Literaturkritik in der Kritik

Zur Entbanalisierung des Bachmannpreises

Das Jahr 2009 erinnerte stark an 2006, als Katrin Passig in einem extrem schwachen Jahrgang reüssierte (was in einer beleidigten Attitüde umgehend dazu führte, dass man Novizen nicht mehr zuließ, sondern auf einer Publikation bestand). 2007 gab dann ein bisschen mehr her, aber im vergangenen Jahr rauschte das Niveau abermals nach unten (zumal man wirklich gute Beiträge auch noch aus Opportunitätsgründen verriss).

2009 ist nun mit fast neuer Jury abermals ein Tiefpunkt erreicht. Man fragt sich schon, wer eine Meike Feßmann als Jurorin auserkoren hat. Natürlich: Die Formalqualifikation stimmt und Frau Feßmann sagte ja auch wie eine brave Musterschülerin ihr angelerntes und angelesenes Wissen auf. Irgendwann teilte sie dann nur noch mit, ob ihr etwas gefallen habe oder nicht. Das füllt sie auch vollständig aus.

Paul Jandl hatte einige nette Aperçus zu bieten, etwa "hermeneutisches Gewichtheben" gegen Mangolds Versuch, angelesenes Wissen auf einen Beitrag zu stülpen oder sich selbst am nächsten Tag ob seiner Einschätzung des Prosastückes von Jens Petersen zu korrigieren und von einem "Freispruch in zweiter Instanz" zu sprechen.

Das waren dann schon fast die Höhepunkte einer ansonsten blassen Jury, in der zunächst einmal jeder seine vorbereitete Rede absonderte (ausser vielleicht Alain Claude Sulzer, der locker blieb). Nachher schmiss man sich noch ein paar Zitate an den Kopf; einfache Gemüter meinten daraufhin voreilig, die Jury "rede" miteinander. Es bedurfte eines Volker Hage im 3sat-Gespräch der zugab, er höre nur drei Juroren zu, die anderen schläferten ihn ein.

Tatsächlich war ja der Predigerton von Hildegard Keller schwer zu ertragen. Ijoma Mangold wollte mit lexikalischem Wissen glänzen, was peinlich war und nichts Gutes für dessen ZDF-Sendung ahnen lässt. Frau Fleischanderl passte von ihrem Anspruch überhaupt nicht in diesen Club hinein, aber man fragte sich wieso ausgerechnet sie diese "polit-moralische Erpressung" (Mangold zu Linda Stifts Erzählung) auswählen konnte. Burkhard Spinnen spielte ein bisschen den Übervater und verteidigte am Ende dann den Wettbewerb; aber er fand auch immer nur das Wort "Text".

Man weiss als Zuseher nicht genau zu sagen, was unerträglicher war: Clarissa Stadler als Moderatorin der Diskussionsrunde, die glaubte, ihre Kindergartenmeinung einbringen zu müssen und munter drauflos plapperte und zwanghafte Überleitungen konstruierte (und bei der Preisvergabe den Modus nicht durchschaute und vollkommen überfordert war) oder Eva Wannenmacher, die mit Andreas Isenschmid das Rahmenprogramm bei 3sat moderierte. Wie gut, dass letztere zwei Tage über Urheberrecht und Google schwätzten (und natürlich nicht vom Fleck kamen) statt über den Wettbewerb oder Josef Winklers Rede.

Der Wettbewerb verkümmert immer mehr zur bloßen Peinlichkeit. Wenn Mangold am Ende einen Beitrag als "liebenswürdigen Text" beschreibt, ist dies nur beim ersten Hinhören ein Lob; weiter gedacht wendet sich diese (eigentlich falsche) Formulierung sowohl gegen den Juror als auch gegen den Gegenstand der Kritik.

Dabei war fast alles "handwerklich gut gemacht". Aber warum lobt man eigentlich Selbstverständlichkeiten? Man stelle sich einen Koch vor, dessen Küche als "handwerklich gut" bezeichnet wird. Das bedeutet vermutlich nur, er hat die Speisen nicht verkocht oder angebrannt serviert.

