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    <title>Begleitschreiben (&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl)) : Rubrik:Moderne und Postmoderne</title>
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    <description>&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl)</description>
    <dc:publisher>Gregor Keuschnig</dc:publisher>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:date>2009-12-15T17:44:04Z</dc:date>
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    <title>Begleitschreiben</title>
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    <title>Frank Schirrmacher: Payback</title>
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    <description>&lt;img title=&quot;Frank Schirrmacher  Payback&quot; height=&quot;317&quot; alt=&quot;Frank Schirrmacher  Payback&quot; width=&quot;201&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Frank-Schirrmacher-Payback.jpg&quot; /&gt;In den 1980er Jahren verdichtete sich insbesondere in linksintellektuellen Kreisen die Furcht, ja Angst, vor einer staatlich kontrollierten und regulierten Welt, einer Art &quot;Überwachungsstaat&quot; gemäß dem Schreckensbild des Ende der 40er Jahre geschriebenen Buches &quot;1984&quot; von George Orwell. In der Bundesrepublik bekamen die Vorbehalte durch eine geplante Volkszählung zusätzliche Nahrung (wobei im Vergleich mit den heutigen technischen Möglichkeiten die Ängste von damals geradezu putzig erscheinen). Frank Schirrmacher zitiert in seinem Buch &quot;Payback&quot; eine Stelle aus Neil Postmans Buch &quot;Wir amüsieren uns zu Tode&quot; aus dem Jahr 1985, in dem dieser die Differenz zwischen Orwells &quot;1984&quot; und dem anderen, visionär-schaurigen Roman des 20. Jahrhunderts, Aldous Huxleys &quot;Schöne neue Welt&quot;, herausarbeitet:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;&quot;Orwell warnt davor, dass wir von einer von außen kommenden Macht unterdrückt werden. Aber in Huxleys Vision braucht man keinen Großen Bruder, um die Menschen ihrer Autonomie, Vernunft und Geschichte zu berauben. Er glaubte, dass die Menschen ihre Unterdrückung lieben und die Technologien bewundern werden, die ihnen ihre Denkfähigkeit nehmen. Orwell hatte Angst vor denjenigen, die Bücher verbieten würden. Huxley hatte Angst davor, dass es gar keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten. In &apos;1984&apos; werden Menschen kontrolliert, indem man ihnen Schmerzen zufügt. In der &apos;Schönen neuen Welt&apos; werden Menschen kontrolliert, indem man ihnen Freude zufügt.&quot;&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schirrmacher fügt hinzu: &lt;i&gt;Huxley ist damit unserer Gegenwart ein wenig nähergekommen als Orwell.&lt;/i&gt;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Keine reaktionär-primitive Kulturkritik&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles nur Altherrengestöhne, wie uns (scheinbare) Heroen des Zeitgeists beruhigen wollen und den 50jährigen Schirrmacher, der mit entwaffnendem Gestus seine mediale Überforderung eingesteht, mit seinen eigenen Worten aus dem (intellektuellen) Verkehr ziehen wollen? Alles nur Panikmache, wenn Schirrmacher durch die gänzlich intransparente Weiterverwendung der von ihm durch die Nutzung diverser Software zur Verfügung gestellten Daten einen Kontrollverlust über sich selber befürchtet? Oder betreibt da jemand unter dem Deckmäntelchen der Kulturkritik hübsch verbrämten, aber knallharten Lobbyismus für &quot;sein&quot; Leitmedium, die Zeitung, denn schließlich ist er Mitherausgeber der &quot;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&quot;?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese fast verleumderischen Bezichtigungen dokumentieren en passant ein paradoxes Verständnis von Kulturkritik und Technikfolgenabschätzung. Plötzlich gilt  verkehrte Welt! - Affirmation als progressiv während Kritik pauschal als reaktionär denunziert wird. Fast fühlt man sich bei neuen Religionsstiftern der Internetglückseligkeit an die (italienischen) Futuristen erinnert (da fehlt auch das &quot;Manifest&quot; nicht) oder mindestens an die geballte Professorenschar der 1960/70er Jahre, die uns mit den sicheren Atomkraftwerken die Lösung aller Energieprobleme versprachen und Kritiker noch Jahrzehnte später als Fortschrittsverweigerer denunzierten. Bei genauer Lektüre des Buches schnappen diese rüden Beißattacken ins Leere. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus anderen Gründen sollte man Schirrmachers Deutungen und Schlüsse dennoch zumindest distanziert betrachten. Davor jedoch ist es dringend erforderlich, die unterschiedlichen Argumentationsebenen, die vom Autor immer wieder (durchaus geschickt) vermengt werden, zu trennen. Natürlich ist die bereits erwähnte freimütig eingestandene Überforderung, die sich im fast flehentlich vorgebrachten ersten Satz &lt;i&gt;Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin&lt;/i&gt; entlädt bei näherer Betrachtung arg kokett. Wer nämlich den &lt;i&gt;geistigen Anforderungen&lt;/i&gt; nicht mehr gewachsen ist, dürfte auch nicht (mehr) in der Lage sein, ein solches Buch zu schreiben. Die persönliche Ebene, die Schirrmacher immer wieder ins Feld führt, dient also primär rhetorischen Zwecken (indem er sich mit dem Leser, der längst ähnlich empfindet, dies jedoch bisher nicht auszusprechen wagte, &quot;gemein&quot; macht).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schirrmacher ist dem Strom der Informationen über Fernsehen, Radio, Internet, SMS, Mails, Tweets, Anrufen nicht mehr gewachsen. Er schließt dabei  nicht ganz unberechtigt  von sich auf andere und macht eine &lt;i&gt;Informationsexplosion&lt;/i&gt; aus, die unsere Wahrnehmung verändert und gleichzeitig in eine &lt;i&gt;ständige Alarmbereitschaft&lt;/i&gt; (eine Art permanente Nervosität) versetzt. Seine Kernthesen: &lt;i&gt;Informationen kostet Aufmerksamkeit&lt;/i&gt; (ein schönes, sich erst später erschließendes Wortspiel, welches suggeriert, dass die im allgemeinen &quot;kostenlos&quot; flottierenden Informationen nicht &quot;kostenlos&quot; sind und dieses Attribut fälschlicherweise nur pekuniär verstanden wird). Hieraus folgt verschärfend: &lt;i&gt;Informationen fressen Aufmerksamkeit&lt;/i&gt;. Und wir werden vom Strom der Informationen derart stark abgelenkt, dass wir zu deren Verarbeitung gar nicht mehr in der Lage sind (was zeitliche und kognitive Ursachen hat). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptursache dieser Überproduktion von Informationen: Das Internet  ein gewaltiger Beschleunigungsapparat, den Schirrmacher trotzdem nicht per se verteufelt, denn selbst &lt;i&gt;die schlechtesten Texte im Internet haben vermutlich nicht die gleiche verheerende Wirkung wie der Trash im Privatfernsehen oder visuelle Streams im Netz&lt;/i&gt;. Und weiter: &lt;i&gt;Wenn es um die Verkrüppelung geistiger und emotionaler Fähigkeit geht, dann bliebt das Billig-Fernsehen bis auf Weiteres ungeschlagener Spitzenreiter&lt;/i&gt;. Das Internet &quot;verblödet&quot; also den Menschen nicht; zu einer solchen Plattitüde lässt sich Schirrmacher nicht hinreißen. Wir werden allerdings, so die These, mittelfristig &lt;i&gt;zu anderen Intelligenzen&lt;/i&gt;; Fragen, die wir heute noch stellen, kommen uns vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr in den Sinn. Wir verlernen, &lt;i&gt;den Überblick zu behalten&lt;/i&gt; (und immer wieder führt Schirrmacher die aktuelle Wirtschaftkrise als Beleg für seine Thesen an  hier hätten die Datenjunkies jämmerlich versagt). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Multitasking ist Körperverletzung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit aller Macht stemmen wir uns gegen diese Überforderung - durch das vielbeschworene &quot;Multitasking&quot;, d. h. das gleichzeitige Arbeiten und Agieren, aber Schirrmacher weiß: &lt;i&gt;Vieles spricht dafür, dass Multitasking Körperverletzung ist&lt;/i&gt;. Er nennt diese scheinbar so notwendige Eigenschaft des Informationsarbeiters des 21. Jahrhunderts &lt;i&gt;eine Art digitaler Taylorismus mit sadistischer Antriebsstruktur.&lt;/i&gt; Indem der Mensch zum Multitasking sozusagen &quot;vergattert&quot; wird (entweder durch berufliche Vorgaben oder einer Art Selbstverpflichtung [sei es aus Gründen eines vagen &lt;i&gt;kognitiven Veränderungsdruck[s]&lt;/i&gt;, der aufgrund sozialer Akzeptanz beispielsweise einer Gruppe ausgeübt wird oder auch einfach nur aus Neugier]) wird er selber zur Maschine bzw. zur Maschine degradiert. Denn das Wesen des Multitasking, das Ausführen mehrerer Aufgaben zur gleichen Zeit, ist exakt das, was der Computer leistet bzw. zu welchem Zweck er angeschafft ist. Und schließlich bilanziert Schirrmacher: Multitasking funktioniert auch gar nicht, selbst bei allem guten Willen (nicht ganz unwichtig, dass Schirrmacher den Begriff ausschließlich digital definiert und das &quot;mechanische&quot; Multitasking, welches zum Beispiel jeder Koch täglich praktizieren muss, gar nicht zur Kenntnis zu nehmen scheint).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen dieses nicht gewinnbaren Wettlaufs: &lt;i&gt;Ich-Erschöpfung&lt;/i&gt; und  &lt;i&gt;Aufmerksamkeitsstörung[en]&lt;/i&gt;. Dies sei, so Schirrmacher, unabhängig vom Alter. Damit widerspricht er der landläufigen These, dass die Konditionierung der &quot;Digital Natives&quot; auf Computersysteme und deren Geschwindigkeit gegenüber der Generation der &quot;Digital Immigrants&quot;, welche mit solchen Techniken erst im Erwachsenalter konfrontiert wurde, vorteilhaft sei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine weitere Folge des Multitaskings: Texte werden nicht mehr genau gelesen und höchstens noch mit &quot;copy &amp; paste&quot; in eigene oder andere Texte integriert. Studenten übernehmen Teile von Publikationen, die sie in Gänze nicht gelesen haben und damit gar nicht beurteilen können, ob dieser Ausriss nicht eventuell kontextverfälschend zitiert wird. Wer sich in Unternehmen umhört, kennt das Problem: Mails werden häufig nur noch angelesen; der Sinn eines längeren Textes wird kaum noch erschlossen. Die Konzentration auf eine Tätigkeit wird durch dauernde Unterbrechungen abgelenkt (während des Lesens einer Mail gibt es einen Anruf; die Mail wird trotzdem weitergeschrieben und nebenher hört man mit halbem Ohr das Telefonat eines Kollegen mit). Ob es immer tatsächlich &lt;i&gt;durchschnittlich fünfundzwanzig Minuten&lt;/i&gt; sind &lt;i&gt;bis wir nach einer Unterbrechung wieder zu unserer ursprünglichen Tätigkeit zurückkehren&lt;/i&gt; darf man vielleicht trotz entsprechender Studie anzweifeln, denn dass &lt;i&gt;wir einfach vergessen haben, was wir überhaupt getan haben, und das so entstandene Vakuum schnell mit noch zwei anderen Projekten füllen&lt;/i&gt; wollen, kommt allzu pauschalisierend daher.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Interpretationskompetenz und Powerpoint&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweifellos: Die immer mehr vereinfachende, trivialisierende Darstellung von in Wirklichkeit komplexen Vorgängen findet statt. Die Interpretationskompetenz beispielsweise bei Statistiken schwindet  auch und vor allem bei ihren Interpreten: Journalisten, Publizisten, Autoren. Hier führt Schirrmacher ein bekanntes Beispiel an: Die Aussage, Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen (das sogenannte Screening) würden das Krebsrisiko um 20% mindern. Selbst vielen Ärzten geht diese Aussage leicht über die Lippen. Die Zahl suggeriert, dass durch rechtzeitige Vorsorgeuntersuchungen 20 von 100 Frauen sozusagen &quot;gerettet&quot; werden könnten. Das ist jedoch falsch. &lt;i&gt;Es heißt nur, dass von tausend Frauen, die sich keinem Screening unterziehen, fünf sterben, und von tausend Frauen, die eines machen, vier sterben werden. Der Unterschied von vier zu fünf ergibt die zwanzig Prozent.&lt;/i&gt; Diese korrekte Auslegung erschließt sich aber nur demjenigen, der das statistische Verfahren genau nachgelesen hat und nicht einfach Propaganda irgendwelcher interessengeleiteter Verbände nachplappert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie weit dieser komplexitätsreduzierende Gestus schon fortgeschritten ist, soll am Beispiel der &quot;Columbia&quot;-Katastrophe aus dem Jahr 2003 illustriert werden. &lt;i&gt;Durch ein Video hatte die NASA damals festgestellt, dass die Raumfähre zweiundachtzig Sekunden nach dem Start von einem Stück Hartschaum getroffen worden war, das womöglich lebenswichtige Systeme beschädigt hatte.&lt;/i&gt; Zwölf Tage erwogen die Techniker nun, welche Folgen beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu befürchten seien. Nach ausführlichen Recherchen bleiben &lt;i&gt;28 Powerpoint-Illustrationen, auf deren Grundlage die Verantwortlichen der NASA zu der irrigen Annahme kamen, für die Columbia bestehe keine Gefahr.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine spätere Überprüfung der Präsentationen zeigte: &lt;i&gt;Während erst später im Kleingedruckten und bei den kleinen Aufzählungspunkten Zweifel und technische Probleme geschildert wurden, waren die Überschriften und Zusammenfassungen der einzelnen Sheets, hervorgehoben durch besonders dicke Aufzählungspunkte, optimistisch und positiv.&lt;/i&gt; Die Verantwortlichen wurden also von der Grafik &lt;i&gt;falsch navigiert&lt;/i&gt;, denn in den E-Mails, die zwischen den Technikern ausgetauscht wurde, fanden sich ausführliche Stellungnahmen zu eventuellen Problemen. &lt;i&gt;Erst die Übersetzung der Erkenntnisse für die höheren Leitungsebenen der NASA in die Informationsgrafik des Computersystems hatte zur Verfälschung geführt.&lt;/i&gt; Nach diesem Vorgang sind bei der NASA bei der Darstellung &lt;i&gt;wichtige[r] Dokumentationen&lt;/i&gt; keine Powerpoint-Präsentationen mehr zugelassen.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hat das nicht schon festgestellt, dass &lt;i&gt;in der Kette des Multitasking und der sich stets erneut kopierenden Kopien niemand mehr eigene Schlüsse zieht oder vorhandene Diagnosen auch nur überprüft&lt;/i&gt;? Wer hat nicht festgestellt, dass Heuristiken wie Abwägen, Überschlagen, Gewichten immer weniger praktiziert werden? Die wahre Kunst in diesem Informationsbombardement besteht vor allem erst einmal darin, Prioritäten zu setzen, d. h. Wichtiges von Unwichtigem zu separieren. Und das ist mehr als ein Stoßseufzer, fast schon Verzweiflung: &lt;i&gt;Ich weiß noch nicht einmal ob das, was ich weiß, wichtig ist oder das, was ich vergessen habe, unwichtig&lt;/i&gt;. Denn tatsächlich beansprucht jede Information zunächst einmal die gleiche Widmung  ob es sich um die Hochzeit von Boris Becker oder einen Beschluss der Bundesregierung handelt. Erst einmal in die Multitasking-Maschine eingetreten, so fällt das Aufhören schwer. Ein vages Gefühl, etwas zu verpassen, hält uns dabei. Vielleicht würde ja just der Artikel, den wir jetzt nicht anklicken, unser Leben verändern. Wieder nicht? Dann der nächste!? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schirrmacher beschreibt diese Tretmühle sehr schön. Die Gefahren, die sich aus der kritiklosen Übernahme der uns zur Verfügung stehenden Informationen und deren oberflächliche Interpretation ergeben, werden deutlich. Aber ist diese Überforderung ein Phänomen, welches ausschließlich dem Internet geschuldet bzw. von ihm verschuldet ist? Kann es nicht auch sein, dass jemand bei zwei Tageszeitungen und zwei Wochenmagazinen den Überblick verliert? Oder bei der Lektüre dreier Bücher parallel irgendwann nichts mehr zuzuordnen weiß? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Fama von der Manipulation&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schirrmacher geht aber noch einen Schritt weiter. Und dieser Schritt ist es, der das Buch bedenklich macht, weil der Autor von dem eigenen, von ihm propagierten Menschenbild zwar das Idealbild ständig heraushebt, gleichzeitig jedoch den Menschen in einer Fatumposition sieht. Schirrmacher glaubt, dass Computer uns manipulieren  und das immer raffinierter. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar werden für die nächste Zukunft ausdrücklich Verhältnisse wie in Stanley Kubricks Film &quot;2001: Odyssee im Weltraum&quot; bestritten, als die Maschine &quot;HAL 9000&quot; (die im Buch nur &quot;HAL&quot; heißt; auf den Sinn des Namens der Figur  sie steht nach Angabe des Autors Arthur C. Clarke für &quot;&lt;b&gt;H&lt;/b&gt;euristic &lt;b&gt;AL&lt;/b&gt;gorithmic&quot; [Heuristisch Algorithmisch]  geht Schirrmacher nicht ein; vermutlich hat er dieses Detail übersehen) die Macht an Bord des Raumschiffs übernehmen wollte, in dem er zwei menschliche Astronauten umbrachte. &lt;i&gt;Solange die Roboter in der wirklichen Welt noch nicht einmal den Rasen mähen können, ohne alles durcheinanderzubringen&lt;/i&gt; braucht man sich hierüber, so Schirrmacher, keine Sorge machen. Dennoch entwickelt er im weiteren Verlauf des Buches ein stetig steigendes Unbehagen welches (zunächst) in eine semi-apokalyptische Vision mündet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der &quot;informationsfressende&quot; Mensch begibt sich in den Wahn (oder die Hybris?), sich in punkto Informationsverarbeitung mit dem Computer zu messen. In Wahrheit habe der Computer längst den Menschen als Medium auf die von ihm gesammelten Daten hin manipuliert. Das Werkzeug arbeitet sich seinen Erfinder um. Im &lt;i&gt;berühmten Turing-Test&lt;/i&gt;, den Schirrmacher anführt, können die Probanten nicht mehr unterscheiden, ob ein Mensch oder eine Maschine mit ihnen kommuniziert. Das ist für Schirrmacher ein Kriterium, dass &lt;i&gt;die Maschinen in wenigen Jahrzehnten intelligenter sein werden als die Menschen&lt;/i&gt; (und man überlegt, warum er &quot;HAL 9000&quot; einige Seiten vorher ins Reich der Fabel verwies). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schirrmacher hätte gar nicht auf diesen Test ausweichen müssen: Jeder handelsübliche Schach-Computer vermag heutzutage einen mittelstarken Turnierspieler nach Belieben zu schlagen. Im Buch wird der Mathematiker Steven Strogaz zitiert, der feststellt, dass &lt;i&gt;kein Menschdie Beweisführung der Computer in der Grundlagen-Mathematik mehr nachvollziehen&lt;/i&gt; kann (&lt;i&gt;und selbst wenn es einer könnte, wie sollten wir ihm glauben?&lt;/i&gt;). Aber ist das schon Beleg für &quot;Intelligenz&quot;? Sind nicht Mathematik und das Schachspiel aufgrund ihrer streng berechenbaren Kausalitäten geradezu geschaffen für &quot;Maschinen&quot;? Natürlich hat Schirrmacher Recht, wenn er sein Unbehagen äußert, dass die Reihenfolge der uns zur Verfügung gestellten Informationen von &lt;i&gt;anderen&lt;/i&gt; bestimmt wird (wobei er den Fehler macht, den Suchmaschinen-Algorithmus rein quantitativ zu erklären). Aber ist dieses Phänomen der intransparenten Prioritätensetzung nicht auch bei der &quot;guten, alten&quot; Zeitung oder einem Bücherregal im Buchhandel virulent? Wundert es nicht gelegentlich, welche Themen beispielsweise in den Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens an welcher Stelle stehen (und welche Unterschiede es dort manchmal gibt)? Wer bestimmt dort - und vor allem: nach welchen Kriterien - die Reihenfolge?  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wo bleibt die Autonomie des menschlichen Geistes?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Spätestens jetzt beginnt man die im Buch fehlenden Definitionen für die verwendeten Begrifflichkeiten zu vermissen; ein Problem, weil Schirrmacher das Buch in einer Art anekdotischen Plauderton verfasst hat. Da ist zu vieles einfach nur &quot;Information&quot;, ohne zu differenzieren (d. h. er macht zur Demonstration seiner These genau das, was er als deren Resultat ableitet). Maschinen sind für ihn einfach &quot;intelligent&quot;, weil sie entsprechend (wie?) programmiert sind. Aber kann die Maschine des Turing-Tests, die täuschendechte Kommunikation mit Menschen führen kann, eine Stunde später eine Schach-Partie spielen und am nächsten Tag ein Buch lesen und zusammenfassen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sind denn die automatisch erzeugten (Werbe-)Vorschläge von Amazon, Google-Mail oder anderen tatsächlich derart gefährlich, wie hier suggeriert wird? Er irrt doch, wenn er meint, Softwareprogramme würde unsere Assoziationen bzw. unser &lt;i&gt;assoziatives Gedächtnis&lt;/i&gt; versuchen, in &lt;i&gt;Mathematik [zu] verwandeln&lt;/i&gt; (eine Lieblingsmetapher Schirrmachers, die er noch in einer unergiebigen Betrachtung über Parallelen von Kafkas Gregor Samsa zum Menschen im Informationszeitalter vertieft). Was &quot;verwandelt&quot; wird, sind nicht Assoziationen, sondern explizite Handlungen (vulgo: Klicks; Mails oder andere Textäußerungen im Internet, die bestimmte Schlagworte enthalten und entsprechend ausgewertet werden). Und diese Handlungen, die zur unerwünschten Kategorisierung führen, können unterlassen werden; die &quot;Vorschläge&quot; kann man ignorieren (vielleicht DIE neu zu erlernende Fertigkeit). Erst der menschliche &lt;i&gt;Wille, sich selbst transparent zu machen&lt;/i&gt; ermöglicht diese Vorschläge. Und selbst wenn man &quot;Wille&quot; durch &quot;Arglosigkeit&quot; ersetzt, so ist es &quot;nur&quot; ein zu erlernender Vorgang, sich dieser Art von Transparenz zu verweigern. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr früh heißt es im Buch: Der &lt;i&gt;Computer ist kein Medium. Er ist ein Akteur.&lt;/i&gt; Hiermit wäre die &lt;i&gt;Selbst-Amputation&lt;/i&gt; des Menschen, hervorgerufen durch technische Entwicklungen (bspw. hat die Entwicklung des Taschenrechners das Kopfrechnen bei den meisten Menschen vollkommen verkümmern lassen), beschrieben als eine Art numinoses Schicksal, dem nicht mehr zu entkommen ist. Aber wie wäre es, wenn der Computer als Werkzeug betrachtet, ja wiederentdeckt würde? Der Diagnose, dass wir viel zu häufig der Technik dienen, statt diese uns, können etwa Anwender von Warenwirtschaftssoftware bisweilen durchaus feststellen. Das ist allerdings oft genug eine Strategie der Anbieter, die sich eingängige Bedienung zusätzlich vergüten lassen wollen. Umgekehrt schreibt Schirrmacher durchaus zu recht, dass wir zum Beispiel die Entlastung durch Google gar &lt;i&gt;nicht richtignutzen&lt;/i&gt; können und jeder Teilnehmer eines Word- oder Excel-Basiskurses ist erstaunt und überrascht, welche Möglichkeiten in den Programmen schlummern. Sind aber fehlende Kenntnisse der Nutzer und hierdurch unzureichende Bedienung den Programmen anzulasten? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Schirrmacher lässt von seiner These nicht ab. &lt;i&gt;Unsere Werkzeuge verändern unsere Umwelt, vor allem aber verändern sie uns selbst.&lt;/i&gt; Und dann eine kühne Volte: &lt;i&gt;Die meisten Menschen denken, dass man eine Idee haben muss, um ein Werkzeug zu konstruieren. Aber sehr viel häufiger hat man ein Werkzeug in der Hand und überlegt sich dann erst, ob man damit nicht auch an unserer Vorstellung von der Welt herumbasteln kann.&lt;/i&gt; Eine interessante Aussage, deren Essenz im Satz gipfelt &lt;i&gt;Wahrscheinlich hat der Urmensch erst den Faustkeil entdeckt und sich dann überlegt, was er mit ihm anstellen kann&lt;/i&gt;. Ein Hauch von Verschwörungstheorie umweht diesen Gedanken. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Vermenschlichung des Computers&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Tatsache, dass es sich beim Computer zunächst einmal um eine Erfindung des Menschen handelt, würde dann zur Tragik: die Verselbständigung des Roboterintellekts zu Ungunsten der menschlichen Intelligenz ist ein unerwünschter, aber nicht mehr aufzuhaltender Effekt. Der Mensch als Goethes Zauberlehrling. Die Verhältnisse werden sukzessive umgekehrt  der Mensch dient der Maschine, die im Wesentlichen die Aufgaben des Menschen übernommen hat. Immerhin halten uns die Automaten  so weiß Schirrmacher  derzeit noch für &lt;i&gt;nützlich&lt;/i&gt;.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht ohne Grund wird auf die große Gefahr der &lt;i&gt;Computerisierung des Menschen&lt;/i&gt; bzw. &lt;i&gt;Vermenschlichung der Maschinen&lt;/i&gt; verwiesen. Aber Schirrmacher selber betreibt nicht nur exakt die Anthropomorphisierung des Computers, die er den Verfechtern der Informationsgesellschaft vorwirft, sondern unterminiert auch noch die Existenz des freien, menschlichen Willens, indem der Mensch zum rein passiven Nutzer wird, der den Algorithmen der Datensammler hilflos ausgeliefert ist und dies noch nicht einmal bemerkt. Dabei irritiert die zurückhaltende, ja fast devote Haltung, wenn es um Softwareentwickler oder Firmenchefs geht (die ihm, wie man in den Fußnoten nachlesen kann, viele Informationen &quot;persönlich&quot; gegeben haben). Handelt es sich doch um jene Menschen, die den Computer erst in die Lage versetzen, die Entmenschlichung des Menschen zu betreiben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sonderbar diese Ausflüge in die Philosophie, dieses Changieren zwischen Ablehnung und Akzeptanz des &quot;freien Willens&quot; nebst abschließendem Resümee, dass es &lt;i&gt;völlig egal&lt;/i&gt; sei, &lt;i&gt;ob es einen freien Willen [gebe] oder nicht.&lt;/i&gt; Wichtig sei alleine, &lt;i&gt;dass wir an ihn glauben  ein Glaube, den uns kein Computer der Welt geben kann, ja der im Widerspruch zu seinem Programmauftrag steht.&lt;/i&gt; Natürlich weiss Schirrmacher, dass, &lt;i&gt;wenn der Glaube an den freien Willen schwindet,sich das soziale Verhalten von Menschen schlagartig&lt;/i&gt; ändert. Unklar bleibt jedoch, wie ein freier Wille, der nur noch als &quot;lame duck&quot;-Hilfskonstruktion existiert (dazu auch mehr oder weniger &quot;bis auf Widerruf&quot; einer naturwissenschaftlich-beweiskräftigen Gegendarstellung), noch irgendwelche normbindende Wirkung erzeugen soll. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im letzten Drittel des Buches wir dann ein Rettungsszenario entworfen. Die vorher hochgehaltenen menschlichen Eigenschaften wie Kreativität, Flexibilität und Spontaneität werden ergänzt. Vor allem setzt Schirrmacher auf die &lt;i&gt;Unsicherheit&lt;/i&gt;, die uns erst zu &lt;i&gt;produktiven, handelnden Menschen&lt;/i&gt; macht. Die &lt;i&gt;Bildung der Zukunft&lt;/i&gt; muss darin bestehen, &lt;i&gt;Unsicherheiten zu entwickeln. Sie muss Subjektivitäten, nicht Subjekte unterrichten&lt;/i&gt;. An anderer Stelle heißt es ein bisschen kryptisch: &lt;i&gt;Die Bildung der Zukunft lehrt Computer zu nutzen, um durch den Kontakt mit ihnen das zu lehren, was nur Menschen können.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es folgt ein inniges Plädoyer gegen die scheinbaren &lt;i&gt;Eindeutigkeit[en]&lt;/i&gt;, die uns immer als das nonplusultra &quot;präsentiert&quot; werden. Und natürlich tritt Schirrmacher auch für die &lt;i&gt;Verzögerung&lt;/i&gt; ein (&lt;i&gt;Die Verzögerung schafft Überblick und Nachdenklichkeit, sie ist gewissermaßen Papier und nicht Bildschirm&lt;/i&gt;)  nebst Exkurs über das Lesen. Sorgsam umkreist er das, was inzwischen überall als &quot;Entschleunigung&quot; präsentiert wird, ohne dies mit dem ausgelutschtem &quot;Wellness&quot;-Vokabular zu versehen, denn schließlich schreibt hier einer der führenden Intellektuellen Deutschlands, da wäre es ein bisschen zu einfach, mit Binsenweisheiten reüssieren zu wollen.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Widersprüche&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich kommt die Erkenntnis: &lt;i&gt;Der Computer kann keinen einzigen kreativen Akt berechnen, voraussagen oder erklären. Kein Algorithmus erklärt Mozart oder Picasso oder auch nur den Geistesblitz den irgendein Schüler irgendwo auf der Welt hat.&lt;/i&gt; Aber wie kann dann jemand sagen, die NASA-Verantwortlichen wären von der Grafik &lt;i&gt;falsch navigiert&lt;/i&gt; worden, obwohl doch die Grafiken durch Menschen erstellt und die Entscheidung durch andere Menschen getroffen wurde? Und es ist weder unser Schicksal, von Algorithmen gefesselt wie ein offenes Buch im Netz ausgelegt zu werden, noch eine &quot;Pflicht&quot;, sich den Verblödungsstrategien von News-Maschinen hinzugeben, die uns eine Ideologie des &quot;Bestinformiertesten&quot; einzureden versuchen. Verstörend, wie ein kluger Mensch wie Schirrmacher auch nur einen Moment den Blödsinn für möglich halten kann, dass wir in einer Welt leben, &lt;i&gt;in der nicht existiert, was nicht digital existiert&lt;/i&gt;, ist doch diese Aussage geradezu konstituierend für das Mitmachen im Strom des Multitasking-Deppen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schirrmachers begeisterte Rede für den nicht perfekten Mensch wirkt nicht besonders überzeugend. Zu zeitgeistgemäss seine Ablehnung der reinen Wissensvermittlung und des Wissenslernens (und die Angriffe auf den &quot;Bologna&quot;-Prozess). Zu sehr auf Huxleys negativem Diktum fixiert, dass wir uns &lt;i&gt;unserer inneren Freiheit zu sicher&lt;/i&gt; seien. Wenn dies so wäre  warum dann dieses Buch? Und zu glatt die These, wir hätten die falsche Vorstellung vom Lernen. Einerseits beklagt er die Verkümmerung bestimmter Fähigkeiten bei Menschen, die durch Maschinen übernommen bzw. delegiert werden bzw. andererseits verlangt ja wohl der generöse Verzicht auf Wissen beim Menschen eine Speicherung des Wissens an anderer Stelle (von der Frage, wer und wie diese Speicherung kontrolliert wird einmal abgesehen). Es sei denn, man will auch gleich noch dem marktwirtschaftlich-kapitalistischen System ein neues entgegensetzen, aber hierfür findet man im Buch kein Indiz. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn man vorher Studien zitiert und ausführlich berichtet hat, wie schädlich die Ablenkung vom Wesentlichen ist und damit Aufmerksamkeitsdefizite antrainiert werden, dann müsste man mindestens erläutern, warum das &lt;i&gt;&quot;aufmerksam sein&quot;&lt;/i&gt;, dieses Ideal, &lt;i&gt;seine Gedanken nicht abschweifen zu lassen&lt;/i&gt; urplötzlich &lt;i&gt;wohl einer der gefährlichsten Irrtümer von Erziehung und Selbsterziehung&lt;/i&gt; sein soll  natürlich &lt;i&gt;nach allem, was die Forschung heute dazu weiß&lt;/i&gt;. Und auf einmal erkennt Schirrmacher, dass Ablenkung, die er auf gefühlten hunderten von Seiten verteufelte, den &lt;i&gt;Perspektivwechsel&lt;/i&gt; bringt, &lt;i&gt;neue Ideen und Gedanken&lt;/i&gt; freisetzt und sogar die Gesundheit verbessert. Hier wäre von Beginn an eine deutliche Unterscheidung der unterschiedlichen Arten von &quot;Ablenkung&quot; (falls es sie denn gibt) produktiver gewesen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außer an die &quot;menschlichen Eigenschaften&quot; zu appellieren, dem emphatischen Appell für das Lesen (insbesondere von Büchern) und dem Ratschlag Informationen zu &lt;i&gt;überdenken, statt sie zu sammeln&lt;/i&gt;, gibt es zu wenige Ideen, um beispielsweise dem anonymen (und nicht-transparenten) Suchmaschinen-Algorithmus und seiner scheinbaren Omnipräsenz und Omnipotenz zu entkommen. Tatsächlich besteht keine Veranlassung, immer die EINE Suchmaschine zu verwenden; die so oft kritisierte &quot;marktbeherrschende Stellung&quot; von Google ist weder ergaunert noch mit anderen illegalen Mitteln erreicht worden: sie existiert, weil die Nutzer sie herbeigeführt haben und immer wieder bestätigen. Oder warum nicht den &lt;i&gt;Perspektivwechsel&lt;/i&gt; im FAZ-Feuilleton beginnen? Warum immer in Bestseller- und Auflagenkategorien denken und dem Mainstream hinterherjagen (und sei es auch nur, um ihm wortgewaltig zu widersprechen  das Wesen der Feuilleton-Debatten), statt in Ruhe beispielsweise neue, talentierte Künstler herauszufinden und diese vorzustellen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der Umweg&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Schirrmacher konzediert, dass viele Journalisten nur noch nach &lt;i&gt;algorithmischen Regeln schreiben&lt;/i&gt; und ihre Texte nach &lt;i&gt;Pyramidenstrukturen&lt;/i&gt; verfassen müssen, in denen &lt;i&gt;das Neue nach oben gehört, der Hintergrund nach unten&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;dies alles nur, damit Google die Texte findet&lt;/i&gt;  wer sagt ihnen, dass sie dies zu unterlassen haben und gibt ihnen die Chance, durch mehr Zeit ein Thema sorgfältiger zu recherchieren und ggf. zu überdenken? Warum wird das Bekenntnis zum &quot;Qualitätsjournalismus&quot; (ein Begriff, der bedauerlicherweise inzwischen schon fast zum Schimpfwort geworden zu sein scheint) so häufig nur verbal geäußert, in Wirklichkeit dann jedoch fast immer einer perversen Nachrichtenökonomie geopfert? Warum glaubt jede Wochenzeitung mit einer täglichen Nachrichtenberichterstattung auf seiner Webseite im Internet mit &quot;tagesschau.de&quot; mithalten zu müssen? Worin liegt der Grund, dass wir glauben, rund um die Uhr über Mobiltelefon erreichbar sein zu müssen? Und was hat das alles mit Bildung zu tun?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt ein phantastisches Buch von Manfred Osten mit dem Titel &quot;Alles veloziferisch oder: Goethes Entdeckung der Langsamkeit&quot;. Osten zeigt auf wunderbare Weise, wie Goethe der von ihm als Bedrohung empfundenen beschleunigten Zeit in seinen Werken Kontrapunkte setzte. Neben zahlreichen Belegen dazu im &quot;Faust&quot; beschäftigt sich Osten mit Ottilie aus den &quot;Wahlverwandtschaften&quot;, die, so die These, durch Eduard den &quot;Geist der Ungeduld als feindseligen Dämon erkennt&quot; und daran zerbricht, weil sie &quot;mit jeder Art uneigentlichen Lebens&quot; unfähig ist, einen Kompromiss zu schließen. Ostens Buch zeigt nicht nur Goethes gravierende Vorbehalte gegen die ersten Anzeichen der industriellen Revolution, die auch im Flickenteppich Deutschland im 18. Jahrhundert unübersehbar waren. Es wird illustriert, wie Goethe durch und in seiner Prosa versuchte, diese auf den Menschen zukommende Entfremdung aufzuzeigen und einzuordnen. Auch dies ohne in kulturpessimistischem Alarmismus zu verfallen, aber durchaus deutlich  und parteiisch. Vielleicht wäre die Lektüre von Ostens Buch, die unbändige Lust auf die erneute Lektüre von Goethe macht, die bessere Variante, sich über Auswirkungen und Konsequenzen dessen, was wir &quot;Informationstechnologie&quot; nennen, zu präparieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manchmal sind Umwege nicht nur nützlich, sondern notwendig. Da würde sicherlich auch Frank Schirrmacher zustimmen.  

