Medien

Der Balken im Auge der Journalisten

Eigentlich wollte Petra Gerster in der "heute"-Sendung vom 05.11.09 zeigen, wie "dramatisch" die Einbrüche bei den Steuereinnahmen sind. Da jedoch bei Kategorien von 500 Milliarden Euro und mehr die Relationen schwer vermittelbar sind, schritt man zur hyperdeutlichen Graphik, in der die Balken nur ab 500 Milliarden gezeigt wurden:

heute-steuerschaetzung
Zwar stimmen die Zahlen – aber die Proportionen sind vollkommen falsch. Der Balken, der die Mindereinnahmen aufzeigen soll, umfasst gut 50% des Gesamtbalkens. Dem oberflächlichen Betrachter wird suggeriert: Die Steuereinnahmen halbieren sich.

Die "tagesschau" versteht dieses falsche Bild noch zu überbieten. Hier ist der Balken von 511 Milliarden im Verhältnis zu den 524 Milliarden links biel zu klein:

tagesschau steuerschaetzung

Aber was macht das schon? Hauptsache, man hat wieder schön mit Diagrammen gespielt. Das diese nicht stimmen, fällt ja nicht weiter auf. So ist Qualitätsjournalismus im Jahr 2009.

heute ./. tagesschau

Erdbeben in Padang. Peter Kunz berichtet für das ZDF in "heute". "95% der Großstadt sind intakt"; die Zerstörungen der Stadt seien lokal auf einzelne Häuser bzw. Viertel begrenzt. Die Bilder, so Kunz vorsichtig, würden leicht einen anderen Eindruck vermitteln ("ZDF"-Mediathek; 19 Uhr-Sendung vom 01.10.09 ab ca. 03:15).

In der "tagesschau" um 20 Uhr der Korrespondent Philipp Abresch live via Satellitentelefon: Padang liege "in Trümmern" (ab 02:16).

Was denn nun?

Klarstellung I: Nein, ich bezweifle nicht, dass es den Menschen dort schlecht geht und dass da Hilfe nötig ist.

Klarstellung II: Nein, ich bezweifle nicht, dass es dort hunderte oder tausende von Toten gibt.

Klarstellung III: Nein, ich halte spontane Hilfe (wie auch immer) für wichtiger als sich über die Frage zu echauffieren, wieviel von einer Millionenstadt nun zerstört ist.

Klarstellung IV: Ja, ich halte es dennoch für wichtig zu fragen, wie zwei Korrespondenten, die beide das gleiche gemacht haben, zu solch unterschiedlichen Bewertungen kommen können. Auch, wenn es (siehe I - III) zunächst wichtigeres gibt.

Desinformation bei der "tagesschau"

Die "tagesschau" ist auch nicht mehr das, was sie früher war. Soeben konnte man dies deutlich feststellen, hieß es doch in einem an prominenter Stelle platzierten Beitrag von Pia Bierschbach in der Sendung von 20 Uhr, dass das Wahlrecht kurz vor der Bundestagswahl in der Diskussion gekommen sei. Es gehe, so der Film, um die Regelung der Überhangmandate. Detailliert wurde erklärt, wie Überhangmandate zustande kommen. Dabei wurde erläutert, dass eine Partei unter bestimmten Umständen mehr Mandate bekommen kann, als ihr gemäss der abgegebenen Stimmen zustehen. Dann wird behauptet, dass das Bundesverfassungsgericht eine Regelung bis 2011 verordnet habe, dies abzustellen.

Dieser Schluss ist nachweislich falsch. Das Bundesverfassungsgericht hat keinesfalls die Regelung der Überhangmandate beanstandet, wie dies im Beitrag der "tagesschau" suggeriert wurde. Zwar ist im Beitrag versteckt an einer Stelle von "Teilen der Überhangmandatsregelung" die rede, die beanstandet wurde, aber welcher Teil das ist, bleibt undeutlich. Der Zuschauer muß annehmen, es betreffe generell die Überhangmandate.

Gemeint ist in Wirklichkeit das sogenannte "negative Stimmgewicht". Dies wurde vom Bundesverfassungsgericht entsprechend moniert. Zwar entsteht es durch die Berechnung von Überhangmandaten, aber nicht jedes Überhangmandat hat mit der reklamierten Regelung zu tun. Der Sachverhalt ist wesentlich komplizierter, wie der Wikipedia-Artikel verdeutlicht.

Von dieser differenzierten Sicht ist bei der "tagesschau" keine Rede. Dies ist – mit Verlaub – entweder bewusste Irreführung oder schlichtweg Ignoranz. Als drittes bleibt noch die Arroganz, dem Zuschauer die komplexen Zusammenhänge nicht verdeutlichen zu wollen. In jedem Fall ist es eine gehörige Portion Desinformation.

Es gibt es vielleicht den ein oder anderen der meint, dies sei "nicht so wichtig" und man könne ja die "tagesschau" da in einer Mail darauf hinweisen (wird sofort erledigt). Ich halte es im Sinne der Glaubwürdigkeit und der so oft beschworenen "Politik(er)verdrossenheit" dennoch für einen relevanten Fall. Das Wort vom "negativen Stimmgewicht" ist nicht einmal im Beitrag gefallen. Das war in der "Phoenix"-Sendung "Unter den Linden" gestern um 22.15 Uhr anders. Aber das schauen viel weniger.

Michael Jürgs: Seichtgebiete

Michael Juergs  SeichtgebieteWer hat das nicht schon einmal erlebt? Man trifft auf einer Party einen Zeitgenossen, mit dem man sofort in vielen Punkten gleicher Meinung ist. Andere kommen hinzu und nehmen in der Debatte teilweise konträre Positionen ein. Man verteidigt den Angegriffenen. Und plötzlich holt dieser zu verbalen Rundumschlägen aus, verlässt das scheinbar so fruchtlose Argumentieren, beschimpft die Mitdiskutanten rüde und wundert sich am Ende, das niemand seine Sicht der Dinge teilt, was dann zur Bestätigung der These herangezogen wird, dass alle anderen eh' zu blöde sind. Achselzuckend geht die Runde auseinander und mit den Schimpfkanonaden des Beleidigers ist der Kern der eigenen Überzeugung auch gleich ein bisschen mitdiskreditiert worden.

Der Volksmund hat dieses Dilemma im Sprichwort vom Ton, der die Musik macht, festgehalten. Und mehr denn je gelten im Diskurs bestimmte Gebote, die ihn überhaupt erst ermöglichen. Das bedeutsamste ist die gegenseitige Akzeptanz. Ohne das gegenseitige Anerkennen ist ein Diskurs undurchführbar. Die Regeln dieses respektvollen Diskutierens, die zunächst im informellen Gebrauch geformt werden und dann allgemeine Gültigkeit durch Gebrauch erhalten, sind in den letzten Jahrzehnten immer präziser und teilweise durchaus repressiver geworden. Zudem wurden inzwischen institutionell verankerte und sanktionierte Ge- bzw. Verbote ausgesprochen. Viele sehen daher in öffentlichen Diskussionen inzwischen immer mehr übertriebene Korrektheiten, die formale Elemente dem argumentativen Austausch unterordnen. Die Folge seien, so die These, häufig blutleere Beiträge, die sich mitunter in elaborierter Wortgymnastik ergehen.

Diesen Vorwurf kann man Michael Jürgs und seinem Buch "Seichtgebiete" nicht machen. Er reiht sich ein in die Rolle der sogenannten "Polemiker" (wobei die meisten nur eine ungenaue Vorstellung von der Kunst der Polemik haben), die mit polternder Krawallrhetorik und Lust an der Provokation bis hin zur Beleidigung Andersdenkender gegen die "Political Correctness" wettern und dabei stolz auf ihre "klare" Sprache sind wie sonst nur die (imaginären) Stammtischbrüder.

"Verbale Intifada"

Zunächst ist der Untertitel des Buches "Warum wir hemmungslos verblöden" ein Etikettenschwindel, weil suggeriert wird, dass es eine klar strukturierte Analyse gibt. Doch damit verschwendet Jürgs seine Zeit erst gar nicht. Er liefert keine Argumente, sondern nur Meinung. Dennoch ist ihm Applaus sicher: Sein Buch wird als mutig und notwendig gelobt; es spreche vielen aus dem Herzen. In der "SPIEGEL"-Bestsellerliste steht es weit oben; schon gibt es epigonale Produkte von anderen, die auf den erfolgreichen Zug aufspringen wollen, bevor dieser am Zielbahnhof der Nichtigkeit angekommen ist.

