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    <title>Begleitschreiben (&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl)) : Rubrik:Moderne und Postmoderne</title>
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    <description>&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl)</description>
    <dc:publisher>Gregor Keuschnig</dc:publisher>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:date>2008-12-01T17:58:33Z</dc:date>
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    <title>Begleitschreiben</title>
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    <title>Ulrike Ackermann: Eros der Freiheit</title>
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    <description>&lt;img title=&quot;Ulrike Ackermann  Eros der Freiheit&quot; height=&quot;200&quot; alt=&quot;Ulrike Ackermann  Eros der Freiheit&quot; width=&quot;121&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Ulrike-Ackermann-Eros-der-Freiheit.jpg&quot; /&gt;Da sind die ersten 70 Seiten. Jammerorgien über die &lt;i&gt;Freiheitsmüdigkeit&lt;/i&gt; der &lt;i&gt;säkular[n] Moderne&lt;/i&gt;, wider den &lt;i&gt;paternalistischen Staat&lt;/i&gt; und der &lt;i&gt;Neigung&lt;/i&gt; seiner Bürger, die &lt;i&gt;ein krudes Verständnis vom globalisierten Markt&lt;/i&gt; an den Tag legen, &lt;i&gt;sich gegen die Freiheit&lt;/i&gt; zu entscheiden um stattdessen eine rundum versorgt zu werden. Da wird der Staat zum &lt;i&gt;Gott-Ersatz&lt;/i&gt; gemacht und der Markt, dieser Hort der Freiheit, der autoritäre Systeme &lt;i&gt;à la longue&lt;/i&gt; destabilisiert, verschmäht. Das &lt;i&gt;Hohelied auf den Staat&lt;/i&gt; resultiert aus dem &lt;i&gt;bürgerlichen Selbsthaß&lt;/i&gt; (unter anderem in der Frankfurter Schule verbalisiert), einem Erbe des Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus, jener &lt;i&gt;säkularen Religionen&lt;/i&gt;, die das Erbe der Aufklärung und vor allem der Romantik pervertiert haben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Ende des &lt;i&gt;real existierenden Sozialismus der alten DDR&lt;/i&gt; ist auch, so Ackermann, &lt;i&gt;das alte BRD-Modell des rheinischen Kapitalismusuntergegangen&lt;/i&gt;. An dessen Stelle tritt jetzt der globalisierte Markt und der Wettbewerb, jenes &lt;i&gt;Entdeckungsverfahren und Entmachtungsinstrument&lt;/i&gt;. Jeder ist darin seines Glückes Schmied und nur der die Bürger infantilisierende Staat, diese &lt;i&gt;säkulare Umma&lt;/i&gt;, stellt sich mit neuen &lt;i&gt;Schikanen&lt;/i&gt; der Freiheit der Marktteilnehmer entgegen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die fortschreitende Gesetzes- und Regulierungswut in bestimmten politischen Feldern nutzt Ackermann, um mit dem Bade sämtliche Kinder gleich mit auszuschütten. Rauchverbot, Alkoholfreie Zonen, Ampelregelung auf Lebensmittelverpackungen  alles nur Gängelungen. Das schlimme dabei: Der Bürger begibt sich auch gerne in diese Abhängigkeit und Bevormundung vom Staat. Und der Staat macht das, um die Bürger, die oft nur ein &lt;i&gt;krudes Verständnis vom globalisierten Markt&lt;/i&gt; haben, damit zu kontrollieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man könnte diese Diagnose von Ulrike Ackermann für mittelmässige Satire halten, aber die Dame meint es Ernst. Die Feinde der Freiheit sieht sie allerdings nicht nur im Staat, sondern auch in den kollektivistischen Tendenzen der Religionen und da vor allem im &lt;i&gt;weltweiten Vormarsch des Islam&lt;/i&gt;. Der &lt;i&gt;Kampf der Kulturen&lt;/i&gt; ist für Ackermann in Form einer &lt;i&gt;schleichenden Scharia&lt;/i&gt; in unseren Städten angekommen, wo &lt;i&gt;gewaltaffin[e]&lt;/i&gt; Muslime die freiheitliche Gesellschaft abschaffen wollen. Statt sich dem mutig entgegenzustellen, verharren wir in &lt;i&gt;Appeasement&lt;/i&gt; und betreiben sehenden Auges eine &lt;i&gt;Verharmlosung des Islam&lt;/i&gt;. Eine &lt;i&gt;multikulturelle Attitüde&lt;/i&gt; führt in falsch verstandener Toleranz zu einer &lt;i&gt;Verherrlichung des Fremden&lt;/i&gt;. Selbst unsere Rechtssprechung ist davon angeblich nicht mehr frei. Hier wird das allseits beliebte &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3471348/&quot;&gt;Beispiel der Frankfurter Richterin&lt;/a&gt; herangezogen. Zwar wird es mindestens verzerrend dargestellt (es wird suggeriert, als sei es ein Urteil der Richterin ergangen, aus dem eine Billigung eines &quot;Züchtigungsrechts&quot; abzuleiten wäre), aber mit solchen Details hält sich die Autorin nicht auf. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den nächsten rund 80 Seiten entwickelt Ackermann nun eine &lt;i&gt;Geschichte der Freiheit&lt;/i&gt;. Getreu dem Motto von Benjamin Constant, dass &lt;i&gt;die individuelle Freiheit nie der politischen Freiheit geopfert werden&lt;/i&gt; darf, untersucht sie nun in einem Parforceritt die westliche Geistesgeschichte der letzten zweitausend Jahre. Das es dabei zu Verkürzungen und Vereinfachungen kommen muss, ist klar. Aber leider zeigt sich Ackermann in wichtigen Punkten der Angelegenheit nicht gewachsen. So parliert sie dann irgendwann von der &lt;i&gt;Penetranz der aufklärerischen Vernünftelei&lt;/i&gt; und zeigt dabei, dass sie den Kantschen Vernunftbegriff und dessen unterschiedlichen Ebenen nicht nur nicht verstanden hat, sondern Vernunft  ein Anfängerfehler  gelegentlich mit &quot;Verstand&quot; verwechselt. In ihrer Vergötterung der Romantik als eine Art Wiege des Individualismus verschweigt sie bis auf einen halben Nebensatz die Interdependenzen zwischen Romantik und Nationalismus, was nicht schlimm wäre, aber eben nur eine Seite der Medaille der Romantik ist. Ziemlich stark reduktionistisch auch ihre Deutungen zur Dichotomie Vernunft gegen Psychoanalyse. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tenor ihrer Ausführungen: Trotz enormer historischer Rückschritte (insbesondere im 20. Jahrhundert durch diverse Heilsideologien, die allesamt im Unheil endeten) erlangte 1989/90 im Zusammenbruch des Kommunismus, die Freiheit zur neuen, wirkungsmächtigen Kraft. Nach insgesamt nun 149 Seiten erhofft man sich in den letzten beiden Kapiteln eine gewisse Ausschmückung der Thesen zum &quot;Eros der Freiheit&quot;. Aber mehr als den &lt;i&gt;negativen Freiheitsbegriff&lt;/i&gt; (Freiheit ist &lt;i&gt;in erster LinieFreiheit von Zwang&lt;/i&gt;), einen zweiseitigen Abriss über Eros, den griechischen Gott der Liebe, seine Verwandtschaft und Verortung in der griechischen Mythologie nebst anschliessender Zusammenfassung der vulgärhistorischen Thesen des Buches, die plötzlich für kurze Zeit Guido Knopp als Cicero oder Thukydides der zeitgenössischen Geschichtsschreibung erscheinen lassen, hat Ulrike Ackermann nichts zu bieten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar beklagt sie, dass Liberalismus nur als &lt;i&gt;Wirtschaftsliberalismus&lt;/i&gt; wahrgenommen wird, aber sie unternimmt rein gar nichts, den Liberalismus zu verbreitern. Und dass die &lt;i&gt;Hybris, einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft zu planen&lt;/i&gt; im 20. Jahrhundert zu einem &lt;i&gt;Rückfall in die Barbarei&lt;/i&gt; führte, ist unbestreitbar, aber warum sie hierin das &lt;i&gt;Echo der Wissenschafts- und Technikgläubigkeit der Aufklärung&lt;/i&gt; erblickt, wo sie selber die &lt;i&gt;politische Freiheit&lt;/i&gt;  &lt;i&gt;auf zunehmendem Reichtum, Wohlstand und dem technologisch-wirtschaftlichen Wachstum&lt;/i&gt; verortet, bleibt ein unauflöslicher Widerspruch. Ackermann erkennt immerhin, dass die &lt;i&gt;negative Freiheitdie anhaltende Sehnsucht des Einzelnen nach Sinn, Erhabenheit, nach gemeinschaftlicher Wärme und Geborgenheit&lt;/i&gt; nicht oder nur sehr schwer befriedigen kann, aber mehr als eine verschwurbelte Ideologie des Individualismus vermag sie nicht anzubieten.            &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die von ihr verfochtene &lt;i&gt;Trennung der Sphären von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Recht, Religion und Privatheit&lt;/i&gt;, stark an Friedrich von Hayek angelehnt, suggeriert, dass ein Gemeinwesen in unterschiedliche Parallelwelten aufgespalten werden kann, die nun autark nebeneinander bestehen und wirken können. Dieses Konzept auf die heutigen globalisierten Strukturen weiter zu entwickeln (wie man es von einem Buch mit diesem emphatischen Titel erwarten dürfte) und dabei dann auch gleich über eine zweifellos erforderliche Neudefinition von Demokratie nachzudenken unterbleibt (was gerade in Bezug auf Hayeks Thesen schade ist).      &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Somit ist dieses Buch belanglos, ja läppisch. Es will für die Freiheit begeistern, stranguliert den Leser aber mit hölzerner Behauptungsrhetorik, die den Markt als neuen Fetisch feiert. Dass er aber bei aller Notwendigkeit aus Prinzip eine wilde, unbezähmbare Bestie ist, ein Ort des (Sozial-)Darwinismus und damit am Ende das Gegenteil eines freiheitlichen Konzepts eines Gemeinwesens darstellt, kann oder will die Autorin, die sich am Ende artig bei Wolfgang Gerhardt und Dietmar Doering von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die finanzielle Unterstützung bedankt, nicht einmal thematisieren. Sie ergeht sich in plüschigen Wohlfühlsätzchen, die sie aus Zitaten herausdestilliert, ohne sich um die Entsorgung der Nebensätze eben dieser Zitate zu kümmern. Von der Freiheit des Andersdenkenden bzw. Andersglaubenden will sie nichts mehr wissen, wenn sie ihren missionarischen Universalismus zum Apriori erhebt.  Ihre teilweise ins paranoide gehende Islamophobie erinnert stark an Henryk M. Broder, den sie zwar im Buch nicht zitiert, aber in ihrer &quot;Auswahlbibliographie&quot; erwähnt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer ein intelligentes, manchmal aufregendes, stellenweise erregendes, zuweilen hanebüchendes, aber nie triviales Buch über eine konservativ-liberale Neudefinition von Freiheit lesen will, sollte Udo Di Fabios &quot;Die Kultur der Freiheit&quot; heranziehen. Man kann sich dann den Schmarren von Ulrike Ackermann getrost schenken.            