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-12-15T09:16:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5941816/">
    <title>Dalai Lama (Tenzin Gyatso) / Sofia Stril-Rever: Meine spirituelle Autobiographie</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5941816/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Dalai Lama Meine spirituelle Autobiographie&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Dalai Lama Meine spirituelle Autobiographie&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Dalai-Lama-Meine-spirituelle-Autobiographie.jpg&quot; /&gt;Das freundliche Gesicht mit dem Lächeln, die etwas zu große Brille, das scheinbar immergleiche Mönchsgewand. Eine Mischung zwischen Kindchenschema, welches den Beschützergeist mobilisiert und einer uns in diesem Ausmaß nicht mehr bekannten Bescheidenheit, vielleicht sogar Askese: Der Wiedererkennungswert des Dalai Lama (Tenzin Gyatso) geht einher mit einem erstaunlichen Zuspruch, auch und insbesondere in der westlichen Kultur. Es gibt Umfragen, die ihm eine höhere Autorität zuweisen als beispielsweise dem Papst (von lokalen Politikern oder Intellektuellen erst gar nicht zu reden). Und auch die hartnäckigsten Zölibatskritiker sprechen dem Dalai Lama nicht die Kompetenz ab, über &lt;i&gt;Liebe&lt;/i&gt; und Zuneigung zu sprechen, obwohl das Keuschheitsgelübde essentiell für einen Mönch ist, gehört es doch zu den vier &lt;i&gt;grundlegenden&lt;/i&gt; Gelübden  neben dem Verbot zu töten, zu stehen und zu lügen. So stellt er fest, dass &lt;i&gt;die  Befriedigung sexueller Wünsche nur vorübergehende Erfüllung&lt;/i&gt; bringe (was man für die Nahrungsaufnahme auch sagen könnte) und plädiert dafür &lt;i&gt;dieses Begehren ganz und gar als solches wahrzunehmen und es durch einen Bewusstseinsprozess zu transzendieren.&lt;/i&gt; Trotzig und durchaus humorvoll zitiert er einen indischen Gelehrten mit den Worten &lt;i&gt;&quot;Wenn es einen juckt, dann kratzt man sich. Besser, als sich zu kratzen, ist aber, wenn es einen gar nicht juckt.&quot;&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wäre natürlich ein Fehler, den Zuspruch nur an Äußerlichkeiten festzumachen. So erscheint dieser Mann mit seiner natürlich wirkenden Fröhlichkeit und der im Kern (so scheinbar) einfachen Botschaft gepaart mit einer Nuance Exotismus, die eine vielleicht ernsthafte Beschäftigung mit seinen Thesen womöglich eher behindert, wie ein ferner Onkel, dem man ab und zu gerne zuhört und dessen (mediale) Anwesenheit ein wohliges Gefühl des Verständnisses erzeugt. Zumal er sich auf die Erstellung von Diagnosen beschränkt und keine Imperative aufstellt (was die Rezeption ziemlich bequem macht).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Universalisten ist der Dalai Lama ein Paradebeispiel, weil er ihr Denken mit einfachen (und nachvollziehbaren) Worten zu leben scheint. Umweltschützer identifizieren sich mit dem Gedanken, die Erde &lt;i&gt;teilen, statt sie besitzen&lt;/i&gt; zu wollen und idyllisieren vielleicht manchmal das raue Leben der Tibeter in den 1950er Jahren als Einklang mit der Natur. Kulturkritiker picken begierig seine Aussagen heraus, die beispielsweise die &lt;i&gt;Unfähigkeit&lt;/i&gt; des Menschen attestiert &lt;i&gt;mit Vielfalt umzugehen&lt;/i&gt; und das, obwohl &lt;i&gt;wir alleden Pluralismus hoch[halten]&lt;/i&gt;. Und für Pazifisten ist er die Lichtgestalt, der sich der fortwährenden Aggression gegenüber seiner Kultur in Tibet mit dem Mantra der Gewaltlosigkeit entgegenstemmt (und Mahatma Gandhi verehrt).   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Laufband und die drei wichtigsten geistigen Gifte&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Meine spirituelle Autobiographie&quot; suggeriert nun einen genaueren Einblick in Leben und vor allem Denken des Dalai Lama. Das Buch ist unterteilt gemäss seiner These der &lt;i&gt;drei Aufgaben&lt;/i&gt; in seinem Leben: als Mensch, als &lt;i&gt;buddhistischer Mönch&lt;/i&gt; und in seinem &lt;i&gt;Leben als Dalai Lama&lt;/i&gt; für die &lt;i&gt;Sache Tibets&lt;/i&gt;, die ihm &lt;i&gt;ganz speziell am Herzen liegt&lt;/i&gt;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer nun glaubt, Seine Heiligkeit habe ein spezifisch neues Buch geschrieben, wird rasch enttäuscht. Bereits im Vorwort von Sofia Stril-Rever, die als Herausgeberin zeichnet (allerdings merkwürdigerweise nicht auf dem Cover) wird deutlich, dass es sich mehrheitlich (oder ausschließlich?) um bekannte, längst publizierte Texte handelt, d. h. um Reden, Erklärungen, kleine Aufsätze oder auch Zitate aus anderen Büchern. Leider werden nur kursorisch die Quellen genannt, so dass etliche Texte ohne Zeit- und Ortsangabe bleiben. Stattdessen kommentiert sie ausgiebig (in Kursivschrift immerhin sofort erkennbar) seine Reden und Erklärungen, re-formuliert und interpretiert sie gleichzeitig in einem insbesondere im ersten Kapitel teilweise unerträglich pietistischen Stil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinzu kommt, dass Wiederholungen und Redundanzen (auch hier insbesondere im ersten Kapitel) an die Grenzen des Erträglichen gehen. In allen Variationen werden die Begriffe &lt;i&gt;Mitgefühl&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;menschliche Zuneigung&lt;/i&gt; als Lebenskern herausgestellt und fast technoartig eingehämmert, dass &lt;i&gt;jedes Wesen nach Glück&lt;/i&gt; strebt und versucht, &lt;i&gt;Leiden zu vermeiden&lt;/i&gt;. Damit liegt der Dalai Lama in der Quintessenz zunächst einmal von der postmodernen Spaßgesellschaft gar nicht so weit entfernt, wenngleich natürlich der ökonomische Konsumismus bzw. Materialismus von ihm radikal abgelehnt wird. Und wenn dann die &lt;i&gt;Feinde unsere besten Lehrmeister&lt;/i&gt; sind, ist die Nähe zum Neuen Testament unverkennbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Dalai Lama erzählt von seinem normalen Tagesablauf (wir erfahren, dass er sich auf einem Laufband fit hält und auf das Abendessen verzichtet), erinnert sich an die Eltern, berichtet vom Besuch der Findungskommission nach dem Tod des 13. Dalai Lama (sehr interessant die Beschreibung des Findungsverfahrens) und seiner Kindheit in Lhasa (ab 1940) mit seinen &lt;i&gt;sehr, sehr strengen Lehrern&lt;/i&gt;. All dies wirkt manchmal entrückt, fast wie aus einem Bertolucci-Film und abermals greift die Herausgeberin fehl, wenn sie glauben machen will, die Kindheit des Dalai Lama sei die eines &lt;i&gt;ganz normalen Kindes&lt;/i&gt; gewesen, welches &lt;i&gt;von seinen Eltern verwöhnt&lt;/i&gt; worden wäre und spätestens hier möchte man den Mann vor seinen schwärmerischen Verehrern beschützen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am interessantesten ist es, wenn der Dalai Lama im zweiten Teil des Buches die Grundthesen seiner Religion, des tibetischen Buddhismus, vorstellt. Dabei weist er darauf hin, dass der Buddhismus &lt;i&gt;weniger eine philosophische Sicht der Welt&lt;/i&gt; darstellt, sondern &lt;i&gt;vielmehr ein Weg zur Verwandlung des Geistes, mit dem Ziel, sich vom Leiden und dessen Ursachen zu befreien.&lt;/i&gt; Dabei gilt es, die &lt;i&gt;drei wichtigsten geistigen Gifte&lt;/i&gt; auszuschalten: &lt;i&gt;Nichtwissen, Begierde und Hass&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erzählt wird über die &lt;i&gt;zwei Wahrheiten&lt;/i&gt;, die es im Buddhismus gibt: eine &lt;i&gt;relative Wahrheit, die das Äußerliche der Phänomene betrifft, ihr Erscheinen und Verschwinden, und eine letzte Wahrheit, die das Fehlen einer den Phänomenen innewohnenden Wirklichkeit bezeichnet&lt;/i&gt;. Hier ergäben sich interessante Berührungspunkte (und auch Differenzen) zu westlichen Philosophen aber derartige Untersuchungen sind nicht beabsichtigt. Dafür bekommt der der Leser einen kleinen Einblick in die Reinkarnationslehre und erfährt, dass der Dalai Lama für sich auch eine Reinkarnation &lt;i&gt;als Insekt&lt;/i&gt; vorstellen kann und ein neuer Dalai Lama, sollte Tenzin Gyatso im Exil sterben, auch aus dem Exil kommen müsste (wobei er offen lässt, ob es überhaupt einen neuen Dalai Lama geben muss und sich diese Art der &quot;Regierung&quot; nicht überholt habe). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst angenehm der zurückhaltende Ton, der ausdrücklich eine Ausdehnung seines Glaubens auf andere Kulturkreise nicht anstrebt, da die kulturelle Prägung, die &lt;i&gt;spirituelle Tradition, in die wir hineingeboren wurden&lt;/i&gt;, für elementar erachtet wird. So sei es meist &lt;i&gt;befriedigenderdie Religion seiner Eltern zu übernehmen und sich dorthin zu vertiefen. Es ist nicht notwendig, Buddhist zu werden, wenn man im Westen aufgewachsen ist.&lt;/i&gt; Folgerichtig lehnt der Dalai Lama auch eine &lt;i&gt;Hierarchie der spirituellem Traditionen&lt;/i&gt; ab und suggeriert, dass sich in &lt;i&gt;der spirituellen Praxis&lt;/i&gt; die Weltreligionen ungeachtet ihrer unterschiedlichen &lt;i&gt;philosophischen Vorstellungen&lt;/i&gt; mehr oder weniger &lt;i&gt;treffen&lt;/i&gt;: Sie wollen &lt;i&gt;eine Verwandlung des inneren Bewusstseinsstromes erreichen, wodurch wir bessere, demütigere Menschen werden.&lt;/i&gt; Da kippt dann die Zurückhaltung in harmlos-erbauliche Sonntagsrhetorik, die niemanden weh tun möchte, aber dadurch auch kein eigenes Profil zeigt  wobei dieser Einwand natürlich streng genommen wieder als allzu westliche Sichtweise betrachtet werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch hat man das Gefühl, dass ein kleines bisschen Interpretationsgymnastik jede Aussage an das jeweilige Wertesystem andockbar macht. So erkennt der Dalai Lama einerseits &lt;i&gt;keinen Widerspruch zwischen Religion und Politik&lt;/i&gt;, sieht sich andererseits aber als Anhänger der &lt;i&gt;laizistischen Demokratie&lt;/i&gt; und möchte sogar einmal die tibetische Lebensweise von der buddhistischen Religion getrennt sehen. Und schließlich dann das Zitat, er träume von einer &lt;i&gt;Synthese zwischen Buddhismus und Marxismus&lt;/i&gt; (von 2008).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Textsammlung statt eigenständiger Autobiographie &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im dritten Teil des Buches, welches seine politische Rolle als im Tibetkonflikt thematisiert, berichtet er anfangs von seiner politischen &lt;i&gt;Unerfahrenheit&lt;/i&gt;, als die Chinesen 1950 Tibet angriffen. Später dann wird von einer &quot;Modernisierung&quot;, ja &quot;Demokratisierung&quot; gesprochen, die der junge Dalai Lama in den 1950er Jahren eingeleitet haben soll. Als Fehler der tibetischen Administration gilt ihm heute die jahrhundertelange, selbstgewählte politische Isolation des Landes, die sich unter anderem darin zeigte, &lt;i&gt;dass wir nur wenigen Ausländern Zugang zu unserem Land&lt;/i&gt; gewährten (in den 1950er Jahren sollen es nur sieben gewesen sein). Somit war dieses Land (wie auch in den Aufzeichnungen von Peter Aufschnaiter nachzulesen ist) in mittelalterlich-theokratischen Strukturen stehengeblieben (womit die Aussage, man habe in Tibet bis zur chinesischen Besatzung ein &lt;i&gt;glückliches Leben&lt;/i&gt; geführt, fast geschichtsklitternd daherkommt).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der politische Teil des Buches ist der Schwächste. Die Herausgeberin hat über weite Strecken einige Reden des Dalai Lama zum 10. März (dem Datum des Aufstands der Tibeter gegen die Chinesen) aneinandergereiht und mit eigenen Erläuterungen versehen. Für einen wissenschaftlichen Historiker mögen die authentischen Reden der Jahre 1961, 1965, 1967, 1968, 1990 und 2008 von Interesse sein. Für den gewöhnlichen Leser sind sie eher ermüdend. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs noch auf eine vollständige Unabhängigkeit bedacht, ändern sich die Forderungen des Dalai Lama bis hin zu einer kulturellen, selbstverwalteten Autonomie im Innern: &lt;i&gt;Die Gesamtheit Tibets, die unter dem Namen Choklha-Soum (das die Provinzen Ü-Tsang, Kham und Amdo umfasst) bekannt ist, müsste eine demokratische, selbstverwaltete Einheit im Bündnis mit China werden. [] Die Regierung der Volksrepublik China bliebe weiterhin für die Außenpolitik Tibets zuständig&lt;/i&gt;. Damit würde teilweise der im Buch so abschätzig bewertete Status des Vertrages von 1907 re-implementiert, in dem China zur Suzeränität Tibets verpflichtet wurde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein neu geschriebener, aktueller Text zur politischen Entwicklung hätte eine nachhaltigere Wirkung gehabt. Zwar zeigen sich hier die Anmerkungen von Sofia Stril-Rever als hilfreich, aber worin jetzt der Unterschied zwischen dem Fünf-Punkte-Plan von 1987 (&quot;Mittlerer Weg&quot;) und dem sogenannten &quot;Memorandum&quot; von 2008 liegt, bleibt vollkommen unklar. Zwar wird deutlich, dass die chinesische Führung mit ihrem &quot;Sinisierungsprogramm&quot; auf Zeit spielt und die Tibeter zur Minderheit im &quot;eigenen Land&quot; machen will, aber woran die zwischenzeitlich durchaus stattgefundenen Annäherungen (1974-80, 1984, 1990) letztlich gescheitert sind, wird ebenfalls nicht erörtert. Interessant die fast ehrerbietigen Worte des Dalai Lama zu Mao Zedong anlässlich mehrerer Treffen in den Jahren 1954/1955, wobei leider (wie so häufig in diesem Buch) nicht deutlich wird, wann dieser Text verfasst wurde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neutrale Sicht auf den Konflikt gerät naturgemäss manchmal ein bisschen ins Wanken. So ist die Behauptung des Dalai Lama, Tibet sei in &lt;i&gt;mehr als zweitausendjähriger Geschichte&lt;/i&gt; ein unabhängiger Staat gewesen, mindestens diskussionswürdig. Insbesondere, weil er an anderer Stelle schreibt, die Beziehungen zwischen China und Tibet seien durchaus &lt;i&gt;konfliktbeladen&lt;/i&gt; gewesen und die Herausgeberin von &quot;komplexen&quot; Beziehungen spricht. Dennoch wird deutlich, dass die chinesische Regierung einen großen Fehler macht, diesen Mann nicht Ernst zu nehmen und mit ihm zusammen einen ernsthaften Kompromiss zu erarbeiten. Wobei Diktaturen allerdings nicht unbedingt kompromissbereite und -fähige Institutionen sind. Aber eine wie auch immer geartete Nachfolge wird eine deutlich radikalere Vorgehensweise zur Befreiung Tibets (so Sofia Stril-Revers Vision) praktizieren wollen; eine Einigung mit dem jetzigen Dalai Lama könnte diese Verschärfung bannen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Meine spirituelle Autobiografie&quot; ist als Einstieg für die Beschäftigung mit dem Dalai Lama und vielleicht sogar des Buddhismus durchaus geeignet. Die editorischen Methoden der Herausgeberin sind allerdings zweifelhaft und ärgerlich. Viele Texte stehen ohne Quellen- und Zeitangabe. Auf strittige Themen, wie beispielweise das Verbot des Dalai Lamas dem &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Dorje_Shugden&quot;&gt;Dorje-Shugden-Kults&lt;/a&gt; gegenüber (teilweise schwere Vorwürfe zum Vorgehen des Dalai Lama werden &lt;a href=&quot;http://www.trimondi.de/Lamaismus/shugden.htm&quot;&gt;hier&lt;/a&gt; erhoben, wobei der Laie nur sehr schwer in der Lage ist, diese Nuancen wahrzunehmen) wird nicht eingegangen. Dennoch erhält man einen ersten Überblick auf das wechselhafte Leben dieses Mannes und seine Aufgehobenheit in seiner Religion, die ihn vor einer Verzweiflung, was das Schicksal Tibets angeht, zu schützen scheint. 

