Medien

Schlechte Verlierer

Bayern München hat gestern das UEFA-Pokal Halbfinalspiel gegen Zenit St. Petersburg mit 4:0 verloren. Ein desaströses Ergebnis – gerade, wenn man das Spiel gesehen hat und die Art und Weise, wie man vorgeführt wurde. Den "Tagesthemen" war diese Niederlage der Aufmacher wert. Die Anmoderation von Caren Miosga kann man allerdings als reichlich tendenziös bezeichnen: Bayern München habe auch noch gegen Zenit St. Petersburg verloren, ein Verein, der bis vor kurzer Zeit noch keinen wirklichen Namen gehabt habe und von höchster staatlicher Stelle viel rausgesponsert werde, und zwar vom reichen Gasproduzenten "Gazprom" (übrigens auch Sponsor von Schalke 04). Zenit sei ein Verein von Putins Gnaden und der neue Präsident Medwedew sei noch ein viel grösserer Fan (wow). Frau Miosga kann die Pejorationen kaum noch zügeln.

Ja, die bösen Russen: Sie korrumpieren doch tatsächlich den schönen Fussball mit – Geld! Als würden die Bayern-Spieler in Naturalien ausbezahlt. Kein Wort – auch im Bericht von Stephan Stuchlik nicht -, wie katastrophal die Leistung des FC Bayern war. Stattdessen wird fast jede Äusserung über Zenit mit abfälligem Unterton begleitet. Das man jetzt ein neues Stadion bekommt – auch das wendet man gegen Zenit. Einen ähnlichen Bericht über den Stadionbau des (Noch-)Zweitligisten Hoffenheim (= SAP !) habe ich noch nicht in den "Tagesthemen" gesehen. Übrigens: Warum auch?

Dick Advocaat (man frage die Fans von Borussia Mönchengladbach einmal, was dieser Trainer zu leisten vermag) möchte nichts über "Gazprom" sagen. Prompt wird dies dem Verein angelastet. Dass man – aus irgendwie begreiflichen Gründen - noch nie einen Trainer oder Spieler eines deutschen Vereins etwas Negatives über den Sponsor hat sagen hören – Stuchlik kümmert das nicht.

Kaum ein Wort darüber, dass der Verein schon vor der Sponsorenschaft durch "Gazprom" Erfolge feierte.

Ähnliche Untertöne bei anderen europäischen Spitzenmannschaften hört man nur noch, wenn es um Silvio Berlusconi geht. Gestern hätte sich doch ein Bashing des Sponsorentums angeboten – beim FC Chelsea (Michael Ballack spielt dort allerdings derzeit), der das Champions League-Endspiel erreicht hatte. Aber kein "Tagesthema"-Thema über die kolportierten 800 Millionen Euro, die der (russische!) Milliardär Abramowitsch in den Verein in den letzten Jahren investiert haben soll.

Man kann und sollte sicherlich Kritik an den politischen Zuständen in Russland üben. Das Land driftet seit Jahren politisch in ein oligarchisches System ab; eine Demokratie sieht deutlich anders aus. Aber Russland setzt ökonomisch (wie im übrigen auch China) auf den Kapitalismus. Mit dieser Entwicklung tut man sich im Westen offensichtlich schwer, da die vorherrschende Doktrin eine Kausalität zwischen Demokratie und Kapitalismus (bzw. Marktwirtschaft) behauptet. Dies zeigt sich als erkennbar falsch. Daher kommen Miosga & Co. offensichtlich auf die Idee, den Kapitalismus der Russen zu verdammen, während man den des Westens als normal nimmt. Irgendwie merkwürdig. So verhalten sich normalerweise schlechte Verlierer.

Rettungsversuch

Gedanken zu Kommentaren in Blogs am Beispiel und mit Hilfe von Stefan Niggemeier

Warum kommentiert man auf Blogs? Was sind die Beweggründe derer, sich in teilweise zähen Wortgefechten mit Leuten streiten, die sie (in der Regel) nicht kennen und vermutlich auch niemals kennenlernen werden? Mitte März stellte Stefan Niggemeier diese Frage auf seinem Blog – vielleicht um herauszufinden, wie die Leute "gestrickt" sind, aber auch, um Material für seinen Artikel in der FASZ zu erhalten.

Sehr wohl war mir aufgefallen, dass Niggemeier die Kommentare auf seinem Blog mit einer offenbar zunehmenden Ambivalenz betrachtete. Seit einiger Zeit kann man diese sogar "abschalten".


BILDblog – basierend auf einer alten Idee

Niggemeier wurde vielfach für seine journalistische Arbeit ausgezeichnet. Der BILDblog - sein Projekt. Wolfgang Kraushaar berichtet in seinem Buch "Achtundsechzig – Eine Bilanz" von der Idee einer "Analyse des Inhalts und der Verdummungspraktiken der 'Bild'-Zeitung" vom Anfang der 60er Jahre und einer unveröffentlichten Diplomarbeit von 1958/59 eines gewissen Klaus Wilczynski mit dem ausgreifenden Titel "Methoden der politischen Hetze und der Verdummung des Leserpublikums mit den Mitteln der Bildjournalistik in der imperialistischen Massenpresse, dargestellt an Beispielen der 'Bild'-Zeitung". Bekannter ist da die sogenannte "Erklärung der Vierzehn" in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" vom 19. April 1969, in der bekannte Intellektuelle (wie beispielsweise Theodor W. Adorno, Walter Jens, Golo Mann und Eugen Kogon) unter anderem erklärten: "Die Unterzeichneten fordern…endlich in die öffentliche Diskussion über den Springer-Konzern, seine politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und seine Praktiken der publizistischen Manipulation einzutreten."

Die Technik macht es heute möglich, diese Diskussion über "Praktiken der publizistischen Manipulation" auf breiter Basis und für jeden unmittelbar abrufbar zu führen. Und statt ideologischer Worthülsen (auch das kann man zur Genüge in der Blogosphäre lesen) gibt es beim "BILDblog" kritische und – hierauf legt man besonderen Wert - faire Beobachtung. Man scheut sich auch nicht, eigene Fehler einzugestehen.

Auf seinem eigenen Blog dokumentiert Niggemeier anhand aktueller Fälle exemplarisch Schwachstellen in der Berichterstattung von Medien aller Art. Immer wieder zeigt er dabei, dass einst hochgeschätzte Eigenschaften eines Journalisten – Recherchefähigkeit, Neutralität und Sorgfalt – zunehmend in den Hintergrund geraten. Stattdessen werden kritik- und vor allem nachfragelos Agenturmeldungen abgeschrieben, die Webseiten auch seriöser Medien mit zweifelhaften Symbolfotos und "Bildergalerien" vollgestopft, Fehler nicht korrigiert, gegen elementare Regeln journalistischer Ethik verstossen oder alles zusammen.

Der Blog ist aus zwei Gründen interessant: Zunächst zeigt er – oft an scheinbar unbedeutenden oder vernachlässigbaren Beispielen – die Oberflächlichkeit, mit der heute "berichtet" wird. Zum anderen eröffnet er seinen Lesern durch die Kommentarmöglichkeit (die sehr problemlos gewährt wird), Stellung zu nehmen. Durch die Bekanntheit Niggemeiers entsteht für den Kommentator der durchaus reizvolle Effekt einer verhältnismässig grossen Öffentlichkeit.

Warum lässt man kommentieren?

Für den inzwischen renommierten Journalisten entsteht durch dieses breite Echo allerdings auch ein gewisses Problem, welches er auf die treffende Überschrift bringt "Wie sag ich's meinem Randalierer?".

Auch wenn mich der Artikel in Gänze nicht überzeugt, spiegelt er doch die Problematik wider: Welchen Wert haben Diskussionen – insbesondere, wenn sie sensible Themen berühren – wenn sie von Störern, Rüpeln und Beleidigern überquellen? Die Fallhöhe bei jemandem wie Niggemeier ist ziemlich hoch. Warum setzt er sich überhaupt dieser Tortur aus? Zumal die aktuelle Rechtslage den Blogbesitzer bei Beleidigungen oder Persönlichkeitsverletzungen auch in die Haftung nimmt (Niggemeier erfährt dies im Moment in diversen Rechtsstreitigkeiten selber). Es muss also moderiert werden – was bedeutet, jeden noch so unsinnigen Kommentar lesen und auch bewerten zu müssen (und notfalls zu löschen).

Die eingangs gestellte Frage 'Warum kommentiert man auf Blogs' liesse sich also auch umformulieren: Warum lässt man überhaupt kommentieren? Diese Frage stellte sich mir bei der Lektüre des Beitrags "Wie 'Bild' Ausländerfeindlichkeit fördert" - und der Kommentare hierzu.

Wer den Kommentaren folgt, findet meine Kritik an Niggemeiers Beitrag dort, wo er von der sprach- und medienkritischen Analyse wechselt in die Bewertung und Kommentierung des Prozesses selber. Der Vorgang interessiert hier jedoch nur aus der Sicht der Dynamik von Diskursen, wie sie sich in den Kommentaren zeigen. Denn viele von Niggemeiers Beiträgen, die hunderte von Kommentaren nach sich ziehen, laden die User offensichtlich ein, sich nicht an der jeweiligen medialen "Verwerfung" zu orientieren, sondern die Thematik als solches zu behandeln.

