Moderne und Postmoderne

Jerzy Jedlicki: Die entartete Welt

Jerzy Jedlicki  Die entartete WeltJerzy Jedlicki, Jahrgang 1930, Historiker an der Polnischen Akademie der Wissenschaften und spezialisiert auf Ideengeschichte, hat mit der Aufsatzsammlung "Die entartete Welt" ein aufschlussreiches Buch vorgelegt. Sein detailreicher, aber nie erdrückender Blick auf die Ideengeschichte des 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, speziell auf die Degeneration d'anglaise, deren Schilderung mehr als die Hälfte des Buches ausfüllt, ist erfrischend unaufgeregt. Da wird nicht in jedem dritten Satz eine Kontinuität in das 20. Jahrhundert hinein konstruiert, behauptet oder nachgewiesen. Jedlicki baut auf die geschichtsbewusste Kompetenz des Lesers und dessen Fähigkeit, Fäden aufzunehmen und ggf. weiterzuspinnen oder zu verwerfen.

Und wenn er – wie im Vorwort – die Brücke zur Neuzeit schlägt und feststellt, dass der Begriff der "Krise" heute gnadenlos überstrapaziert wird und dadurch seine klaren semantischen Konturen verliert, kommt dies nie als primitives Zeitgeistbashing daher – eher im Gegenteil. Jedlicki zeigt speziell am Beispiel Englands und Frankreichs, dass ungefähr seit der industriellen Revolution parallel zu den enthusiasmierten, teilweise futuristisch oder anderswie ideologisch beeinflussten Fortschrittsgläubigen und –hörigen heterogene Gegenbewegungen hervortreten, die in einer Mischung zwischen historisch argumentierendem Geschichtspessimismus, verzweifelten Restaurationsbemühungen (insbesondere der Romantiker, die Jedlinki als Gegenaufklärer begreift und mit denen er vergleichsweise scharf ins Gericht geht) und nihilistischen Weltuntergangsprophezeiungen das mehr oder weniger baldige Ende der Zivilisation und/oder Kultur befürchten (gelegentlich auch herbei zu beschwören scheinen).

Der "Diskurs über die Krise" beginnt mit der Aufklärung

Zwar wird auf hohem Niveau die praktisch seit Existenz der Schriftkultur messbare Zivilisationskritik in vielen (westlichen) Kulturen erläutert, Jedlicki plädiert aber nachdrücklich für eine klare zeitliche Abgrenzung des Diskurses über die Krise. Von dem Zeitpunkt an, als die Menschen auf den Gedanken kommen und das Bewusstsein entwickeln selbst ihre Geschichte [zu] machen, also in dem Moment, als die Verantwortung des Menschengeschlechts oder zumindest seiner aufgeklärten Führer für diese Zivilisation und für Europa anerkannt wird, beginnt das, was er zusammengefasst Degeneration…der Fortschrittsidee nennt.

Diese beginnt also mit der Aufklärung (und dem damit verbundenen sukzessiven Zurückweichen der Religionen) Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie ist unweigerlich mit der zunehmenden, später rasant sich entwickelnden Industrialisierung verbunden, dem mechanischen Zeitalter, und wird durch sie befeuert. Einer der ersten, die im Menschen das "entartete Tier" sahen, war Rousseau. Auch für Schiller galt die "geistige Aufklärung" bereits als Verderbnis. Für andere war der Mensch des Fortschritts eine "moralisch recht primitive Spezies" mit "schier unglaublichem" - primär destruktiv empfundenen - "Potential".

Die Zitate, die Jedlicki von den nachfolgenden Katastrophisten und Utopisten, den Apokalyptikern mit ihren negativen Obsessionen, den Kritikern von Ökonomie und Industrialisierung bringt, sind teilweise derart "aktuell", dass sie – mit kleinen Abänderungen – auch heute noch mühelos in kapitalistisch-kulturkritische Feuilletons übernommen werden könnten. Ein Höhepunkt dieser Ideengeschichte ist natürlich Oswald Spengler und dessen "Untergang des Abendlandes". Hier verband sich das schwülstige, großsprecherische Pathos der deutschen Geschichtsromantik – deren harter, nietzscheanischer Variante jegliche Sentimentalität abging – mit dem prophetischen Grössenwahn eines Mannes, der absolut davon überzeugt schien, sein Werk löse alle Rätsel der Menschheitsgeschichte. Jedlicki greift hier eine der wenigen Male wertend ein. Er sieht den (kurzzeitigen [wirklich?]) Erfolg des Buches sowohl in dem Moment der ersten Veröffentlichung (der erste Band erschien 1918) als auch in einer Mischung eines Mythos vom Untergang des Abendlandes, einer Beschwörung preussische[r] Härte und mitreissende[m] Stil – kann aber mit dem Resultat wenig anfangen und hält das Buch letztlich für eklektizistisch an alte Thesen andockend, die entsprechend pointiert vorgebracht wurden.

Ein kultureller Wert in sich: unablässige Selbstkritik

Als Résumé des Aufsatzes "Drei Jahrhunderte Verzweiflung" ergreift Jedlicki dann emphatisch Partei für die Zweifler und Grübler – ohne das Geschäft der Hysteriker betreiben zu wollen: Die wie auch immer definierte Krise der Kultur ist nicht die Ausnahme, sondern ihr Normalzustand…Das ist auch gut so – erwächst doch jeder Fortschritt aus Unglück, Entsetzen und Auflehnung. Aus der Auflehnung gegen die Hilflosigkeit der Menschen angesichts der Pest entstand die Medizin. Aus dem Entsetzen, dass sich unser Globus in eine stinkende Kloake verwandelt, entstanden die Umweltbewegung und ihre Erfolge. Aus dem Einspruch gegen Unterdrückung und Erniedrigung entstanden die Menschenrechte und die Humanität der Strafgesetzgebung. Aus dem Gefühl der Wertekrise entsteht der Wille zur Verteidigung dieser Werte, der nur dann zu einer Bedrohung wird, wenn er nach Perfektion strebt. Hierfür entwickelt Jedlicki den Topos der segensreichen Krise.