Der neue Trend geht vom argumentativ Erschließenden hin zum meinungsfreudigen Gemaule; auch und vor allem beim (sogenannten Kulturgut) Buch. Jürgs scheint großen Gefallen an seiner selbstauferlegten Rolle zu finden. Sein Lieblingswort ist "blöd" (in allen Substantivierungen und Deklinationen). Bis zu dreimal türmt er es auf knappstem Raum in seine Sätze zu Gebilden wie Es stimmt zwar, dass es Millionen von Blödern zu begeisternde Blöde gibt, sonst müsste ein 'Superstar'-Abend der Blödmacher wie hier nicht erfunden werden. Was bedarf es noch des Arguments oder der Differenzierung? Hinweg mit den langweiligen Adepten der Letztbegründung! Die "Operation Klugscheißer" wird schon auf Seite 18 beerdigt, da ja niemand Oberlehrer und Besserwisser mag.

In Wahrheit beerdigt Jürgs nichts, sondern drischt mit einer Mischung aus Wut, Wonne und Vehemenz auf nahezu alles ein, was ihm in die Quere kommt. Er nennt das Guerillataktik und spricht von der verbalen Intifada. Dabei scheut er keine Plattitüde, kein falsches Bild, keine unzulässige Verallgemeinerung und keine Verbalinjurie, sei sie auch noch so abwegig oder lächerlich. Schließlich geht es um die "gute Sache".

Es beginnt mit einem Samstagabend im März 2009. Auf RTL schauen 5,61 Millionen Leute "Deutschland sucht den Superstar". In der ARD zur gleichen Zeit 5,68 Millionen den "Musikantenstadl". Insgesamt werden also, so Jürgs' Schlussfolgerung, 11,29 Millionen Deutsche gemäss ihrer Bedürfnisse behandelt. Beide Sender seien daher in diesem Fall zu definieren als klassische Bedürfnisanstalten des Volkes.

Für Jürgs sind das alles "Blöde" – ob jung oder alt, spielt keine Rolle. Aber das ist nur Vorgeplänkel. Vollends zu Höchstform läuft er auf, wenn es um Mario Barth geht, diesen Scherzunhold. Er sei der Kaiser unter den Blödmachern, der den Traum der Alchimisten wahr gemacht habe, nämlich aus Scheiße Geld zu machen (dass der "Traum" leicht anders ging, ficht ihn natürlich nicht an). Und wenn er an anderer Stelle auch wenig zimperlich mit den ALG-II-Empfängern umgeht, so erkennt er in den stadionfüllenden Aufführungen (eine Karte kostet zwischen 30 und 50 Euro) lauter Menschen, die sich seit Monaten auf das Jahrestreffen der Barth-Gemeinde freuen wie Schlesier…auf Pfingsten. Sie freuen sich auf Super-Mario…der für sie die Sau rauslassen wird. So viele Menschen wie heute waren live noch nie unter freiem Himmel versammelt, um einem zuzujubeln, der sie für blöd verkauft. Die Käufer von Barths Buch kommen bei Jürgs noch schlechter weg. Für sie hat er sich den Brüller Anal-Phabeten aufgehoben (wohl in Anlehnung an dessen Scherze).

Von Sachtkenntnis sind seine Invektiven dabei nicht unbedingt getrübt. Die griffige Aussage, Sendungen wie das RTL-"Dschungelcamp" hole die Blöden für Stunden von der Straße oder die Lehrer dürften weder Strafarbeiten noch Nachsitzen aussprechen (und dies sei ein wesentlicher Grund für das verkorkste Schulsystem) sind Behauptungen, die nicht unbedingt dadurch richtig werden, dass man sie niederschreibt. Aber Jürgs fragt natürlich nicht. Er fragt nicht, warum es eigentlich eine "Zielgruppe" der 14-49 jährigen bei der Ermittlung des Zuschauerverhaltens gibt. Er gibt keine Hinweise darauf, dass es sich nicht um eine homogene Zielgruppe handelt, sondern dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden. Nicht nur hier ist Jürgs in Wahrheit ein verkappter Hüter des Status quo, weil man diesen aus der scheinbar moralisch überlegenen Position so gut schmähen kann (von wegen Kulturrevolution, dafür kühlt Jürgs viel zu gerne sein Mütchen am Bestehenden).

Er fragt nicht, warum Barth die Arenen füllt (was auch mit der beispiellose Werbekampagne von RTL im Vorfeld zu tun haben dürfte). Und er fragt auch nicht, warum die von ihm so totgerittene "Der-Kaiser-ist-ja-nackt"-Pointe in der seriösen Journalistik rein gar nicht stattfindet (nur einmal konzidiert er, dass viele unbedarfte Deppen zu Stars hochgeschrieben worden wären, wobei er interessanterweise das Wort ungewollt davorsetzt, als handele es sich um einen Unfall).

Natürlich regen Jürgs noch ganz andere Kandidaten auf: Boris Becker, Jörg Pilawa, Oliver Geissen, im Prinzip der gesamte MDR, Heidi Klum, Heino, Udo Walz und natürlich Dieter Bohlen (Kotzbrocken) – alles mehr oder weniger Blödmacher für die Zielgruppe ALG 2 abwärts. Charlotte Roches "Feuchtgebiete" hat er nachweislich nicht gelesen, weiß aber, dass es schlecht ist – was ihn aber nicht davon abhält, den Titel für sein Buch zu paraphrasieren (er sei da "hemmungslos" bekennt Jürgs, der sich nicht einmal vor sich selber zu schämen scheint, in einem Interview).

Nebenbei geht es auch um das deutsche Schulsystem, die respekt- und sprachlosen Schüler (So reden die von und auf der Gosse), die unfreundlichen Taxifahrer, das Parken in zweiter Reihe, Neonazis (das einfache Konzept: aufs Maul hauen, sobald sie es öffnen), die Vornamen der Kinder von Uwe Ochsenknecht, das rüpelhafte Benehmen des Prekariats (das, was man früher Unterschicht und noch früher Proletariat nannte, wie Jürgs weiß), die zu kurzen Fußgängerampelschaltungen, das Handy-Telefonieren in Zügen der Deutschen Bahn (Jürgs tritt für eine Renaissance des "Metropolitan" ein, der zwischen Köln und Hamburg verkehrte und sogenannte "Silence"-Wagen hatte [gegen Anglizismen hat Jürgs ausnahmsweise nichts] – und outet sich dabei als ziemlicher Nicht-Bahnfahrer, sonst wüsste er, dass es in ICE-Zügen nicht nur ausnahmsweise schon äquivalente Ruhewagen gibt). Ach ja, die "informationelle Müllhalde Internet" (Zitat Günther Jauch) gibt's auch noch.

Günter Struve und der süße Duft der Quotenblüte

Jürgs benennt aber auch das Gute (freilich im gleichen Slang). Er mag "Frontal 21" und plädiert für eine Verlängerung der Sendezeit für "Monitor" und "Panorama". Die 3sat-Sendung "Kulturzeit" ist für ihn eine Rettungsinsel (vielleicht daher auch seine fast pubertäre Schwärmerei in der "Süddeutschen Zeitung" vor zwei Jahren für eine der Moderatorinnen, Andrea Meier). Günther Jauch sei ein seriöser Journalist, der sofort ins Erste gehöre (schon mal "stern-tv" geschaut? und wie sieht es mit der Werbemaschine Jauch aus?) – wie auch die Sendung "Zimmer frei" von Götz Alsmann und Christine Westermann. Und dann stellt er Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt als eine Art ultimativen Antipoden vor. Zwischen dem Superstar der Blöden, Mario Barth, und dem der Klugen, Helmut Schmidt, liegen Welten lautet das Fazit. Aber ob diese Welten überhaupt miteinander vergleichbar sind?

Für Jürgs ist klar: Es gibt heute…mehr Verblödete denn je und das liegt daran, dass inzwischen viele mit 'Tutti-Frutti'-TV vulgo dem Privatfernsehen aufgewachsen sind, jenen Kanälen der Unterschicht, 1984 entwickelt von Blödmachern, die sich als Pioniere fühlten. Die berechtigte Frage, warum das öffentlich-rechtliche Sender wie ARD und ZDF diesem Trend so wenig entgegensetzen, kontert er mit einem groß angelegten Angriff gegen Günter Struve, seines Zeichens 16 Jahre Vorsitzender der ARD, der nun, was bei Jürgs "strafverschärfend" gilt, als dritter Moderator des MDR-"Riverboat" mehrmals im Monat von Los Angeles eingeflogen wird. Jürgs hält die weißhaarige graue Eminenz Struve für einen intellektuelle[n] Zyniker, der es genoss…von denen, die gebildet waren wie er, verachtet oder sogar gehasst zu werden.

