Peter Handke

Peter Handke / Alfred Kolleritsch: Schönheit ist die erste Bürgerpflicht

Handke und Kolleritsch  Schoenheit ist die erste BuergerpflichtDie Philologisierung des Werkes von Peter Handke schreitet voran. Nach der Veröffentlichung des Briefwechsels mit Nicolas Born im Jahr 2005 und - ein Jahr später – Hermann Lenz nun die Publikation der Korrespondenz zwischen Freunden, die noch am Leben sind (Alfred Kolleritsch). Diese ist zunächst einmal für den werkinteressierten und ein bisschen kundigen Leser von Bedeutung, aber obendrein für den durch E-Mail oder SMS inzwischen dem Briefschreiben entwöhnten Zeitgenossen. So ist dieser Briefwechsel zwischen Alfred Kolleritsch (geboren 1931) und dem elf Jahre jüngeren Handke zusätzlich ein Dokument einer schwindenden Kulturtechnik – einer Kulturtechnik des Wortes, der Nuance, der Albernheit, der Ernsthaftigkeit, der Schwermut (und auch des Nachschauens im Briefkasten ob der sehnsuchtsvoll erwarteten Antwort).

Viele der – man ahnt es im Verlauf des Buches – schönen, ja: reichen Briefe Kolleritschs sind nicht mehr da (der Verlust wohl Handkes zahlreichen Umzügen geschuldet), so dass die Korrespondenz von Peter Handke eine Überzahl bilden. Manchmal kann man aufgrund der Antworten ein bisschen erahnen, was wohl im Brief gestanden haben mag – später, wenn dann auch Kolleritsch-Briefe abgedruckt sind, merkt man, dass man diesen Stil dann vermisst.

Fast von Anfang sind die Voraussetzungen verdreht: Nicht der ältere protegiert den jungen Schriftsteller – nein, es ist Kolleritsch der (besonders zu Beginn) massiv um Handke fast buhlt, der (natürlich) das grosse Talent erkennt und immer Neues für seine Literaturzeitschrift "Manuskripte" nachfragt. Manchmal kann Handke diesen Wünschen gar nicht nachkommen, zumal er schnell ziemlich "prominent" wird (Dein Peter Handke, Erfolgsautor zeichnet er einmal selber halb kokettierend, halb erschrocken) und – vor allem – sehr produktiv und da "Manuskripte" immer nur bis dato unveröffentlichtes Material aufnimmt, ist die Exklusivität der Beiträge häufig nur von kurzer Dauer und manchmal konstatiert Handke, er habe einfach nichts.

Niemals steigt Handke der Erfolg zu Kopf. Im Gegenteil: Er unterstützt die Zeitschrift finanziell, sobald sich seine eigene Situation verbessert (das Buch beginnt mit einem Brief Handkes, mit dem er um einen Fahrkostenvorschuss ersucht). Er wird früh selbständiger Schriftsteller, während Kolleritsch immer seine Lehrertätigkeit ausübt und Schriftsteller und Herausgeber "nebenbei" bleibt.

Bei aller Loyalität beanstandet Handke im Einzelfall sehr wohl Beiträge im Heft. Und auch die Gedichte von Kolleritsch belegt er ab und an mit subtiler Kritik: Ich hörte darin ein wenig zu sehr Deine eigene Stimme, sah zu sehr Deine Gestalt; das hiesse, ein andrer, der Dich nicht kennte, sähe wahrscheinlich zu wenig Gestalt, d. h. Sprachgestalt.

Es gibt viel Privates in diesen Briefen, viele Terminabsprachen, einige (unerhörte) Wünsche nach Treffen, Lesungen, Geschriebenem und nach verstanden-werden- wollen. Und es gibt auch einiges Lustige wie beispielsweise dieser Brief Handkes am Tag seiner Hochzeit mit Libgart Schwarz, den er in albern-euphorischem Duktus schreibt oder als Handke eine Elektrogitarre geschenkt bekommt und bemerkt, dass jetzt nur noch etwas aus ihm werden müsse. Meist aber viele Zweifel, Überdruss, eine erdumspannende Trägheit oder eine Nachdenklichkeit. Und immer mal wieder Alkohol (auf beiden Seiten) und – dezent – die Frauen. Später die Vaterfreuden (und –leiden).

Handke und Kerbler  und machte mich auf meinen Namen zu suchenMerkwürdig diese schon früh aufkommende, ängstliche Zurückhaltung Handkes jeder Art von Vernetzung, jeder gruppenähnlichen Verbindung gegenüber, die sofort in den Verdacht gerät, Kumpanei zu sein. Sogar bei Suhrkamp verhielten sich einige offensichtlich knilchös. Und auch Kolleritsch ist für ihn eingedunstet in den Betrieb; seine Verbindungen in und zur Grazer Literaturszene (u. a. "Forum Stadtpark") fast suspekt. Was Handke allerdings später nicht darin hinderte, wenigstens teilweise durch sein Jurorentum beim Petrarca- bzw. Hermann-Lenz-Preis selber ein Teil eines literarischen Zirkels zu sein. Und irgendwie fühlt man sich an die letzten Sätze im feinspürigen (und hörenswerten) Gespräch mit Michael Kerbler (unlängst im Wieser-Verlag als CD mit Textbuch erschienen: "…und machte mich auf, meinen Namen zu suchen") erinnert: "Das Alleinsein ist keine Lösung, und das dauernde Gemeinsam, das ist, glaube ich, noch verderblicher. Das ganze Geheimnis im Leben ist der Abstand – der Abstand und der Rhythmus, was man aus dem Abstand macht."

Einher geht diese Scheu mit den oft erstaunlichen "Geständnissen" Handkes, schon seit Tagen (5) niemanden mehr getroffen zu haben ausser einer Portugiesin, die seit ein paar Wochen manchmal bei mir aufräumt. Das sei, so Handke, auch eine Art Expedition. Aber auch eine Art Bekenntnis, wenn er davon schreibt, sich aufs Wohnen zu freuen, wie ich mich noch nie auf so etwas gefreut habe. Stetig ist da nur die Unstetigkeit, die Ambivalenzen zwischen Sesshaftigkeit und Reiselust (es gibt auch einen launigen Gruss von der ewigen Flucht an den Freund, dem es aber offensichtlich gelingt, den "Flüchtigen" irgendwie zu erreichen).

Dann wieder entmutigt: Was für falsche Ideen ich vom Schreiben hatte. Und auch diese Verzagtheiten, am stärksten Ende 1996, nach den beiden Büchern "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" und "Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise", als Handke Kolleritsch bittet mit "Petar Sivec" (Mutter-Name, jugo) zu veröffentlichen, denn durch das Zeug, was letztens schaltsatzweise gegen mich in den "m" stand kann (oder will?) er nichts mehr mit meinem Namen da publizieren. Aber gleich die Geste zum Freund: Klar, dass das nichts mit uns beiden zu tun hat. Es ist eine objektive Gegebenheit, und unser beider Weihnachts- und Pfingstgeschichte wird umso erfreulicher weitergehen.

Der Respekt und die Freundschaftsgefühle auf beiden Seiten – immer gegenwärtig. (Sie haben selbst – wie Kolleritsch im Nachwort schreibt - ein gemeinsames Lied.) Trotz gelegentlich divergierender Meinungen, nicht erhaltener Antworten (beide Seiten mahnen manchmal Auskünfte oder Festlegungen an, derer sich der jeweils andere nonchalant widersetzte) oder anderer Empfindlichkeiten. So moniert Kolleritsch einmal, dass Handke während eines Spaziergangs ein Notizbuch zückt und etwas zu schreiben beginnt. Handke beschwichtigte, er soll es nicht so wichtig nehmen – um dann ein Jahr später diesen "Vorfalls" wieder aufzunehmen: Ich werde wohl nicht 'in der Arbeit' sein, wie beim letzten Mal, wo Du, Anfang Dezember, beleidigt warst von meinem Abdriften zum Notizbuch, als wir in den Wäldern gingen.

Der Verlag versichert, dass nichts gestrichen wurde und keine "Rücksichten" hinsichtlich despektierlicher Äusserungen anderen Personen gegenüber genommen wurden. Obwohl Invektiven nicht vorkommen, intime Details der beiden Briefschreiber eher selten berichtet werden (Ich lebe recht für mich im Moment, ohne Vögeln, und warte auf die Frau meines Lebens - Handke 1976) und Klatschgeschichten sind eher rar (gut so). Dass Handke seine Frau Libgart mal als faul betitelt (sie sortiert Kolleritschs Briefe, den Handke mit Fredy anredet unter "Freddy Quinn") oder Marcel Reich-Ranicki einmal als gemeindumme[s] Monster von Frankfurt, einige andere Literaturkritiker als eine Horde von Gesindel bezeichnet oder in Grass' Buch keinen Moment der Wahrheit entdeckt - das sind schon fast die deftigsten Sentenzen.

Das Buch bietet einige Miniaturen zur zeitgenössischen Literatur bzw. Literaten aber nur selten tiefe Einblicke in den "Betrieb". Gleich am Anfang eine Überraschung, denn Peymanns Inszenierung der "Publikumsbeschimpfung" (1968) findet Handke ganz schlecht. Bisweilen wirkt er auch ein bisschen hilflos, etwa wenn er Besuch von seinem damaligen Übersetzer hat: Michael Roloff ist im Moment in Paris und trägt einen wildledernen Hut mit einer langen Fasanenfeder daran. Er isst Austern schon zum Frühstück und ist freundlich und auf eine manchmal wohltuende Weise langweilig. Einfühlsames zu Karin Struck (deren Literatur ihm nicht zusagt, aber ihren Furor respektierte er). Reserviert Handkes Urteil über Gerhard Roth, den er einer zu grosser Routine bezichtigt.

Kolleritschs Kritik an John Bergers zweitem Erzählband (stilisiert…nicht vom Leben durchdrungen, sondern nach einer Ideologie gearbeitet) setzt Handke überraschend wenig entgegen und über den Thomas Bernhard von 1985 gibt es von Kolleritsch die Einschätzung, es handele sich um einen Zitatenschatz der Negation, der den letzten Ernst, die letzte Literatur + Sehnsucht danach, verdampft. Jahre vorher schon Handke (in anderem Bezug, aber durchaus treffend): Elend macht einen der Unernst.

Es gibt sehr schöne Stellen, ja ergreifendes, etwa wenn Handke von Kolleritschs Mutter, von der er so ehrfurchtsvoll spricht, ihrem Garten und den Tomaten und diesem Ort Brunnsee (Kolleritschs Geburtsort) schwärmt. Brunnsee wird für beide zum fast mythischen Sehnsuchts- und Freundschaftsort. Und Kolleritschs Bemerkungen, Einwürfe und Reflexionen zu Handkes Büchern sind, obwohl ausnahmslos positiv nie devot, sondern höchst anregend und von stupender Analysekraft - übrigens auch, was die Rezeption durch die Literaturkritik angeht. Das alleine lohnt die Lektüre.
Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Kosovo ante portas 2

In der gestrigen Ausgabe der französischen Zeitung "Le Figaro" nimmt Peter Handke in einem kurzen Kommentar Stellung zur Unabhängigkeit des Kosovo. Hier die – unautorisierte – Übersetzung (für Hinweise und Korrekturen bin ich dankbar):

Unser ehrwürdiges Europa hat sein Herz verloren

Jugoslawien war während des Zweiten Weltkrieges das Land, das sich (fast) allein von der nazistischen Besatzung befreit hat. Was dächten sie heute, diese Partisanen, die damaligen Widerstandskämpfer, die Slowenen, die Kroaten, die Bosnier, die Serben, die Mazedonier und auch die Albaner, den Refrain hörend (präsidial geworden), dass das große Jugoslawien, für das sie zusammen gekämpft haben, seit jeher ein "künstlicher Staat" war und das seine Zerstörung gar kein Riss und vor allem keine Tragödie sei?

Den albanischen Staat Kosovo (KOCOBO im kyrillischen) anerkennend, haben die selbsternannten Ärzte der westlichen Hemisphäre für einen Kranken gegen einen anderen Kranken grundsätzlich Partei ergriffen. Den albanischen Staat Kosovo anerkennend, haben diese Ärzte den Eid des Hippokrates verletzt und sich als falsche Ärzte erwiesen. Den albanischen Staat Kosovo anerkennend haben die westlichen Gaunerstaaten, die vorher das serbische Jugoslawien bombardiert und zerstört hatten, einen neuen Gaunerstaat bekommen. Den kosovo-albanischen Staat anerkennend, hat der Westen mit einem tödlichen Schlag dem serbischen Volk des Kosovo seine Heimat entzogen und ihn zum Gefangenen und Verbannten in seinem eigenen Land gemacht. Den albanischen Staat Kosovo anerkennend, hat unser ehrwürdiges Europa endgültig sein Herz verloren. Trauern wir still um die unparteiischen Wesen guten Willens, um das verlorene serbische Volk des Kosovo, KOCOBO.

Vorher hatte Handke in einem Interview für das österreichische Magazin "NEWS" gesagt:

Irgendwann wird es nicht anders möglich sein, als dass wir alle ohne Grenzen leben können. Da wird dann dieser zweite albanische Staat auch dazugehören. Aber im Moment ist die Zeit noch nicht reif. Um das Wort Demokratie, das mir immer schwerer über die Lippen geht, doch noch zu verwenden: Man hätte im Kosovo ein bisschen mehr Demokratie walten lassen sollen, damit das Volk sich daran gewöhnt. Durch die Verwaltung des Westens ist jedenfalls gerade das Gegenteil eingetreten, Schmuggel und Drogenhandel sind noch stärker geworden.