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-11-30T10:27:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5226796/">
    <title>Staunen über das Staunen</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5226796/</link>
    <description>Man muss &lt;a href=&quot;http://www.mpifg.de/people/ws/forschung_de.asp&quot;&gt;Wolfgang Streeck&lt;/a&gt; nicht in allem rechtgeben, was er in seinem Artikel &quot;&lt;a title=&quot;Lektion zum Kapitalismus&quot; href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/files/Lektion-zum-Kapitalismus/&quot;&gt;Lektion-zum-Kapitalismus&lt;/a&gt; (pdf, 77 KB)&quot; in der letzten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben hat. Aber als eine Art Vergewisserung, was Kapitalismus eigentlich ist, wie dieser &quot;strukturiert ist und funktioniert (und immer schon funktioniert hat) - das ist schon durchaus lesenswert. Dabei räumt Streeck mit dem Glauben eines &quot;gezähmten Kapitalismus&quot; auf; vielleicht ein bisschen zu früh: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Im Kapitalismus geht es um Maximierung, nicht um Normalisierung des Gewinns. Kapitalismus ist keine Ordnung, sondern institutionalisierte Unordnung. Nicht Stabilität ist zu erwarten, sondern Wandel als Dauerzustand; nicht Kontinuität, sondern Diskontinuität...&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Streeck entdeckt das Staunen, denn die Krisenszenarien sind beileibe nicht neu: &lt;i&gt;...staunen muss man eigentlich nur über das Staunen&lt;/i&gt;, und zwar weil vieles so lange &quot;gutgegangen&quot; ist. Und weil die Politik, die jetzt so vehement Regularien fordert, jahrelang selber mitgemischt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Lektüre erscheint es dringender denn je, wenigstens einen Teil der &lt;i&gt;Diskontinuitäten&lt;/i&gt; zu domestizieren. Auch wenn man einiger Illusionen beraubt wird.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-09-30T16:46:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102259/">
    <title>Richard Sennett: Handwerk</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102259/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Richard Sennett  Handwerk&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Richard Sennett  Handwerk&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Richard-Sennett-Handwerk.jpg&quot; /&gt;&lt;a href=&quot;http://demo.interred.de/goetter/goetter_35.php&quot;&gt;Hephaistos&lt;/a&gt;, Schmied und griechischer Gott des Feuers, war nicht nur &lt;i&gt;der Erfinder des Streitwagens&lt;/i&gt;, sondern auch &lt;i&gt;Erbauer sämtlicher Häuser auf dem Olymp&lt;/i&gt;. Er war der einzige Handwerker unter den griechischen Göttern. Aber Hephaistos ist gezeichnet: Er hat einen Klumpfuss. &lt;i&gt;Und in der antiken griechischen Kultur galten körperliche Missbildungen als Schande.&lt;/i&gt; Der Klumpfuss des Hephaistos  symbolisiert er bis heute &lt;i&gt;den gesellschaftlichen Wert des Handwerkers&lt;/i&gt;? Zeigt Homers Kapitel über Hephaistos in der &quot;Ilias&quot;, &lt;i&gt;dass die materielle häusliche Kultur den Wunsch nach Ruhm und Ehre niemals zu befriedigen vermag&lt;/i&gt;? Und hieraus speist sich  trotz der mittelalterlichen Hochphase der Zünfte (die ausführlich behandelt wird)  auch heute noch das Bild des Handwerkers? Und Pandora, jenes &lt;i&gt;&quot;reizende Mädchen&quot;&lt;/i&gt;, die mit ihrer Büchse immer auch als Mahnung für den &lt;i&gt;Zorn der Götter&lt;/i&gt; steht, als Gegenpol?       &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richard Sennetts &quot;Handwerk&quot;, das erste Buch einer Trilogie über &lt;i&gt;materielle Kultur&lt;/i&gt; (die anderen Bände sollen &quot;Krieger und Priester&quot; und &quot;Der Fremde&quot; heissen), ist mehr als eine Kultursoziologie des Handwerks. Es ist eine emphatisch-euphorische Schrift für all diejenigen, die &lt;i&gt;ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen und sie um ihrer selbst willen gut machen wollen.&lt;/i&gt; Das ist für Sennett die Definition des Handwerkers. &lt;i&gt;Sie üben eine praktische Tätigkeit aus, doch ihre Arbeit ist nicht nur Mittel zu einem anderen Zweck.&lt;/i&gt; Ob dieser Bestimmung bedarf es Sennetts Bekenntnis am Ende des Buches, ein Anhänger der philosophischen Denkschule des &lt;a href=&quot;http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=JPDRHY&quot;&gt;Pragmatismus&lt;/a&gt; zu sein, fast nicht mehr. &lt;img title=&quot;Pandora&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;Pandora&quot; width=&quot;254&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Pandora.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Engagiertes Tun&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Handwerker ist demnach weit mehr als ein Handarbeiter, der mit den Händen Fertigkeiten ausübt. &lt;i&gt;Der Handwerker steht für die besondere menschliche Möglichkeit &lt;tt&gt;engagierten&lt;/tt&gt; Tuns.&lt;/i&gt; Sennett erweitert so den Begriff des Handwerkers (durchaus in den Spuren Heideggers). Handwerkliches Können basiert für Sennett auf &lt;i&gt;hoch entwickelte Fähigkeiten und Fertigkeiten&lt;/i&gt;. Dabei ist für ihn &lt;i&gt;Motivation wichtigerals Talent&lt;/i&gt;, weil &lt;i&gt;das Streben nach QualitätGefahren für die Motivation&lt;/i&gt; berge.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kulturell seit Jahrhunderten bestehende Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit will Sennett aufheben. Dafür legt er sich sogar noch posthum mit (seiner Lehrerin) Hannah Arendt und deren Verachtung für den &quot;Animal laborans&quot; (das arbeitende Tier Mensch) zu Gunsten des &quot;Homo faber&quot; an. Unter der falschen Alternative Kopf versus Hand leide letztlich der Kopf und sowohl &lt;i&gt;Verständnis als auch Ausdruck nehmen Schaden&lt;/i&gt;. Bei &lt;i&gt;jedem guten Handwerker&lt;/i&gt;, so die These, &lt;i&gt;stehen praktisches Handeln und Denken in einem ständigen Dialog&lt;/i&gt;. Sennett versucht sich als zweiter Diderot, der in seiner Encyclopédie &lt;i&gt;die Leser in den Salons&lt;/i&gt; bat, &lt;i&gt;einfache arbeitende Menschenzu bewundern&lt;/i&gt; (ohne Gefahr zu laufen, einer Verkitschung oder gar falschen Heroisierung anheim zu fallen). Dies berücksichtigend, und weil Wittgenstein und dessen Wort von den &quot;Grenzen der Sprache&quot; erwähnt wird, sei am Rande (ein bisschen süffisant) gefragt, warum es im Buch keine Illustrationen und Bilder gibt, die einige Umständlichkeiten hätten beheben können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Fast überbordende Opulenz&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sennett zeigt am Beispiel sowjetischer Bauarbeiten Ende der 80er Jahre, wie Handwerk degenerieren kann und entwickelt bei der Rekonstruktion der Geschichte des Mobiltelefons die These, dass Kooperation dem Wettbewerb überlegen sei (und nicht nur als &lt;i&gt;Belohnungssystem&lt;/i&gt;). Es wird auf die Problematik der CAD-Software hingewiesen, die dem Architekten (bzw. Konstrukteur) zwar das Zeichnen abnimmt, aber auch  durch die permanente Reproduzierbarkeit virtuell erzeugter &quot;Nachbildungen&quot; - &lt;i&gt;das Verständnisfür den Gegenstand ihrer Arbeit&lt;/i&gt; schwächt, das sinnliche Erlebnis verkümmern lässt, den Menschen nur noch zum passiven &lt;i&gt;Zuschauer oder Konsument[en] dererweiterten Fähigkeiten&lt;/i&gt; macht und zu Fehlkonstruktionen führen kann (&lt;i&gt;Überdeterminierung[en]&lt;/i&gt; und/oder falschen Relationen); ein Tatbestand, der übrigens durchaus bekannt ist und eingeräumt wird. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er veranschaulicht, wie unter dem Deckmantel der &quot;Qualitätssicherung&quot; das britische Gesundheitswesen zum &lt;i&gt;Fordismus&lt;/i&gt; verkommt, weil es, extrem arbeitsteilig, einer Bürokratie verpflichtet ist und nicht mehr den Menschen im Fokus hat und postuliert seine die Ambivalenz des Begriffs &quot;Qualität&quot; (hierauf wird noch einzugehen sein). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Leser wird in mittelalterliche Werkstätten geführt, in denen es anfangs keine Trennung zwischen Privatleben und Arbeit gab, bekommt Einblicke in die Trinität Meister-Geselle-Lehrling (und in die Ersatzvaterrolle des Meisters dem Lehrling gegenüber) und wird mit &lt;i&gt;der Auseinandersetzung mit Fragen der Autorität und der Autonomie innerhalb der Werkstatt&lt;/i&gt; konfrontiert. Man geht mit den Gesellen, die sich anderswo zum Meister ausbilden lassen und wagt einen Blick in die Werkstätten Stradivaris, die nach dessen Ableben der unwiderbringliche Verlust des &lt;i&gt;stillschweigenden Wissens&lt;/i&gt; (später, genauer, &lt;i&gt;implizites Wissen&lt;/i&gt; genannt) untergingen. Niemand weiss bis heute genau, was die Musikinstrumente Stradivaris so einmalig macht  das Wissen hierum, nirgendwo festgehalten, ist auf immer verloren gegangen; &lt;i&gt;etwas am Charakter ihrer Werkstätten muss den Wissenstransfer verhindert haben&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Geduld und heilsames Scheitern&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man erfährt, wie Frauen im Mittelalter zum Weben und Sticken kamen, erhält einen Ahnung, wie Goldschmiede früher das Gold ertasteten und bekommt erläutert, wie Kinder mit der &quot;Suzuki-Methode&quot; Geige lernen, in dem sie die auf dem Griffbrett angebrachten farbigen Plastikstreifen mechanisch abfassen (was Sennett als Simulation einer &lt;i&gt;falschen Sicherheit&lt;/i&gt; geisselt  allerdings wird der ganzheitlichen Ansatz der &quot;Methode&quot;, der weit mehr umfasst als die bunten Plastikstreifen, schlichtweg unterschlagen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt eine kleine Industriegeschichte des Glasbläserhandwerks, die Differenzen zwischen Handwerk, Kunstwerk (&lt;i&gt;Kunstwerke sind Zeugnisse eines inneren Lebens&lt;/i&gt;) und Kunsthandwerk werden ausführlich dargelegt und dem Leser wird der Unterschied zwischen &lt;i&gt;Spiegelwerkzeugen&lt;/i&gt;, Replikanten und Robotern erklärt. Sennett unternimmt eine kurze Kulturgeschichte des Ziegels, entwirft eine Chronik der Entwicklung vom profanen Schneidemesser bis zum Skalpell des Chirurgen, belehrt über die Zunahme der materiellen Güter seit dem 15. Jahrhundert und den sich hieraus ergebenden Konsequenzen für die Herstellung dieser Güter, führt den Leser zur französischen Papier- und Textilindustrie des 18. Jahrhunderts, entdeckt das &quot;Erhabene&quot; im Flachschraubenzieher, philosophiert über eine gebotene &lt;i&gt;Mehrdeutigkeit&lt;/i&gt; in der Stadtplanung, vergleicht den Gebrauch der Hand beim Musiker, Glasbläser  und Koch, sinniert mit fast fernöstlichem Duktus über die Notwendigkeit des Handwerkers zur Geduld (&lt;i&gt;Wenn etwas länger dauert als erwartet, höre auf, dagegen zu kämpfen!&lt;/i&gt;), referiert über die Differenz zwischen sozialem und antisozialem Expertentum, wettert gegen den alles nivellierenden und die Kreativität tötenden, individualfeindlichen Perfektionismus und lobt stattdessen das &lt;i&gt;&quot;heilsame Scheitern&quot;&lt;/i&gt; (Montaigne), plädiert für die &lt;i&gt;Langeweileals Anreiz&lt;/i&gt; und regt zu &lt;i&gt;Reflexion[en] über das Material&lt;/i&gt; an, die den &lt;i&gt;unvollkommenen Ziegel als Ikone der Qualität&lt;/i&gt; erscheinen lassen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sennett führt den Leser zum Museumsbau nach Bilbao, in den Peachtree Centre nach Atlanta, Georgia und vergleicht ausführlich die Architektur der Häuser, die Ludwig Wittgenstein und Alfred Loos in Wien Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut haben.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das sind alles nur Ausrisse aus diesem so detailreichen Buch. &quot;Handwerk&quot; ist ein Kompendium gespickt mit Thesen, Lektüreeindrücken, Geschichten (und Geschichtchen), Verknüpfungen, Allegorien, Abschweifungen. Das ist an- und aufregend und bildend  aber auch gelegentlich (und leider mehr als man möchte) anstrengend und ermüdend. Sennetts weitschweifiges Mitteilungsbedürfnis, welches sich, wie man an den zahlreichen Fussnoten sehen kann, auf einer enormen Fülle von Lektüre stützt, erdrückt den Leser dann doch im einen oder anderen Fall, wenn die Exkurse dann Pirouetten drehen und zur Dekoration des angelesenen Wissens werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Unverständliche Anleitungen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwa, wenn er auf das &lt;i&gt;ärgerliche Thema&lt;/i&gt; der häufig unverständlichen Anleitungen zu sprechen kommt. Anhand (sic!) einer Anleitung zur Entbeinung eines Hühnchens führt er nicht nur dieses Unverstehen vor, sondern erläutert auch, warum die zitierte Anleitung letztlich für denjenigen der hier Hilfe erwartet wertlos ist, &lt;i&gt;totes Bezeichnen&lt;/i&gt; darstellt: Was die Verfasser dieser Anleitungen zur Genüge kennen, was ihnen derart vertraut ist, können sie nicht allgemeinverständlich ausdrücken. Hinzu kommt, dass es häufig einen imperativen Ton gibt. Bis dahin ist man vollkommen d&apos;accord  natürlich auch deswegen, weil man diese Problematik zur Genüge kennt. Routiniertes Wissen stehe guten Anleitungen im Weg, so die These. Zwar ahnt der Leser schon, dass dies nicht in dieser Monokausalität stimmt, aber dennoch begibt man sich erwartungsvoll in Sennetts Hände  den Alternativen &lt;i&gt;Einfühlsame Illustration&lt;/i&gt;, der &lt;i&gt;Beschreibung des Schauplatzes&lt;/i&gt; und  am Ende - der &lt;i&gt;Anleitung durch Metaphern&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade letztere hebt er besonders hervor; eine kochende Bekannte, 1970 als Flüchtling aus dem Iran in die USA gekommen, pflegte diese Art von Beschreibung. Das Kochrezept klingt dann (zunächst) phantastisch: &lt;i&gt;&quot;Dein totes Kind. Erwecke es zu neuem Leben. Fülle es mit Erde. Sei vorsichtig! Es sollte nicht zuviel essen. Lege ihm den goldenen Mantel an. Und bade es. Wärme es, aber sei vorsichtig! Ein Kind stirbt von zu viel Sonne. Lege ihm die Juwelen an. Das ist mein Rezept.