Warum Jürgs diesen psychologisierenden Ton anschlägt, bleibt unklar. Immerhin merkt man, dass er Struve respektiert. Sein Furor, die ARD zum Widerstandsnest gegen die Blödmacher zu implementieren, berücksichtigt allerdings nicht den Legitimationsdruck, dem Struve ausgesetzt war. Die Debatte um die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Systeme, die im Schlagwort der "Zwangsgebühren" gipfelt (und noch längst nicht beendet ist), kommt bei Jürgs schlichtweg nicht vor. Bewusst bekennt er sich zu den Gebühren: Wo sonst auf der Welt bekäme ein Kunde für etwas mehr als siebzehn Euro im Monat so viele Möglichkeiten geboten, sich zu unterhalten oder nachhaltig seinen Horizont zu erweitern?

Er ist nur schwer vorstellbar, dass diese Diskussion an ihm vorbeigegangen sein sollte, was bedeuten würde, dass es sich um bewusste Auslassung handelt. Wenn aber Struves Spagat zwischen Quote und Anspruch (den man natürlich kritisieren kann, vielleicht sogar muss), der in einer spürbaren Trivialisierung des ARD-Programms zu Gunsten quotenträchtiger Sendungen und "Formate" gipfelte (immer wenn der betäubend süße Duft einer sich abzeichnenden Quotenblüte in die Nase stieg…stank ihm nichts mehr) als solcher gar nicht wahrgenommen, sondern nur als eine Art "mutwilliger" Akt hin zu den Seichtgebieten gesehen wird, dann verkauft Jürgs den Leser für genau so "blöd" wie die von ihm so Kritisierten.

Schwungvolles Einrennen offener Türen

Nachdem er ausführlich eine Art Wunschtraum über eine Dokusoap mit dem Leergut der Nation entwickelt, in der die entsprechende Klientel auf 3sat oder arte aufzutreten habe und irgendwie vorgeführt werden soll, bringt er dann noch Vorschläge, wie die ARD für Unterhaltung mit Niveau zu reformieren sein soll. Aber diese sind an Putzigkeit kaum zu überbieten:
Da müsste erstens das bisherige System dran glauben, und auf dessen Trümmern zweitens radikal Neues gebaut werden. Die Intendanten, Direktoren, Chefredakteure der Landesanstalten würden zwar drittens ihre Ämter und Privilegien wie Dienstwagen und Fahrer behalten dürfen. Aber die Intendanten werden viertens qua Amt delegiert in einen Aufsichtsrat, als oberstes Gremium der überregionalen Mutteranstalt ARD. Das gesamte Abendprogramm, das frei von Werbung nach 20 Uhr gesendet wird, machen fünftens zukünftig nur noch Befähigte, vergleichbar dem Vorstand eines Unternehmens in der freien Wirtschaft, der verantwortlich ist für das operative Geschäft…Die entmachteten Regionalfürsten entscheiden sechstens wie bisher, aber autark, was in ihren Angeboten dem eigentlichen Ersten siebtens zu, was verlangt wird oder was sie sich ausgedacht haben. Der achte Punkt ist dann noch eine Regionalisierung der Dritten Programme. Aber da Jürgs schon weiss, dass diese Vision nie Wirklichkeit werden wird ernennt er neuntens Nikolaus Brender zum Ersten Generaldirektor (nach BBC Vorbild), den jetzigen ARD-Chefredakteur Thomas Baumann zum Koordinator für Gesellschaft und Politik und Kultur und Thomas Schreiber vom NDR zum Unterhaltungschef.
Irgendwie hat Jürgs allerdings übersehen, dass Baumann in seiner Funktion als ARD-Chefredakteur schon längst (seit Juli 2006) Koordinator für Politik, Gesellschaft und Kultur ist. Und Thomas Schreiber ist seit Juni 2007 bereits Leiter der ARD-Unterhaltungskoordination.

Von ähnlicher Güte sind auch anderen Vorschläge. Parlamentsabgeordnete sollten gezwungen werden, ihnen zugewiesene Bücher zu lesen und über ihre Lektüre öffentlich zu berichten. Mandatsträger, die kulturell Nachholbedarf hätten, kämen in eine Volksvertreterhochschule. So erhofft Jürgs der kulturelle[n] Verwahrlosung unserer Volksvertreter Einhalt zu gebieten. Irgendwann würde sich das wieder auf "das Volk" positiv auswirken.

Die Bestsellerliste für Belletristik soll aufgeteilt werden in eine Liste für Literatur die diesen Namen verdient und eine, welche die Favoriten des Massengeschmacks notiert. Da die "Bestsellerliste Literatur" durch das Votum der knapp viertausend unabhängige[n] Buchhändler ermittelt werden soll, handelt es sich streng genommen um keine "Seller"-(Verkäufer) Liste. Jürgs' hat vermutlich keine Ahnung, dass es eine ähnliche Liste längst schon gibt: Es ist die "Bestenliste" des SWR, die zwar durch das Votum von Literaturkritikern ermittelt wird, aber eben genau keine "Verkaufsliste" im üblichen Sinn ist. Die Bestsellerliste Sachbuch will er auch noch in eine für Biografien und Sachbücher und wiederum eine für den Massengeschmack der Lebenshilfe-Literatur teilen. Der Vorteil dieser Sachbuchaufteilung wäre, dass sein Buch wenigstens nirgendwo notiert würde.

Wohlgemerkt: Es handelt sich hier nicht um aus einer Bierlaune heraus niedergeschriebene Thesen eines bildungsbürgerlich gescheiterten respektive verbitterten Couch-Potato, sondern das schreibt ein ehemaliger Chefredakteur des "Stern" und Autor von Biografien.

Es ist schwer, bei der Kritik zu diesem unsäglichen Machwerk nicht einfach in Jürgs' primitiven Jargon zu verfallen. Das Prinzip dieses Buches ist schlicht: Die "richtige" Meinung des Autors soll ihn vor jeglicher Kritik immunisieren. Ein billiger Taschenspielertrick, der die Kumpanei mit dem Leser sucht und vor inhaltlichen, formalen und vor allem sprachlichen Mängeln wohlwollend den guten Zweck über die arg bescheidenen Mittel heiligen lassen soll. So einfach gestrickt ist Jürgs' Welt, der sich in seinen dumm-dreisten rhetorischen Pirouetten, die nur selten gelingen, wälzt (die Sprachlosen schreiben wie sie sprechen - eine unfreiwillige aber treffende Selbstcharakterisierung), in Interviews als eine Art Retter des Zuschauers auftritt und dabei um Akklamation buhlt wie sonst nur Mario Barth mit seinen primitiven Witzchen die (vermeintlich) Blöden zu Beifallsstürmen hinreißt. Dass ein Verlag ein derart peinliches und nichtssagendes Elaborat überhaupt veröffentlicht, es sogar noch als "provokante Streitschrift" wagt zu deklarieren, beleidigt nicht nur alle seriösen Fernsehkritiker sondern auch das ansonsten schon genug gebeutelte Publikum.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Faktor 13

Lassen wir einmal beiseite, was an den Meldungen stimmt, dass es ein geheimes Waffengeschäft zwischen Nordkorea und dem Iran gegeben hat. Interessant ist der Aufmacher auf tagesschau.de (13.30 Uhr, 29. August 2009):

tagesschau.de 29.08.09 13.30 Uhr

Die Kartenausschnitte der jeweiligen Länder suggerieren, dass beide Staaten eine ähnliche Grösse haben. Ein Blick auf die Fakten zeigt aber etwas anderes:

Nordkorea - 122.762 km2 (flächenmässig Platz 95 in der Welt)
Iran - 1.648.195 km2 (flächenmässig Platz 17 in der Welt)

In Wirklichkeit ist der Iran flächenmässig mehr als 13 x grösser als Nordkorea.

Ein an sich harmloser Vorgang – typischer Fall von Maßstabverzerrung, mit der man Luxemburg auch so gross wie Mexiko erscheinen lassen könnte?

Aber selbst wenn die Intention gar nicht vorhanden war: Ist nicht diese Form der optischen Aufbereitung bereits manipulativ? Soll nicht damit unterschwellig ein Bedrohungspotential simuliert werden, welches vielleicht in Wirklichkeit gar nicht in diesem Ausmaß besteht? Ist dies nicht eine Fortsetzung der Aufblähung der "Achse des Bösen"?