"Handwerklich gut gemacht": Fehlerlos, gut beschreibend, aber risikolos, betulich, brav, steril - nicht mehr. Schreibschulgerecht. Nicht erzählend, sondern "aufzählend". Wo ist die Sprache, die Epik? Zuviel verlangt im Meer der Ereignislosigkeit? Zyniker scheinen das erkannt zu haben - ihr Katalog folgt anderen Kriterien (im letzten Jahr kamen sie auf den gleichen Preisträger wie die Jury). In ihrer "automatischen Literaturkritik" spiegelt sich nichts anderes als die Sehnsucht, das Unerfassbare normativ zu beglaubigen. Da ist es dann plötzlich relevant, ob von Nagetieren oder "uncoolen Einrichtungsgegenständen" die Rede ist. Wenn es keine Krücken gibt, nimmt man auch gerne herumliegendes Gehölz.

Eine Freundin, mit der ich seit vielen Jahren den Bachmannpreis verfolge, stellt über die Autoren zutreffend fest:
Das sind fast immer Leute, denen die Bücher schon in die Wiege geschmissen wurden und schon Akademikereltern haben und es irgendwie exotisch finden, wenn sie mal eine "richtige" Arbeit machen mussten, das steht ja dann immer gleich im Lebenslauf. Das Auswalzen der Lorbeeren etc. (wenn einer nur zwei Beiträge in Zeitschriften publiziert hat, steht "Publikationen, Auswahl", wenn einer einen winzigen Preis hat, steht ebenfalls "Auswahl"). [...] Und warum ist bei denen alles so eng? Der Arzt schreibt über Medizin, der Physiker über Physik, die Weltverbesserin über Migranten, und am schlimmsten, die, die gar nichts erlebt haben, schreiben über Schriftsteller.


Ja, tatsächlich – wenn die Entscheidung eines Hundes, ob er nach rechts oder links geht zu einem Spannungsmoment einer Erzählung wird, wenn eine Magenspiegelung ein einschneidendes Ereignis im Leben darstellt, die Schritte im Gras zur selbstreflexiven Geste aufgeblasen werden oder die morgendliche Rasur ein Tageshöhepunkt in der Krisenbewältigung darstellt - kurz: wenn die Erlebnis- oder Vorstellungswelt eines Schriftstellers derart "eng" daherkommt und nicht literarisch erweitert wird, muß etwas passieren, denn diese Literatur ist dann trotz tatsächlich handwerklichem Gelingen nur noch läppisch und wenn erwachsene Menschen diese läppische Literatur in irgendeiner Form noch verteidigen oder ihr Gutes abgewinnen wollen – dann sind auch die Urteile dieser Menschen nur noch läppisch.

Die Jury besteht inzwischen zum Teil nur noch aus drittrangigen Figuren – was sich natürlich sofort auf die Qualität der eingereichten Beiträge auswirkt. Sie wollen ebenso wenig etwas riskieren wie die Autoren (teilweise – was man entlastend anführen muss – weil sie an früheren Wettbewerben gesehen haben, was mit Beiträgen geschah, die etwas "riskierten"). Daher huldigen sie in vorauseilendem Gehorsam einem bequemen Zeitgeist. Statt Akzente zu setzen, hören sie auf die Akzentuierungen anderer.

Dieser Wettbewerb muß entbanalisiert und entritualisiert werden. Hier sieben Vorschläge für einen neuen Bachmannpreis:
1. Die Patenschaft für je zwei Teilnehmer pro Juror muß entfallen. Zugelassen werden nur Beiträge, die von einer anderen (im Idealfall anonymen) Jury vorgeschlagen werden. Die maximale Anzahl von Beiträgen wird auf zehn festgesetzt. Es gibt fünf (maximal sieben) Juroren.
Das Ränkespiel "schlägst Du meinen Teilnehmer – prügele ich Deinen Teilnehmer" (oder, noch schlimmer, das gegenseitige Loben) muss endlich aufhören. Falsche Rücksichtnahmen und taktisches Vorgehen entfallen mit der neuen Regel sofort.

2. Es dürfen nur Prosastücke eingereicht werden, die in sich abgeschlossen sind bzw. ein Hinweis darauf, dass das Stück ein Teil eines Romans ist, darf nicht ausgedrückt oder suggeriert werden.
Der dumme Einwand, es handele sich ja um ein Teil eines Romans, zählt nicht mehr. Kein Teilnehmer und Juror soll sich mehr auf das Zukünftige herausreden dürfen.

