Melancholie

Roger Willemsen: Der Knacks

Roger Willemsen Der KnacksDer Titel klingt eigentlich harmlos: "Der Knacks". Und obwohl Roger Willemsen gleich am Anfang vom Sterben und Tod seines Vaters erzählt (er ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt), entsteht zunächst der Eindruck einer Art feuilletonistisch-aphoristischen Phänomenologie. Die Sentenzen sind klingend, manchmal sogar luzide; gelegentlich fast zu schön. Aber immer weiter wird man in den Sog des Phänomens des Knacks gezogen.

Zunächst gibt es einige Definitionsversuche. Im Sog der Verluste ist er [der Knacks] der Sog heisst es am Anfang ein wenig rätselhaft. Oder: Der Knacks ist ein Schub, der erst im Rückblick wirkt. Unklar bleibt (zunächst), welcher Art der Schub ist. Etwas trennt sich, ermüdet, verliert Farbe, scheitert, gibt auf. Willemsen will den Bruch vom Knacks abgrenzen. Der Knacks tritt eben nicht an die Oberfläche und wird nicht im Schock geboren. Während die Bewegung des Schocks…vor allem in die Tiefe geht, zeigt sich die des Knacks in [der] Fläche. Und später der Unterschied zwischen Knacks und Trauma: Während das traumatische Erlebnis der Narbe vergleichbar ist, erscheint der Knacks als Falte…, die an keinem Tag entstanden, in keiner Situation begründet ist und sich doch durchsetzt als die Signatur der Zeit, allmählich. Der Knacks, diese Diskontinuität einer Person, ist nicht monokausal, er passiert nie aufgrund eines einzigen Ereignisses.

Ermüdungsbruch

Nach einigen Umkreisungen, die nicht immer treffen (Stringenz ist Willemsens Stärke nicht), fällt nach einem Viertel des Buches in einem kleinen Exkurs in die Welt der Technik das entscheidende Wort. Es lautet Ermüdungsbruch. Der Knacks ist ein Ermüdungsbruch, der sich prozessual in das Leben eingefressen hat. Im selbstbewusst werdenden Knacks erscheint nicht das Leben, das geführt wird, sondern jenes, das führt. Er ist eben mehr als nur eine Zäsur. Und er ist irreversibel und grenzt sich damit vom traumatischen Erlebnis ab. Der Knacks ist nicht behandelbar; die Psychoanalyse muss hier versagen. Ein Exorzismus ist nicht möglich. Jetzt dämmert dem Leser: Hier geht es um mehr als ein Posieren im Weltschmerz-Pathos oder einen lockeren Essay eines midlife-kriselnden Mittfünfzigers.

Manchmal widerspricht sich Willemsen allerdings (gewollt?). Etwa wenn er, ein bisschen launig, vom beginnenden Alter spricht: Und dann kommt der Tag, an dem man sich das Alter vorstellen kann, seine Desillusion, seine Bitterkeit, den begrenzten Aktionsradius. An dem Tag beginnt man wirklich zu altern. Der Mensch in einer Flucht von ersten Tagen: Der Tag, an dem man ein Medikament verschrieben bekommt, das man bis ans Ende seines Lebens nehmen muss; der Tag, an dem man das Geländer braucht, um eine Treppe abwärts zu steigen…der Tag, an dem man im Zug den Koffer nicht mehr allein auf die Ablage bekommt…Dann kommt der Tag, an dem man "zu alt" für etwas geworden ist, und es ab jetzt dauernd für irgendetwas sein wird… An solchen Stellen, die wunderbar zitierbar sind (besonders der ebenfalls auf das Alter gemünzte Satz Man wird klüger, aber dümmer), verliert der Autor dann letztlich seinen Gegenstand zeitweilig aus dem Auge. Denn der Knacks, so Willemsen vorher, erscheint immer erst retrospektiv und als Prozess. Die geschilderten Einschnitte sind eher Zäsuren – in der Regel einem Datum zuzuordnen, direkt erlebt und nicht erst erinnert.