Weiter: Dieser kontinuierliche Disput über die Gebrechen des Jahrhunderts, die moralischen Mängel der Moderne, die geistige Leere der technologischen Gesellschaft [mag] zwar gelegentlich monoton, naiv, voller Klischees und Stereotype sein, ist jedoch – laut Jedlicki – ein kultureller Wert in sich. Freilich verwirft er eine Regression in einen "Hoffnungsglauben" aus Religionen. Das wäre erst recht der Tod der europäischen Kultur, zu deren schönsten und hoffentlich unveräusserlichen Eigenschaften ihre unablässige Selbstkritik gehört.

Und in dem Essay "Das negative Stereotyp des Westens", in dem Jedlicki die Interdependenzen zwischen der englischen und französischen Moderne auf der einen Seite und der Ablehnung dieser durch grosse Teile der polnischen Intelligenz auf der anderen Seite untersucht (man bekommt hier und in dem Beitrag "Der Prozeß gegen die Stadt" sehr schön auf knappstem Raum eine Übersicht über die polnische Gemütslage rekurrierend aus den historischen Traumata und gipfelnd noch heute in zyklisch auftretenden antimodernistischen und nationalistischen Phasen) steht am Ende, dass unablässige Selbstkritik und Selbstzweifel konstante Merkmale der westlichen Kultur sind. Seit fast dreihundert Jahren (hier widerspricht sich der Autor ein bisschen) nehmen die Zeitgenossen (und nicht nur die Historiker) ihre Zeit auch als eine Epoche der Krise, der fundamentalen Erschütterung der gesellschaftlichen Ordnung und der moralischen Werte wahr. Man kann sagen, so Jedlicki, dass die permanente Krise der Aggregatzustand der neuzeitlichen wissenschaftlich-technischen Zivilisation ist, die niemals einen Zustand des Gleichgewichts oder der Stabilisierung ihrer Institutionen, Theorien und Praktiken erreicht.

Optimismus und Angst

Sehr informativ dann der bereits angesprochene, umfangreiche Beitrag über die "Degeneration d'anglaise". Jedlicki beschreibt von Anfang des 19. Jahrhunderts beginnend chronologisch und dezidiert die unterschiedlichen, kulturkritischen Strömungen hauptsächlich Englands – mit kleinen Ausflügen auf das französische Festland. Selbst auf dem Höhepunkt des viktorianischen Fortschrittsoptimismus wuchterten die Ängste und Obsessionen. Parallel zum Enthusiasmus wachsender Industrialisierung wuchsen die Abneigungen gegen diese Entwicklungen (die Worte begannen fast alle mit "De und sie werden akribisch aufgezählt).

Da gab es diejenigen, welche die Arbeiter als entwürdigt und degradiert betrachten (was dann später im Marxismus gipfelte); die (diesem Denken verwandten) Ängste der Philosophen; die Kritik eines William Morris, der die Wissenschaft (gemeint sind die Naturwissenschaften im weitesten Sinn) zur Sklavin eines widerlichen Buchhalter-, Drill- und Zwangssystems sah; die unterschiedlichen Interpretationen des Darwinismus (inklusive der Ablehnung desselben und der "Weiterentwicklung" zum "Sozialdarwinismus"); der Vorbehalte selbst honoriger Philosophen, Politiker und Intellektueller gegen das allgemeine Wahlrecht (die Ängste vor dem "Pöbel"; der Masse und deren Mitbestimmung); die teilweise hellsichtigen Prognosen von John Stuart Mill in Bezug bezüglich Massenkultur und Journalismus (das Aufkommen der Boulevard-Presse!); Aldous Huxleys Kritik eines ethischen Darwinismus; die Anfänge dessen, was man später als "Eugenik" bezeichnete – der Begriff, der damals jedoch eine ganz andere Konnotation hatte – kurz: Jedlicki fächert all die divergierenden Strömungen, Tendenzen und Ängste auf, widmet sich auch ausführlich der Bedeutung des Prozesses gegen Oscar Wilde und dessen Leiden an der Gesellschaft, referiert über Toynbees "neuem Liberalismus" (der das Gegenteil dessen ist, was wir heute darunter verstehen), zeigt die Dekadenz und die gefühlte Degeneration Frankreichs seit 1870 und streift den aufkommenden Anarchismus (und diese kursorischen Aufzählungen sind abermals nur ein Ausschnitt).

Exemplarisch: "Entartung" von Max Nordau

"Entartung" hiess das Buch von Max Nordau (1895 in Englisch erschienen; zwei Jahre vorher auf Deutsch), welches Jedlicki zum Beispiel ausführlich bespricht. Nordau, Arzt, Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizist, in Budapest geboren, lebte in Paris und schrieb auf Deutsch. Er war einer der Mitbegründer der zionistischen Weltorganisation. Nordau ist voller Bewunderung für die Erfolge der Naturwissenschaften und er war der Meinung, das "Fin de siècle"-Gefühl sei eine Stimmungslage übersättigter Greise, die die Jugend um ihre Frische und Lebensfreude beneiden und daher versuchen, sie mit ihrem Pessimismus zu vergiften. Nordaus Furor richtet sich gegen alle Künstler, die mit …der Affirmation des Fortschritts in der Kulturphilosophie gebrochen hatten, begonnen mit Baudelaire, Gautier, Mallarmé, aber auch Verlaine, Tolstoi und Wagner, Wilde, Ibsen, Zola, Hauptmann, und viele andere. In dieser Atmosphäre, so Jedlicki über Noraus Buch blüht eine entartete, selbstverliebte Kunst – alle möglichen Mystizismen, Symbolismen, Pessimismen und Diabolismen. Nordau sah eine "geistige Volkskrankheit", eine "Art schwarze Pest von Entartung und Hysterie", sein Buch sei eine "Wanderung durch das Krankenhaus", wobei mit "Krankenhaus" die gesamte europäische Kultur des Jahrhundertendes gemeint ist.