Kritische Stimmen, die auf völkerrechtlicher Basis argumentieren, findet man hier.
Dank für den Link an Michael Roloff

Einiges zu "Die morawische Nacht" von Peter Handke

Peter Handke   Die morawische NachtÜber das Verschwinden der Vorurteile zu erzählen, das sei Epik – so heisst es an einer Stelle in der "Morawischen Nacht" von Peter Handke. So ganz sind diese Vorurteile (oder Urteile) bei den Damen und Herren Kritiker noch nicht verschwunden – es wird reichlich Buße festgestellt und manchmal kann es schlimmer sein, so hinterrücks, so gönnerhaft, so fast-verzeihend gelobt zu werden als herzhaft verrissen. (Immerhin Platz 1 und viele Punkte in der Februar-Bestenliste des SWR.)

So knüpft Iris Radisch in ihrer Besprechung Bande zu Handkes Jugoslawien-Reisebücher und konstatiert, er, Handke, habe sich nun abgewandt von der "verstörenden Parteinahme", aber vor lauter "Budenzauber" übersehe man das Herzstück der Erzählung, welches sie in der Lossprechung der Sünden des Sohnes durch die Mutter sieht. Oh ja. Und was diese Frau liest und vor allem wie sie liest (liest oder nur herunterrattert?) erkennt man daran, dass sie das Buch dann am Ende mit einer Computeranimation vergleicht. Was haben die heutigen Dichter eigentlich verbrochen, einen solchen Blödsinn über sich ergehen lassen zu müssen?

Die FAZ bemüht sogar zwei Rezensenten. Hubert Spiegel trifft dabei erstaunlicherweise gelegentlich sogar den Ton und kommt fast ohne Häme aus, wobei er freilich Handke ziemlich gerne noch ins Büssergewand stecken würde. (Er legt dann noch einmal nach – vielleicht weil ihm seine Rezension zu positiv schien?) Volker Weidermann glaubt sogar, Handke verabschiede sich vom Balkan und macht damit seinen Wunsch zum Vater des (Leser-)Gedankens.

Schön das Herantasten und Einfühlen von Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung. "Keinen Funken Provokation" findet Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau und man fragt sich "warum auch?", und der Rezensent attestiert Handke ein "defensives" Buch und zeigt damit, dass er sich selber nicht von der Rezeption ÜBER Handke lösen kann (oder auch, dass er dazu nicht bereit ist), statt den Zauber des Buches auf sich wirken zu lassen.

Treffend der Titel der Besprechung von Andreas Breitenstein in der Neuen Zürcher Zeitung, "Die grosse Versöhnungstour", aber auch hier einige alte Rechnungen und gelegentlich ein rechthaberischer Unterton; sei's drum.

Zwingen muss man sich, Peter Mohrs Besprechung im "Titel-Magazin" bis zum Ende zu lesen, denn spätestens wenn jemand als "eigenwillig" charakterisiert wird, sollte man aufhören. Der Rezensent stellt dann noch Parallelen bis zum Narzissmus zum eigenen Werk Handkes fest (was für ein Unsinn) und hat offensichtlich gar nicht bemerkt, dass der Ex-Autor im Buch den Gregor Keuschnig gar nicht trifft.

Und flankierend natürlich ein Interview. Mindestens eines. Aber auch ein "gutes", fruchtbares. Von Christine Eichel in der Online-Ausgabe des "Cicero": "Der Zorn verraucht, das Feuer bleibt". Dort finden sich sehr bemerkenswerte Sätze von Handke; es ist wirklich lesens- und nachdenkenswert (obwohl einmal ein Umbruch fehlt, d. h. eine Frage wird in einer Antwort versteckt – wer findet's?). Eichel beginnt ihr Interview (ist es nicht schon fast ein Gespräch?) mit dem Zitat aus "Selbstportrait aus unwillkürlichen Selbstgesprächen" (aus der Zeitschrift "Manuskripte", im März 2007 erschienen, hier herunterzuladen [PDF; ca. 110 kb]), die man noch am ehesten mit Handkes Journalen vergleichen könnte, wenn diese auch wesentlich ausführlicher angelegt sind, während es sich bei den "Selbstgesprächen" weitgehend um kleine Sentenzen, nein, eher: Gedankensplitter handelt (auch diese Sätze hier enden ohne Punkt – wie in den Journalen).

Ach ja, und da gibt es noch eine Besprechung (unter sicher noch vielen anderen). Noch ein Versuch.

Möge sich jeder sein Urteil bilden.

Peter Handke: Gestern unterwegs

Peter Handke  Gestern unterwegs  BuchIn "Gestern unterwegs" setzte sich die Entwicklung aus den Journalen von Peter Handke fort, die sich schon bei seinem vorletzten Journal "Am Felsfenster, morgens" abzeichnete. Während die tagebuchähnliche Journale davor durchaus auch aphoristisches enthielten, teilweise ein bisschen jungenhaft daherkamen, zeigen sich in der von Handke vorgenommenen Auswahl insbesondere bei "Gestern unterwegs" neben den Reise-, nein, besser: Geh-Impressionen auch die Fingerübungen zu später entstehenden Büchern. Das ist bei einem Dichter sicherlich nicht ungewöhnlich, setzt jedoch beim Leser eine gewisse Auseinandersetzung mit dem Werk voraus, ohne die solche Verweise (auf zukünftige Literatur) sicherlich nur halb so interessant sein mögen.

So kann man sich überrascht zeigen, dass Handkes (bisher weitgehend unverstandenes Buch) "Der Bildverlust" (2002 erschienen) durchaus bereits in den "Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990" (so der Untertitel des Buches) Form annahm und mehr als nur ein vages Projekt gewesen sein muss (freilich betont Handke im kurzen Vorwort [Lieber Leser!], dass einiges bereits in dem 1994 erschienenen Buch "Mein Jahr in der Niemandsbucht" aufgenommen wurde). Natürlich fallen in die Zeit Handkes "Versuche" (die sich an zahlreichen Stellen abzeichnen), der Erzähl- und Novellenband "Noch einmal für Thukydides" und sein Theaterstück "Das Spiel vom Fragen".

Peter Handke  Gestern unterwegs  HoerbuchLösgelöst von diesen manchmal fast philologischen Details hat man sich im vorliegenden Hörbuch (4 CDs mit insgesamt 232 Minuten) bei Hoffmann und Campe fast ausschliesslich auf die wunderbaren Reisenotizen Handkes konzentriert. Und das alles von ihm selbst gelesen, bedächtig, in einer adäquaten Langsamkeit (die keine Trägheit ist), die die Episoden oft wie ein Gedicht rezitieren, ja zelebrieren; gelegentlich psalmodieren. (Wie schön, dass einige Male Vogelgezwitscher im Hintergrund zu hören ist.) Und ab und zu scheint Handke geradezu über eine Formulierung, ein Wort, ein Bild überrascht; manchmal erheitert und ein paar Mal fügt er etwas hinzu.

Handke, der Augenblickdenker und Gegenwartsammler mit dem Vergewisserungsblick, der rastlos Suchende mit der Sehnsucht nach Stille (und Ruhe), reist alleine durch das jugoslawische Karst, das Friaul, Triest, Griechenland, Kairo, dann nach Frankreich, Belgien, irgendwann ist er in Tokio und dann irgendwo anders in Japan durch Wälder irrend eine Buddhastatue suchend (und dann findend). Dann im Flugzeug nach Anchorage (man erinnert sich an "Langsame Heimkehr"), dann London, Lissabon/Portugal, Galizien, Baskenland; Nimes/Aix en Provence; wieder Triest, das Friaul; Versailles, London (er landete am Tag des Lockerbie-Unglücks mit der "Zubringer"-Maschine aus Frankfurt in London – eine der wenigen Male, wo Handke "zeitaktuell" wird); Schottland; Rouen/Bretagne; die Pyrenäen - und so weiter. Und immer wieder kommt er nach Jugoslawien, insbesondere nach Slowenien und es klingt nun (nachträglich) wie eine lange Abschiedsreise von seinem Arkadien, dem Land Jugoslawien, welches er, wie er einmal sagt, als Gegenland zu Hofmannsthals Deutschland.

'Staunend unterwegs' oder 'Exerzitien des Schauens' hätte man es auch nennen können. Handkes Aufzeichnungen "handeln" im landläufigen Sinne von – nichts; scheinbar nichts! Vom Fallen eines Blattes, von Spatzen (den einzelnen oder auch den Schwärmen) , der Wasserlache eines Feldwegs, den Figuren einer Kirche oder Moschee, den Kindern des Abends (Amseln), Passantenzügen, dem Fahren in Bussen oder Zügen (Handke kann nicht Autofahren); der Stille eines Ortes – mit und ohne Menschen; von so etwas wie den Glücksmomenten des Lebens und wenn sich so etwas ungeheuerliches dann "ereignet", wenn Handke so etwas in Sprache bringt, da begreift man erst einmal, was man im allgemeinen Lärm des (sogenannten) Alltags alles nicht mehr mitbekommt und man lernt – im Idealfall – wieder das Schauen, das Ruhen (das Ausruhen können) und vielleicht sogar wieder das Staunen. (Und Handkes Beschwörung des Verbots der Sorge [an Heidegger angelehnt] – und dieser Appell an sich selbst zeigt ja auch so einiges.)

Vieles ist bei Handke auch Suche (er nennt sich einen Stöberer); im Wissen um die "Unvollkommenheit". Einmal heisst es: ... und jetzt lass dem Phänomen wieder seine Ruhe - als verunreinige der menschliche Blick geradezu die Welt. Das Streben nach der Vollständigkeit des Mensch-Daseins – nichts weniger als das ist sein Wunsch; und es wäre fast eine Plattitüde würde man sagen, Handke wolle "eins sein" mit der Natur – nein: er will mit den Dingen wirklich sein. Ein freilich ephemeres Glück (das weiss Handke natürlich), aber eines, das unbedingt versucht werden muss (und kann). Und das Beschwören, das Tasten, das Offen-Werden für diese aufwandlosen Augenblicke, das Erzählen dieser Begebenheiten (die dann manchmal noch mit einem Datum versehen werden – sozusagen als eine Art wahres, neues, letztes Geschichtsbuch [Wann wurde das Eichhörnchen von Jägern in Mazedonien getötet? Wann zog der Spatzenschwarm davon? Wann ereignete sich die Kellnergeschichte?]), das Verbsuchen; die "Und-Gedichte" (Zweizeiler) – all dies mit der eingangs beschriebenen Handke-Stimme: Und der Leser sieht das gelesene Buch noch einmal ganz neu – durch das Hören.

Einmal heisst es: Ein (halbwegs) geglücktes Leben erkennst Du daran, dass derjenige nicht zum Popanz seiner selbst (seines Selbst) wird, sondern zittert, und zittert, kindlich, schwach, auf der Kippe, bis zuletzt. Und der letzte Satz auf der vierten CD im Hörbuch ist plötzlich nicht mehr so ganz abwegig: "…ein Regentropfen fiel in seine Oberlippenfurche. Eine Flocke streifte sie und das war das Leben. (==> Hörprobe hier: Peter-Handke-Gestern-unterwegs-Erscheinungen-der-Wintersonne (wma, 4,137 KB))
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Von den dreieinhalb Jahren dieses Journals ist Handke bestimmt insgesamt drei Jahre unterwegs. Dieses Journal sei denn das letzte seiner Art, schreibt er. Leider – fügt der Leser hinzu. Seit 1991 ist Handke – für seine Verhältnisse – sesshaft geworden und lebt in Chaville (in der Nähe von Paris). Seine weiteren Reisebücher sind dann schon diejenigen, die vom Abgesang Jugoslawiens erzählen.
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Hörbucher haben gelegentlich den Fehler, dass die Stimme des Vorlesers – meist eines Schauspielers, aber nicht nur bei ihnen - über Inhalt und Form des Geschriebenen dominiert. Stimme und Betonungen lenken ab von der Erfassung des Textes. Sei es, weil diese Vorleser sich besonders hingezogen fühlen zu dem Text und ihn noch ein bisschen herausheben wollen (was meist unnötig ist) oder einfach aus Eitelkeit, um sich selbst herauszustellen (was schrecklich ist). Von all dem hier nichts. Handke stellt sich sozusagen voll im Dienste des Wortes, des Satzes, des Begriffes, des Bildes – praktisch mit ihm verschmelzend, ohne es (das Geschriebene) zu dominieren zu wollen; ein gravitätisches Lesen.

Ach ja, und noch etwas für (oder besser: gegen) alle diejenigen, die uns von den "tollen Möglichkeiten" erzählen, Hörbucher "beim Autofahren" quasi zu konsumieren: Glaubt diesen Möchtegernlesern, diesen Literaturkritiker-Imitationen kein Wort! Wenigstens nicht hier und mit diesem Hörbuch. Aber auch sonst: Räumt dem Lesen, dem Hören, dem Schauen den Platz ein, der ihm gebührt. Nicht als Geräuschkulisse im Hintergrund soll Literatur dienen, sondern als in diesem Augenblick das Wichtigste auf der Welt. Man erschaffe sich solche Augenblicke. Und staunt dann wieder. Endlich. Recht so.