Der Knacks ist komprimierte Zeit. Er bahnt sich an, tritt aus der Latenz ins Manifeste, und selbst der augenblickliche Schrecken eines Ereignisses hängt nicht so sehr mit seinem Eintreten als vielmehr mit seiner Anbahnung zusammen. Auf dem Kristallisationspunkt erscheint der Knacks. Und natürlich hat es mit der Beschleunigung zu tun: Der Knacks…ist etwas, das im Zeichen einer beschleunigten Zeit, einer, die Bewegung meint, nicht erscheinen kann. Man sieht aus dem Fenster und erkennt, schwimmend auf der Scheibe, sich selbst, sieht sich im Schrecken: das aller Geschwindigkeit entzogene Spiegelbild dessen, der man nie sein wollte. Die Beschleunigung verzögert nur diesen Blick auf sich selber und in der Geschwindigkeit verwischt der Knacks seine Spur. Und schon Casanova wusste, wie man das Leben "betäubte", in dem sein Verstreichen durch das Vergnügen unmerklich machte.

Grosse Worte und kleine Miniaturen.

Willemsen kennt sowohl die grosse Geste des auftrumpfenden Gesellschaftskritikers als auch die Miniatur des feinen Beobachters. Sein Loblied auf die Besitzlosigkeit wirkt arg wohlfeil. Und wenn er die Knacks-Metaphorik auf die Gesellschaft, die Medien, Selbstmörder, Sportler, Pornodarsteller, die Stadtarchitektur und Weltraumfahrer angewendet (oder auch verwirft), tritt er manchmal mit arg undifferenzierendem Gestus auf. Etwa wenn er pauschal meint, Astronauten und Kosmonauten seien nach ihrem Raumflug wunderlich, spirituell, unzugänglich geworden, weil der Anblick der Schöpfung…ihr Knacks geworden ist. Oder wenn er Heimat (in anderem Zusammenhang) immer als Inbegriff des Verlorenen sieht. Gelegentlich scheut er auch vor dem Pathos nicht zurück, wenn er postuliert, dass dort wo früher die Seele saß, heute der Knacks zu Hause ist. Oder es wird ein bisschen kryptisch: Im Knacks…verdichten sich die Ereignisse, die nicht vorhanden sind.

Zarter und eingänglicher sind da die Splitter, Miniaturen, Mutmaßungen und Andichtungen. Das Kreisende um und mit dem Knacks wird episodisch und gleichnishaft, wie zum Beispiel hier:
»Dufte nicht so«, sagt der langjährige Freund, als die Freundin ausgehfertig aus dem Badezimmer kommt.
»Es sind Lockstoffe«, sagt sie kokett.
»Es ist eine Überdosis an chemischen Informationen!«
Als sie ein Jahr später getrennt sind, kann sie sich nicht mehr erinnern, wann und warum ihre Trennung begann. Aber sie duftet nicht mehr.
Und es wird auch mit grossen und wuchtigen rhetorischen Mitteln Kulturkritik auf höchstem Niveau praktiziert. Man ist erstaunt, über welche Beobachtungs- und Urteilsgabe Willemsen verfügt, der im Gesicht einer Frau während einer Bahnreise nicht nur ihre aktuelle Lebenslage beschreiben kann, sondern auch zielsicher den Knacks zu orten vermag. Lässt sich der Leser aber auf diese literarische Allwissenheit ein, so kommt er in den Genuss sehr anregender und oft genug vergnüglicher Aperçus.

Willemsen erkennt dabei durchaus das Dilemma des in der Moderne lebenden Menschen. Er soll ein Individuum sein, sich aber nicht unterscheiden. Er entdeckt, dass der grössere Schaden in der Gegenwart wohl nicht von dem aus[geht], was Menschen tun, sondern was sie geschehen lassen. Aber auch Glück oder Erfolg bleiben schal. Man scheitert vor dem Erfolg, erleidet in ihm seine Niederlage, vielleicht, weil es kein Ankommen gibt in der Umarmung. Was bleibt ist Hedonismus oder Zynismus oder Depression und schliesslich Selbstmord, denn gegen die Erosionen der Aufklärungs- und Bildungsideen, die den "neuen Menschen" suchten, setzt die Gegenwart den multiplen, den ironischen Charakter oder den schieren Menschen des Werbebildes, der in jedem Augenblick auf der Höhe seiner Vollkommenheit existiert. Es wird später erst klar, wie ernst es dem Autor damit ist.

Der Knacks, verkannt zu sein.