Man ist schon geneigt, dieses Machwerk in den Orkus zu verbannen, aber Nordau schloss seine Ausführungen mit einem furiosen Manifest, das ihn als Liberalen alten Stils zeigt: "Wir besonders, die es uns zur Lebensaufgabe gemacht haben, alten Aberglauben zu bekämpfen, Aufklärung zu verbreiten, geschichtliche Ruinen vollends niederzureißen und ihren Schutt wegzuräumen, die Freiheit des Individuums gegen den Druck des Staates und der gedankenlosen Philister-Routine zu vertheidigen, wir müssen uns entschlossen dagegen wehren, daß elende Streber sich unserer theuersten Losungsworte bemächtigen, um mit ihnen Bauernfängerei zu treiben. Die 'Freiheit' und 'Modernität', der 'Fortschritt' und die 'Wahrheit' dieser Bursche[n] sind nicht die unsrigen [… ] Daran mag Jeder die echten Modernen erkennen und von den Schwindlern, die ich Moderne nennen, sicher unterscheiden: wer ihm Zuchtlosigkeit predigt, der ist ein Feind des Fortschritts und wer sein Ich anbetet, der ist ein Feind der Gesellschaft. […] Die Emanzipation, für die wir wirken, ist die des Urtheils, nicht die der Begierden".

Nordaus Buch galt vielen damals als eines der wichtigsten Dokumente des europäischen "Fin de siècle" – und ist heute vergessen, allerdings aus einem Grund: Es ist eben gerade nicht "gängig" fortschrittskritisch, vielfach strukturkonservativ und individualismusfeindlich und dadurch nicht eindeutig "zuzuordnen". Einhundert Jahre später waren die von Nordau kritisierten Künstler und Schriftsteller kanonisiert – und der Kritiker widerlegt.

Bittere Genugtuung

Unter Zitation etlicher solcher nur Experten bekannten Werke wird deutlich, wie differenziert und vor allem kompliziert die Materie im Detail ist. Da ist nicht jeder, der das Wort "Neger" benutzt automatisch schon ein Rassist. Und nicht jeder, der in Wohltönen den Kapitalismus besingt und die Chancen ausmalt (und verklärt) per se ein Ausbeuter. Tatsache ist: Moderate Kritiken, wie die von Charles M. Pearson, die sich kritisch aber nicht destruktiv mit der Kultur auseinandersetzten und auch nicht einer gewissen Exaltiertheit anheim fielen, sind heute unbekannt – entweder wegen ihrer "mangelnden Originalität", oder weil sie – für uns heute – schlichtweg auf der "falschen Seite" standen.

Jerzy Jedlickis zitiert aus vielen unterschiedlichen Schriften, ohne erhobenem Zeigefinger (ausser – gelegentlich einmal - bei denen, die schon damals alles besser wussten), so dass der Leser manchmal das Gefühl einer Art Zeitreise hat. Eines der (vielen) kleinen Pretiosen in seinem Buch ist die Analyse des Romans "Die Zeitmaschine" des heute noch bekannten Romanciers H. G. Wells.

Und fast am Ende dieses Essays heisst es: Der alte Traum der Liberalen, die Massen durch Bildung und Verbesserung der Lebensbedingungen schrittweise auf die Teilhabe an Kultur und Bürgerrechten vorzubereiten, [ging] auf ironische Weise in Erfüllung: in Form einer vom Kommerz entwerteten Kultur und einer von Demagogie korrumpierten Politik. Selbst der Sport […] unterlag der Kommerzialisierung […]. Die Propheten des Niedergang hatten ihre bittere Genugtuung – hatten sie es doch schon immer gewusst.

Alleine Jedlickis kurzer Aufsatz über Geschichte und Ausblick des europäischen Intellektuellen würde schon die Anschaffung des Buches lohnen. Insgesamt ist "Die entartete Welt" lehrreich, klug und verständlich geschrieben, dabei aber keinesfalls trivial. Wohltuend, dass der Autor jedem affektierten Alarmismus abschwört, aber im Zweifel für den Zweifel Partei ergreift. Jeder, der seine Weltuntergangsprophezeiungen noch "perfektionieren" möchte, sollte hier erst einmal nachschlagen – es gibt fast nichts, was nicht schon vor einhundert oder einhundertfünfzig Jahren prognostiziert wurde.
Alle kursiv gedruckten Stellen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Die autoritäre Moderne - Paolo Flores d’Arcais schiesst auf Habermas und trifft sich selbst

In der aktuellen Ausgabe der "Zeit" ist ein Aufsatz des italienischen Philosophen Paolo Flores d’Arcais auf Jürgen Habermas' Aufsatzsammlung "Zwischen Naturalismus und Religion" mit dem wuchtigen Titel "Elf Thesen zu Habermas" erschienen.

 Paolo Flores dArcaisWeniger die Kritik als der Zeitpunkt überrascht. Schliesslich ist Habermas' Buch vor mehr als zwei Jahren erschienen. Die von Flores d'Arcais vorgebrachten Vorwürfe, Habermas würde die Moderne zu Gunsten einer verstärkten Religiosität opfern sind auch nicht neu. Warum also jetzt? Es dürfte kaum anzunehmen sein, dass der Autor bisher keine Zeit hatte, das Buch zu lesen. Vielmehr erscheint die Gelegenheit in Anbetracht des derzeit publizistisch vehement vorgebrachten "neuen Atheismus" günstig. Das Thema ist en vogue, die Bastionen der Religionen werden sturmreif geschossen und warum nicht quasi als Nebeneffekt gleich einen führenden Repräsentanten der europäischen Linken attackieren.

Unabhängig davon, ob nun Habermas tatsächlich in grundsätzlicher Art einen Ruck zur Transzendenz vollzogen hat (das deutschsprachige Feuilleton neigte dazu, dem seinerzeit zu widersprechen), kann man exemplarisch anhand "These 7" d'Arcais' Argumentation als reichlich überzogen aufzeigen:

Habermas’ Aussage »Faire Regelungen können nur zustande kommen, wenn die Beteiligten lernen, auch die Perspektiven der jeweils anderen zu übernehmen« ist irrig. Warum sollten wir lernen, ausgesprochen antidemokratische Sichtweisen zu übernehmen, also uns zu eigen zu machen? Warum sollten wir uns auf den Standpunkt des Nazis, des Rassisten, des Fundamentalisten stellen?