So schweiften die Kommentatoren beispielsweise einer der meines Erachtens nach gelungensten Beiträge Niggemeiers "Wollt ihr den totalen Widerspruch?", in dem er sich mit Sprache und Rhetorik eines FAZ-Artikels auseinandersetzt, der vor einer Klimawandel-"Hysterie" eindrücklich (und polemisch) warnt und einem angesehenen Klimaforscher unlautere Motive unterstellt, ganz schnell in eine Diskussion um die Fakten des Klimawandels ab. Auch bei der Aufdeckung der Verwendung vom falschem Bildmaterial anlässlich der Unruhen in Tibet gleiteten die Kommentare schnell dahingehend ab, dass einige annahmen, Niggemeier vertrete damit die offizielle Meinung Chinas zum Konflikt (was natürlich Unfug war). Und ein besonders extremer Fall: die 1256 Kommentare zum Beitrag "Tom Cruise, Scientologist", der eigentlich nur aus dem Hinweis auf ein Video von Cruise bestand und in Windeseile eine lange (und ermüdende) Diskussion um Scientology wurde, zumal ein Teilnehmer vehement (aber nicht ungeschickt) die Verteidigung der Sekte übernahm.

In diesem Sinne "bestimmt" der Blogger die Intensität seiner Kommentare unter Umständen selber: Fokussiert er sie auf die Intention des Beitrages oder lässt er grosse Spielräume zu Abschweifungen? Greift er redigierend oder appellierend ein? Oder lässt er die Streithähne in Ruhe (und obliegt nur seiner Kontrollpflicht)?

"Manchmal weiß ich es auch nicht."

Warum – so meine Frage – tut sich jemand wie Stefan Niggemeier die Kommentare (zum Beispiel im aktuellen Beitrag) an? Seine Antwort (als Kurzversion) ist verblüffend (das Kursivgedruckte sind im folgenden Zitate von Niggemeier, die mit seiner Erlaubnis aus einer E-Mail-Korrespondenz vom 24. und 25.4.08 entnommen sind): Manchmal weiß ich es auch nicht. Später dann: Ich weiß nicht immer, warum ich mir das antue. Manchmal stimmt die Balance: die positiven Effekte überwiegen. Manchmal ist es das krasse Gegenteil. Eine richtige Antwort habe ich darauf noch nicht gefunden.

Freimütig bekennt er: Ich liebe meine Kommentatoren und ich hasse sie, und ich fürchte, das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Grundsätzlich mag ich das Feedback, auch wenn es nicht positiv ausfällt. Welchen Mehrwert generiert jemand wie Niggemeier aus Kommentaren? Er benutzt ein anderes Wort - Realitätscheck, man wisse als Journalist nicht einmal das Grundlegendste: Wie die Menschen einen Text lesen. An welchen Formulierungen sie hängen bleiben, welche Witze, welche ironische Formulierungen überhaupt ankommen, welche Botschaft sie in einen Text lesen. Und man weiß nicht, was ihnen gefällt und was sie empört, welches Thema auf großes Interesse stößt, welche Beobachtungen über die Welt da draußen sie teilen und welche ihnen fremd sind.

Die Kommentare als eine Art "Steinbruch" – sowohl für die Resonanz auf den Text, als auch für den Umgang mit Kritik. Und oft sei es eine Bereicherung. Niggemeier zitiert zwei Kommentare aus dem letzten Artikel zum Thema Ausländerfeindlichkeit bei "Bild": Ein gutes Beispiel ist für mich dieser (eigentlich viel zu lange) Kommentar. Ich teile dessen Meinung nicht zu 100%, aber es ist ein guter, weiterführender Gedanke - und ein Aspekt, der bei mir im Text fehlt. Oder auch nur dieses kurze, treffende Zitat.

Zur "Bereicherung" gehören (zumindest theoretisch) auch die Leute, die echte oder vermeintliche Schwachstellen in meinem Text kritisieren, Behauptungen anzweifeln, Interpretationen ablehnen. Das ist oft nervig, sagt mir aber natürlich auch etwas über die Resonanz eines Textes. (Die Gefahr besteht dann natürlich darin, diese Resonanz nicht für 100% zu nehmen. Die meisten Leser kommentieren nicht, und ob diejenigen, die es tun, für die Gesamtheit repräsentativ ist, glaube ich nicht.)

Niggemeier sucht den Austausch mit seinen Lesern. Das ist bei Journalisten – zumal bei "prominenten" – längst nicht mehr selbstverständlich. Viele verschanzen sich mit Chefarztallüren vor dem "gemeinen Leser". Natürlich haben die vehementen Kritiker der Diskussionskultur in Foren und Blogs teilweise recht, aber Niggemeier wehrt sich gegen eine billige Pauschalisierung, diese Arroganz der "Netznörgler" [der Titel des Artikels scheint nachträglich geändert worden zu sein?] und setzt emphatisch die Möglichkeit, ja: die Notwendigkeit, des Diskurses dagegen.

"Vielleicht ist die härteste Erkenntnis für Journalisten die, für wen man da arbeitet", so lautet der erste Satz dieses Artikels, dessen filigrane Ironie man erst auf den zweiten Blick habhaft wird. Niggemeier sagt da nichts anderes als: Etliche der arrivierten Redakteure und Journalisten von heute haben sich derart von ihren "Kunden" – also: den Lesern, Hörern, Zuschauern – entfernt, dass sie eher Kommunikationsverhinderer sind als –vermittler.

Den Faden weiterspinnend könnte man sagen: Viele Journalisten, die dem Leser, Zuhörer, Zuschauer die Welt näher bringen sollen, sind schon vor Jahren in ihrer solipsistischen Welt abgetaucht und unnahbar geworden. Um sich nicht mit der "Welt da draussen" abgeben zu müssen, wird sie vorsorglich pauschal denunziert. Hassblogs tun das ihrige dazu, die vorschnellen Vorurteile zu befestigen.

Der Aufklärer

Dagegen schreibt Stefan Niggemeier an. Er ist ein Verfechter der Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechniken. "Warum gerät das Buch eigentlich nicht in Verruf durch die ungezählten Schundromane, die jedes Jahr in dieser Form publiziert werden, die vielen unlesbaren Traktate und all die Werke, die nur geschrieben werden, um den Autor selbst glücklich zu machen, und nie mehr als eine Handvoll Leser erreichen werden? Beim Internet argumentieren Kritiker genau so. Die 'Süddeutsche Zeitung' verbindet Ahnungslosigkeit, Lernresistenz und Penetranz, um sich zum Sprachrohr der Internetphobie zu machen, die genau diese Unarten beklagt."

Niggemeier ist im besten und altmodischen Sinne ein Aufklärer. Sowas nervt heute gelegentlich – auch manchmal den wohlwollenden Leser. Aber er delektiert sich nie an den Fehlern anderer, will niemanden blossstellen, sondern er will – man verzeihe mir das Jargonwort aus uralten Zeiten – ein "Bewusstsein" schaffen. Ein Bewusstsein von Tatsachen und Wahrheiten. Eine offensichtlich herkulinische Aufgabe in Zeiten eines reüssierenden Henryk M. Broder und seiner argumentationsresistenten Spiessgesellen. Niggemeier vertraut auf die Lernfähigkeit des Menschen, wo andere an niedere Instinkte appellieren. Und wenn man seine Texte zu "Politically Incorrect" oder "Callactive" (hiermit liegt er im Rechtsstreit) liest, stellt sich irgendwann die Frage, ob er ein Idealist ist. Ich bin schon froh, dass Sie fragen, ob ich "Idealist" bin und nicht "Masochist"... kommt dann zurück. Ich glaube, wenn Stefan Niggemeier wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde er heute noch eine Agenturmeldung kritisieren.
Man lese bei Interesse auch "Digitale Narzissten"

Wetten, dass Thomas Gottschalk seine Sendung nicht mehr interessiert?

Durch Zufall vergangenen Samstag, den 1. März, auf "Wetten, dass…" gekommen und als Hintergrundberieselung angelassen. Irgendwann dann ein Italiener, der rückwärts über Hürden sprintete. Einmal stürzte er, aber er schaffte es.

Pflichtschuldigst danach Gottschalk zum Interview. So oft ich die Sendung sehe: Diese Interviews sind meist von oben herab; eine Peinlichkeit für den Interviewten. Gottschalk ist immer schon auf dem Sprung auf das Sofa. Dort ist sein Platz. Dort umgibt er sich mit den Schönen, Reichen und vor allem Prominenten. Diese haben auch immer ein Anliegen. Mal ist es ein Film, dann ein Buch oder eine CD oder DVD oder alles zusammen. Man duzt sich. Na klar, warum nicht. Distanz war gestern. Und mit den internationalen Stars und Sternchen gibt's ein Bussi. Plaudereien für die Galerie. Wann kommt das Emblem "Dauerwerbesendung" eigentlich für "Wetten, dass...?"

Zurück zum Italiener. Gottschalk beim Interview. Der Italiener redet in italienisch – Gottschalk weiss nicht, was er tun soll. Der Mann kann zwar englisch - Gottschalk versucht es aber nicht. Was der Zuschauer in diesem Moment nicht weiss: Es ist eine Übersetzung geplant, was die verkrampfte Geste des italienischen Kandidaten an sein Ohr erklärt. Er hält dort den Ohrhörer fest, um die Übersetzung von Gottschalks Fragen zu verstehen. Da dies offensichtlich in die eine Richtung funktioniert hat, redet der Kandidat. Sehr viel, zugegeben.

Aber man hört nichts. Keine Übersetzung; nichts. Und Gottschalk klärt das Publikum nicht auf, sondern redet nun seinerseits dazwischen. Er macht sich über das, was er nicht versteht, lustig und provoziert damit seine Couchpotatoes (unter anderem der gequält fröhliche Dieter Nuhr) zu ebenfalls abfälligem Lachen und Gestikulieren. Irgendwann erklingt dann die Stimme des Übersetzers – es gab offensichtlich ein technisches Problem. Jetzt weiss ich als Zuschauer, dass der Italiener nicht der Depp ist, wie mir dies Gottschalk und Nuhr suggerieren wollen.