Peter Handke: Kali - Eine Vorwintergeschichte

Peter Hanke   KaliVor einem Vierteljahrhundert deklamierte Nova in Über die Dörfer: Die Natur ist das einzige, was ich euch versprechen kann – das einzig stichhaltige Versprechen. In ihr ist nichts "aus", wie in der bloßen Spielwelt, wo dann gefragt werden muß: "Und was jetzt?" Sie kann freilich weder Zufluchtsort noch Ausweg sein. Aber sie ist das Vorbild und gibt das Maß: dieses muß nur täglich genommen werden...euer Arbeiten soll ein Wirken sein – gebt etwas weiter. Weitergeben tun aber nur, die was lieben: liebt eines – es genügt für alles. Die Liebe erst ermöglicht die Sachlichkeit. Nur du, Geliebter, giltst. Dich liebend, erwache ich zu mir. Die emphatisch-programmatische Rede, nein: diese Philippika des Poetischen – niemals hat Peter Handke gesellschaftspolitisch konkreteres geschrieben – nahm die Häme von Teilen der Kritik bereits vorweg: Laßt die Illusionslosen böse grinsen: die Illusion ist die Kraft der Vision, und die Vision ist wahr.

Novas Vision ist einfach und doch grundlegend: Der ewige Friede ist möglich. Nichts weniger als eine neues Zeitalter phantasiert der Dichter hier (die Anlehnung an den grossen Philosophen ist natürlich beabsichtigt) – und wenn man Handkes Werk genau betrachtet und (grob verkürzend) auf einen Nenner bringen will, so hat er seitdem niemals mehr von diesem "Projekt" abgelassen. Immer suchen Handkes Protagonisten "ihr Glück" in einer anderen als der Allerwelt (Kali) und so sind seine Bücher fortwährende "Versuche" eines Entkommens; in seinen Journalen lesen wir dann die "Selbst(ver)suche" des Dichters (wie wortmächtig diese Bücher doch sind - erhellend und weitend für den Leser; wirkliche Pretiosen).

Ein Fehler wäre es, Handke eines Eskapismus zu zeihen – genau das macht er nicht bzw. er macht es nur, um einen Blick hinter die Dinge, die Menschen, die Natur werfen zu können; einen, wie er vielleicht sagen würde, notwendigen Blick. Ein Blick, der uns im Alltag schon längst abhanden gekommen ist; verschüttet wurde vom Unrat des Banalen und Einförmigen. Handkes Prosa ist durchdrungen von einer Sehnsucht nach einer entprofanisierten Welt. Man darf das nicht voreilig mit einer "heilen Welt" denunzieren; von einer verkitschten Weltvision ist Handkes Ideal weit entfernt. Er setzt nicht auf die Unterdrückung mephistophelischer Affekte, sondern auf deren Überwindung. Hinwendung zur Natur im Bewusstsein, hier einen Taktgeber, den Taktgeber, finden zu wollen; nicht Natur als vermenschlichten Kulturraum.

Letztlich strebt Handke eine Loslösung von der Abstraktion der Konsum- und Warenwelt unserer Zeit an – hin zu einer wieder "stofflichen" Welt, in dem das soziale Miteinander, das Eingebettetsein in so etwas wie Natur ein "Gesetz" ist; mehr noch: sich sozusagen das Gesetz selber konstituiert und von allen wie selbstverständlich verstanden und gelebt wird.

Seit einigen Jahren sind es bei Handke oft Frauen, die zu solchen Reisen in ein neues Zeitalter, eine neue Welt(erfahrung) aufbrechen. In den 70er/80er-Jahren nur sporadisch, wie in der linkshändigen Frau, der bereits erwähnten Nova in Über die Dörfer (auch interpretierbar als die "weibliche Seite" des Rück- und Heimkehrers Gregor), die starken Frauenfiguren in der Abwesenheit, dann jedoch 2002 mit der Abenteuerin und "Finanzfürstin" (aus dem kleinteiligen Deutschland stammend, dem abwesenden ostdeutschen Geburtsland - ist es eigentlich jemandem aufgefallen, dass Handke, der Deutschenhasser, eine Deutsche zur "Heldin" machte?) in Handkes sperrigstem und ambitioniertesten Buch, dem Bildverlust und der kindlichen (kindlichen?) Lucie in der heiteren Märchenerzählung Lucie im Wald mit den Dingsda. So unterschiedlich diese Protagonistinnen auch sind: sie sind Sucherinnen (die Sängerin in Kali ist – konsequenterweise – dann eine Finderin), mit Missionsdrang (freilich nicht im landläufigen Sinne), Reisende zum sonoren Land (Das Spiel vom Fragen), Verlasserinnen des ihnen Bekannten; ohne Aussicht (oder gar Wunsch) auf Rückkehr. Diese Unumkehrbarkeit verleiht Handkes Protagonisten (und Protagonistinnen) eine Aura von Stärke und gleichzeitig Verletzbarkeit; für den Leser bleibt eine Ungewissheit, ein Schwebezustand bis zum Schluss.

Mont St. Victoire oder ein Salzberg?Die namenlose Heldin der jüngsten Erzählung Kali, eine Sängerin, (eine Verwandte Novas oder der Finanzfrau aus dem Bildverlust?) beendet an einem Vorwintertag ihre Konzertsaison, fährt zu ihrer Mutter, begegnet einem Mann, besucht mit ihm eine Kali-Grube (Salzbergwerk) und am Ende findet sie wie zufällig, unbeabsichtigt, das verlorene, verschollene, das einzige Kind und es endet in mit einem grossen Fest und sie entrinnt durch die Liebe dem sicher geglaubten Tod (Überwindung einer Depression? Ja, vielleicht).

Der Plot gibt naturgemäss nicht die Filigranität der Erzählung wieder. Wie so oft wird bei Handke das scheinbar Nebensächliche zur Hauptsache herbeiphantasiert, zur Hauptsache gemacht. Im Nebensächlichen ist das zu finden, was man, pathetisch ausgedrückt (ja, gelegentlich wird es auch pathetisch), die Verbundenheit mit der Welt nennen könnte; freilich einer Welt, die eine andere ist, als die uns gemeinhin umgebende.

Nichts Aktuelles soll in dieses Haus. Immer ging es mir um ganz anderes als die Aktualität. Schon zu meiner Zeit kam mir vor, als würde sie, die verfluchte Aktualität, alles andere, was nicht sie ist, auffressen. Und inzwischen: als sei das Leben außerhalb der Aktualitäten nicht mehr der Rede wert, sei mit keinem Blick mehr zu würdigen, sei kein Gegenstand, keine Sache, kein Thema mehr, dürfe nicht mehr Leben oder Das Leben heißen. [...] Das Leben, es gilt bei euch draußen nicht mehr. Ihr habt das Leben, das einzige große, für null und nichtig erklärt, von euren Tischen gewischt, mitsamt den Tischen. Wie hieß doch einmal ein Satz der Sätze, in den Evangelien oder wo, und hieß so in der Folge immer wieder?: Das Leben ist erschienen. Und jetzt: Das Leben ist verschwunden? Das Leben hat verloren? Ihr glaubt, ich erkenne euch nicht? Ihr bildet euch ein, ich sei blind für euer Treiben?

So spricht die Mutter der Sängerin. Und später, als sie dann den Ort des Kalibergwerks erreicht hat, den grossen Salzberg vor Augen, (das Ziel? Der Salzberg ist Handkes Mont St. Victoire?), lässt Handke die Pfarrerin (wieder eine Frau!) sagen:

Wenn ich für mich bin, mit den Büchern hier, auch ohne sie, ist immer alles voll Sinn, warm von Sinn, heiß, kochheiß. Aber draußen dort und ebenso drinnen dort: weg, verpufft. Allgemeiner Unsinn. Unsinn, der kann ja lustig sein und fröhlich stimmen. Aber der Unsinn dort draußen ist lau und flau. Für meine Generation gibt es nichts Höheres mehr. Und je mehr das trotzdem behauptet wird, desto mehr wird noch der letzte Rest davon vernichtet. Existiert das denn überhaupt noch, eine Generation? Eine Generation im Aufbruch? Eine Pioniergeneration? Oder meinetwegen auch eine verlorene Generation? Eine verkaufte? Eine verratene? Nichts da. Meine sogenannte Generation, und genauso die vor mir, die vielleicht noch schlimmere, die der noch nicht so recht Alten, die auch nie so recht alt sein werden, wir und die, wir richten nichts als Unheil an in den lieben Welt, und das nicht einmal durch unser Tun und Lassen, sondern durch unser bloßes Dasein. Allein durch die Art unseres Daseins, ständig voll da, ständig in der Überzahl, ist unsereiner eine Beleidigung allein schon für das Auge...

Und in dem die Figuren derart ins Reden kommen, erzählen sie sich die Allerwelt (zum letzten Mal sei dieses Wort benutzt) vom Leib. Die Reden sind Beichte und Reinigung, Selbstvergewisserung und Schwur; Kali ist mehr ein dramatisches Gedicht als eine Erzählung; ein Theaterstück – ja vielleicht die Fortschreibung von Über die Dörfer? Der Erzähler, der "Verfolger" der Sängerin, oft genug sie suchend, mehr ein Beschreiber als ein Erzähler; ein Ins-Bild-Setzer und wesenhaft einem guten (einem guten!) Radioreporter ähnlich: Sein Schildern ermöglicht die Teilhabe; beflügelt die Phantasie (auch dann, wenn das Verschüttete aus dem dunklen Salzbergwerk allzu metaphernschwer daherkommt; ein seltener Moment im ansonsten so schön luftigen Buch).

Spielte der Bildverlust noch (vordergründig?) in fiktiven Orten in der spanischen Sierra de Gredos – allerdings in einer nicht definierten Zeit -, so gibt es in Kali eine bewusste Zeit- und Ortlosigkeit. Das sonore Land (?), der Salzberg – die Verirrten, Versprengten, Flüchtlinge (welch' eine Rede auf [auf!] Flüchtlinge!) - ewig Schiffbrüchige - sie sind Überlebende des Dritten Weltkriegs und doch, wie selten bei Handke (noch nie derart?) der Trost (kein "billiger Trost", kein "Friede, Freude, Eierkuchen [Andreas Isenschmid in "Kulturzeit"]): das Sprachengewirr der Bergleute ist nicht babylonisch-verwirrend, sondern die Worte werden plötzlich so weit vom Himmel weg - im Bergstollen - sonnenklar; der ewige Friede wird vom Zeitungsjungen wenigstens als Schlagzeile gerufen (in der Zeitung steht es dann doch anders); das Wünschen hat geholfen und am Ende, in der Kirche, die Verwandlung (ein zentraler Topos von Handke), die Pastorin vor dem Volk (ohne Kanzel):

Ich habe es gewusst. Alle die Äpfel auf dem Gartentisch beim ersten Blick aus dem Fenster am Morgen, und ich bin da. Und es ist da. Ich und es sind da. Das Leben ist neu erschienen. Die Träume sind zurückgekommen: Schaut, schaut – hört, hört. Nach all dem Schrecken, dem Grauen: wie sehe ich klarer, wie höre ich besser. Unser Geschichte: aufzugeben? Ausgeträumt? Nein, ich gebe die Geschichte nicht auf. Sie weiterträumen. Ereignete sich denn nicht jener eine göttliche Augenblick in ihr, und ereignet sich der nicht immer wieder, und das ist die wahre Geschichte?

Und dann, im toten Winkel (keine Enklave oder erst recht eine?) heisst es Weg von den Dramen. Weg auch von den Liedern. Und auch genug gepredigt... und es beginnt das Erzählen – und das Buch endet.

Kali ist kein Buch, den notorischen Handke-Ablehner zu befrieden. Das hatten in den 90er Jahren einmal kurz die Versuche geschafft (insbesondere der Versuch über den geglückten Tag). Dem Handke–Adepten setzt es das Werk fort; ein Kontinuum. Die Anspielungen auf vergangene Bücher sind zahlreich und fruchtbar und werden erneuert und erweitert. Relativ neu ist die tröstliche Aussicht, die das Buch am Ende verströmt – die Verwandlungen geschehen und sind nicht nur möglich.

Viele Rezensenten überinstrumentalisieren das Buch mit dem Verweis auf die indische Göttin Kali. Wenn dem so wäre, müsste man von einem mindestens ambivalenten Bildgebrauch Handkes sprechen, denn allzu stark ist die Erlösungs- und Verwandlungsmetaphorik des Christentums in diesem Buch präsent. Handkes Hinwendung zu religiösen Bildern (nicht nur des Christentums) – stetig zu beobachten seit Mein Jahr in der Niemandsbucht 1997 – ist zwar unverkennbar, aber eine spirituell aufgeladene Sinnsuche ist von Handke weder beabsichtigt noch gewünscht.

Frohes Fest

Etwas auspacken und statt das Papier den Inhalt in den Abfall werfen

Peter Handke "Die Geschichte des Bleistifts"

"Schön - wie so vieles" - Michael Roloff zu Peter Handke (III)

…und den Tautologien der Justiz, der Sinnlosigkeit des Glaubens des Künstlers als Vorbild, der massenmedialen Bilderbeeinflussung, Deutschland als Schwamm und Handkes desillusionierenden Blick, was den Nobelpreis angeht.

Teil I - Teil II

In dem Essay "Die-Tautologien-der-Justiz (pdf, 2,428 KB)" beschreibt Handke 1969 als Prozessbeobachter das Vorgehen der (deutschen) Justiz gegen die Hausbesetzer- und Demonstrantenszene. Bereits damals spricht er überaus deutlich dem Gericht die Möglichkeit ab, ein unvoreingenommenes Urteil fällen zu können - woran das liegt, wäre eine separate Erörterung wert…

par-villagesEs ist eigentlich ziemlich klar woran das liegt. An Vor-Urteilen, die eigentlich nichts mit Gerichtsbarkeit zu tun haben. In den USA ist man, jedenfalls vor einem Gericht, unschuldig bis zum Urteil. Unter dem deutschen Justizsystem ist man, wenn arretiert, erst einmal schuldig bis zum eventuellen Freispruch. Da sind von vornherein die Akzente anders gesetzt.