3. Am wichtigsten: Die Wettbewerbsbeiträge dürfen der zu entscheidenden Jury vorher NICHT zur Kenntnis gebracht werden. Es muß wieder das spontane Urteil gefragt sein, was durchaus im Laufe der Diskussion revidiert, abgemildert oder verschärft werden kann.
Viele Juroren zeigten sich, obwohl sie mehrere Tage Gelegenheit hatten die Beiträge zu lesen und ggf. nachzurecherchieren, schlecht vorbereitet und auch textunsicher. Die Regelung wurde zum Schutz der Jury vor einer Blamage des ersten Urteils eingeführt. Solche Rücksichten braucht man nicht mehr zu nehmen. Entweder wissen die Juroren, wovon sie sprechen oder nicht. Aufgesagte Statements sind entbehrlich. Außerdem beugt man Absprachen im Vorfeld vor.

4. Nach Abschluß aller Lesungen und Diskussionen gibt es am Samstag Nachmittag eine zusätzliche öffentliche Jury-Diskussion.
Die Juroren können hier ihr spontanes Urteil nach allen Lesungen öffentlich bekräftigen oder revidieren und dies ggf. begründen.

5. Die Videoportraits werden abgeschafft.
Die Autoren erklären, wie sie schreiben, warum sie schreiben, was sie tun, was sie nicht tun – oder veralbern das Medium. Für die Rezeption des eingereichten Textes ist das unerheblich. Viele Juroren hat dies in der Vergangenheit derart stark abgelenkt, dass sie aus dem Portrait Schlüsse gezogen haben, die unmittelbar nichts mit der Prosa zu tun hatten.

6. Ein/e Moderator/in mischt sich nicht in die Jurydiskussion ein sondern vergibt Wortmeldungen, koordiniert den Zeitplan und achtet auf die Wortmeldungen.
Moor und Stadler gehen nicht.

7. Es gibt nur noch einen Preis, der von der Jury vergeben wird – und einen undotierten Publikumspreis.
Der dritte Preis heisst nicht dritter Preis sondern "3sat-Preis". Der "Ernst-Willner-Preis" ist heuer der vierte Preis; davor war er immer der dritte, usw. Alles Etikettenschwindel. Es gibt nur einen Preis, der mit mindestens € 40.000 dotiert ist. Der Publikumspreis ist ein ideeller Preis. Um ihn vor Manipulationen zu schützen, sollte er undotiert sein. Zudem ist nicht klar, ob die Abstimmer alle Texte gelesen haben, was zwingend notwendig wäre.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden zu einer Belebung des Bewerbs führen. Ansonsten droht tatsächlich in den nächsten Jahren der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Wer das nicht glaubt, lese sich die Preisträgerliste einmal durch und vergleiche dann. Womit nichts gegen Jens Petersen, den Preisträger von 2009, gesagt sei. Er war aber (mit Gregor Sander) nur der Einäugige unter den Blinden.

"Wirbelsturm in der Teetasse" oder: Was die F.A.Z. nicht mehr online stellt

Der Germanist Alan Keele stellte neulich fest: Walter Kempowski hatte aus persönlichen Gründen in den Jahren 1947/48 Kontakt mit dem amerkanischen Geheimdienst CIC. (s. auch "Enthüllungsgeil") Keele betonte, dass dies keine sensationelle Enthüllung sei, sondern nichts mehr als eine Fußnote, wenn auch eine interessante. Der F.A.Z.-Redakteur Edo Reents machte daraus eine Sensation mit dem effekthascherischen Titel "Walter Kempowski war doch ein Spion".

Zunächst hatte die F.A.Z. das Interview mit Keele, welches Reents' "Sensation" schon relativierte, ins Bezahl-Archiv verbracht. Reents legte einige Tage später in einem Artikel nach und suggerierte immer noch eine "spektakuläre" Enthüllung.

Der Germanist Dirk Hempel verfasste daraufhin einen geharnischten Widerspruch, der ebenfalls in der F.A.Z. und faz.net publiziert wurde. Keele fühlte sich in diesem Artikel nicht nur missverstanden sondern offensichtlich auch verunglimpft und verfasste nun seinerseits eine Widerrede, in der er die Lage mit Belegen zurechtrückte.

Diese Gegenrede, die auch einige Details von Kempowskis Tätigkeit beleuchtet, wurde von der F.A.Z. nicht mehr als eigenständiger Artikel veröffentlicht, sondern als (gekürzter) Leserbrief. Damit steht er (ausser den Abonnenten der F.A.Z.) im Netz nicht kostenlos zur Verfügung. (O-Ton Keele: "I just paid two euros and read it. it's shorter but ok.")

Dies soll alleine schon aus Gründen der sauberen Dokumentation nachgeholt werden. Hier also nun Alan Keeles Stellungnahme (von ihm autorisiert).