Was soll das UNO-Zeichen zwischen den Ländern? Soll eine Vermittlung der Vereinten Nationen abgedeutet werden? Folgt man nur dem Bild, könnte man meinen, Nordkorea und Iran seien gleichgrosse Länder (die Fläche suggeriert auch immer unterschwellig Bevölkerung), die sich im Kriegszustand befänden und nun durch die Vereinten Nationen befriedet werden müssten?

Also: Wer ist eigentlich für diese Art von "Symbolfotos" (Stefan Niggemeier) bei tagesschau.de verantwortlich? Wer kommt auf solche Ideen?

Oder sind diese Einwände nur kleinkariert?

Roger de Weck und Frank Schirrmacher

Anregendes und informatives Gespräch über Qualitätsjournalismus, neue Medien, das deutsche Feuilleton, freie Mitarbeiter, Reich-Ranicki und Niggemeier und das Recht des Lesers von bestimmten Trivialitäten nicht belästigt zu werden. De Weck fragt spöttisch und streng und zwingt Schirrmacher gelegentlich in die Defensive.

Astrid Herbold: Das große Rauschen

EAstrid Herbold  Das grosse Rauschens geht ums ganz Große: "Die Lebenslügen der digitalen Gesellschaft" will Astrid Herbold "bissig im Ton und scharf an der Analyse" (Klappentext) entlarven. Rasch wird noch das Attribut "schlagfertig" hinzugefügt und die einzelnen Mythen, die dekonstruiert werden sollen, aufgeführt. Wobei man irgendwann fragt, ob die Autorin nur die Mythen zerstört, die sie selber geschaffen hat. Aber gemach.

Nun sind (oder waren?) die Verheissungen des "globalen Dorfs", des mobilen Zeitgenossen und der so einfachen Handhabbarkeit des virtuellen Wissens ja durchaus enorm. Technikaffine Entwickler versprechen uns à la longue immer noch das schöne, gute, einfache – das bessere Leben. Aber so manches Versprechen hat sich schon als veritable Luftblase entpuppt. Man glaubt ja längst nicht mehr an das einzig weißmachende Waschmittel. So können, ja müssen, die Entwicklungen der veränderten Kommunikationsgewohnheiten beispielsweise in Unternehmen durchaus befragt werden. Und ob es dauerhaft erstrebenswert ist an fast jedem öffentlichen Ort die intimen Gespräche anderer unfreiwillig mit zu hören, ist eine durchaus diskutable Frage.

Aber mit solchen Kleinigkeiten beschäftigt sich die Autorin von "Das große Rauschen" erst gar nicht. Das Buch ist ein Rundumschlag wider das, was nur entfernt mit "neuen Medien" in Verbindung gebracht werden kann. Dabei ist nicht das chirurgische Skalpell das Arbeitsgerät von Astrid Herbold sondern der Holzhammer.

Von Wikipedia nach youporn

Da werden die digitalen Bildspeicher der Urlaubs- und Gelegenheitsfotografien mit der gleichen Verve karikiert wie familiäre Handykommunikation. Die Reaktivierung des mittelalterlichen Prangers durch mobbende Netzgemeinschaft[en] in ominösen Onlineforen oder diffusen Netzwerken wird heraufbeschworen und der kulturelle Sozialismus einer gratisaffinen Community, die auf Urheberrechte scheißt ist natürlich auch verwerflich. Auch die Schwarmintelligenz bekommt ihr Fett weg. Nachdem diese zunächst von Wikipedia nach "youporn" abgewandert sein soll, erfährt man siebzig Seiten später, dass die Entwickler der ultimativen, zwar unlesbaren, weil mit unzähligen Querverweisen gespickten, aber perfekten Hypertexte auf die selbsternannten 'Experten' gar keine Lust mehr haben und ihre große Book-Sharing-Vision ganz gerne ohne Wikipedianer et. al. verrichten möchten.

Lesen war gestern, so die Autorin, die dabei nonchalant die seit Jahren steigenden Verkaufszahlen von Büchern ignoriert (okay, sie konstatiert - natürlich sexualpsychologisch unterfüttert -, dass der deutsche Bildungsbürger das Buch eigentlich nur als Trophäe braucht) und den Kulturkampf Downloads gegen Lesen ausruft. Dass diese Downloads dann auf den Rechnern ein eher stiefmütterliches Dasein fristen und nur selten ausgedruckt oder gar gelesen werden, mag ja stimmen aber lastet man dem Buch auch an, dass es ungelesen in der Ecke liegt?

Wie der Klassiker zu seiner mehr oder weniger kongenialen Verfilmung verhalte sich das Download zum Wikipedia-Zwanzigzeiler, so eines der noch gelungenen Bilder in diesem Buch. Aber hat eine Literaturverfilmung jemals nachweisbar den Verkauf der literarischen Vorlage behindert? Natürlich gibt es eine Häppchenkultur des Partyschwätzers, der mal eben die knappe Inhaltsangabe des Tausend Seiten Romans nachgelesen hat – aber die gab es auch durch Enzyklopädien oder Rezensionen in Zeitungen vorher auch schon. Das Abiturienten und Sachbuchautoren statt sich mit zeitaufwendiger linearer Lektüre zu plagen lieber Hypothesen mit Textbausteinen aus der Volltextsuche verwenden steht für Herbold natürlich auch außer Diskussion. Aber das am Ende noch ein Leser sitzt, der die zusammengebastelten Volltextfetzen mühelos als das erkennt was es ist, kommt ihr merkwürdigerweise nicht in den Sinn. Im weiteren Verlauf des Buches erkennt man: Das ist Programm bei dieser Autorin.

Da wird selbstredend auch über den Internetjournalismus geschimpft - ohne die Konditionen, die in den jeweiligen Redaktionen für die oberflächlichen Berichterstattungen verantwortlich sind, auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Hinzu kommt, dass die von ihr angeprangerten Drei-Wort-Kurzgeschichten beim näheren Ansehen nicht unbedingt "exklusiv" für die Internetkultur stehen. Hier wird besonders deutlich, dass die Autorin vor allem zeitgeistige Ressentiments spazieren führt (das Fahrwasser der modernen InternetexorzistInnen wie beispielsweise Susanne Gaschke bietet angenehmes Surfen) und ihre induktiven Schlüsse unter hartnäckiger Verweigerung von sich ihren Thesen entgegenstehenden Fakten zieht.

Einmal googlen = 11 Watt

Hierzu ist ihr nahezu jedes rhetorische Mittel recht. Was der Verlag als "fulminante Abrechnung" darstellt ist eine alberne Mischung zwischen Elke Heidenreich und dem Jargon einer unablässig zeternden Pubertierenden (was zu zwanghaft originellen Formulierungen führt wie Where have all the Hemmschwellen gone? oder We hate fokussieren und dann tatsächlich auch das inzwischen in diesen Kreisen wohl unvermeindliche nicht wirklich).

Mit Grandezza greift Herbold die Selbstdeklarierung der Branche als "grün" an und bemerkt gar nicht, wie viele offene Türen sie einrennt. Ihre Methode: Alle irgendwann ausgesprochenen Heilsversprechen von möglichkeitstaumelnden (gelegentlich ins esoterisch abdriftenden) Internetidealisten mit den Werbeversprechen der Industrie zusammengemischt anbieten und dann die Realität damit vergleichen. Als Schulaufsatz zur Feststellung der Tricks der Werbeindustrie mag dies noch angehen – als Anspruch die Lebenslügen (von wem auch immer) zu desavouieren, wirkt dies armselig. Jeder Hofnarr hatte mehr Kenntnis vom Gegenstand seines Spotts.

Einmal den eigenen Namen zu googlen verbraucht so viel Energie wie eine 11-Watt-Energiesparlampe in einer Stunde. Die Suchmaschine käme damit – so Herbold - aufs Jahr hochgerechnet…angeblich auf einen ähnlichen Energieverbrauch wie eine Viertelmillion Privathaushalte zusammen. Leider schreibt sie nicht, wie viele Bäume und welche Mengen von Chemikalien für die vorliegende Schmähschrift herhalten mussten. Zu Senkung des exzessiven Energieverbrauchs von Computern kommt sie auf die Idee, die jeweiligen Festplatten der PCs zu externalisieren, was sie dann aber wieder verwirft, weil man eher ungern seine Daten aushäusig lagert. Aber gut, dass man mal drüber geschrieben hat.