Das Tautologische von dem Handke da sehr schön beobachtend spricht, hängt also eher mit Habitus, mit Mief, mit dem Obrigkeitsdenken zusammen, die tief in der Volkspsyche verankert sind. Hier ja manchmal auch, wenn man sich das berühmte Gerichtsverfahren gegen die "Chicago Sieben" nach der 68er Democratic Convention ansieht, mit dem Richter Hoffman. Richter, die dann sich eher wie verklemmte Väter/Mütterchen benehmen, und nur aus Zufall Richter sind, oder was man sich davon vorstellt, also dem "gesunde Volksempfinden" Ausdruck verleihen.


Aus dem Handke-Text zitiert:
…die Tatsachen, wenn sie später, bei den Fragen 'Recht oder Unrecht' und 'schuldig oder unschuldig', beurteilt werden sollen, [brauchen] gar nicht mehr beurteilt zu werden, weil sie schon vorher derart beschrieben wurden, dass sie die Urteile vorweg nehmen: sie sind selber schon die Urteile.

Ja, das stimmte schon zu der damaligen Zeit (60er/70er Jahre). Ob sich da was verändert hat, bin ich nicht in der Lage zu beurteilen. Man [ich] bringe diese schöne Handke Schrift in Zusammenhang mit seiner Beurteilung des Tribunals in Den Haag.

In einem der Interviews dieses Jahres hielt er der das Tribunal schon gerechtfertigt, um die verschiedenen Kriegverbrecher (serbischer, kroatischer, bosniakischer und kosovo-albanischer Provenienz) vor Gericht zu stellen, aber er fand, das Gericht sei nicht das richtige für Milosevic. Er sparte ihn da aus, da er ihn schon für vor-verurteilt hielt, und sagte, M. solle, wenn dann in Belgrad vor ein Gericht gestellt werden. (Zur der Zeit lief ja ein Verfahren in Belgrad, dass Milosevic posthum und ohne dass er sich hat persönlich verteidigen können, verurteilte. Auch das spart Handke aus.) Ich finde die Unterscheidung, die er zwischen Milosevic und den anderen Angeklagten macht (viele von ihnen inzwischen verurteilt, einige schon wieder frei gelassen) nicht überzeugend. Handke spart ihn schon seit Jahren aus, bspw. "Rund um das grosse Tribunal" [a.k.a. rund um den "heissen Brei"]. Er macht mehr oder weniger Milosevics' Untergebene für die Untaten verantwortlich – woher weiss Handke das überhaupt?


Warum kommt jemand auf die Idee, Handke als Entlastungszeuge für Milosevic zu benennen?

Er wäre nur als "Charakterzeuge" in Betracht gekommen, da er ja wohl, soweit wir wissen, nie unmittelbar in Milosevics' Taten eingebunden war.

Wir wissen sehr wenig über sein Verhältnis zu Milosevic und Familie. Zu Milosevic' Zeit wurden Handkes Stücke in Belgrad gespielt, jetzt haben sein Mitarbeiter Materic ["La Cuisine"] und andere grosse Schwierigkeiten, das da überhaupt etwas gespielt wird. Wir wissen nicht, ob sich Handke freundschaftlich zur Familie hingezogen fühlt – falls ja, warum hat er denn nicht als Zeuge ausgesagt? Das hätte wohl noch mehr Aufregung gegeben, als das Auftauchen bei der Beerdigung.


Die berühmte Frage nach dem Verhältnis von Macht und Künstler und der romantisch-/moralisierenden Einstellung speziell der Deutschen hierzu – nebst den "üblichen Verdächtigen" wie Heidegger, Céline, Hamsun oder auch Brecht und Benn…

Auf Anhieb fällt mir Nietzsches Bemerkung ein, dass nach dem Hund der Mensch Gottes zweite Missgeburt sei. Warum sollen Künstler, arme Tropfe, dem viel Schönes des Lebens versperrt, irgendwie weniger auf Macht und Mächtige dieser Welt angewiesen sein und sich weniger hundsföttisch benehmen? Aber warum muss die Masse immer auf einen Erlöser oder dann den Künstler als Erlöser warten? Schöne Worte darüber in "Über die Dörfer". Ab einem gewissen Zeitpunkt ist der Menschen-Affe doch selbständig, oder nicht?

Eine der schönen Sachen in den "Tablas" ist, wie sich Handke über seine eigene Selbstgerechtigkeit lustig macht. Das ist ja der Kern des Gottes des Alten Testaments, dieser rachsüchtige Gott, der fordert, dass die Masse der Schafe immer in die selbe Richtung gehen; ein Gott, der alles Divergente, andere, intolerant abschaffen möchte. Die Leute, die da sich über seinen Meinungsunterschied so selbstgerecht aufregen, sollten sich eigentlich erst mal in ihrem eigenen Haushalt umschauen, was da so in Ordnung oder nicht ist. Unter einer wirklichen Diktatur, wie die der Nazis - welcher Verlass wäre auf diese so gerechten, moralisierenden? Im Gros würden sie doch brav mitschwimmen. Darüber könnten wir uns noch detailliert unterhalten...

Ich glaube ein Enzensberger Essay machte mich vor Jahren darauf aufmerksam, dass in der Zeit nach der französischen Revolution; dass heisst seit Anfang der modernen Demokratien, und ihren Diktaturen, Künstler aller Art eine kritische Einstellung zu aller Macht, allen Regierungen eingenommen haben, und Lobgesänge wer immer auf wen immer, eher komisch wenn nicht ekelerregend wirkten, da die Mächtigen oft genau so oder größere Ungeheuer waren als die vorhergehenden Könige. Im 20. Jahrhundert – dem der Diktatoren wie Hitler, Stalin, Mussolini, Mao, Parteidiktaturen aller Art - bleiben allerdings auch die wenige Nichtdiktatoren kaum des Lobpreisens würdig. Aber die wahrhaftig gewählten Staatoberhäupter sind auch weniger auf Lob von Künstlern angewiesen, da sie ja wenigstens eine Zeitlang den Rückhalt des Volkes besitzen. Deswegen wohl auch der Unterschied, dass Stalin, Mao, Hitler sich Statuen während ihrer Machtzeit haben bauen lassen, während Statuen für F.D.R. oder Disraeli erst nach Amtzeit oder ihrem Tod gebaut werden. Das Kontinuum ist zu beachten.

Da der Faschismus sowohl als der Kommunismus romantische und abenteuerliche und idealistische Quellen haben, hatten sich sehr viele Künstler insbesondere dem sozialistischen Impuls verschrieben; manche nur kurz. Andere, wie Elliot, fanden sich ihre Wurzeln in der Religion. Die Geschichte überfordert die meisten.

Um auf Handke zurückzukommen und seinem Verhältnis zu Milosevic. Vielleicht kommen ja noch Lobgesänge des angeblich heroischen oder tragischen. Aber bisher war doch kaum etwas. Sonst steht Handke, trotz eigener autoritärer Anlagen, wacker in der modernen Tradition der Skepsis gegenüber allen Mächtigen; siehe "Über die Dörfer". Sein Machtgebiet heisst Sprache.


Glauben Sie, dass Handke den Versuch erkannt hat, dass einige sein Werk beginnen zu demontieren? Daher vielleicht die sehr eindeutigen Stellungnahmen in der SZ und im NZZ-Interview?

Na ja, wenn Buchläden sein Werk wegen seiner Einstellung zu Jugoslawien nicht mehr im Sortiment führen, merkt man das schon schnell. Aber mit Amazon oder ähnlichem ist der Leser nicht mehr so sehr auf das Sortiment angewiesen. Hier in Amerika sind glaube ich nur noch 6 [von ungefähr 20 verlegten] Büchern erhältlich, für die andern muss man sich an das Antiquariat wenden, wo die Preise so gestiegen sind, dass ich bereue nicht mehr von meinen eigenen Übersetzungen eingelegt zu haben.

Von all den Stücken die da, beinahe alle von mir übersetzt, im letzten Jahr hier, weltweit gespielt wurden, auf Englisch: zweimal "Selbstbezichtigung". Dem war nicht immer so. Und bei einer der Aufführungen, im Cabaret des Yale Drama School, in New Haven, Connecticut, tauchte auch so einer auf, für den Handke=Milosevics=Hitler=Teufel war. "Atrocity atrocity atrocity".

Das ist für einige viel erregender als Pornographie. Da schaltet das Gehirn ganz schnell auf Psychose und Selbstgerechtigkeit um. Und ist einer der wichtigsten, grundlegendsten Hebel der Meinungsmanipulation geworden. Mein eigenes erstes Erlebnis dieser Art war, als ich als Kind KZ Bilder in einem von der Besatzung finanzierten "broadsheets" herumguckte. Es waren Bilder von Buchenwald. Ich schaute, ob ich darin den idealisierten Großvater finden würde, der da befreit wurde. Es wäre mir nie eingefallen, als ich endlich Glück hatte als 12jähriger da weg zu kommen, ins Land der "Declaration of Independence", das irgendjemand Auschwitz jemals bezweifeln könnte, oder so etwas als Werkzeug der Propaganda und Manipulation der Meinungen gebraucht würde.

Inzwischen hat diese bildliche Manipulation ein tägliches Massengewicht erreicht, dass sich ein Gefühl der allgemeinen Ohnmacht weltweit ausgebreitet hat, und der Indifferenz, der emotionalen Überforderung, einer negativ besetzten Empathie, mit Ausnahme der kleinsten persönlichen und städtischen Bereiche. Und wenn so etwas wie die Attacke auf das WTC und den Pentagon passiert wird es von einer Regierung zur Propaganda und Manipulation benutzt; statt darauf zu reflektieren: Warum wird man angegriffen?

Der lange Umweg zur kurzen Antwort: was ich da in den Deutschen durchs Web erreichbare Feuilletons zu lesen bekam, bei dem dritten "coming" der Handke-Yugo Kontroverse, lässt darauf schließen, das wenige Leute, die sich da aufregen, jemals irgendetwas von Handke gelesen haben, und wenn, dass es den geringsten Eindruck hinterlassen hat. Das einzige, was sie wissen, ist, das Handke eben nicht wie sie Milosovics als Teufel verdammt! Sogenannte Intellektuelle sind "Prét-à-Porter" wie der Rest, nur heisst ihre Kleidung 'wohlfeile Meinung'.


Mit "Nie wieder Auschwitz" wurde ja der Angriffskrieg auf Jugoslawien/Kosovo 1999 speziell von der deutschen Politik gerechtfertigt. Eine ungeheuerliche Relativierung genau der gleichen politischen Klasse, die heute Handke als Heine-Preisträger ablehnt und ihm gar selbst Relativierung unterstellt. Wenn man sich das vergegenwärtigt, haben wir in Deutschland längst amerikanische Verhältnisse...

Ja, von hier aus sieht Deutschland oft wie der 51. Staat aus. Deutschland ein Schwamm, schon seit dem Dreissigjährigen Krieg. Oder seit der Hermannschlacht!

Deutschland – ein Schwamm? Wie meinen Sie das?

Deborah SolomonAufsaugen; ein Anpassen an das gerade sprachlich und kulturell dominierende. Französisch im 18. Jahrhundert (was sich noch in meinem aristokratisch gefärbten Vokabular niedergeschlagen hat); die ganze Lateinisierung durch Mönchsübersetzungen der Sprache, besonders auch der Syntax. Hochdeutsch: unvergleichbar anders als/mit dem schönen "Platt". Jetzt alles veramerikanisiert; versowjetisiert seinerzeit in Ostdeutschland (Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation). Lesen Sie mal Kempowskis "Haben sie Hitler gesehen?"

Abschliessend noch: Glauben Sie, dass Handke den Nobelpreis annehmen würde?

Deborah Solomon fragte Handke in ihrem New York Times Magazine Interview, ob er glaube den Nobelpreis jetzt noch zu bekommen. Handke antwortete - diesen Interviews ist allerdings nicht zu trauen, da sie zusammengebastelt werden! - dass er sich diesen Preis jedenfalls zu einer Zeit gewünscht hätte, aber dass das wegen seiner Jugoslawien-Sache vorbei sei. Als Mitglied beider Amerikanischen P.E.N. Clubs wähle ich jährlich auf beiden schon für Handke seit ungefähr 30 Jahren. Nicht der Person, sondern des Werkes wegen, verdient er ihn wie kein anderer. Was er und sein vom Autismus begnadetes Wesen der Sprache, der Schrift, der Literatur ermöglicht haben. Ich erinnere mich als die Jelinek diesen Preis vor ein paar Jahren bekam, musste er sich gleich mal hinsetzen! For sure! Und die Jelinek war aber so groß zu sagen, dass unter Österreichern wenigstens sowas dem Handke gehörte. War der/die erste überhaupt unter all den grossen österreichischen Schriftstellern, dem dieser Preis zugesprochen wurde. Und die Aufregung hier schon wegen der Jelinek. Besonders unter den Neo-Cons! Was sich hier an Faschismus angestaut hat...
Michael Roloffs Webseite
Die Hauptseite seiner Textsammlung über Peter Handke

"Schön - wie so vieles" - Michael Roloff zu Peter Handke (II)

…und der Handke-Rezeption in Deutschland und den USA, Sezessionen und Freiheitskämpfen, Karl-Heinz Bohrer und der Aussenpolitik der Vereinigten Staaten.

fortgesetzt von hier

Peter Handke als Kind  - links -Es gab in den deutschen Feuilletons 1996 kaum Befürworter für Handkes Position; fast nur Häme. Andreas Kilb in der ZEIT damals war recht ausgewogen. Martin Walser hat, glaube ich, auch was positives dazu gesagt. Einige schwiegen. Wilfried F. Schoeller, damals beim Hessischen Rundfunk, sass während der Frankfurter Lesung nur unweit von mir und war sichtlich auf Handkes Seite. Eine Sendung, die Handkes Position mal ausgewogen darstellte, gab es nicht. Wäre die "Winterliche Reise" ohne diese frontale Medienkritik gewesen, sondern ein purer Reisebericht – man wäre nicht so über ihn hergefallen.