Scheinbar selbstkritisch wird auch vermerkt: Das Schreiben bietet die beste Möglichkeit, sich der eigenen Dummheit zu vergewissern. Dauernd stösst der Schreibende auf Dinge, die er nicht sein, nicht sehen, nicht auf den Begriff bringen kann. Es gibt einen Moment des Erwachens in dieser Erfahrung, den Augenblick, in dem sich dieser Schreibende seines Scheiterns vergewissert und vom missglückten Satz zum schadhaften Werk, zur mangelnden Person, zum nichtgeführten Leben kommt. Der Knacks des Autors, so Willemsen: verkannt zu sein. (Ob man das so genau wissen will?)

In ihrer Schönheit zeigt diese Sentenz allerdings exemplarisch, worin manchmal das Problem des Buches, speziell dieser Stellen, liegt: Willemsen schreibt dies so, als möchte er Widerspruch provozieren. Wie alle Melancholiker hofft er auf den rettenden Einspruch, die zündende Widerlegung, die flammende Gegenrede – was aber unterbleibt. Plötzlich erscheinen all die literarischen Zeugen, mit denen sich Willemsen umgibt wie Vergewisserungen der eigenen Versehrtheit: natürlich Scott Fitzgerald ("The Crack-Up"), aber auch Josef Roth ("Flucht ohne Ende"), Joseph Conrad ("Schattenlinie") und Franz Kafka (die Gegenseite, beispielsweise Tennessee Williams, bekam keine Ladung; manchmal kann es ein Fehler sein, nur Freunde eingeladen zu haben).

Leider wird nicht ausgeführt, ob der Knacks ein singuläres Phänomen ist oder ob im Laufe des Lebens mehrere "Knackse" (aus unter Umständen unterschiedlichen Lebensabschnitten kommend – Beruf, Partnerschaft, Umwelt) "erworben" werden können. Indem Willemsen den Knacks auch auf Gemeinwesen anwendet und sozusagen kollektiviert, werden mehrere "Knackse" im Laufe des Lebens denkbar. Aber ist dies auch gemeint? Oder ist DER Knacks DER richtungsweisende Ermüdungsbruch im Leben des modernen Menschen (meistens ist es übrigens ein Mann)? Und auch nur am Ende wird deutlich: Hier beschreibt jemand ein Phänomen der Moderne, des modernen (oder postmodernen) Menschen, der mit Glücksverheissungen und –versprechungen irgendwann überfordert zu sein scheint. Ein Tuarag oder ein Bewohner der mongolischen Steppe dürfte dieses Buch wohl höchstens als Science-Fiction-Roman lesen oder kopfschüttelnd beiseite legen.

Und gelegentlich scheint der Knacks eine allzu voreilig eingesetzte Diagnose eines schwermütig-hypochondrischen Zustandes zu sein, etwa wenn davon die Rede ist, der Mensch erlebe im Knacks seinen Kurssturz oder mit der Katastrophe von Tschernobyl sei die Aussenwelt von etwas erreicht, das man als Knacks bezeichnen könnte. Das schlägt auch einmal in (unfreiwillige) Komik über, etwa wenn Konsumkritik dahingehend betrieben wird, dass Produkte eine apokalyptische Welt herbei [halluzinieren], die gleich hinter dem Knacks liegt.

Das Buch ist ernst gemeint. Und es ist ernst.

Wunderbar allerdings die Ausführungen zum Knacks in der Kunst. Anhand der fortlaufenden Restaurierungen von Leonardos "Abendmahl" stellt Willemsen fest, dass man inzwischen ein Original sieht, auf dem es nichts Originales mehr gibt. Goyas berühmtes Diktum "Auch die Zeit ist ein Maler", mit dem er dem König von Spanien die Restaurierungsarbeiten von Gemälden ablehnte, führt Willemsen auf das "Abendmahl" fort: Wäre es also nicht der zumindest wahrhaftigste Zugang zu Leonardo gewesen, man hätte ihn der Zeit übergeben und sein Verschwinden als genuin künstlerischen Akt verstanden? Dann wäre Leonardo der Maler gewesen, der den Knacks gemalt und durch ihn den Tod in das Werk hätte eintreten lassen.

Bei aller Lockerheit und auch obwohl Willemsen keine wissenschaftliche Schrift abliefert: Das Buch ist ernst gemeint. Beispielsweise dann, wenn ausgesprochen klug und empfindsam über die Todessehnsucht von Kindern geäussert wird: Einerseits wird…der Verlust antizipiert, den das eigene Verschwinden in der Mitwelt auslösen würde, andererseits überantwortet sich das Kind in der Idee des selbstgewählten Todes der Hoheit dieses Todes und wird darin souverän.