Sogar der Körperkult des edlen Bioautomaten Mensch wird als Folge des unzulässigen Vergleichs zum edlen Technikautomaten der privaten Digitalisierung angelastet und das Sportschauen als bestenfalls digitale Gliedmassenanimierung ausgemacht. Das erinnert stark an lustige 80er Jahre-Filmchen, die den Fernsehsportler als ultimative Bedrohung für die Volksgesundheit ausmachte. Offensichtlich hat es Herbold versäumt durch Wälder, Stadtparks oder Uferpromenaden zu spazieren und auch das Studium der stetig steigenden Meldelisten diverser Stadtläufe unterblieb wohl.

Gelegentlich wird die Autorin sogar hämisch und verfällt in den gleichen Zynismus, den sie an anderer Stelle den fröhlich-skeptischen Nachrichtenfreaks vorwirft. Dass der potentielle Kranke den egalitären Wissensweiten des Netzes mehr traut als seinem Arzt ist einerseits weder ausgemacht (man gehe an einem Montag morgen nur einmal in eine beliebige Arztpraxis) noch befragt Herbold die Gründe für den seit Jahren schleichenden Ansehensverlust von Ärzten. Auf jede Frage mindestens drei Antworten lautet ihr vernichtendes Urteil – übersehend, dass auch die Konsultation verschiedener Ärzte gelegentlich zu unterschiedlichen Diagnosen führt und es – tja, so hart ist das Leben – auch selten eine "einheitliche" Fachliteratur gibt. Logisch, dass nebenbei den Betroffenheitsforen mit ihren vernetzten Laienkollektiv[en] und deren floskelhaften Aufmunterungen auch noch ein Tritt mitgegeben wird.

"Systematische Entkabelung"

Natürlich ersetzen "Selbsthilfeforen" keine Therapie. Aber wer hat das behauptet? Und selbstverständlich gibt es Weblogs, in denen enorm viel Unsinn oder auch einfach nur Banales steht. Aber wer nimmt die Zeitung oder das Medium Buch in Haftung für ihre unzähligen schlechten Produkte? Warum wird ein Blogger als geldgeil denunziert, weil er Werbebanner in seinem Blog einbindet und/oder sich früher oder später für eine Rezension bezahlen lässt, ein Journalist aber nicht? Andererseits beklagt sie, dass die wirklich "erfolgreichen" Blogs (wie misst man diesen Erfolg?) von Journalisten geschrieben werden, die dies sozusagen in ihrer Freizeit machen müssen, weil mit dem Medium "Blog" kein Geld zu verdienen sei.

Es mag ja possierlich sein, die Unbillen der Handystörenfriede genüsslich zu beschreiben (man lacht gelegentlich unter Niveau durchaus mit). Aber wo steht geschrieben, dass ich diesem tatsächlich oft genug virulenten Mahlstrom des Schwachsinnigen schutzlos ausgeliefert bin? Gibt es keinen Ausschaltknopf beim Mobiltelefon? Nie sind Kanäle wirklich gekappt behauptet Herbold trotzig und erinnert sich im Stile eines Veteranen an einen USA-Aufenthalt als Teenager, als das Anrufen noch was Besonderes war.

Es gibt für sie auch keinen (virtuellen) Papierkorb für unnütze Dateien. Und ein Unternehmen kann keine Richtlinien für die gezielte und einheitliche Verwendung des Intranetsystems formulieren (ähnlich wie Verfahrensanweisungen für andere Bereiche)? Wo steht geschrieben, dass das Google-Ranking in irgendeiner Form etwas über die Qualität des jeweiligen Fundstücks aussagt? Warum nicht die Oberflächlichkeit einiger Medienerzeugnisse als Chance betrachten gegen den Strom des Trivialen so etwas wie Niveau als Gegenangebot zu offerieren? Unflätige Kommentaren in Onlineforen – können die nicht gelöscht werden?

Wie der Computer kennt sie nur 0 oder 1. Für Zwischentöne ist keine Zeit – da ist sie schon ganz auf der Welle derer, die sie so scharf kritisiert. Es geht ihr letztlich um die systematische Entkabelung. Der analoge Müßiggang als eine Zeitreise in die 50er Jahre? Herbolds Ideal ist der lahme Lineardenker. Das ist jemand, den es allerdings seit dem Mittelalter schon nicht mehr gibt.

Paternalistischer Stil

Herbold zeichnet nicht nur ein Zerrbild, sondern vergreift sich an ihrem Untersuchungsgegenstand, weil sie eine Branche kollektiv in Haftung für ihre eigenen enttäuschten Erwartungen nimmt. Dass sie die archetypischen Schlagwörter der Internetkritiker wie "Killerspiele" und "Kinderpornografie" nur ganz am Rande erwähnt und eine genauere Untersuchung nicht vornimmt dürfte damit zusammenhängen, dass dieses Buch explizit für die Klientel der eher notgedrungen im Mainstream hineintaumelnden Mittdreißiger geschrieben wurde, die sich zunächst einmal nicht als internetaffin bezeichnen würden und durch das Buch mit einer Art Schocktherapie zur Besinnung kommen sollen. Die Autorin agiert und agitiert paternalistisch, in dem sie dem potentiellen Anwender Alternativen abspricht, die verteufelten Gegenstände anthropomorphisiert, als permanente Bedrohung schildert und mit einem für den User gefährlichen Eigenleben versieht. Da beenden dann keine Menschen mehr ihre Liebschaften, sondern verdutzte Datensätze empfangen (oder schicken) eine SMS oder vom Internet vorwärtsgepeitschte Newszyklen okkupieren unsere Aufmerksamkeit.

Da Herbolds Menschenbild das des willenlosen und einer bösartigen Maschinenwelt ausgelieferten Kommunikationsjunkies ist, muß dieser vor der Welt der Unterordner, Mobiltelefone, E-Mail-Programme und Blogs geschützt und gegebenenfalls einer Art Entziehungskur unterzogen werden. Herbold vernachlässigt das, was sie in ihrem gelungensten Kapitel über die Gefahren der allzu frühzeitigen Computerisierung der Kinderzimmer und Schulen emphatisch einfordert: Den menschlichen Intellekt, die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Unterscheidens und Entscheidens.

Statt Chancen und Risiken aufzuführen und einen sinnvollen und fruchtbaren Umgang mit Suchmaschinen, Speicherprogrammen und Blackberrys (die temporären Orden der Manager) herauszuarbeiten, statt das Goldene Kalb des digitalen Arbeitsmarkts (so sieht Herbold "Kommunikation" in Unternehmen inzwischen degeneriert) zu domestizieren, ergötzt sie sich in ihren Zukunftsaussichten in lächerlichen Geisterbeschwörungen über eine Gesellschaft, deren Mitglieder RFID-Chips implantiert werden, um ständig über die aktuellen Gesundheitswerte auf dem laufenden sein zu können, das komplett durchprogrammierte Bett im Altenheim oder Dinge, die plötzlich Ohren bekommen.

Man spürt gelegentlich die Neil-Postman-Attitüde, die natürlich nur Abklatsch ist. Konsequente Verweigerungshaltungen sind selten fruchtbar. Boykotte scheitern fast immer an den zu guten Vorsätzen. Es müßte längst Konsens sein, dass Veränderungen nicht ausserhalb von Systemen geschehen sollen, sondern in ihnen. Das Entnetzen vom Internet (natürlich inklusive Verweigerung des Mobiltelefons) bleibt schwach, wenn es sich nur um Re-Aktionen, also um reine Affekte handelt, die dann noch mit großem Brimborium als "Ausstieg" heroisiert werden. So ersetzt man den Eskapismus, den man attackiert, durch eine andere Weltflucht. Die wahren Aufklärer sind selten Radikal-Verweigerer und dürfen nicht mit Revolutionären verwechselt werden. Letztere ändern Zustände nur, um sich selbst in ihnen erhöht wiederzufinden.

Trotz gelegentlich bildungsbürgerlicher Paraphrasen (das Salbeiblatt in der Nudelsoße erinnert mich…an einen Urlaub im Schwarzwald oder Ich tippe also bin ich noch) ist der Titel (wohl eher unfreiwillig) die Kurzbeschreibung für dieses Buch: Es ist nur ein großes Rauschen. Nein, nicht mal ein großes.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Journalistenattrappen (3)

Das Interview von Horst Seehofer in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" hat der bayerischen Staatsregierung so gut gefallen, dass sie es gleich ins Internet gestellt hat. Die Google-Suche verzeichnet es vor dem originären "ZEIT"-Text.