Es war, glaube ich, nicht nur die Medienkritik. Das Buch beginnt ja genauso gut begründet wie das "Abschied des Träumers vom Neunten Land". Handke gibt Rechenschaft ab für seine Position - also man kann ganz vernünftig mit ihm übereinstimmen, oder eben nicht. Ja, dann kommt die Provokation über die Medien, aber soweit ich mich jetzt erinnere, stürzten sich diese Leute doch auf ihn, weil er etwas anderes berichtete, nicht was sie in ihren Verteufelungen bestätigte. "Andersgelbe Nudelnester" war das auslösende Wort worauf sich die Biester stürzten. Kommt mir vor wie bei einer Hexenjagd.

Ja, die "Nudelnester" hatten es allen angetan: Winkels, Lau, dem Herrn Scobel in der "Kulturzeit"... Und dann der "Sommerliche Nachtrag". Die Frage ist, ob Handke einfach auf der "Welle" weiterreiten wollte und aus Trotz weitergeschrieben hat – oder ob sein Engagement "echt" ist.

Nein, das ist vollkommen authentisch! So ist der Kerl. Nach der ersten Reise musste er meines Erachtens wegen Srebrenica unbedingt so einen nachträglichen Bericht erstellen. Und dann auch zum Kosovo Krieg 1999; natürlich musste er hin. Auf die Berichterstattung ist ja wirklich kein Verlass. Man bekommt wenigstens eigene Eindrücke, wenn auch vielleicht einseitige.

Und so ziemlich mit derselben abenteuerlichen Truppe; einer von denen taucht ja zum ersten mal in der Kneipe außerhalb Salzburg im "Nachmittag eines Schriftstellers" auf. Was aber ungünstig ist, weil er auch die guten Berichterstatter, wie Michael Danner oder Chris Hedges, von der NY Times reserviert betrachtet.

Er hat in vielen Sachen recht, aber etwas in ihm sträubt sich natürlich, dass so etwas überhaupt hat passieren können, das Serben-Jugoslawen [es ist nicht immer klar inwiefern er da Unterschiede sieht] so etwas haben tun können. Handke ist ein wirklich tief liebender und hilfreicher Mensch. Trotzdem, wenn man auch seine unangenehmen Seiten erlebt hat, kann er als das Gegenteil erscheinen, als 'Ekel-Peter'. Leider verträgt er als Verhöhner das Verhöhntwerden überhaupt nicht. Er ist mir nicht verspielt genug, oder nicht mehr, wird zu leicht humorlos. Vieles von den vielen Preisgeldern ist dann sofort weitergeleitet worden (und nicht nur als öffentliche Geste), auch jetzt der "Berliner Heine Preis" – eine Gaudi-Idee vom Peymann.

Ob er zum Begräbnis von Milosevic fahren musste? Inzwischen bin ich auf sechs verschiedene Gründe gestoßen, die er angegeben hat für diese Fahrt. Dass das ein ganz großer Eklat geben würde, dass zu sagen "mit Milosevic" und da photographiert zu werden... Naja, eine Tortur ist es wohl dann erst nachher geworden.

Da gibt's ein "cochon" in Frankreich, der ein so großes Stück wie "Die Kunst des Fragens" einfach absetzte, der Bozonnet, jetzt, am 26. Juli, abgesägt. Er hat das Stück wahrscheinlich überhaupt nicht gelesen, Bruno Bayen vertraut, und dann ganz plötzlich geht ihm da ein Licht auf, dass der Handke kontrovers ist.
[Gemeint ist die Absetzung des Stückes "Das Spiel vom Fragen oder die Reise zum sonoren Land" vom Spielplan der Comédie Française 2007 – siehe hier und hier. Das Stück wird auch "Die Kunst des Fragens…" genannt.]

Ich hatte sehr früh den Eindruck, dass Handke eine Art Röntgenblick für Charaktere hatte. Hätte ich ihn zu der Zeit besser gekannt, hätte ich jemanden nicht so auf meine berühmte nonchalante überoptimistische Schulter genommen. Vielleicht bin ich aber auch ein ziemlicher Aussenseiter, ein störrischer Mensch, deswegen gebe ich Handke in dem Fall von M. den was auf amerikanisch "benefit of the doubt" heisst. Vielleicht ist Milosevic wirklich ein tragischer Fall. Jedenfalls vertraue ich Handke mehr als jemand wie Roger Cohen von der NY Times. Der Holbrooke fand Milosevic auch noch den besten der drei grossen Wichte, die die drei Regionen regierte.

Karl-Heinz Bohrer sagte neulich, Handkes Jugoslawien-Bücher könnten in keinem Fall von seinem übrigen Werk separat betrachtet werden – also hier die "guten Bücher" und dort die "bösen". Was ist Ihre Meinung dazu?

Ich kenne Herrn Bohrer von London her. Ich habe vor langer Zeit mal einen Abend mit ihm und anderen Leuten verbracht. Fand was er schrieb immer halbwegs interessant. Aber diese Fragestellung schon, überhaupt, vielleicht nicht seine, aber er lässt sich ja darauf ein, als ob diese Jugoslawien Texte etwas so kriminelles, aussätziges, indiskutables seien, und er und die ganze Welt wissen das, und darüber besteht also ein Konsens, treibt mich schon sofort auf die Palme. Was kann da überhaupt dabei herauskommen? Eine Unterhaltung dritter Garnitur, für das allerlangweiligste aller Seminare. Etwas für Leichensammler.

'Intertextualität' ist noch so was langweiliges für eine Branche, deren Zweig sich selbst am Baum der Literatur absägt, fällt mir dabei ein. Bohrer schrieb auch vor einiger Zeit, dass Handke irgendwie nicht vollkommen der "Moderne" angehörte: noch so was für diskutierende Leichen.

Ja, warum soll man die denn auch aussortieren, separieren - es sind doch sehr schöne Bücher. Die Reisebericht-Eindrücke, eben dann vielleicht ein wenig unüberlegt und rasch niedergeschrieben. Man sollte aus ihnen herausschöpfen, was da zu schöpfen ist: die miserable Iris Radisch hat "Unter Tränen fragend" damals in der "Zeit"...das war gar keine Rezension, so jemanden würde ich als Verleger, der ich einmal war, nicht einmal als Leserin, was nicht das selbe als Lektor ist, anstellen. Auch wenn sie Handkes Belletristik, wie diesen "Spätversuch" "Don Juan" dann positiv bewertet - wer ist das, der so jemand überhaupt anstellt? Zum Vergleich: am Herrn Greiner, auch von "Zeit", habe ich nichts auszusetzen...

Was würde eigentlich geschehen wenn sich der Konsens, trotz allem, als falsch, dumm und faul informiert erweisen würde? Wie viele dieser Menschen würden es zugeben, dass sie falsch geurteilt haben, und sich dann entschuldigen? Kaum jemand glaube ich.


Ist Handkes Engagement für Serbien auch eines wider den Kapitalismus? Ich denke beispielsweise an seine Beschreibung, wie auf dem Markt Benzin bis zum letzten Tropfen umgefüllt wird, da es so knapp ist – wegen des Embargos.

Handkes Impuls ist des eines Sozialisten, und zwar "dörfischer" Art, also intim. Er scheint mir einer der wenigen der "up by your own bootstraps" Leute ("self-made man"), der seine Herkunft aus der Armut nicht vergessen haben, und zwar eine was Ernst Bloch das "bäuerische Tao" nennt - also eine gewisse Kargheit in allem, inklusive Sexus - als inneres Mass. Oder als Mass, welches ihm Halt gibt, und zu dem er wiederkehren kann; es herrscht bei ihm noch im gewissen Sinn Nachkriegszeit. Deswegen das Übelwerden, die Nausea bei den fetten Österreichern, dem ganzen amerikanischen Fettvolk hier, das glücklicherweise früh an Diabetes sterben wird.

Diese, seine Wesensart, führt natürlich dann zu inneren und äusseren Konflikten, wie dem, in besten Hotels zu wohnen, die Kreditkarte zücken, und so. Ansonsten auch könnte man auf den Gedanken kommen, dass er eher aristokratischer Herkunft sei mit seinem Hass des Handels: ja schön zerlegt im "Bodensee", auch in den "Unvernünftigen", über sich selbst lustig gemacht als mit-Geld-vollgestopften -Taschen-Erfolgsmensch in den "Dörfern" und im "Gredos"-Buch ("Der Bildverlust") in dem "Novo Bazaar" Teil bis zur Todlangweiligkeit gegeisselt. Geiz aber auf keinen Fall.

Wie gesagt: Konflikt zwischen einem besseren Lebensstandard und der Herkunft; auch mit dem autoritären, der eo ipso Kern des "Autor-seins" ist. Der dann weiss, dass er einiges viel besser kann als alle andere, was ihn dann manchmal dazu verleitet sich für Kafka oder Goethe zu halten als ob es nicht genügt, die "Briefmarke Handke" zu sein!

Worüber er wahrscheinlich, hoffentlich, auch manchmal lacht über die Lächerlichkeit solchen Vergleichsmanie. Und das Minderwertigkeitgefühl sowie sein Gegenteil, die defensive Arroganz, überwindet. Was er da in "Unter Tränen fragend" beobachtet hat, dieses Zurückgeworfensein auf den einfachen Tauschhandel, ist die Grundlage des Marxismus, und deswegen verwunderte mich als er in einem Interview neulich sagte, er befürworte diesen vollkommenen Überhandnehmen des Kapitals im Nachkriegs-Belgrad, außer dass er sich seinen Spass macht mit dem Interviewer, um zu erkunden ob dieser sich so bei Handke eigentlich auskennt, er führt ja viele Interviewer an der Nase herum, spielt Katz und Maus mit ihnen.


Es gibt den unausrottbaren Gedanken, in "Die-Tablas-von-Daimiel (pdf, 8,192 KB)" sei dokumentiert, dass Handke Milosevic' Faszination erlegen sei und nur um Haaresbreite widerstanden habe, sich als Entlastungszeuge zur Verfügung zu stellen. Ich lese das keineswegs heraus. Wie kommt dieser Schluss zustande?

Die "Tablas" sind am Schreibtisch erdacht. Ich glaube, er hat sich überlegt, wie er die Leute davon überzeugen kann, dass ein so verruchter Mann wie Milosevic eine tragische Figur ist. Wie kann ich sie von meiner Intuition überzeugen das dem so ist. Ein Zeuge muss etwas bezeugen können, was man hier so "Character Witness" nennt, dafür taugte Handke, da er ja nicht aktiv an irgendwelchen (angeblich) kriminellen Akte und Aktivitäten von M. dabei war, ihn aber für den Vertreter, Bewahrer der Idee eines Vereinigten Jugoslawien hält. Wie weit darf ein Bewahrer gehen?

Abraham Lincoln als Verteidiger der Vereinigten Staaten ist auch sehr, sehr weit gegangen. Hätte die Union verloren, wäre er dafür vor Gericht gestellt worden. Die Lage auf dem Balkan war/ist weit komplizierter als sie 1860 in den Vereinigten Staaten war.

Handke sagte ja in dem Interview mit den Kroaten im "Globus" wieder, dass er als Zeuge auftreten sollte – als hätte er die "Tablas" vergessen. Also der Impuls, diese Art Stolz besteht dann immer noch; seltsam.


Muss Handke nicht annehmen, dass die kroatischen Leser von "Globus" die "Tablas" gar nicht haben lesen können (mangels Übersetzung beispielsweise; ist ja nur in "Literaturen" erschienen)?

Was Handke annimmt wissen wir nicht. Aber er ist stolz darauf; das gibt er doch an. Wir haben ja auch nicht die geringste Idee, wie das Interview geschnitten worden ist.

Kann die brachiale Ablehnung von Handkes Argumentation auch damit zusammenhängen, dass Sezessionsbewegungen seit der Zeit der Kolonialkämpfe fast immer als "Freiheitskämpfe", also positiv, gesehen wurden? Ich kenne keine Sezession, die nicht wenigstens zeitweise intellektuelle Unterstützung bekam. Selbst die Basken hatten ihre Freunde und seit Anfang der 90er Jahre sogar die Tschetschenen, obwohl dort ein Idiot wie Dudajew der Führer der Sezessionsbewegung war.

Ja, die anti-kolonialen Freiheitsbewegungen, Nachfolge des Zerfalls, der Selbstzerstörung der Europäischen Kolonialherrschaft, haben dann in ihre Nachfolgeimpulse zu unzähligen kleineren Freiheits-/Unabhängigkeitsbewegungen gefunden, die aber alle schon im 19. Jahrhundert ihren Keim hatten.