Oder wenn er am Schluss des Buches in einem beeindruckenden Kapitel fern jeglichen Rührkitsches vom Krebstod einer guten Freundin erzählt. Mehrdeutig seine Erzählung von der Beerdigung der Frau und dem Zusammenstehen der Freunde am Grab: Wir tauchten aus Monaten der Tränen, des Mangels und der Angst auf und blickten uns immer noch ungläubig an, in der Hoffnung, der Wirklichkeit doch noch für eine Zeitlang ausweichen zu können. Und wenn nach all den vorher im Buch getätigten Thesen und Ausführungen über den Selbstmord (oder auch Freitod; Willemsen verwirft diesen Begriff allerdings) plötzlich ein Satz wie Der Tod ist zu wichtig, um sich ihm gegenüber auf das Gewährenlassen einzustellen zu lesen ist, dann stockt dem Leser der Atem und so manch saloppes Bonmot der zurückliegenden mehr als zweihundertfünfzig Seiten zoomt man sich nochmals heran, um es etwas genauer zu betrachten. Etwas, es ginge irgendwann nur noch darum, den Knacks zu kitten. Also im Kern handele es sich um Überlebensversuche.

Am Ende hat man den Eindruck, Roger Willemsen führt uns zurück in die Welt des Fatums, des letztlich unentrinnbaren Schicksals, denn dem Knacks entkommt man in unserer Zivilisation nicht. Er ist zwar nicht dezidiert negativ konnotiert, aber er "programmiert" uns und ist unwiderruflich. Die Kenntnis über ihn, die Selbstreflexion oder Selbstvergewisserung, heben seine Wirkung nicht auf; lindern noch nicht einmal. Er ist damit tückischer als alles andere, inklusive das, was man landläufig Depression nennt.

Man ist geneigt, das Buch in das Feuilleton-Regal zu stellen. Aber die Suche nach dem Knacks lässt einem nicht mehr los. Und mit ihm das Fragen.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Handke, Rattentöten und Katholizismus

Josef Winkler, Büchnerpreisträger 2008, in Neuss

Nach der Lesung aus einem Buch "Roppongi" wurde Josef Winkler aus dem Publikum gefragt, ob er einen Grund nennen könne, warum so viele, eigentlich die meisten wortmächtigsten, zeitgenössischen Schriftsteller deutscher Sprache aus Österreich kommen würden (Handke, Jelinek, Thomas Bernhard und natürlich auch Winkler).

Winkler überlegte kaum, antwortete sehr schnell, anfangs mit einer Art Stottern oder, besser, Stammeln, als hätte er die Frage schon Wochen vorher gewusst. Naja, sagte er, es gäbe doch auch einige sehr gute Schriftsteller aus der Schweiz. Gelächter im Publikum. Dann hatte Winkler seine Gedanken sortiert. Handke, Jelinek, Bernhard – das seien europäische Ausnahmeerscheinungen. Insbesondere Handke.

Er käme nicht sehr viel zum Lesen, würde aber "schmökern". Nach einigen Seiten merke man an der Sprache, ob das etwas Neues, Einzigartiges sei, oder so altbacken, dass er es schon fünfzig Jahre vor seiner Geburt hätte lesen können. Diese Mitteilungsliteratur.

Er habe alle dicken Bücher von Handke gelesen. Einige Kapitel seien, naja, da wisse er nicht so ganz genau. Aber dann immer wieder diese Stellen, die man fünf- oder zehnmal lesen würde – und wo man sich auch als Schriftsteller, der vielleicht nicht ganz so schlecht schreiben könne, frage, wie der das nur mache. Winkler hält Handke für den sprachgewaltigsten europäischen Schriftsteller. Gegen Handke bin ich ein Analphabet, so Winkler, und er sage dies ohne Koketterie.

Auf meinen Eindruck hin befragt, dass ich Thomas Bernhard, dessen frühe Werke wesentlich stärker seien (Winkler stimmte zu), in den späteren Büchern ("Holzfällen" beispielsweise) immer ein bisschen als den Salonaufreger, Winklers Furor jedoch für "authentischer", ehrlicher, gehalten habe, meinte er, man solle sich nicht täuschen, auch er wäre ein grosser Schwindler. Winkler betonte ausdrücklich die Fiktionalität von Literatur.