&quot;&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich wunderschön - und Sennett erläutert auch, was die einzelnen Formulierungen zu bedeuten haben. Aber als praktische Anleitung taugt dies auch nicht. Vorher beklagt Sennett zu Recht, dass zuviel implizites Wissen vorausgesetzt wird  aber das ist hier ja nicht anders. Bei einem vorherigen Beispiel empfahl er schon, das Entbeinen von einem Fachmann vornehmen zu lassen. Damit hätte sich die eingangs gestellte Frage erübrigt. Und am Ende weiss man immer noch nicht, wie Anleitungen aussehen und geschrieben werden können, die man auch tatsächlich &quot;gebrauchen&quot; kann. Der Leser bleibt  nicht nur hier  alleine gelassen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz dieser gelegentlich fruchtlosen Verirrungen ist dieses Buch immanent lehrreich. Sennetts emphatischer Handwerks- und Handwerkerbegriff zeigt neue Aspekte auf, die man sonst in dieser Konzentration kaum geliefert bekommt. So wird eine Neudefinition des Begriffs der Routine vorgenommen, den er aus seiner negativen Konnotation &quot;befreit&quot; und in das weite Feld des &quot;Übens&quot; überführt, in dem sie zum &lt;i&gt;Entwicklungsvorgang&lt;/i&gt; wird. Übung dient als Erlernen eines &lt;i&gt;Rhythmus&lt;/i&gt;, der unweigerlich zum Handwerk dazugehört aber keinesfalls mit sturer Wiedergabe gleichgesetzt werden darf. Aber auch die Philippika gegen die Perfektion, die &lt;i&gt;Versuch und Irrtum&lt;/i&gt; unterbinden und somit keine Innovationen und Neuentwicklungen zulassen, ist anregend, auch wenn Sennett Perfektionismus als &lt;i&gt;Obsession&lt;/i&gt; in pathologische Gefilde überführt und als &lt;i&gt;zwanghafte Störung&lt;/i&gt; rubriziert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Plädoyer für das Chaos und die &lt;i&gt;sieben Leuchter&lt;/i&gt;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr lesenswert ist Sennetts mit auffälliger Sympathie vorgebrachte Schilderung des sogenannten &lt;i&gt;Ruskinismus&lt;/i&gt;. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/John_Ruskin&quot;&gt;John Ruskin&lt;/a&gt; war ein radikaler Technikverweigerer des viktorianischen England (er wetterte sogar gegen den Buchdruck), der &lt;i&gt;von einer Wertschätzung für rohe, unbehaue Schönheit&lt;/i&gt; beseelt war und letztlich die Meinung vertrat, &lt;i&gt;die moderne Gesellschaft solle und könne als ganze in die vorindustrielle Vergangenheit zurückkehren&lt;/i&gt;. Schon in Diderots &quot;Encyclopédie&quot; wurden Unregelmässigkeiten nicht-maschineller Produktion mit dem anthropomorphen Begriff des &lt;i&gt;Charakters&lt;/i&gt; bezeichnet (später im Buch treibt Sennett noch philosophische Studien zum &lt;i&gt;ehrlichen Ziegel&lt;/i&gt;). In dem Sennett die fast entfesselt daherkommende Mechanisierung des viktorianischen Zeitalters mit der automobilistischen Übermotorisierung der Gegenwart vergleicht, ergibt sich der Anknüpfungspunkt zu Ruskin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit grossem Vergnügen wird dessen Plädoyer für das Chaos des Handwerkers, welches sinnvoll, ja notwendig ist, &lt;i&gt;um seine Arbeitsverfahren besser zu verstehen&lt;/i&gt; und seine &lt;i&gt;sieben Anleitungen oder &quot;Leuchter&quot; für den verwirrten Handwerker und für jeden, der direkt mit der Herstellung materieller Objekte arbeitet&lt;/i&gt; zitiert. Fünf der &lt;i&gt;&quot;sieben Leuchter&quot;&lt;/i&gt; sind:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;&lt;ul&gt;  
&lt;li&gt;&quot;der Leuchter der Aufopferung&quot;: darunter versteht Ruskin (wie auch ich) die Bereitschaft, etwas um seiner selbst willen zu tun, also Hingabe;  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;&quot;der Leuchter der Wahrheit&quot;, der Wahrheit mit ihren &quot;ständigen Brüchen und Rissen&quot;; damit meint Ruskin Schwierigkeiten, Widerstand und Mehrdeutigkeit;  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;&quot;der Leuchter der Kraft&quot;, gezähmter, durch andere Maßstäbe als blinden Willen geleiteter Kraft;  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;&quot;der Leuchter der Schönheit&quot;, die für Ruskin eher im Detail, im Ornament zu finden ist als im großen Entwurf  handliche Schönheit;  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;[]  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;&quot;der Leuchter des Gehorsams&quot;, des Gehorsams gegenüber dem Beispiel, das ein Meister eher durch seine Praxis als durch einzelne Werke gegeben hat. Anders gesagt: Strebe danach, wie Stradivari zu sein, aber versuche nicht, seine Geigen zu kopieren!&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;

Ruskins &lt;i&gt;Ablehnung der Gegenwart&lt;/i&gt;, sein Eintreten für &lt;i&gt;das leidenschaftliche Verlangen nach einem verlorenen Freiraum&lt;/i&gt;, in dem der Handwerker &lt;i&gt;zumindest zeitweilig die Kontrolle verlieren&lt;/i&gt; darf, fasziniert Sennett. Dass er sich am Ende doch gegen Ruskins extreme Positionen wendet und &lt;i&gt;nicht den Kampf gegen die Maschine, sondern in der Arbeit mit ihr die radikale emanzipatorische Herausforderung&lt;/i&gt; sieht (Sennett bezeichnet dies als &lt;i&gt;aufgeklärtesVerständnis&lt;/i&gt;), dürfte eher rationalen Erwägungen geschuldet sein. Im weiteren Fortgang des Buches werden durchaus - mal versteckt, mal offen - Thesen Ruskins von Sennett adaptiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Jeder kann ein guter Handwerker werden&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine der Kernthesen im Buch, am Schluss fast hastig hervorgebracht (stark an Beuys erinnernd und diesen paraphrasierend, ohne ihn zu erwähnen) lautet, dass &lt;i&gt;nahezu jeder Mensch ein guter Handwerker werden könne.&lt;/i&gt; Statt dies jedoch beispielsweise anhand der &quot;Do-It-Yourself&quot;-Bewegung, die in den letzten Jahrzehnten nicht unerheblich zur Dekonstruktion einer Teils des professionellen Handwerks beigetragen haben dürfte, in dem sie Scharen von Hobbyheimwerkern ermöglichte, auszuführen, begründet er dies mit Schillers Spieltheorie. Im Spiel liege &lt;i&gt;der Ursprung des Dialogsden der Handwerker mit Materialien wie Ton und Glas führt&lt;/i&gt;. Im Spiel erkennt Sennett den Beginn des Übens. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vereinfacht bedeutet das: Wer spielen kann, kann auch handwerken. Im weiteren Verlauf werden dann die gängigen multiple-choice Intelligenztests, die  so Sennett - &lt;i&gt;problematisierendes Denken&lt;/i&gt; negativ bewerten und bei denen es &lt;i&gt;keine Zeit zum Nachdenken&lt;/i&gt; gibt, zu Gunsten der &lt;i&gt;Fähigkeit des Handwerkers in die Tiefe zu gehen&lt;/i&gt; verworfen. Damit soll von der Fixierung auf einen einzigen Wert wie beispielsweise dem Intelligenzquotienten abgerückt werden. Der Schluss, dass &lt;i&gt;Menschen mit einem IQ von 85durchaus mit denselben Problemen fertig werden wie die Masse der Intelligenteren&lt;/i&gt; ist allerdings kühn, auch wenn er mit der kleinen Einschränkung &lt;i&gt;nur etwas &lt;tt&gt;langsamer&lt;/tt&gt;&lt;/i&gt; versehen wird. Da kommt das zen-buddhistische &lt;i&gt;Versuche nicht, das Ziel zu treffen!&lt;/i&gt; als romantisches Trostpflaster vielleicht gerade recht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz der bereits erwähnten Detail- und Materialfülle, die sich allerdings häufig an Vergangenem orientiert, vermisst der Leser Aspekte des gegenwärtigen &quot;globalen Handwerkens&quot;. Sennett konstatiert richtigerweise, dass mit dem &lt;i&gt;technologischen Wandel&lt;/i&gt; seit Mitte des 19. Jahrhunderts für grosse Teilen der Arbeitnehmer nur die Alternative &lt;i&gt;Dequalifizierung oder Entlassung&lt;/i&gt; blieb. Dieser Prozess dürfte in den Industrienationen inzwischen weitgehend abgeschlossen sein, d. h. eine weitere Freisetzung von Arbeitskräften durch neue Technologien ist in grösserem Rahmen im Handwerk nicht mehr zu erwarten (im Dienstleistungssektor mag dies anders aussehen). Daher wäre es in einer Schrift über das Handwerk durchaus notwendig gewesen zu zeigen, wie das &quot;verbliebene Handwerk&quot; aus ökonomischen Gründen nun sukzessive in sogenannte Billiglohnländer ausgelagert wird und welchen Einfluss dies auf die Herstellungsprozesse, die Produkte  und den &quot;Konsum&quot; hat. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Achillesverse dieses Buches ist Sennetts fast kauzig-ablehnende Meinung über den Begriff der Qualität, der in die Nachbarschaft des so verteufelten Perfektionismus gestellt wird. Dabei ist in seiner am Ende vorgetragene Charakteristik des &lt;i&gt;guten Handwerkers&lt;/i&gt; implizit so etwas wie Qualitäts- und Fortschrittsdenken angelegt. Nur weil &quot;Qualität&quot; zwischenzeitlich als Floskel durch die Werbeindustrie vereinnahmt und instrumentalisiert wurde, ist es nicht einzusehen, warum ein peinlich genaues, präzises und hochwertiges Arbeiten, erreicht durch Üben, durch gelegentliches Scheitern, durch &quot;Versuch und Irrtum&quot;  warum ein solch qualitativ hochwertiges Produkt fast dämonisiert wird. Ausgerechnet dieser Punkt bleibt von einer genaueren Erörterung ausgespart. 

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-08-04T08:34:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102254/">
    <title>Richard Sennett: Handwerk</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102254/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Richard Sennett  Handwerk&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Richard Sennett  Handwerk&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Richard-Sennett-Handwerk.jpg&quot; /&gt;&lt;a href=&quot;http://demo.interred.de/goetter/goetter_35.php&quot;&gt;Hephaistos&lt;/a&gt;, Schmied und griechischer Gott des Feuers, war nicht nur &lt;i&gt;der Erfinder des Streitwagens&lt;/i&gt;, sondern auch &lt;i&gt;Erbauer sämtlicher Häuser auf dem Olymp&lt;/i&gt;. Er war der einzige Handwerker unter den griechischen Göttern. Aber Hephaistos ist gezeichnet: Er hat einen Klumpfuss. &lt;i&gt;Und in der antiken griechischen Kultur galten körperliche Missbildungen als Schande.&lt;/i&gt; Der Klumpfuss des Hephaistos  symbolisiert er bis heute &lt;i&gt;den gesellschaftlichen Wert des Handwerkers&lt;/i&gt;? Zeigt Homers Kapitel über Hephaistos in der &quot;Ilias&quot;, &lt;i&gt;dass die materielle häusliche Kultur den Wunsch nach Ruhm und Ehre niemals zu befriedigen vermag&lt;/i&gt;? Und hieraus speist sich  trotz der mittelalterlichen Hochphase der Zünfte (die ausführlich behandelt wird)  auch heute noch das Bild des Handwerkers? Und Pandora, jenes &lt;i&gt;&quot;reizende Mädchen&quot;&lt;/i&gt;, die mit ihrer Büchse immer auch als Mahnung für den &lt;i&gt;Zorn der Götter&lt;/i&gt; steht, als Gegenpol?       &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richard Sennetts &quot;Handwerk&quot;, das erste Buch einer Trilogie über &lt;i&gt;materielle Kultur&lt;/i&gt; (die anderen Bände sollen &quot;Krieger und Priester&quot; und &quot;Der Fremde&quot; heissen), ist mehr als eine Kultursoziologie des Handwerks. Es ist eine emphatisch-euphorische Schrift für all diejenigen, die &lt;i&gt;ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen und sie um ihrer selbst willen gut machen wollen.&lt;/i&gt; Das ist für Sennett die Definition des Handwerkers. &lt;i&gt;Sie üben eine praktische Tätigkeit aus, doch ihre Arbeit ist nicht nur Mittel zu einem anderen Zweck.&lt;/i&gt; Ob dieser Bestimmung bedarf es Sennetts Bekenntnis am Ende des Buches, ein Anhänger der philosophischen Denkschule des &lt;a href=&quot;http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=JPDRHY&quot;&gt;Pragmatismus&lt;/a&gt; zu sein, fast nicht mehr. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102259/&quot;&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-08-04T08:32:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5071073/">
    <title>Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5071073/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Heinz Bude  Die Ausgeschlossenen&quot; height=&quot;200&quot; alt=&quot;Heinz Bude  Die Ausgeschlossenen&quot; width=&quot;122&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Heinz-Bude-Die-Ausgeschlossenen.jpg&quot; /&gt;&lt;i&gt;Im Haus der Gesellschaft bewohnen beide Parteien ihre eigene Etage. Die einen müssen sich mit dem Parterre zufriedengeben, die anderen schielen auf die Beletage. Man ist sich fremd, aber keine der beiden Gruppen kann der anderen bestreiten, dass sie dazugehört. Die Ausgeschlossengibt es auf jeder Etage. Sie drücken sich herum, solange es geht, unten vermutlich länger als in der Mitte. [] Es kann aber passieren, dass ein Einzelner aufgrund eines &quot;kritischen Lebensereignisses&quot; ins Strudeln gerät undvor die Tür gesetzt wird. Nach und nach sammeln sich die Ausgeschlossenen im Flur und wissen nicht mehr, wohin sie gehören.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit diesem leicht resignativen Bild bilanziert &lt;a href=&quot;http://www.uni-kassel.de/fb5/soziologie/gesellschaftsanalyse/&quot;&gt;Heinz Bude, Professor für Makrosoziologie im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel&lt;/a&gt;, seine &lt;i&gt;öffentliche Soziologie&lt;/i&gt; &quot;Die Ausgeschlossenen&quot;. Ein Buch, so heisst es im Vorwort, dass &lt;i&gt;nüchtern&lt;/i&gt; darstellen will, &lt;i&gt;was Sache ist&lt;/i&gt; und explizit &lt;i&gt;nicht nach Vorschlägen&lt;/i&gt; sucht. Die Soziologie, so Bude, &lt;i&gt;beweist ihre Stärke immer noch an der Unbekanntheit des sozialen Objekts&lt;/i&gt;. (Des Objekts?) Weiter heisst es: &lt;i&gt;Sie erregt Aufmerksamkeit, wenn sie zeigen kann, dass die Dinge anders laufen, als man erwarten würde, und wie es geht, dass es so kommt, wie niemand es will.&lt;/i&gt; Nur dann begreife man &lt;i&gt;wirklich, dass das Ganze auch anders sein kann.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine merkwürdige Schlussfolgerung. Indem eine Beschreibung eines Zustands vorgenommen wird, begreift man, dass es auch anders sein kann? Aber wie anders? Ganz anders? Das bleibt das Buch schuldig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&quot;Soziale Exklusion&quot;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude entwickelt seine These von der &lt;i&gt;sozialen Exklusion&lt;/i&gt;. Damit sind nicht die seit jeher aus der Gesellschaft Gefallenen gemeint, jene &lt;i&gt;4 oder 5 Prozent sozial Verachteten&lt;/i&gt;, die &lt;i&gt;die Sozialstrukturanalyse auch in Zeiten von Vollbeschäftigung und Wohlfahrtsboom registriert hat.&lt;/i&gt; Die Definition der EU für soziale Exklusion, die Bude zitiert, ist sperrig. Demnach handelt es sich um einen &lt;i&gt;&quot;Prozess, durch den bestimmte Personen an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder durch ihre Armut bzw. wegen unzureichender Grundfertigkeiten oder fehlender Angebote für lebenslanges Lernen oder aber infolge von Diskriminierung an der vollwertigen Teilhabe gehindert werden.&quot;&lt;/i&gt;     &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff umfasst also deutlich mehr als blosse materielle Armut. Bude versteht darunter die &lt;i&gt;Art und Weise der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben&lt;/i&gt; und nicht nur &lt;i&gt;der Grad der Benachteiligung nach Massgabe allgemein geschätzter Güter wie Einkommen, Bildung und Prestige.