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem im Buch zugeschriebenen Texten des Dalai Lama.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-09-16T08:35:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5710009/">
    <title>Mohammed Abed Al-Jabri: Kritik der arabischen Vernunft - Einführung</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5710009/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Mohammed Abed Al Jabri  Kritik der arabischen Vernunft  Einfuehrung&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Mohammed Abed Al Jabri  Kritik der arabischen Vernunft  Einfuehrung&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Mohammed-Abed-Al-Jabri-Kritik-der-arabischen-Vernunft-Einfuehrung.jpg&quot; /&gt;Die &quot;Kritik der arabischen Vernunft&quot; ist ein vierbändiges Werk: Der erste Teil erschien 1984 unter dem Titel &quot;Die Genese des arabischen Denkens&quot;, 1986 erschien &quot;Die Struktur des arabischen Denkens&quot;, 1990 &quot;Die arabische Vernunft im Politischen&quot; und 2001 dann &quot;Die praktische arabische Vernunft&quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mohammed Abed Al-Jabri&lt;b&gt;*&lt;/b&gt; wurde 1935 in einer Berberfamilie im südlichen Marokko geboren. Er absolvierte eine Schneiderlehre, wurde Volksschullehrer und begann 1958 ein Philosophiestudium in Damaskus. 1970 promovierte er über den Historiker und »Vorläufer der modernen Soziologie«&lt;b&gt;**&lt;/b&gt; Ibn Khaldun. Er unterrichtete islamische Ideengeschichte in Rabat. Anfang der 80er Jahre begann Al-Jabri Bücher zu publizieren und wurde damit unter arabischen Intellektuellen bekannt. Bis auf Band drei der Kritik, der 2007 unter dem Titel &quot;Die politische Vernunft im Islam: Gestern und heute&quot; in französischer Sprache publiziert wurde, sei Al-Jabris Hauptwerk bisher in keiner anderen Sprache veröffentlicht worden (so der Verlag), was durchaus Absicht des Autors war, der den innerarabischen Dialog befördern wollte statt in anderen Kulturkreisen zu reüssieren.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &quot;editorische Notiz&quot; des Verlags verwirrt den Leser mehr als das sie aufklärt. Der Verlag schreibt, daß die »synoptischen Texte, die in das vorliegende Buch eingegangen sind« nicht Teil der &quot;Kritik&quot; seien, sondern aus zwei anderen Texten Al-Jabris stammten. Ausgewählt wurden diese Texte von Ahmed Mahfoud und Marc Geoffroy, wobei Mahfoud, der als »Freund und Agent« Al-Jabris vorgestellt wird, die Übersetzung aller vier Bände der &quot;Kritik&quot; vom Arabischen ins Französische vorgenommen hat. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Textarrangement und Übersetzung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wird so anfangs noch suggeriert, daß der vorliegende Band wenigstens teilweise Bestandteile der &quot;Kritik&quot;-Bände enthält, so erfährt man in der &quot;Einleitung&quot; von Mahfoud und Geoffroy, die auch die Fußnoten verfasst haben (was man leicht überlesen kann, sich aber im Laufe der Lektüre erschließt, da Al-Jabri mehrfach in der dritten Person genannt wird), daß es sich um eine Zusammenstellung zweier anderer Werke von Al-Jabri handelt: &quot;Wir und die Tradition. Zeitgemäße Lesarten unseres philosophischen Erbes&quot; von 1980 und &quot;Tradition und Moderne&quot; von 1991 (wobei unklar bleibt, wie kursorisch diese Zusammenfassungen sind und wann welcher Text zitiert wird). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Zusammenstellung aus zwei Büchern hat Schwächen. Einige Kapitel sind sehr gut gegliedert  andere wirken eher improvisiert. So ist beispielsweise der Kern des Buches, die Ausführungen über den &lt;i&gt;averroistischen Rationalismus&lt;/i&gt;, als monolithischer Block von 35 Seiten abgedruckt; auf eine Textgliederung, wie in anderen Kapiteln des Buches wurde leider verzichtet, was die Verständlichkeit mindestens erschwert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verzeihlich ist, daß in der &quot;Einleitung&quot; der &quot;Einführung&quot; durch Mahfoud und Geoffrey etliche Punkte aus dem Vorwort von Reginald Grünenberg und Sonja Hegasy wiederholt werden. Auch daß Mahfoud und Geoffrey die Interpretation Al-Jabris stellenweise sehr weit treiben und Zitate einbringen, die im nachfolgenden Buch nicht verzeichnet sind, mag vertretbar sein.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Problematisch erweist sich die Übersetzungsstrategie: Mahfoud/Geoffrey übersetzten vom Arabischen ins Französische. Dann wurde von Vincent von Wroblewsky und Sarah Dornhof vom Französischen ins Deutsche übersetzt. An vielen Punkten ist diese Problematik bemerkbar (Al-Jabri betreibt ja unter anderem Sprachkritik am Arabischen). Die Sätze taumeln zu oft vom Umständlichen ins Unverständliche (seltener gibt es auch Widersprüchliches), was durch ein sorgfältiges Lektorat mindestens teilweise vermeidbar gewesen wäre. Zudem scheint sich an einigen Stellen der Text-Eklektizismus zu rächen  manches wirkt redundant. (Dazu gibt es orthografische Fehler und falsche Zuordnungen in den Fußnoten).  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da mit diesem Buch auch Leser angesprochen werden sollen, die mit den historischen Gegebenheiten und philosophischen Strömungen nicht umfassend vertraut sind, wäre ein Glossar und Personenverzeichnis zwingend notwendig gewesen. Die Fußnoten (die ja, wie erwähnt, nicht von Al-Jabri stammen) sind zwar vorteilhaft auf der jeweiligen Seite abgedruckt, aber extrem geschwätzig und für das Verständnis im jeweiligen Kontext oftmals störend (es gibt häufig ganze Lebensläufe von Gelehrten und Kurzzusammenfassungen von religiösen und/oder politischen Strömungen). Da Al-Jabri ein sehr komplexes Panorama der Philosophie und Geschichte von Al-Andalus entwirft und die Entwicklungen dieser Zeit für seine Argumentation zentral ist, wäre eine Chronologie der wichtigsten politischen und philosophischen Ereignisse am Ende des Buches vorteilhaft gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Buch existiert in dieser Form im arabischen Sprachraum nicht und eigentlich ist der Titel (streng genommen) eine Irreführung. Man sollte es dennoch freundlich als eine Art Prolegomenon auffassen. Immerhin wird hier endlich die Stimme eines bedeutenden zeitgenössischen arabischen Philosophen in deutscher Sprache publik. Der erste Band der &lt;a href=&quot;http://kritik-der-arabischen-vernunft.de/&quot;&gt;&quot;Kritik der arabischen Vernunft&quot; soll im Perlen-Verlag im September 2009 erscheinen, die anderen drei Bände im Jahr 2010.&lt;/a&gt; Fast 1.400 Seiten soll die Gesamtausgabe haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das vorliegende Buch liefert nicht nur einen Überblick über die Geschichte der »arabische Vernunft«, die Al-Jabri als »das Ensemble von Prinzipien und Regeln, nach denen sich das Wissen in der arabischen Kultur vollzieht« definiert, sondern zeigt auch Einblicke in die Überwindung der von ihm konstatierten Lähmung der arabischen Kultur. Trotz der ausführlich genannten Nachteile, die vielleicht in dieser Form nicht in den &quot;Kritik&quot;-Bänden virulent werden, lohnt die Lektüre der &quot;Einführung&quot; auch für den politisch interessierten Zeitgenossen, der sich mit den weltpolitischen Implikationen auseinandersetzt und den rasch urteilenden Apologeten eines mehr oder weniger zwangsläufigen &quot;Clash of Civilizations&quot; aus guten Gründen nicht folgen möchte.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Falsche Auffassungen von Tradition&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf die detailreichen Einlassungen Al-Jabris der unterschiedlichen philosophischen Denkrichtungen und Denkschulen im Islam vom 8. bis ins 13. Jahrhundert hinein soll hier nicht weiter eingegangen werden. Für den Interessenten bieten sich hier reiche Einblicke, die sicherlich in den &quot;Kritik&quot;-Bänden noch vertieft werden dürften. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Al-Jabri treibt die Frage nach den Gründen für den »Niedergang der islamischen Kultur« um. Warum hat sich das arabische Denken in eine »Kultur der &apos;schlechten Universalismen&apos; verwandelt«? Wie konnte es zu diesem jahrhundertelangen, nur sporadisch unterbrochenen &lt;i&gt;Denken der Finsternis&lt;/i&gt; überhaupt kommen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schlüssel liegt für Al-Jabri zunächst einmal im »subjektive[n] Erlebnis des Lesens [der] heiligen Texte«. Er zeigt, »wie Defizite in der arabischen Kultur damit zusammenhängen, daß die &apos;Trennung von gelesenem Objekt und lesendem Subjekt nicht vollzogen wird&apos;.« Dies ist, so Al-Jabri, eine Folge einer falschen Auffassung von Tradition, welche den zeitgenössischen arabischen Leser einschränke, ja ihn &lt;i&gt;der Unabhängigkeit und Freiheit&lt;/i&gt; beraube. &lt;i&gt;Vermittelt übereingeimpfte Elemente erfasst er die Dinge, auf ihnen gründet er seine Meinungen und Betrachtungen. [] Vertieft sich der arabische Leser in die traditionellen Texte, so ist seine Lektüre &lt;b&gt;erinnernd&lt;/b&gt;, keineswegs aber &lt;b&gt;erforschend&lt;/b&gt; und &lt;b&gt;nachdenkend&lt;/b&gt;&lt;/i&gt;. Hinzu kommt, daß die arabische Sprache seit mehr &lt;i&gt;als vierzehn Jahrhunderte[n] unverändert blieb&lt;/i&gt; und damit &lt;i&gt;zutiefst in der Tradition und in der Authentizität verwurzelt&lt;/i&gt; sei. Hieraus ergebe sich &lt;i&gt;ihr sakraler Charakter&lt;/i&gt;. Die arabische Sprache absorbiere den Leser; wer &lt;i&gt;einen Text in dieser Sprache liest, liest eher die Sprache als den Text&lt;/i&gt;. Anderereits lebe der zeitgenössische arabische Leser &lt;i&gt;unter dem Zwang, unbedingt auf der Höhe seiner Zeit zu sein.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erforderlich sei (in einem ersten Schritt), das &lt;i&gt;Subjekt von seiner Tradition zu lösen.&lt;/i&gt; Al-Jabri plädiert dafür, den &lt;i&gt;Sinn eines Textes nicht [zu] interpretieren, bevor man nicht seine Materie erfasst&lt;/i&gt; habe - &lt;i&gt;Materie verstanden als ein Netz von Relationen zwischen den Sinneinheiten und nicht als ein Ensemble isolierter Sinneinheiten&lt;/i&gt;. Man müsse sich &lt;i&gt;von einem Verständnis befreien, das auf traditionsgeleiteten Vorurteilen oder aufaktuellen Wünschen&lt;/i&gt; basiere. Die einzige Aufgabe bestehe darin, &lt;i&gt;die Bedeutung eines Textes aus dem Text selbst zu entnehmen&lt;/i&gt;, ihn gegebenenfalls einer &lt;i&gt;minuziösen Sezierung [zu] unterziehen, die den Text tatsächlich zu einem Objekt für ein lesendes Subjekt macht, zu einem Stoff der Lektüre&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Weder islamischer Fundamentalismus noch in den Schoß der westlichen Moderne&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keine Frage: Der Text, von dem hier (zunächst einmal) die Rede ist, ist der Koran, der von den Interpretations&quot;texten&quot; der &quot;Gelehrten&quot; der letzten Jahrhunderte zu befreien ist und aus sich heraus gelesen werden soll. Die Intention des Gesamten soll entscheidend werden, nicht die Ausdeutung des einzelnen Wortes. Die Lektüre, wie sie Al-Jabri »selbst als Kind in der Koranschule erfahren hat«, ist zu verwerfen, da sie die Subjekt-Objekt-Perspektive umkehrt, den Text anthropomorphisiert und zu blindem und seelenlosem Repetieren führt. Ohne das es Al-Jabri erwähnt, greift  diese These auch unmittelbar in unseren Kulturkreis ein: Ist nicht gleichfalls der Dogmatismus insbesondere der katholischen Kirche eine unzulässige &quot;Subjektivierung&quot; der christlichen Botschaft (insbesondere des Neuen Testaments)? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Forderung an eine &quot;neue Lesart&quot; der heiligen Texte geht dabei ausdrücklich nicht in Richtung der vom Westen häufig gewünschten Implementierung einer absoluten islamischen Instanz (ähnlich etwa dem Papsttum), die eine allgemeinverbindliche Deutung postuliert. Al-Jabris Gedanke ist, weil er sich konkret an das einzelne Individuum richtet, sehr viel &quot;moderner&quot;, wenn auch fragil. Denn wenn seine Diagnose stimmt (und vieles spricht dafür), dürfte die Loslösung von den &quot;heillosen Überlieferungen&quot; (Peter Sloterdijk) sehr schwierig sein, da die Veränderungen auch von den Intellektuellen und Politikern getragen werden müssten, die vom jetzigen System geprägt wurden, und vielleicht sogar profitieren. Zudem droht eine Mobilisierung der Massen durch die restaurativen Kräfte, die jegliche Veränderung als Gefährdung ihrer Legitimation ansehen und ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Status quo haben. Kants Diktum wird tatsächlich paraphrasiert: Der zeitgenössische arabische Leser bedarf des Ausgangs aus seiner »historischen« Unmündigkeit (Grünenberg/Hegasy treffend im Vorwort). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierfür entwickelt Al-Jabri die Idee vom &lt;i&gt;Neudenken&lt;/i&gt; der Traditionen. Statt die &lt;i&gt;Produktion von neuen Diskursen&lt;/i&gt; zu befeuern, erschöpft sich die arabische Kultur seit dem 13. Jahrhundert mehr oder weniger in der &lt;i&gt;Reproduktion des Alten&lt;/i&gt;. Seither habe sich &lt;i&gt;in der arabisch-islamischen Kultur das herausgebildet, was wir ein &quot;Verständnis der Tradition, das in der Tradition eingeschlossen ist&quot; genannt haben und das noch heute dominiert. Unter diesen Umstände bestünde die Moderne eher darin, dieses Verständnis der Tradition, das in der Tradition eingeschlossen ist, zu überwinden, um ein modernes Verständnis und eine aktuelle Sichtweise der Traditionen zu entwickeln.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Clou in Al-Jabris Denken ist, daß Moderne bei ihm nicht bedeutet, die &lt;i&gt;Tradition abzulehnen noch mit der Vergangenheit zu brechen, sondern vielmehr die Art, in der wir uns zur Tradition verhalten, auf ein Niveau anzuheben, das wir &quot;Zeitgenossenschaft&quot;&lt;/i&gt; nennen und das &lt;i&gt;darin bestehen muss den Lauf des Fortschritts, der sich auf globaler Ebene vollzieht einzuholen&lt;/i&gt;. Es geht nicht um ein plattes &lt;i&gt;&quot;übernehmen oder fallen lassen&quot;&lt;/i&gt;, sondern um &lt;i&gt;Verstehen und Aneignen&lt;/i&gt; - oder, das ist auch eine Option, ein Verwerfen. Letzteres sollte jedoch nicht aufgrund opportunistischer Erwägungen erfolgen, sondern im jeweiligen Kontext. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Averroes und die Notwendigkeit der &quot;andalusischen Wiedergeburt&quot;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff der Zeitgenossenschaft ist klug gewählt. Dennoch zeigt sich auch hier die Fragilität des Projekts. Al-Jabri ist kein Revolutionär, der mit den &quot;alten Zöpfen&quot; brechen will, sondern versucht, die guten von den schlechten Traditionen zu differenzieren. Eine einfache &quot;Anpassung&quot; an die europäische Moderne kommt nicht infrage. Da die europäische Moderne &lt;i&gt;im Kontext einer besonderen kulturellen Geschichte Europas&lt;/i&gt; steht, kann sie der &lt;i&gt;arabischen Kultur und ihrer Geschichte&lt;/i&gt; gegenüber &lt;i&gt;keinen Diskurs etablieren&lt;/i&gt;. Die Fremdheit zwischen beiden Kulturräumen ist zu gross. &lt;i&gt;Aus diesem Grund müssen wir unseren eigenen Weg zur Moderne zwangsläufig auf Elemente des kritischen Geistes stützen, die ihren Ausdruck in der arabischen Kultur selbst finden, um im Inneren dieser Kultur eine Dynamik der Veränderung in Gang zu setzen.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wie das &lt;i&gt;Verständnis von der Tradition von ideologischen und affektiven Last[en]&lt;/i&gt; befreien? Al-Jabris Dreh- und Angelpunkt der &quot;Reformation&quot; hin zu einem (neuen) arabischen Rationalismus ist Abu al-Walid Muhammad Ibn Ahmad Ibn Muhammad Ibn Rushd, latinisiert Averroes (1126-1198); er ist für ihn der zentrale Aufklärer und Ausdruck der Blütezeit eines &lt;i&gt;arabisch-islamische[n] Denken[s] in der Zeit der Almohaden im Maghreb und in Al-Andalus&lt;/i&gt;, eines &quot;europäisch&quot;-arabischen Denkens fern vom ost-orientalischen Gelehrtentum, welches eine krude Mischung zwischen vor-islamischem Heidentum und dogmatischer Koraninterpretation zum Zwecke ihrer eigenen Machtpositionen betrieben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Averroes gilt zuerst als ausführlicher und detailgenauer Kommentator von Aristoteles. Indem Averroes das aristotelische Denken aber nicht nur kommentiert, sondern auch analytisch in die arabische Philosophie eingebracht und weitergeführt habe, setzte er wesentliche Impulse, die weit über die Grenzen auch das Denken und die Philosophie des Abendlandes beeinflusst habe. Nach Averroes &lt;i&gt;haben wir Araber am Rande der Geschichte gelebt (in Trägheit und Niedergang)&lt;/i&gt; (kursorisch werden mit Abu Ishaq Ibn Musa al-Shatibi [ 1388] und ´Abd al-Rahman Muhammad Ibn Khaldun [1332-1406] zwei Ausnahmen vorgestellt). &lt;i&gt;Die Europäer&lt;/i&gt;, so Al-Jabri, &lt;i&gt;lebten ihrerseits die Geschichte, aus der wir herausgetreten waren, weil sie es verstanden, sich Averroes anzueignen und bis zum heutigen Tag das averroistische Moment zu leben.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Salopp formuliert: Wenn Tradition, dann bitte die von Averroes. Al-Jabri geht soweit, daß er von der Erfordernis einer &lt;i&gt;andalusischen Wiedergeburt&lt;/i&gt; spricht (wobei es sich natürlich nicht um die erneute Okkupation Spaniens handelt, sondern dies als philosophischer Akt zu verstehen ist).    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Trennung zwischen Religion und Philosophie&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Averroes sprach sich für ein religiöses Verständnis von der Religion aus, das nicht über die Fakten der Religion selbst hinausging, und ein philosophisches Verständnis der Philosophie, das ausschließlich auf den Prinzipien und Intentionen der Philosophie gegründet war. Diese Methode sollte es nach Averroes möglich machen, sowohl die Philosophie als auch die Religion zu erneuern. Übernehmen wir auch von ihm diese Methode, um eine Art und Weise zu definieren, in der wir zugleich unser Verhältnis zur Tradition und unser Verhältnis zum heutigen globalen Denken, das für uns das darstellt, was für Averroes die griechische Philosophie darstellte, auf uns nehmen zu können. Werden wir unserem Verhältnis zur Tradition gerecht, indem wir sie in ihrem eigenen Kontext verstehen, und werden wir in gleicher Weise dem globalen heutigen Denken gerecht.&lt;/i&gt; Ziel soll es laut Al-Jabri sein, &lt;i&gt;unsere Authentizität in der Moderne und unserer Moderne in der Authentizität zu begründen.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Innerarabisch&quot; nahm Averroes unter anderem eine scharfe Gegenposition zu Avicenna ein (Abu Ali al Hussein Ibn Sina; 980-1037), der, so Al-Jabri, &lt;i&gt;einer spiritualistischen und gnostischen Strömung&lt;/i&gt; (hier steht &lt;i&gt;Gnostizismus&lt;/i&gt; für einen &lt;i&gt;Glauben an die Existenz einer anderen Erkenntnisquelle als der Vernunft&lt;/i&gt;) die &lt;i&gt;Weihe gegeben&lt;/i&gt; habe, &lt;i&gt;deren Wirkung entscheidend wurde für die Regressionsbewegung und durch die das arabische Denken sich von einem offenen Rationalismus [] zu einem verderblichen, das Denken der Finsternis fördernden Irrationalismus zurückentwickelte.&lt;/i&gt; (Al-Jabri erwähnt nicht, daß Averroes&apos; Denken von den meisten arabischen Gelehrten nicht nur nicht akzeptiert, sondern verfolgt und der Autor sogar verbannt wurde.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeit einer &lt;i&gt;Versöhnung zwischen Vernunft und Überlieferung&lt;/i&gt; lehnt Al-Jabris (mit Averroes) ab. Anschaulich zeigt er, wie diese &quot;Versöhnung&quot; von den Theologen ausgestaltet wurde (bzw. wird): Eben in dem bereits angesprochenen spiritualistischen und &lt;i&gt;gnostischen&lt;/i&gt; Sinn. Heftig sträubt sich Al-Jabri Averroes zitierend gegen ein &lt;i&gt;&quot;Sammelsurium vonerfundenen Behauptungen und neuen Interpretationen&quot;&lt;/i&gt; was die offenbarte Schrift (den Koran) betrifft. Die &quot;Eingemeindung&quot; der Religion in die Philosophie wird strikt abgelehnt, weil die Philosophie damit unterhöhlt wird. Religion sei nicht durch Wissenschaft erklärbar (und auch nicht erklärbar sein soll) und die Wissenschaft benötige auch keine &lt;i&gt;von außen kommende Beschränkung&lt;/i&gt; (vulgo: Religion). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Al-Jabri plädiert für die Re-Vitalisierung des &lt;i&gt;averroistischen Geistes&lt;/i&gt;, auf dem aufzubauen wäre. Mit Averroes zeichne sich eine &lt;i&gt;radikal neue Auffassung vom Verhältnis Religion/Philosophie ab: Man muss auf diesen beiden Gebieten die Rationalität innerhalb des jeweiligen Gebiets feststellen. Die Rationalität in der Philosophie gründet auf der Beobachtung der Ordnung und der Artikulation der Welt, und somit auf dem Gebiet der Kausalität, während die Rationalität der Religion sich auf der Berücksichtigung der &quot;Intention des Gesetzgebers&quot; gründet, dessen letzter Zweck darin besteht, die Tugend zu befördern.&lt;/i&gt;    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deutlicher wird er nicht. Wer allerdings die Begriffe &quot;Philosophie&quot; und &quot;Wissenschaft&quot; durch &quot;Politik&quot; ersetzt, wird die Dynamik dieses Denkens erkennen. Zwar hält Al-Jabri an arabische Traditionen fest, distanziert sich von &quot;liberalen&quot; und marxistischen Oktroyierungen (natürlich auch von fundamentalistischen) und betont, daß eine &quot;Übernahme&quot; oder bloße Imitation des &lt;i&gt;europäischen Liberalismus&lt;/i&gt; eine Art Traditionenvergessenheit bedeute, die eine Entfremdung vom arabischen Erbe darstellen würde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Reich der Vernunft und der Gerechtigkeit&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie aber eine Neuorientierung eines Denkens ohne einen mindestens indirekten Rekurs auf die Prinzipien der europäischen Aufklärung? Al-Jabri wendet eine &quot;Flucht nach vorne&quot;-Taktik an, in dem er zwischen kognitiven und ideologischen Inhalten unterscheidet. Die &lt;i&gt;kognitiven Gehalte&lt;/i&gt; in der Philosophie verwirft Al Jabri: &lt;i&gt;Der kognitive Inhalt der Gesamtheit [der aristotelischen] Philosophie stürzte mit der Ausbreitung der modernen Wissenschaften zusammen. Descartes gründete seine Philosophie auf die Physik von Galilei. [] Doch der kognitive Gehalt des Cartesianismus hörte mit der Durchsetzung der Newtonschen Physik auf, operativ zu sein. Auf diese gründete Kant seine eigene Philosophie, die ihrerseits überholt war, als die Newtonsche Physik von der Quantentheorie und der Relativitätstheorie überholt wurde usw. Die Geschichte der Wissenschaft istdie Geschichte der Irrtümer der Wissenschaft. Deshalb stirbt der kognitive Gehalt jeder Philosophie ein für alle mal: er geht in die Geschichte als Summe von &quot;Irrtümern&quot; ein. Er stirbt und stürzt in sich zusammen ohne Hoffnung, wieder aufzuerstehen, weil der Irrtum keine Geschichte hat.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen setzt er den &lt;i&gt;ideologischen Gehalt der Philosophie&lt;/i&gt;, der für ihn die Zeit des &lt;i&gt;&quot;Künftig-Mögliche[n]&quot;&lt;/i&gt; darstellt, &lt;i&gt;jedoch in der Form eines Traumes&lt;/i&gt;. Das, was im abendländischen Sprachgebrauch als &quot;Vision&quot; übersetzt würde, wird hier energische Rede für den Traum: &lt;i&gt;Der Traum ignoriert von Natur aus die räumlich-zeitlichen Parameter, im Gegensatz zur Wissenschaft, deren Zeit das &quot;Jetzt-Gegenwärtige&quot; ist, das sie in ihrer Gegenwart lebt.&lt;/i&gt; Das ist natürlich kein antiwissenschaftlicher Gestus. Al-Jabri wehrt sich nur gegen die Infiltration der Philosophie einerseits durch die Religion und andererseits durch eine Verwissenschaftlichung, die, so führt er aus, systemimmanent nur eine begrenzte &quot;Lebensdauer&quot; hat. Eine Argumentation, die zum Beispiel in Anbetracht des neurobiologischen Diskurses in der zeitgenössischen (westlichen) Philosophie eine interessante Dimension eröffnet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Ideologischen ist hier per se nicht negativ konnotiert, allerdings heißt es: &lt;i&gt;Eine Ideologie, die ihre &quot;Zukunft&quot; in der Vergangenheit lebt, ist folglich eine Ideologie, die fortfährt, einen jener Momente zu leben, der durch den Prozess des Werdens des Denkens, dem sie verbunden ist, bereits beseitigt wurde.&lt;/i&gt; Dagegen steht eine Ideologie &lt;i&gt;dieihre Zukunft nach dem Künftigen ausrichtet, [] eine Ideologie, die ein  oder mehrere  vom Prozess des Werdens noch nicht beseitigte Moment lebt.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem Al-Jabri die Philosophie als dynamisch-visionär und eigenständig postuliert und einen &lt;i&gt;averroistischen Geist&lt;/i&gt; ausruft, greift er auch den Status quo des Universalismus westlichen Denkens an. Der averroistische Geist als soll &lt;i&gt;unserem Denken, unserem Blick und unseren Bestrebungen so gegenwärtig sein wie der kartesische Geist dem französischen Denken, oder der von Locke und Hume eingeführte empiristische Geist dem englischen Denken gegenwärtig ist. [...] Errichten wir also unsere Besonderheit auf dem, was uns eigen ist, uns zukommt, uns nicht fremd ist. Der averroistische Geist kann unserer Epoche angepasst werden, weil er mit ihr in mehr als einer Hinsicht einhergeht; dem Rationalismus, dem Realismus, der axiomatischen Methode und dem kritischen Herangehen. Den averroistischen Geist annehmen heißt brechen mit dem &quot;orientalischen&quot; avicennischen Geist, derdas Denken der Finsternis fördert.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Traum des &lt;i&gt;Künftig-Mögliche[n]&lt;/i&gt; ist es, &lt;i&gt;ein Reich der Vernunft und der Gerechtigkeit zu errichten, um ein freies, arabisches, demokratisches und sozialistisches Gemeinwesen aufzubauen.&lt;/i&gt; 

&lt;center&gt;&#1769;      &#1769;     &#1769;      &#1769;&lt;/center&gt;

Auf dem Cover des Buches zeigt ein Vexierbild sowohl eine Darstellung von Averroes als auch von Immanuel Kant; beide miteinander verflochten. Die »Anmaßung«, sich »mit dem Titel &apos;Kritik&apos;« in der Nachfolge Kants zu »schmücken« sei, so sagt das Vorwort, »seltenso berechtigt wie bei dieser profunde[n] und hochgradig originelle[n] Fundamentalanalyse arabischer Wissensproduktion«. Dies zu beurteilen müssen andere vornehmen und ist sicherlich erst nach Vorlage des gesamten Korpus möglich. Sicher ist, daß es sich auch um ein politisch wichtiges Buch handelt, welches alleine schon aus Gründen der Verständlichkeit auch für den nicht-philosophisch vorgebildeten (und vielleicht weniger interessierten) Leser im Rahmen des Möglichen zugänglich sein sollte. 