Flores d'Arcais irrt – und das muss schon mit einigem Willen zum Irrtum verbunden sein – wenn er unterstellt, Habermas meine, dass die jeweils andere Perspektive in dem Sinne zu übernehmen sei, dass sie adaptiert, d. h. zugeeignet werden soll. Das ist sicherlich nicht der Fall. Aber im Rahmen von Habermas' Modell (Idealzustand) des "herrschaftsfreien Diskurses" ist eine gewisse Einfühlung für die Thesen des anderen durchaus notwendig. Hier darf natürlich Empathie nicht mit Sympathie verwechselt werden. Und an den diskursethischen, zugegebenermassen reichlich theoretischen Imperativ, dass "nur die Normen Geltung beanspruchen dürfen, die die Zustimmung aller Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden (oder finden könnten)“ sei in diesem Zusammenhang erinnert.

Zwangssäkularisierung als Zugang zum Diskursraum?

Das löst natürlich keinesfalls das Problem, wie mit notorischen Diskursverweigerern umzugehen ist. Und eigentlich ist die Diskusethik im Modell von Apel und Habermas selbst als blosses Verhandlungs- bzw. Verhaltensmodell den hohen Ambitionen nie gerecht worden. Aber per se die Moderne (wie immer man diese nun definiert) als Ausschlussgesellschaft für abweichende Strömungen zu verstehen, ist nichts anderes als autoritär. Bezogen auf Nazis oder Rassisten mag dies noch nachvollziehbar sein, und im Zweifel ist dann das Votum der Mehrheitsgesellschaft (mit allen Ambivalenzen allerdings – siehe unten) der "Zustimmung aller Betroffenen" vorzuziehen. Religiös argumentierende oder auch nur sich religiös gebende Diskursteilnehmer jedoch erst dann in die Moderne einzulassen, wenn diese ihren religiösen Vorstellungen (auch und vielleicht gerade, was moralische und ethische Fragen angeht) entsagen, sie also quasi in einem Zulassungsverfahren erst durch eine Zwangssäkularisierung in die (Diskurs-)Gesellschaft einzulassen (bei Flores d'Arcais hat man sogar den Eindruck, dass ein Laizismus oktroyiert werden soll), ist ein zutiefst antidemokratischer Impuls.

Dieses Denken ist – das muss man der Fairness halber sagen – bei Flores d'Arcais nicht neu. In einem Aufsatz aus dem Jahr 2005 mit dem alarmistischen Titel "Ist Amerika noch eine Demokratie?" schreibt er: Anhänger der liberalen Demokratie sind laizistisch, säkularisiert und pragmatisch. Eine interessante Aufzählung. Weiter heisst es – durchaus emphatisch: Eine liberale Demokratie muss die Macht aller Individuen sein.. Vehement setzt er sich für Kontrollinstitutionen der Machtausübung ein. Eine nicht eingebundene, kontrollierte, sozusagen gefesselte Macht droht – so der weitergehende Schluss - irgendwann in eine Diktatur des Konsenses, in freiheitsfeindlichen Populismus umzuschlagen.

"Die Diktatur des Konsens"

Über die Ambivalenz (und auch Widersprüchlichkeit) dieser These müsste man separat diskutieren. Mir gefällt der Begriff der Diktatur des Konsenses nicht. Die Friedhöfe der Welt wurden über Jahrhunderte gefüllt von Herrschern, die den Konsens verachteten und ihre eigene Doktrin absolut setzten. Im 20. Jahrhundert brauchte man hierfür nicht mal mehr die Religionen, die entweder zum erbärmlichen Zuschauer (und somit indirekt wieder zum Täter) oder selber Gegenstand der Repression wurden.

Über die weitere Fortsetzung der Argumentation, ob nun Amerika noch eine Demokratie ist oder nicht, möchte ich nicht eingehen. Nur soviel: Der Spagat zwischen der Negation eines irgendwie gearteten organischen Volkes - was er (richtigerweise) ablehnt – und seines Konstrukts eines Ensemble[s] der streitenden Individuen, in dem auch Minderheiten ihre adäquate Position bekommen, dürfte schwer gelingen. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen zeigt sich Flores d'Arcais übrigens nicht abgeneigt, als eine Art "gutmütiger Diktator" überall dort "korrigierend" einzugreifen, wo er Freiheitsrechte in seinem Sinn eingeschränkt sieht. Dem Teufelskreis, Freiheit durch partielle Einschränkung anderer "Freiheiten" zu befördern, vermag er auch hier nicht zu entgehen.

Zurück zur Habermas-Kritik. Wie will man aber das Religiöse (bzw. religiös argumentierende Bürger) in die Moderne bzw. in eine der Moderne verpflichtete, liberale, demokratische Gesellschaft einbinden, wenn man unterstellt, dass sie aufgrund ihrer Religiosität diesem Projekt a priori feindlich gesonnen sind? Bewegt man sich dann nicht in exakt jener Gesinnungskontrolle, wie sie beispielsweise vom Christentum und deren Institutionen jahrhundertelang selber praktiziert wurde?

Flores d'Arvcais begibt sich damit auf die Argumentation der aggressiv daherkommenden Atheistenbewegung, die für sich aus der Geschichte eine Art ausgleichende Gerechtigkeit ableitet. Das ist ungefähr so, als wolle ein Vater seinem Kind nun auch einmal die Strafen auferlegen, die er von seinen Eltern bekommen hat.

Umgekehrt ist es natürlich richtig, dass die Gegner (man könnte sie auch – martialischer – als "Feinde" bezeichnen) der Demokratie eben diese Liberalität nicht zu dessen Aushebelung verwenden dürfen. Aber erreicht man dies durch den nivellierenden Gestus, beispielsweise alle religiösen Bürger von vornherein als Fundamentalisten zu brandmarken und vom Diskurs, also der Teilhabe auszuschliessen? Welcher Art wäre dieser Liberalismus, der – übertragen auf ein Gemälde - nicht nur den Rahmen dieses Gemäldes vorgeben will, sondern auch gleich noch die Motive und die Farbenkonstellation?