&lt;/i&gt; Im Buch wird leider versäumt, diese &lt;i&gt;Teilhabe&lt;/i&gt; hinreichend zu präzisieren. Es gibt Leute, die zwei Urlaube im Jahr für notwendig erachten, zum &quot;teilzuhaben&quot;. Oder ein Mittelklasse notwendig erachten. Andere wiederum würden eher eine kostenlose Bildungsinfrastruktur bevorzugen. Wer legt die Kriterien für eine angemessene &lt;i&gt;Teilhabe&lt;/i&gt; fest? Dies nicht zu definieren, ist ein Fehler, der sich im Buch immer dann besonders rächt, wenn Bude seinen generalistischen Standpunkt zu Gunsten selbstkonstruierter Fallbeispiele verlässt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Deutschland 40% seien in einer &lt;i&gt;Zone der Sicherheit&lt;/i&gt;, während 20% &lt;i&gt;nicht ganz so sicher&lt;/i&gt; leben könnten. Mit rund 25% beziffert er den Anteil &lt;i&gt;instabiler Prekarität&lt;/i&gt; und 10% sind der &lt;i&gt;verfestigten Armut&lt;/i&gt; zuzurechnen. Letztlich stimmt er der These der Zweidrittelgesellschaft zu, obwohl er  trotz einer diagonstizierten gelegentlichen &lt;i&gt;Statuspanik&lt;/i&gt; - nicht in das allgemeine hysterische Tremolo verfällt und beispielsweise den Begriff der &quot;grassierenden Armut&quot; als Zustandsbeschreibung ablehnt. Die paradox anmutende Aussage &lt;i&gt;Die Armut wächst, aber den Leuten geht es besser&lt;/i&gt; beschreibt die These Budes, der die &lt;i&gt;transzendentale Obdachlosigkeit&lt;/i&gt; der entkoppelten Milieus der pekuniären Knappheit mindestens gleichrangig als Exklusionsmerkmal zur Seite stellt, präzise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Überflüssige und Entbehrliche&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gründe für die soziale Exklusion sind vielfältig. Zunächst wird die nicht unerhebliche Ausschliessung durch die &lt;i&gt;Hyperindustrialisierung&lt;/i&gt; angeführt. Vor Jahrzehnten begonnene, mit dem Begriff der &quot;Automation&quot; noch reichlich neutral benannte Rationalisierungen, schreiten unaufhörlich weiter. Es entstehen Scharen von &lt;i&gt;Überflüssigen&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Entbehrlichen&lt;/i&gt;, die  ein wenig plakativ formuliert - &lt;i&gt;sich mehr oder minder zufällig am falschen Ort befinden&lt;/i&gt; und unter Umständen &lt;i&gt;immer noch einer vergangenen Zeit nachhängen, als man den Wert der Arbeit danach bemass, wie dreckig die Hände waren.&lt;/i&gt;. Menschen, deren Fähigkeiten entweder nicht mehr benötigt werden, weil sie für die neuen Arbeitstechniken unzureichend sind oder weil es den Industriezweig nicht mehr gibt, der ihnen ein Auskommen bescheren sollte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Insbesondere am Niedergang der LPGs in der ehemaligen DDR hin zu den jetzigen bäuerlichen Grossbetrieben, die nur rund 10% der Arbeitskräfte (die &lt;i&gt;Übriggebliebenen&lt;/i&gt;) der &quot;abgewickelten&quot; Genossenschaften benötigen, zeigt Bude exemplarisch, wie Industrien innerhalb kürzester Zeit &quot;modernisiert&quot; werden und Massen von Arbeitskräften freisetzen, die in den Städten unsichtbare Ghettos bilden. Er nennt dies &lt;i&gt;Entprägung&lt;/i&gt; - ein Prozess, der keineswegs auf Ostdeutschland beschränkt bleibt, sondern beispielsweise bereits in den 80er Jahren im Ruhrgebiet stattfand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als weiteren Grund für die &lt;i&gt;Verstörung des modernen Fortschrittsglaubens&lt;/i&gt; nennt er die &lt;i&gt;unverstandenen Folgen der Migration&lt;/i&gt;. Zwar ist der &quot;Ausländeranteil&quot; in Deutschland mit 9% im Vergleich zu anderen Ländern relativ gering, aber die Geschwindigkeit der Einwanderung (alles ereignete sich &lt;i&gt;binnen zweier Generationen&lt;/i&gt;) und deren Folgen hat zu unbewältigten Friktionen geführt. Zum einen wirft Bude der Politik vor, keine dezidierte Einwanderungspolitik formuliert, die Staatsbürgerrolle der Migranten nicht früh genug definiert und keine aktive Integrationspolitik praktiziert zu haben. Zum anderen stellt er fest, dass die Migranten an sich keine homogene Gruppe bilden, sondern sich aus verschiedenen, oft miteinander konkurrierenden Ethnien zusammensetzen. Das zeige sich in einigen Brennpunkten in einer Art &lt;i&gt;Ethnorassismus&lt;/i&gt;, der sich auch auf die weiteren Generationen ausdehne, gegebenenfalls in eine &lt;i&gt;informelle Ökonomie des Drogenhandels&lt;/i&gt; (oder anderer Parallelwelten) münde und an den Schulen, insbesondere mit einem hohen Anteil &lt;i&gt;&quot;ndH&quot;&lt;/i&gt; (&lt;i&gt;&quot;nicht-deutscher Herkunft&quot;&lt;/i&gt;), zu problematischen Entwicklungen führe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&quot;Problembeladene Nachbarschaften&quot;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude vermeidet den Begriff des &quot;Ghettos&quot; und spricht von &lt;i&gt;&quot;problembeladenen Nachbarschaften&quot;&lt;/i&gt;, bei dem sich &lt;i&gt;die soziale Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft mit der bewussten Selbstausgrenzung von Einwanderungsgruppen mischt&lt;/i&gt;. Abgesehen davon, dass Bude dabei von einer Homogenität der Mehrheitsgesellschaft ausgeht, ist der Kern der Diagnose nicht ganz falsch. Tatsächlich wird die &lt;i&gt;Frage der ethnischen Zugehörigkeit für die Neusortierung der Bevölkerung von wachsender Bedeutung&lt;/i&gt;. Wie er dann später zeigt führt dies bei den deutschen &lt;i&gt;Jungmännern&lt;/i&gt; geradewegs in den politischen Extremismus, der sich als Auffangbecken der Karriereverweigerer (&lt;i&gt;Karriere ist nicht nur ein Versprechen, sondern zugleich eine Bedrohung&lt;/i&gt;) geriert (Bude beschränkt sich auf die Darstellung des Rechtsextremismus).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein bisschen plakativ ist der Bezug auf Sloterdijks Thesen zur Wut- und Zorngesellschaft (mit Rekurs auf Heinsohns Beobachtungen, den er merkwürdigerweise nicht einmal erwähnt). Wenn er vom &lt;i&gt;zügellosen Zorn&lt;/i&gt; Jugendlicher oder &lt;i&gt;geheiligte[n] Zornkollektive[n]&lt;/i&gt; spricht, die einen &lt;i&gt;Kult der spektakulären Lebensführung&lt;/i&gt; praktizieren und &lt;i&gt;sich über die Gesellschaft [] erheben, die ihre &quot;Väter&quot; zu den Überflüssigen, Ausgemusterten und Abgespeisten der neuen Verhältnisse&lt;/i&gt; gemacht haben, betreibt er nichts anderes als eine Psychologisierung. In dem die &lt;i&gt;Rückkehrpläne der Eltern&lt;/i&gt; gescheitert wären, erhebt Bude die nachfolgende(n) Migrantengeneration(en) zu &lt;i&gt;Virtuosen des Aufschneidens, Herablassens und Demütigens&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ambivalenz dieser Argumentation erkennt man leicht, wenn man das Rückkehrmotiv, dessen Scheitern zu &quot;rächen&quot; gilt, beiseite lässt und nun plötzlich auch eine Psychologie der Gesellschaftverweigerer deutscher Jugendlicher hat. Ein wenig schimmert eine Faszination für diese &lt;i&gt;Jungmänner&lt;/i&gt; durch, deren Attitüde, sich als eine &lt;i&gt;Avantgarde der neuen Zeit&lt;/i&gt; zu gebärden, durchaus wohlwollend erwogen zu werden scheint. Für das anstrengende &lt;i&gt;Leben im Zwischenreich von Autonomie und Isolation&lt;/i&gt; wider des &lt;i&gt;Komplott[s] aus Elternwünschen und Lehrerinnenempfehlungen&lt;/i&gt; [politisch korrekt ist die Schreibweise für &quot;Lehrer&quot; bei Bude immer &quot;Lehrerinnen&quot;; ohne Binnen-I, soviel Progressivität muss sein] werden durchaus Sympathien spürbar, auch wenn der attestierte Zorn sich in der Sabotage pädagogischer Angebote äussert, mindestens jedoch im &lt;i&gt;vorgeführten Desinteresse&lt;/i&gt; bildungsmüder Hauptschüler. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es sich bei dieser Widerborstigkeit letztlich um eine gehörige Portion Dummheit handeln muss, die Bildung ähnlich wie Teile der ungebildeten Unterschicht als eher störend empfindet  soweit geht er im Buch nicht.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wider einem rein funktionalen Bildungsbegriff&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude bürstet allerdings insbesondere hinsichtlich des Bildungsbegriffs sehr wohl gegen den Strich. Etwa, wenn er die &lt;i&gt;selbstgewisse[n] Klassifikateure von PISA&lt;/i&gt; ob ihres &lt;i&gt;technokratischen&lt;/i&gt;, rein funktionalen Bildungsbegriffs angreift, die &lt;i&gt;Testkategorien&lt;/i&gt; von PISA ob ihrer Realitätsbeständigkeit befragt und das allerorten so innig kultivierte Präjudiz, in Deutschland würde der soziale Status über die Bildungschancen entscheiden, in dieser Pauschalität nicht akzeptiert. Die &lt;i&gt;sekundäre Stigmatisierung&lt;/i&gt; einer Generation &lt;i&gt;durch eine Gemeinde von Bildungsforschern&lt;/i&gt; besiegele die &lt;i&gt;institutionelle Segregation dieser bildungspolitischen Problempopulationen&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude versucht am Rande das so bedenkenlos gepriesene Vorbild Finnland zu entzaubern. Ein kleines Land mit einem Migrantenanteil von ca. 2% (meistens Russen) habe schlichtweg andere Voraussetzungen. Zwar führe die eher kollaborative Ausrichtung der schulischen Bildung in Finnland zu grösseren Quoten, was die Hochschulreife angeht, aber Bude gibt zu bedenken, ob dies nicht mit einer gewissen Stromlinienförmigkeit &quot;erkauft&quot; wird, die beispielsweise ein &lt;i&gt;Anderssein&lt;/i&gt; eher als &lt;i&gt;Defekt&lt;/i&gt; sehe statt als Bereicherung.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar wird der Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und der Lesekompetenz in Deutschland von ihm nicht weggewischt. Viel stärker jedoch als diese Korrelation gewichtet Bude die kulturelle Praxis im Elternhaus, also ob überhaupt gelesen wird oder ob lesen zu Gunsten des Fernsehens verdrängt oder sogar als elitär abgelehnt wird. Wie er überhaupt die ehemals so genannte Vorbildfunktion des Elternhauses als wichtiger für die Prägungen ansieht als die &lt;i&gt;Berufsposition&lt;/i&gt; oder die &lt;i&gt;Migrationsgeschichte&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude beklagt weiter, dass selbst Handwerksbetriebe ihre Einstellungspolitik beispielsweise für angehende Auszubildende enorm verändert hätten und Hauptschüler, ja sogar Abgänger mit Mittlerer Reife kaum noch berücksichtigt würden. Den Grund hierfür, der auch zu dem von ihm beschriebenen &lt;i&gt;funktionale[n] Analphabetismus&lt;/i&gt; grosser Teile von Haupt- und teilweise auch Realschülern führt, nennt er nicht: Die experimentelle Bildungspolitik der 70er Jahre, die für eine exorbitante Steigerung der Abiturienten- und Mittlere Reife-Abgänger sorgte. Statt aber der Intention von Leuten wie Picht oder Dahrendorf zu folgen, nämlich die Bildung zu verbessern, wurde (durchaus im damaligen Zeitgeist angelegt) die &quot;Abiturientenquote&quot; zum Fetisch erhoben - allerdings auf Kosten des Niveaus, welches insgesamt abgesenkt wurde. Es war einfacher, die Anforderungen an die Schüler zu senken als die Bildungsanstrengungen beispielsweise durch kleinere Klassen (Mehranstellung von Lehrern) zu erhöhen. Mit der ideologisch überhöhten, gestiegenen Abiturientenquote begann nun ein Wettlauf, der sich in steigenden Formalqualifikationen sowohl bei der Aufnahme für einen Ausbildungsplatz als auch bei gewissen begehrten Studienfächern in Zulassungsbeschränkungen zeigte und in den aktuellen Anforderungsprofilen im heutigen Stellenmarkt seine Fortsetzung findet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Licht und Schatten&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vollkommen hinter den Erwartungen des Lesers zurück bleiben Budes Betrachtungen über die rund 1,5 Millionen alleinerziehenden Mütter in Deutschland mit Kindern unter 18 Jahren. Obwohl er auch hier konzidiert, dass die Zahlen über die &lt;i&gt;Lebenswirklichkeit&lt;/i&gt; täuschen, verfällt er in stereotype Bilder von Frauen, die, von Männern enttäuscht, lieber wieder ihr Leben alleine meistern wollen. Insbesondere hier agiert Bude stark mit deduktiven Schlüssen, die schnell ins platte Rollenklischee abrutschen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfrischend allerdings wieder der Gedanke, dass die &lt;i&gt;Leistungsindividualisten&lt;/i&gt;, die ihr &lt;i&gt;Sozialprestige&lt;/i&gt; beispielsweise über Bildung und Beruf (nicht den &quot;Job&quot;) generieren mit dem &quot;Prekariat&quot; in punkto Staatsferne, d. h. einer weitgehenden Entfremdung von Staat und Gesellschaft vereint sind  beide allerdings auf unterschiedliche Art und Weise. Leider führt er diesen Gedanke nicht weiter, obwohl er für die Entwicklung des demokratischen Staates von existentieller Bedeutung wäre. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bereits erwähnt, erweitet Bude den Begriff des &quot;Prekariats&quot; und macht ihn nicht ausschliesslich am finanziellen Status fest. Schnell wird deutlich, dass Geld alleine die Probleme nicht dauerhaft löst. Im Gegenteil: &lt;i&gt;Transformationen vom Wohlfahrtsstaat&lt;/i&gt; stellen für ihn eine &lt;i&gt;Züchtigung einer Kultur der Abhängigkeit&lt;/i&gt; dar, die den Leistungsempfänger zwar &lt;i&gt;ohne Furcht, aber auch ohne Hoffnung&lt;/i&gt; lässt. Dies führt unter Umständen mit der Zeit zu einer dem &lt;i&gt;Überleben dienliche[n] Cleverness&lt;/i&gt;, die entweder neue Einnahmequellen &quot;erfindet&quot; oder gar Anreize schafft, &lt;i&gt;sich einen wie auch immer gearteten Behindertenstatus zuzulegen&lt;/i&gt;. Auf diese Weise wird eine &lt;i&gt;positive Diskriminierung&lt;/i&gt; zur einzigen Einnahmequelle; ein Herauskommen aus der Situation wird weder angestrebt noch forciert.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Analyse einer Gesellschaft, die ihr desillusioniertes, staatsfernes, &lt;i&gt;instabiles Prekariat&lt;/i&gt; gesellschaftlich ausgrenzt (&lt;i&gt;Ausgrenzung hat Ausbeutung ersetzt&lt;/i&gt; zitiert Bude die französische Sozialwissenschaft) und ansonsten alleine lässt, ist immer dann lehrreich, wenn sie sich nicht psychologisierend oder in soziologischer Betroffenheitsrhetorik verfällt, was bedauerlicherweise ab und zu geschieht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider wird auch nicht deutlich genug klar, dass &lt;i&gt;soziale Exklusion&lt;/i&gt; durchaus kein Problem des Prekariats alleine darstellt. &lt;i&gt;Transzendentale Obdachlosigkeit&lt;/i&gt; und das Lebensgefühl &lt;i&gt;Spielball fremder Kräfte und Mächte&lt;/i&gt; zu sein, &lt;i&gt;auf die man doch keinen Einfluss hat&lt;/i&gt; gibt es sehr wohl auch in anderen Schichten und dürfte keine &quot;Exklusivität&quot; der Unterschicht bilden. Da ist es dann schade, dass sich Bude auf die blosse Beschreibung der Phänomene beschränkt hat. Denn jetzt erst würde es richtig aufregend: Wie kann eine derart von ihm beschriebene Gesellschaft politisch, sozial und ökonomisch weiter existieren, ohne irgendwann zu implodieren?  