Gottschalk hört aber nicht auf, den Mann zu unterbrechen. 'Von Italienern habe ich erst einmal genug' – so heisst es sinngemäss später in der Sendung. Man merkt: Gottschalk hat nicht einen Funken Interesse an dem, was dieser Kandidat zu sagen hat. Er hat eigentlich – das zeigt sich in dieser kurzen Szene – nur Lust, sich selbst in Szene zu setzen. Hierfür hält er sich gütlich an den Kandidaten – besonders perfide, wenn sie der deutschen Sprache nicht mächtig sind.

Diesen Sachverhalt habe ich beim ZDF reklamiert und bekam tatsächlich nach wenigen Tagen eine Antwort, die ich hier – mit Genehmigung von Dirk Beilstein ("ZDF, Zuschauerredaktion") auszugsweise zitiere:
Ihre kritischen Anmerkungen zu Thomas Gottschalks Auftreten gegenüber dem italienischen Kandidaten der "Hürden-Wette" in der letzten Sendung am 01. März können wir - für sich betrachtet - nachvollziehen und bedauern dies.

Wir bitten aber zu bedenken, dass es sich bei "Wetten, dass ..?" um eine Live-Sendung handelt, die von Thomas Gottschalk auch live und vor allem frei moderiert wird. Dabei kommt es immer einmal wieder zu spontanen, auch unreflektierten Äußerungen Thomas Gottschalks, die vorab durch seine Redaktion nicht "kontrolliert" werden können. Da die Spontanität Thomas Gottschalks aber gerade auch ein wichtiges und von vielen zuschauern geschätztes Element der Show "Wetten, dass ..?" ist, lässt sich leider in Einzelfällen nicht vermeiden, dass auch Thomas Gottschalk die mögliche Tragweite einer Äußerung oder seines Auftretens nicht sofort bewusst ist. Sie können aber versichert sein, dass es niemals vorsätzlich Gäste diffamiert oder beleidigt.

Ihre Anmerkungen haben wir selbstverständlich der zuständigen Redaktion zur Kenntnis gebracht. Dort werden sie in unserer internen Auseinandersetzung mit unserem Programmangebot bzw. im Rahmen unserer Nachbesprechungen zu den Sendungen zusammen mit anderen Zuschauerreaktionen berücksichtigt.
Dass Gäste nicht vorsätzlich beleidigt werden, beruhigt ja ein bisschen. Und ob Gottschalk seine Moderationen wirklich frei gestaltet, lassen wir mal dahingestellt (dieser Artikel hat da Vorbehalte – mindestens was andere Sendungen betrifft). Aber lassen wir das. Immerhin wissen wir jetzt, dass es bei Gottschalk zu unreflektierten Äusserungen kommt. Diese lassen ja inzwischen gehörige Zweifel an Konzept und Moderator aufkommen.

Schade nur immer wieder für diejenigen, die für die paar Minuten einmal im Rampenlicht stehen. Sie haben bei Gottschalk kaum eine Chance. Der hoffiert lieber seine Promis und lullt sie mit Fragen ein, die er dann gelegentlich auch schon mal selbst beantwortet. Gottschalk ist – das ist meine Beobachtung – nicht professioneller oder uneitler geworden – just im Gegenteil. Und das gilt nicht nur für Gottschalk.

Andreas Elter: Propaganda der Tat

Andreas Elter  Peopaganda der TatAndreas Elter, seit Oktober 2007 Professor für Journalistik an der Universität zu Köln, entwirft in seinem Buch "Propaganda der Tat – Die RAF und die Medien" zunächst eine Art Psychogramm terroristischer Gruppen, wobei er es merkwürdigerweise vermeidet, eine Definition des Terrorismus an sich vorzunehmen und die gruppendynamischen Prozesse innerhalb der Gruppe(n) mit aufführt. Das zeigt sich im Laufe des Buches manchmal als kleine Schwäche und wenn er am Ende meint, der Terrorismus habe sich in den letzten dreissig Jahren verändert, weil jetzt nicht nur unbeteiligte Personen sozusagen "zufällig" Opfer von Anschlägen werden, sondern diese Zivilisten inzwischen mit Vorsatz umgebracht werden, so spricht Elter einen wesentlichen Punkt an, der – das zeigt er auch im Buch – der RAF im Laufe ihrer "Aktivitäten" enorme Sympathien gekostet hat. Das stellt er zwar durchaus anhand der einzelnen Anschläge auch fest, dennoch vermeidet er eine direkte Dekonstruktion der Selbsteinschätzung der RAF als Guerilla. Dies vermutlich deshalb, weil er zumindest den Anfängen der RAF, diesem Zerfallsprodukt der Studentenbewegung, eine gewisse moralische Legitimation (und Autorität) nicht per se abspricht.

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Broderline

Da war wohl gestern das Aftershow-Party-Bier bei "Anne Will" nicht so gut. Denn was Henryk M. Broder in offensichtlich verkaterter Stimmung da auf seiner Achse des Blöden gegen Stefan Niggemeiers Beitrag aus der Feder geflossen ist (oder in die Tastatur ejakuliert hat), bestätigt die Diagnose "Broderline" als bedauernswerten Krankheitszustand; eine Art neumedialer Verwirrung und Wahrnehmungsstörung.

Nicht nur, dass er in bester "Stürmer"-Manier Menschen mit Tierattributen versieht (wo ist denn Professor Wolfssohn, der sich doch sonst für nichts zu schade ist?) - er kackt auch noch in die Gärten der Niggemeier-Kommentatoren, die er in wenig überzeugender Weise als "Fanclub […] im Dunstkreis der „Böhsen Onkelz“ oder hinter der Spatenbräu-Festhalle („Ochsen aller Art“) auf der Wiesn" betitelt (und übersieht dabei, dass es viele Broder-Fans waren, die versucht haben, ihrem Meister die Stange zu halten). Da muss der Onkel Henryk wohl noch mal ran.

Das rundet immerhin Broders musikalische Spannbreite ab – denn er selbst hat sich ja vor wenigen Tagen als Fan von Dieter Bohlen geoutet. Und in der Tat: Broder ist so etwas wie der Dieter Bohlen des deutschen Feuilletons. Nur hat er nicht so viele Groupies, was natürlich bedauerlich ist.

Broder ist noch einer letzten Kampfposten in Stefan Austs untergegangenem "Spiegel"-Reich des politischen Nonkonformismus. Wobei die schleichende Metamorphose vom "Sturmgeschütz der Demokratie" zum Fähnlein Fieselschweif des deutschen Neokonservatismus sicherlich für einige Umrundungen in Rudolf Augsteins Grab gesorgt haben dürfte.

Broders Strickmuster ist denkbar einfach: Eine Debatte, die sich in eine bestimmte Richtung entwickelt, wird dahingehend "aufgemischt", dass man schlichtweg das Gegenteil dessen behauptet, was alle behaupten. Auf das Thema an sich kommt es dabei nie an. Es geht nur um Widerspruch um des Widerspruchs willen. Broder et. al. geisseln dabei stets eine "falsche Tabuisierung" und versprechen Rettung aus dem Sumpf des Meinungsmainstreams – sie machen nichts anderes, als den Teufel mit ihrem Beezlebub aus.

Nie greifen Broder und seine Freunde sofort in eine Debatte ein. Erst warten sie ab, in welche Richtung sich die Waage neigt – um dann zuverlässig Gegenpartei zu ergreifen. Ein paar Windbeutel-Floskeln hier, ein paar unbeweisbare Schlussfolgerungen dort – und schon ist der politische Journalismus à la Broder fertig. Wären Eva Hermans Thesen positiv aufgenommen worden – Broder wäre es gewesen, der sie dekonstruiert hätte. Wäre Bohlen der Liebling der Massen – Broder würde zielstrebig beweisen, welcher Ungeist dort agiert.

In einem Punkt ist er zweifellos Trendsetter: In seinem verzweifelten Kampf als Retter und Bewahrer des Abendlandes gegen Überfremdung, Durchmischung und das finstere Böse – getreu seinem Freund George W. Bush (wie überhaupt Broder es offensichtlich nicht verwinden kann, dass dieser Mann noch nicht den Friedensnobelpreis bekommen hat.). Mal bedient er sich rassistischer Blogs dazu – dann wieder nicht. Immerhin: Manchmal gebe es bei PI "sehr gute" journalistische Arbeit und manchmal wäre es auch furchtbar – so Broder im "Kulturzeit"-Interview vom 02.11.07. So könnte im übrigen eine Rezension des "Spiegel" ausfallen.

Was so ein richtiger Demagoge ist, der braucht sich natürlich nicht oder nur höchst ungenau an Wahrheiten halten. (Das Vorbild lief gestern, zufällig parallel zu "Anne Will" auf 3sat). Von geradezu erschreckender Dummheit ist Broders letzte Schlussfolgerung wider Niggemeier. Ausgerechnet er und seine Achsenfreunde, die beim Klimawandel noch auf eindeutige Belege und Fakten pochten, bevor sie politische und ökologische Massnahmen akzeptieren wollten, werfen Niggemeier Korinthenkackerei vor.

Wie diese Krankheit jetzt genau heisst, weiss ich nicht. Wenn ich's weiss, liefere ich's nach.

Joris Luyendijk: Wie im echten Leben

Joris Luyendijk  Wie im echten LebenJoris Luyendijk ging mit 27 Jahren als Korrespondent in den Nahen Osten; zunächst für eine Radiostation und die niederländische Zeitung "De Volkskrant", später dann für "NRC Handelsblad". Er war auch kurze Zeit für das niederländische Fernsehen tätig. Vermutlich – so spekuliert er selber – hatte er den Zuschlag für die Stelle hauptsächlich wegen seines Arabistik-Studiums erhalten; Bewerbern mit primär journalistischem Hintergrund war er wohl deshalb vorgezogen worden. Luyendijk hat über diese Zeit (sie dauerte von 1998 bis 2003) ein Buch mit dem doppeldeutigen Titel "Wie im echten Leben" geschrieben, welches in den Niederlanden – trotz weniger "offizieller" Besprechungen – für Furore sorgte und mit 120.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller wurde (was man dem Buch naturgemäss nicht vorwerfen kann).