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;&lt;b&gt;*&lt;/b&gt; Die Scheibweise der arabischen Namen erfolgt gemäß dem vorliegenden Buch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;**&lt;/b&gt; Zitate aus Vorwort und Einführung des Buches, d. h. Texte, die nicht von Al-Jabri direkt stammen, werden in &quot;französischen&quot; Anführungszeichen gesetzt: » und «. Zitate von Al-Jabri sind kursiv geschrieben. Dabei wurden Zeichensetzung und Orthografie aus dem vorliegenden Buch übernommen. Gelesen wurde ein &quot;Vorabdruck&quot; eines Rezensionsexemplars des Verlags, welches mit dem Vermerk &quot;Geringfügige Änderungen und Korrekturen vorbehalten&quot; versehen ist.  &lt;/small&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;a href=&quot;http://www.perlentaucher.de/artikel/5288.html&quot;&gt;Leseprobe im Perlentaucher&lt;/a&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-05-19T15:20:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5668125/">
    <title>Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5668125/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Peter Sloterdijk  Du musst dein Leben aendern&quot; height=&quot;332&quot; alt=&quot;Peter Sloterdijk  Du musst dein Leben aendern&quot; width=&quot;200&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Peter-Sloterdijk-Du-musst-dein-Leben-aendern.jpg&quot; /&gt;So wie der &lt;a href=&quot;http://rainer-maria-rilke.de/090001archaischertorso.html&quot;&gt;Torso Apollos im Louvre von Paris im Jahr 1908 zum Dichter Rainer Maria Rilke&lt;/a&gt; mit seiner &lt;i&gt;durchlichtende[n] Äußerung des Seins&lt;/i&gt; in einem anthropomorphen Akt zu sprechen beginnt und ihn aufruft &quot;Du mußt dein Leben ändern&quot;, so möchte auch Peter Sloterdijk den Leser mitreissen und affizieren. Begeistert ob dieser (säkularistischen) Inspiration weist er in seiner höchst originellen Lesart des Rilke-Gedichts en passant auf die beiden wichtigsten Worte dieses &lt;i&gt;absoluten Imperativs&lt;/i&gt; hin: Zum einen das &quot;Müssen&quot;  zum anderen das Possessivpronomen: hier sind weder Ausflüchte noch Delegationen erlaubt und die Konsequenzen könnten einschneidend sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;Torso Apollos&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;Torso Apollos&quot; width=&quot;237&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Torso-Apollos.jpg&quot; /&gt;Und so nimmt Sloterdijk Fahrt auf zur Lebensänderungs-Expedition. Dabei soll (in Paraphrase zu Wittgenstein) der &lt;i&gt;Teil der ethischen Diskussion, der kein Geschwätz ist, in anthropotechnischen Ausdrücken&lt;/i&gt; reformuliert werden. So wird der Übende, der Akrobat, zur Galionsfigur des Sich-Ändern-Wollenden installiert und bekommt dabei fast zwangsläufig das Attribut &quot;asketisch&quot;, denn &lt;i&gt;der größte Teil allen Übungsverhaltens&lt;/i&gt; vollzieht sich &lt;i&gt;in der Form von nicht-deklarierten Askesen&lt;/i&gt;. Kein Ziel kann da hoch genug sein (und das im wörtlichen Sinn). Rilkes Vollkommenheits-Epiphanie als unumkehrbares Aufbruchsmoment, als Vorbild für den heutigen Trägheitsmenschen. Sloterdijk als Trainer (das ist &lt;i&gt;derjenige, der will, daß ich will&lt;/i&gt; oder doch eher eine Re-Inkarnation Zarathustras, denn kein Zweifel kommt auf, daß hier Nietzsche der grosse Motivator ist, sozusagen der &quot;Über-Trainer&quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Weltverbesserung und Krüppelexistentialismus&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zusammen mit seinem anderen Co-Trainer Heidegger, dem Re-Vitalisator des Daseins, versucht Sloterdijk den Leser aus (s)einer modernen Bequemlichkeits-Lethargie aufzurütteln  ohne dabei mit esoterischen Lebenshilfepropheten oder billigen Parolendreschern verwechselt zu werden. Hart geht er mit den Kulturkritikern ins Gericht, die den Menschen im Fatum seiner Existenz verhaftet sehen. So greift er Bourdieus Habitus-Begriff stark an, den er als Ausrede für ein autosuggeriertes Klassenbewusstsein begreift. Dieser leidenschaftliche Versuch den Ausgang des Menschen aus seiner oktroyierten und dann (willig?) selbsteingebildeten (soziologischen) Schicht herbeizuschreiben, um die Klassengesellschaft in eine &lt;i&gt;Disziplinengesellschaft&lt;/i&gt; zu überführen, lohnt die Lektüre. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Sloterdijksche Ziel ist, auch wenn er das in dieser Form bestreiten würde, auf Weltverbesserung ausgerichtet. Und hier kann tatsächlich jeder mitmachen, wie er in einem bemerkenswerten Kapitel über Carl Hermann Unthan ausführt, einem armlosen Geigenspieler, der Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts mit seiner Kunst durch erst durch Varités zog, bevor er als anerkannter Solist in Konzertsälen spielte. Sloterdijk versucht die Übungsintensitäten dieses Mannes nachzuempfinden, entdeckt dabei einen &lt;i&gt;vitalistisch gefärbte[n] Krüppelexistentialismus&lt;/i&gt; (mit &lt;i&gt;Melancholie-Verbot&lt;/i&gt;; ergänzt wird dieses Kapitel mit Bemerkungen zu Hans Würtz und seinem Buch &quot;Zerbrecht die Krücken&quot;) und transformiert ihn ins Allgemeine.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Weg, der zum Aufstieg werden soll, ist an Voraussetzungen geknüpft. Erst durch eine &lt;i&gt;Evakuierung des Innenraums durch Ausräumung des Nicht-Eigenen&lt;/i&gt;, der &lt;i&gt;Absetzung von der Mitwelt&lt;/i&gt; und den dann folgenden &lt;i&gt;Rückzug in sich&lt;/i&gt; (&lt;i&gt;Sezession von der Gewöhnlichkeit&lt;/i&gt; bzw. &lt;i&gt;Rezession&lt;/i&gt; genannt) wird die Grundlage zum übenden Wesen gelegt, welches &lt;i&gt;das Dasein des Menschen von morgen&lt;/i&gt; begründen soll, und zwar &lt;i&gt;einschließlich der Willensgymnastik und der Mutproben für die eigenen Kräfte&lt;/i&gt;  hier ist Sloterdijk ganz Nietzsche-Adept, wobei er sehr früh die biologistischen Implikationen, die Nietzsche-Verächter zügig heranziehen, um nicht tiefer in die Materie eindringen zu müssen, verwirft (bzw. in den Kontext der Zeit stellt): der &lt;i&gt;&quot;Übermensch&quot;&lt;/i&gt; sei &lt;i&gt;impliziert kein biologisches, sondern ein artistisches, um nicht zu sagen: akrobatisches Programm&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Lösung aus den religiösen Affekten&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Formen von Exerzitien wecken natürlich zahlreiche Assoziationen zu religiösen und spirituellen Handlungen und Versenkungen. Diese werden en détail, achtungsvoll und sogar als durchaus vorbildhaft für den heutigen Übenden beschrieben. Dennoch rechnet Sloterdijk mit Verve mit den religiösen Affekten speziell der Neuzeit ab  respektvoll mit dem somatischen Religionsstifter Pierre de Coubertin, der mit seinem &lt;i&gt;Olympismus&lt;/i&gt; allzu naiv die Welt über die Wiedereinführung des Griechentums retten wollte, beißend-ironisch mit dem &lt;i&gt;Religionsparodist[en]&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Business-Trainer&lt;/i&gt;, in der Tradition &lt;i&gt;moderner Scharlatane&lt;/i&gt; stehenden Ron Hubbard, dessen &lt;i&gt;psychotechnische Übungstruppe&lt;/i&gt; immerhin &lt;i&gt;indirekt aufklärerisch&lt;/i&gt; aufzeigt, wie einfach letztlich das Stiften einer Religion sein kann (die Gefahren dieser &lt;i&gt;&quot;Psychology-Fiction&quot;&lt;/i&gt; für den Einzelnen werden dabei durchaus erkannt). Aber auch Religionen, &lt;i&gt;wo das Interesse an Letztversicherung die affektive und ästhetische Besetzung der vorletzten Dinge sabotiert&lt;/i&gt;, wie beispielsweise das Christentum werden kritisch betrachtet (naturgemäß weniger die fernöstlichen Erzählungen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Religionen sind &lt;i&gt;nichts anderes als Komplexe von inneren und äußeren Handlungen, symbolische Übungssysteme und Protokolle zur Regelung des Verkehrs mit höheren Stressoren und &quot;transzendenten&quot; Mächten  mit einem Wort Anthropotechniken im impliziten Modus.&lt;/i&gt; Glauben geht &lt;i&gt;mit einer Suspension der Empirie daher. Nur der ist in der Lage zu glauben, der imstande ist, sich gegen die Autorität des Augenscheins zu entscheiden&lt;/i&gt;. Dem &lt;i&gt;gut organisierten Eremiten&lt;/i&gt; der Moderne (bzw. der &lt;i&gt;Neo-Antike&lt;/i&gt;, der Ära &lt;i&gt;&quot;nach der Moderne&quot;&lt;/i&gt;) kommt die Inkludierung oder gar das Abdriften in die von Sloterdijk in Anführungszeichen gesetzte Religion nicht in den Sinn; er begreift dies als obsolete Regression, die höchstens noch als autarkes System ihr Refugium hat (ein Religionsstürmer ist Sloterdijk dabei nicht; er kritisiert die Oberflächlichkeit des Neuen Atheismus à la Hitchens und Dawkins ausdrücklich). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ziel des asketischen Übens muß demnach ein anderes sein als Gottgefälligkeit oder Gottesnähe zu erreichen. Wobei Sloterdijk durchaus hart mit der (von ihm sogenannten) Pseudo-Säkularisierung der Moderne verfährt und sogar von einem Mißverständnis spricht. Er sieht das &lt;i&gt;Hauptereignis dieser Epoche&lt;/i&gt; nicht in der &lt;i&gt;Ära der Säkularisierung&lt;/i&gt; (die meisten hätten sich, so wird suggeriert, in einen offen lassenden Agnostizismus oder Religions-Eklektizismus begeben), sondern in der &lt;i&gt;Entradikalisierung der ethischen Unterscheidung  oder: Devertikalisierung der Existenz&lt;/i&gt;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&quot;Vertikalspannungen&quot;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese scheinbar rein deskriptive Bemerkung bekommt durchaus Brisanz, wenn man als essentiellen Makel der Moderne das Streben nach einer Art Rigorismus der Egalität begreift. Sloterdijk schickt seinen Übenden in Opposition, in dem dieser sich den &lt;i&gt;Vertikalspannungen&lt;/i&gt;, die sich aus seiner &lt;i&gt;Akrobatik&lt;/i&gt; ergeben, nicht nur stellt, sondern sie aushält und sich auf ihnen sozusagen zum &quot;Leader&quot; gegen die träge gewordene Rest-Welt empor manövriert. Leicht erliegt der unaufmerksame Leser dem Irrtum, Sloterdijk huldige damit einem neuen Hierarchie- oder Elite-Prinzip. Vertikalität wird stattdessen definiert als &lt;i&gt;eine ethisch kompetentere und empirisch adäquatere Alternative zu der grobschlächtigen Herleitung aller Hierarchie-Effekte und Stufenphänomene aus der Matrix von Herrschaft und Unterwerfung&lt;/i&gt;. Das klingt sehr schön, wird aber im weiteren Verlauf des Buches außer vagen Anregungen zu einer neuen &lt;i&gt;Disziplinistik&lt;/i&gt; (einem Vorboten der Askese?) nicht konkretisiert; zumal Sloterdijk von den herrschaftsfreien Diskursen gleich weit entfernt zu sein scheint wie von starren Hierarchien, wie seine Ausfälle der Frankfurter Philosophenschar gegenüber dokumentieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was aber, wenn das &quot;Basislager-Problem&quot; auftritt? Was, wenn die anfangs willigen Expeditionsteilnehmer mit ihrem Basislager, welches Ausgangspunkt zum steinigen Gipfelaufstieg sein soll, als Aufenthaltsort vollkommen zufrieden sind und sich in ihrem &quot;Habitus&quot; eingerichtet und damit abgefunden haben? Wenn &lt;i&gt;die finalen Spießer [] wollen, was sie haben, nur komfortabler&lt;/i&gt;? Was, wenn &lt;i&gt;das Wollen des Nicht-Wollens&lt;/i&gt; unter &lt;i&gt;dem Vorwand der Demut&lt;/i&gt; virulent zu werden droht? Mit Grandezza beseitigt Sloterdijk für lange Zeit die Zweifel:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Mochten die Stoiker der Antike ihr Leben dem Versuch gewidmet haben, durch stetiges Üben in sich die Statue aufzustellen, die in unsichtbarem Marmor ihr bestes Stück herausarbeitete  die Modernen finden sich als fertige Trägheitsplastik vor und stellen sich im Identitäten-Park auf, gleich, ob sie den ethnischen Flügel wählen oder das individualistische Freigelände bevorzugen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[] Entscheidend ist, daß der Gedanke an neue Höhen verpönt sein muß  würden solche erklommen, könnte eine Wertminderung bei den eingelagerten Beständen eintreten. Wenn und weil im Basislager das bisher Erreichte als solches unter Kulturschutz gestellt wird, bedeutet jedes Expeditionsprojekt in der Vertikalen einen Frevel, eine Verhöhnung aller gerahmten Werte. Im Identitäten-Regime werden sämtliche Energien devertikalisiert und der Registratur übergeben. Von dort aus geht es direkt in die permanente Sammlung, in der es weder &quot;progressive Hängung&quot; noch evolutionäre Stufung gibt. Im Horizont des Basislagers ist jede Identität jede andere wert. Identität liefert folglich den Super-Habitus für alle, die so sein wollen, wie sie aufgrund ihrer lokalen Prägungen wurden, und meinen, das sei gut so. Auf diese Weise stellen die Identischen sicher, außer Hörweite zu sein, sollte unvorhergesehen wieder irgendwo der Imperativ &quot;Du mußt dein Leben ändern!&quot; zu hören sein.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;

&lt;b&gt;Die Wiederentdeckung der Vollnarkose&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer ginge da nicht erst einmal geduckten Hauptes mit seinem Rucksack weiter? Und so setzt sich der Leser dem gelegentlich donnernden Aphorismusgewitter geduldig aus, hört die Kritik an Wittgensteins Lehrerrolle (er nennt ihn einen &lt;i&gt;Narodnik, der sich im Jahrhundert geirrt hatte&lt;/i&gt;), liest ein Lob über Foucault, der den Weg zu einer &lt;i&gt;allgemeinen Disziplinistik&lt;/i&gt; begründete, bekommt verblüffende Lesarten zu Kafkas &quot;Hungerkünstler&quot; und &quot;Bericht für eine Akademie&quot;, streift den &lt;i&gt;metaphysisch Hungernden&lt;/i&gt; Emile M. Cioran, diesen &lt;i&gt;Meister des Es-zu-nichts-Bringens&lt;/i&gt;, für den Nietzsches Übermensch nur ein &lt;i&gt;aufgeblasener Hausmeister&lt;/i&gt; darstellte, erfährt nahezu alles über Trainer (inklusive ausgezeichneter, zehnteiliger Typologie  paritätisch ausgewogen: fünf spirituelle und fünf akrobatische Trainertypen), liest über den Unterschied zwischen Trainer und Pädagoge, erhält eine Ahnung, warum das Schulwesen so ist, wie es ist, bekommt den spiritualisierten Sezessionsmus nebst Extremismus des frühen Christentums erläutert, lernt den Unterschied zwischen Sezessionisten und Sesshaften kennen, erregt sich mit dem Autor über die ideologische Blindheit Sartres, vernimmt harte Worte über die fortschreitende Pervertierung des Sports durch das Doping (das ideale Übungssystem wird dadurch dauerhaft beschädigt), hört etwas vom &lt;i&gt;naiv-großen Denker der Weltverbesserung&lt;/i&gt; Hermann Bloch und bekommt einen Einblick in die Denkstrukturen beispielsweise der russischen Revolutionäre, Benedikt von Nursia, dem Heiligen Franziskus (&lt;i&gt;das Christentumsuchte den Superstar&lt;/i&gt;), erfährt fast nebenbei, daß Hegels Philosophie &lt;i&gt;Verarbeitung von frustriertem Idealismus&lt;/i&gt; sein dürfte und ist verblüfft von der Feststellung, daß die Wiedereinführung der &lt;a href=&quot;http://narkose-gera.de/geburtsstunde.htm&quot;&gt;Vollnarkose am 16. Oktober 1846&lt;/a&gt; (&lt;i&gt;&quot;ether day&quot;&lt;/i&gt;) die &lt;i&gt;anthropotechnische Situation der Moderne radikaler verändert&lt;/i&gt; habe als &lt;i&gt;jedes einzelne politische Ereignis oder jede sonstige technische Innovation seither&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Nietzsche, Heidegger  und Sennett&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sind nur einige der teilweise weit entlegenen Täler, in die der Expeditionsteilnehmer mit immer schwererem Gepäck in ständigem Auf und Ab geführt wird - mal in Serpentinen und dann auch wieder steil hinauf in die Höhe. Sloterdijks Ausführungen scheinen parallel auch eine gut getarnte Topografie des Umwegs zu sein.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Nietzsche ist dieses Buch mehr als nur im entsprechenden Kapitel (&lt;i&gt;Meisterspiele&lt;/i&gt;) von &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102259/&quot;&gt;Richard Sennetts &quot;Handwerk&quot;&lt;/a&gt; inspiriert, wenn nicht beeinflußt. Nicht nur die Parallelen zum Eremiten Sloterdijks mit den &quot;ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen[den]&quot; Handwerkern des &quot;engagierten Tuns&quot; sind offensichtlich. Insbesondere wenn Sennett die negative Konnotation des Begriffs der Routine in die positive Formulierung des &quot;Übens&quot; überführt und als &quot;Entwicklungsvorgang&quot; darstellt, sind die Übereinstimmungen frappierend. Später führt Sloterdijk listigerweise noch den Begriff der &lt;i&gt;Wiederholung&lt;/i&gt; ein (&lt;i&gt;Was ist ein Kulturträger, wenn nicht der Hüter der Wiederholung?&lt;/i&gt;). Während Sennett allerdings seine Übungslehre als kulturanthropologische Betrachtung anlegt und mit durchaus egalitärer Tendenz soziologisch ausstattet, kommt Sloterdijk philosophisch als ein Übermensch-Trainer des 21. Jahrhunderts daher, der das &quot;Handwerkliche&quot; in das &quot;Akrobatische&quot; verwandelt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Moderne, so gibt Sloterdijk dem potentiellen Sezessionisten auf den Weg, &lt;i&gt;bindet uns an ein Gemeinwesen, das keine Auswanderung mehr kennt. Seit wir in ihm leben, besitzen wir alle den gleichen Paß, ausgestellt durch die Vereinigten Staaten der Gewöhnlichkeit. Sämtliche Menschenrechte sind garantiert, ausgenommen das Recht auf Ausreise aus der Faktizität. Deshalb werden die meditativen Enklaven mit der Zeit unsichtbar, die Wohngemeinschaften der Weltfremdheit lösen sich auf. Die heilsamen Wüsten veröden, die Klöster entleeren sich, Urlauber treten an die Stelle von Mönchen, Ferien ersetzen die Weltflucht. Die Halbwelten der Entspannung geben dem Himmel wie dem Nirvana empirisch Sinn.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Es gibt Imperative  aber gibt es eine Ethik?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da erscheint das neue Gesetz des &lt;i&gt;absoluten Imperativs&lt;/i&gt; notwendig: &lt;i&gt;&quot;Hiermit trete ich aus der gewöhnlichen Wirklichkeit aus&quot;&lt;/i&gt;. Sloterdijks Akrobat ist der &lt;i&gt;Passionsspieler&lt;/i&gt; des &lt;i&gt;In-der-Welt-Seins&lt;/i&gt;, wobei die Welt des Akrobaten eine andere ist als die des Nicht-Akrobaten (da ist Sloterdijk dann wieder ganz bei Wittgenstein). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischendurch erweckt der Autor den Eindruck, &lt;i&gt;mit dem ganzen eigenen Dasein&lt;/i&gt; des Sezessionisten &lt;i&gt;einen Unterschied zu machen, den zuvor niemand vollzog&lt;/i&gt; sei der Weg &lt;i&gt;ins ethische Denken&lt;/i&gt;. Immer wieder variiert Sloterdijk &quot;seinen&quot; Imperativ, deklamiert einen &lt;i&gt;perfektionistischen Imperativ&lt;/i&gt; (&lt;i&gt;&quot;Verhalte dich jederzeit so, daß die Nacherzählung deines Werdegangs als Schema einer verallgemeinerbaren Vollendungsgeschichte dienen könnte&quot;&lt;/i&gt;), und passt ihn schließlich der &lt;i&gt;Stoßrichtung&lt;/i&gt; der Moderne an, vom &lt;i&gt;Du sollst dich jederzeit so verhalten, daß du in deiner Person die bessere Welt in der schlechten vorwegnimmst&lt;/i&gt; bis hin zum &lt;i&gt;Du mußt die Welt verändern, damit du, wenn sie im richtigen Sinn umgestaltet ist, dich guten Gewissens an sie anpassen kannst.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn er gegen Ende wuchtig postuliert, daß der &lt;i&gt;Fortschritts- und Entwicklungsgedanke in der Moderne&lt;/i&gt; als &lt;i&gt;schlimmster Feind der radikalen Metanoia alten Stils&lt;/i&gt; erwiesen habe (&lt;i&gt;Metanoia&lt;/i&gt; übersetzt Sloterdijk selber mit Gesinnungswandel; zu seinem Begriff der &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5424513/&quot;&gt;politischen Metanoia gibt es interessante Ansichten in seinem Nachkriegszeiten-Buch&lt;/a&gt;)  er betreibt unter der Hand doch das Geschäft des Fortschritts und macht aus dem Übenden, der sich mit Leidenschaft, Sennetts Handwerksgeschick und einer gewissen Impertinenz, die als Variationen von Askese aufgehübscht werden, den neuen Leistungsträger der Moderne; derjenige, der die scheinbare Aussichtslosigkeit der Dichotomien wie der vermeintlichen Sachzwänge negiert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht überzeugend ist die Darstellung der Re-Emigration des Eremiten, der &lt;i&gt;nicht dauerhaft in seiner weltflüchtigen Klausur verharren&lt;/i&gt; kann. Grundsätzlich ist ein solcher Abstieg sicherlich irgendwann geboten, aber die Begründung überrascht schon, soll doch &lt;i&gt;aus dem eigenen Dasein ein Gegenstand der Bewunderung&lt;/i&gt; zu formen sein, der sich natürlich &lt;i&gt;eines Tages auf die Bühne bringen und aus der inneren Performance eine äußere&lt;/i&gt; zu machen habe. Als sei ein zu erwarteter Applaus Movens der Sezession gewesen. Und was geschieht, wenn die Resultate der Klausur ein Ergebnis brächten, welches ad hoc keine Bewunderung fände, denn schließlich ist doch &lt;i&gt;die allesinfiltrierende Massenkuktur aufgrund ihrer siegreichen Mischung aus Simplifikation, Respektlosigkeit und Unduldsamkeit jeder normativen Vorstellung von Höhe abgeneigt, erst recht von Höhen, an denen sie sich messen sollte&lt;/i&gt;? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Leuchtende Momente&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selten wird Sloterdijk konkret, was Übungs-Resultate angeht. Interessant wird es dann, wenn er bemerkt, wie der Asket sich &lt;i&gt;vom Zwang, einen Feind zu haben [emanzipiert], in dem er einen universalen Feind in seinem Innern wählt, von dem in der Außenwelt nur zweitklassige Projektionen auftreten können. [...] Die moralische Askese nimmt dem Feind die Macht aus der Hand, uns zum Zurückschlagen zu nötigen. Wer die Ebene des Regierens auf Feindschaft übersteigt, löst den &apos;circulus vitiosus&apos; von Gewalt und Gegengewalt auf, natürlich oft um den Preis, der Leidtragende zu bleiben&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder wenn es um eine eventuell neu zu schaffende Ökonomie geht: &lt;i&gt;Die effektive Weltverbesserung würde die möglichst generelle Vereigentümerung verlangen. Statt dessen begeisterten sich die politischen Metanoetiker für die allgemeine Enteignung  hierin den christlichen Ordensgründern verwandt, die alles gemeinsam und nichts für sich besitzen wollten. Ihnen blieb die wichtigste Einsicht in die Dynamik der ökonomischen Modernisierung unzugänglich: Das durch die Beleihung von Eigentum geschaffene Geld ist das universale Weltverbesserungsmittel. Erst recht will ihnen nicht einleuchten, daß bis auf weiteres nur der moderne Steuerstaat, der anonyme Hyper-Milliardär, als allgemeiner Weltverbesserer fungieren kann, gewiß in Allianz mit den lokalen Melioristen  nicht allein aufgrund seiner traditionellen Schulmacht, sondern vor allem dank seiner im Lauf des 20. Jahrhunderts bis ins Unglaubliche angewachsenen Umverteilungsmacht. Der aktuelle Steuerstaat seinerseits hat nur Bestand, solange er sich auf Eigentumswirtschaft stützt, deren Akteure es widerspruchslos akzeptieren, wenn ihnen durch die sehr sichtbare Hand des Fiskus Jahr für Jahr die Hälfte des Gesamtprodukts zugunsten von Gemeinschaftsaufgaben abgenommen wird.&lt;/i&gt; Sloterdijk spricht  ohne ideologischen Hintergedanken - in Anbetracht einer Staatsquote von 50% von einem &lt;i&gt;Semi-Sozialismus&lt;/i&gt;. Letztlich fehle dem System nur &lt;i&gt;die Etablierung einer weltweit homogenisierten Steuersphäre und die längst überfällige Vereigentümerung der armen Welt.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sind diese leuchtenden Stellen, die das Buch so wertvoll machen (unabhängig davon, ob man den Thesen zustimmt oder nicht). Hier bezieht Sloterdijk Position und kurz schimmern die Möglichkeiten, die Dimensionen dieser anthropotechnischen Konstruktion durch, was angesichts des üppigen Volumens des Buches (bedauerlicherweise) erstaunlich selten der Fall ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allzu gerne ergeht er sich in süffisanten Beschreibungen und weite Teile sind letztlich multi-historische Exkursionen durch dreitausend Jahre Philosophie- und Kulturgeschichte (wobei der &quot;Kultur&quot;-Begriff beizeiten als &lt;i&gt;Hyperpopanz&lt;/i&gt; verkündet wird). Alles wunderbar formulierte, luzide Bemerkungen, Sentenzen und Ergänzungen. Aber man merkt früh: Stringenz ist Sloterdijks Stärke nicht; sein aphoristisch-narrativer Stil hat Schwächen, wenn er die Metaphorierung seiner Akrobaten- und Askesenlehre immer weiter forciert und dabei gekonnte aber dann doch manchmal manischem Originalitätszwang unterliegende Pirouetten dreht. (Man ist dann schon amüsiert, wenn er schreibt, daß Philosophen &lt;i&gt;auf der Höhe der Zeit den Mut zur Simplizität&lt;/i&gt; haben müssen  und dabei Richard Rorty und Hans Jonas anpreist, denen er eine &lt;i&gt;jargonfreie Sprache&lt;/i&gt; als Tugend anrechnet.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Angst des Philosophen vor der Höhe&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer da nicht auf der Höhe des aktuellen (philosophischen) Diskurses ist, wird recht bald gezwungen auf seiner Reise auch einmal die schöne Pflanze am Wegesrand oder den Jahrtausende alten Tempel auf der Anhöhe nicht zu bestaunen, sondern die Expedition mechanisch (zwangsläufig kopfnickend) weiterzugehen; ein erstes Zugeständnis mangelnder Fitness (des Lesers? des Autors?). Aber noch ist man gewillt, dem Trainer zu folgen. Etwa, wenn von der &lt;i&gt;Konversion&lt;/i&gt; als &lt;i&gt;Subversion&lt;/i&gt;, über den makroegoistischen Staat, der &lt;i&gt;nicht ohne blühende Mikroorganismen&lt;/i&gt; gedeihen kann oder äußerst anregend über die russischen Revolutionäre, deren Revolutionsrhetorik und den &lt;i&gt;Vertikalisten&lt;/i&gt; des beginnenden 20. Jahrhunderts die Rede ist (hier wird besonders deutlich, daß der teilweise deskriptive Stil Sloterdijks Schwächen hat, da er wenigstens vorübergehend eine gewisse Übereinstimmung mit dem Beschriebenen suggeriert). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Irgendwann beginnt Sloterdijk wohl Angst vor der Höhe zu bekommen. &lt;i&gt;Alte Formen&lt;/i&gt; seien &lt;i&gt;auf ihre Wiederverwendbarkeit zu prüfen, neue Formen zu erfinden&lt;/i&gt; heißt es einmal. Und weiter: &lt;i&gt;Ein anderer Zyklus von Sezessionen mag beginnen, um Menschen erneut herauszuführen  wenn schon nicht aus der Welt, so doch aus der Stumpfheit, der Niedergeschlagenheit, der Verranntheit, vor allem aber aus der Banalität, von der Isaac Babel sagte, sie sei die Konterrevolution.&lt;/i&gt; Ist dieser andere &lt;i&gt;Zyklus von Sezession&lt;/i&gt; nach all dem vorher so emphatisch Vorgetragenen nicht nur mehr eine &quot;Light&quot;-Version, die lediglich noch die gröbsten Spuren der Banalität tilgen will?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das denn genau? Am Anfang nahm man die zart angedeutete Mahnung noch als Ansporn des Trainers, aber jetzt steht dort noch einmal und deutlicher, &lt;i&gt;daß jeder Einzelne, auch der erfolgreichste, der schöpferischste, der großzügigste, wenn er sich ernsthaft prüft, zugeben müßte, er sei weniger geworden, als er seinem Seinkönnen nach hätte werden sollen, die wenigen Momente ausgenommen, in denen er sagen durfte, er habe der Pflicht, ein gutes Tier zu sein, gehorcht.&lt;/i&gt; Was bleibt ist das &lt;i&gt;durchschnittliche Übertier, von Ambitionen gekitzelt, von exzessiven Symbolen heimgesucht&lt;/i&gt;, welches hinter dem zurückbleibt &lt;i&gt;was von ihm gefordert wird, selbst im Trikot des Siegers, selbst im Gewand des Kardinals&lt;/i&gt;, da hilft kein &lt;i&gt;Gott und Übermensch&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber was ist das für ein Trainer, der seinem Artisten auf diese Weise nur eine Perspektive auf die Zweitklassigkeit in Aussicht stellt? Warum dann nicht gleich im &lt;i&gt;Identitäten-Park&lt;/i&gt; den Klappstuhl aufstellen und die Sonnenbrille aufsetzen? Ausgerechnet Sloterdijk, der so klug jede Aktion in den entsprechenden Kontext verorten und bewerten kann zieht sich plötzlich auf die (nicht nur christlich verordnete) Unvollkommenheit des Menschen zurück? Oder will er mit durchaus guten Absichten einer neuen menschlichen Hybris vorbeugen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Leser ist verwirrt und auch ärgerlich. Begriffe wie &lt;i&gt;Heterotopie&lt;/i&gt;; &lt;i&gt;revolutionäre Orthopädie&lt;/i&gt;; &lt;i&gt;enhancement-Fieber&lt;/i&gt;; &lt;i&gt;das Subjekt in der auto-operativen Krümmung&lt;/i&gt;; die Metaphysik &lt;i&gt;des Eisernen Zeitalters&lt;/i&gt; nebst &lt;i&gt;Verteidigung des Zweiten Silbernen Zeitalters&lt;/i&gt; - es ist schier unmöglich im Rahmen einer solchen Besprechung die ständig neu auftauchenden Wort- und Begriffsschöpfungen wiederzugeben. All diese Kapitel haben teilweise hohen Unterhaltungswert - sofern sie nicht später im Jargon-Dickicht unpassierbar werden. Und so vernimmt man dann einiges, wie zum Beispiel die Immunologie-Lehre, nur noch im Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Alleine im Gebirge&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Das Denken beginnt, wenn das Affentheater der Assoziationen aufhört&lt;/i&gt; - was ursprünglich als Ordnungsruf gegenüber den &lt;i&gt;forschen Neurologen&lt;/i&gt; galt, die ihre deterministischen Theorien verabsolutieren möchten, wendet sich irgendwann dezidiert gegen den Trainer. (Über die Notwendigkeit, ja Pflicht, diesen bedarfsweise zu wechseln, ist im Buch ja auch die Rede.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sloterdijks Stärke  die Sprache  wird auf einmal seine Schwäche. Was im kurzen politischen Essay willkommene geistige Erfrischung und Inspiration ist, ermattet im philosophischen Konvolut. Die Ermüdung hätte durch Konsistenz gemildert bzw. aufgehalten werden können. Aber am Ende wurde der geneigte Novize verlassen, im Rucksack  so stellt er fest  eine Menge Material, daß er nun mühsam zu sortieren hat (es gibt kein Personen- bzw. Stichwortverzeichnis am Ende; ein sträfliches Unterlassen). Man hatte zwar nicht unbedingt ein funktionierendes GPS-Gerät erwartet, aber mindestens einen Kompass und Karte. Wäre nicht der Heideggersche Feldweg leichter und trotzdem ergiebiger gewesen als diese abgebrochene Gipfelexpedition? Oder ist dies schon Teil des Programms des übenden Wesens (im Heidegger-Duktus steht einmal &lt;i&gt;Die Weltverbesserung ist das Gute, das Zeit braucht&lt;/i&gt;); Paraphrase des Prüfungsgedankens?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie ist das nun mit der Enklaven-Existenz des Eremiten? Da die Religionen programmatisch ins Private verschoben wurden, den Preis, den Nietzsche, der mit &lt;i&gt;Wahnsinn&lt;/i&gt; Geimpfte, als &lt;i&gt;Zeuge für die Vertikale ohne Gott&lt;/i&gt; zahlte, ein sehr hoher war (falls diese Einschätzung nicht ein veritables Mißverständnis sein sollte) und der bestirnte Himmel über den Übenden längst entzaubert und inzwischen mit nordkoreanischen Satellitenattrappen kontaminiert ist, stolpert die Sloterdijksche Meta-Akrobatistik nur noch hin zu einer diffus-halbherzigen Perfektionierungsstrategie. Jetzt erst weiß man die Bemerkung vom Trainer als &lt;i&gt;Führer in die Unwahrscheinlichkeit&lt;/i&gt; richtig einzuordnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klingt das nicht verdächtig nach einer Melange aus evangelischem Pfarrhaus und fernöstlichen &lt;i&gt;Übungssystemen&lt;/i&gt;, jeweils um die ihre spirituellen Grundfeste befreit, einer säkularen Umformung unterzogen und schließlich der Moderne anverwandelt? Die Krux dieses Verfahrens: Die Sinnstiftung bleibt dauerhaft tautologisch, da alle vorhandenen Ideale entweder nicht mehr infrage kommen, längst als falsche Weltverbesserungsoptionen entlarvt wurden, oder anderweitig besetzt sind. Der Übende vereinsamt  nicht zuletzt ideell. Man bekommt eine Ahnung, &lt;b&gt;wie&lt;/b&gt; man üben soll, aber eben nicht &lt;b&gt;was&lt;/b&gt; und  vor allem - &lt;b&gt;warum&lt;/b&gt;. Dem Leser bleibt fast nichts anderes übrig, auf diese Frage aller Fragen mit einem patzigen &quot;darum&quot; zu antworten. Oder die Handwerker zur Renovierung des Basislagers zu bestellen. Wortakrobatik hin oder her.