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-07-20T12:31:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4758878/">
    <title>Jerzy Jedlicki: Die entartete Welt</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4758878/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Jerzy Jedlicki  Die entartete Welt&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Jerzy Jedlicki  Die entartete Welt&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Jerzy-Jedlicki-Die-entartete-Welt.jpg&quot; /&gt;Jerzy Jedlicki, Jahrgang 1930, Historiker an der Polnischen Akademie der Wissenschaften und spezialisiert auf Ideengeschichte, hat mit der Aufsatzsammlung &quot;Die entartete Welt&quot; ein aufschlussreiches Buch vorgelegt. Sein detailreicher, aber nie erdrückender Blick auf die Ideengeschichte des 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, speziell auf die &lt;i&gt;Degeneration d&apos;anglaise&lt;/i&gt;, deren Schilderung mehr als die Hälfte des Buches ausfüllt, ist erfrischend unaufgeregt. Da wird nicht in jedem dritten Satz eine Kontinuität in das 20. Jahrhundert hinein konstruiert, behauptet oder nachgewiesen. Jedlicki baut auf die geschichtsbewusste Kompetenz des Lesers und dessen Fähigkeit, Fäden aufzunehmen und ggf. weiterzuspinnen oder zu verwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn er  wie im Vorwort  die Brücke zur Neuzeit schlägt und feststellt, dass der &lt;i&gt;Begriff der &quot;Krise&quot; heute gnadenlos überstrapaziert wird&lt;/i&gt; und dadurch &lt;i&gt;seine klaren semantischen Konturen verliert&lt;/i&gt;, kommt dies nie als primitives Zeitgeistbashing daher  eher im Gegenteil. Jedlicki zeigt  speziell am Beispiel Englands und Frankreichs, dass ungefähr seit der industriellen Revolution parallel zu den enthusiasmierten, teilweise futuristisch oder anderswie ideologisch beeinflussten Fortschrittsgläubigen und hörigen heterogene Gegenbewegungen hervortreten, die in einer Mischung zwischen historisch argumentierendem Geschichtspessimismus, verzweifelten Restaurationsbemühungen (insbesondere der Romantiker, die Jedlinki als Gegenaufklärer begreift und mit denen er vergleichsweise scharf ins Gericht geht) und nihilistischen Weltuntergangsprophezeiungen das mehr oder weniger baldige Ende der Zivilisation und/oder Kultur befürchten (gelegentlich auch herbei zu beschwören scheinen).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der &quot;Diskurs über die Krise&quot; beginnt mit der Aufklärung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar wird auf hohem Niveau die praktisch seit Existenz der Schriftkultur messbare Zivilisationskritik in vielen (westlichen) Kulturen erläutert, Jedlicki plädiert aber nachdrücklich für eine klare zeitliche Abgrenzung des &lt;i&gt;Diskurses über die Krise&lt;/i&gt;. Von dem Zeitpunkt an, als die Menschen auf den Gedanken kommen und das Bewusstsein entwickeln &lt;i&gt;selbst ihre Geschichte [zu] machen&lt;/i&gt;, also in dem Moment, als &lt;i&gt;die Verantwortung des Menschengeschlechts oder zumindest seiner aufgeklärten Führer für diese Zivilisation und für Europa anerkannt wird&lt;/i&gt;, beginnt das, was er zusammengefasst &lt;i&gt;Degenerationder Fortschrittsidee&lt;/i&gt; nennt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese beginnt also mit der Aufklärung (und dem damit verbundenen sukzessiven Zurückweichen der Religionen) Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie ist unweigerlich mit der zunehmenden, später rasant sich entwickelnden Industrialisierung verbunden, dem &lt;i&gt;mechanischen Zeitalter&lt;/i&gt;, und wird durch sie befeuert. Einer der ersten, die im Menschen das &quot;entartete Tier&quot; sahen, war Rousseau. Auch für Schiller galt die &lt;i&gt;&quot;geistige Aufklärung&quot;&lt;/i&gt; bereits als &lt;i&gt;Verderbnis&lt;/i&gt;. Für andere war der Mensch des Fortschritts eine &lt;i&gt;&quot;moralisch recht primitive Spezies&quot;&lt;/i&gt; mit &lt;i&gt;&quot;schier unglaublichem&quot;&lt;/i&gt; - primär destruktiv empfundenen - &lt;i&gt;&quot;Potential&quot;&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zitate, die Jedlicki von den nachfolgenden &lt;i&gt;Katastrophisten und Utopisten&lt;/i&gt;, den Apokalyptikern mit ihren &lt;i&gt;negativen Obsessionen&lt;/i&gt;, den Kritikern von Ökonomie und Industrialisierung bringt, sind teilweise derart &quot;aktuell&quot;, dass sie  mit kleinen Abänderungen  auch heute noch mühelos in kapitalistisch-kulturkritische Feuilletons übernommen werden könnten. Ein Höhepunkt dieser Ideengeschichte ist natürlich Oswald Spengler und dessen &quot;Untergang des Abendlandes&quot;. Hier &lt;i&gt;verband sich das schwülstige, großsprecherische Pathos der deutschen Geschichtsromantik  deren harter, nietzscheanischer Variante jegliche Sentimentalität abging  mit dem prophetischen Grössenwahn eines Mannes, der absolut davon überzeugt schien, sein Werk löse alle Rätsel der Menschheitsgeschichte.&lt;/i&gt; Jedlicki greift hier eine der wenigen Male wertend ein. Er sieht den (kurzzeitigen [wirklich?]) Erfolg des Buches sowohl in dem Moment der ersten Veröffentlichung (der erste Band erschien 1918) als auch in einer Mischung eines &lt;i&gt;Mythos vom Untergang des Abendlandes&lt;/i&gt;, einer Beschwörung &lt;i&gt;preussische[r] Härte&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;mitreissende[m] Stil&lt;/i&gt;  kann aber mit dem Resultat wenig anfangen und hält das Buch letztlich für eklektizistisch an alte Thesen andockend, die entsprechend pointiert vorgebracht wurden.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Ein kultureller Wert in sich: unablässige Selbstkritik&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Résumé des Aufsatzes &quot;Drei Jahrhunderte Verzweiflung&quot; ergreift Jedlicki dann emphatisch Partei für die Zweifler und Grübler  ohne das Geschäft der Hysteriker betreiben zu wollen: &lt;i&gt;Die wie auch immer definierte Krise der Kultur ist nicht die Ausnahme, sondern ihr NormalzustandDas ist auch gut so  erwächst doch jeder Fortschritt aus Unglück, Entsetzen und Auflehnung. Aus der Auflehnung gegen die Hilflosigkeit der Menschen angesichts der Pest entstand die Medizin. Aus dem Entsetzen, dass sich unser Globus in eine stinkende Kloake verwandelt, entstanden die Umweltbewegung und ihre Erfolge. Aus dem Einspruch gegen Unterdrückung und Erniedrigung entstanden die Menschenrechte und die Humanität der Strafgesetzgebung. Aus dem Gefühl der Wertekrise entsteht der Wille zur Verteidigung dieser Werte, der nur dann zu einer Bedrohung wird, wenn er nach Perfektion strebt.&lt;/i&gt; Hierfür entwickelt Jedlicki den Topos der &lt;i&gt;segensreichen Krise&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter: &lt;i&gt;Dieser kontinuierliche Disput über die Gebrechen des Jahrhunderts, die moralischen Mängel der Moderne, die geistige Leere der technologischen Gesellschaft [mag] zwar gelegentlich monoton, naiv, voller Klischees und Stereotype sein&lt;/i&gt;, ist jedoch  laut Jedlicki  ein &lt;i&gt;kultureller Wert&lt;/i&gt; in sich. Freilich verwirft er eine Regression in einen &quot;Hoffnungsglauben&quot; aus Religionen. &lt;i&gt;Das wäre erst recht der Tod der europäischen Kultur, zu deren schönsten und hoffentlich unveräusserlichen Eigenschaften ihre unablässige Selbstkritik gehört&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in dem Essay &quot;Das negative Stereotyp des Westens&quot;, in dem Jedlicki die Interdependenzen zwischen der englischen und französischen Moderne auf der einen Seite und der Ablehnung dieser durch grosse Teile der polnischen Intelligenz auf der anderen Seite untersucht (man bekommt hier und in dem Beitrag &quot;Der Prozeß gegen die Stadt&quot; sehr schön auf knappstem Raum eine Übersicht über die polnische Gemütslage rekurrierend aus den historischen Traumata und gipfelnd noch heute in zyklisch auftretenden antimodernistischen und nationalistischen Phasen) steht am Ende, dass &lt;i&gt;unablässige Selbstkritik und Selbstzweifel konstante Merkmale&lt;/i&gt; der westlichen Kultur sind. Seit fast dreihundert Jahren (hier widerspricht sich der Autor ein bisschen) nehmen die Zeitgenossen (und nicht nur die Historiker) ihre Zeit auch als eine &lt;i&gt;Epoche der Krise, der fundamentalen Erschütterung der gesellschaftlichen Ordnung und der moralischen Werte&lt;/i&gt; wahr. &lt;i&gt;Man kann sagen&lt;/i&gt;, so Jedlicki, &lt;i&gt;dass die permanente Krise der Aggregatzustand der neuzeitlichen wissenschaftlich-technischen Zivilisation ist, die niemals einen Zustand des Gleichgewichts oder der Stabilisierung ihrer Institutionen, Theorien und Praktiken erreicht&lt;/i&gt;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Optimismus und Angst&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr informativ dann der bereits angesprochene, umfangreiche Beitrag über die &quot;Degeneration d&apos;anglaise&quot;. Jedlicki beschreibt von Anfang des 19. Jahrhunderts beginnend chronologisch und dezidiert die unterschiedlichen, kulturkritischen Strömungen hauptsächlich Englands  mit kleinen Ausflügen auf das französische Festland. Selbst auf dem Höhepunkt des viktorianischen Fortschrittsoptimismus wuchterten die Ängste und Obsessionen. Parallel zum Enthusiasmus wachsender Industrialisierung wuchsen die Abneigungen gegen diese Entwicklungen (die Worte begannen fast alle mit &quot;&lt;i&gt;De&lt;/i&gt; und sie werden akribisch aufgezählt). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da gab es diejenigen, welche die Arbeiter als entwürdigt und degradiert betrachten (was dann später im Marxismus gipfelte); die (diesem Denken verwandten) &lt;i&gt;Ängste der Philosophen&lt;/i&gt;; die Kritik eines William Morris, der die Wissenschaft (gemeint sind die Naturwissenschaften im weitesten Sinn) &lt;i&gt;zur Sklavin&lt;/i&gt; eines &lt;i&gt;widerlichen Buchhalter-, Drill- und Zwangssystems&lt;/i&gt; sah; die unterschiedlichen Interpretationen des Darwinismus (inklusive der Ablehnung desselben und der &quot;Weiterentwicklung&quot; zum &quot;Sozialdarwinismus&quot;); der Vorbehalte selbst honoriger Philosophen, Politiker und Intellektueller gegen das allgemeine Wahlrecht (die Ängste vor dem &quot;Pöbel&quot;; der Masse und deren Mitbestimmung); die teilweise hellsichtigen Prognosen von John Stuart Mill in Bezug bezüglich Massenkultur und Journalismus (das Aufkommen der Boulevard-Presse!); Aldous Huxleys Kritik eines ethischen Darwinismus; die Anfänge dessen, was man später als &quot;Eugenik&quot; bezeichnete  der Begriff, der damals jedoch eine ganz andere Konnotation hatte  kurz: Jedlicki fächert all die divergierenden Strömungen, Tendenzen und Ängste auf, widmet sich auch ausführlich der Bedeutung des Prozesses gegen Oscar Wilde und dessen Leiden an der Gesellschaft, referiert über Toynbees &quot;neuem Liberalismus&quot; (der das Gegenteil dessen ist, was wir heute darunter verstehen), zeigt die Dekadenz und die gefühlte Degeneration Frankreichs seit 1870 und streift den aufkommenden Anarchismus (und diese kursorischen Aufzählungen sind abermals nur ein Ausschnitt). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Exemplarisch: &quot;Entartung&quot; von Max Nordau&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Entartung&quot; hiess das Buch von Max Nordau (1895 in Englisch erschienen; zwei Jahre vorher auf Deutsch), welches Jedlicki zum Beispiel ausführlich bespricht. Nordau, Arzt, Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizist, in Budapest geboren, lebte in Paris und schrieb auf Deutsch. Er war einer der Mitbegründer der zionistischen Weltorganisation. Nordau ist &lt;i&gt;voller Bewunderung für die Erfolge der Naturwissenschaften&lt;/i&gt; und er war der Meinung, das &quot;Fin de siècle&quot;-Gefühl sei eine &lt;i&gt;Stimmungslage übersättigter Greise, die die Jugend um ihre Frische und Lebensfreude beneiden und daher versuchen, sie mit ihrem Pessimismus zu vergiften.