Der kleinste gemeinsame Nenner

Und wie seltsam mutet es an, wenn Flores d'Arcais meint, dass alle – ob sie ein religiöses Empfinden haben oder nicht – den Anspruch auf ethische Wahrheit aufgeben sollen. Hieraus folgert er: Im Streit um Werte müssen wir uns auf den kleinsten gemeinsamen demokratischen Nenner des Verfassungspatriotismus beschränken. Interessant, dass Flores d'Arcais den Begriff des Verfassungspatriotismus, den Habermas zwar nicht erfunden, aber massgeblich weiterentwickelt hat, verwendet. Weiter heisst es: Für alle anderen ethisch-politischen Wahrheiten gilt: Sie haben das volle Recht auf Artikulation, und sie dürfen selbstverständlich Leben und Verhalten motivieren. Aber als ein Argument im öffentlichen Diskurs gelten sie nicht.

Besonders weit kommt man mit dieser "Norm" allerdings nicht, insbesondere wenn es um moralische Problemstellungen geht. Auch bleibt unklar, wer die Verfassung konstituiert, auslegt und welche Werte ihr zugrunde liegen. Eine Verfassung entsteht nicht im luftleeren bzw. wertefreien Raum. Sollte sie zu allgemein gehalten sein, kann die Identifikation und Akzeptanz des Bürgers hierunter leiden.

Wir haben mehrfach feststellen müssen, dass die profane "Übertragung" westlicher Vorstellungen beispielsweise auf bzw. in andere Kulturen nicht den gewünschten Effekt bringt, wenn diese nicht ausreichend verankert und mit Bestehendem kombiniert werden. Unter Umständen wird dem Westen sogar Kulturimperialismus vorgeworfen. Hinzu kommt: Rechtsgrundsätze, die nicht eine mindestens rudimentäre Verankerung im sozialen oder kulturellen Zusammenhang einer Gesellschaft haben, bleiben hohl und werden immer unterlaufen werden. Und grundsätzliche moralische Probleme löst Flores d'Arcais mit einem Rekurs auf den kleinsten gemeinsamen…Nenner auch nicht.

Liberal = anything goes

Vielleicht ist aber die Aussage Das Wesen der liberalen Demokratie besteht in der Souveränität der Bürger, sich selbst das Gesetz zu geben wörtlich zu nehmen. Hier zeigt Flores d'Arcais eindringlich, dass ihm an einer irgendwie gearteten sozialen Struktur von Individuen nicht gelegen ist. Bürger, die sich selbst das Gesetz…geben und hierzu die Ermächtigung implizit haben, sind fast nur in einem sozial-anarchischen Raum vorstellbar, der, das ist zumindest historische Erfahrung, geradewegs in eine atomisierte, entstaatlichte Clan- bzw. Stammesgesellschaft mündet (bestes Beispiel ist Somalia). Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Flores d'Arcais den Begriff des Liberalismus offensichtlich als schrankenloses "anything goes" definiert – in diesem Sinne den wirtschaftsliberalen Ökonomen, die im entfesselten Markt die Erfüllung sehen, entsprechend.

Liest man sich Flores d'Arcais' Aufsatz genau durch, so geht es weniger um die Dekonstruktion von Habermas als Person, sondern er steht als Repräsentant einer als altmodisch empfundenen philosophischen Linken. Sein Angriff auf Habermas' Vorbehalte hinsichtlich der Neuorientierung des Freiheitsbegriffs durch die Neurowissenschaften, ist arg stümperhaft und wirkt aufgesetzt. Es ist arg dneunziatorisch, jemanden aufgrund dezidierter Kritik an der Verwissenschaftlichung der Welt quasi den Stempel des reaktionären Wegbereiters der Restauration der Theologie zu schelten.

Warum das Kind mit dem Bade ausschütten?

Flores d'Arcais treibt die Angst vor der Infiltration wissenschaftsfeindlicher und fundamentalistischer Religionsgruppen um, wie sie teilweise bereits in den USA massiv in die Gesellschaft eingedrungen ist. Diese Angst teilt er beispielsweise mit Dawkins. Sie ist nicht unberechtigt. Aber deswegen religiöse Bürger unter Generalverdacht zu stellen, ist falsch.

Habermas' versucht (beispielsweise im Dialog mit Ratzinger) die gemässigten religiösen Kräfte mit in den säkularen Staat einzubinden und sie für ihn zu gewinnen. Das Projekt des reinen Verfassungspatriotismus scheint ihm auf Dauer für die Masse nicht attraktiv genug. Das Wort der "Erlebnisarmut" würde er sicherlich nicht benutzen, trifft aber wohl zu: Der Rechtsstaat wird entweder nur noch als Bedrohung betrachtet (siehe das aktuelle Thema der inneren Sicherheit) und/oder – manchmal gleichzeitig – als Korrektiv für die Verrechtlichung privater Lebensentwürfe aufgefasst. Er soll sich so weit wie möglich aus dem Privatleben des Bürgers zurückziehen – gleichzeitig jedoch durchaus Infrastruktur und andere Hilfen auf Bedarf zur Vefügung stellen. Diese in weiten Kreisen verbreitete Mentalität führt eher zu weniger Bindung und Empathie den Instanzen des Rechtsstaates gegenüber.

Habermas will keinesfalls die staatliche Trennung von Religion und Kirche aufheben (von einem tatsächlich säkularen Staat ist Deutschland – bedauerlicherweise – noch weit entfernt). Er will aber die Religion als "Steinbruch", vielleicht als eine Art Vitalitätsspritze verwenden. Und schliesslich muss der gläubige Bürger, der ja – streng genommen – nur Gott über sich sieht, an die Werte und Rechtsnormen des Staates herangebracht und für dessen Befolgung gewonnen werden. Ein Punkt, der in Anbetracht der Islamdiskussion (Islamkonferenz) in Deutschland nicht ganz unwichtig ist. Diese Leute einer zwanghaften "Religionsreinigung" zu unterziehen und sie damit zu treuen Staatsbürgern zu vergattern, ist für Habermas nicht möglich. Und da hat er recht.