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiven Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch&lt;/small&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;a href=&quot;http://www.suhrkamp.de/_download/blickinsbuch/9783518419953.pdf&quot;&gt;Leseprobe aus dem besprochenen Buch&lt;/a&gt;&lt;hr /&gt;
&lt;a href=&quot;http://www.glanzundelend.de/Artikel/sloterdijkleben.htm&quot;&gt;Sehr kluge und interessante Besprechung von Goedart Palm&lt;/a&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-04-27T09:10:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5504478/">
    <title>Jonathan Littell (Hainer Kober): Das Trockene und das Feuchte</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5504478/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Jonathan Littell Das Trockene und das Feuchte &quot; height=&quot;259&quot; alt=&quot;Jonathan Littell Das Trockene und das Feuchte &quot; width=&quot;192&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Jonathan-Littell-Das-Trockene-und-das-Feuchte-.jpg&quot; /&gt;Jonathan Littell, Autor der &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4851393/&quot;&gt;Splatter-Mockumentary Scharteke &quot;Die Wohlgesinnten&quot;&lt;/a&gt;, hat das Buch &quot;La campagne de Russie&quot; (&quot;Der Russlandfeldzug&quot;; erschienen 1949) des ehemaligen belgischen SS-Offiziers Léon Degrelle gelesen. Und er hat das Buch &quot;Männerphantasien&quot; von Klaus Theweleit und dessen Thesen zum Faschismus gelesen. Littell versucht nun Theweleits Thesen von 1977 mit seiner Rezeption von Degrelles Buch fortzuschreiben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littell ist von Theweleits Buch fasziniert. &lt;i&gt;&quot;Der Faschismus (ist eine) Form der Produktion des Realenkeine Frage der Staatsformauch nichtder Wirtschaftsform, überhaupt nicht eine Frage des Systems.&quot;&lt;/i&gt; zitiert er Theweleit, der im &lt;a href=&quot;http://www.faz.net/s/Rub1DA1FB848C1E44858CB87A0FE6AD1B68/Doc~EC5546F16F02E434789E3B51535F8F50F~ATpl~Ecommon~Scontent.html&quot;&gt;Nachwort zu &quot;Das Trockene und das Feuchte&quot; (welches bereits im April 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde)&lt;/a&gt; ergänzt: &quot;&apos;Faschismus&apos; ist ein Körperzustand, eine gefährliche Materie, die mit Macht und Gewalt darauf dringt, den Zustand der Welt den Zuständen des eigenen Körpers anzugleichen, zu unterwerfen&quot;. &lt;i&gt;Das Freud&apos;sche Modell von Es, Ich, Über-Ich und damit der ödipalen Konstellation lässt sich auf [den Faschisten] nicht anwenden&lt;/i&gt; so klären Littell (und Theweleit) auf, denn &lt;i&gt;der Faschist hat die Trennung von der Mutter nicht abgeschlossen und sich nie als Ich im Freud&apos;schen Sinne konstituiert. Der Faschist ist der &quot;Nicht-zu-Ende-Geborene&quot;. Aber er ist kein Psychopath; er hat eine partielle Trennung vollzogen, er ist sozialisierter ergreift sogar gelegentlich die Macht.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Theweleits These und männlicher Selbsthaß&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstbewusst erklärt Klaus Theweleit seine Verdienste um die Faschismusforschung: &quot;Ich hatte etwas geliefert, was es bis dahin nicht gab, den Versuch, den Faschismus, den Nationalsozialismus, nicht als Ausgeburt einer fürchterlichen &apos;Ideologie&apos; zu beschreiben, sondern, ausgehend vom Mann-Frau-Verhältnis in der europäischen Geschichte, als eine gewalttätige Art und Weise, &apos;die Realität&apos; herzustellen: die politische mörderische Realität des faschistischen Gewaltstaats nicht als Folge von Ansichten, Ideen oder Industrie-Interessen, sondern als umgesetzten Ausdruck verheerender Körperzustände seiner Protagonisten - der faschistische Staat als Realitätsproduktion des Körpers des soldatischen Mannes.&quot; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch heute beruft sich Theweleit auf Rudolf Augsteins Lob (&quot;Vielleicht die aufregendste deutschsprachige Publikation des Jahres 1977&quot;) und bügelt in blasierter Arroganz eventuelle Einwände ab: &quot;Historiker haben Vorbehalte gegen autobiographische Texte. Sie trauen Untersuchungen nicht, die vorwiegend die Affekte des historischen Personals untersuchen. Schon gar nicht trauen sie psychoanalytischen Zugängen; unter anderem, weil sie keine Ahnung von ihnen haben. Ihr schlechtes Gewissen kam dazu: Erneut kümmerte sich ein Fachfremder um ihre (versäumten) Aufgaben.&quot; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://www.zeithistorische-forschungen.de/site/40208708/default.aspx&quot;&gt;Sven Reichardt schreibt in seinem sehr erhellenden und lesbaren Essay &quot;Klaus Theweleits &apos;Männerphantasien&apos; - ein Erfolgsbuch der 1970er-Jahre&quot; &lt;/a&gt;:
&lt;blockquote&gt;&quot;Theweleits Arbeit befasst sich zunächst mit der Freikorps-Literatur der 1920er-Jahre; er untersucht die faschistischen Männlichkeits- und Gewaltphantasien dieser Soldateska in über 250 Romanen oder Erinnerungen. Dabei nimmt er Sprachstil wie Inhalt dieser Literatur auseinander und stellt Frauenbild, Körperverhältnis und Kampfberichte in das Zentrum seiner Analyse. Bei der Lektüre der Schriften der höchst unterschiedlichen sieben Hauptpersonen stellt sich heraus, dass diese im Grunde nur drei Frauentypen kannten: die Mutter, die &apos;weiße Krankenschwester&apos; und die Hure.&quot;&lt;/blockquote&gt;
Bei den sieben Hauptpersonen handelt es sich um &quot;den in afrikanischen Koloniekämpfen berühmt gewordenen Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck, den 1919 den Dienst quittierenden Kapitänleutnant Martin Niemöller, den Freikorpskommandeur Gerhard Roßbach und einen seiner Mannen namens Rudolf Höß, der später als Lagerkommandant berüchtigt wurde, um den ehemaligen Chef der Marinebrigade und wohl bekanntesten Freikorpsführer Hermann Ehrhardt sowie um die bekannten Schriftsteller Ernst von Salomon und Ernst Jünger.&quot; (Reichardt)&lt;br /&gt;
Diese sieben Personen sind für Theweleit repräsentativ für den &quot;Faschisten&quot;. Seine Thesen sind ohne Verortung im zeitgeschichtlichen Kontext des Erscheinungsjahrs 1977 kaum zu verstehen, war doch &quot;das Thema der Männlichkeit und der Geschlechterbeziehungen in den 1970er-Jahren gesamtgesellschaftlich in das Blickfeld geraten&quot;, wie Sven Reichardt herausarbeitet. Durch eine geschickt vorgenommene Verschiebung von Prioritäten innerhalb des Diskurses (es geht um die Post-68er-Ära, in der &quot;Faschist&quot; fast zum umgangssprachlichen Schimpfwort wurde) war es möglich, Fragen und Einwände, etwa &quot;warum der soldatische Mann in dieser Form gerade in Deutschland entstand&quot; (Reichardt) oder welche Rolle der Erste Weltkrieg und das Scheitern der Weimarer Demokratie spielte, mit Nonchalance ignorieren zu können. Heute wirkt diese &quot;streberhafte Geste der Selbstdenunziation&quot;, mit der sich der &quot;zur Faschismustheorie aufgemotzte männliche Selbsthaß&quot; umgibt (&lt;a href=&quot;http://www.single-generation.de/kohorten/68er/klaus_theweleit.htm#phantasien&quot;&gt;Jörg Lau 2004&lt;/a&gt;) eher komisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der Belgier&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littell will anhand von Degrelles Buchs Theweleits &lt;i&gt;Thesen sozusagen experimentellverifizieren, und zwar an einem Mann, der in einer anderen Sprache schrieb, einer anderen Generation angehörte und vor allem den Ersten Weltkrieg nicht miterlebt hatte&lt;/i&gt;. Und das, obwohl (oder gerade weil?) Littell und Theweleit eine halbwegs konsistente Definition des Begriffs des &quot;Faschisten&quot; nach wie vor nicht vorlegen, sondern nur &quot;fadenscheinige Textgewebe&quot; (Lothar Baier 1978 zu &quot;Männerphantasien&quot;) liefern, die grösseren Interpretations- und Deutungsspielraum zulassen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littells Stil ist eher erzählerisch, das Buch ist nur grob strukturiert. Der Leser erfährt kaum biografische Daten Degrelles ausserhalb seines politischen und militärischen Handelns; Kindheit und Jugend bleiben vollkommen ausgespart. Die &lt;i&gt;kurze historische Gedächtnisauffrischung&lt;/i&gt; setzt bei 1936 ein, als, wie Littell meint, &lt;i&gt;seine Popularität seinen Höhepunkt&lt;/i&gt; erreichte. Er ist damals 30 Jahre alt. Sein Ziel ist der &lt;i&gt;Sturz der politischen Klasse Belgiens&lt;/i&gt;. 1938 gelang ihm mit seiner &lt;i&gt;Volksbewegung katholischen Ursprungs&lt;/i&gt; (mehr wird nicht verraten) der Einzug ins belgische Parlament. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léon Degrelle ist Wallone, aber kein nationalistischer Wallone (am Rande erfährt man ein bisschen über die bereits damals merkwürdige Trennung zwischen Wallonen und Flamen; sogar die NS-Sympathisanten der jeweiligen Volksgruppen fanden kaum zueinander). Degrelle ist &lt;i&gt;Rexist&lt;/i&gt;, tritt aber gleichzeitig für ein &lt;i&gt;Gross-Burgund&lt;/i&gt; unter deutsch-nationalsozialistischer Führung ein. Er war Hitler 1936 begegnet &lt;i&gt;und dessen Charme sofort erlegen&lt;/i&gt;; er traf ihn noch mehrmals (die Fotos werden im Buch abgedruckt). 1940 wurde Degrelle als &lt;i&gt;germanophil&lt;/i&gt; kurzzeitig interniert. 1941 organisierte er eine &lt;i&gt;antibolschewistische Legion &quot;Wallonien&quot; im Rahmen der deutschen Wehrmacht&lt;/i&gt;, der er sofort als Leutnant angehören will, was aber aus &lt;i&gt;&quot;Mangel an militärischen und technischen Kenntnissen&quot;&lt;/i&gt; abgelehnt wird und ihm später ermöglicht, einen Mythos zu begründen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Wallonien&quot; geht nach Russland und wird in heftige (und teilweise verlustreiche) Kämpfe verwickelt. Degrelle steigt sehr schnell vom Schützen zum Offizier auf. 1944 wird er zum Kommandeur der (inzwischen in die SS eingegliederten) Sturmbrigade &quot;Wallonien&quot; ernannt. Im April 1945 wird er &quot;Standartenführer&quot; (Oberst); ob die Ernennung im Mai zum &quot;Oberführer&quot; (ein General-Äquivalent) &quot;korrekt&quot; war, ist umstritten (spielt aber letztlich keine Rolle). Littell schildert am Ende des Buches ausführlich die Odyssee von Degrelles Flucht (er hatte seine ihm anvertrauten Leute schlichtweg verlassen, als es ihm zu gefährlich wurde). Er landete mit einem Flugzeug auf abenteuerliche Art und Weise in Spanien, wurde Bauunternehmer und blieb dort unbehelligt (und unbelehrbar) bis zu seinem Tod 1994.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Klägliche Versuche von Sprachkritik&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt zahlreiche Abbildungen im Buch wie Briefmarken, Familienfotos, Propagandabilder und -plakate (mit teilweise halbessayistischen Erläuterungen, die das Lesen manchmal nicht ganz einfach machen), die allerdings kaum zur Verbesserung des Verständnisses des Textes beitragen. Vielleicht soll mit den Abbildungen ein gewisses Einlullen des Lesers betrieben werden, in dem eine Art Fotoalbumeffekt erzeugt werden soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Quellen weisen Degrelle als notorischen Tatsachenverdreher und Lügner aus. Littell sieht das als Beleg seiner These: &lt;i&gt;Degrelle ist nicht an der Wahrheit interessiert, sondern an der Realität seiner faschistischen Wirklichkeit.&lt;/i&gt; Mit dem Buch (seinem &lt;i&gt;Heldenepos&lt;/i&gt;) will Degrelle &lt;i&gt;das, was Theweleit die &quot;Erhaltung des Ich&quot; nennt&lt;/i&gt; erzeugen. &lt;i&gt;Das ist für den Faschisten eine Sache auf Leben und Tod. In dem Fall, der uns hier beschäftigtwird die Erhaltung des Ich durch eine Reihe strenger, fast mechanischer Gegensatzpaare geleistet, deren zweites Glied für die dem Ich-Panzer drohende Gefahr steht, während das erste die Eigenschaft repräsentiert, die dem Faschisten erlauben, den Ich-Panzer zu verstärken und damit der psychischen Auflösung zu entgehen.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wichtigste Gegensatzpaar ist für Littell das &lt;i&gt;des Trockenen und des Feuchten&lt;/i&gt; (daher der Titel) und dann &lt;i&gt;gibt es noch das Starre und das Formlose, das Harte und das Weiche, das Unbewegliche und das Wimmelnde, das Steife und das Schlaffe, das Aufrechte und das Liegende&lt;/i&gt;, und es folgen noch acht weitere Gegensatzpaare bis es dann heisst &lt;i&gt;und so fort.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littell ergeht sich in ausführlichen Zitaten und Deutungen des &lt;i&gt;Schlamm&lt;/i&gt;-Begriffs in Degrelles Buch; er findet die positiven und negativen Konnotationen (was an sich nicht ungewöhnlich ist und von jedem Gymnasiasten halbwegs präzise herausgearbeitet werden könnte). Der Faschist widersteht dem schrecklichen russischen Schlamm in dem er sich, nach Littell, versteift. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas überzeugender geraten die Gegenüberstellungen aus dem Kapitel &lt;i&gt;Trockene Körper, feuchte Kadaver&lt;/i&gt;. Die Gegensatzpaare &quot;trocken  feucht&quot; sind mit &quot;gut  schlecht&quot; zu übersetzen, also, in Degrelles Diktion: &quot;Wir  Bolschewistischer Feind&quot;. Der Faschist arbeite &lt;i&gt;unablässig an seinem Körper, um ihn von allem Feuchten zu reinigen&lt;/i&gt;, so Littell, und zwar unabhängig davon &lt;i&gt;ob es die Form des &quot;offiziellen Sumpfs&quot; oder der erotischen Feuchtigkeit annimmt&lt;/i&gt;. Der Feind versinkt im Schlamm  man selber bleibt &quot;trocken&quot; (sauber).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Verflüssigung und Phallus&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Gedanke an die &lt;i&gt;Verflüssigung des Körpers macht den Faschisten wahnsinnig&lt;/i&gt;. Während die Kadaver toter Russen als grässlich-&quot;flüssige&quot; bzw. sich-verflüssigende Körper geschildert werden, um den &quot;Feind&quot; auch noch im Tod zu dämonisieren (Littell liefert hierzu teilweise ekelhafte Textbeispiele) &lt;i&gt;bleibt der Faschist&lt;/i&gt; auch &lt;i&gt;nach seinem Todim Allgemeinen trocken&lt;/i&gt; und  das ist bei Littells erotomanischer Deutungsmaschine natürlich wichtig - &lt;i&gt;hart&lt;/i&gt;, denn der Autor weiss, dem Faschisten geht es nicht um &lt;i&gt;seinen Schwanz als Lustorgan, sondern seinen Phallus als Zentrum und Angelpunkt seines inneren wie äusseren Widerstands gegen den Feind. Ohne Phallus als Stütze lässt sich der Ich-Panzer nicht aufrechterhalten&lt;/i&gt; - diese Passage ist nicht frei von unfreiwilliger(?) Komik! - &lt;i&gt;und wird rasch niedergerissen.&lt;/i&gt; Dann, so Littell, &lt;i&gt;verflüchtigt sich der Faschist.&lt;/i&gt; Und so wird aus dem Faschisten eine Gewitterwolke oder ein Schnupfen.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nicht nur hier erinnert Littells Sprachkritik (grossmaulig wollte er dieses Büchlein mit &lt;i&gt;Anatomie eines faschistischen Diskurses&lt;/i&gt; untertiteln) durchaus an die sogenannte &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Zielscheibenfehler&quot;&gt;&quot;Methode des texanischen Scharfschützen&quot;&lt;/a&gt;. Dieser schiesst zuerst auf ein Scheunentor und malt danach um die Einschusslöcher die Zielscheibe. Erst sucht Littell in Degrelles Schwarte nach entsprechenden Textstellen und dann präsentiert er die folgerichtige Deutung  wie es denn passt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Interessant wird es als Littell herausfindet, dass die Bezeichnungen für den Amerikaner und deren Kriegshandlungen (auch die Amerikaner sind ja &quot;Feinde&quot;) vollkommen anders ausfallen. Beispielsweise ist der Amerikaner im Buch &lt;i&gt;monosem&lt;/i&gt;, d. h. es gibt fast nur eine durchgängige Bezeichnung für ihn (Russen werden als &quot;Bolschewiken&quot;, &quot;Mongolen&quot;, u. ä. bezeichnet) und die Beschreibung der Leichen amerikanischer Soldaten unterscheidet sich elementar von den ekelhaft-pejorativen Schilderungen der russischen Toten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Missverständnisse und vage Einsichten&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littell zieht daraus den vermutlich zutreffenden Schluss, dass Degrelle ein &lt;i&gt;kultureller, kein biologischer Rassist&lt;/i&gt; gewesen sei. Zwar müsse er als Rassist angesehen werden, aber &lt;i&gt;die Rasse&lt;/i&gt; an sich spiele in seinem Buch überhaupt keine Rolle (Juden kommen so gut wie gar nicht vor). Littells Schluss, Degrelles Verehrung für Hitler beruhe demzufolge &lt;i&gt;auf einem Missverständnis&lt;/i&gt;, erscheint nicht nur kühn, sondern beruht vermutlich seinerseits auf einem Missverständnis, in dem Littell fortlaufend &quot;Faschist&quot; und &quot;Nationalsozialist&quot; synonym verwendet (was grossen Teilen der Forschung fundamental widerspricht). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Ende, nach Theweleits Nachwort, kommt es in einem kurzen &lt;i&gt;Postskriptum&lt;/i&gt; zu einer interessante Ergänzung. Nicht nur, dass hier zum ersten Mal ein Unterschied zwischen Faschisten und &lt;i&gt;Nazis&lt;/i&gt; gemacht wird. Littell überlegt, ob nicht auch &lt;i&gt;vielleichteine Untersuchungan den oralen oder schriftlichen Zeugnissen der stalinistischen Henker oder auch einfach Militanten&lt;/i&gt; vorgenommen werden sollte, um zu sehen, ob deren &lt;i&gt;ideologische Klischeesdurchmöglicherweise auf die gleiche Weise analysierbare Stereotypen ersetzen werden&lt;/i&gt; könnten. Das ist reichlich kompliziert formuliert und soll wohl bedeuten, dass der Begriff des &quot;Faschisten&quot;, so wie er hier begriffen wird (als [vorübergehende?] Ekstase), durchaus auch in anderen, totalitären Strukturen gang und gäbe sein dürfte. Theweleit erwähnt dies nur lapidar am Rande.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das vorliegende Buch ist auch Ausweis einer männerbündischen Freundschaft zwischen Jonathan Littell und Klaus Theweleit. Man begreift nun besser, warum &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4851393/#Kapitel III&quot;&gt;&quot;Buchversteher&quot; Theweleit&lt;/a&gt; Iris Radisch in &lt;a href=&quot;http://www.taz.de/nc/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&amp;dig=2008%2F02%2F28%2Fa0170&amp;src=GI&amp;cHash=e12424991c&quot;&gt;derart dummer und anmaßender Weise&lt;/a&gt; ob &lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/2008/08/L-Littell-Radisch?page=all&quot;&gt;ihrer Rezension&lt;/a&gt; zu den &quot;Wohlgesinnten&quot; angriff. Im übrigen weist Léon Degrelle durchaus Charakterzüge der Hauptfigur Maximillian Aue auf  allerdings mit mindestens einem grossen Unterschied: In &quot;Das Trockene und das Feuchte&quot; gibt es einen Exkurs über Faschismus und Homosexualität, in dem Aues Homosexualität &quot;erfunden&quot; zu werden scheint. &lt;i&gt;Vielleicht&lt;/i&gt; so doziert Littell &lt;i&gt;hat ihm [Degrelle] genau das gefehlt, um ein Mensch zu werden  ein Schwanz im Arsch.&lt;/i&gt; (Über Littells Analfixiertheit gibt es ja sowohl in den &quot;Wohlgesinnten&quot; als auch in einem &lt;a &gt;Interview&lt;/a&gt; reichlich Belege.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider dümpelt das Buch oft zwischen billigem Hafenkneipenjargon und sexualisiert aufgeladener Westentaschenpsychologie (Türme als Phallus; Soldaten mit Erektionen) hin und her. Littells &lt;i&gt;Sprachkritik&lt;/i&gt; ist oberflächlich; manchmal verliert er mittendrin die Lust (einmal zählt er, wie oft bestimmte Begriffe vorkommen, um dann festzustellen &lt;i&gt;Ich habe sicher welche vergessen&lt;/i&gt;). Sein Zynismus ist zu oft Inszenierung und platte Provokation. Ein oberflächliches, schablonenhaftes und trotz gelegentlich auftrumpfenden Intellektualismus (Deleuze/Guatarri! Hannah Arendt!) phantasieloses Buch.  