Es ist ja die Tragödie der Vereinigten Staaten nach dem Tode Roosevelts, nicht unterscheiden zu können zwischen antikolonialen Freiheitsbewegungen und Bewegungen, die unter die Knute des Komintern fielen; ein ideologisch, paranoides Fehlurteil des amerikanischen Kapitals welches zu dem Zerfall dieses Imperiums führen wird...


Die USA hat doch im Kalten Krieg die Stellvertreterkriege gegen die UdSSR geführt; die "westlichen Befreiungsorganisationen" unterstützt - und die von den Russen unterstützten bekämpft...

Die USA hat jede der nationalen Freiheitsbewegungen, bis auf wenige - Castro ganz am Anfang - unterdrückt und sich mit tyrannischen Diktatoren eingelassen, oder sie installiert. In Mittelamerika ja schon seit dem 19. Jahrhundert. Also, ich fall' nicht mehr auf dies Demokratiegefasel herein. Die Reihe der undemokratischen, tyrannischen Akte um direkten Einfluss, Kontrolle zu behalten oder wieder zu gewinnen: Mossadegh abgesägt in 1953, Schah installiert, mit unangenehmen Folgen, die jetzt noch den Nahen Osten beeinflussen; ich kann dieses Gequassel über die "Moderne", die der Islam verpasst hat schon nicht mehr lesen, als ob sich die französische, britische oder amerikanische oder russische "Moderne" in der Gegend ausser in ihrer Bewaffnung noch irgendwie anders "modern" gezeigt hätte…

Es wurde den Franzosen gestattet, ihre Kolonialherrschaft in Indochina wieder herzustellen, nachdem die Vietnamesen den Amerikanern doch beigestanden hatten in ihrem Krieg gegen die Japaner und ungeheuer unter der japanischen Besetzung gelitten haben [auch wieder so eine Million Tote]. Meiner Erfahrung und meines Erachtens ist niemand vertrauensunwürdiger als der "Yankee Trader"; die drei Dulles Brüder: Alan von der CIA, John Foster, der Aussenminister, und der dritte ein episkopalischer Bischof!

Die afghanische Regierung destabilisiert Carter/Brezinsky (1976) und dann die Mudschaheddin aus der ganzen Welt importiert, damit sie die Russen bekämpfen, mit Stinger Missiles ausgestattet. Die Überbleibsel, die man dann in 2003 zurückzukaufen suchte. Der Kongo, Angola - absolut brutale Machpolitik; natürlich scheinheilig wie sonst was.

Tito oder Ceausescu waren ja auch "Schweinehunde, aber unsere"; zwar kommunistische, aber eben mit Tanks deren Rohre gegen Osten zielten. Kostete so um 100 Millionen per Jahr, und war nach dem Ende des Kalten Krieges scheinbar nicht mehr notwendig. Der Amerikanische Aussenminister, Baker, fand, dass "wir da keinen Hund hätten" um den schönen Texas Ausdruck "we don't have a dog there" mal zu übersetzen, und ich war lang genug in West Texas um zu wissen, wie viel mehr die Männer dort ihre Jagdhunde als ihre Frauen lieben....


Im Falle Jugoslawiens hat das bürgerliche Lager (insbesondere in Deutschland) einen "linken Reflex" antizipieren wollen – nur, dass die Linken, die es Anfang/Mitte der 90er Jahre kaum noch wirkungsmächtig gab, gegen die Zerschlagung Jugoslawiens war.

Ja, der jugoslawische Kommunismus schien ein möglicheres, menschlicheres Modell als das der sowjetischen Parteidiktatur. Man musste sich schon ziemlich heftig gegen Tito und die Parteikorruption stellen, um im Gefängnis zu landen.

Handke hat vielleicht recht, nicht gerade originell oder genial, als er sagte: wenn das ökonomisch funktioniert hätte, wäre es vielleicht auch nicht nach "Stämmen" entlang geplatzt. Inwiefern die Anerkennung Deutschlands der kroatischen Tudjman-Ustascha-Nachfolgerregierung und der Slowenischen als Förderung der Sezession verantwortlich ist, bin ich nicht in der Lage zu beurteilen. Da muss man, glaube ich, ziemlich genau die verschiedenen Situationen untersuchen, was da dem Zufall, der Tradition, den Mächteverhältnissen und dem ökonomischen, parteilichen, religiösen und rein persönlichen zuzuschreiben ist.

Handke jedenfalls hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie eine politisch motivierte Wut geliefert. So was weckt in mir, insofern ich eine analytische Stellung dazu einnehme, den Wunsch zu verstehen warum dem so ist. Alle die, inklusive Handke, die solche Wutanfälle als kindisch verurteilen, also mit moralischem Ekelgefühl, verpassen das wichtige an ihnen.


In den "Tablas" steht, dass er nicht als Zeuge auftreten möchte. Den einzigen Grund, den er direkt nennt ist die "Illegitimität oder Willkürlichkeit des Tribunals", im Kern also: er glaubt, das Gericht kann nicht mehr anders, als Milosevic verurteilen, was bedarf es da eines Zeugen? Und was soll er bezeugen? (Diese Frage stellt er nur sehr indirekt.) Dem Vorwurf, er "kneife" begegnet er ja offensiv, etwa nach dem Motto 'Ich gelte doch eh' schon als Freund eines Massenmörders – da kann es nicht mehr schlimmer in der öffentlichen Meinung kommen...'

Handke zollt Milosevic eine Art Respekt. Vielleicht vergleichbar mit dem Respekt, den er zu seinem slowenischen Grossvater Sivec hatte, der ja schon 1921 sich für ein vereinigtes Jugoslawien einstand. Jedenfalls ist diese Ehrfurcht eigentlich eine neue Note in seinem öffentlichen Gesang. In dem Werk, beispielsweise in "Über die Dörfer", findet man schon Anzeichen davon. Er gehört ja übrigens auch inzwischen der orthodoxen Kirche an.

Ich werde mir die "Tablas" noch mal anschauen. Aber ich habe auch den Eindruck, dass es Handke mulmig geworden ist bei der Vorstellung da lange Zeit gegrillt zu werden, und vielleicht wäre das auch der Provokation zu viel. Ich glaube, es steht in einem der veröffentlichten Tagebücher, dass er nicht glaube sich, auch wenn er unschuldig sei, gut vor Gericht verteidigen zu können.

Aber nachdem er sich drei Stunden mit M., vielleicht auch mehr und, da er es irgendwo einmal angibt, vielleicht auch einmal zusammen mit Harold Pinter, im Gefängnis unterhalten hat - er war beeindruckt, aber das war glaube ich nicht das erste Mal, denn es schienen da ja familiäre Bekanntschaften von früher aus Belgrad zu bestehen, jedenfalls deutet Handke an, dass er zum Begräbnis auch aus diesem Grund gefahren sei.

Die Grade seiner Haltungen zu M. wechseln ja gelegentlich von Interview zu Interview - je nach dem, mit wem er da spricht, wer ihn da anruft. Wenn Herr Greiner von der "Zeit" kommt, oder die Leute von der NZZ ist da mehr Verlass. Als Hausherr in Chaville, scheint es mir, ist Handke manchmal herrisch, manchmal sehr verspielt, manchmal passiv-aggressiv. Wenn er ein Interview mit einem Freund, Thomas Deichmann von Novo macht, wie zur Zeit des Kosovo Krieges, sind sie grossartig und sehr ergiebig.


...wird hier fortgesetzt...
Mehr von und über Michael Roloff:
Seine Webseite
Die Hauptseite seiner Textsammlung über Peter Handke

"Schön - wie so vieles" - Michael Roloff zu Peter Handke (I)

Michael RoloffMichael Roloff, 1937 geboren, ehemaliger Handke-Übersetzer, jetziger Handke-Leser, lebt heute in Seattle. Seine Stellungnahmen zu Handke, seinem Werk, den Ansichten zu Handkes Jugoslawien-Engagement - gelegentlich sperrig, sehr pointiert, und oft lehrreich.

Begleitschreiben: In Peter Handkes Stück "Zurüstungen für die Unsterblichkeit" lässt er den neuen König Pablo sagen:

"Für mich und meine Leute hier Gesetze schaffen, wie es sie noch nie gegeben hat, wie sie ohne Zwang sofort einleuchten, und wie sie auch für überall und alle gelten können – auch für mich selber! Die Enklavenweltverlassenheit darf nicht mehr unser Stammplatz sein. Warum nicht an die Macht kommen? Lust haben auf die Macht, entsprechend der Lust, die der Vorfrühling macht. Eine ganz neuartige, in der Geschichte bisher unbekannte, und dann selbstverständliche Macht ausüben – etwas wie ein Freundschaftsspiel, welches zugleich doch zählt. Die Macht lieben auf eine Weise, wie in der Geschichte noch keiner je seine Macht geliebt hat, so dass dieses Wort weltweit eine andere Bedeutung bekäme..."

Diese Worte, von Gert Voss seinerzeit im Burgtheater gehört, entwickeln Novas Monolog in "Über die Dörfer" weiter. Ist Handke ein politischer Utopist (im durchaus positiven Sinn)?


Michael Roloff: Ein bisschen schon, sonst nicht all dieses Pathos. Und das schon zur Zeit des "Langsame Heimkehr"-Zyklus ("Langsame Heimkehr" – "Kindergeschichte" - "Die Lehre der St. Victoire" - "Über die Dörfer"), speziell in Novas hölderlinähnlicher Hymne bei der man, als Übersetzer, am Ende dann nach Luft schnappte! Intrapsychisch gesehen ist das ein Wissen um die Unmöglichkeit der Erreichbarkeit des Ideals.

Auch viel Expressionistisches dort, und später "der neue Mensch ja was ist aus ihm geworden, man hört nicht mehr viel davon" in der "Niemandsbucht". Deswegen auch wohl das Festhalten an der Idee vom vereinigten Stammesvolk der Südslawen, die eine Geschichte und eine Sprache gemeinsam haben; die Idee, dass daraus noch etwas hätte werden können. Denn in Fukuyamas neokonservativer Welt beispielsweise ist alles Utopische abgeschafft.

In der NY Times vom 26. Juli 2006 dann ein Artikel von ihrem jetzigen Deutschland Korrespondenten Bernstein. Slovenia Strides Westward and Does Not Look Back

Peter HandkeDiese Ansichten werden Handke wahrscheinlich nicht sehr glücklich machen. Schönes Buch das "Ende des Träumers vom Neunten Land", aber ich sehe nicht ein, was an den neuen Verhältnissen ihn davon abhält weiter da in der Gegend herumzuwandern und in den Dolinen zu übernachten.

All dieses macht einen störrischen Eindruck - was er in einigen in diesem neuen Schwall von Interviews über Slowenien sagte, dass es rein ökonomische Gründe seien - Peter Handke als Bill Clinton: "It's the economy, stupid."

Der Vorschlag einer leichten, spielerischen Machtausübung kommt wohl aus einer Bühnensicht. Deswegen wohl immer die Liebe Handkes zu Schauspielerinnen, die die Illusion leicht zu sein vorspielen, bevor man dann bemerkt dass dem nicht so ist.


Der Ausgang des Stückes bleibt übrigens unklar. Die "Raumverdrängungsrotte" steht bereit. Am Ende ist sie still, aber Peymanns Inszenierung (von 1997) legte nahe, dass sie die "Macht" übernimmt.

Ja das stimmt, siehe George Bush und die Neo-Cons. Die neo-liberale Art und Weise die ganze Welt zu kontrollieren... Monopolisten. Eher "Go" als Schachspiel... schon all die fetten Leute... eine Analogie, die ich eigentlich nicht forcieren möchte, eher etwas schön künstliches, dass nur auf der Bühnenwelt existiert.

Ein schönes Wort, "Raumverdrängungsrotte", oder? Was assoziieren Sie damit?

Ja, wahrlich schön. Wie so vieles. Aus der Truppe, die zum ersten Mal in dem Märchen/Film "Die Abwesenheit" auftaucht, sich zusammenfindet in "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten", zum sich immer-weiter-entfernenden Horizont in "Die Kunst des Fragens" pilgert. Und dann auch Rotte werden kann.

"Zurüstungen für die Unsterblichkeit" hat einen großartigen Anfang, ganz stark, zerfällt aber schnell danach, ein irgendwie formalistischer Leerlauf, da wo diese Nova-ähnliche Figur auftritt, hab das Stück noch nicht genau genug abgeklopft um zu sehen warum dem so ist, oder ob Handke da die Puste in dieser Phase ausgeht, das Gesetz des Formalismus ist ein hartes Gesetz. Sein "Bruderzwist in Habsburg" ist das.

"Die Fahrt im Einbaum: oder das Spiel zum Film über den Krieg" gehört im gewissen Sinn dieser Phase noch an. Es hat das epische all dieser Stücke, angefangen mit "Über die Dörfer", ist ja der wirkliche Nachfolger Brechts, auch in der Art und Weise wie er verfremdet, aber auf ganz andere Art, dadurch, dass er artifizieller ist. Ich halte ja sein Bühnenwerk im allgemeinen für viel moderner als die Prosa...

Jetzt - wie ich zur Zeit des "Wilder Mann"-U-Bahn-Stücks ("Untertagblues") schon erwartete – beginnt er an anderem zu arbeiten: jedes Paar besteht eigentlich aus einem Dreieck soll das Thema des neuesten Stücks sein. Das stimmt schon. Jeder Sohn oder Tochter wird dem anderen Dreieck in der ödipalen Konstellation gestohlen - oder auch einem Nebenbuhler. Deswegen all die komplizierten Regeln um Ehen in Stand zu halten, und so, damit sich nicht alles während der Fortpflanzung umbringt, damit es erst überhaupt erst zu all diesen kleinen Ödipustragödien kommt.