Bericht, Beichte und Betrachtung

Wie im echten Leben (an Herrn Staun und die Damen und Herren des Qualitätsblatts "FASZ": Das Buch heisst [immer noch] nicht "Wie im richtigen Leben"!) ist eine Mischung zwischen Bericht über die Art und Weise, wie Korrespondenten gemeinhin "funktionieren" (sollen), welchen Gesetzen sie unterworfen sind und wie sie zu arbeiten haben, einer Beichte nebst Selbstbezichtigung einige Male "versagt" zu haben (im Sinne des selbst auferlegten Wahrhaftigkeitsanspruches) und – gelegentlich ein wenig altkluger, dennoch belebender - medienphilosophischer Betrachtungen über das Arbeiten in Diktaturen und Berichten über Diktaturen von Diktaturen aus.

Sympathisch, dass Luyendijk nicht mit dem so typischen Enthüllungsspathos daherkommt und seine Dekonstruktion (auf Kosten anderer) zelebriert, sondern eher besonnen schildert. Die Selbstbezichtigungen geraten nicht zu kokett; man nimmt sie ihm ab. Es zeigt sich sein Bonus; als Seiteneinsteiger (und –aussteiger) hat er in den fünf Jahren eben nicht vollständig die Diktionen und Wahrnehmungen seiner (ehemaligen) Kollegen übernommen. Dass er sich dabei in den Augen vieler sogenannter Nachrichtenprofis eine gehörige Portion Naivität bewahrt hat, spricht dabei nicht gegen, sondern für ihn.

"Hello everybody"

Aber gemach. Diejenigen, die kritisieren, Luyendijk bringe uns nichts Neues unterschätzen entweder die Aura der Authentizität, die von Korrespondenten "vor Ort" noch immer ausgeht, oder sind einfach nur zynisch. Seine Schilderungen kratzen erheblich am Denkmal des objektiven Berichterstatters.

Schon am Anfang wird deutlich, wie ambivalent die sogenannte Wahrheit sein kann. Luyendijk besucht ein Flüchtlingslager im Sudan. Viel Ahnung hat er von der Materie nicht; er liest sich rasch ein bisschen ein. Dann sieht er Hütte um Hütte und dieses Elend der Flüchtlinge auf kleinstem Raum mit Ungeziefer und schmutzigem Wasser und lässt diese Bilder still auf sich einwirken. Er will schon im Geiste in den üblichen Mitleidston verfallen, als er plötzlich eine Hütte mit einem "Hello everybody" betritt. Und da geschah es. Auf einmal leuchteten bei allen die Augen. Die Mädchen kicherten, ein alter Mann setzte sich aufrecht hin und Kinder stupsten ihre Mutter an: Mama, da! Ein kleiner Knirps von ein, zwei Jahren machte sich von seiner Schwester los, klammerte sich mit beiden Händchen an mein Knie und purzelte hin. Die Mütter mit ihren abgemagerten kleinen Kindern brachen in Lachen aus und winkten mir zu.

Dabei geht es nicht darum, einer verkitschten Barackenromantik das Wort zu reden. Luyendijk illustriert hier, dass ganz verschiedene Geschichten über ein und dieselbe Situation möglich sind. Man kann diese Flüchtlinge als darbende, elende Gestalten schildern – oder aber als Menschen, die nie die Hoffnung aufgeben und trotz dieser katastrophalen Lage ihre Freundlichkeit nicht gänzlich verloren haben. Beides stimmt, aber meist wird nur eines berichtet.

Agenturbrei mit "Ortszeile" – die traurige Realität

Das Buch ist voll von solchen Erlebnissen, die im Laufe der Zeit immer mehr Selbstzweifel nähren. Luyendijk erlebt in seinen ersten Monaten (er hat sein Büro in Kairo), wie die Journalistik, die man von ihm erwartet, auszusehen hat: Agenturmeldungen sichten (diese Agenturreporter, Tippgeber und Fotografen bleiben im Buch allerdings ziemlich konturlos), ein bisschen aussieben, gegebenenfalls die allen Korrespondenten vor Ort mehr oder weniger wichtigen "talking heads" (lokale Wissenschaftler, Organisationsleiter, UN-Diplomaten) und "donor darlings" (z. B. westliche Menschenrechtler [nie vergessen, von wem sie bezahlt werden!] oder andere Leute, die in fliessendem Englisch eine Bilderbuchgeschichte mit all den richtigen Stichworten aufsagen) zum Thema befragen, einigen – und fertig ist der tagesaktuelle Bericht. Luyendijk beschreibt auch, dass er oft Artikel verfasste, die man genauso gut hätte mit Recherchen von Amsterdam aus schreiben können. Aber die Ortszeile zählt. Sie suggeriert Kompetenz und Wahrheit.

Früh erkennt Luyendijk, dass er nicht loszog um irgendeiner Sache auf den Grund zu gehen. Das hatten andere längst erledigt. Ich zog nur los, um mich als Moderator an einen Originalschauplatz hinzustellen und die Informationen aufzusagen. Die Redaktion in der Heimat überblickt gar nicht die Welt – so begreift er. Sie überblicken die Presseagenturen, und aus deren Meldungen traf der Redaktionsleiter eine Auswahl. Oder sagen wir: Er traf eine Auswahl aus der Auswahl der Nachrichtenbüros. Also nicht der Korrespondent entscheidet darüber, ob ein Beitrag zu [einem] Thema gemacht wird, sondern die Redaktion. Als Kriterium gilt u. a. dabei, ob etwas "breaking news", "urgent news" oder nur "update" ist. Der Mann vor Ort kann zwar etwas vorschlagen, aber die Redaktion entscheidet, und ihr Blickwinkel ist massgeblich von der Themenauswahl durch die Presseagenturen und CNN geprägt. Und die Redaktion ist einem hohen Zeit- und Veröffentlichungsdruck unterworfen.

In den besten Momenten des Buches schaut man förmlich bei der fortschreitenden Desillusionierung des jugendlichen Reporters zu. Schnell ist der Neue in diese Maschinerie eingebettet – ohne eigentlich genau zu sagen, warum. Sein Nasrallah-Interview beispielsweise, in der Heimat als eine Art "Durchbruch" gefeiert, ist nichts anderes als ein Monolog, der aus Versatzstücken besteht, die schon –zigmal anderswo publiziert wurden; Nasrallah lässt gar keine Fragen zu bzw. beantwortet sie erst gar nicht.

Der entscheidende Punkt ist: Der Korrespondent, der also mehr Moderator ist, kann die Nachrichten, auf der seine Schilderungen beruhen, gar nicht kontrollieren und recherchieren. Er hat weder Zeit noch Gelegenheit dazu – schliesslich, und das wird ein wesentlicher Punkt in Luyendijks Argumentation – sind die Staaten der arabischen Welt allesamt Diktaturen. Selbst mit seinen arabischen Sprachkenntnissen (die ihm im Alltag aufgrund der Vielzahl der bestehenden Dialekte nicht unbedingt immer weiterhelfen – es gibt hübsche Beispiele dieser "Dialektverwirrung") kommt Luyendijk nicht immer an die Menschen heran. Grundsätze des Qualitätsjournalismus (check und double-check, Meinung und Gegenmeinung) sind nicht einzuhalten; repräsentative Umfragen oder andere Recherchemöglichkeiten unmöglich. Was er höchstens bieten kann, ist immer nur der kleine Ausschnitt von ein paar wenigen Strassengesprächen (die Bilanz in Form von etlichen regionalen Witzen lockern das Buch manchmal notwendig auf). Dies verleitet zu voreiligen, induktiven Verallgemeinerungen.

Später erlebt Luyendijk, wie kontraproduktiv in diesem Zusammenhang das Fernsehen ist – die Menschen sagen erst recht nichts kritisches in die Kamera (die, die es tun, sind dessen dann schon wieder verdächtig als Alibis für den Geheimdienst zu arbeiten), sondern warten, bis die Geräte abgeschaltet sind. Ein Grund mehr, den selbstrecherchierten Hintergrundberichten in Printmedien einen grösseren Stellenwert einzuräumen. Oft genug jedoch werden solche Berichte in den hinteren Teil der Zeitung "verschoben" (ähnliches natürlich vom Radio und Fernsehen); sie gelten meist als zu kompliziert.

Der marokkanische Korrespondent in Den Haag

Um die Situation zu verdeutlichen, verwendet Luyendijk einen klugen Kniff. Er dreht das Setting einfach einmal um:

Nehmen wir an, ein marokkanischer Korrespondent, der weder Niederländisch noch eine andere europäische Sprache spricht, wird in Den Haag stationiert. Er zieht in eine riesige Villa in einem Haager oder Amsterdamer Edelvorort, verbringt dort seine Freizeit, lernt Leute kennen – die alle Arabisch sprechen. Seine Kinder gehen auf eine arabische Schule und seine Frau gesellt sich zum arabischen Frauenkreis. Was für ein Bild von den Niederlanden soll so ein Korrespondent bekommen? Talkshows, Wahldebatten, Reden der Königin, der Premierministers oder des Trainers der Nationalelf, das Gespräch auf der Strasse, die Tagesschau, Nachrichtenmagazine, Seifenopern, Witze und Kabarett – versteht er alle nicht. Printmedien muss er über Übersetzungsdienste verfolgen, ohne zu wissen, was die alles auslassen. Er kann nicht einfach mit irgendeinem Niederländer sprechen, sondern nur mit arabischen Ausländern, niederländischen Arabern, arabischen Niederländern, mit Arabern verheirateten Niederländern und natürlich Kollegen aus der arabischen Welt. Und dabei sind die Niederlande ein freies Land, wo die Interviewpartner nicht befürchten müssen, dass der Dolmetscher nebenher für den Geheimdienst jobbt.