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt; Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-02-09T16:19:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5473654/">
    <title>Isabelle Graw: Der große Preis</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5473654/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Isabelle Graw Der grosse Preis&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Isabelle Graw Der grosse Preis&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Isabelle-Graw-Der-grosse-Preis.jpg&quot; /&gt;Wie kommt es eigentlich dazu, dass auch zeitgenössische Kunst inzwischen bei Auktionen exorbitant hohe Preise erzielt? Wie ist dieser Hype zu erklären? Die Professorin, Kunstkritikerin und Publizistin &lt;a href=&quot;http://www.single-generation.de/kohorten/78er/isabelle_graw.htm&quot;&gt;Isabelle Graw&lt;/a&gt; untersucht in Ihrem Buch mit dem schön-doppeldeutigen Titel &quot;Der große Preis&quot; die Wechselwirkungen zwischen Kunst (gemeint ist &lt;i&gt;stets der Sonderfall der bildenden Künste&lt;/i&gt;) und Markt. Wobei das Buch durchaus den Beginn der Wirtschaftskrise, die uns aufgrund medialer Aufbereitung ständig präsent ist, reflektiert (der Schluss, aufgrund der Spezialisierung des Kunstmarktes wären die Auswirkungen gedämpfter, erweist sich allerdings als falsch). Bereits auf den ersten Seiten ihres Vorworts (welches eine Zusammenfassung der später ausführlich ausgebreiteten Thesen darstellt) wird der hohe Anspruch dieses Projekts deutlich  und die Ambivalenzen, die sich für jemanden stellen, der, wie Graw mehrfach bemerkt, selber stark in das Geschehen des zu beurteilenden Gegenstandes involviert ist.     &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Kein kulturkritisches Lamento&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Graw beschäftigt sich zunächst mit den Mechanismen des Marktes und wie diese auf Preis und Wert eines Kunstwerks wirken. Es gibt sehr kluge und bedenkenswerte Ausführungen zu Parallelen zwischen Kunstwerk und Luxusgut, wobei herausgestellt wird, dass dem Kunstwerk im Gegensatz zum Luxusgegenstand der Gebrauchswert fehlt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5473662/&quot;&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-01-27T07:49:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5471637/">
    <title>Vermeintliche Wahrheiten</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5471637/</link>
    <description>Eine neue Studie zur &quot;Lage der Integration in Deutschland&quot;, diesmal vom &lt;a href=&quot;http://www.berlin-institut.org/&quot;&gt;&quot;Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung&quot;&lt;/a&gt; herausgegeben sorgte bereits gestern in &lt;a href=&quot;http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,603294,00.html&quot;&gt;Vorabmeldungen&lt;/a&gt; für einigen Wirbel. In der Studie &lt;a href=&quot;http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/090122_Zusammenfassung.pdf&quot;&gt;&quot;Ungenutze Potenziale&quot; &lt;small&gt;Kurzzusammenfassung, pdf&lt;/small&gt;&lt;/a&gt; wird ein &quot;Integrations-Index&quot; ermittelt und eine separate Beurteilung der Integrationserfolge nach Herkunftsgruppen vorgenommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ernüchternde Bilanz: &quot;Zum Teil massive Integrationsmängel bestehen dagegen bei Migrantenvor allem bei der aus der Türkei. Von den hier lebenden 2,8 Millionen Türkischstämmigen ist knapp die Hälfte schon in Deutschland geboren. Diese zweite Generation schafft es jedoch kaum, die Defizite der meist gering gebildeten Zugewanderten aus den Zeiten der Gastarbeiteranwerbung auszugleichen. So sind auch noch unter den in Deutschland geborenen 15- bis 64-Jährigen zehn Prozent ohne jeden Bildungsabschluss  siebenmal mehr als unter den Einheimischen dieser Altersklasse. Dementsprechend schwach fällt ihre Integration in den Arbeitsmarkt aus.&quot; (Quelle: &lt;a href=&quot;http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/090122_abstract.pdf&quot;&gt;Abstract der Studie  pdf&lt;/a&gt;)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben den üblichen Appellen, die ein &quot;offeneres&quot; Zugehen der &quot;Mehrheitsgesellschaft&quot; auf die Migranten vorschlägt, wird durchaus die Notwendigkeit herausgestellt, den &quot;Nutzen einer Qualifikation klarer als bisher zu machen um den Bildungshunger unter den Jüngeren zu wecken.&quot; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die in der Diskussion übliche Legende, Bildung und Herkunft (oder, auf den Bildungsnotstand deutscher Bürger heruntergebrochen: zwischen Bildung und Einkommen) korrelieren quasi schicksalhaft und unausweichlich, wird mindestens um diesen Punkt ergänzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gänzlich absurd erscheinen solche wohlfeilen Urteile, wenn man die Integrations- und Bildungserfolge der Kinder eingewanderter Vietnamesen betrachtet, wie dies &lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/2009/05/B-Vietnamesen?page=all&quot;&gt;Martin Spiewak in der aktuellen Ausgabe der ZEIT macht. &quot;Das vietnamesische Wunder&quot;&lt;/a&gt; überschreibt er seinen Artikel, der feststellt:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt; Keine andere Einwanderergruppe in Deutschland hat in der Schule mehr Erfolg als die Vietnamesen: Über 50 Prozent ihrer Schüler schaffen den Sprung aufs Gymnasium. Damit streben mehr vietnamesische Jugendliche zum Abitur als deutsche. Im Vergleich zu ihren Alterskollegen aus türkischen oder italienischen Familien liegt die Gymnasialquote fünfmal so hoch. »Die Leistungen vietnamesischer Schüler stehen in einem eklatanten Gegensatz zum Bild, das wir sonst von Kindern mit Migrationshintergrund haben«, sagt die brandenburgische Ausländerbeauftragte Karin Weiss.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;

Die gängigen Argumentationsketten werden ganz schön durcheinandergerüttelt:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt; Zugleich stellt der Schulerfolg der Vietnamesen eine ganze Reihe vermeintlicher Wahrheiten der Integrationsdebatte infrage. Wer etwa meint, dass Bildungsarmut stets soziale Ursachen hätte, sieht sich durch das vietnamesische Beispiel widerlegt. Auch die These, Migranteneltern müssten selbst gut integriert sein, damit ihr Nachwuchs in der Klasse zurechtkomme, trifft auf die ostasiatischen Einwanderer nicht zu. Gewiss, vietnamesische Eltern der ersten Generation hatten  anders als die Türken oder Italiener  oftmals selbst einen höheren Schulabschluss. Aber auch sie sprechen meist kaum Deutsch, leben in einer Nische unter sich und bilden so etwas wie eine Parallelgesellschaft.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;

Vieles spricht dafür, dass es der &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3799899/&quot;&gt;gesellschaftliche und soziale Stellenwert von Bildung eine Rolle spielt, wie auch schon der ESC-Status&lt;/a&gt; der PISA-Studie nahe legt (nur, dass dies kaum jemand zur Kenntnis nehmen will, da liebgewordene Klischees einfacher zu pflegen sind):

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Dass ihre Kinder dennoch zu den Musterschülern unter den Migranten wurden, ist der Beleg für die Kraft einer Kultur, deren Strebsamkeit selbst unter widrigen Bedingungen zum Aufstieg führt. &lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;

Eine Integrationsdebatte, die sich nur über finanzielle Zuwendungen definiert und keinerlei Ansprüche formuliert, wird scheitern. Integration hat ganz direkt mit Bildung und dessen Stellenwert in der Gesamtgesellschaft zu tun. Das gilt natürlich auch für die &quot;Mehrheitsgesellschaft&quot;, in der das, was man Bildung nennt, inzwischen oft genug ebenfalls eher als &quot;elitär&quot; desavouiert wird.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-01-26T11:01:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5424511/">
    <title>Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5424511/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Peter Sloterdijk Theorie der Nachkriegszeiten&quot; height=&quot;333&quot; alt=&quot;Peter Sloterdijk Theorie der Nachkriegszeiten&quot; width=&quot;200&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Peter-Sloterdijk-Theorie-der-Nachkriegszeiten.jpg&quot; /&gt;Es ist ja nicht so, dass sich Peter Sloterdijk darüber beklagt, dass das deutsch-französische Verhältnis &lt;i&gt;vom Heroismus zum Konsumismus&lt;/i&gt; mutiert scheint und inzwischen mit &lt;i&gt;wohlwollende[r], gegenseitige[r] Nicht-Beachtung&lt;/i&gt; vermutlich zutreffend charakterisiert ist. Am Ende empfiehlt er ja sogar den grossen Konfliktherden der Welt, sich &lt;i&gt;nicht zu sehr füreinander&lt;/i&gt; zu interessieren. Denn erst &lt;i&gt;gegenseitige Desinteressierung und Defaszination&lt;/i&gt; lassen &lt;i&gt;Kooperation und Vernetzung&lt;/i&gt; zu. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Thesen basieren auf einer Rede, die 2007 gehalten wurde. Einerseits wird das deutsch-französische Verhältnis skizziert (zunächst weit ausholend und dann doch auf die Zeit nach 1945 konzentriert) und zum anderen die Rolle Deutschlands in Europa befragt. Ein Europa, für das die Bezeichnung &quot;Nachkriegseuropa&quot; 64 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs langsam obsolet sein dürfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&quot;Metanoia&quot; und &quot;Affirmation&quot;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das 50jährige Jubiläum des gemeinsamen Gottesdienstes zwischen Adenauer und de Gaulle im Jahre 1962 in Reims antizipierend (Sloterdijk greift hier spitzbübisch dem &quot;Jubiläumsjahr&quot; 2012 vor [nur die Evangelische Kirche in Deutschland ist da geschäftiger: sie beginnt &lt;a href=&quot;http://www.luther2017.de/&quot;&gt;im Jahr 2008 die Feierlichkeiten&lt;/a&gt;, die sogenannte &quot;Lutherdekade&quot;, die 2017 ihren Höhepunkt haben soll]), stellt er trocken, aber wahrscheinlich zutreffend fest: &lt;i&gt;Es gehört fast keine Phantasie dazu, um sich die Reden vorzustellen, die manhören wird.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5424513/&quot;&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2009-01-05T08:07:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5397813/">
    <title>Reinhard Marx: Das Kapital</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5397813/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Reinhard Marx  Das Kapital&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Reinhard Marx  Das Kapital&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Reinhard-Marx-Das-Kapital1.jpg&quot; /&gt;So manch ein Autor entdeckt in diesen Tagen des weltökonomischen Zusammenbruchs wieder das &quot;Primat der Politik&quot; und beginnt, Aufgaben und Ziele politischen Handelns (neu) zu entwerfen. Diesen Vorwurf des billigen Opportunismus auf Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, anzuwenden, wäre allerdings falsch. Marx ist Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz und seit Jahren ein glühender Verfechter der Katholischen Soziallehre. Anfang des Jahres war er kurz als Nachfolger von Karl Kardinal Lehmann für das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im Gespräch. Mit Bischof Robert Zollitsch wurde dann jemand gewählt, der in sozialethischen Fragen mit Marx größtenteils übereinstimmen dürfte, in theologischen Fragen (insbesondere der Ökumene, wie bspw. der &lt;a href=&quot;http://www.wir-sind-kirche.de/oekt/presse/pm030721.htm&quot;&gt;Interzelebration&lt;/a&gt;) jedoch wesentlich offener zu sein scheint als Marx.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marx setzt sich in seinem Buch &quot;Das Kapital&quot; (ein eher missglückter, weil zwanghaft origineller Titel, der zudem missverständlich ist) zunächst ausführlich mit seinem &lt;i&gt;Namensvetter&lt;/i&gt; (irgendwann nervt diese Formulierung) auseinander (&lt;i&gt;nicht nur wegen der Namensgleichheit&lt;/i&gt; und schreibt ihm sogar einen Brief (&lt;i&gt;statt einer Einleitung&lt;/i&gt;). Marx treibt die Frage um: Hat Karl Marx doch recht? Ist der Kapitalismus ein &lt;i&gt;notwendiges Stadium der Geschichte, durch das die Industriegesellschaft gehen muss, bevor die Akkumulation des Kapitals und die Entfremdung der Arbeiterschaft in dem Punkt kulminieren, an dem die Entwicklung in die kommunistische Revolution umschlägt&lt;/i&gt;? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5397822/&quot;&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-12-19T12:26:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5354618/">
    <title>Ulrike Ackermann: Eros der Freiheit</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5354618/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Ulrike Ackermann  Eros der Freiheit&quot; height=&quot;200&quot; alt=&quot;Ulrike Ackermann  Eros der Freiheit&quot; width=&quot;121&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Ulrike-Ackermann-Eros-der-Freiheit.jpg&quot; /&gt;Da sind die ersten 70 Seiten. Jammerorgien über die &lt;i&gt;Freiheitsmüdigkeit&lt;/i&gt; der &lt;i&gt;säkular[n] Moderne&lt;/i&gt;, wider den &lt;i&gt;paternalistischen Staat&lt;/i&gt; und der &lt;i&gt;Neigung&lt;/i&gt; seiner Bürger, die &lt;i&gt;ein krudes Verständnis vom globalisierten Markt&lt;/i&gt; an den Tag legen, &lt;i&gt;sich gegen die Freiheit&lt;/i&gt; zu entscheiden um stattdessen eine rundum versorgt zu werden. Da wird der Staat zum &lt;i&gt;Gott-Ersatz&lt;/i&gt; gemacht und der Markt, dieser Hort der Freiheit, der autoritäre Systeme &lt;i&gt;à la longue&lt;/i&gt; destabilisiert, verschmäht. Das &lt;i&gt;Hohelied auf den Staat&lt;/i&gt; resultiert aus dem &lt;i&gt;bürgerlichen Selbsthaß&lt;/i&gt; (unter anderem in der Frankfurter Schule verbalisiert), einem Erbe des Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus, jener &lt;i&gt;säkularen Religionen&lt;/i&gt;, die das Erbe der Aufklärung und vor allem der Romantik pervertiert haben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Ende des &lt;i&gt;real existierenden Sozialismus der alten DDR&lt;/i&gt; ist auch, so Ackermann, &lt;i&gt;das alte BRD-Modell des rheinischen Kapitalismusuntergegangen&lt;/i&gt;. An dessen Stelle tritt jetzt der globalisierte Markt und der Wettbewerb, jenes &lt;i&gt;Entdeckungsverfahren und Entmachtungsinstrument&lt;/i&gt;. Jeder ist darin seines Glückes Schmied und nur der die Bürger infantilisierende Staat, diese &lt;i&gt;säkulare Umma&lt;/i&gt;, stellt sich mit neuen &lt;i&gt;Schikanen&lt;/i&gt; der Freiheit der Marktteilnehmer entgegen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die fortschreitende Gesetzes- und Regulierungswut in bestimmten politischen Feldern nutzt Ackermann, um mit dem Bade sämtliche Kinder gleich mit auszuschütten. Rauchverbot, Alkoholfreie Zonen, Ampelregelung auf Lebensmittelverpackungen  alles nur Gängelungen. Das schlimme dabei: Der Bürger begibt sich auch gerne in diese Abhängigkeit und Bevormundung vom Staat. Und der Staat macht das, um die Bürger, die oft nur ein &lt;i&gt;krudes Verständnis vom globalisierten Markt&lt;/i&gt; haben, damit zu kontrollieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man könnte diese Diagnose von Ulrike Ackermann für mittelmässige Satire halten, aber die Dame meint es Ernst. Die Feinde der Freiheit sieht sie allerdings nicht nur im Staat, sondern auch in den kollektivistischen Tendenzen der Religionen und da vor allem im &lt;i&gt;weltweiten Vormarsch des Islam&lt;/i&gt;. Der &lt;i&gt;Kampf der Kulturen&lt;/i&gt; ist für Ackermann in Form einer &lt;i&gt;schleichenden Scharia&lt;/i&gt; in unseren Städten angekommen, wo &lt;i&gt;gewaltaffin[e]&lt;/i&gt; Muslime die freiheitliche Gesellschaft abschaffen wollen. Statt sich dem mutig entgegenzustellen, verharren wir in &lt;i&gt;Appeasement&lt;/i&gt; und betreiben sehenden Auges eine &lt;i&gt;Verharmlosung des Islam&lt;/i&gt;. Eine &lt;i&gt;multikulturelle Attitüde&lt;/i&gt; führt in falsch verstandener Toleranz zu einer &lt;i&gt;Verherrlichung des Fremden&lt;/i&gt;. Selbst unsere Rechtssprechung ist davon angeblich nicht mehr frei. Hier wird das allseits beliebte &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3471348/&quot;&gt;Beispiel der Frankfurter Richterin&lt;/a&gt; herangezogen. Zwar wird es mindestens verzerrend dargestellt (es wird suggeriert, als sei es ein Urteil der Richterin ergangen, aus dem eine Billigung eines &quot;Züchtigungsrechts&quot; abzuleiten wäre), aber mit solchen Details hält sich die Autorin nicht auf. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den nächsten rund 80 Seiten entwickelt Ackermann nun eine &lt;i&gt;Geschichte der Freiheit&lt;/i&gt;. Getreu dem Motto von Benjamin Constant, dass &lt;i&gt;die individuelle Freiheit nie der politischen Freiheit geopfert werden&lt;/i&gt; darf, untersucht sie nun in einem Parforceritt die westliche Geistesgeschichte der letzten zweitausend Jahre. Das es dabei zu Verkürzungen und Vereinfachungen kommen muss, ist klar. Aber leider zeigt sich Ackermann in wichtigen Punkten der Angelegenheit nicht gewachsen. So parliert sie dann irgendwann von der &lt;i&gt;Penetranz der aufklärerischen Vernünftelei&lt;/i&gt; und zeigt dabei, dass sie den Kantschen Vernunftbegriff und dessen unterschiedlichen Ebenen nicht nur nicht verstanden hat, sondern Vernunft  ein Anfängerfehler  gelegentlich mit &quot;Verstand&quot; verwechselt. In ihrer Vergötterung der Romantik als eine Art Wiege des Individualismus verschweigt sie bis auf einen halben Nebensatz die Interdependenzen zwischen Romantik und Nationalismus, was nicht schlimm wäre, aber eben nur eine Seite der Medaille der Romantik ist. Ziemlich stark reduktionistisch auch ihre Deutungen zur Dichotomie Vernunft gegen Psychoanalyse. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tenor ihrer Ausführungen: Trotz enormer historischer Rückschritte (insbesondere im 20. Jahrhundert durch diverse Heilsideologien, die allesamt im Unheil endeten) erlangte 1989/90 im Zusammenbruch des Kommunismus, die Freiheit zur neuen, wirkungsmächtigen Kraft. Nach insgesamt nun 149 Seiten erhofft man sich in den letzten beiden Kapiteln eine gewisse Ausschmückung der Thesen zum &quot;Eros der Freiheit&quot;. Aber mehr als den &lt;i&gt;negativen Freiheitsbegriff&lt;/i&gt; (Freiheit ist &lt;i&gt;in erster LinieFreiheit von Zwang&lt;/i&gt;), einen zweiseitigen Abriss über Eros, den griechischen Gott der Liebe, seine Verwandtschaft und Verortung in der griechischen Mythologie nebst anschliessender Zusammenfassung der vulgärhistorischen Thesen des Buches, die plötzlich für kurze Zeit Guido Knopp als Cicero oder Thukydides der zeitgenössischen Geschichtsschreibung erscheinen lassen, hat Ulrike Ackermann nichts zu bieten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar beklagt sie, dass Liberalismus nur als &lt;i&gt;Wirtschaftsliberalismus&lt;/i&gt; wahrgenommen wird, aber sie unternimmt rein gar nichts, den Liberalismus zu verbreitern. Und dass die &lt;i&gt;Hybris, einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft zu planen&lt;/i&gt; im 20. Jahrhundert zu einem &lt;i&gt;Rückfall in die Barbarei&lt;/i&gt; führte, ist unbestreitbar, aber warum sie hierin das &lt;i&gt;Echo der Wissenschafts- und Technikgläubigkeit der Aufklärung&lt;/i&gt; erblickt, wo sie selber die &lt;i&gt;politische Freiheit&lt;/i&gt;  &lt;i&gt;auf zunehmendem Reichtum, Wohlstand und dem technologisch-wirtschaftlichen Wachstum&lt;/i&gt; verortet, bleibt ein unauflöslicher Widerspruch. Ackermann erkennt immerhin, dass die &lt;i&gt;negative Freiheitdie anhaltende Sehnsucht des Einzelnen nach Sinn, Erhabenheit, nach gemeinschaftlicher Wärme und Geborgenheit&lt;/i&gt; nicht oder nur sehr schwer befriedigen kann, aber mehr als eine verschwurbelte Ideologie des Individualismus vermag sie nicht anzubieten.            &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die von ihr verfochtene &lt;i&gt;Trennung der Sphären von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Recht, Religion und Privatheit&lt;/i&gt;, stark an Friedrich von Hayek angelehnt, suggeriert, dass ein Gemeinwesen in unterschiedliche Parallelwelten aufgespalten werden kann, die nun autark nebeneinander bestehen und wirken können. Dieses Konzept auf die heutigen globalisierten Strukturen weiter zu entwickeln (wie man es von einem Buch mit diesem emphatischen Titel erwarten dürfte) und dabei dann auch gleich über eine zweifellos erforderliche Neudefinition von Demokratie nachzudenken unterbleibt (was gerade in Bezug auf Hayeks Thesen schade ist).      &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Somit ist dieses Buch belanglos, ja läppisch. Es will für die Freiheit begeistern, stranguliert den Leser aber mit hölzerner Behauptungsrhetorik, die den Markt als neuen Fetisch feiert. Dass er aber bei aller Notwendigkeit aus Prinzip eine wilde, unbezähmbare Bestie ist, ein Ort des (Sozial-)Darwinismus und damit am Ende das Gegenteil eines freiheitlichen Konzepts eines Gemeinwesens darstellt, kann oder will die Autorin, die sich am Ende artig bei Wolfgang Gerhardt und Dietmar Doering von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die finanzielle Unterstützung bedankt, nicht einmal thematisieren. Sie ergeht sich in plüschigen Wohlfühlsätzchen, die sie aus Zitaten herausdestilliert, ohne sich um die Entsorgung der Nebensätze eben dieser Zitate zu kümmern. Von der Freiheit des Andersdenkenden bzw. Andersglaubenden will sie nichts mehr wissen, wenn sie ihren missionarischen Universalismus zum Apriori erhebt.  Ihre teilweise ins paranoide gehende Islamophobie erinnert stark an Henryk M. Broder, den sie zwar im Buch nicht zitiert, aber in ihrer &quot;Auswahlbibliographie&quot; erwähnt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer ein intelligentes, manchmal aufregendes, stellenweise erregendes, zuweilen hanebüchendes, aber nie triviales Buch über eine konservativ-liberale Neudefinition von Freiheit lesen will, sollte Udo Di Fabios &quot;Die Kultur der Freiheit&quot; heranziehen. Man kann sich dann den Schmarren von Ulrike Ackermann getrost schenken.            