Aber natürlich wäre Thomas Bernhards Einfluss auf seine (Schriftsteller-)Generation enorm gewesen. Auch die Generation danach hätte ihn fast aufgesogen. Bernhard (und Handke) seien die Vorbilder (dieses Wort benutzte er nicht) gewesen. Die ganz jungen würden ihn jetzt nicht mehr lesen.

Es gäbe Parallelen zwischen ihm und Bernhard in den "Themen" (bspw. Tod, Katholizismus). Der Grund, dass er, Winkler, kein Bernhardiner geworden sei, liege in der Sprache. Er benutze Sprache mit einer starken Bildstruktur. Das unterscheide essentiell ihn von Bernhard.

Natürlich wurde Winkler auch auf das Versöhnlerische in "Roppongi" angesprochen; die Milde im "Umgang" mit seinem Vater. Winkler antwortete sehr persönlich und offen. Er habe sich auf seine Art und Weise, also durch das Schreiben, an seiner Kindheit, an dem spannungsreichen Verhältnis mit seinem Vater, dem Ungeliebtsein, abgearbeitet. Er habe es durch das Schreiben verarbeitet. Etwas anderes, also zum Beispiel eine Psychotherapie, wäre für ihn nie infrage gekommen.

Und sogar auf seine früher virulenten Selbstmordgedanken kam Winkler zu sprechen. Alleine dadurch, dass die Selbsttötung als Möglichkeit erschienen sei, hätte ihm geholfen, mit seiner Verzweiflung fertig zu werden. Zur Ausführung brauchte es dann nicht mehr kommen.

Als Kind oder Jugendlicher habe der Vater niemals ein "ich hab' Dich gern" zu seinem eher schwächlichen Sohn gesagt. Und wenn er sich an die seltenen Augenblicke des Angenommenseins erinnere, so daran, wenn abends vom Heuboden die Ratten in den Keller herunterkamen: die Geste, er, der Vater, aus der Lektüre seiner Zeitung aufblickend und der Sohn das Lesen von Karl May unterbrechend – und dann ging es zum gemeinsamen Rattentöten.

Am Ende hielt es Winkler nicht mehr auf seinem Stuhl; die letzte Frage nahm er stehend entgegen, setzte sich dann wieder hin. Er sei jetzt müde, sagte er. Am Schluss noch das Simon Zitat Alles ist autobiografisch, um das Paradoxon der Vermischung zwischen Fiktion und Realität aufzuzeigen. Und als er heute abend angekommen sei, kurz vor sieben, da sei dieses Läuten wieder gewesen. Diesen Katholizismus werde man nie mehr los, so Winkler. Nie mehr. Sagt er. Fast triumphierend. Sich abfindend. Das Beste daraus machend. Dann geht er weg, begrüsst eine Frau in der Vorhalle, kommt wieder zurück und signiert Bücher. Er fragt immer, ob er auch das Datum schreiben soll.
Ausser die kursiv gedruckten Stellen, die wörtliche Wiedergaben von Josef Winkler sind, handelt es sich um ein Gedächtnisprotokoll der Lesung und anschliesenden Diskussion vom 28.08.2008 in der Neusser Stadtbibliothek. Die Äusserungen sind sinngemäss zu verstehen; es kann sein, dass der ein oder andere Ausdruck nicht wortwörtlich verwendet wurde.

Kleines Plädoyer für eine neue Naturbetrachtung

Im Feuilleton der aktuellen Ausgabe der "Zeit" ist ein kleiner, fast ein wenig verstecker, feiner Artikel der deutschen Schriftstellerin Marion Poschmann zu lesen.

Innerhalb einer Artikelserie mit dem eher schwammigen Titel "Die Zukunft der Natur" ist Poschmanns "Traut-dem-Augenschein (pdf, 516 KB)!" ein kurzes, aber emphatisches Plädoyer für einen radikal anderen Umgang mit dem, was wir (oft genug fälschlicherweise) Natur nennen.

Ein bisschen fühlte ich mich bei ihren Gedanken an die seinerzeit heftig diskutierten Fernsehfilme des Journalisten Horst Stern erinnert, der in den 70er Jahren unter anderem mit dem verkitschten Blick einerseits und dem rein ökonomischen Blick andererseits aufräumen und in drastischen Worten (und Bildern) die Naturlosigkeit des "modernen Menschen" aufzeigte.