FORTSCHREIBUNG 29.11.07
In der aktuellen Ausgabe der ZEIT (Nr. 49 v. 29.11.07; S. 68) äussert sich Habermas (entgegen meiner Annahme) in einem kurzen Artikel mit dem Titel "Babylonisches Stimmengewirr". Der Artikel ist derzeit nicht online. Ich zitiere kurz:
"Ich selbst neige dazu, die politische Kommunikation im öffentlichen Raum für jeden Beitrag – in welcher Sprache auch immer er vorgebracht wird – offen zu halten. Die Zulässigkeit nicht-übersetzter religiöser Äußerungen in der Öffentlichkeit lässt sich nicht nur im Hinblick auf Personen begründen, die weder willens noch fähig sind, ihre Überzeugungen und ihren Wortschatz in profane und sakrale Anteile aufzuspalten. Es gibt auch einen funktionalen Grund dafür, dass wir die polyphone Komplexität der öffentlichen Stimmenvielfalt nicht vorschnell reduzieren sollten. Der demokratische Staat sollte weder Individuen noch Gemeinschaften davon abhalten, sich spontan zu äußern, weil er nicht wissen kann, ob sich die Gesellschaft nicht andernfalls von Ressourcen der Sinn- und Identitätsstiftung abschneidet. Warum sollten säkulare Bürger im potentiellem Wahrheitsgehalt von Glaubensäußerungen nicht eigene, seien es verborgene oder unterdrückte Intuitionen wiedererkennen können?"
Er tritt jedoch dezidiert für eine "Trennung von Staat und Kirche" ein, wenn es um "Institutionalisierte Beratungs- und Entscheidungsprozesse auf der Ebene der Parlamente, Gerichte, Ministerien und Verwaltunsgbehörden" geht. Hierfür sei, so Habermas, "eine Art Filter" zwischen beiden Sphären erforderlich. "Dieser Filter darf nur säkulare Beiträge aus dem babylonischen Stimmengewirr der öffentlichen Kommunikation passieren lassen".

Weiter heisst es:
"Mögliche Wahrheitsgehalte religiöser Beiträge können nur dann wirksam in verbindliche Entscheidungen der Politik einfliessen, wenn irgendjemand sie aufgreift und in eine allgemein zugängliche Argumentation übersetzt."
Politikentscheidungen müssen "alle Bürger verstehen können", so die theoretische Maxime. Einer Gesetzgebung, die auf "religiöse Argumente beharrt" drohe in Tyrannei umzuschlagen.

Skeptisch äussert er sich auch dazu, wenn beispielsweise die Kirchen versuchen würden, über Appelle an "das religiöse Gewissen" Einfluss auf die Gesellschaft nehmen zu wollen und hierdurch die Säkularisierung unterhöhlen wollten.

Die Antwort bleibt m. E. hinter der Erwartung zurück. Insbesondere wie die Sphäre der politischen Willensbildung (der öffentliche Raum) und dann nachher der institutionelle Raum ('Prozessebene') derart scharf getrennt werden sollen, lässt Habermas offen.

Im Dezember-Heft der 'Blätter für deutsche und internationale Politik' wird mehr zu lesen sein. Hoffentlich auch online.

Ein Stückchen Stoff

Zum Zeitpunkt des Interviews von Frank Schirrmacher mit Alice Schwarzer war das "Kopftuchurteil" des Stuttgarter Verwaltungsgerichtes noch nicht gesprochen. Dort war am 7. Juli einer Lehrerin Recht gegeben worden, ihr Kopftuch auch weiterhin während des Unterrichts zu tragen. Die Richter erklärten das von Annette Schavan vor einigen Jahren eilig geflickschusterte Schulgesetz, welches das Kopftuch für Lehrerinnen verbot (Vorbild war der "Fall" Fereshta Ludin) für unvereinbar mit dem Gleichheitsgebot, da in anderen weltlichen Schulen in Baden-Württemberg Nonnen in Ordenstracht problemlos unterrichten dürfen.

Das ficht Frau Schwarzer nicht an. Sie meint am 04. Juli im erwähnten Interview mit Schirrmacher (überschrieben mit der markigen Feststellung "Die Islamisten meinen es so ernst wie Hitler"):

Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Als Symbol ist es eine Art „Branding“, vergleichbar mit dem Judenstern.

Die Lektüre dieses Interviews zeigt einen nach wie vor ungebrochenen Missionsgeist von Frau Schwarzer. Nur halbwegs geschickt versucht sie Bedenken ihrer Einseitigkeit zu zerstreuen:

Der Einwand, dies sei eine eurozentristische Einmischung, ist zynisch. Im Gegenteil: der Kulturrelativismus ist in meinen Augen ein Ausdruck von Verachtung der anderen. Was die Menschenrechte betrifft, gilt für uns alle der gleiche Maßstab.

Maßstab bedeutet bei ihr vermutlich: Sie sieht im Kopftuch per se die Unterdrückung der Frau dokumentiert. Auf die Idee, dies eventuell auch als selbstbewussten und freiwilligen Ausdruck einer bestimmten Haltung anzusehen, kommt sie gar nicht. Mit dem gleichen Impetus müsste sie natürlich auch die Ordenstracht diverser Ordensschwestern angreifen, denn auch hier ist die Frau ja "unterdrückt" – das unterlässt sie aber merkwürdigerweise.

Erstaunlich, wie in einer sich so liberal gebenden Demokratie ein Stückchen Stoff unvermutet(?) kämpferische Kräfte weckt. Schade ist dabei nur, dass der Balken im eigenen Auge so oft übersehen wird.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Diskussion wird leider oft genug von beiden Seiten unverhältnismässig geführt. Wenn Frau Ludins Aussage, sie fühle sich "kurz vor dem Holocaust" stimmen sollte, ist dies genau so eine Entgleisung wie der Vergleich des Kopftuchs mit dem Judenstern. Die Lösung wäre, der Staat würde seine (nicht konsequent umgesetzte) weltanschauliche Neutralität in einen Laizismus umwandeln. Vielleicht wird dann endlich einmal das "Kruzifix"-Urteil des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt und sämtliche religiöse Symbolik dahin verbannt, wo sie hingehört: ins Private.

Am Pranger

In schöner Regelmässigkeit kommt das Thema des aussterbenden Deutschland auf die Agenda. Aktueller Anlass diesmal ist der Rentenbericht der Bundesregierung, der zum ersten Mal seit Jahren feststehende Fakten nicht mehr leugnet (Adenauers Diktum „Kinder kriegen die Leute immer“ stimmte schon zum Zeitpunkt, als er es aussprach, 1957, nicht mehr) und die Veröffentlichung eines Buches des Diskurs-Trendsetters Frank Schirrmacher (FAZ-Herausgeber) nebst entsprechendem Product placement beim Dampfplauderer Beckmann.