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-11-30T10:27:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5226796/">
    <title>Staunen über das Staunen</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5226796/</link>
    <description>Man muss &lt;a href=&quot;http://www.mpifg.de/people/ws/forschung_de.asp&quot;&gt;Wolfgang Streeck&lt;/a&gt; nicht in allem rechtgeben, was er in seinem Artikel &quot;&lt;a title=&quot;Lektion zum Kapitalismus&quot; href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/files/Lektion-zum-Kapitalismus/&quot;&gt;Lektion-zum-Kapitalismus&lt;/a&gt; (pdf, 77 KB)&quot; in der letzten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben hat. Aber als eine Art Vergewisserung, was Kapitalismus eigentlich ist, wie dieser &quot;strukturiert ist und funktioniert (und immer schon funktioniert hat) - das ist schon durchaus lesenswert. Dabei räumt Streeck mit dem Glauben eines &quot;gezähmten Kapitalismus&quot; auf; vielleicht ein bisschen zu früh: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Im Kapitalismus geht es um Maximierung, nicht um Normalisierung des Gewinns. Kapitalismus ist keine Ordnung, sondern institutionalisierte Unordnung. Nicht Stabilität ist zu erwarten, sondern Wandel als Dauerzustand; nicht Kontinuität, sondern Diskontinuität...&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Streeck entdeckt das Staunen, denn die Krisenszenarien sind beileibe nicht neu: &lt;i&gt;...staunen muss man eigentlich nur über das Staunen&lt;/i&gt;, und zwar weil vieles so lange &quot;gutgegangen&quot; ist. Und weil die Politik, die jetzt so vehement Regularien fordert, jahrelang selber mitgemischt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Lektüre erscheint es dringender denn je, wenigstens einen Teil der &lt;i&gt;Diskontinuitäten&lt;/i&gt; zu domestizieren. Auch wenn man einiger Illusionen beraubt wird.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-09-30T16:46:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102259/">
    <title>Richard Sennett: Handwerk</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102259/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Richard Sennett  Handwerk&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Richard Sennett  Handwerk&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Richard-Sennett-Handwerk.jpg&quot; /&gt;&lt;a href=&quot;http://demo.interred.de/goetter/goetter_35.php&quot;&gt;Hephaistos&lt;/a&gt;, Schmied und griechischer Gott des Feuers, war nicht nur &lt;i&gt;der Erfinder des Streitwagens&lt;/i&gt;, sondern auch &lt;i&gt;Erbauer sämtlicher Häuser auf dem Olymp&lt;/i&gt;. Er war der einzige Handwerker unter den griechischen Göttern. Aber Hephaistos ist gezeichnet: Er hat einen Klumpfuss. &lt;i&gt;Und in der antiken griechischen Kultur galten körperliche Missbildungen als Schande.&lt;/i&gt; Der Klumpfuss des Hephaistos  symbolisiert er bis heute &lt;i&gt;den gesellschaftlichen Wert des Handwerkers&lt;/i&gt;? Zeigt Homers Kapitel über Hephaistos in der &quot;Ilias&quot;, &lt;i&gt;dass die materielle häusliche Kultur den Wunsch nach Ruhm und Ehre niemals zu befriedigen vermag&lt;/i&gt;? Und hieraus speist sich  trotz der mittelalterlichen Hochphase der Zünfte (die ausführlich behandelt wird)  auch heute noch das Bild des Handwerkers? Und Pandora, jenes &lt;i&gt;&quot;reizende Mädchen&quot;&lt;/i&gt;, die mit ihrer Büchse immer auch als Mahnung für den &lt;i&gt;Zorn der Götter&lt;/i&gt; steht, als Gegenpol?       &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richard Sennetts &quot;Handwerk&quot;, das erste Buch einer Trilogie über &lt;i&gt;materielle Kultur&lt;/i&gt; (die anderen Bände sollen &quot;Krieger und Priester&quot; und &quot;Der Fremde&quot; heissen), ist mehr als eine Kultursoziologie des Handwerks. Es ist eine emphatisch-euphorische Schrift für all diejenigen, die &lt;i&gt;ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen und sie um ihrer selbst willen gut machen wollen.&lt;/i&gt; Das ist für Sennett die Definition des Handwerkers. &lt;i&gt;Sie üben eine praktische Tätigkeit aus, doch ihre Arbeit ist nicht nur Mittel zu einem anderen Zweck.&lt;/i&gt; Ob dieser Bestimmung bedarf es Sennetts Bekenntnis am Ende des Buches, ein Anhänger der philosophischen Denkschule des &lt;a href=&quot;http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=JPDRHY&quot;&gt;Pragmatismus&lt;/a&gt; zu sein, fast nicht mehr. &lt;img title=&quot;Pandora&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;Pandora&quot; width=&quot;254&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Pandora.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Engagiertes Tun&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Handwerker ist demnach weit mehr als ein Handarbeiter, der mit den Händen Fertigkeiten ausübt. &lt;i&gt;Der Handwerker steht für die besondere menschliche Möglichkeit &lt;tt&gt;engagierten&lt;/tt&gt; Tuns.&lt;/i&gt; Sennett erweitert so den Begriff des Handwerkers (durchaus in den Spuren Heideggers). Handwerkliches Können basiert für Sennett auf &lt;i&gt;hoch entwickelte Fähigkeiten und Fertigkeiten&lt;/i&gt;. Dabei ist für ihn &lt;i&gt;Motivation wichtigerals Talent&lt;/i&gt;, weil &lt;i&gt;das Streben nach QualitätGefahren für die Motivation&lt;/i&gt; berge.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kulturell seit Jahrhunderten bestehende Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit will Sennett aufheben. Dafür legt er sich sogar noch posthum mit (seiner Lehrerin) Hannah Arendt und deren Verachtung für den &quot;Animal laborans&quot; (das arbeitende Tier Mensch) zu Gunsten des &quot;Homo faber&quot; an. Unter der falschen Alternative Kopf versus Hand leide letztlich der Kopf und sowohl &lt;i&gt;Verständnis als auch Ausdruck nehmen Schaden&lt;/i&gt;. Bei &lt;i&gt;jedem guten Handwerker&lt;/i&gt;, so die These, &lt;i&gt;stehen praktisches Handeln und Denken in einem ständigen Dialog&lt;/i&gt;. Sennett versucht sich als zweiter Diderot, der in seiner Encyclopédie &lt;i&gt;die Leser in den Salons&lt;/i&gt; bat, &lt;i&gt;einfache arbeitende Menschenzu bewundern&lt;/i&gt; (ohne Gefahr zu laufen, einer Verkitschung oder gar falschen Heroisierung anheim zu fallen). Dies berücksichtigend, und weil Wittgenstein und dessen Wort von den &quot;Grenzen der Sprache&quot; erwähnt wird, sei am Rande (ein bisschen süffisant) gefragt, warum es im Buch keine Illustrationen und Bilder gibt, die einige Umständlichkeiten hätten beheben können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Fast überbordende Opulenz&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sennett zeigt am Beispiel sowjetischer Bauarbeiten Ende der 80er Jahre, wie Handwerk degenerieren kann und entwickelt bei der Rekonstruktion der Geschichte des Mobiltelefons die These, dass Kooperation dem Wettbewerb überlegen sei (und nicht nur als &lt;i&gt;Belohnungssystem&lt;/i&gt;). Es wird auf die Problematik der CAD-Software hingewiesen, die dem Architekten (bzw. Konstrukteur) zwar das Zeichnen abnimmt, aber auch  durch die permanente Reproduzierbarkeit virtuell erzeugter &quot;Nachbildungen&quot; - &lt;i&gt;das Verständnisfür den Gegenstand ihrer Arbeit&lt;/i&gt; schwächt, das sinnliche Erlebnis verkümmern lässt, den Menschen nur noch zum passiven &lt;i&gt;Zuschauer oder Konsument[en] dererweiterten Fähigkeiten&lt;/i&gt; macht und zu Fehlkonstruktionen führen kann (&lt;i&gt;Überdeterminierung[en]&lt;/i&gt; und/oder falschen Relationen); ein Tatbestand, der übrigens durchaus bekannt ist und eingeräumt wird. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er veranschaulicht, wie unter dem Deckmantel der &quot;Qualitätssicherung&quot; das britische Gesundheitswesen zum &lt;i&gt;Fordismus&lt;/i&gt; verkommt, weil es, extrem arbeitsteilig, einer Bürokratie verpflichtet ist und nicht mehr den Menschen im Fokus hat und postuliert seine die Ambivalenz des Begriffs &quot;Qualität&quot; (hierauf wird noch einzugehen sein). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Leser wird in mittelalterliche Werkstätten geführt, in denen es anfangs keine Trennung zwischen Privatleben und Arbeit gab, bekommt Einblicke in die Trinität Meister-Geselle-Lehrling (und in die Ersatzvaterrolle des Meisters dem Lehrling gegenüber) und wird mit &lt;i&gt;der Auseinandersetzung mit Fragen der Autorität und der Autonomie innerhalb der Werkstatt&lt;/i&gt; konfrontiert. Man geht mit den Gesellen, die sich anderswo zum Meister ausbilden lassen und wagt einen Blick in die Werkstätten Stradivaris, die nach dessen Ableben der unwiderbringliche Verlust des &lt;i&gt;stillschweigenden Wissens&lt;/i&gt; (später, genauer, &lt;i&gt;implizites Wissen&lt;/i&gt; genannt) untergingen. Niemand weiss bis heute genau, was die Musikinstrumente Stradivaris so einmalig macht  das Wissen hierum, nirgendwo festgehalten, ist auf immer verloren gegangen; &lt;i&gt;etwas am Charakter ihrer Werkstätten muss den Wissenstransfer verhindert haben&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Geduld und heilsames Scheitern&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man erfährt, wie Frauen im Mittelalter zum Weben und Sticken kamen, erhält einen Ahnung, wie Goldschmiede früher das Gold ertasteten und bekommt erläutert, wie Kinder mit der &quot;Suzuki-Methode&quot; Geige lernen, in dem sie die auf dem Griffbrett angebrachten farbigen Plastikstreifen mechanisch abfassen (was Sennett als Simulation einer &lt;i&gt;falschen Sicherheit&lt;/i&gt; geisselt  allerdings wird der ganzheitlichen Ansatz der &quot;Methode&quot;, der weit mehr umfasst als die bunten Plastikstreifen, schlichtweg unterschlagen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt eine kleine Industriegeschichte des Glasbläserhandwerks, die Differenzen zwischen Handwerk, Kunstwerk (&lt;i&gt;Kunstwerke sind Zeugnisse eines inneren Lebens&lt;/i&gt;) und Kunsthandwerk werden ausführlich dargelegt und dem Leser wird der Unterschied zwischen &lt;i&gt;Spiegelwerkzeugen&lt;/i&gt;, Replikanten und Robotern erklärt. Sennett unternimmt eine kurze Kulturgeschichte des Ziegels, entwirft eine Chronik der Entwicklung vom profanen Schneidemesser bis zum Skalpell des Chirurgen, belehrt über die Zunahme der materiellen Güter seit dem 15. Jahrhundert und den sich hieraus ergebenden Konsequenzen für die Herstellung dieser Güter, führt den Leser zur französischen Papier- und Textilindustrie des 18. Jahrhunderts, entdeckt das &quot;Erhabene&quot; im Flachschraubenzieher, philosophiert über eine gebotene &lt;i&gt;Mehrdeutigkeit&lt;/i&gt; in der Stadtplanung, vergleicht den Gebrauch der Hand beim Musiker, Glasbläser  und Koch, sinniert mit fast fernöstlichem Duktus über die Notwendigkeit des Handwerkers zur Geduld (&lt;i&gt;Wenn etwas länger dauert als erwartet, höre auf, dagegen zu kämpfen!&lt;/i&gt;), referiert über die Differenz zwischen sozialem und antisozialem Expertentum, wettert gegen den alles nivellierenden und die Kreativität tötenden, individualfeindlichen Perfektionismus und lobt stattdessen das &lt;i&gt;&quot;heilsame Scheitern&quot;&lt;/i&gt; (Montaigne), plädiert für die &lt;i&gt;Langeweileals Anreiz&lt;/i&gt; und regt zu &lt;i&gt;Reflexion[en] über das Material&lt;/i&gt; an, die den &lt;i&gt;unvollkommenen Ziegel als Ikone der Qualität&lt;/i&gt; erscheinen lassen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sennett führt den Leser zum Museumsbau nach Bilbao, in den Peachtree Centre nach Atlanta, Georgia und vergleicht ausführlich die Architektur der Häuser, die Ludwig Wittgenstein und Alfred Loos in Wien Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut haben.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das sind alles nur Ausrisse aus diesem so detailreichen Buch. &quot;Handwerk&quot; ist ein Kompendium gespickt mit Thesen, Lektüreeindrücken, Geschichten (und Geschichtchen), Verknüpfungen, Allegorien, Abschweifungen. Das ist an- und aufregend und bildend  aber auch gelegentlich (und leider mehr als man möchte) anstrengend und ermüdend. Sennetts weitschweifiges Mitteilungsbedürfnis, welches sich, wie man an den zahlreichen Fussnoten sehen kann, auf einer enormen Fülle von Lektüre stützt, erdrückt den Leser dann doch im einen oder anderen Fall, wenn die Exkurse dann Pirouetten drehen und zur Dekoration des angelesenen Wissens werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Unverständliche Anleitungen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwa, wenn er auf das &lt;i&gt;ärgerliche Thema&lt;/i&gt; der häufig unverständlichen Anleitungen zu sprechen kommt. Anhand (sic!) einer Anleitung zur Entbeinung eines Hühnchens führt er nicht nur dieses Unverstehen vor, sondern erläutert auch, warum die zitierte Anleitung letztlich für denjenigen der hier Hilfe erwartet wertlos ist, &lt;i&gt;totes Bezeichnen&lt;/i&gt; darstellt: Was die Verfasser dieser Anleitungen zur Genüge kennen, was ihnen derart vertraut ist, können sie nicht allgemeinverständlich ausdrücken. Hinzu kommt, dass es häufig einen imperativen Ton gibt. Bis dahin ist man vollkommen d&apos;accord  natürlich auch deswegen, weil man diese Problematik zur Genüge kennt. Routiniertes Wissen stehe guten Anleitungen im Weg, so die These. Zwar ahnt der Leser schon, dass dies nicht in dieser Monokausalität stimmt, aber dennoch begibt man sich erwartungsvoll in Sennetts Hände  den Alternativen &lt;i&gt;Einfühlsame Illustration&lt;/i&gt;, der &lt;i&gt;Beschreibung des Schauplatzes&lt;/i&gt; und  am Ende - der &lt;i&gt;Anleitung durch Metaphern&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade letztere hebt er besonders hervor; eine kochende Bekannte, 1970 als Flüchtling aus dem Iran in die USA gekommen, pflegte diese Art von Beschreibung. Das Kochrezept klingt dann (zunächst) phantastisch: &lt;i&gt;&quot;Dein totes Kind. Erwecke es zu neuem Leben. Fülle es mit Erde. Sei vorsichtig! Es sollte nicht zuviel essen. Lege ihm den goldenen Mantel an. Und bade es. Wärme es, aber sei vorsichtig! Ein Kind stirbt von zu viel Sonne. Lege ihm die Juwelen an. Das ist mein Rezept.&quot;&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich wunderschön - und Sennett erläutert auch, was die einzelnen Formulierungen zu bedeuten haben. Aber als praktische Anleitung taugt dies auch nicht. Vorher beklagt Sennett zu Recht, dass zuviel implizites Wissen vorausgesetzt wird  aber das ist hier ja nicht anders. Bei einem vorherigen Beispiel empfahl er schon, das Entbeinen von einem Fachmann vornehmen zu lassen. Damit hätte sich die eingangs gestellte Frage erübrigt. Und am Ende weiss man immer noch nicht, wie Anleitungen aussehen und geschrieben werden können, die man auch tatsächlich &quot;gebrauchen&quot; kann. Der Leser bleibt  nicht nur hier  alleine gelassen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz dieser gelegentlich fruchtlosen Verirrungen ist dieses Buch immanent lehrreich. Sennetts emphatischer Handwerks- und Handwerkerbegriff zeigt neue Aspekte auf, die man sonst in dieser Konzentration kaum geliefert bekommt. So wird eine Neudefinition des Begriffs der Routine vorgenommen, den er aus seiner negativen Konnotation &quot;befreit&quot; und in das weite Feld des &quot;Übens&quot; überführt, in dem sie zum &lt;i&gt;Entwicklungsvorgang&lt;/i&gt; wird. Übung dient als Erlernen eines &lt;i&gt;Rhythmus&lt;/i&gt;, der unweigerlich zum Handwerk dazugehört aber keinesfalls mit sturer Wiedergabe gleichgesetzt werden darf. Aber auch die Philippika gegen die Perfektion, die &lt;i&gt;Versuch und Irrtum&lt;/i&gt; unterbinden und somit keine Innovationen und Neuentwicklungen zulassen, ist anregend, auch wenn Sennett Perfektionismus als &lt;i&gt;Obsession&lt;/i&gt; in pathologische Gefilde überführt und als &lt;i&gt;zwanghafte Störung&lt;/i&gt; rubriziert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Plädoyer für das Chaos und die &lt;i&gt;sieben Leuchter&lt;/i&gt;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr lesenswert ist Sennetts mit auffälliger Sympathie vorgebrachte Schilderung des sogenannten &lt;i&gt;Ruskinismus&lt;/i&gt;. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/John_Ruskin&quot;&gt;John Ruskin&lt;/a&gt; war ein radikaler Technikverweigerer des viktorianischen England (er wetterte sogar gegen den Buchdruck), der &lt;i&gt;von einer Wertschätzung für rohe, unbehaue Schönheit&lt;/i&gt; beseelt war und letztlich die Meinung vertrat, &lt;i&gt;die moderne Gesellschaft solle und könne als ganze in die vorindustrielle Vergangenheit zurückkehren&lt;/i&gt;. Schon in Diderots &quot;Encyclopédie&quot; wurden Unregelmässigkeiten nicht-maschineller Produktion mit dem anthropomorphen Begriff des &lt;i&gt;Charakters&lt;/i&gt; bezeichnet (später im Buch treibt Sennett noch philosophische Studien zum &lt;i&gt;ehrlichen Ziegel&lt;/i&gt;). In dem Sennett die fast entfesselt daherkommende Mechanisierung des viktorianischen Zeitalters mit der automobilistischen Übermotorisierung der Gegenwart vergleicht, ergibt sich der Anknüpfungspunkt zu Ruskin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit grossem Vergnügen wird dessen Plädoyer für das Chaos des Handwerkers, welches sinnvoll, ja notwendig ist, &lt;i&gt;um seine Arbeitsverfahren besser zu verstehen&lt;/i&gt; und seine &lt;i&gt;sieben Anleitungen oder &quot;Leuchter&quot; für den verwirrten Handwerker und für jeden, der direkt mit der Herstellung materieller Objekte arbeitet&lt;/i&gt; zitiert. Fünf der &lt;i&gt;&quot;sieben Leuchter&quot;&lt;/i&gt; sind:

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;&lt;ul&gt;  
&lt;li&gt;&quot;der Leuchter der Aufopferung&quot;: darunter versteht Ruskin (wie auch ich) die Bereitschaft, etwas um seiner selbst willen zu tun, also Hingabe;  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;&quot;der Leuchter der Wahrheit&quot;, der Wahrheit mit ihren &quot;ständigen Brüchen und Rissen&quot;; damit meint Ruskin Schwierigkeiten, Widerstand und Mehrdeutigkeit;  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;&quot;der Leuchter der Kraft&quot;, gezähmter, durch andere Maßstäbe als blinden Willen geleiteter Kraft;  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;&quot;der Leuchter der Schönheit&quot;, die für Ruskin eher im Detail, im Ornament zu finden ist als im großen Entwurf  handliche Schönheit;  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;[]  
&lt;/li&gt;&lt;li&gt;&quot;der Leuchter des Gehorsams&quot;, des Gehorsams gegenüber dem Beispiel, das ein Meister eher durch seine Praxis als durch einzelne Werke gegeben hat. Anders gesagt: Strebe danach, wie Stradivari zu sein, aber versuche nicht, seine Geigen zu kopieren!&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;

Ruskins &lt;i&gt;Ablehnung der Gegenwart&lt;/i&gt;, sein Eintreten für &lt;i&gt;das leidenschaftliche Verlangen nach einem verlorenen Freiraum&lt;/i&gt;, in dem der Handwerker &lt;i&gt;zumindest zeitweilig die Kontrolle verlieren&lt;/i&gt; darf, fasziniert Sennett. Dass er sich am Ende doch gegen Ruskins extreme Positionen wendet und &lt;i&gt;nicht den Kampf gegen die Maschine, sondern in der Arbeit mit ihr die radikale emanzipatorische Herausforderung&lt;/i&gt; sieht (Sennett bezeichnet dies als &lt;i&gt;aufgeklärtesVerständnis&lt;/i&gt;), dürfte eher rationalen Erwägungen geschuldet sein. Im weiteren Fortgang des Buches werden durchaus - mal versteckt, mal offen - Thesen Ruskins von Sennett adaptiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Jeder kann ein guter Handwerker werden&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine der Kernthesen im Buch, am Schluss fast hastig hervorgebracht (stark an Beuys erinnernd und diesen paraphrasierend, ohne ihn zu erwähnen) lautet, dass &lt;i&gt;nahezu jeder Mensch ein guter Handwerker werden könne.&lt;/i&gt; Statt dies jedoch beispielsweise anhand der &quot;Do-It-Yourself&quot;-Bewegung, die in den letzten Jahrzehnten nicht unerheblich zur Dekonstruktion einer Teils des professionellen Handwerks beigetragen haben dürfte, in dem sie Scharen von Hobbyheimwerkern ermöglichte, auszuführen, begründet er dies mit Schillers Spieltheorie. Im Spiel liege &lt;i&gt;der Ursprung des Dialogsden der Handwerker mit Materialien wie Ton und Glas führt&lt;/i&gt;. Im Spiel erkennt Sennett den Beginn des Übens. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vereinfacht bedeutet das: Wer spielen kann, kann auch handwerken. Im weiteren Verlauf werden dann die gängigen multiple-choice Intelligenztests, die  so Sennett - &lt;i&gt;problematisierendes Denken&lt;/i&gt; negativ bewerten und bei denen es &lt;i&gt;keine Zeit zum Nachdenken&lt;/i&gt; gibt, zu Gunsten der &lt;i&gt;Fähigkeit des Handwerkers in die Tiefe zu gehen&lt;/i&gt; verworfen. Damit soll von der Fixierung auf einen einzigen Wert wie beispielsweise dem Intelligenzquotienten abgerückt werden. Der Schluss, dass &lt;i&gt;Menschen mit einem IQ von 85durchaus mit denselben Problemen fertig werden wie die Masse der Intelligenteren&lt;/i&gt; ist allerdings kühn, auch wenn er mit der kleinen Einschränkung &lt;i&gt;nur etwas &lt;tt&gt;langsamer&lt;/tt&gt;&lt;/i&gt; versehen wird. Da kommt das zen-buddhistische &lt;i&gt;Versuche nicht, das Ziel zu treffen!&lt;/i&gt; als romantisches Trostpflaster vielleicht gerade recht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz der bereits erwähnten Detail- und Materialfülle, die sich allerdings häufig an Vergangenem orientiert, vermisst der Leser Aspekte des gegenwärtigen &quot;globalen Handwerkens&quot;. Sennett konstatiert richtigerweise, dass mit dem &lt;i&gt;technologischen Wandel&lt;/i&gt; seit Mitte des 19. Jahrhunderts für grosse Teilen der Arbeitnehmer nur die Alternative &lt;i&gt;Dequalifizierung oder Entlassung&lt;/i&gt; blieb. Dieser Prozess dürfte in den Industrienationen inzwischen weitgehend abgeschlossen sein, d. h. eine weitere Freisetzung von Arbeitskräften durch neue Technologien ist in grösserem Rahmen im Handwerk nicht mehr zu erwarten (im Dienstleistungssektor mag dies anders aussehen). Daher wäre es in einer Schrift über das Handwerk durchaus notwendig gewesen zu zeigen, wie das &quot;verbliebene Handwerk&quot; aus ökonomischen Gründen nun sukzessive in sogenannte Billiglohnländer ausgelagert wird und welchen Einfluss dies auf die Herstellungsprozesse, die Produkte  und den &quot;Konsum&quot; hat. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Achillesverse dieses Buches ist Sennetts fast kauzig-ablehnende Meinung über den Begriff der Qualität, der in die Nachbarschaft des so verteufelten Perfektionismus gestellt wird. Dabei ist in seiner am Ende vorgetragene Charakteristik des &lt;i&gt;guten Handwerkers&lt;/i&gt; implizit so etwas wie Qualitäts- und Fortschrittsdenken angelegt. Nur weil &quot;Qualität&quot; zwischenzeitlich als Floskel durch die Werbeindustrie vereinnahmt und instrumentalisiert wurde, ist es nicht einzusehen, warum ein peinlich genaues, präzises und hochwertiges Arbeiten, erreicht durch Üben, durch gelegentliches Scheitern, durch &quot;Versuch und Irrtum&quot;  warum ein solch qualitativ hochwertiges Produkt fast dämonisiert wird. Ausgerechnet dieser Punkt bleibt von einer genaueren Erörterung ausgespart. 

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-08-04T08:34:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102254/">
    <title>Richard Sennett: Handwerk</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102254/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Richard Sennett  Handwerk&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Richard Sennett  Handwerk&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Richard-Sennett-Handwerk.jpg&quot; /&gt;&lt;a href=&quot;http://demo.interred.de/goetter/goetter_35.php&quot;&gt;Hephaistos&lt;/a&gt;, Schmied und griechischer Gott des Feuers, war nicht nur &lt;i&gt;der Erfinder des Streitwagens&lt;/i&gt;, sondern auch &lt;i&gt;Erbauer sämtlicher Häuser auf dem Olymp&lt;/i&gt;. Er war der einzige Handwerker unter den griechischen Göttern. Aber Hephaistos ist gezeichnet: Er hat einen Klumpfuss. &lt;i&gt;Und in der antiken griechischen Kultur galten körperliche Missbildungen als Schande.&lt;/i&gt; Der Klumpfuss des Hephaistos  symbolisiert er bis heute &lt;i&gt;den gesellschaftlichen Wert des Handwerkers&lt;/i&gt;? Zeigt Homers Kapitel über Hephaistos in der &quot;Ilias&quot;, &lt;i&gt;dass die materielle häusliche Kultur den Wunsch nach Ruhm und Ehre niemals zu befriedigen vermag&lt;/i&gt;? Und hieraus speist sich  trotz der mittelalterlichen Hochphase der Zünfte (die ausführlich behandelt wird)  auch heute noch das Bild des Handwerkers? Und Pandora, jenes &lt;i&gt;&quot;reizende Mädchen&quot;&lt;/i&gt;, die mit ihrer Büchse immer auch als Mahnung für den &lt;i&gt;Zorn der Götter&lt;/i&gt; steht, als Gegenpol?       &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richard Sennetts &quot;Handwerk&quot;, das erste Buch einer Trilogie über &lt;i&gt;materielle Kultur&lt;/i&gt; (die anderen Bände sollen &quot;Krieger und Priester&quot; und &quot;Der Fremde&quot; heissen), ist mehr als eine Kultursoziologie des Handwerks. Es ist eine emphatisch-euphorische Schrift für all diejenigen, die &lt;i&gt;ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen und sie um ihrer selbst willen gut machen wollen.&lt;/i&gt; Das ist für Sennett die Definition des Handwerkers. &lt;i&gt;Sie üben eine praktische Tätigkeit aus, doch ihre Arbeit ist nicht nur Mittel zu einem anderen Zweck.&lt;/i&gt; Ob dieser Bestimmung bedarf es Sennetts Bekenntnis am Ende des Buches, ein Anhänger der philosophischen Denkschule des &lt;a href=&quot;http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=JPDRHY&quot;&gt;Pragmatismus&lt;/a&gt; zu sein, fast nicht mehr. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5102259/&quot;&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-08-04T08:32:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5071073/">
    <title>Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/5071073/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Heinz Bude  Die Ausgeschlossenen&quot; height=&quot;200&quot; alt=&quot;Heinz Bude  Die Ausgeschlossenen&quot; width=&quot;122&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Heinz-Bude-Die-Ausgeschlossenen.jpg&quot; /&gt;&lt;i&gt;Im Haus der Gesellschaft bewohnen beide Parteien ihre eigene Etage. Die einen müssen sich mit dem Parterre zufriedengeben, die anderen schielen auf die Beletage. Man ist sich fremd, aber keine der beiden Gruppen kann der anderen bestreiten, dass sie dazugehört. Die Ausgeschlossengibt es auf jeder Etage. Sie drücken sich herum, solange es geht, unten vermutlich länger als in der Mitte. [] Es kann aber passieren, dass ein Einzelner aufgrund eines &quot;kritischen Lebensereignisses&quot; ins Strudeln gerät undvor die Tür gesetzt wird. Nach und nach sammeln sich die Ausgeschlossenen im Flur und wissen nicht mehr, wohin sie gehören.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit diesem leicht resignativen Bild bilanziert &lt;a href=&quot;http://www.uni-kassel.de/fb5/soziologie/gesellschaftsanalyse/&quot;&gt;Heinz Bude, Professor für Makrosoziologie im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel&lt;/a&gt;, seine &lt;i&gt;öffentliche Soziologie&lt;/i&gt; &quot;Die Ausgeschlossenen&quot;. Ein Buch, so heisst es im Vorwort, dass &lt;i&gt;nüchtern&lt;/i&gt; darstellen will, &lt;i&gt;was Sache ist&lt;/i&gt; und explizit &lt;i&gt;nicht nach Vorschlägen&lt;/i&gt; sucht. Die Soziologie, so Bude, &lt;i&gt;beweist ihre Stärke immer noch an der Unbekanntheit des sozialen Objekts&lt;/i&gt;. (Des Objekts?) Weiter heisst es: &lt;i&gt;Sie erregt Aufmerksamkeit, wenn sie zeigen kann, dass die Dinge anders laufen, als man erwarten würde, und wie es geht, dass es so kommt, wie niemand es will.&lt;/i&gt; Nur dann begreife man &lt;i&gt;wirklich, dass das Ganze auch anders sein kann.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine merkwürdige Schlussfolgerung. Indem eine Beschreibung eines Zustands vorgenommen wird, begreift man, dass es auch anders sein kann? Aber wie anders? Ganz anders? Das bleibt das Buch schuldig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&quot;Soziale Exklusion&quot;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude entwickelt seine These von der &lt;i&gt;sozialen Exklusion&lt;/i&gt;. Damit sind nicht die seit jeher aus der Gesellschaft Gefallenen gemeint, jene &lt;i&gt;4 oder 5 Prozent sozial Verachteten&lt;/i&gt;, die &lt;i&gt;die Sozialstrukturanalyse auch in Zeiten von Vollbeschäftigung und Wohlfahrtsboom registriert hat.&lt;/i&gt; Die Definition der EU für soziale Exklusion, die Bude zitiert, ist sperrig. Demnach handelt es sich um einen &lt;i&gt;&quot;Prozess, durch den bestimmte Personen an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder durch ihre Armut bzw. wegen unzureichender Grundfertigkeiten oder fehlender Angebote für lebenslanges Lernen oder aber infolge von Diskriminierung an der vollwertigen Teilhabe gehindert werden.&quot;&lt;/i&gt;     &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff umfasst also deutlich mehr als blosse materielle Armut. Bude versteht darunter die &lt;i&gt;Art und Weise der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben&lt;/i&gt; und nicht nur &lt;i&gt;der Grad der Benachteiligung nach Massgabe allgemein geschätzter Güter wie Einkommen, Bildung und Prestige.&lt;/i&gt; Im Buch wird leider versäumt, diese &lt;i&gt;Teilhabe&lt;/i&gt; hinreichend zu präzisieren. Es gibt Leute, die zwei Urlaube im Jahr für notwendig erachten, zum &quot;teilzuhaben&quot;. Oder ein Mittelklasse notwendig erachten. Andere wiederum würden eher eine kostenlose Bildungsinfrastruktur bevorzugen. Wer legt die Kriterien für eine angemessene &lt;i&gt;Teilhabe&lt;/i&gt; fest? Dies nicht zu definieren, ist ein Fehler, der sich im Buch immer dann besonders rächt, wenn Bude seinen generalistischen Standpunkt zu Gunsten selbstkonstruierter Fallbeispiele verlässt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Deutschland 40% seien in einer &lt;i&gt;Zone der Sicherheit&lt;/i&gt;, während 20% &lt;i&gt;nicht ganz so sicher&lt;/i&gt; leben könnten. Mit rund 25% beziffert er den Anteil &lt;i&gt;instabiler Prekarität&lt;/i&gt; und 10% sind der &lt;i&gt;verfestigten Armut&lt;/i&gt; zuzurechnen. Letztlich stimmt er der These der Zweidrittelgesellschaft zu, obwohl er  trotz einer diagonstizierten gelegentlichen &lt;i&gt;Statuspanik&lt;/i&gt; - nicht in das allgemeine hysterische Tremolo verfällt und beispielsweise den Begriff der &quot;grassierenden Armut&quot; als Zustandsbeschreibung ablehnt. Die paradox anmutende Aussage &lt;i&gt;Die Armut wächst, aber den Leuten geht es besser&lt;/i&gt; beschreibt die These Budes, der die &lt;i&gt;transzendentale Obdachlosigkeit&lt;/i&gt; der entkoppelten Milieus der pekuniären Knappheit mindestens gleichrangig als Exklusionsmerkmal zur Seite stellt, präzise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Überflüssige und Entbehrliche&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gründe für die soziale Exklusion sind vielfältig. Zunächst wird die nicht unerhebliche Ausschliessung durch die &lt;i&gt;Hyperindustrialisierung&lt;/i&gt; angeführt. Vor Jahrzehnten begonnene, mit dem Begriff der &quot;Automation&quot; noch reichlich neutral benannte Rationalisierungen, schreiten unaufhörlich weiter. Es entstehen Scharen von &lt;i&gt;Überflüssigen&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Entbehrlichen&lt;/i&gt;, die  ein wenig plakativ formuliert - &lt;i&gt;sich mehr oder minder zufällig am falschen Ort befinden&lt;/i&gt; und unter Umständen &lt;i&gt;immer noch einer vergangenen Zeit nachhängen, als man den Wert der Arbeit danach bemass, wie dreckig die Hände waren.&lt;/i&gt;. Menschen, deren Fähigkeiten entweder nicht mehr benötigt werden, weil sie für die neuen Arbeitstechniken unzureichend sind oder weil es den Industriezweig nicht mehr gibt, der ihnen ein Auskommen bescheren sollte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Insbesondere am Niedergang der LPGs in der ehemaligen DDR hin zu den jetzigen bäuerlichen Grossbetrieben, die nur rund 10% der Arbeitskräfte (die &lt;i&gt;Übriggebliebenen&lt;/i&gt;) der &quot;abgewickelten&quot; Genossenschaften benötigen, zeigt Bude exemplarisch, wie Industrien innerhalb kürzester Zeit &quot;modernisiert&quot; werden und Massen von Arbeitskräften freisetzen, die in den Städten unsichtbare Ghettos bilden. Er nennt dies &lt;i&gt;Entprägung&lt;/i&gt; - ein Prozess, der keineswegs auf Ostdeutschland beschränkt bleibt, sondern beispielsweise bereits in den 80er Jahren im Ruhrgebiet stattfand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als weiteren Grund für die &lt;i&gt;Verstörung des modernen Fortschrittsglaubens&lt;/i&gt; nennt er die &lt;i&gt;unverstandenen Folgen der Migration&lt;/i&gt;. Zwar ist der &quot;Ausländeranteil&quot; in Deutschland mit 9% im Vergleich zu anderen Ländern relativ gering, aber die Geschwindigkeit der Einwanderung (alles ereignete sich &lt;i&gt;binnen zweier Generationen&lt;/i&gt;) und deren Folgen hat zu unbewältigten Friktionen geführt. Zum einen wirft Bude der Politik vor, keine dezidierte Einwanderungspolitik formuliert, die Staatsbürgerrolle der Migranten nicht früh genug definiert und keine aktive Integrationspolitik praktiziert zu haben. Zum anderen stellt er fest, dass die Migranten an sich keine homogene Gruppe bilden, sondern sich aus verschiedenen, oft miteinander konkurrierenden Ethnien zusammensetzen. Das zeige sich in einigen Brennpunkten in einer Art &lt;i&gt;Ethnorassismus&lt;/i&gt;, der sich auch auf die weiteren Generationen ausdehne, gegebenenfalls in eine &lt;i&gt;informelle Ökonomie des Drogenhandels&lt;/i&gt; (oder anderer Parallelwelten) münde und an den Schulen, insbesondere mit einem hohen Anteil &lt;i&gt;&quot;ndH&quot;&lt;/i&gt; (&lt;i&gt;&quot;nicht-deutscher Herkunft&quot;&lt;/i&gt;), zu problematischen Entwicklungen führe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&quot;Problembeladene Nachbarschaften&quot;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude vermeidet den Begriff des &quot;Ghettos&quot; und spricht von &lt;i&gt;&quot;problembeladenen Nachbarschaften&quot;&lt;/i&gt;, bei dem sich &lt;i&gt;die soziale Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft mit der bewussten Selbstausgrenzung von Einwanderungsgruppen mischt&lt;/i&gt;. Abgesehen davon, dass Bude dabei von einer Homogenität der Mehrheitsgesellschaft ausgeht, ist der Kern der Diagnose nicht ganz falsch. Tatsächlich wird die &lt;i&gt;Frage der ethnischen Zugehörigkeit für die Neusortierung der Bevölkerung von wachsender Bedeutung&lt;/i&gt;. Wie er dann später zeigt führt dies bei den deutschen &lt;i&gt;Jungmännern&lt;/i&gt; geradewegs in den politischen Extremismus, der sich als Auffangbecken der Karriereverweigerer (&lt;i&gt;Karriere ist nicht nur ein Versprechen, sondern zugleich eine Bedrohung&lt;/i&gt;) geriert (Bude beschränkt sich auf die Darstellung des Rechtsextremismus).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein bisschen plakativ ist der Bezug auf Sloterdijks Thesen zur Wut- und Zorngesellschaft (mit Rekurs auf Heinsohns Beobachtungen, den er merkwürdigerweise nicht einmal erwähnt). Wenn er vom &lt;i&gt;zügellosen Zorn&lt;/i&gt; Jugendlicher oder &lt;i&gt;geheiligte[n] Zornkollektive[n]&lt;/i&gt; spricht, die einen &lt;i&gt;Kult der spektakulären Lebensführung&lt;/i&gt; praktizieren und &lt;i&gt;sich über die Gesellschaft [] erheben, die ihre &quot;Väter&quot; zu den Überflüssigen, Ausgemusterten und Abgespeisten der neuen Verhältnisse&lt;/i&gt; gemacht haben, betreibt er nichts anderes als eine Psychologisierung. In dem die &lt;i&gt;Rückkehrpläne der Eltern&lt;/i&gt; gescheitert wären, erhebt Bude die nachfolgende(n) Migrantengeneration(en) zu &lt;i&gt;Virtuosen des Aufschneidens, Herablassens und Demütigens&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ambivalenz dieser Argumentation erkennt man leicht, wenn man das Rückkehrmotiv, dessen Scheitern zu &quot;rächen&quot; gilt, beiseite lässt und nun plötzlich auch eine Psychologie der Gesellschaftverweigerer deutscher Jugendlicher hat. Ein wenig schimmert eine Faszination für diese &lt;i&gt;Jungmänner&lt;/i&gt; durch, deren Attitüde, sich als eine &lt;i&gt;Avantgarde der neuen Zeit&lt;/i&gt; zu gebärden, durchaus wohlwollend erwogen zu werden scheint. Für das anstrengende &lt;i&gt;Leben im Zwischenreich von Autonomie und Isolation&lt;/i&gt; wider des &lt;i&gt;Komplott[s] aus Elternwünschen und Lehrerinnenempfehlungen&lt;/i&gt; [politisch korrekt ist die Schreibweise für &quot;Lehrer&quot; bei Bude immer &quot;Lehrerinnen&quot;; ohne Binnen-I, soviel Progressivität muss sein] werden durchaus Sympathien spürbar, auch wenn der attestierte Zorn sich in der Sabotage pädagogischer Angebote äussert, mindestens jedoch im &lt;i&gt;vorgeführten Desinteresse&lt;/i&gt; bildungsmüder Hauptschüler. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es sich bei dieser Widerborstigkeit letztlich um eine gehörige Portion Dummheit handeln muss, die Bildung ähnlich wie Teile der ungebildeten Unterschicht als eher störend empfindet  soweit geht er im Buch nicht.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wider einem rein funktionalen Bildungsbegriff&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude bürstet allerdings insbesondere hinsichtlich des Bildungsbegriffs sehr wohl gegen den Strich. Etwa, wenn er die &lt;i&gt;selbstgewisse[n] Klassifikateure von PISA&lt;/i&gt; ob ihres &lt;i&gt;technokratischen&lt;/i&gt;, rein funktionalen Bildungsbegriffs angreift, die &lt;i&gt;Testkategorien&lt;/i&gt; von PISA ob ihrer Realitätsbeständigkeit befragt und das allerorten so innig kultivierte Präjudiz, in Deutschland würde der soziale Status über die Bildungschancen entscheiden, in dieser Pauschalität nicht akzeptiert. Die &lt;i&gt;sekundäre Stigmatisierung&lt;/i&gt; einer Generation &lt;i&gt;durch eine Gemeinde von Bildungsforschern&lt;/i&gt; besiegele die &lt;i&gt;institutionelle Segregation dieser bildungspolitischen Problempopulationen&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude versucht am Rande das so bedenkenlos gepriesene Vorbild Finnland zu entzaubern. Ein kleines Land mit einem Migrantenanteil von ca. 2% (meistens Russen) habe schlichtweg andere Voraussetzungen. Zwar führe die eher kollaborative Ausrichtung der schulischen Bildung in Finnland zu grösseren Quoten, was die Hochschulreife angeht, aber Bude gibt zu bedenken, ob dies nicht mit einer gewissen Stromlinienförmigkeit &quot;erkauft&quot; wird, die beispielsweise ein &lt;i&gt;Anderssein&lt;/i&gt; eher als &lt;i&gt;Defekt&lt;/i&gt; sehe statt als Bereicherung.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar wird der Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und der Lesekompetenz in Deutschland von ihm nicht weggewischt. Viel stärker jedoch als diese Korrelation gewichtet Bude die kulturelle Praxis im Elternhaus, also ob überhaupt gelesen wird oder ob lesen zu Gunsten des Fernsehens verdrängt oder sogar als elitär abgelehnt wird. Wie er überhaupt die ehemals so genannte Vorbildfunktion des Elternhauses als wichtiger für die Prägungen ansieht als die &lt;i&gt;Berufsposition&lt;/i&gt; oder die &lt;i&gt;Migrationsgeschichte&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bude beklagt weiter, dass selbst Handwerksbetriebe ihre Einstellungspolitik beispielsweise für angehende Auszubildende enorm verändert hätten und Hauptschüler, ja sogar Abgänger mit Mittlerer Reife kaum noch berücksichtigt würden. Den Grund hierfür, der auch zu dem von ihm beschriebenen &lt;i&gt;funktionale[n] Analphabetismus&lt;/i&gt; grosser Teile von Haupt- und teilweise auch Realschülern führt, nennt er nicht: Die experimentelle Bildungspolitik der 70er Jahre, die für eine exorbitante Steigerung der Abiturienten- und Mittlere Reife-Abgänger sorgte. Statt aber der Intention von Leuten wie Picht oder Dahrendorf zu folgen, nämlich die Bildung zu verbessern, wurde (durchaus im damaligen Zeitgeist angelegt) die &quot;Abiturientenquote&quot; zum Fetisch erhoben - allerdings auf Kosten des Niveaus, welches insgesamt abgesenkt wurde. Es war einfacher, die Anforderungen an die Schüler zu senken als die Bildungsanstrengungen beispielsweise durch kleinere Klassen (Mehranstellung von Lehrern) zu erhöhen. Mit der ideologisch überhöhten, gestiegenen Abiturientenquote begann nun ein Wettlauf, der sich in steigenden Formalqualifikationen sowohl bei der Aufnahme für einen Ausbildungsplatz als auch bei gewissen begehrten Studienfächern in Zulassungsbeschränkungen zeigte und in den aktuellen Anforderungsprofilen im heutigen Stellenmarkt seine Fortsetzung findet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Licht und Schatten&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vollkommen hinter den Erwartungen des Lesers zurück bleiben Budes Betrachtungen über die rund 1,5 Millionen alleinerziehenden Mütter in Deutschland mit Kindern unter 18 Jahren. Obwohl er auch hier konzidiert, dass die Zahlen über die &lt;i&gt;Lebenswirklichkeit&lt;/i&gt; täuschen, verfällt er in stereotype Bilder von Frauen, die, von Männern enttäuscht, lieber wieder ihr Leben alleine meistern wollen. Insbesondere hier agiert Bude stark mit deduktiven Schlüssen, die schnell ins platte Rollenklischee abrutschen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfrischend allerdings wieder der Gedanke, dass die &lt;i&gt;Leistungsindividualisten&lt;/i&gt;, die ihr &lt;i&gt;Sozialprestige&lt;/i&gt; beispielsweise über Bildung und Beruf (nicht den &quot;Job&quot;) generieren mit dem &quot;Prekariat&quot; in punkto Staatsferne, d. h. einer weitgehenden Entfremdung von Staat und Gesellschaft vereint sind  beide allerdings auf unterschiedliche Art und Weise. Leider führt er diesen Gedanke nicht weiter, obwohl er für die Entwicklung des demokratischen Staates von existentieller Bedeutung wäre. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bereits erwähnt, erweitet Bude den Begriff des &quot;Prekariats&quot; und macht ihn nicht ausschliesslich am finanziellen Status fest. Schnell wird deutlich, dass Geld alleine die Probleme nicht dauerhaft löst. Im Gegenteil: &lt;i&gt;Transformationen vom Wohlfahrtsstaat&lt;/i&gt; stellen für ihn eine &lt;i&gt;Züchtigung einer Kultur der Abhängigkeit&lt;/i&gt; dar, die den Leistungsempfänger zwar &lt;i&gt;ohne Furcht, aber auch ohne Hoffnung&lt;/i&gt; lässt. Dies führt unter Umständen mit der Zeit zu einer dem &lt;i&gt;Überleben dienliche[n] Cleverness&lt;/i&gt;, die entweder neue Einnahmequellen &quot;erfindet&quot; oder gar Anreize schafft, &lt;i&gt;sich einen wie auch immer gearteten Behindertenstatus zuzulegen&lt;/i&gt;. Auf diese Weise wird eine &lt;i&gt;positive Diskriminierung&lt;/i&gt; zur einzigen Einnahmequelle; ein Herauskommen aus der Situation wird weder angestrebt noch forciert.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Analyse einer Gesellschaft, die ihr desillusioniertes, staatsfernes, &lt;i&gt;instabiles Prekariat&lt;/i&gt; gesellschaftlich ausgrenzt (&lt;i&gt;Ausgrenzung hat Ausbeutung ersetzt&lt;/i&gt; zitiert Bude die französische Sozialwissenschaft) und ansonsten alleine lässt, ist immer dann lehrreich, wenn sie sich nicht psychologisierend oder in soziologischer Betroffenheitsrhetorik verfällt, was bedauerlicherweise ab und zu geschieht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider wird auch nicht deutlich genug klar, dass &lt;i&gt;soziale Exklusion&lt;/i&gt; durchaus kein Problem des Prekariats alleine darstellt. &lt;i&gt;Transzendentale Obdachlosigkeit&lt;/i&gt; und das Lebensgefühl &lt;i&gt;Spielball fremder Kräfte und Mächte&lt;/i&gt; zu sein, &lt;i&gt;auf die man doch keinen Einfluss hat&lt;/i&gt; gibt es sehr wohl auch in anderen Schichten und dürfte keine &quot;Exklusivität&quot; der Unterschicht bilden. Da ist es dann schade, dass sich Bude auf die blosse Beschreibung der Phänomene beschränkt hat. Denn jetzt erst würde es richtig aufregend: Wie kann eine derart von ihm beschriebene Gesellschaft politisch, sozial und ökonomisch weiter existieren, ohne irgendwann zu implodieren?  