&lt;/i&gt; Nordaus Furor richtet sich gegen &lt;i&gt;alle Künstler, die mit der Affirmation des Fortschritts in der Kulturphilosophie gebrochen hatten&lt;/i&gt;, begonnen mit Baudelaire, Gautier, Mallarmé, aber auch Verlaine, Tolstoi und Wagner, Wilde, Ibsen, Zola, Hauptmann, und viele andere. &lt;i&gt;In dieser Atmosphäre&lt;/i&gt;, so Jedlicki über Noraus Buch &lt;i&gt;blüht eine entartete, selbstverliebte Kunst  alle möglichen Mystizismen, Symbolismen, Pessimismen und Diabolismen&lt;/i&gt;. Nordau sah eine &lt;i&gt;&quot;geistige Volkskrankheit&quot;&lt;/i&gt;, eine &lt;i&gt;&quot;Art schwarze Pest von Entartung und Hysterie&quot;&lt;/i&gt;, sein Buch sei eine &lt;i&gt;&quot;Wanderung durch das Krankenhaus&quot;&lt;/i&gt;, wobei mit &quot;Krankenhaus&quot; &lt;i&gt;die gesamte europäische Kultur des Jahrhundertendes&lt;/i&gt; gemeint ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man ist schon geneigt, dieses Machwerk in den Orkus zu verbannen, aber &lt;i&gt;Nordau schloss seine Ausführungen mit einem furiosen Manifest, das ihn als Liberalen alten Stils zeigt: &quot;Wir besonders, die es uns zur Lebensaufgabe gemacht haben, alten Aberglauben zu bekämpfen, Aufklärung zu verbreiten, geschichtliche Ruinen vollends niederzureißen und ihren Schutt wegzuräumen, die Freiheit des Individuums gegen den Druck des Staates und der gedankenlosen Philister-Routine zu vertheidigen, wir müssen uns entschlossen dagegen wehren, daß elende Streber sich unserer theuersten Losungsworte bemächtigen, um mit ihnen Bauernfängerei zu treiben. Die &apos;Freiheit&apos; und &apos;Modernität&apos;, der &apos;Fortschritt&apos; und die &apos;Wahrheit&apos; dieser Bursche[n] sind nicht die unsrigen [ ] Daran mag Jeder die echten Modernen erkennen und von den Schwindlern, die ich Moderne nennen, sicher unterscheiden: wer ihm Zuchtlosigkeit predigt, der ist ein Feind des Fortschritts und wer sein Ich anbetet, der ist ein Feind der Gesellschaft. [] Die Emanzipation, für die wir wirken, ist die des Urtheils, nicht die der Begierden&quot;&lt;/i&gt;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nordaus Buch galt vielen damals als eines der wichtigsten Dokumente des europäischen &quot;Fin de siècle&quot;  und ist heute vergessen, allerdings aus einem Grund: Es ist eben gerade nicht &quot;gängig&quot; fortschrittskritisch, vielfach strukturkonservativ und individualismusfeindlich und dadurch nicht eindeutig &quot;zuzuordnen&quot;. Einhundert Jahre später waren die von Nordau kritisierten Künstler und Schriftsteller kanonisiert  und der Kritiker widerlegt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Bittere Genugtuung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter Zitation etlicher solcher nur Experten bekannten Werke wird deutlich, wie differenziert und vor allem kompliziert die Materie im Detail ist. Da ist nicht jeder, der das Wort &quot;Neger&quot; benutzt automatisch schon ein Rassist. Und nicht jeder, der in Wohltönen den Kapitalismus besingt und die Chancen ausmalt (und verklärt) per se ein Ausbeuter. Tatsache ist: Moderate Kritiken, wie die von Charles M. Pearson, die sich kritisch aber nicht destruktiv mit der Kultur auseinandersetzten und auch nicht einer gewissen Exaltiertheit anheim fielen, sind heute unbekannt  entweder wegen ihrer &quot;mangelnden Originalität&quot;, oder weil sie  für uns heute  schlichtweg auf der &quot;falschen Seite&quot; standen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jerzy Jedlickis zitiert aus vielen unterschiedlichen Schriften, ohne erhobenem Zeigefinger (ausser  gelegentlich einmal - bei denen, die schon damals alles besser wussten), so dass der Leser manchmal das Gefühl einer Art Zeitreise hat. Eines der (vielen) kleinen Pretiosen in seinem Buch ist die Analyse des Romans &quot;Die Zeitmaschine&quot; des heute noch bekannten Romanciers H. G. Wells.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und fast am Ende dieses Essays heisst es: &lt;i&gt;Der alte Traum der Liberalen, die Massen durch Bildung und Verbesserung der Lebensbedingungen schrittweise auf die Teilhabe an Kultur und Bürgerrechten vorzubereiten, [ging] auf ironische Weise in Erfüllung: in Form einer vom Kommerz entwerteten Kultur und einer von Demagogie korrumpierten Politik. Selbst der Sport [] unterlag der Kommerzialisierung []. Die Propheten des Niedergang hatten ihre bittere Genugtuung  hatten sie es doch schon immer gewusst.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alleine &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4758857/&quot;&gt;Jedlickis kurzer Aufsatz über Geschichte und Ausblick des europäischen Intellektuellen&lt;/a&gt; würde schon die Anschaffung des Buches lohnen. Insgesamt ist &quot;Die entartete Welt&quot; lehrreich, klug und verständlich geschrieben, dabei aber keinesfalls trivial. Wohltuend, dass der Autor jedem affektierten Alarmismus abschwört, aber im Zweifel für den Zweifel Partei ergreift. Jeder, der seine Weltuntergangsprophezeiungen noch &quot;perfektionieren&quot; möchte, sollte hier erst einmal nachschlagen  es gibt fast nichts, was nicht schon vor einhundert oder einhundertfünfzig Jahren prognostiziert wurde. 
&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Alle kursiv gedruckten Stellen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-04T19:51:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4479258/">
    <title>Die autoritäre Moderne - Paolo Flores dArcais schiesst auf Habermas und trifft sich...</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4479258/</link>
    <description>In der aktuellen Ausgabe der &quot;Zeit&quot; ist ein Aufsatz des italienischen Philosophen Paolo Flores dArcais auf Jürgen Habermas&apos; Aufsatzsammlung &quot;Zwischen Naturalismus und Religion&quot; mit dem wuchtigen Titel &lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/2007/48/Habermas?page=all&quot;&gt;&quot;Elf Thesen zu Habermas&quot;&lt;/a&gt; erschienen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot; Paolo Flores dArcais&quot; height=&quot;142&quot; alt=&quot; Paolo Flores dArcais&quot; width=&quot;185&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/-Paolo-Flores-dArcais.jpg&quot; /&gt;Weniger die Kritik als der Zeitpunkt überrascht. Schliesslich ist Habermas&apos; Buch vor mehr als zwei Jahren erschienen. Die von Flores d&apos;Arcais vorgebrachten Vorwürfe, Habermas würde die Moderne zu Gunsten einer verstärkten Religiosität opfern sind auch nicht neu. Warum also jetzt? Es dürfte kaum anzunehmen sein, dass der Autor bisher keine Zeit hatte, das Buch zu lesen. Vielmehr erscheint die Gelegenheit in Anbetracht des derzeit publizistisch vehement vorgebrachten &quot;neuen Atheismus&quot; günstig. Das Thema ist en vogue, die Bastionen der Religionen werden sturmreif geschossen und warum nicht quasi als Nebeneffekt gleich einen führenden Repräsentanten der europäischen Linken attackieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unabhängig davon, ob nun Habermas tatsächlich in grundsätzlicher Art einen Ruck zur Transzendenz vollzogen hat (&lt;a href=&quot;http://www.perlentaucher.de/buch/21806.html&quot;&gt;das deutschsprachige Feuilleton&lt;/a&gt; neigte dazu, dem seinerzeit zu widersprechen), kann man exemplarisch anhand &quot;These 7&quot; d&apos;Arcais&apos; Argumentation als reichlich überzogen aufzeigen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Habermas Aussage »Faire Regelungen können nur zustande kommen, wenn die Beteiligten lernen, auch die Perspektiven der jeweils anderen zu übernehmen« ist irrig. Warum sollten wir lernen, ausgesprochen antidemokratische Sichtweisen zu übernehmen, also uns zu eigen zu machen? Warum sollten wir uns auf den Standpunkt des Nazis, des Rassisten, des Fundamentalisten stellen?&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Flores d&apos;Arcais irrt  und das muss schon mit einigem Willen zum Irrtum verbunden sein  wenn er unterstellt, Habermas meine, dass die jeweils andere Perspektive in dem Sinne zu übernehmen sei, dass sie adaptiert, d. h. zugeeignet werden soll. Das ist sicherlich nicht der Fall. Aber im Rahmen von Habermas&apos; Modell (Idealzustand) des &quot;herrschaftsfreien Diskurses&quot; ist eine gewisse Einfühlung für die Thesen des anderen durchaus notwendig. Hier darf natürlich Empathie nicht mit Sympathie verwechselt werden. Und an den diskursethischen, zugegebenermassen reichlich theoretischen Imperativ, dass &quot;nur die Normen Geltung beanspruchen dürfen, die die Zustimmung aller Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden (oder finden könnten) sei in diesem Zusammenhang erinnert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Zwangssäkularisierung als Zugang zum Diskursraum?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das löst natürlich keinesfalls das Problem, wie mit notorischen Diskursverweigerern umzugehen ist. Und eigentlich ist die Diskusethik im Modell von Apel und Habermas selbst als blosses Verhandlungs- bzw. Verhaltensmodell den hohen Ambitionen nie gerecht worden. Aber per se die Moderne (wie immer man diese nun definiert) als Ausschlussgesellschaft für abweichende Strömungen zu verstehen, ist nichts anderes als autoritär. Bezogen auf Nazis oder Rassisten mag dies noch nachvollziehbar sein, und im Zweifel ist dann das Votum der Mehrheitsgesellschaft (mit allen Ambivalenzen allerdings  siehe unten) der &quot;Zustimmung aller Betroffenen&quot; vorzuziehen. Religiös argumentierende oder auch nur sich religiös gebende Diskursteilnehmer jedoch erst dann in die Moderne einzulassen, wenn diese ihren religiösen Vorstellungen (auch und vielleicht gerade, was moralische und ethische Fragen angeht) entsagen, sie also quasi in einem Zulassungsverfahren erst durch eine Zwangssäkularisierung in die (Diskurs-)Gesellschaft einzulassen (bei Flores d&apos;Arcais hat man sogar den Eindruck, dass ein Laizismus oktroyiert werden soll), ist ein zutiefst antidemokratischer Impuls. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Denken ist  das muss man der Fairness halber sagen  bei Flores d&apos;Arcais nicht neu. In einem Aufsatz aus dem Jahr 2005 mit dem alarmistischen Titel &lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/2005/04/Demokratie_USA?page=all&quot;&gt;&quot;Ist Amerika noch eine Demokratie?&quot;&lt;/a&gt; schreibt er: &lt;i&gt;Anhänger der liberalen Demokratie sind laizistisch, säkularisiert und pragmatisch.&lt;/i&gt; Eine interessante Aufzählung. Weiter heisst es  durchaus emphatisch: &lt;i&gt; Eine liberale Demokratie muss die Macht &lt;tt&gt;aller&lt;/tt&gt; Individuen sein.&lt;/i&gt;. Vehement setzt er sich für Kontrollinstitutionen der Machtausübung ein. Eine nicht eingebundene, kontrollierte, sozusagen &lt;i&gt;gefesselte&lt;/i&gt; Macht droht  so der weitergehende Schluss - irgendwann &lt;i&gt; in eine Diktatur des Konsenses, in freiheitsfeindlichen Populismus&lt;/i&gt; umzuschlagen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&quot;Die Diktatur des Konsens&quot;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Ambivalenz (und auch Widersprüchlichkeit) dieser These müsste man separat diskutieren. Mir gefällt der Begriff der &lt;i&gt;Diktatur des Konsenses &lt;/i&gt; nicht. Die Friedhöfe der Welt wurden über Jahrhunderte gefüllt von Herrschern, die den Konsens verachteten und ihre eigene Doktrin absolut setzten. Im 20. Jahrhundert brauchte man hierfür nicht mal mehr die Religionen, die entweder zum erbärmlichen Zuschauer (und somit indirekt wieder zum Täter) oder selber Gegenstand der Repression wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die weitere Fortsetzung der Argumentation, ob nun Amerika noch eine Demokratie ist oder nicht,  möchte ich nicht eingehen. Nur soviel: Der Spagat zwischen der Negation eines irgendwie gearteten &lt;i&gt;organischen Volkes&lt;/i&gt; - was er (richtigerweise) ablehnt  und seines Konstrukts eines &lt;i&gt;Ensemble[s] der streitenden Individuen&lt;/i&gt;, in dem auch Minderheiten ihre adäquate Position bekommen, dürfte schwer gelingen. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen zeigt sich Flores d&apos;Arcais übrigens nicht abgeneigt, als eine Art &quot;gutmütiger Diktator&quot; überall dort &quot;korrigierend&quot; einzugreifen, wo er Freiheitsrechte in seinem Sinn eingeschränkt sieht. Dem Teufelskreis, Freiheit durch partielle Einschränkung anderer &quot;Freiheiten&quot; zu befördern, vermag er auch hier nicht zu entgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zurück zur Habermas-Kritik. Wie will man aber das Religiöse (bzw. religiös argumentierende Bürger) in die Moderne bzw. in eine der Moderne verpflichtete, liberale, demokratische Gesellschaft einbinden, wenn man unterstellt, dass sie aufgrund ihrer Religiosität diesem Projekt a priori feindlich gesonnen sind? Bewegt man sich dann nicht in exakt jener Gesinnungskontrolle, wie sie beispielsweise vom Christentum und deren Institutionen jahrhundertelang selber praktiziert wurde? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Flores d&apos;Arvcais begibt sich damit auf die Argumentation der aggressiv daherkommenden Atheistenbewegung, die für sich aus der Geschichte eine Art ausgleichende Gerechtigkeit ableitet. Das ist ungefähr so, als wolle ein Vater seinem Kind nun auch einmal die Strafen auferlegen, die er von seinen Eltern bekommen hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Umgekehrt ist es natürlich richtig, dass die Gegner (man könnte sie auch  martialischer  als &quot;&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4450262/&quot;&gt;Feinde&lt;/a&gt;&quot; bezeichnen) der Demokratie eben diese Liberalität nicht zu dessen Aushebelung verwenden dürfen. Aber erreicht man dies durch den nivellierenden Gestus, beispielsweise alle religiösen Bürger von vornherein als Fundamentalisten zu brandmarken und vom Diskurs, also der Teilhabe auszuschliessen? Welcher Art wäre dieser Liberalismus, der  übertragen auf ein Gemälde - nicht nur den Rahmen dieses Gemäldes vorgeben will, sondern auch gleich noch die Motive und die Farbenkonstellation?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der kleinste gemeinsame Nenner&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie seltsam mutet es an, wenn Flores d&apos;Arcais meint, dass &lt;i&gt; alle  ob sie ein religiöses Empfinden haben oder nicht  den Anspruch auf ethische Wahrheit aufgeben&lt;/i&gt; sollen. Hieraus folgert er: &lt;i&gt;Im Streit um Werte müssen wir uns auf den kleinsten gemeinsamen demokratischen Nenner des Verfassungspatriotismus beschränken.&lt;/i&gt; Interessant, dass Flores d&apos;Arcais den Begriff des Verfassungspatriotismus, den Habermas zwar nicht erfunden, aber massgeblich weiterentwickelt hat, verwendet. Weiter heisst es: &lt;i&gt; Für alle anderen ethisch-politischen Wahrheiten gilt: Sie haben das volle Recht auf Artikulation, und sie dürfen selbstverständlich Leben und Verhalten motivieren. Aber als ein Argument im öffentlichen Diskurs gelten sie nicht.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Besonders weit kommt man mit dieser &quot;Norm&quot; allerdings nicht, insbesondere wenn es um moralische Problemstellungen geht. Auch bleibt unklar, wer die Verfassung konstituiert, auslegt und welche Werte ihr zugrunde liegen. Eine Verfassung entsteht nicht im luftleeren bzw. wertefreien Raum. Sollte sie zu allgemein gehalten sein, kann die Identifikation und Akzeptanz des Bürgers hierunter leiden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben mehrfach feststellen müssen, dass die profane &quot;Übertragung&quot; westlicher Vorstellungen beispielsweise auf bzw. in andere Kulturen nicht den gewünschten Effekt bringt, wenn diese nicht ausreichend verankert und mit Bestehendem kombiniert werden. Unter Umständen wird dem Westen sogar Kulturimperialismus vorgeworfen. Hinzu kommt: Rechtsgrundsätze, die nicht eine mindestens rudimentäre Verankerung im sozialen oder kulturellen Zusammenhang einer Gesellschaft haben, bleiben hohl und werden immer unterlaufen werden. Und grundsätzliche moralische Probleme löst Flores d&apos;Arcais mit einem Rekurs auf den &lt;i&gt;kleinsten gemeinsamenNenner&lt;/i&gt; auch nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Liberal = anything goes&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielleicht ist aber die Aussage &lt;i&gt; Das Wesen der liberalen Demokratie besteht in der Souveränität der Bürger, sich selbst das Gesetz zu geben&lt;/i&gt; wörtlich zu nehmen. Hier zeigt Flores d&apos;Arcais eindringlich, dass ihm an einer irgendwie gearteten sozialen Struktur von Individuen nicht gelegen ist. Bürger, die sich &lt;i&gt;selbst das Gesetzgeben&lt;/i&gt; und hierzu die Ermächtigung implizit haben, sind fast nur in einem sozial-anarchischen Raum vorstellbar, der, das ist zumindest historische Erfahrung, geradewegs in eine atomisierte, entstaatlichte Clan- bzw. Stammesgesellschaft mündet (bestes Beispiel ist Somalia). Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Flores d&apos;Arcais den Begriff des Liberalismus offensichtlich als schrankenloses &quot;anything goes&quot; definiert  in diesem Sinne den wirtschaftsliberalen Ökonomen, die im entfesselten Markt die Erfüllung sehen, entsprechend.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liest man sich Flores d&apos;Arcais&apos; Aufsatz genau durch, so geht es weniger um die Dekonstruktion von Habermas als Person, sondern er steht als Repräsentant einer als altmodisch empfundenen philosophischen Linken. Sein Angriff auf Habermas&apos; Vorbehalte hinsichtlich der Neuorientierung des Freiheitsbegriffs durch die Neurowissenschaften, ist arg stümperhaft und wirkt aufgesetzt. Es ist arg dneunziatorisch, jemanden aufgrund dezidierter Kritik an der Verwissenschaftlichung der Welt quasi den Stempel des reaktionären Wegbereiters der Restauration der Theologie zu schelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Warum das Kind mit dem Bade ausschütten?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Flores d&apos;Arcais treibt die Angst vor der Infiltration wissenschaftsfeindlicher und fundamentalistischer Religionsgruppen um, wie sie teilweise bereits in den USA massiv in die Gesellschaft eingedrungen ist. Diese Angst teilt er beispielsweise mit &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4308884/&quot;&gt;Dawkins&lt;/a&gt;. Sie ist nicht unberechtigt. Aber deswegen religiöse Bürger unter Generalverdacht zu stellen, ist falsch. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Habermas&apos; versucht (beispielsweise im Dialog mit Ratzinger) die gemässigten religiösen Kräfte mit in den säkularen Staat einzubinden und sie für ihn zu gewinnen. Das Projekt des reinen Verfassungspatriotismus scheint ihm auf Dauer für die Masse nicht attraktiv genug. Das Wort der &quot;Erlebnisarmut&quot; würde er sicherlich nicht benutzen, trifft aber wohl zu: Der Rechtsstaat wird entweder nur noch als Bedrohung betrachtet (siehe das aktuelle Thema der inneren Sicherheit) und/oder  manchmal gleichzeitig  als Korrektiv für die Verrechtlichung privater Lebensentwürfe aufgefasst. Er soll sich so weit wie möglich aus dem Privatleben des Bürgers zurückziehen  gleichzeitig jedoch durchaus Infrastruktur und andere Hilfen auf Bedarf zur Vefügung stellen. Diese in weiten Kreisen verbreitete Mentalität führt eher zu weniger Bindung und Empathie den Instanzen des Rechtsstaates gegenüber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Habermas will keinesfalls die staatliche Trennung von Religion und Kirche aufheben (von einem tatsächlich säkularen Staat ist Deutschland  bedauerlicherweise  noch weit entfernt). Er will aber die Religion als &quot;Steinbruch&quot;, vielleicht als eine Art Vitalitätsspritze verwenden. Und schliesslich muss der gläubige Bürger, der ja  streng genommen  nur Gott über sich sieht, an die Werte und Rechtsnormen des Staates herangebracht und für dessen Befolgung gewonnen werden. Ein Punkt, der in Anbetracht der Islamdiskussion (&lt;a &gt;Islamkonferenz&lt;/a&gt;) in Deutschland nicht ganz unwichtig ist. Diese Leute einer zwanghaften &quot;Religionsreinigung&quot; zu unterziehen und sie damit zu treuen Staatsbürgern zu vergattern, ist für Habermas nicht möglich. Und da hat er recht.

&lt;br /&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;b&gt;&lt;big&gt;FORTSCHREIBUNG 29.11.07&lt;/big&gt;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
In der aktuellen Ausgabe der ZEIT (Nr. 49 v. 29.11.07; S. 68) äussert sich Habermas (entgegen meiner Annahme) in einem kurzen Artikel mit dem Titel &quot;Babylonisches Stimmengewirr&quot;. Der Artikel ist derzeit nicht online. Ich zitiere kurz:

&lt;blockquote&gt;&quot;Ich selbst neige dazu, die politische Kommunikation im öffentlichen Raum für jeden Beitrag  in welcher Sprache auch immer er vorgebracht wird  offen zu halten. Die Zulässigkeit nicht-übersetzter religiöser Äußerungen in der Öffentlichkeit lässt sich nicht nur im Hinblick auf Personen begründen, die weder willens noch fähig sind, ihre Überzeugungen und ihren Wortschatz in profane und sakrale Anteile aufzuspalten. Es gibt auch einen funktionalen Grund dafür, dass wir die polyphone Komplexität der öffentlichen Stimmenvielfalt nicht vorschnell reduzieren sollten. Der demokratische Staat sollte weder Individuen noch Gemeinschaften davon abhalten, sich spontan zu äußern, weil er nicht wissen kann, ob sich die Gesellschaft nicht andernfalls von Ressourcen der Sinn- und Identitätsstiftung abschneidet. Warum sollten säkulare Bürger im &lt;i&gt;potentiellem&lt;/i&gt; Wahrheitsgehalt von Glaubensäußerungen nicht eigene, seien es verborgene oder unterdrückte Intuitionen wiedererkennen können?&quot;&lt;/blockquote&gt;

Er tritt jedoch dezidiert für eine &quot;Trennung von Staat und Kirche&quot; ein, wenn es um &quot;Institutionalisierte Beratungs- und Entscheidungsprozesse auf der Ebene der Parlamente, Gerichte, Ministerien und Verwaltunsgbehörden&quot; geht. Hierfür sei, so Habermas, &quot;eine Art Filter&quot; zwischen beiden Sphären erforderlich. &quot;Dieser Filter darf nur säkulare Beiträge aus dem babylonischen Stimmengewirr der öffentlichen Kommunikation passieren lassen&quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter heisst es:

&lt;blockquote&gt;&quot;Mögliche Wahrheitsgehalte religiöser Beiträge können nur dann wirksam in verbindliche Entscheidungen der Politik einfliessen, wenn irgendjemand sie aufgreift und in eine allgemein zugängliche Argumentation übersetzt.&quot;&lt;/blockquote&gt;

Politikentscheidungen müssen &quot;alle Bürger verstehen können&quot;, so die theoretische Maxime. Einer Gesetzgebung, die auf &quot;religiöse Argumente beharrt&quot; drohe in Tyrannei umzuschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Skeptisch äussert er sich auch dazu, wenn beispielsweise die Kirchen versuchen würden, über Appelle an &quot;das religiöse Gewissen&quot; Einfluss auf die Gesellschaft nehmen zu wollen und hierdurch die Säkularisierung unterhöhlen wollten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Antwort bleibt m. E. hinter der Erwartung zurück. Insbesondere wie die Sphäre der politischen Willensbildung (der öffentliche Raum) und dann nachher der institutionelle Raum (&apos;Prozessebene&apos;) derart scharf getrennt werden sollen, lässt Habermas offen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dezember-Heft der &lt;a href=&quot;http://www.blaetter.de&quot;&gt;&apos;Blätter für deutsche und internationale Politik&lt;/a&gt;&apos; wird mehr zu lesen sein. Hoffentlich auch online.
