 21:39

...anderswo

@Falk D.
Ich vermute, Sie liegen mit Ihrer/n Prognose/n richtig.
begleitschreiben - 2010-02-09 22:13
Passt ja genau!
Passt ja genau!
begleitschreiben - 2010-02-09 22:11
@tinius
Welche Anmaßung: Es gab auch nicht pubertierende...
begleitschreiben - 2010-02-09 18:15

Such!

 

Grundsätzliches

Das Copyright der Texte liegt bei demjenigen, der mit dem Pseudonym hier als Gregor Keuschnig zeichnet. Verwendungen/Links mit Quellenangabe und Unterrichtung per Mail gestattet. Kommerzielle Verwertung ohne Kenntnis des Verfassers ist ausdrücklich untersagt und wird zur Anzeige gebracht. Kommentare, die ausschliesslich kommerziellen Zwecken (Suchmaschinenoptimierung und/oder Linkweiterleitungen) dienen, werden gelöscht. Disclaimer: Für Verlinkungen von diesem Blog auf andere Webseiten wird keine Verantwortung oder gar Haftung übernommen (Einzelheiten siehe unterlegten Link).

DIV. 1

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma

sorua enabled
xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this topic

twoday.net AGB

kostenlose counter

DIV. 2

kostenloser Counter


Blog Top Liste - by TopBlogs.de
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de