Hinzu kommt noch, um im oben genannten Bild zu bleiben, das natürlich der Niederländer weder typisch noch repräsentativ für den Nord-/Mittel-/Südeuropäer ist. Will sagen – auch das beklagt Luyendijk natürlich – das die allzu vereinfachende Bezeichnung "Araber" oder "Muslim" bereits den Keim für Missverständnisse, grobe Pauschalisierungen und problematische Subsummierungen in sich trägt. Für all diese Differenzierungen und Nuancierungen bleibt im Alltagsgeschäft des Korrespondenten kein Platz. Die Redaktionen wollen griffige Schlagzeilen.

"Tee trinken"- Von der Unmöglichkeit journalistischen Arbeitens

Eng verbunden mit den politischen Diktaturen ist die überall grassierende Korruption. Neben seinen einschlägigen Erlebnissen in Ländern wie Ägypten oder Syrien ist hier der traurige "Höhepunkt" der Irak Saddam Husseins ("Wir möchten Tee trinken" war das Stichwort). Luyendijk beschreibt deutlich, wie in diesen Gesellschaften die Korruption schon fast zur Konvention gehört (nebenbei erscheint dabei der Gedanke "sauberer Geschäfte" als Wunschtraum). Die von anderen Rezensenten häufig versuchten Nivellierungen (dahingehend, dass es auch in westeuropäischen Demokratien Korruption gibt), sind in Anbetracht der beschriebenen Praktiken lächerlich. Diese beiden Punkte – Diktatur und Korruption - lassen Luyendijk auf die These kommen, dass journalistische Arbeit in der arabischen Welt schlicht nicht möglich sei, wenn man bestimmte Qualitätskriterien als Minimalstandards setzt. Diese These ist interessant, wird jedoch leider im weiteren Verlauf nicht ausreichend unterfüttert; vor allem, was hieraus für eine Konsequenz zu ziehen wäre.

Immer häufiger bekommt Luyendijk den Eindruck, Inszenierungen aufzusitzen. Dies verstärkt sich noch, als er seinen Sitz von Kairo nach Beirut (und später Ost-Jerusalem) verlegt, und vermehrt vom Heiligen Land berichtet. Eine Frau betrauert ihr Kind; eine Familie ihren Sohn – die "Horde" der Reporter und Fotografen ist immer genau dann da. Manchmal wird die Trauer "verschoben" oder "wiederholt", wenn es nicht alle mitbekommen haben.

Und dann Erlebnisse wie solche bei einem Spaziergang durch Ramallah: Ich war schon öfter dort gewesen, aber immer nur, wenn es zu "Zusammenstössen zwischen palästinensischen Demonstranten und der israelischen Armee" gekommen war. Jetzt war die Gegend menschenleer. Zu der Zeit durfte das israelische Militär nicht in Ramallah patrouillieren und das City Inn-Hotel stand an der Stadtgrenze. Ich weiss nicht mehr, wer zuerst da war, aber plötzlich tauchten sie aus allen Himmelsrichtungen auf: israelische Jeeps, die extra aus der Kaserne angerückt kamen, palästinensische Jugendliche, die den weiten Weg aus der Schule hierhergelaufen waren. Dann kreuzten einige Zuschauer, ein Krankenwagen, ein Falafel-Verkäufer und ein Kamerateam auf. Da fingen die Jugendlichen auf einmal an, Steine zu werfen. Die Israelis feuerten in die Luft. Die Jugendlichen wagten sich näher heran, und die Israelis feuerten wieder in die Luft. Die Jugendlichen wagten sich noch näher heran, da schossen die Israelis einen von ihnen nieder: heulendes Martinshorn, skandierende Jugendliche, laufende Kameras. Und Luyendijk fragt sich, ob die Kameras da waren, weil etwas passierte oder ob etwas passierte, weil die Kameras da waren.

Szenen dieser Art gibt es reichlich im Buch. Bestimmte Situationen werden szenisch "aufbereitet". Das populärste Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der Sturz der Saddam-Statue in Bagdad durch US-Truppen im April 2003. Luyendijk vergleicht am Fernsehen einfach die beiden Perspektiven: Auf CNN wird durch das Heranzoomen der Eindruck einer feiernden Masse vermittelt. Auf Al-Dschasira herrscht ruhiges Treiben; vielleicht 200 Menschen sind auf dem riesigen Platz; dort zeigt man das neue Symbol der Besatzung: die amerikanische Flagge, die kurzzeitig auf die Statue gelegt wurde (der "Spiegel" nahm es als Titelbild).


Eine Nachricht, so stellt Luyendijk fest, ist nur eine Nachricht, wenn die Angelegenheit in Bewegung ist. Das macht es so schwer, so etwas wie Besatzung beispielsweise emotional zu vermitteln. Aber Bild geht über Ton. Ergo: Die Besatzung war nie eine Nachricht, aber jeder einzelne Anschlag.

Die Macht der Worte

Und wie so oft beginnt das Dilemma bereits in der Wortwahl. Es gibt, so die (kontrovers diskutierbare) These, keine neutralen Wörter. Waren es nun die "besetzten", die "umstrittenen", oder die "befreiten" Gebiete, oder doch Westjordanland oder Judäa und Samaria oder die Palästinensergebiete? Lagen dort jüdische Dörfer, jüdische Siedlungen oder illegale jüdische Siedlungen? Sollte ich von Juden, Zionisten oder Israelis sprechen? Nicht alle Zionisten sind jüdisch, nicht alle Juden sind israelisch und nicht alle Israelis sind jüdisch. Waren es Araber, Palästinenser oder Muslime? Endlos könnte man diese Kette fortsetzen. Der Wunsch, sich so neutral wie möglich zu äussern, gipfelt bei Luyendijk zum wenig zufriedenstellenden Ausdruck vom "Heiligen Land" für Israel, Palästina, Syrien und den Libanon. Und bereits am Anfang treibt es ihn dahingehend um, warum man einfach nicht in Zukunft von den Zeitungen "Das Leben", "Der Mittlere Osten" und "Die Pyramiden" redet[en], statt von "Al-Hayat", "Sharq Al-Awsat" und "Al-Ahram"? Und nicht von den arabischen Fernsehstationen Al-Dschasira, Al-Manara und Al-Mustaqbal, sondern von Die Insel, Der Leuchtturm und Die Zukunft? Vielleicht würde sogar die Angst ein wenig schwinden, wenn wir von "Hingabe", der "Partei Gottes" und "Der Basis" sprechen würden, statt von Hamas, Hisbollah und Al-Qaida.

Nur Sophistereien? Träume eines Naiven, der einfach mit der rauen Wirklichkeit nicht klar kommt? Ich glaube nicht, dass das so ist. Luyendijk war insgesamt fünf Jahre in der Region und versuchte, sich vom Korrespondentensprech so lange wie möglich autark zu halten. Warum 2003 das Engagement beendet wurde, bleibt unklar; der Satz, er habe die Kündigung bereits in der Tasche gehabt, als die amerikanische Invasion des Irak 2003 losging, ist doppeldeutig. Ausdrücklich dementiert Luyendijk, dass es zu Verwerfungen zwischen seinem Arbeitgeber und ihm gekommen sei. Mehrfach aber schreibt er in seinem Buch vom Unbehagen.

Gutgeölte PR

Immer wieder und durchaus mit einer gewissen Bewunderung beschreibt Luyendijk, wie die gutgeölte israelische PR-Maschine (er vermeidet das Wort Propaganda explizit) funktioniert und notfalls Sachverhalte so darstellt, dass sie in die regierungsamtliche Argumentation passen und mundgerecht aufbereitet werden. Die "Betreuung" der Journalisten und Korrespondenten vor Ort ist vorbildlich; ausführliche Dokumentationen; Bildmappen; eloquentes Personal, welches freundlich Auskunft gibt; tolle "Arrangements" zu bestimmten Ortsterminen, usw. Im Vergleich hierzu erweisen sich die Propagandainstrumente der Ägypter, Syrer, Libanesen oder Hisbollah als geradezu stümperhaft

An zahlreichen Beispielen belegt er, wie die israelische PR inzwischen in der allgemeinen Berichterstattung kanonisiert ist - die Zahlen der zweiten Intifada beispielsweise oder die Fama, Barak hätte in Camp David 95% der "umstrittenen Gebiete" an die Palästinenser zurückgeben wollen. Ein Vorstoss der "Arabischen Liga" zur Lösung des Konfliktes wurde beispielsweise in der Presse kaum und nur marginal vermeldet.

Das stärkste Bild in seinem Buch ist das vom Sportreporter, der über einen 8:1 Sieg einer Fussballmannschaft zu berichten hat.

Als Journalist kann ich entscheiden: Wir zeigen die Tore, das war's. Hätten die Verlierer eben besser spielen sollen.

Aber was, wenn sich herausstellt, dass der Platz abschüssig ist, ein Linienrichter mit der Siegermannschaft verwandt ist und manche Fouls nicht gesehen wurden, weil die Sieger den Schiedsrichter besser austricksen konnten? Was, wenn der Coach der Verlierermannschaft gegen den Willen vieler Fans auf der Trainerbank sitzt oder gar mithilfe des Gegners installiert wurde? Arafat jedenfalls hatte sich von Israel und dem Westen zum "Alleinvertreter der palästinensischen Volkes" küren lassen, auf Kosten demokratisch gesinnter Anführer der ersten Intifada. Europa, die USA und Israel hatten ihm jahrelang geholfen, seinen "Sicherheitsapparat" (allein das Wort!) aufzubauen, mit dem er alle anderen Trainer ins Abseits stellen konnte.