Seehofer kann aber auch irgendwie stolz auf sich sein. Die beiden Frager Marc Brost und Matthias Krupa haben ihre Aufgabe als Stichwortgeber für den "Bonsai-Strauß" (Michael Spreng) auch perfekt erfüllt. Mit Journalismus hat das allerdings nichts mehr zu tun: Keine Frage dazu, warum Seehofer als Verbraucherschutzminister in der Bundesregierung nichts zum Verbot des sogenannten Genmais beigetragen hat und jetzt plötzlich seine Gegnerschaft dazu entdeckt. Keine Frage dazu, warum er plötzlich gegen die von der Großen Koalition beschlossene Gesundheitsreform ist, die er maßgeblich mit ausgehandelt und der er zugestimmt hat. Und auch nichts zur Bayerischen Landesbank.

In den Kommentaren monieren etliche Leser diese Doppelzüngigkeit Seehofers. Von dem ist man aber seit einigen Monaten nichts anderes mehr gewöhnt. Noch mehr stört mich dieses indiskutable, devote Frageverhalten der beiden "ZEIT"-Redakteure. Es kann ja sein, dass sie keine "kritischen Fragen" stellen durften – aber dann wäre es besser gewesen, auf den Abdruck dieses nichtssagenden Geschwätzes zu Gunsten eines anderen Beitrags zu verzichten. Diese liebedienerische Verhalten ist einem Organ wie der "ZEIT" unwürdig. Weichgespülten Politik-Smalltalk gibt es inzwischen (leider) überall. Dafür braucht es die "ZEIT" nicht.

Lars Reppesgaard: Das Google-Imperium

Lars Reppesgaard Das Google ImperiumZunächst einmal ist es ziemlich wohltuend, dass sich jemand dem Phänomen Google nicht mit der üblichen, dämonisierenden Aufgeregtheit nähert, sondern einen eher nüchternen Ton anschlägt. Andererseits scheint es nicht ganz einfach zu sein, über einen Konzern zu berichten, der sich in bestimmten Bereichen extrem zurückhaltend mit Informationen verhält. So stachelt man einerseits nur noch mehr die Neugier an, dokumentiert aber andererseits indirekt die Fragilität eines Unternehmens, welches zwar aus nachvollziehbaren Gründen beispielsweise Art und Standort ihrer Rechner oder Details über den Such-Algorithmus ihrer Suchmaschine streng unter Verschluss hält, letztlich aber auch aus der Verwendung ihrer mindestens theoretisch möglichen Datenpakete, die sie von Usern gesammelt hat, nicht offenlegt.

Diese Fragen wirft Lars Reppesgaard in seinem Buch "Das Google-Imperium" zwar durchaus auf, aber derartige kritische Ansätze sind gut verborgen im Teig einer idyllischen Unternehmensprosa, die beispielsweise den Google-Arbeitsplatz als eine Mischung aus possierlichen Nerdtum, kuschelige[r] Programmierbutze, hochkonzentrierter und doch immer auch experimenteller Versuch und Irrtum-Tüftelei und universitär-elitärer Informatikwissenschaft darstellt. Hier arbeiten nur Genies. Da bastelt Reppesgaard ganz schön am Image des genialischen Nonkonformistentums, mit dem sich Google auch heute noch gerne parfümiert.

Firmenjargon und Majuskel

Es gibt 20.000 Mitarbeiter weltweit, 8.000 davon in Mountain View/Silicon Valley (350 in Zürich, dem inoffiziellen Google-Europa-Hauptquartier). Die Produktivität sei hoch schreibt Reppesgaard – jeder Google-Mitarbeiter erwirtschaftete im Jahr 2007 fast eine Million Dollar. Dabei wird ersichtlich, dass der Autor nicht genau weiss, was Produktivität bedeutet und einfach den Umsatz durch die Anzahl der Mitarbeiter dividiert hat. Überrascht wird konstatiert, dass Googler (diesen Kosenamen übernimmt Reppesgaard für die Angestellten von Google durchgängig; auch ansonsten bedient er sich laufend des Firmenjargons, etwa wenn neue Mitarbeiter als Noogler und ehemalige als Xoogler bezeichnet werden – und, mehr als nur eine Petitesse, alle Google-Produkte, das Wort "Google" selber und Ableitungen hieraus durchgängig in Majuskeln geschrieben sind) noch nicht einmal die besten Gehälter in der Branche bekommen, die Einstellungsverfahren jedoch zäh sind (und früher noch zäher waren), weil jeder in dieser gemütlich-tollen Atmosphäre (der Apfelstrudel in der Google-Kantine!) unbedingt arbeiten möchte. So bekommt man – hauptsächlich aufgrund der Aura, mit der man sich umgibt – die "Besten" aus den Universitäten, um an der Mission der vollständigen Indexierung des "Wissens" der Welt zu arbeiten.

Es ist bezeichnend, dass Reppesgaard die Hybris über eine Suchmaschine, die wie der Geist Gottes ist eine bessere Welt zu "bauen" und die futuristische Allüren mit religiösen Heilserwartungen zu einem giftgrünen Cocktail vermengen als Vision feiert, ohne die Konsequenzen dieser Parolen auch nur zu erwägen (und sich stattdessen am Ende pflichtschuldig mit Datenschutzproblemen eine kleine Kritik erlaubt).

Das Buch ist narrativ angelegt und nur sehr grob strukturiert. Es gibt keine Tabellen, die Firmenstrukturen und -beteiligungen oder Umsatzentwicklungen aufzeigen. Quellenangaben für die aufgestellten Behauptungen (bspw. was das Nutzerverhalten angeht) gibt es keine (ausser: Google!); Fussnoten demzufolge auch nicht. Mühsam muss sich der Leser Umsatzzahlen, Aktienkurse und Beteiligungen aus dem Text herausklauben, wobei alles Flickwerk bleibt, da die Daten unvollständig wiedergegeben sind. Interessant ist auch, was nicht gesagt wird. So erfährt der Leser zwar von der Kooperation [Googles] mit Apple beim "iPhone", aber dass Eric Schmidt, die Nummer drei bei Google, im Verwaltungsrat von Apple sitzt, war Reppesgaard keine Erwähnung wert. Ständig wird von Zukäufen geredet, aber in welchem Verhältnis diese Firmen zum und im Konzern stehen, bleibt diffus. Insofern ist der Titel "Das Google-Imperium" anmaßend, da er eine strukturelle Auseinandersetzung suggeriert, die nicht stattfindet (der kindische Hinweis am Ende des Buches, das "Google-Imperium" sei kein Imperium wie das Römische Reich, das andere unterwerfen kann spricht Bände).

Die Sprache

Mit voller Begeisterung ist Reppesgaard bei der Schilderung von Google-Produkten wie "Google Earth" oder "Google Maps" dabei. Wie ein Kind, das endlich mit seiner Modelleisenbahn spielen darf, wird da geschwärmt. Auf die Schwierigkeiten und Probleme mit "Street View" wird zwar eingegangen, aber es gehört zum Prinzip dieses Buches (welches nur in der Mitte für kurze Zeit und auf den letzten zehn Seiten aufgehoben scheint), dass am Ende von kritischen Darstellungen eine beschwichtigende Stellungnahme irgendeines ranghohen Google-Managers für "Entwarnung" sorgt.

Die Distanz des Autors zum Gegenstand seiner Untersuchung (Google) ist, wie sich an der Sprache zeigt, nicht besonders ausgeprägt. Google entdeckt beispielsweise etwas; das Unternehmen ist selbstironisch, aber dynamisch; die Wände in den Büros sind bunt bemalt und ein andermal leuchtet etwas in den GOOGLE-Farben; die sogenannten "Googler" wollen lernen, wenn sie Log-Files anlegen, usw. Die Aktivitäten im Bereich der Speicherung von Gesundheitsdaten und der Gendiagnostik verschaffen Google einen Platz in der Pole Position (falls es irgendwann Profite abwirft – wie das sein könnte, untersucht Reppesgaard natürlich nicht und auch, welche Daten Google von welchen Externen in diesem Produktbereich evaluieren lässt, bleibt unklar).

Beim Scannen von Büchern geht Google beherzt vor, obwohl, wie Reppesgaard selber ausführt, die rechtlichen Voraussetzungen noch längst nicht immer feststehen. Aber die Leute, die für Google dieses Projekt betreuen sind eben Buchenthusiasten - was scheren einem da die Interessen von Autoren und Verlagen (womit indirekt suggeriert wird, das letztere keine Enthusiasten sind).