"BILD"-Zeitung v. 17.3.06: Am mittelalterlichen Pranger = schäbiger JournalismusDie Pseudo-Fakten sind nicht neu aber mit jeder zyklischen Sautreibung durchs Mediendorf Deutschland wird der Umgangston rauer: Heute prangert BILD auf der ersten Seite Deutschlands „Super-Frauen“ an: „Ohne Kinder mehr Erfolg?“, gefolgt von „Bringt ein Baby den Karriere-Knick?“ Als müsse man seine persönlichen Lebensentwürfe rechtfertigen. Schäbige Kreaturen, die den Berufsstand des Journalisten da täglich neu desavouieren.

Aber selbst seriöse Geister wie Professor Raffelhüschen weisen den heute 30-50jährigen die Schuld zu, dass ihre Rente in der Zukunft drastisch gekürzt werden muss – hätten sie doch für die nötigen Kinder nicht gesorgt.

In diesen Kanon stimmen jetzt fast alle ein (man nennt das Nachplappern von Halbwahrheiten auch „Zeitgeist“), aber leider wird dabei verschwiegen, wo denn die Arbeitsplätze sein sollen, die von den Kindern der 30-50jährigen besetzt werden bzw. in Zukunft besetzt werden sollen, wenn Unternehmen gleichzeitig in atemberaubenden Tempo Rationalisierungen vornehmen, die auch vor dem vor zehn Jahren noch gepriesenen Wachstumsmarkt „Dienstleistungen“ nicht mehr Halt machen. Vor diesem Hintergrund verkommt das Mantra von der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ für Frauen mit Kindern zur hohlen Floskel – man sehe sich die Arbeitslosenzahlen im Osten Deutschlands an.

Gipfel der vulgär-primitiven Kausalitätskette ist das Gerede von einer „familienfreundlichen Politik“, die – das erfährt man nach wenigen Minuten dann – letztlich aus einer Vergabe finanzieller Mittel nach dem Giesskannenprinzip wie beispielsweise einer Erhöhung des Kindergeldes besteht. Nicht nur, dass diese Massnahmen seit Jahrzehnten nicht fruchten (sic!), weil das Geld, welches den Haushalten zur freien Verfügung gestellt wird, natürlich nicht zweckgebunden ist, der Staat sich jedoch zusätzlich parallel immer mehr aus entsprechenden Infrastrukturen zurückzieht, sondern auch die unleugbare Tatsache, dass es mindestens seit 68 nicht mehr alleiniger Lebensentwurf von Frauen ist, zu gebären, wird dabei übersehen.

Und da die Durchökonomisierung gesellschaftlicher Prozesse auch vor diesem Thema nicht stoppt, wird flugs postuliert, wie viel ein Kind heute „kostet“, nämlich ein Einfamilienhaus (wie ich es neulich in einer Diskussion – unwidersprochen - gehört habe). Belege, wie diese Rechnung zustande kommt, sind Fehlanzeige, aber als Argument für einen eventuelle steuerliche Mehrbelastung Kinderloser dient es allemal – leider vergessend, dass dies bereits heute der Fall ist, während geringverdienende Familien mit Kindern so gut wie gar keine Steuern mehr bezahlen.

Geradezu absurd sind die Forderungen regressiver Kräfte, die Rentenkürzungen bei Kinderlosen vorschlagen. Mit diesem populistischen Unsinn, hervorgebracht von politischen Erstklässlern, wird nicht nur das grundgesetzlich geschützte Gleichheitsprinzip verletzt, sondern schlichtweg der Tatbestand, dass Familienpolitik über Steuerpolitik betrieben wird und betrieben werden muss und nicht über Sozialversicherungssysteme sanktioniert werden kann, geleugnet. Da so dumm kaum jemand sein kann, steckt Methode dahinter.

Die Diskussion wird schnell wieder abebben, aber Stigmatisierungen werden bleiben und bei nächster Gelegenheit fortgeschrieben. Frau von der Leyens Berufung ist kein Zufall, sondern ist ein Zeichen.

Dabei sind durchgreifende politische Lösungen bis auf weiteres nicht zu erwarten, da dies grundlegende und dauerhafte gesellschaftliche Veränderungen bedeuten würde.

Der Kinderglaube, man gebe den Leuten nur Geld in die Hand und alles andere werde dann schon, müsste endlich aufgegeben werden. Statt Rückzug des Staates wäre das Gegenteil notwendig (freilich mit der notwendigen Vorsicht, dass dieser dann nicht indoktriniert). Man könnte beispielsweise diejenigen, die von familienfreundlicher Politik reden, einmal fragen, warum es denn immer noch flächendeckend an Ganztagsschulen mangelt.

Und in der nächsten Diskussion werden die Politiker, die die Kinderlosigkeit beklagen von den Arbeitnehmern u. a. Flexibilität mit Wohnortwechseln erwarten, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Gleichzeitig sollen sie konsumieren, privat vorsorgen und – natürlich! – Familien gründen. Weltfremder und realitätsferner kann es kaum noch zugehen.
Da ein Teilnehmer seine Kommentare zum Thema, die sehr interessant waren, zurückgezogen hat (und hierauf ein anderer Diskutant ebenfalls von seinem Löschrecht teilweise Gebrauch machte), habe ich die Diskussion hier als PDF eingefügt. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in ähnlicher Lage immer entsprechend entscheiden werde. Wer hier also kommentiert, sollte beachten, dass seine Kommentare trotz Löschung rekapituliert werden. Schliesslich schreibt man hier ja anonym. Und wer seine Kommentare löscht, auf die andere bereits geantwortet haben und dies ohne Einverständnis mit den anderen, dessen Kommentarmöglichkeit behalte ich mir vor, abzuschalten.
Kommentare-Am-Pranger- (pdf, 59 KB)

Das Manifest: "Gegen den neuen Totalitarismus"

In der vergangenen Woche veröffentlichten zwölf Schriftsteller und Intellektuelle in einer französischen Satirezeitschrift ein Manifest, welches hier zitiert wird:

Gegen den neuen Totalitarismus

Nachdem die Welt den Faschismus, den Nazismus und den Stalinismus besiegt hat, sieht sie sich einer neuen weltweiten totalitären Bedrohung gegenüber: dem Islamismus.