Musste ein Korrespondent nicht über dem reinen Spielergebnis stehen und zeigen, warum diese Mannschaft so schwächelt, und wie sie spielen könnte, wenn andere Spieler aufgestellt würden? Ein Journalist, der lediglich serviert, was ihm aufs Tablett gelegt wird, ergreift im Grunde die Seite der Partei, die den Nachrichtenfluss am besten zu manipulieren versteht.


Diktaturen sind im Kern schwach

Die Frage, warum die PR der Israelis so hervorragend und die der Palästinenser so miserabel ist, hat mehrere Gründe. Zum einen bedient man sich professioneller Unterstützung und kann grosse finanzielle Mittel aufbringen.

Entscheidend aber: Die verfehlte Medienstrategie war eine direkte Folge der autoritären Organisation der Palästinensischen Autonomiebehörde. Und: Für Arafat bestand die erste und einzige Priorität darin, nicht gestürzt zu werden.. Daher gibt es beispielsweise keine friedlichen Massendemonstrationen gegen die israelische Besatzung – sie könnten in Proteste gegen die eigene Führung umschlagen. Entsprechend regierungstreue Nomenklatura wurde von der politischen Führung begünstigt. Nicht Leistung oder Qualität zählen also, sondern blinde Loyalität. Am Beispiel der eloquenten und klugen palästinensischen Politikerin und Literaturwissenschaftlerin Hanan Ashrawi, die irgendwann als "zu gefährlich" befunden wurde, weil sie im Westen als eine gewisse Gegenkraft zu Arafat empfunden werden konnte und auf eine unbedeutendere Position "verschoben" wurde, illustriert Luyendijk seine These sehr schön.

Pluralistische Staatssysteme erweisen sich also dahingehend als überlegen, weil ihre primäre Ausrichtung nicht im Konservieren der Macht besteht, sondern in der Entwicklung einer bestimmten Politik für eine bestimmte, überschaubare Zeit. Der scheinbare Vorteil in bilateralen (Friedens-)Verhandlungen, dass eine Diktatur durch die Person des Diktators eine eindeutige Verhandlungsführung "verheisst", also eine Art Berechenbarkeit, erweist sich in Wirklichkeit als Achillesverse für die Position der Diktatur. Die Stimme des Diktators ist ab einem gewissen Punkt nicht mehr korrigierbar. Wenn er von einer Position abweicht, so droht sofort der Gesichtsverlust. Demokratische Regierungen können in Verhandlungen viel besser mit dem Hinweis auf entsprechende innenpolitische Rücksichten lavieren und dies aktiv einsetzen.

Diese These klingt gut, läuft aber so ins Leere. Denn der Diktator vermag ebenfalls – wenn auch in begrenztem Mass – auf noch "radikalere" Strömungen hinweisen, die, sollte man ihn zu sehr zur Kompromissbereitschaft zwingen, ihn "wegputschen" würden. Das übersieht Luyendijk – wenigstens, was die kurzfristige Argumentation angeht.

Es ist richtig, dass westliche Demokratien insbesondere im Nahen Osten (aber auch sonst) bevorzugt mit Diktatoren verhandeln und diese stützen, falls sie ihnen "wohlgesonnen" sind. Ein starker Mann lässt sich leichter kontrollieren und unter Druck setzen als ein demokratisch gewählter Regierungschef. Und Luyendijk hat natürlich Recht, dass das Primat der Aufrechterhaltung der Macht grosse Ressourcen bindet und auf Dauer sehr aufwendig ist. Ein Diktator lässt – s. o. – intelligente Köpfe kaum zum Zuge kommen, da er sie als Rivalen fürchtet und muss sich Loyalität immer mehr erkaufen. Hinzu kommt der in Diktaturen häufige "Deckeleffekt", d. h. ethnische, religiöse oder soziale Minderheiten werden brutal unterdrückt und dies erzeugt geradezu dauerhaften Widerstand und Terrorismus; ein Phänomen, welches zwar in Demokratien durchaus auch auftritt, aber hier durch offene Formen behandelt werden kann.

Vermutlich ist aber die These, dass Demokratien Diktaturen auf Dauer überlegen sind (und zwar nicht nur ökonomisch und/oder militärisch), richtig. Sie weist weit über die hier verhandelte Thematik hinaus und wäre eine separate Erörterung wert.

Radikal andere Art von Journalismus

Luyendijks glaubt, dass im israelisch-palästinensischen Konflikt (bereits bei dem Wort "Konflikt" könnte man ja bereits wieder mit der Kritik beginnen) die "Sache" der Palästinenser medial schlecht bis vollkommen verzerrt berichtet wird. Israel sei es in den letzten Jahrzehnten geradezu perfekt gelungen, seine Sicht der Dinge mehr oder weniger als Tatsachen darzustellen. Die Kriege von 1956, 1967 und 1982, von Israel begonnen, werden heutzutage fast einhellig als Präventivschläge betrachtet; die jüdischen Siedlungen als "normal" betrachtet, die besetzten Gebiete im Südlibanon waren eine "Sicherheitszone", in der die israelische Verteidigungsarmee "Präsenz" zeigte. Die Armee greift nicht an, sondern "kommt zum Einsatz" oder "greift ein". "Sicherheitskräfte" führen "Operationen" durch, bei denen "Elemente" "ausgeschaltet" werden. Mordanschläge sind "präventive Militäraktionen", zivile Opfer ein "Versehen". Israel habe sich mit Hinweis auf den Judenhass vergangener Zeiten überzeugend als "Underdog" dargestellt, als bedrohtes, schutzbedürftiges Volk.

Den Vorwurf der unterschwelligen Instrumentalisierung des Holocaust entlehnt er von Teilen der israelischen Friedensbewegung – was natürlich in entsprechenden Kreisen trotzdem zur Folge hat, ihn als Antisemiten zu diffamieren. Aber auch mit der palästinensischen Regierung geht er hart ins Gericht. Gegen den Vorwurf, Israel gebärde sich wie die "Nazis" bezieht er in einem Kommentar heftig Stellung: Also schrieb ich, dass die Nazis in einem Monat mehr Juden ermordet haben, als Israel in einem halben Jahrhundert Palästinenser getötet hat, dass israelische Regierungen nie versucht haben, die Palästinenser auszurotten… Und ein für allemal schreibt er Arabern ins Stammbuch: Israel verstiess gegen die Regeln, aber die arabischen Dikaturen hatten nicht einmal welche.

Warum er dann allerdings noch das Schlagwort von der amerikanischen "Israel-Lobby" verwendet und die speziellen Verbindungen der USA zu Israel ein bisschen verschwörerisch aufbereitet, ist nicht ganz klar. Es wäre schlichtweg nicht notwendig gewesen. Seine Analyse ist auch so treffend genug, obwohl er im zweiten Teil, was die Besatzung und deren Auswirkungen angeht, reichlich auf Erzählungen von Palästinensern rekurriert, obwohl er an anderem Ort im Buch von der Problematik solcher oft fiktiver, tradierter Geschichten hinweist.

Seine Schilderungen über die schamlose PR-Maschine der Amerikaner im Jahre 2003 vor und während der Irak-Invasion wirkt ein wenig angeklebt. Die Rolle von Agenturen wie "Hill & Knowlton" und "The Rendon Group", die in der Region seit Jahrzehnten für die unterschiedlichsten Auftraggeber tätig sind und u. a. die kuwaitische Propaganda 1990/91 organisierte und auch während der Jugoslawienkriege für die bosnische Seite tätig war, kommt klar zu kurz; weniger wäre hier mehr gewesen.

Manchmal ist das Buch ein bisschen unpräzise, was der Sache natürlich im Einzelfall abträglich ist. Denn gerade der Medienkritiker muss noch genauer sein. Am Ende vermerkt Luyendijk noch, dass vieles im Buch aus seinem Gedächtnis rekapituliert sei – ein kleiner Hinweis? Und wenn am Schluss vom Journalisten mit Fleisch, Blut und Vorurteilen die Rede ist, so kann (oder muss?) man das sicherlich auch als ein bisschen Selbstkritik sehen.

Luyendijks Plädoyer für eine radikal andere Art von Journalismus ist emphatisch. Er knüpft wieder an das Bild vom Fussballspiel an:

Die Medien sollten sich weder auf den Punktestand 8:1 beschränken, noch auf die Erklärung, wie eine Mannschaft so hoch hat verlieren können. Die Medien sollten lieber erklären, wie es dazu gekommen ist, dass die 22 Spieler in zwei Teams gespalten sind, und was man dagegen tun kann. […] Die Bilder, die die Medien von der Wirklichkeit verbreiten, spielen IN dieser Wirklichkeit wieder eine Rolle, und Ängste können als "self-fulfilling prophecy" wirken, aber Hoffnung und Vertrauen auch. Was würde passieren, wenn Nachrichtensendungen nicht länger auf Angstszenarien setzten, sondern auf das Alltägliche, das Hoffnung und Vertrauen schenkte? Und wie viele Menschen würden sich noch in die Luft sprengen, wenn sie wüssten, dass die Welt nie von ihrem Opfer erfahren würde, weil sich die Medien nicht darum scherten?