Wirbelsturm in der Teetasse

von Alan Keele, Provo (UTAH), USA

Ich bin ehrlich gesagt, sehr überrascht, dass Professor Dirk Hempel mich in der F.A.Z. so heftig angreift, ohne meinen Vortrag in Rostock gehört zu haben (wo keine der anwesenden Germanisten daran den geringsten Anstoß zu nehmen schienen) und anscheinend ohne das Geringste von der Fülle der CIC-Akten zu wissen, um die es sich in der Sache Walter Kempowski handelt. Jeder hat natürlich das Recht auf seine eigene Meinung, aber kein Recht, seine eigenen Tatsachen frei zu erfinden. Herr Hempel hat in seiner Tirade gegen mich so viele empirisch widerlegbare faktische Fehler begangen, dass eine komplette Aufzählung dieser Fehler mir fast wie eine Art Beihilfe zu Rufmord vorkäme. Hätte mich doch Herr Kollege Hempel mindestens vorher kontaktiert und sich und mir das alles erspart! Aber wir wollen den eigentlichen Tatsachen in der Reihenfolge nachgehen, wie sie in Professor Hempels Artikel meist in der Form von Unwahrheiten vorkommen.

Die köstlichste Ironie fällt gleich am Anfang. Der von mir in Gang gesetzte Mechanismus "erinnere [wen wohl?] an die Plagiatsaffäre aus dem Jahr 1990, als der 'Stern' Kempowski als Abschreiber denunzierte". Obwohl von den großen Zeitungen des Landes entkräftet [stiller Vorwurf an die FAZ von heute?]: "Hängen blieb doch etwas". Ohne zu begründen, wie mein Vortrag mit dem Plagiatsvorwurf im Geringsten zu vergleichen sei, hat hier Professor Hempel genau die Schlammschlachttaktik angewandt, die er verwerfen will: Die Frage nach der Spionagetätigkeit von Walter Kempowski soll gleich am Anfang seines Artikels mit dem damaligen Plagiatsvorwurf verglichen werden, damit etwas doch hängen bleibt, und zwar bei mir.

Tut mir leid, Herr Hempel, der Vergleich hinkt nicht nur, er geht gar nicht. Erstens war mein Vortrag überhaupt kein Vorwurf an Walter Kempowski, der bis zuletzt mein guter Freund war. Zweitens steht in den Akten des CIC tatsächlich Informationen, die nicht geschummelt ist, sondern die ein wenig mehr Licht auf das künstlerische Schaffen von diesem großen Schriftsteller werfen. Es ist nicht aus der Luft gegriffen und ist auch gar nichts Negatives für Kempowski darin, im Gegenteil. Außerdem kannte Walter Kempowski seit mehreren Jahrzehnten den Inhalt der CIC-Akten - ich hatte ihm damals einen Ausschnitt daraus geschickt - und war es allem Anschein nach wohl zufrieden; er hat sie nie als etwas Alarmierendes empfunden. Ich verstehe beim besten Willen nicht, warum ausgerechnet Professor Hempel nun so alarmiert um den Ruf Walter Kempowskis ist. Das ihn das Wort Spion so kränkt!

Aber jetzt wenden wir uns diesen Akten zu, von welchen es bei Hempel heißt, sie würden von mir nun als "Sensation präsentiert". Genau das Gegenteil ist wahr. Ich habe immer behauptet, dies sei alles höchstens einer Fußnote wert, allerdings einer sehr interessanten. Hempel mahnt obendrein genaues Lesen und eine richtige Wiedergabe ihres Inhalts an, als hätte ich sie nicht genau gelesen und dabei irgendwie geschummelt. Dann behauptet er sogar, es handele sich gar nicht um Akten im eigentlichen Sinne, sondern um "ein schmales Memorandum, das zwei Schreibmaschinenseiten umfasst". Ich sitze jetzt an meinem Schreibtisch und messe mit meinem DAAD-Lineal den Stoss nach, den ich mir damals aus Maryland habe zukommen lassen (und die seit letzter Woche auch in den Archiven in Rostock und Berlin residieren). Es sind 2,5 cm. Meine Sekretärin hat freundlicherweise mal schnell nachgezählt -- es sind genau 195 Seiten. Es gibt darunter natürlich Ballast, aber zwei Seiten? Ein Memorandum? Es gibt eine ganze Menge Memoranda, jedes interessanter als das andere, woraus klar hervorgeht, dass Walter Kempowski über den Zeitraum von DREI Monaten, Dezember, Januar und Februar ['47-'48] zum CIC ging. (Wie kommen Sie wohl auf ZWEI Monate, Herr Hempel?) In den Romanen heißt es, Kempowski wäre nur einmal, im Dezember, dort gewesen.