&lt;hr /&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2007-11-25T15:34:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/2377659/">
    <title>Ein Stückchen Stoff</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/2377659/</link>
    <description>Zum Zeitpunkt des Interviews von &lt;a href=&quot;http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EF6816D734A5C42A8A352CBB10367B7FA~ATpl~Ecommon~Scontent.html&quot;&gt;Frank Schirrmacher mit Alice Schwarzer&lt;/a&gt; war das &quot;&lt;a href=&quot;http://www.spiegel.de/unispiegel/schule/0,1518,425678,00.html&quot;&gt;Kopftuchurteil&lt;/a&gt;&quot; des Stuttgarter Verwaltungsgerichtes noch nicht gesprochen. Dort war am &lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/online/2006/28/kopftuchstreit&quot;&gt;7. Juli einer Lehrerin Recht gegeben worden&lt;/a&gt;, ihr Kopftuch auch weiterhin während des Unterrichts zu tragen. Die Richter erklärten das von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Annette_Schavan&quot;&gt;Annette Schavan&lt;/a&gt; vor einigen Jahren eilig geflickschusterte Schulgesetz, welches das Kopftuch für Lehrerinnen verbot (Vorbild war der &quot;Fall&quot; &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Fereshta_Ludin&quot;&gt;Fereshta Ludin&lt;/a&gt;) für unvereinbar mit dem Gleichheitsgebot, da in anderen weltlichen Schulen in Baden-Württemberg Nonnen in Ordenstracht problemlos unterrichten dürfen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ficht Frau Schwarzer nicht an. Sie meint am 04. Juli im erwähnten Interview mit Schirrmacher (überschrieben mit der markigen Feststellung &quot;Die Islamisten meinen es so ernst wie Hitler&quot;):&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt; Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Als Symbol ist es eine Art Branding, vergleichbar mit dem Judenstern.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Lektüre dieses Interviews zeigt einen nach wie vor ungebrochenen Missionsgeist von Frau Schwarzer. Nur halbwegs geschickt versucht sie Bedenken ihrer Einseitigkeit zu zerstreuen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt; Der Einwand, dies sei eine eurozentristische Einmischung, ist zynisch. Im Gegenteil: der Kulturrelativismus ist in meinen Augen ein Ausdruck von Verachtung der anderen. Was die Menschenrechte betrifft, gilt für uns alle der gleiche Maßstab.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Maßstab bedeutet bei ihr vermutlich: Sie sieht im Kopftuch per se die Unterdrückung der Frau dokumentiert. Auf die Idee, dies &lt;i&gt;eventuell auch&lt;/i&gt; als selbstbewussten und freiwilligen Ausdruck einer bestimmten Haltung anzusehen, kommt sie gar nicht. Mit dem gleichen Impetus müsste sie natürlich auch die Ordenstracht diverser Ordensschwestern angreifen, denn auch hier ist die Frau ja &quot;unterdrückt&quot;  das unterlässt sie aber merkwürdigerweise. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstaunlich, wie in einer sich so liberal gebenden Demokratie ein Stückchen Stoff unvermutet(?) kämpferische Kräfte weckt. Schade ist dabei nur, dass der Balken im eigenen Auge so oft übersehen wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Diskussion wird leider oft genug von beiden Seiten unverhältnismässig geführt. Wenn Frau Ludins Aussage, sie fühle sich &quot;kurz vor dem Holocaust&quot; stimmen sollte, ist dies genau so eine Entgleisung wie der Vergleich des Kopftuchs mit dem Judenstern. Die Lösung wäre, der Staat würde seine (nicht konsequent umgesetzte) weltanschauliche Neutralität in einen Laizismus umwandeln. Vielleicht wird dann endlich einmal das &lt;a href=&quot;http://www.jura.uni-sb.de/Entscheidungen/Bundesgerichte/kruzifix.html&quot;&gt;&quot;Kruzifix&quot;-Urteil&lt;/a&gt; des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt und sämtliche religiöse Symbolik dahin verbannt, wo sie hingehört: ins Private.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-07-19T07:12:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1710176/">
    <title>Am Pranger</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1710176/</link>
    <description>In schöner Regelmässigkeit kommt das Thema des aussterbenden Deutschland auf die Agenda. Aktueller Anlass diesmal ist der Rentenbericht der Bundesregierung, der zum ersten Mal seit Jahren feststehende Fakten nicht mehr leugnet (Adenauers Diktum Kinder kriegen die Leute immer stimmte schon zum Zeitpunkt, als er es aussprach, 1957, nicht mehr) und die Veröffentlichung eines Buches des Diskurs-Trendsetters Frank Schirrmacher (FAZ-Herausgeber) nebst entsprechendem Product placement beim Dampfplauderer Beckmann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot;BILD&quot;-Zeitung v. 17.3.06: Am mittelalterlichen Pranger = schäbiger Journalismus&quot; height=&quot;264&quot; alt=&quot;&quot;BILD&quot;-Zeitung v. 17.3.06: Am mittelalterlichen Pranger = schäbiger Journalismus&quot; width=&quot;400&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/1-1-frauen-baby-home.jpg&quot; /&gt;Die Pseudo-Fakten sind nicht neu aber mit jeder zyklischen Sautreibung durchs Mediendorf Deutschland wird der Umgangston rauer: Heute prangert BILD auf der ersten Seite Deutschlands Super-Frauen an: Ohne Kinder mehr Erfolg?, gefolgt von Bringt ein Baby den Karriere-Knick? Als müsse man seine persönlichen Lebensentwürfe rechtfertigen. Schäbige Kreaturen, die den Berufsstand des Journalisten da täglich neu desavouieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber selbst seriöse Geister wie Professor Raffelhüschen weisen den heute 30-50jährigen die Schuld zu, dass ihre Rente in der Zukunft drastisch gekürzt werden muss  hätten sie doch für die nötigen Kinder nicht gesorgt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Kanon stimmen jetzt fast alle ein (man nennt das Nachplappern von Halbwahrheiten auch Zeitgeist), aber leider wird dabei verschwiegen, wo denn die Arbeitsplätze sein sollen, die von den Kindern der 30-50jährigen besetzt werden bzw. in Zukunft besetzt werden sollen, wenn Unternehmen gleichzeitig in atemberaubenden Tempo Rationalisierungen vornehmen, die auch vor dem vor zehn Jahren noch gepriesenen Wachstumsmarkt Dienstleistungen nicht mehr Halt machen. Vor diesem Hintergrund verkommt das Mantra von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen mit Kindern zur hohlen Floskel  man sehe sich die Arbeitslosenzahlen im Osten Deutschlands an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gipfel der vulgär-primitiven Kausalitätskette ist das Gerede von einer familienfreundlichen Politik, die  das erfährt man nach wenigen Minuten dann  letztlich aus einer Vergabe finanzieller Mittel nach dem Giesskannenprinzip wie beispielsweise einer Erhöhung des Kindergeldes besteht. Nicht nur, dass diese Massnahmen seit Jahrzehnten nicht fruchten (sic!), weil das Geld, welches den Haushalten zur freien Verfügung gestellt wird, natürlich nicht zweckgebunden ist, der Staat sich jedoch zusätzlich parallel immer mehr aus entsprechenden Infrastrukturen zurückzieht, sondern auch die unleugbare Tatsache, dass es mindestens seit 68 nicht mehr alleiniger Lebensentwurf von Frauen ist, zu gebären, wird dabei übersehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da die Durchökonomisierung gesellschaftlicher Prozesse auch vor diesem Thema nicht stoppt, wird flugs postuliert, wie viel ein Kind heute kostet, nämlich ein Einfamilienhaus (wie ich es neulich in einer Diskussion  unwidersprochen - gehört habe). Belege, wie diese Rechnung zustande kommt, sind Fehlanzeige, aber als Argument für einen eventuelle steuerliche Mehrbelastung Kinderloser dient es allemal  leider vergessend, dass dies bereits heute der Fall ist, während geringverdienende Familien mit Kindern so gut wie gar keine Steuern mehr bezahlen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geradezu absurd sind die Forderungen regressiver Kräfte, die Rentenkürzungen bei Kinderlosen vorschlagen. Mit diesem populistischen Unsinn, hervorgebracht von politischen Erstklässlern, wird nicht nur das grundgesetzlich geschützte Gleichheitsprinzip verletzt, sondern schlichtweg der Tatbestand, dass Familienpolitik über Steuerpolitik betrieben wird und betrieben werden muss und nicht über Sozialversicherungssysteme sanktioniert werden kann, geleugnet. Da so dumm kaum jemand sein kann, steckt Methode dahinter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Diskussion wird schnell wieder abebben, aber Stigmatisierungen werden bleiben und bei nächster Gelegenheit fortgeschrieben. Frau von der Leyens Berufung ist kein Zufall, sondern ist ein Zeichen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei sind durchgreifende politische Lösungen bis auf weiteres nicht zu erwarten, da dies grundlegende und dauerhafte gesellschaftliche Veränderungen bedeuten würde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kinderglaube, man gebe den Leuten nur Geld in die Hand und alles andere werde dann schon, müsste endlich aufgegeben werden. Statt Rückzug des Staates wäre das Gegenteil notwendig (freilich mit der notwendigen Vorsicht, dass dieser dann nicht indoktriniert). Man könnte beispielsweise diejenigen, die von familienfreundlicher Politik reden, einmal fragen, warum es denn immer noch flächendeckend an Ganztagsschulen mangelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in der nächsten Diskussion werden die Politiker, die die Kinderlosigkeit beklagen von den Arbeitnehmern u. a. Flexibilität mit Wohnortwechseln erwarten, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Gleichzeitig sollen sie konsumieren, privat vorsorgen und  natürlich!  Familien gründen. Weltfremder und realitätsferner kann es kaum noch zugehen.

&lt;hr /&gt;
&lt;i&gt;Da ein Teilnehmer seine Kommentare zum Thema, die sehr interessant waren, zurückgezogen hat (und hierauf ein anderer Diskutant ebenfalls von seinem Löschrecht teilweise Gebrauch machte), habe ich die Diskussion hier als PDF eingefügt. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in ähnlicher Lage immer entsprechend entscheiden werde. Wer hier also kommentiert, sollte beachten, dass seine Kommentare trotz Löschung rekapituliert werden. Schliesslich schreibt man hier ja anonym. Und wer seine Kommentare löscht, auf die andere bereits geantwortet haben und dies ohne Einverständnis mit den anderen, dessen Kommentarmöglichkeit behalte ich mir vor, abzuschalten.&lt;br /&gt;
&lt;/i&gt;&lt;a title=&quot;Kommentare Am Pranger - Stand 18.3.06 - 15.30 Uhr&quot; href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/files/Kommentare-Am-Pranger-/&quot;&gt;Kommentare-Am-Pranger-&lt;/a&gt; (pdf, 59 KB)</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-03-17T11:59:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1664375/">
    <title>Das Manifest: &quot;Gegen den neuen Totalitarismus&quot;</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1664375/</link>
    <description>In der vergangenen Woche veröffentlichten zwölf Schriftsteller und Intellektuelle in einer französischen Satirezeitschrift ein Manifest, welches &lt;a href=&quot;http://www.welt.de/data/2006/03/02/853424.html&quot;&gt;hier zitiert wird: &lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;&lt;b&gt;Gegen den neuen Totalitarismus&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem die Welt den Faschismus, den Nazismus und den Stalinismus besiegt hat, sieht sie sich einer neuen weltweiten totalitären Bedrohung gegenüber: dem Islamismus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir Schriftsteller, Journalisten, Intellektuellen rufen zum Widerstand gegen den religiösen Totalitarismus und zur Förderung der Freiheit, Chancengleichheit und des Laizismus für alle auf. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die jüngsten Ereignisse nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen zeigt die Notwendigkeit des Kampfes für die universellen Werte. Dieser Kampf kann nicht mit Waffen, sondern muß auf dem Feld der Ideen gewonnen werden. Es handelt sich nicht um ein Aufeinanderprallen der Kulturen oder einen Gegensatz von Okzident und Orient, sondern um einen weltweiten Kampf der Demokraten gegen die Theokraten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie alle Totalitarismen nährt sich der Islamismus aus der Angst und der Frustration. Auf diese Gefühle setzen die Haßprediger, um mit ihren Bataillonen eine Welt der Unfreiheit und Ungleichheit zu erzwingen. Wir aber sagen laut und deutlich: Nichts, nicht einmal Verzweiflung, rechtfertigt Massenverdummung, Totalitarismus und Haß. Der Islamismus ist eine reaktionäre Ideologie. Überall, wo er sich breit macht, zerstört er Gleichheit, Freiheit und Laizismus. Wo er erfolgreich ist, führt er nur zu einer Welt des Unrechts und der Unterdrückung: Der Frauen durch die Männer und aller anderen durch die Integristen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir lehnen den &quot;kulturellen Relativismus&quot; ab, der im Namen der Achtung der Kulturen und der Traditionen hinnimmt, daß den Frauen und Männern der muslimischen Kultur das Recht auf Gleichheit, Freiheit und Laizität vorenthalten wird. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir weigern uns, wegen der Befürchtung, die &quot;Islamophobie&quot; zu fördern, auf den kritischen Geist zu verzichten. Dies ist ein verhängnisvolles Konzept, das die Kritik am Islam als Religion und die Stigmatisierung der Gläubigen durcheinanderbringt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir plädieren für allgemeine Meinungsfreiheit, damit sich der kritische Geist auf allen Kontinenten gegen jeden Mißbrauch und gegen alle Dogmen entfalten kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir richten unseren Appell an die Demokraten und freien Geister aller Länder, damit unser Jahrhundert eines der Aufklärung und nicht eines der Verdummung wird. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Ayaan Hirsi Ali, Chahla Chafiq, Caroline Fourest, Bernard-Henri Lévy; Irshad Manji, Mehdi Mozaffari, Maryam Namazie, Taslima Nasreen; Salman Rushdie, Antoine Sfeir, Philippe Val, Ibn Warraq. &lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;sub&gt;Aus dem Französischen von Jochen Hehn.&lt;/sub&gt; &lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;hr /&gt;&lt;br /&gt;


Dieses Manifest ist ein Zeugnis für Sprach- und Konzeptionslosigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterzeichner appellieren an den kritischen Geist, den sie vor lauter Selbstgewissheit nicht mehr haben. Sie sind befangen in ihrer Argumentation, da sie von der Richtigkeit ihrer Vorstellungen zutiefst überzeugt sind. Feindbilder schmieden zusammen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige von ihnen sind unmittelbar von Extremisten bedroht bzw. wurden bedroht. Menschlich sind die artikulierten Ängste verständlich. Aber gibt keine kritische Auseinandersetzung, sondern nur eine Beschimpfung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Implizit werden Muslime als dumm dargestellt. Die sozialen und politischen Verhältnisse, die die Massen in die Arme dieses Systems führt, werden ausgeblendet. Es wird keine Hand an die gemässigten Führer gereicht, sondern den Extremisten wird noch mehr Öl geliefert, mit dem sie ihr Feuer am Leben erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der fragende Muslim assoziiert mit Demokratie die Bilder von Folteropfern in Abu Graib und den Gefangenen in Guantánamo. Das haben sie zu Hause auch; die Attraktivität dieses Freiheitsbegriffes hält sich in Grenzen.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kultureller Relativismus wird abgelehnt. Das ist gleichbedeutend mit einer territorialen Hegemonialstellung westlicher Werte. Etwas anderes sagen die Verfechter einer Leitkultur auch nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man ruft zum Widerstand auf. Aber wo soll denn dieser Widerstand stattfinden? Soll ich der türkischen Frau auf der Strasse das Kopftuch herunterreissen? An wen richtet sich dieses Manifest? Ausser an diejenigen, die sowieso nicht gemeint sind. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in dem zum Widerstand gegen den religiösen Totalitarismus aufgerufen wird, ermöglichen sie der Gegenseite mit dem gleichen Argument wider einen ökonomischen oder laizistischen oder ökonomisch-laizistischen Totalitarismus aufzurufen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Dokument selektiver Wahrnehmung. Die Ausblendung all dessen, was nicht in das ideologische Konzept passt.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Moderne+und+Postmoderne&quot;&gt;Moderne und Postmoderne&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-03-07T11:14:00Z</dc:date>
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