Meine erste Assoziation ist mit Handkes Hass der sich "breitmachenden", deren einer er ja selbst, aber manchmal mit dem schönem Hamlet-Zweifel, ist. Aber er hilft dann denen, die nicht in derselben Liga sind. Siehe Petrarca Preis, durch Freundschaft mit Burda arrangiert, und die Leute die diesen Preis (der jetzt Hermann Lenz Preis heisst) bekommen, sind oft Handkes Freunde. Auch ein Zeichen des Machtausübens: Preise verteilen können.

In einem, vielleicht nur in diesem Urteil stimmen Thomas Mann, den Handke einmal "einen sehr schlechten Schriftsteller" nannte, überein: in ihrer Liebe des Werks von Hermann Lenz. Manns Urteil natürlich viel früher. In den 50er Jahren las ich zuerst Lenz, durch Mann darauf aufmerksam gemacht; von Handke vor dem Verschwinden in den 70ern gerettet.

Die Idee - des Breitmachens - ist extrapoliert aus dieser seiner Erfahrung, und natürlich Beobachtungen von Mächtigen, zuerst des Siegfried Unseld, der doch in den 60er und 70er Jahren alle anderen deutschsprachigen belletristisch/wissenschaftlichen Verlage übernehmen wollte, und der, samt Handkes eigenem, großangelegten streberischem Selbst, Modell stand für den interessanten 'up by my own bootstraps' ("Self-made man") Quitt in "Die Unvernünftigen sterben aus."

Zu der Zeit hatte Handke wohl kaum andere Bekanntschaft mit Wirtschaftsmännern gehabt. Er wohnte in normalen Vierteln, außerhalb von Düsseldorf oder Köln oder wo immer, vielleicht war es auch außerhalb von Frankfurt oder Kronberg, wo er in einem Bungalow wohnte, als er "Wunschloses Unglück" schrieb. Als großer Zeitungsleser und auch Verfolger all der Diskussionen unter den "neuen Linken". Das ist ja auch alles in den "Unvernünftigen" zu finden, diese marxistischen und schon damals "grünen" Argumente.

Bemerkenswert, wie das bei genieartigen Künstlern immer der Fall ist: wie schnell sie lernen. Das Alaska-Erlebnis in "Langsamer Heimkehr" beruht auf zwei oder drei kurzen Besuchen, und dann hatte er es "intus" wie man so schön zu einer Zeit sagte. Und dann eben das Erlebnis schriftlich festhalten können!


"Grün" im Sinne der damaligen politisch entstehenden Subkultur war Handke doch nie...

Nein. Im " Chinese des Schmerzes" reisst der Loser nicht nur politische Plakate ab, sondern auch die Bezeichnungen der Bäume. Als ich zum letzten Mal in Deutschland war, 1991, und den ersten Schulweg in Dorf Schoenebeck (das liegt nördlich von Bremen) wahrscheinlich zum letzten Mal abpilgerte bekam ich das Gefühl, dass ich, wenn ich einen Grashalm oder Blatt irgendwo abgerissen hätten, sofort ein grüner Polizist hinter dem Busch oder einem Maulwurfloch auftauchen würde um mich zu arretieren, so viele Schilder standen da auf den sonst verblüffend unveränderten Wiesen und Feld- und Wald- und Kurzwegen zur damaligen Dorfschule. Handke macht sich lustig über die "Grünen" und sie haben es ja ihm heimgezahlt im Düsseldorfer Stadtrat bei der Verweigerung der Auszahlung des Preisgeldes. Der Polizist im Gehirn der Deutschen - das wirklich unausrottbare. Es taucht immer irgendwie und irgendwo auf.

Glauben Sie, dass Handke den Sturm der Entrüstung anlässlich seiner "Winterlichen Reise" 1996 in der SZ unterschätzt hat?

Sicherlich hat er ihn unterschätzt, so weit ich es aus Amerika trotz einigermassen gutem "Fernrohr" beurteilen kann. Ich glaube, sein Erstaunen war vollkommen authentisch. Er ist ja auch über seine eigenen Schimpfereien manchmal vollkommen erstaunt; was da angeblich aus dem "nicht mein Selbst" ziemlich psychotisch verwundet wütend und sehr verletzt verletzend herausschreit.

Deswegen wohl diese Reise von Stadt zu Stadt und Vorlesen aus dem Buch, und aber auch nicht andere zu Worte kommen lassen, Wutanfall sowie jemand nicht seiner Meinung war...


Handke war in Frankfurt, als er las, sehr ruhig; bat sogar um das Wort für den Vertreter der Menschenrechtsorganisation – der ihn dann wüst beschimpfte...von Aggression auf seiner Seite keine Spur...

Ja in anderen Städten war sein Selbst dann scheinbar nicht ruhig, auch nicht in Madrid bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion, als er handgreiflich werden wollte als sein Gegenüber anderer Meinung war. Also: ich kann mir auch eigentlich keine "Habermassche" Diskussion – also das die besseren Argumente dann "siegen" - in solch' einem Fall wie diesem vorstellen. Unter Historikern oder Wissenschaftlern vielleicht, aber nicht während der Hitze des Gefechts. Auch so eine Ungleichzeitigkeit. Der Temperamente.

Das ist eigentlich das einzige was mich - in diesem Fall als Analytiker - an dem ganzen Skandal interessiert, warum dem so ist. Warum er so vollkommen überreizt ist, dass die Granate nur eine Sekunde von der Explosion entfernt ist - und Handke wird "handgreiflich" und erwürgt sein Gegenüber, so wie Monteur und Torwart Bloch die Frau im "Tormann".

Was ist das schon, "Winterliche Reise"? Ein bisschen Medienschimpferei und er hatte ja vollkommen Recht mit der Feststellung der Serbenhetze in Frankreich und Deutschland und auch hier in Amerika, angeleitet von der Susan Sontag, die scheinbar in Sarajevo bei den Beschießungen während der Inszenierung von Becketts "Endspiel" dabei war - und einige metaphorische Splitter ins Auge bekam. Und dann hier im Land "wie ich mich unter Beschuss von Hauseingang zu Hauseingang rettete" spielte. Also nicht seriös.

Von Hanoi Jane bis Sarajevo Susan, die ich sonst für vieles sehr schätze, einst verehrte, da ich mehr als eine Schwäche habe für hochintelligente, schöne, und etwas burschikose Frauen - das war so etwas ganz naiv amerikanisches, aufgeregt von ihrem eigenen Guten Willen, nur für die Medien hier dargestellt; was ich in Anlehnung an ein frühes Handke Stück ihr "Quodlibet" herumstolzieren nenne, das jetzt auch von den Star Schriftstellern, Sontag, Rushdie, und natürlich auch unser Sonnenverdränger, Peter - der aber wirklich was kann und los hat - ausgeübt wird.

Dass Handke vollkommen gegen den Strom schwamm, war ihm sicherlich bewusst, tut er ja auf Anhieb, in beinahe allem. Das steht auch so in der "Winterlichen Reise", und so wie ich ihn kenne bzw. kannte, kümmerte ihn das nicht allzu sehr, machte sich einen Jux daraus, was mir eigentlich imponiert, da er ja eigentlich als ein Angstmensch geboren wurde. Vielleicht ist das so ähnlich wie bei Che Guevera, der sich durch sein Asthma durchkämpfte um dann in unmöglichen Gegenden Guerillero zu werden; von absoluter Angst zum Mut.

Dass die Leute dann so böse auf Handke waren, hängt in diesem Fall auch mit anderen Sachen zusammen, außer Neid. Er hatte inzwischen viele Leute verwundet: 'Payback Time' heisst das auf amerikanisch.

Dieses gegen den Strom schwimmen - die Liebe seiner Idee von einer weiter bestehenden jugoslawischen Föderation, auf die trifft man jetzt in der Verteidigung von Milosevics', wo es wohl ein wenig heikler wird. Er schlug aber eben nicht in dieselbe Kerbe, auch nicht sprachlich. Er hat einfach auf andere Sachen geachtet, sie für sich gedeutet. Wie er es ja schon immer getan hat, weil er mehr, tiefer und anders sieht als die Allgemeinheit. Deswegen die Veränderung der Literatur auf die Botho Strauss hinweist - sie stammt aus Handkes Wesen.

Das hängt bestimmt mit seinen auch vorhandenen autistischen Zügen zusammen. Er schrieb metaphorisch, während von ihm Plattitüden erwartet wurden. Was mich an dem ganzen Schlamassel weiter interessiert ist, wie dieser Konsens unter den "bien pensant" eigentlich gestiftet worden ist. Darüber werde ich mir noch ein paar Gedanken machen. Ich habe das "erste" und auch das zweite "coming" dieser Kontroverse verfolgt, hatte mir eigentlich eine dritte nicht gewünscht, aber mit dem Tod von Milosevics dann befürchtet. Ich weiß ziemlich genau, wie hierzulande der literarische Konsens hergestellt wurde, und wie viel weniger man an diesem Konsens rütteln kann als in Deutschland.


Wie meinen Sie das?

Michael Schneider hat die Übersetzung der "Winterlichen Reise" in der New Republic rezensiert. Es war eigentlich ähnlich dem, was er am Anfang dazu im Spiegel schrieb – reichlich Unsinn. Dass die Leute dann den Brief des Übersetzers, Scott Abbot, auch Professor, Princeton Ph D, nicht druckten, als er auf fehlerhafte Lesen Schneiders aufmerksam machen wollte, das ist der Skandal.

Auch mein Brief zu der Zeit an die NYRB [New York Review of Books] aufgrund eines Artikels von J.S. Marcus wurde nicht gedruckt, und der Robert Silvers und ich kamen bis dann immer gut aus, jemand den ich schon ungefähr 45 Jahren kenne und immer gut ausgekommen bin. Ein Verriss des ganzen Werks nur der politischen Jugoslawien-Stellung wegen. Bis dahin immer faire Rezensionen von ganz ordentlichen Leuten.

Und die Sontag sagte dann so ungefähr: "Nie werd ich wieder ein Handke Buch lesen..." Es gab so gut wie keine öffentliche Diskussion wie in den deutschen Feuilletons. "Winterliche Reise" ist auch das einzige von den Jugoslawien Büchern, welches hier verlegt wurde. Dem Scott Abbot ist es deswegen bis jetzt nicht gelungen wenigstens einen der vielen amerikanischen Universitätsverlage zu überreden einen Sammelband dieser Jugoslawienbücher herauszubringen. Das miserable Germanistentum ist auch so etwas was man als Feiglingsrotte bezeichnen könnte. Das ganze Fach könnte man hier abschaffen und außer für den Sprachunterricht würde sie niemand vermissen.


...wird hier fortgesetzt...

Günter Grass attackiert Peter Handke. Vom ungleichen Messen

In einer Rede bei der Eröffnung des PEN-Kongresses in Berlin sagte Günter Grass Ende Mai zur Rede Harold Pinters anlässlich seines Literaturnobelpreises im Jahre 2005:

In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen...Harold Pinter hat das Unrecht benannt. Beispielhaft hat er bewiesen, was »Schreiben in friedloser Zeit« bewirken kann. Wir Schriftsteller sind aufgerufen, nicht nur anders, das heißt jenseits aller Parteinahme, die Toten zu zählen, sondern auch aufgrund unserer besonderen Begabung den einzelnen Toten, gleich ob Freund oder Feind, Frau oder Kind, aus der Masse der namenlos Verscharrten zu lösen, auf dass er kenntlich wird als Opfer eines Vorgangs, der Krieg heißt und viele Ursachen hat.

Halten wir einen Moment inne. Pinter geisselte wortgewaltig und zornig in seiner Rede vor der Schwedischen Akademie (übertragen per Videoinstallation) die Aussenpolitik der USA nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Folgen. Die Rede gilt bei deutschen Intellektuellen (zu recht) als brillante Subsummierung und eine emphatische Anklage. In Deutschland wurde sie nur von sehr wenigen Blättern publiziert. Ansonsten trifft Grass' Beschreibung den Kern genau: Das deutsche Feuilleton hat über sie hergezogen, ohne dem Leser den umfassenden Einblick zu gewähren. Man war sich einig und oft genug wurde das Totschlagsargument "Antiamerikanismus" aufgebracht (übrigens auch für Grass' Rede, die doch - im Vergliech zu Pinter - einigermassen opahaft und bieder daherkommt).

In seinem Heimatland gilt Pinter als (politischer) Querulant, dessen "Eskapaden" nur mit seinem Alter, seiner Krankheit oder beidem "entschuldigt" werden. Was hierzulande wenig bekannt ist: Pinter hat auch hinsichtlich der jugoslawischen Sezessionskriege, eine dezidiert andere Meinung als der "Mainstream" und hat den NATO-Angriff 1999 hart verurteilt.

Am 14.6. „brach“ nun Günter Grass sein „Schweigen“ zu Handke und gab der ZEIT ein Interview. Für seine Empathie, was das Schreiben in friedloser Zeit angeht, bleibt plötzlich nichts mehr übrig. Sein Bashing gegenüber allen, die Handkes Position verstehen, erläutern, gar preiswürdig finden, ist umfassend. Ausgerechnet Grass, das "moralische Gewissen" (freilich eine ihm okroyierte Bezeichnung - soviel Fairness muss sein), der Wetterer wider des (politischen, gesellschaftlichen) common-sense, der (selbsternannte? – klingt das denunziatorisch?) Wahrer der demokratischen Kultur, poltert.