Noch einmal mag man das naiv nennen. Aber es entwertet die implizite Kritik an den Medien keinesfalls. Diese ist – das merkt man an der Besprechung dieses Buches in Deutschland – nicht besonders erwünscht. Medien berichten ungern über Kritik an sich selbst. Und wenn, dann werden die Haare in der Suppe gesucht (und die eigene Perücke im Topf verschwiegen). An Sonntagen zeichnet man zwar manch medienkritischen Journalisten aus, aber das dient nur der Besänftigung des schlechten Gewissens. Ansonsten zieht die Karawane weiter.
Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Joris Luyendijk: Wie im echten Leben

Joris Luyendijk  Wie im echten LebenJoris Luyendijk ging mit 27 Jahren als Korrespondent in den Nahen Osten; zunächst für eine Radiostation und die niederländische Zeitung "De Volkskrant", später dann für "NRC Handelsblad". Er war auch kurze Zeit für das niederländische Fernsehen tätig. Vermutlich – so spekuliert er selber – hatte er den Zuschlag für die Stelle hauptsächlich wegen seines Arabistik-Studiums erhalten; Bewerbern mit primär journalistischem Hintergrund war er wohl deshalb vorgezogen worden. Luyendijk hat über diese Zeit (sie dauerte von 1998 bis 2003) ein Buch mit dem doppeldeutigen Titel "Wie im echten Leben" geschrieben, welches in den Niederlanden – trotz weniger "offizieller" Besprechungen – für Furore sorgte und mit 120.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller wurde (was man dem Buch naturgemäss nicht vorwerfen kann).

Bericht, Beichte und Betrachtung

Wie im echten Leben (an Herrn Staun und die Damen und Herren des Qualitätsblatts "FASZ": Das Buch heisst [immer noch] nicht "Wie im richtigen Leben"!) ist eine Mischung zwischen Bericht über die Art und Weise, wie Korrespondenten gemeinhin "funktionieren" (sollen), welchen Gesetzen sie unterworfen sind und wie sie zu arbeiten haben, einer Beichte nebst Selbstbezichtigung einige Male "versagt" zu haben (im Sinne des selbst auferlegten Wahrhaftigkeitsanspruches) und – gelegentlich ein wenig altkluger, dennoch belebender - medienphilosophischer Betrachtungen über das Arbeiten in Diktaturen und Berichten über Diktaturen von Diktaturen aus.

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Lakota Country

Lakota Country   c WikipediaEs gibt einen neuen Staat auf dieser Welt. Nanu, werden Sie sagen – hat sich das Kosovo jetzt schon unabhängig erklärt? Nein, das Kosovo ist es nicht. Es ist "Lakota Country". Mitten in den Vereinigten Staaten von Amerika. Eine Sezession.

Am 19.12.2007 haben die Lakota Sioux alle Verträge mit den USA gekündigt; das Ende von "150 Jahren Kolonialismus", wie es in der Erklärung heisst. Dies sei, so wird versichert, völkerrechtlich vollkommen legal. Den Botschaften von Bolivien, Venezuela, Chile und Südafrika sei die Erklärung bereits übergeben worden; Irland und Osttimor hätten schon "Interesse" gezeigt. Den Vereinten Nationen und anderen Ländern würde sie noch zugehen.

Der Versuch eines Mediencoups, um auf die Lebensbedingungen der Indianer hinzuweisen und/oder mehr Geld zu erhalten? Ein Querulantenstück (Russell Means, einer der Hauptinitiatoren, wird in Kommentaren zu dem Artikel als ehemaliger CIA-Mitarbeiter bezeichnet)? Spricht die Organisation überhaupt für die Mehrheit derer, die sie vertreten möchte? Schwer zu sagen. Ich kenne mich hier zu wenig aus.

Was ich interessant finde: Kein Massenmedium hat hierauf reagiert, d. h. wenigstens die Meldung gebracht. Weder in den USA – geschweige denn von Europa. Warum? Werden doch auch sonst die merkwürdigsten und skurrilsten "Unanhängigkeitsbewegungen" und deren Erklärungen gemeldet? Oder muss erst Gewalt ins Spiel kommen, um so etwas Ernst zu nehmen (Stichwort Terrorismus)? Die Sezessionsbewegung in Tschetschenien nahm man im Westen auch erst wahr, als sie Gewalt ausübte. Ähnliches kann man von den Jugoslawienkriegen in den 90er Jahren sagen. Das Kosovo soll nach dem Willen der USA und der EU (ausser Zypern) ein unabhängiger Staat werden. Oder ist es in der Bewertung ein Unterschied, welches Land von einer Sezession betroffen ist?

Bisher haben in den USA nur Onlinemagazine oder Blogs hiervon Kenntnis genommen (Beispiele: "CommonDreams.org" und "usatoday"). Die Kommentare dort schwanken zwischen enthusiastischer Zustimmung und rassistischer Völkermordphraseologie.
Dank an Michael Roloff für die Nachricht.

"Gelegentlich nicht begeistert..."

Maybrit Illner, die unlängst ihre mangelnde Kritikfähigkeit in einem patzigen Gespräch mit Tillmann P. Gangloff von der Frankfurter Rundschau unter Beweis stellte, hat ein Buch geschrieben, in dem sie unter anderem Politiker in bestimmte Gruppen quantifiziert. In "Planet Interview" ist hierüber ein Interview erschienen. Illner beklagt darin unter anderem Formulierungen von Politikern, die so technokratisch sind, […] dass sich einem das Hirn sträubt. Abgesehen davon, dass ich es bisher nur kannte, dass sich Haare sträuben, aber lassen wir das. Im Prinzip hat sie ja recht.

Leider verfällt Frau Illner im Laufe des Gesprächs selber in einer Art "Schönsprech", speziell wenn es darum geht, warum ausgerechnet die "Bild"-Zeitung Vorabdrucke ihres Buches publizieren darf.

Wenn man sich die Mühe macht, zweihundert Seiten zu Papier zu bringen, dann möchte man auch Publicity. Das ist ein Grund, in der "Bild"-Zeitung zu veröffentlichen? Und wie merkwürdig, weil sie doch vorher sagt, das Schreiben des Buches hätte viel Spass gemacht.

Wir erfahren, dass Frau Illner die "Bild"-Zeitung immerhin kritisch liest. Das beruhigt natürlich. Jemand der wenige Minuten vorher zur Entblössung der Talmisprache der politischen Klasse aufgerufen und eine Übersetzungshilfe angeboten hatte, liest "Bild" kritisch - ein Organ, dass diese kritisierten Sprachmuster erst provoziert.

Es geht noch weiter: Sie sei gelegentlich nicht begeistert über den Ton, der dort angeschlagen wird. Und im nächsten Satz kommt wieder ihre "aufklärerische Ader" zum Vorschein: Mit der Zeitung erreicht man aber gegebenenfalls auch Menschen, die sich kaum noch für Politik interessieren und vielleicht wieder mit ins Boot geholt werden könnten - mit einem Buch, das sich nicht ganz ernst nimmt.

Dieser Wunsch ist vermutlich in etwa so realistisch, als wolle man einen Kreationisten nach Besuch des Neanderthalmuseums zur Evolutionstheorie bekehren wollen. Illner hat aber noch ein weiteres As im Ärmel: Bundeskanzler, Bundespräsidenten und Bischöfe haben in BILD publiziert und sich dabei wahrscheinlich auch was gedacht. Frau Illner sieht sich also irgendwie als Bundeskanzler oder Bischof? Oder ist dieser Spruch wie der von den eine Million Fliegen zu verstehen?

Welch filigrane Sprachkünstlerin Maybrit Illner ist, verrät der Satz: Sie [die "Bild"-Zeitung] lebt von Vereinfachung und Zuspitzung, die auch mal in Simplifizierung oder Krawallmacherei ausufern kann. Das war vermutlich für den "Bild"-Leser schon zu hoch. Da der aber unter Umständen nicht merkt, dass Vereinfachung und Simplifizierung irgendwie das gleiche ist, verbucht sie das wohl als gelungenes Wortspiel.

Endlich stilisiert sie sich noch zum Opfer, in dem sie konstatiert, man komme schwer an der "Bild" vorbei und schliesslich seien dort doch auch gut recherchierte Stücke und scharfsinnige Kommentare zu lesen (sie meint vermutlich bei den Kommentaren Herrn Wagner). Merkwürdig nur, dass es genug Journalisten gibt, die sehr wohl an "Bild" vorbeigekommen sind. Sie haben nämlich etwas, was Leute wie Illner nicht einmal mehr rudimentär zur Verfügung haben: Charakter beispielsweise. Oder Moral.

Vielleicht ist das auch nur eine Art Deal. Die "Bild"-Zeitung ritzt eine weitere Kerbe im Konvertiten-Colt, Frau Illner bekommt eine Riesenwerbung und im Gegenzug wird ihr Privatleben weitgehend aus den Schlagzeilen verbannt.

Aber wer der "Bild" gut recherchierte Stücke unterstellt, ist für jede seriöse journalistische Arbeit verbrannt. Seit einigen Jahren ist Illner eh schon so weit "christiansiert", dass man, schlösse man die Augen, keinen Unterschied mehr feststellen konnte. Unter dem Deckmäntelchen der politischen Aufklärung (Dolmetscher-Rolle - was für lächerliche Interpretationen Illner in diesem Gespräch abliefert!) spult sie ihre wöchentliche Show ab, die aber nur noch ein Bestandteil jener Inszenierung von Politik ist, die sie selber konstatiert.

Das merkt man u. a. daran, dass sie, um ihre Sendung aufzupeppen, auf Versprecher hoffen muss und diese dann als ihr Verdienst ausgibt. Die Sache, das eigentliche Thema, ist nur noch Kulisse, die zur Selbstdarstellung der Politiker – und auch von Illner dient. Man sieht in diesen Sendungen nichts anderes als eine Art künstlich erregtes Rollenspiel. In diesem Rollenspiel ist der Journalist längst zum Mitakteur geworden, nicht nur mehr Beobachter und Befrager. Ein Indiz hierfür ist die Arroganz und Selbstgerechtigkeit, die sich in Illners Interview mit der FR deutlich zeigt.