Mal ist Google der Senkrechtstarter, mal sind sie die Strategen von Mountain View und ein andermal sind die "Googler" einfach nur clever. Kurz bevor Reppesgaard dann am Ende ein bisschen Kritik einstreut (und halbherzig einige Alternativen zu Suchmaschinen und den sonstigen Diensten anbietet – auch hier wieder ziemlich ungeordnet [die Blog-Suchmaschine Technorati heisst bei ihm Technokratie]), wird aus Google noch einmal die freundliche Suchmaschine, die von smarten Jungs aus dem Silicon Valley betrieben wird, die – man ist froh, das zu erfahren – allerdings auch keine Heiligen seien. Beschwichtigend heisst es am Ende dann, dass sich Ärger nie ganz vermeiden lässt.

Und das trotz des Börsengangs, der doch, wie Reppesgaard sich bemüht herauszustellen, aus Google eine bürokratischere Firma mit strafferer Führung gemacht haben soll, in der es jetzt auch mehr Hierarchie gibt und sogar einige Mitarbeiter, die das Unternehmen verlassen haben (wie zum Beispiel der Koch der hauseigenen "Kantine"). Während am Schluss dann darauf verwiesen wird, dass das Triumvirat (die beiden Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page sowie Eric Schmidt) weiterhin zwei Drittel der Aktienstimmrechte besitzen und dies nicht unbedingt ein Vorteil sein muss (der gelegentlich unkonventionell daherkommenden Bauchentscheidungen wegen), gleichzeitig sich der Autor jedoch darum sorgt, was wohl passiert, wenn alle gleichzeitig verunglücken sollten.

Nicht mehr als Produktbeschreibungen

Auf Seite 57 erfährt man das erste Mal etwas über "Adsense" und "Adwords" und auf Seite 77 wird zum ersten Mal die Bedeutung eines Algorithmus angesprochen (anhand des "Page-Rank-Algorithmus"). Mit tiefgehenden Erläuterungen hält sich der Autor nicht länger auf. Stattdessen macht der Leser am Anfang eines jedes Absatzes beispielsweise mit einer Hellseherin, einem Bioladenbesitzer oder ein paar grübelnden Wissenschaftlern kurz Bekanntschaft – und bekommt deren Verwicklungen mit Google erzählt.

Wer in einem kursorisch-erzählerischen Parforceritt über die verschiedenen Google-Produkte informiert werden möchte – der ist hier richtig. Am Rande erfährt man durchaus wissenswerte Splitter (etwa über die Stellung der Suchmaschine Google in Russland, Tschechien und China [der "Sündenfall" der Zusammenarbeit mit der chinesischen Regierung wird ausführlich behandelt]). Wer aber zum Geheimnis des Erfolgs mindestens eine These angeboten bekommen möchte und die auch vom Autor zugestandene Datensammelwut von Google einfach nur ob des Zwecks befragt, der bleibt leider alleingelassen. Klar, Adsense und Adwords sind keine enervierenden Banner, die einem laufend aus dem PC heraus anspringen. Das Design ist schlicht und einfach; die Kosten für den Werbetreibenden übersichtlich und selbst gestaltbar. Und man hat inzwischen dahingehend eine sehr gute Verknüpfung erreicht, dass die kleinen Werbeanzeigen thematisch ziemlich genau (fast) immer richtig platziert sind.

Und die Google Suchmaschine findet ja wirklich sehr schnell die Datensätze. Aber ob es tatsächlich auf die halbe Sekunde Vorsprung vor Yahoo, Ixquick oder MSN ankommt? Warum wird das System des Page-Rank-Algorithmus als das Nonplusultra betrachtet? Warum kann man davon ausgehen, dass stark verlinkte Seiten wichtiger sind als Seiten, auf die nur wenige Links verweisen? Was bedeutet wichtiger? Google nimmt an, dass auch der eintausendunderste Surfer beim Eintippen des Begriffs ein Ergebnis für gut hält, wenn schon tausend vor ihm es als treffend empfunden haben. Woher weiss aber Google, ob der Surfer das Ergebnis als treffend empfunden hat? Der Klick auf den Link sagt weder etwas über die Qualität des Textes aus, der sich unter diesem Link öffnet noch darüber, ob der Suchende diesen Text nützlich fand. Letztlich folgt die Suche einem Art mechanisierten Bestseller-Prinzip (wiederholt stellt Reppesgaard heraus, dass man bei Google alles mechanisiert und automatisiert; es gibt keine Auswertungen "von Hand"), welches zwar modifiziert und "verfeinert" ist, um Manipulationen (die im Buch erwähnt werden) auszuschalten, aber eine Transparenz über die Kriterien, nach denen die Reihenfolge der Suchergebnisse festgelegt wird, existiert nicht. Man stelle sich nur einmal den Fall in der "Realwirtschaft" vor: Ein Autokonstrukteur stellt seinen Kunden ein fertig durchgestyltes Autor zu Verfügung – aber Baupläne und Schalttafeln bleiben einfach unter Verschluss.

Appell und halbherzige Kritik

Letztlich bleibt es ein Rätsel, wie eine Firma mit diesen kleinen Anzeigen soviel Geld verdienen kann. Reppesgaard betont, dass derzeit rund 99% des Umsatzes mit Werbung gemacht wird ("One Trick Pony") und Google primär eher KMUs anspricht; viele der vorgestellten Projekte sind zukunftsorientiert und erwirtschaften (noch) keinen Gewinn. Die Gefahren der detaillierten Datenerhebungen (auch wenn Google Name und Adresse des Surfers nicht einmal kennt) werden durchaus erwähnt. Und in Ansätzen wird dem Leser klar, dass Google mit seiner Wildwest-Maxime "Wer nicht widerspricht, ist im Boot" (Opt-Out-Prinzip; zum Beispiel beim Einscannen von Büchern) dabei ist, private Gesetze zu implementieren und über gängige Rechtsauffassungen zu stellen. Dabei nutzt man geschickt die unterschiedlichen Rechtssysteme und die Trägheiten in einer global nicht hinreichend aufeinander abgestimmten Justiz aus. Das Image des rebellischen Outlaw, am Anfang emphatisch herausgestellt, bekommt da plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

Reppesgaard betont – zu recht – auch die Verantwortung des einzelnen Users, dem es durchaus selber obliegt, seine Track-Cookies und sonstigen Datenspuren im Netz zu minimieren bzw. zu "koordinieren". Viele surfen arglos umher statt zum Beispiel ihre Suchanfragen auch einmal anderen Suchmaschinen anzuvertrauen (man wundert sich, wie unterschiedlich die Ergebnisse sind; und nicht nur zum Schlechteren). Und dennoch kommt Reppesgaards Fazit wenige Seiten vor Schluss wie Kosmetik daher, welche die über weite Teile des Buches vorherrschende Gefälligkeitsprosa ein wenig übertünchen soll: Eine Garantie, dass GOOGLE die freiwillig zugeteilte Macht nicht missbraucht, bekommen die Nutzer nicht. Und ein Versprechen ist etwas anderes als ein einklagbares Recht oder ein Gesetz, an das sich jeder halten muss. Deshalb lautet das klare Fazit: Für das, was auf dem Spiel steht, ist ein Versprechen nicht ausreichend.

Es bleibt offensichtlich schwierig, sich dem Thema "Google" in neutraler, vorurteilsfreier Art zu nähern. Entweder überschlagen sich die Verschwörungstheorien (was letztlich eine Folge mangelnder Transparenz und unsouveräner Geheimniskrämerei ist) oder man erliegt dem Faszinosum. Hätte Lars Reppesgaard sein Buch doch seriöser strukturiert, mehr Abstand zu den Pressemitteilungen von Google gehalten und auf die Weitergabe allzu offensichtlicher Marketingbotschaften von Google verzichtet! Aber das wäre sicherlich anstrengender gewesen.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch

Das Verschwinden der Kritik

Jetzt könne die "Qualitätsdebatte" um das deutsche Fernsehen so richtig los gehen: Aufbruchstimmung im Herbst 2008. Der greise Marcel Reich-Ranicki und eine aufgeregte Pseudoliteraturkritikerin brüllten ihre Frustration ob des so grottenschlechten Fernsehprogramms laut (aber weitgehend unartikuliert) in die Öffentlichkeit. Die Kritik (bzw. das, was sich dafür hält) machte das, was sie am besten kann: Sie stimmte (teilweise oder emphatisch) zu, beklagte dann (leider, leider) unabänderliche Sachzwänge, unterfütterte ihre Resignation mit Behauptungen – und machte nichts, ausser sich noch über das ZDF zu entrüsten, die einer (freien) Mitarbeiterin den Vertrag nicht mehr verlängerte, die vorher gesagt hatte, sich für das Programm (welches sie womöglich kaum kennt, was ihr aber nichts oder wenig ausmacht, da sie auch häufig über Bücher spricht, die sie nicht kennt) zu schämen.