Da erteilt mir der Kollege aus Hamburg einen Nachhilfeunterricht, wohl weil wir Amerikaner, auch wenn sie Germanisten sind, anscheinend sehr, sehr dumm sind? "Muss man ihn [Keele]" fragt Professor Hempel herablassend, "wirklich an den Unterschied zwischen Autor, Erzählerinstanz und literarischer Figur erinnern?" Er holt dann das Kempowskiwort, das der Deutschen Chronik vorausgeht, "Alles frei erfunden!" an den Haaren herbei. (Kann man das Vorwort wirklich so ohne alle Ironie lesen, Herr Hempel?) Ich bin doch selber eine Romanfigur von Walter Kempowski (nämlich Prof. Flower in "Letzte Grüsse"), habe also ein kleines bisschen Gefühl für den Unterschied zwischen Romanfigur und historischer Person. Außerdem handelt es sich bei der Deutschen Chronik um die Gattung "Faction" (Fakt + Fiktion) denn eben das hat mich nämlich Anfangs gereizt, feststellen zu wollen, wo die Grenzen so zwischen Dichtung und Wahrheit hier liegen und dafür Akten heranzuziehen, von denen Kempowski selber beim Schreiben der Romane nicht wusste, dass sie existierten. Es ist z. B. interessant festzustellen, dass Walter Kempowski nicht wie in den Romanen behauptet schon Frachtbriefe im Koffer hatte, sondern nach mehreren Besuchen bei dem CIC über einen Zeitraum von drei Monaten dann bereit war wieder nach Rostock zu reisen, um sich welche zu besorgen.

Hier wird's eigentlich interessant, denn die Hauptfrage ist am Ende die, ob Kempowski tatsächlich für das CIC auf Spionagemission aus war. Herr Hempel scheint sich auf ein einziges angeblich zweiseitenlanges Memorandum zu beziehen (und das er wohl von Kempowski selbst hatte, denn ich hatte Walter ja damals ein paar zugeschickt), in dem es in der Tat heißt, Kempowski fahre nicht im Auftrage des CIC wieder nach Rostock. Aber wer mich auf dem Symposium in Rostock aus diesem Memorandum zitieren hörte, wird wie ich der Meinung sein - ich habe mich da in der eigenen Rede unterbrochen und die Zuschauer gleich gefragt, was sie dazu meinen; alle schienen mir zuzustimmen - dass es sich in diesem einen Memorandum um ein erlogenes Dementi handelt, das erst nach der Verhaftung der Kempowskis in Rostock geschrieben wurde, meines Erachtens in der ehrwürdigen amerikanischen Militärtradition von "cover your ass", denn (mit Shakespeare zu reden) "me thinks he doth protest too much", nämlich der Autor des Memorandums, ein gewisser Fritz Weinschenk, der dieses Memorandum genau so schreibt, als stünden Leute von seinem Legal Department an seinem Ellbogen. Der Sinn liegt in der Versteigerung aller Dementis.

Da muss man sich einfach selber davon überzeugen, dass dieses Memorandum im Nachhinein geschrieben wurde, um das CIC vor seiner Verantwortung der verhafteten Kempowskis gegenüber zu beschützen. (Außerdem sprechen die anderen Indizien alle dagegen, dass Kempowskis Arbeit für das CIC laut Hempel "wertlos" war: der Job im "Schlaraffenland" PX-Commissary, Unterkunft im Hotel Prinz Nickolaus in Wiesbaden, der Besuch des CIC-Mannes in Rostock - siehe unten - , Kempowskis mir gegenüber erwähnten Sorge, diese Akten könnten seinem Bruder schaden, die heftige Warnung Seitens seines Freundes (und vermutlich Doppelagenten Fritz Lejeune/Hans Siegfried) ja nicht nach Rostock zu fahren, und dass dieser selber im letzten Augenblick auf die Fahrt verzichtete - das konspirative Treffen mit Lerche/Merk auf dem Hopfenmarkt - "Hast DU schon was?" usw.) Aber hier anbei die betreffende Stelle aus dem letzten Weinschenk-Memorandum:

"Kempowski offered to obtain general information in Rostock, which he intended to re-visit. He was told that any effort he made to collect information in the Soviet zone would be done on his own initiative and that he would not be considered as on assignment from this office nor connected with this organization in any way. Subject departed with this understanding and left Wiesbaden about 25 February, 1948".