Poschmann konstatiert heute – richtigerweise – das in jedem Reihenhausgarten ein grösserer Artenreichtum (sowohl von Fauna und Flora) vorliegt, als in den Monokulturen der deutschen Wälder. Das Ergebnis solcher ausschliesslich ökonomisch betriebener Fortwirtschaft zeigt sich übrigens bei Extremereignissen wie dem Sturm "Kyrill" von Mitte Januar diesen Jahres oder den Borkenkäferplagen vergangener Jahre: Da es keine Vielfalt mehr gibt, sondern alles industriellen Gesichtspunkten untergeordnet ist, kommt es bei Ereignissen der oben beschriebenen Art zu Massenschädigungen grosser Waldbestände. Die Tatsache, dass in gesunden Mischwäldern weitaus geringere Schäden auftreten, wird ignoriert. Die Versuchung, den Ertrag über Monokulturen deutlich zu erhöhen, ist einfach zu gross; zumal mächtige Verbände bei den Politikern immer noch genug Geld für Schadenersatz lockermachen können, wenn es denn zu grossen Ertragsverlusten kommt. So wird dann der Verursacher der Malaise noch belohnt.

Zurück zum Artikel. In kurzen und knappen Worten beschreibt die Schriftstellerin, wie der westliche Lebensstil zur Entfremdung der Natur gegenüber führt. Die Vereinnahmung der Aussenwelt, um das Ich zu stabilisieren ist jedoch, so Poschmann, bei näherem Hinsehen [ein] Konstrukt. Die Folgen sind fatal: Je deutlicher das wird, desto heftiger der Stabilisierungsaufwand. Zwar behauptet sich die freue Entfaltung des Individuums als höchster Wert; aber da Freiheit erst einmal Leere bedeutet, erleben wir die panische Auffüllung dieser Leere mit Gegenständen, Statussymbolen und Komfort. Diese Surrogate führen jedoch in einer Art Spirale zur immer weiteren Vertiefung der Leere, die dann wieder zu mehr Konsum führt, und so weiter.

Dieser Lebensstil wird als das Natürliche empfunden. Als Gipfelpunkt dieser Unnatürlichkeit macht Poschmann dann das Automobil als heilige Kuh aus, was zwar ein wenig kurz greift – es liessen sich beliebig andere "heilige Kühe" benennen (den Computer; die Medien bzw. den Medienkonsum [welche der uns so zahlreich präsentierten "Informationen" brauchen wir unbedingt?]; die ökonomischen Abläufe, usw.).

Die Folge ist, dass, so Poschmann, der Respekt vor der Natur verloren geht. Dem gegenüber setzt sie den radikal ästhetischen Umgang mit der Natur; kein rousseauhafter Reflex ("Zurück zur Natur"), sondern eher in kontemplativer, sinnlicher Art. Nicht sich selbst möglich weit weg von "natürlichen Abläufen" setzen, sondern wieder mehr als Teil der Natur fühlen. Poschmann vertritt die These, dass diese Anschauung der Natur den Menschen näher an den Gedanken der Endlichkeit führt – während die Surrogate unseres Konsums eine symbolische Unsterblichkeit suggerieren. Die Folgen sind, dass wir uns unserer Verantwortung der Welt gegenüber nicht mehr bewusst werden, da unser Handeln fast ausschliesslich der Gegenwart dient.

Man muss Marion Poschmanns Schlussfolgerungen nicht unbedingt teilen, um mit ihrer Diagnose überein zu stimmen. Aber ein schöner und lohnender Denkanstoss beim Osterspaziergang ist es allemal.

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Kommentare hier...

So ist es.
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Gregor Keuschnig - 2009-11-06 20:40
Und derart treibt's auch...
Und derart treibt's auch mancher Mensch.
Gedankenpflug (Gast) - 2009-11-06 19:24
Erzählung über...
Eine weitere Serie, die hier seit kurzem zu sehen ist,...
Thorsten Wiesmann (Gast) - 2009-11-04 12:47
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
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Gregor Keuschnig - 2009-11-03 13:14
Bin vor einer Stunde
an der Buchhandlung vorbei und habe die "Konstruktion..."...
lou-salome - 2009-11-03 13:05

...anderswo

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begleitschreiben - 2009-11-06 20:40
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
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begleitschreiben - 2009-11-03 13:14
Die Tonlage ist deutlich...
Die Tonlage ist deutlich "ernster" als bei Kästner....
begleitschreiben - 2009-11-03 11:30

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