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-07-20T12:31:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4758878/">
    <title>Jerzy Jedlicki: Die entartete Welt</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4758878/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Jerzy Jedlicki  Die entartete Welt&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Jerzy Jedlicki  Die entartete Welt&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Jerzy-Jedlicki-Die-entartete-Welt.jpg&quot; /&gt;Jerzy Jedlicki, Jahrgang 1930, Historiker an der Polnischen Akademie der Wissenschaften und spezialisiert auf Ideengeschichte, hat mit der Aufsatzsammlung &quot;Die entartete Welt&quot; ein aufschlussreiches Buch vorgelegt. Sein detailreicher, aber nie erdrückender Blick auf die Ideengeschichte des 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, speziell auf die &lt;i&gt;Degeneration d&apos;anglaise&lt;/i&gt;, deren Schilderung mehr als die Hälfte des Buches ausfüllt, ist erfrischend unaufgeregt. Da wird nicht in jedem dritten Satz eine Kontinuität in das 20. Jahrhundert hinein konstruiert, behauptet oder nachgewiesen. Jedlicki baut auf die geschichtsbewusste Kompetenz des Lesers und dessen Fähigkeit, Fäden aufzunehmen und ggf. weiterzuspinnen oder zu verwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn er  wie im Vorwort  die Brücke zur Neuzeit schlägt und feststellt, dass der &lt;i&gt;Begriff der &quot;Krise&quot; heute gnadenlos überstrapaziert wird&lt;/i&gt; und dadurch &lt;i&gt;seine klaren semantischen Konturen verliert&lt;/i&gt;, kommt dies nie als primitives Zeitgeistbashing daher  eher im Gegenteil. Jedlicki zeigt  speziell am Beispiel Englands und Frankreichs, dass ungefähr seit der industriellen Revolution parallel zu den enthusiasmierten, teilweise futuristisch oder anderswie ideologisch beeinflussten Fortschrittsgläubigen und hörigen heterogene Gegenbewegungen hervortreten, die in einer Mischung zwischen historisch argumentierendem Geschichtspessimismus, verzweifelten Restaurationsbemühungen (insbesondere der Romantiker, die Jedlinki als Gegenaufklärer begreift und mit denen er vergleichsweise scharf ins Gericht geht) und nihilistischen Weltuntergangsprophezeiungen das mehr oder weniger baldige Ende der Zivilisation und/oder Kultur befürchten (gelegentlich auch herbei zu beschwören scheinen).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der &quot;Diskurs über die Krise&quot; beginnt mit der Aufklärung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar wird auf hohem Niveau die praktisch seit Existenz der Schriftkultur messbare Zivilisationskritik in vielen (westlichen) Kulturen erläutert, Jedlicki plädiert aber nachdrücklich für eine klare zeitliche Abgrenzung des &lt;i&gt;Diskurses über die Krise&lt;/i&gt;. Von dem Zeitpunkt an, als die Menschen auf den Gedanken kommen und das Bewusstsein entwickeln &lt;i&gt;selbst ihre Geschichte [zu] machen&lt;/i&gt;, also in dem Moment, als &lt;i&gt;die Verantwortung des Menschengeschlechts oder zumindest seiner aufgeklärten Führer für diese Zivilisation und für Europa anerkannt wird&lt;/i&gt;, beginnt das, was er zusammengefasst &lt;i&gt;Degenerationder Fortschrittsidee&lt;/i&gt; nennt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese beginnt also mit der Aufklärung (und dem damit verbundenen sukzessiven Zurückweichen der Religionen) Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie ist unweigerlich mit der zunehmenden, später rasant sich entwickelnden Industrialisierung verbunden, dem &lt;i&gt;mechanischen Zeitalter&lt;/i&gt;, und wird durch sie befeuert. Einer der ersten, die im Menschen das &quot;entartete Tier&quot; sahen, war Rousseau. Auch für Schiller galt die &lt;i&gt;&quot;geistige Aufklärung&quot;&lt;/i&gt; bereits als &lt;i&gt;Verderbnis&lt;/i&gt;. Für andere war der Mensch des Fortschritts eine &lt;i&gt;&quot;moralisch recht primitive Spezies&quot;&lt;/i&gt; mit &lt;i&gt;&quot;schier unglaublichem&quot;&lt;/i&gt; - primär destruktiv empfundenen - &lt;i&gt;&quot;Potential&quot;&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zitate, die Jedlicki von den nachfolgenden &lt;i&gt;Katastrophisten und Utopisten&lt;/i&gt;, den Apokalyptikern mit ihren &lt;i&gt;negativen Obsessionen&lt;/i&gt;, den Kritikern von Ökonomie und Industrialisierung bringt, sind teilweise derart &quot;aktuell&quot;, dass sie  mit kleinen Abänderungen  auch heute noch mühelos in kapitalistisch-kulturkritische Feuilletons übernommen werden könnten. Ein Höhepunkt dieser Ideengeschichte ist natürlich Oswald Spengler und dessen &quot;Untergang des Abendlandes&quot;. Hier &lt;i&gt;verband sich das schwülstige, großsprecherische Pathos der deutschen Geschichtsromantik  deren harter, nietzscheanischer Variante jegliche Sentimentalität abging  mit dem prophetischen Grössenwahn eines Mannes, der absolut davon überzeugt schien, sein Werk löse alle Rätsel der Menschheitsgeschichte.&lt;/i&gt; Jedlicki greift hier eine der wenigen Male wertend ein. Er sieht den (kurzzeitigen [wirklich?]) Erfolg des Buches sowohl in dem Moment der ersten Veröffentlichung (der erste Band erschien 1918) als auch in einer Mischung eines &lt;i&gt;Mythos vom Untergang des Abendlandes&lt;/i&gt;, einer Beschwörung &lt;i&gt;preussische[r] Härte&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;mitreissende[m] Stil&lt;/i&gt;  kann aber mit dem Resultat wenig anfangen und hält das Buch letztlich für eklektizistisch an alte Thesen andockend, die entsprechend pointiert vorgebracht wurden.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Ein kultureller Wert in sich: unablässige Selbstkritik&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Résumé des Aufsatzes &quot;Drei Jahrhunderte Verzweiflung&quot; ergreift Jedlicki dann emphatisch Partei für die Zweifler und Grübler  ohne das Geschäft der Hysteriker betreiben zu wollen: &lt;i&gt;Die wie auch immer definierte Krise der Kultur ist nicht die Ausnahme, sondern ihr NormalzustandDas ist auch gut so  erwächst doch jeder Fortschritt aus Unglück, Entsetzen und Auflehnung. Aus der Auflehnung gegen die Hilflosigkeit der Menschen angesichts der Pest entstand die Medizin. Aus dem Entsetzen, dass sich unser Globus in eine stinkende Kloake verwandelt, entstanden die Umweltbewegung und ihre Erfolge. Aus dem Einspruch gegen Unterdrückung und Erniedrigung entstanden die Menschenrechte und die Humanität der Strafgesetzgebung. Aus dem Gefühl der Wertekrise entsteht der Wille zur Verteidigung dieser Werte, der nur dann zu einer Bedrohung wird, wenn er nach Perfektion strebt.&lt;/i&gt; Hierfür entwickelt Jedlicki den Topos der &lt;i&gt;segensreichen Krise&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter: &lt;i&gt;Dieser kontinuierliche Disput über die Gebrechen des Jahrhunderts, die moralischen Mängel der Moderne, die geistige Leere der technologischen Gesellschaft [mag] zwar gelegentlich monoton, naiv, voller Klischees und Stereotype sein&lt;/i&gt;, ist jedoch  laut Jedlicki  ein &lt;i&gt;kultureller Wert&lt;/i&gt; in sich. Freilich verwirft er eine Regression in einen &quot;Hoffnungsglauben&quot; aus Religionen. &lt;i&gt;Das wäre erst recht der Tod der europäischen Kultur, zu deren schönsten und hoffentlich unveräusserlichen Eigenschaften ihre unablässige Selbstkritik gehört&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in dem Essay &quot;Das negative Stereotyp des Westens&quot;, in dem Jedlicki die Interdependenzen zwischen der englischen und französischen Moderne auf der einen Seite und der Ablehnung dieser durch grosse Teile der polnischen Intelligenz auf der anderen Seite untersucht (man bekommt hier und in dem Beitrag &quot;Der Prozeß gegen die Stadt&quot; sehr schön auf knappstem Raum eine Übersicht über die polnische Gemütslage rekurrierend aus den historischen Traumata und gipfelnd noch heute in zyklisch auftretenden antimodernistischen und nationalistischen Phasen) steht am Ende, dass &lt;i&gt;unablässige Selbstkritik und Selbstzweifel konstante Merkmale&lt;/i&gt; der westlichen Kultur sind. Seit fast dreihundert Jahren (hier widerspricht sich der Autor ein bisschen) nehmen die Zeitgenossen (und nicht nur die Historiker) ihre Zeit auch als eine &lt;i&gt;Epoche der Krise, der fundamentalen Erschütterung der gesellschaftlichen Ordnung und der moralischen Werte&lt;/i&gt; wahr. &lt;i&gt;Man kann sagen&lt;/i&gt;, so Jedlicki, &lt;i&gt;dass die permanente Krise der Aggregatzustand der neuzeitlichen wissenschaftlich-technischen Zivilisation ist, die niemals einen Zustand des Gleichgewichts oder der Stabilisierung ihrer Institutionen, Theorien und Praktiken erreicht&lt;/i&gt;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Optimismus und Angst&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr informativ dann der bereits angesprochene, umfangreiche Beitrag über die &quot;Degeneration d&apos;anglaise&quot;. Jedlicki beschreibt von Anfang des 19. Jahrhunderts beginnend chronologisch und dezidiert die unterschiedlichen, kulturkritischen Strömungen hauptsächlich Englands  mit kleinen Ausflügen auf das französische Festland. Selbst auf dem Höhepunkt des viktorianischen Fortschrittsoptimismus wuchterten die Ängste und Obsessionen. Parallel zum Enthusiasmus wachsender Industrialisierung wuchsen die Abneigungen gegen diese Entwicklungen (die Worte begannen fast alle mit &quot;&lt;i&gt;De&lt;/i&gt; und sie werden akribisch aufgezählt). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da gab es diejenigen, welche die Arbeiter als entwürdigt und degradiert betrachten (was dann später im Marxismus gipfelte); die (diesem Denken verwandten) &lt;i&gt;Ängste der Philosophen&lt;/i&gt;; die Kritik eines William Morris, der die Wissenschaft (gemeint sind die Naturwissenschaften im weitesten Sinn) &lt;i&gt;zur Sklavin&lt;/i&gt; eines &lt;i&gt;widerlichen Buchhalter-, Drill- und Zwangssystems&lt;/i&gt; sah; die unterschiedlichen Interpretationen des Darwinismus (inklusive der Ablehnung desselben und der &quot;Weiterentwicklung&quot; zum &quot;Sozialdarwinismus&quot;); der Vorbehalte selbst honoriger Philosophen, Politiker und Intellektueller gegen das allgemeine Wahlrecht (die Ängste vor dem &quot;Pöbel&quot;; der Masse und deren Mitbestimmung); die teilweise hellsichtigen Prognosen von John Stuart Mill in Bezug bezüglich Massenkultur und Journalismus (das Aufkommen der Boulevard-Presse!); Aldous Huxleys Kritik eines ethischen Darwinismus; die Anfänge dessen, was man später als &quot;Eugenik&quot; bezeichnete  der Begriff, der damals jedoch eine ganz andere Konnotation hatte  kurz: Jedlicki fächert all die divergierenden Strömungen, Tendenzen und Ängste auf, widmet sich auch ausführlich der Bedeutung des Prozesses gegen Oscar Wilde und dessen Leiden an der Gesellschaft, referiert über Toynbees &quot;neuem Liberalismus&quot; (der das Gegenteil dessen ist, was wir heute darunter verstehen), zeigt die Dekadenz und die gefühlte Degeneration Frankreichs seit 1870 und streift den aufkommenden Anarchismus (und diese kursorischen Aufzählungen sind abermals nur ein Ausschnitt). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Exemplarisch: &quot;Entartung&quot; von Max Nordau&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Entartung&quot; hiess das Buch von Max Nordau (1895 in Englisch erschienen; zwei Jahre vorher auf Deutsch), welches Jedlicki zum Beispiel ausführlich bespricht. Nordau, Arzt, Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizist, in Budapest geboren, lebte in Paris und schrieb auf Deutsch. Er war einer der Mitbegründer der zionistischen Weltorganisation. Nordau ist &lt;i&gt;voller Bewunderung für die Erfolge der Naturwissenschaften&lt;/i&gt; und er war der Meinung, das &quot;Fin de siècle&quot;-Gefühl sei eine &lt;i&gt;Stimmungslage übersättigter Greise, die die Jugend um ihre Frische und Lebensfreude beneiden und daher versuchen, sie mit ihrem Pessimismus zu vergiften.&lt;/i&gt; Nordaus Furor richtet sich gegen &lt;i&gt;alle Künstler, die mit der Affirmation des Fortschritts in der Kulturphilosophie gebrochen hatten&lt;/i&gt;, begonnen mit Baudelaire, Gautier, Mallarmé, aber auch Verlaine, Tolstoi und Wagner, Wilde, Ibsen, Zola, Hauptmann, und viele andere. &lt;i&gt;In dieser Atmosphäre&lt;/i&gt;, so Jedlicki über Noraus Buch &lt;i&gt;blüht eine entartete, selbstverliebte Kunst  alle möglichen Mystizismen, Symbolismen, Pessimismen und Diabolismen&lt;/i&gt;. Nordau sah eine &lt;i&gt;&quot;geistige Volkskrankheit&quot;&lt;/i&gt;, eine &lt;i&gt;&quot;Art schwarze Pest von Entartung und Hysterie&quot;&lt;/i&gt;, sein Buch sei eine &lt;i&gt;&quot;Wanderung durch das Krankenhaus&quot;&lt;/i&gt;, wobei mit &quot;Krankenhaus&quot; &lt;i&gt;die gesamte europäische Kultur des Jahrhundertendes&lt;/i&gt; gemeint ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man ist schon geneigt, dieses Machwerk in den Orkus zu verbannen, aber &lt;i&gt;Nordau schloss seine Ausführungen mit einem furiosen Manifest, das ihn als Liberalen alten Stils zeigt: &quot;Wir besonders, die es uns zur Lebensaufgabe gemacht haben, alten Aberglauben zu bekämpfen, Aufklärung zu verbreiten, geschichtliche Ruinen vollends niederzureißen und ihren Schutt wegzuräumen, die Freiheit des Individuums gegen den Druck des Staates und der gedankenlosen Philister-Routine zu vertheidigen, wir müssen uns entschlossen dagegen wehren, daß elende Streber sich unserer theuersten Losungsworte bemächtigen, um mit ihnen Bauernfängerei zu treiben. Die &apos;Freiheit&apos; und &apos;Modernität&apos;, der &apos;Fortschritt&apos; und die &apos;Wahrheit&apos; dieser Bursche[n] sind nicht die unsrigen [ ] Daran mag Jeder die echten Modernen erkennen und von den Schwindlern, die ich Moderne nennen, sicher unterscheiden: wer ihm Zuchtlosigkeit predigt, der ist ein Feind des Fortschritts und wer sein Ich anbetet, der ist ein Feind der Gesellschaft. [] Die Emanzipation, für die wir wirken, ist die des Urtheils, nicht die der Begierden&quot;&lt;/i&gt;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nordaus Buch galt vielen damals als eines der wichtigsten Dokumente des europäischen &quot;Fin de siècle&quot;  und ist heute vergessen, allerdings aus einem Grund: Es ist eben gerade nicht &quot;gängig&quot; fortschrittskritisch, vielfach strukturkonservativ und individualismusfeindlich und dadurch nicht eindeutig &quot;zuzuordnen&quot;. Einhundert Jahre später waren die von Nordau kritisierten Künstler und Schriftsteller kanonisiert  und der Kritiker widerlegt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Bittere Genugtuung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter Zitation etlicher solcher nur Experten bekannten Werke wird deutlich, wie differenziert und vor allem kompliziert die Materie im Detail ist. Da ist nicht jeder, der das Wort &quot;Neger&quot; benutzt automatisch schon ein Rassist. Und nicht jeder, der in Wohltönen den Kapitalismus besingt und die Chancen ausmalt (und verklärt) per se ein Ausbeuter. Tatsache ist: Moderate Kritiken, wie die von Charles M. Pearson, die sich kritisch aber nicht destruktiv mit der Kultur auseinandersetzten und auch nicht einer gewissen Exaltiertheit anheim fielen, sind heute unbekannt  entweder wegen ihrer &quot;mangelnden Originalität&quot;, oder weil sie  für uns heute  schlichtweg auf der &quot;falschen Seite&quot; standen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jerzy Jedlickis zitiert aus vielen unterschiedlichen Schriften, ohne erhobenem Zeigefinger (ausser  gelegentlich einmal - bei denen, die schon damals alles besser wussten), so dass der Leser manchmal das Gefühl einer Art Zeitreise hat. Eines der (vielen) kleinen Pretiosen in seinem Buch ist die Analyse des Romans &quot;Die Zeitmaschine&quot; des heute noch bekannten Romanciers H. G. Wells.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und fast am Ende dieses Essays heisst es: &lt;i&gt;Der alte Traum der Liberalen, die Massen durch Bildung und Verbesserung der Lebensbedingungen schrittweise auf die Teilhabe an Kultur und Bürgerrechten vorzubereiten, [ging] auf ironische Weise in Erfüllung: in Form einer vom Kommerz entwerteten Kultur und einer von Demagogie korrumpierten Politik. Selbst der Sport [] unterlag der Kommerzialisierung []. Die Propheten des Niedergang hatten ihre bittere Genugtuung  hatten sie es doch schon immer gewusst.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alleine &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4758857/&quot;&gt;Jedlickis kurzer Aufsatz über Geschichte und Ausblick des europäischen Intellektuellen&lt;/a&gt; würde schon die Anschaffung des Buches lohnen. Insgesamt ist &quot;Die entartete Welt&quot; lehrreich, klug und verständlich geschrieben, dabei aber keinesfalls trivial. Wohltuend, dass der Autor jedem affektierten Alarmismus abschwört, aber im Zweifel für den Zweifel Partei ergreift. Jeder, der seine Weltuntergangsprophezeiungen noch &quot;perfektionieren&quot; möchte, sollte hier erst einmal nachschlagen  es gibt fast nichts, was nicht schon vor einhundert oder einhundertfünfzig Jahren prognostiziert wurde. 
&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Alle kursiv gedruckten Stellen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>Moderne und Postmoderne</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-04T19:51:00Z</dc:date>
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