Illner setzt einen Trend fort, der nicht nur im ZDF grassiert. Kerner wirbt für Wasser, Wurst und eine Fluglinie. Gut, niemand kommt auf die Idee, ihn selbst im weitesten Sinne als Journalisten zu bezeichnen. Frau Slomka moderiert Tagungen von Volksbanken. Frau Holst, dritte Moderatorin der ARD-"Tagesthemen", initiiert Aktionen und schreibt regelmässige Kolumnen für die "Techniker Krankenkasse". Interessenkonflikte, wenn es um die Behandlung von Gesundheitsthemen geht, scheint sie nicht zu sehen (die ARD wohl auch nicht). Anne Will lässt sich den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ("Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.") mit einer Laudatio von Ursula von der Leyen überreichen. Honni soit qui mal y pense?

Man kann nicht durch ein Güllefeld waten und mit den gleichen Kleidern anschliessend ein Festbankett eröffnen. Da hilft auch die Nasenklammer nicht. Die ist nur Selbsttäuschungsinstrument. Aber die anderen riechen's eben trotzdem.

Die FAZ und ihre Kampagnen

Im Moment macht das neue Layout der FAZ mächtig Furore. Kommentare werden nun nicht mehr in Fraktur überschrieben und es gibt jetzt wohl täglich ein buntes Bild auf der Titelseite. Dies wiederum führt in anderen Zeitungen zu Kommentaren (und gelegentlich Häme) über den neuen Weg der FAZ. Und vielleicht entdeckt der geneigte Leser ja nach "Original und Fälschung"-Manier noch andere Kleinigkeiten.

Jens Jessen befand diese äusserlichen Änderungen vor einigen Wochen schon als "Normalisierung nach unten". Er meinte dabei das Niveau und seine Befürchtungen klangen sogar echt. Und irgendwie glauben wir doch alle, dass eine Lockerung des äusseren Erscheinungsbilds auch immer mit einer Lockerung der Sitten zu tun hat; hier: der Qualität.

Es gibt nun einen sehr schönen Vortrag von Gunther Nickel mit dem Titel Kein Einzelfall, abgedruckt im "Titel-Magazin", der akribisch anhand dreier von der FAZ massgeblich geführten Kampagnen belegt, dass es auch mit Fraktur und ohne bunte Bildchen schon Elemente des Boulevardjournalismus gab, die höchst zweifelhafte Urteile gebar. Leser wurden, so Nickels Urteil, tendenziös informiert und insbesondere die Journalisten Frank Schirrmacher und Hubert Spiegel kümmerten sich nicht um elementare journalistische Sorgfaltspflichten.

Es geht um die medialen Kampagnen gegen die Schriftsteller Martin Walser, Günter Grass und Peter Handke, die Nickel ausgewertet hat. Dabei ging es sehr schnell gar nicht um die literarische Qualität der beanstandeten Bücher (Nickel betont am Anfang die Notwendigkeit von Kritik und skizziert auch, wie die Schriftsteller selber versuchten, die Medien für ihre Zwecke zu nutzen), sondern es ging um die Schriftsteller selber (sozusagen ad hominem), denn im Mittelpunkt der medialen Auseinandersetzung stand […] ihre Integrität, die ihnen in Form von Kampagnen mit unlauteren Mitteln abgesprochen wurde.

Nickel kommt zu dem Ergebnis, dass mindestens Peter Handke moralisch gebrandmarkt worden ist: Die mediale Kampagne gegen ihn hat es vermocht, eine pejorative Urteilsbildung weithin und zu Unrecht durchzusetzen. Und das von Leuten, die seine Bücher gar nicht oder nur sehr oberflächlich gelesen haben.

Die Ausführungen Nickels sind ziemlich erhellend und dokumentieren schön, wie die FAZ ihre Diskursmacht einsetzt. (Ähnliches könnte man sicherlich auch für den "Spiegel" belegen.) Gleichzeitig wird deutlich, wie Medienkampagnen mit aufgebauschten Skandalen generell "funktionieren". Der Ausblick ist nicht gerade rosig – er gilt unbedingt unabhängig von der speziellen Betrachtung der FAZ: Skandaljournalismus dient […] der Kompensation des schwindenden Einflusses von Journalisten, und er fungiert zugleich als Marketinginstrument, das die Aufmerksamkeitsquote wenigstens hin und wieder ein wenig nach oben bugsiert, auch wenn sie dann immer noch mit keiner Fernsehshow in der Prime time mithalten kann.


AKTUALISIERUNG (Stand 09.10.07)
Auf die eher pomadige Antwort von Wolfgang Schneider wurde hier schon in einem Kommentar hingewiesen. Pomadig deshalb, weil er sich nicht der Mühe unterzieht, Nickels Punkte zu entkräften, sondern nur die geölte FAZ-Behauptungsschiene repetiert.

Wie gut, dass es da noch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gibt. Da versucht sich jemand als geistreicher Aphoristiker. Die Sentenzen sind kostbar, denn im Netz findet man sie nicht. Es ist auch nicht viel, was herausgegeifert kommt; die 2 Euro lohnen nicht. Und wie gut, dass es der Autor letztendlich vorzieht, anonym zu bleiben, denn seine zwanghafte Originalität neigt zur Peinlichkeit, wie man beispielsweise hier ablesen kann:
"Anderseits hat es so ein Literaturkritiker natürlich auch nicht leicht, der Kritiker muss all die zu kritisierenden Bücher lesen, und dann muss er auch mal Luft holen; und nachdenken, auch wenn das eine unpopuläre Forderung ist, sollte er eigentlich auch - und insofern schadet es kaum, dass manche Kritiker keine Zeit mehr finden, sich auch noch zu verbrüdern mit den Schriftstellern, die sie kritisieren sollen, und dass ein gewisser Gunther Nickel das anscheinend ganz anders sieht, müsste uns nicht unbedingt kümmern, wenn dieser Herr Nickel nicht, außer dass er Funktionär beim sogenannten Literaturfonds ist, auch auf Studenten, auf Literaturstudenten, losgelassen würde - und in diesem Zusammenhang lohnt es sich eben doch, auf einen Vortrag des Herrn Nickel einzugehen, welcher auch im Internet, im 'Titel-Magazin', nachzulesen ist; es ist schon insgesamt ein äußerst dürftiger Vortrag, in welchem, mal wieder, die These vertreten wird, dass die bekannten Schriftsteller Günter Grass, Martin Walser und Peter Handke, prominente Zeitgenossen also, welche, wann immer sie etwas zu sagen haben (oder das zumindest glauben), ein Mikrofon und eine Fernsehkamera finden, außerdem jedes Jahr mindestens zwei Preise bekommen – dass ausgerechnet diese weltberühmtesten Schriftsteller der deutschen Sprache die Opfer der Medien seien."
Tja, ein schöner, langer Satz. Und so sinnfrei. Da hat es offensichtlich ein Leitartikler auch nicht so leicht all das zu kritisierende zu lesen und – das scheint hier vollkommen gescheitert zu sein – nachzudenken. Fragt sich nur, wo denn das Nachdenken so unpopulär ist? Etwa in den Redaktionsstuben der FAZ, Herrn Schneider, Herrn Spiegel (oder dem Ex-Kombattanten Gustav Seibt)?

Dann kommt der Anonymus gleich zum wahren Kritikpunkt: Der Herr Nickel ist ein "Funktionär"! Und es kommt noch schlimmer – der Leser merkt jetzt, es stösst ihn mitten im Zentrum der sachlichen Auseinandersetzung: Der Herr Nickel "wird auf Studenten losgelassen". (Dieser Formulierung gefällt ihm so gut, dass sie im zweiten Satz gleich noch einmal wiederholt wird.)

Und das, ohne Herrn Schirrmacher (der natürlich kein Herausgeber ist und der nicht auf den ahnungslosen Leser "losgelassen" wird) und die anderen FAZ-Granden gefragt zu haben! Ohne Genehmigung durch das Politbüro des deutschen Konservatismus! Welche Anmassung von Herrn Nickel, einfach Bücher zu lesen und vielleicht noch – wo käme man da hin! – genau zu lesen. Da ist natürlich alles "Blödsinn", was zu anderen Ergebnissen als dem der Grossinquisitoren führt. Und da Walser, Grass und Handke "prominente Zeitgenossen" sind, darf man sie entstellen und verunglimpfen.

Warum flüchtet man in solche Dysphemismen? Warum so wenig Souveränität, Fehler einzugestehen? Könnte es damit zu tun haben, dass Gunther Nickel einfach in vielem Recht hat?

Kommentare hier...

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 19:39
Also über die Zugriffszahlen...
Also über die Zugriffszahlen kannst du dich wirklich...
Köppnick - 2008-05-13 17:26
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 13:47
Moderation - ja, jetzt...
Moderation - ja, jetzt fällt es mir auch wieder...
Köppnick - 2008-05-12 19:18
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 16:48
Was meinst du denn mit...
Was meinst du denn mit Moderation? Löschen kann...
Köppnick - 2008-05-12 16:30
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 13:37
Dialektik der Abklärung:...
Dialektik der Abklärung: Umrisse einer neuen Sicht...
Frank-C. Hansel (anonym) - 2008-05-10 12:24
Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58

...anderswo

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
begleitschreiben - 2008-05-13 19:39
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
begleitschreiben - 2008-05-13 13:47
Wie kann man denn ein...
Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?
kursiv - 2008-05-12 21:42
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
begleitschreiben - 2008-05-12 16:48
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
begleitschreiben - 2008-05-12 13:37

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