Das war's dann auch schon mit der "Qualitätsdebatte".

Eher im Gegenteil. Aktuell ist bemerkenswert, welchen Schutzschirm man inzwischen über einen Wurmfortsatz des schlechten Geschmacks, dem "Dschungelcamp" spannt. Einer Sendung, in der Möchtegernprominente beweisen wollen, dass sie mehr sind als Möchtegernprominente, weil sie Kakerlaken im Mund aushalten oder lebende Maden essen können.

Die Elogen auf dieses "Format" zeigen sich auch dort, wo man allgemein Langeweile beklagt, weil den Moderatoren ihre so zynischen Sprüche abhanden gekommen sind. Gipfel der Rührung ist jedoch der Artikel von Stefan Niggemeier in der aktuellen Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Niggemeier beschäftigt sich weniger mit der Sendung an sich, sondern nimmt kritisch die niveaulose Berichterstattung (insbesondere in "Bild" und der "Welt Online") aufs Korn. Die madenreichsten Prüfungen im australischen Dschungel sind nicht halb so eklig wie diese Texte, die ihre sprachliche Hilflosigkeit und gedankliche Armut durch Drastik wettzumachen versuchen. Zweifellos hat Niggemeier damit Recht, aber andererseits: Was ist anlässlich eines solchen Schmieren- und Ekeltheaters wie des "Dschungelcamps" auch anderes zu erwarten?

Und, viel wichtiger: Wo ist denn die ästhetische und fernsehkritische Behandlung Niggemeiers dieser Sendung gegenüber? Er verschweigt zwar nicht das perfide Spiel, welches in dieser Sendung steckt (und reduziert es auf einerseits menschelnde Kandidaten, andererseits das Verhöhnungspotential), findet aber faszinierende Szenen (mit einem Tiefschlag auf ARD-Moderator Beckmann) und sieht im Schlürfen eines Cocktails mit teilweise lebenden Tieren die Würde des Kandidaten aufblitzen. Das Dschungelcamp appelliere nicht nur an die niederen Instinkte, so Niggemeier, sondern spreche auch das Gehirn intelligenter Menschen an. Sollte das so sein, wäre ich lieber kein intelligenter Mensch.

Was soll man von einer derart affirmativen "Kritik" halten? Eine Kritik, die ihrem Geschmacksurteil jegliche ästhetische Komponente ausgetrieben hat und nur noch auf einer Art Mainstreamstrich zu trippeln scheint. Als "Ersatzreligion" des so abhanden gekommenen Kriterienkatalogs (der ausser das eigene Vergnügen nichts mehr kennt) dient nur noch die moralisch saubere Fernsehsendung. Die wichtigste Vokabel dazu lautet "menschenverachtend". Und so ist auch der Untertitel von Niggemeiers Artikel (in der Printausgabe der FAS) folgerichtig Warum das das RTL-Dschungelcamp nicht annährend so menschenverachtend ist wie die Berichterstattung darüber.

Die gängige Geschmacksfernsehkritik mit moralischem Imperativ kennt nur noch "gut" und "schlecht". "Deutschland sucht den Superstar" ist "schlecht", weil Dieter Bohlen (angeblich) hilflose Teenager beleidigt (jeder Beleg – es gibt deren viele - wird akribisch aufgesammelt). Das "Dschungelcamp" ist "gut", weil es "intelligent" gemacht ist (es bleibt bei dieser Behauptung). "Big Brother" ist – im Moment wohl eher - "schlecht", Stefan Raab gilt immer noch als "gut", Harald Schmidt nicht mehr usw. Man könnte meinen, das Fernsehprogramm bestünde nur noch aus diesem Trash-TV (und den inzwischen berühmt-berüchtigten ARD- oder ZDF-"Wintersportwochenenden") und die Aufgabe der Kritik wäre reduziert auf die Erstellung und Verbreitung moralischer Persilscheine, die dem mündigen Zuschauer den Genuss dann ohne schlechtes Gewissen gestatten.

Es ist fatal, dass sich die Kritik dem Sog der Serienhaftigkeit kaum zu entziehen vermag. Ständig berichten auch durchaus seriöse Medien über einzelne Folgen und markieren diese eigentlich vollkommen unwichtigen Ereignisse zu berichtenswerten Vorgängen. Der von Niggemeier dabei (zu Recht) kritisierte Ton der Berichterstattung ist als Multiplikator für die Sendung und dessen Konzept wenn nicht gewollt so durchaus billigend akzeptiert. Die Kritik, die sich nun seinerseits auf die Berichterstattung bezieht, treibt damit die Spirale der Nichtigkeit nur noch weiter, weil sie Ursache und Wirkung nicht mehr trennt. Diese Verstrickung in den "Diskurs" macht die Kritik nun wiederum zum Multiplikator des "Formats" – und das hierbei handfeste kommerzielle Interessen eine Rolle spielen (und bedient werden), muss eigentlich nicht erwähnt werden.

Wenn Niggemeier vermerkt, die Show habe eine Distanz zu sich selbst, vergisst er, dass gerade diese Distanz als Distanzsimulation ein essentieller Bestandteil des Konzepts ist. Statt dieses in eine Kritik einzubauen (die freilich weit entfernt von einem kulturkritischen Lamento sein müsste), argumentiert man lieber sendungs- bzw. format-immanent und bloggt bei der Eröffnungssendung live mit (unter dem Schirm der F.A.Z.). Nachdem "DSDS" in 2008 den Deutschen Fernsehpreis trotz der teilweise abwertenden (moralischen) Kritik bekommen hat, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit, wann das "Dschungelcamp" ins Drachenblut steigen darf.

Ob es sich um Resignation handelt, wenn man glaubt, mit Qualität den Zuschauer nicht mehr grossartig belästigen zu müssen und Kritik nur im Rahmen dessen zu üben, was man vorfindet? Niggemeiers Artikel ist nur exemplarisch für die schleichende Gemeinmachung des Feuilletons mit einer sich fortlaufend trivialisierenden Alltags- und Kommerzkultur, die am Ende nur noch mit gesinnungsästhetischen Feigenblättern herumfuchtelt, um ihre Existenzberechtigung noch zu erhalten.

PERSONEN- UND SACHVERZEICHNIS

HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.

Kontakt

Kommentare hier...

So ist es.
So ist es.
Gregor Keuschnig - 2009-11-06 20:40
Und derart treibt's auch...
Und derart treibt's auch mancher Mensch.
Gedankenpflug (Gast) - 2009-11-06 19:24
Erzählung über...
Eine weitere Serie, die hier seit kurzem zu sehen ist,...
Thorsten Wiesmann (Gast) - 2009-11-04 12:47
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Gregor Keuschnig - 2009-11-03 13:14
Bin vor einer Stunde
an der Buchhandlung vorbei und habe die "Konstruktion..."...
lou-salome - 2009-11-03 13:05

...anderswo

So ist es.
So ist es.
begleitschreiben - 2009-11-06 20:40
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
begleitschreiben - 2009-11-03 13:14
Die Tonlage ist deutlich...
Die Tonlage ist deutlich "ernster" als bei Kästner....
begleitschreiben - 2009-11-03 11:30

Such!

 

Grundsätzliches

Das Copyright der Texte liegt bei demjenigen, der mit dem Pseudonym hier als Gregor Keuschnig zeichnet. Verwendungen/Links mit Quellenangabe und Unterrichtung per Mail gestattet. Kommerzielle Verwertung ohne Kenntnis des Verfassers ist ausdrücklich untersagt und wird zur Anzeige gebracht. Kommentare, die ausschliesslich kommerziellen Zwecken (Suchmaschinenoptimierung und/oder Linkweiterleitungen) dienen, werden gelöscht. Disclaimer: Für Verlinkungen von diesem Blog auf andere Webseiten wird keine Verantwortung oder gar Haftung übernommen (Einzelheiten siehe unterlegten Link).

DIV. 1

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma

sorua enabled
xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this topic

twoday.net AGB

kostenlose counter

DIV. 2

kostenloser Counter


Blog Top Liste - by TopBlogs.de
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de