Grass kam für mich - insbesondere in den 90er Jahren - als Vielunterzeichner mit fast pawlowscher Reflexhaftigkeit daher, wenn es galt, das Gute zu verteidigen, das Böse zu geisseln (die Deutungshoheit blieb dabei freilich immer bei ihm). Warum jetzt erst zu Handke? Vielleicht hat er hier etwas länger überlegt und abgewogen: Nimmt er eine Handke-freundliche Position ein, bricht die geballte Macht des Feuilletons auch noch über ihn herein – und dies 79jährig. Ganz sicher kein Vergnügen, zumal die (ästhetischen und persönlichen) Scharmützel mit Reich-Ranicki endlich, nach Zig-Jahren ausgeräumt scheinen – man hat seinen Frieden geschlossen. Der (verdiente) Literaturnobelpreis gibt gelegentlich zusätzlich guten Schutz. Warum also dies aufgeben?

Womit alles begann...Cover vom Buch Winterliche Reise... Was dann am meisten erstaunt, ist Grass', des Dichters, halt- und hilflose Sprache: Handke habe sich verrannt heisst es am Anfang noch gemässigt, bis es dann schnell furioser wird, wenn er von Handkes Parteinahme für Serbien spricht, welche unsinnig und einseitig sei. Am Ende heisst es dann, Handke habe immer die Neigung gehabt, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen.

Nehmen wir einen Moment an, Grass' Diktum der Parteinahme würde stimmen: Warum ist sie denn per se unsinnig? Generell gefragt: Ist eine Parteinahme nicht immer einseitig - dieser Vorwurf also ein Pleonasmus? Wer bestimmt denn Sinn und Unsinn eines Argumentes, eines Kommentars, einer Sichtweise?

Diese Sentenz zeigt die Fehlerhaftigkeit von Grass' Argumentation. Handke sieht sein Geschriebenes nicht als blosse Parteinahme, als einfachen Kontrapunkt nach dem Motto, ich widerspreche per se wenn jemand "schwarz" sagt, mit "weiss". Dennoch: Als auf dem Höhepunkt der Kriegsberichterstattungen (es waren ja mehrere Kriege und mehrere Höhepunkte) – war / ist es nicht geradezu eine Pflicht, gegen die (wie sich später mehrfach herausgestellt hat) falschen und tendenziösen Berichte auch einmal eine andere Sicht mindestens als Möglichkeit des Denkens, Betrachtens, Sehens einzuführen?

Wie begründet Grass seine Meinung, Handkes Sichtweise als Meinungen, die man nachweislich als falsch bezeichnen kann in Bausch und Bogen abzuqualifizieren? Wir werden es nicht erfahren; es wurde leider nicht gefragt.

Und was bedeutet denn, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen? Welches sind denn Handkes unsinnigste Argumente? Oder hört, besser: liest, man nur die vorgefertigte, angelesene Meinung diverser journalistischer Artikel aus Grass' Urteil heraus und weniger das genaue Studium der Bücher?

Wenigstens bleibt Grass konsequent (aber: Konsequenz allein ist keine Kunst): Mit Grandezza negiert er die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtung per se. Damit lässt er – ob er will oder nicht – nur den Mainstream gelten, obwohl er eingangs noch die politische Rolle der EU und Deutschlands bei der viel zu vorzeitigen Anerkennung von Slowenien und Kroatien konstatiert. Lapidar und wenig überzeugend seine Einlassungen zum Kosovo-Krieg der NATO: Ich bin für den Militärschlag gegen den serbischen Terror im Kosovo gewesen. Aber dann kam es unter Oberhoheit der Vereinigten Staaten jeden Tag zu den so genannten Kollateralschäden. Ah ja.

Im weiteren Verlauf unterstellt Christof Siemes, der überforderte Fragesteller, Handke stilisiere Milosevic zum "Opfer", was schlichtweg falsch ist. Für Grass eine Steilvorlage: Ihn [Milosevic] zähle ich nun nicht zu den anonymen, unbekannten Opfern von politischen Fehlentscheidungen. Die wahren Opfer liegen an verschiedenen Stellen verscharrt, in Srebrenica und anderswo. Grass insinuiert damit, Handke würde Srebenica und andere Massaker in irgendeiner Form goutieren. Er ignoriert damit (unwissentlich? bösartig??) Handkes verschiedene – eindeutigen – Stellungnahme(n), die man hätte mindestens vorher lesen sollen, wenn man schon die Lektüre der Primärliteratur verabsäumt hat.

Grass sieht im weiteren Verlauf bei Handke nur eine Art starrsinniger Konsequenz. Dieser Konsequenz spricht er als Wert an sich eine poetische Qualität ab. Das ist natürlich richtig. Grass geht aber davon aus, dass Handkes Besuch und Rede bei der Beerdigung aus Loyalitätsgründen zu Milosevic geschehen sei; eine Art trotzige Parteinahme mit dem Nebeneffekt, sich wieder als Provokateur zu generieren.

Handke schreibt hierzu:

>> Es war die Sprache, die mich auf den Weg brachte, die Sprache einer so genannten Welt, die die Wahrheit wusste über diesen "Schlächter" und "zweifellos" schuldigen "Diktator", dem noch sein Tod zur Schuld gereichen sollte, weil er sich "vor dem Schuldspruch, ohne Zweifel lebenslänglich, weggestohlen" habe – warum, fragte ich, bedurfte es da noch eines Gerichtes, um ihn schuldig zu sprechen?

Solche Sprache war es, die mich veranlasst zu meiner Mini-Rede in Pozarevac – in erster und letzter Linie solche Sprache, nicht eine Loyalität zu Slobodan Milosevic, sondern die Loyalität zu jener anderen, der nicht journalistischen, der nicht herrschenden Sprache. <<

Martin Mosebach     c ZDFAm Rande gefragt: Wer würde eigentlich Otto Schily eine ideologische oder sonst wie geartete „Nähe“ zu Ulrike Meinhof attestieren, nur weil dieser auch auf ihrer Beerdigung anwesend war und eine Rede gehalten hat? Und, wie es der Dichter Martin Mosebach in seinem wunderbaren Artikel "Vom Recht, Verbrecher verstehen zu wollen" ("Epik ist Vielstimmigkeit, kein Unisono") auf den Punkt gebracht hat: "Dass die letzte Ehre, die man einem Toten erweist, niemals der Rechtfertigung bedarf, sondern einer jener axiomatischen Akte ist, die das Fundament der Humanität bilden, scheint bei gewissen Verteidigern der Menschenrechte nicht mehr verstanden werden zu können." (Ein klassischer "Antigone-Konflikt"?)

Und in einem Punkt irrt Grass auch, wenn er sagt Handke wird ja Rechenschaft nicht für sein literarisches Werk abverlangt, sondern für seine politischen Ansichten. Die Absetzung seines Stückes „Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land“ vom Spielplan der Comédie Française zeigt, dass der Streit längst eine andere Dimension bekommen hat, das es einigen um die Desavouierung auch von Handkes Werk geht. Das hat Grass nicht erkannt und – abermals bedauerlich – wurde vom Christof Siemes nicht angesprochen.

Interessant, wie sich Grass zur Frage nach dem moralischen Mainstram äussert:

ZEIT: Wieder ist die Rede davon, dass es in Deutschland eine Art moralischen Mainstream gibt, von dem man nicht abweichen darf. Gibt es eine solche Diktatur der Political Correctness?

Grass: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es gibt keinen Meinungsterror, aber Tabuisierungen, und da ist es schwer, eine Gegenmeinung zu formulieren, ohne gleich unter einen argumentfreien Verdacht gestellt zu werden. Als ich 1989/90 vorschlug, es zunächst mit einer Konföderation zu versuchen, war das ein Tabu. Es ging nur um Deutschland, einig Vaterland.

ZEIT: Sie konnten Ihre Position nicht äußern?

Grass: Äußern schon, aber es hat niemand mehr zugehört. Wenn man infrage stellte, was beschlossen wurde, galt man als Feind der deutschen Einheit. So wie auch jede Kritik an Amerika gleich als Antiamerikanismus diffamiert wird. Ein Totschlaginstrument.


Typisch: Grass beantwortet die Frage nach dem "Mainstream" gar nicht, sondern erwidert, dass es keinen "Meinungsterror" gebe. Nur: Das hat niemand behauptet.

Abgesehen davon, dass Grass en passant Öffentlichkeit vermisst (was sicherlich nicht objektiv ist – denn Grass war seinerzeit sehr wohl im Gespräch und ist es immer noch, wenn er es möchte) – plötzlich, wenn es ihn selber betrifft, wird seine Sicht was "Mainstream" angeht, wieder "dagegen".

Dies zeigt den Unterschied zwischen Handke und Grass – einem fragenden, tastenden Dichter, und einem immer alles wissenden: Grass kennt nur "dafür" oder "dagegen". Die Dichotomien der Eindeutigkeiten. Keine Grautöne. Keine Differenzierungen. Die Welt muss einfach bleiben. Er ist damit denen, die er stets so pauschal angreift, in keinster Weise unähnlich – nur, dass er (meist) von der entgegengesetzten Position kommt. Das stört übrigens solange nicht, solange Grass Positionen einnimmt, denen man selbst weitgehend zustimmt. Die Holzschnitte seiner Argumentationen werden erst dann sichtbar, wenn Grass alles mit ihnen erklären will.

Einen Unterschied zwischen poetischer und journalistischer Sprache sieht Grass nicht. Wozu ist Grass denn noch ein Dichter?

Wenn jemand wie Handke freimütig (naiv?) bekennt, dass er nichts weiss, keine Ahnung hat, "Alleinschuld"- oder Kollektivschuldurteile hinterfragt – damit kann jemand wie Grass, der stets die Moral und das Besserwissen für sich beansprucht hat, nichts anfangen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Günter Grass ist ein grosser Schriftsteller und ist (war?) ein guter Beobachter deutscher Innenpolitik. Sein Blick ist dabei nicht vorurteilsfrei – aber warum auch. Seine politischen Präferenzen sind immer noch auf Leute wie Willy Brandt ausgerichtet; insofern pflegt man die Tempel der Vergangenheit. Ja, ich bin Grass für sein Engagement zu Brandt dankbar. Es war damals gesellschaftlich verdammt notwendig. Das ist aber über dreissig Jahre her. Und, wer weiss, vielleicht haben andere mit weniger lautem "Engagement" ähnliches ausgerichtet?

Ich habe Grass' (politisch katastrophales) Buch "Ein weites Feld", in dem er 1990 literarisch ein neues, quasi "viertes Reich" im Deutschland nach der Vereinigung am Horizont hervorlugen sah und dies kunstvoll, polemisch, heiter und gelegentlich bösartig tat, mit Genuss gelesen und seine Unsinnigkeiten immer verteidigt. Hätte ein Amerikaner dieses Buch über Deutschland geschrieben – es wäre hymnisch besprochen worden. Bei Grass wurde es verrissen, weil es im damaligen Mainstream nicht passte. Grass machte es den Verächtern leicht, weil sein Wiederaufstehen Bismarcks oder anderer Reichspolitiker lächerlich daherkam. Hinter jedem Baum sah er einen wiederaufstrebenden deutschen Nationalismus - sah er 1871 zurückkommen. Dies zeigte für viele die Fehlerhaftigkeit seiner politischen Grobmotorik.

Sein Wort von der "kommoden Diktatur", welches die DDR gewesen sei, wird ihm heute noch um die Ohren geschmissen. Für viele symbolisiert es die Fehlerhaftigkeit seiner historischen Einordnungen. Das mag sein. Dennoch: Grass bleibt primär Dichter, und ein guter.

Aber Botho Strauss hat recht, als er in seinem (teilweise zurecht) umstrittenen Artikel "Was bleibt von Handke" schreibt: "Was bleibt schließlich von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur Überragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Wissens in der deutschen Literatur."

Ich hätte mir gewünscht, Grass hätte zu Handke geschwiegen. Seine paternalistischen, schulmeisterlichen Sentenzen führen in die Irre, verbauen die Sicht und wirken seltsam hölzern.

Alle kursiv geschriebenen Stellen sind Zitate von Günter Grass.
Zum Weiterlesen:

In der Wochenendausgabe vom 17.6. der NZZ (Info via Adresscomptoir) ist ein Interview mit Peter Handke abgedruckt, welches sich ausschliesslich mit der Jugoslawien-Problematik beschäftigt. Martin Meyers Statement hierzu soll nicht verschwiegen werden.

Kommentare hier...

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 19:39
Also über die Zugriffszahlen...
Also über die Zugriffszahlen kannst du dich wirklich...
Köppnick - 2008-05-13 17:26
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 13:47
Moderation - ja, jetzt...
Moderation - ja, jetzt fällt es mir auch wieder...
Köppnick - 2008-05-12 19:18
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 16:48
Was meinst du denn mit...
Was meinst du denn mit Moderation? Löschen kann...
Köppnick - 2008-05-12 16:30
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 13:37
Dialektik der Abklärung:...
Dialektik der Abklärung: Umrisse einer neuen Sicht...
Frank-C. Hansel (anonym) - 2008-05-10 12:24
Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58

...anderswo

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
begleitschreiben - 2008-05-13 19:39
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
begleitschreiben - 2008-05-13 13:47
Wie kann man denn ein...
Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?
kursiv - 2008-05-12 21:42
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
begleitschreiben - 2008-05-12 16:48
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
begleitschreiben - 2008-05-12 13:37

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