Wir Schriftsteller, Journalisten, Intellektuellen rufen zum Widerstand gegen den religiösen Totalitarismus und zur Förderung der Freiheit, Chancengleichheit und des Laizismus für alle auf.

Die jüngsten Ereignisse nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen zeigt die Notwendigkeit des Kampfes für die universellen Werte. Dieser Kampf kann nicht mit Waffen, sondern muß auf dem Feld der Ideen gewonnen werden. Es handelt sich nicht um ein Aufeinanderprallen der Kulturen oder einen Gegensatz von Okzident und Orient, sondern um einen weltweiten Kampf der Demokraten gegen die Theokraten.

Wie alle Totalitarismen nährt sich der Islamismus aus der Angst und der Frustration. Auf diese Gefühle setzen die Haßprediger, um mit ihren Bataillonen eine Welt der Unfreiheit und Ungleichheit zu erzwingen. Wir aber sagen laut und deutlich: Nichts, nicht einmal Verzweiflung, rechtfertigt Massenverdummung, Totalitarismus und Haß. Der Islamismus ist eine reaktionäre Ideologie. Überall, wo er sich breit macht, zerstört er Gleichheit, Freiheit und Laizismus. Wo er erfolgreich ist, führt er nur zu einer Welt des Unrechts und der Unterdrückung: Der Frauen durch die Männer und aller anderen durch die Integristen.

Wir lehnen den "kulturellen Relativismus" ab, der im Namen der Achtung der Kulturen und der Traditionen hinnimmt, daß den Frauen und Männern der muslimischen Kultur das Recht auf Gleichheit, Freiheit und Laizität vorenthalten wird.

Wir weigern uns, wegen der Befürchtung, die "Islamophobie" zu fördern, auf den kritischen Geist zu verzichten. Dies ist ein verhängnisvolles Konzept, das die Kritik am Islam als Religion und die Stigmatisierung der Gläubigen durcheinanderbringt.

Wir plädieren für allgemeine Meinungsfreiheit, damit sich der kritische Geist auf allen Kontinenten gegen jeden Mißbrauch und gegen alle Dogmen entfalten kann.

Wir richten unseren Appell an die Demokraten und freien Geister aller Länder, damit unser Jahrhundert eines der Aufklärung und nicht eines der Verdummung wird.


Ayaan Hirsi Ali, Chahla Chafiq, Caroline Fourest, Bernard-Henri Lévy; Irshad Manji, Mehdi Mozaffari, Maryam Namazie, Taslima Nasreen; Salman Rushdie, Antoine Sfeir, Philippe Val, Ibn Warraq.

Aus dem Französischen von Jochen Hehn.




Dieses Manifest ist ein Zeugnis für Sprach- und Konzeptionslosigkeit.

Die Unterzeichner appellieren an den “kritischen Geist“, den sie vor lauter Selbstgewissheit nicht mehr haben. Sie sind befangen in ihrer Argumentation, da sie von der Richtigkeit ihrer Vorstellungen zutiefst überzeugt sind. Feindbilder schmieden zusammen.

Einige von ihnen sind unmittelbar von Extremisten bedroht bzw. wurden bedroht. Menschlich sind die artikulierten Ängste verständlich. Aber gibt keine kritische Auseinandersetzung, sondern nur eine Beschimpfung.

Implizit werden Muslime als dumm dargestellt. Die sozialen und politischen Verhältnisse, die die Massen in die Arme dieses Systems führt, werden ausgeblendet. Es wird keine Hand an die gemässigten Führer gereicht, sondern den Extremisten wird noch mehr Öl geliefert, mit dem sie ihr Feuer am Leben erhalten.

Der fragende Muslim assoziiert mit Demokratie die Bilder von Folteropfern in Abu Graib und den Gefangenen in Guantánamo. Das haben sie zu Hause auch; die Attraktivität dieses Freiheitsbegriffes hält sich in Grenzen.

„Kultureller Relativismus“ wird abgelehnt. Das ist gleichbedeutend mit einer territorialen Hegemonialstellung westlicher Werte. Etwas anderes sagen die Verfechter einer „Leitkultur“ auch nicht.

Man ruft zum Widerstand auf. Aber wo soll denn dieser Widerstand stattfinden? Soll ich der türkischen Frau auf der Strasse das Kopftuch herunterreissen? An wen richtet sich dieses Manifest? Ausser an diejenigen, die sowieso nicht gemeint sind.

Und in dem zum Widerstand gegen den religiösen Totalitarismus aufgerufen wird, ermöglichen sie der Gegenseite mit dem gleichen Argument wider einen „ökonomischen“ oder „laizistischen“ oder „ökonomisch-laizistischen“ Totalitarismus aufzurufen.

Ein Dokument selektiver Wahrnehmung. Die Ausblendung all dessen, was nicht in das ideologische Konzept passt.

Kommentare hier...

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 19:39
Also über die Zugriffszahlen...
Also über die Zugriffszahlen kannst du dich wirklich...
Köppnick - 2008-05-13 17:26
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 13:47
Moderation - ja, jetzt...
Moderation - ja, jetzt fällt es mir auch wieder...
Köppnick - 2008-05-12 19:18
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 16:48
Was meinst du denn mit...
Was meinst du denn mit Moderation? Löschen kann...
Köppnick - 2008-05-12 16:30
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 13:37
Dialektik der Abklärung:...
Dialektik der Abklärung: Umrisse einer neuen Sicht...
Frank-C. Hansel (anonym) - 2008-05-10 12:24
Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58

...anderswo

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
begleitschreiben - 2008-05-13 19:39
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
begleitschreiben - 2008-05-13 13:47
Wie kann man denn ein...
Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?
kursiv - 2008-05-12 21:42
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
begleitschreiben - 2008-05-12 16:48
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
begleitschreiben - 2008-05-12 13:37

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