Hempel behauptet weiter, aus den Akten gehe nicht hervor, ob Kempowski schon bei seinem ersten Besuch dem CIC Frachtpapiere übergab. Doch, doch, Herr Hempel, es geht ganz klar daraus hervor, dass er keine Frachtbriefe hatte (anders als in den Romanen behauptet wurde). Das hat Kempowski mir nachher sogar in einem Brief konstatiert: "Ich hatte keine Frachtbriefe; ich wollte sie verschaffen." Dazu schreibt Hempel sehr blauäugig: wenn es keine Frachtbriefe gegeben hätte, "Kempowski hätte also buchstäblich gar nichts getan, dem Geheimdienst wirklich nichts geliefert ... Und als Ergebnis bliebe nicht mehr Spionage, sondern im Gegenteil noch weniger." Hier muss man etwas raffinierter darüber nachdenken, als Hempel das tut: Wenn Walter so mir nichts dir nichts einige Frachtbriefe gegen einen Job ausgetauscht hätte, wie es in den Romanen steht, dann passt das Wort Spion vielleicht doch nicht zu ihm. Wenn er aber nochmals nach Rostock fährt und sich sofort konspirativ mit dem Merk/Lerche auf dem Hopfenmarkt trifft und seinen Codenamen (Pro-Re III) erhält ("Hast DU schon was?"), dann sieht das anders aus.

Und was sagt Herr Hempel von dem Besuch in Rostock nach der Verhaftung von Robert und Walter (bei der noch nicht inhaftierten Mutter) von dem CIC-Mann Katzberger/Okey im Trenchcoat (Kempowski schrieb mir auch in einem Brief, dass dieser Mann tatsächlich in der Kempowskiwohnung erschien und Okey bzw. Oky hiess) der nach Walter schauen wollte, weil er in Rostock Frachtbriefe verschaffen wollte und man da in Wiesbaden nichts mehr von ihm höre? Oder was es bedeutet, wenn Walter schreibt: "Im Morgengrauen holten sie mich aus dem Bett. Zwei trugen Lederjacken. Da hast du was zu melden, wenn du wieder rüberkommst, dachte ich." (Wem wohl melden, wenn nicht dem CIC?) (Ich rede hier ja erst gar nicht von den Verdachtsgründen der Russen, z.B. von dem Dolmetscher, welcher bei der Verhaftung den von Walter gerade angefangenen Brief in der Schreibmaschine sah -- "'Lieber Fritz!' stand da darauf" und sofort sagte: "Aha! Fritz Lejeune in Wiesbaden. Der wusste ganz genau Bescheid.")

Hempel fragt, warum Kempowski im Romanwerk überhaupt Änderungen von der eigentlichen Wahrheit vornehmen würde und wirft eine sehr frivole Antwort in die Luft: "Wollte er seinen Romanhelden etwas heroischer erscheinen lassen und so einen Grund für die darauf folgende Haft im Zuchthaus Bautzen liefern?" Die Frage -- warum schreibt er das anders? -- ist für mich auch äußert interessant und einer raffinierteren Antwort würdig. Ich habe zwei Antworten darauf: zum einen wollte Walter beim Romanschreiben seinen Bruder Robert vor weiteren Unannehmlichkeiten beschützen, denn Robert hatte damals nach seiner Entlassung auf die Frage, ob er je zu einem westlichen Geheimdienst Kontakt hatte "Nein" geschrieben und bekam aus Bonn jede Menge Reparationsgeld. Walter hatte dagegen genau acht Monate früher auf demselben Formular auf Seite 23 unten links naiv "Ja" geantwortet, was ihn viel Geld kostete. Aus eben diesem Grund hatte mich Walter schon 1981 gebeten, auf eine Veröffentlichung dieser CIC Sachen in Deutschland bis nach seinem Tod zu verzichten. (Aber ich bitte dabei zu bedenken, was Walter mit seiner Bitte an mich auch vielleicht ungewollt und unausgesprochen zum Ausdruck brachte: Wenn da tatsächlich kein Kontakt gewesen war, besonders Seitens des Bruders, mit dem CIC, wozu seine Sorge, der Bruder käme vielleicht in Schwierigkeiten? Wenn das "Nein" keine Notlüge war, wozu die große Sorgfalt?)

Meine zweite Antwort auf die Frage "Warum?" ist literarischer Natur und ginge hier wohl viel zu weit. Ich glaube aber, kurz ausgedrückt, die Kempowskis sollen in der Chronik eine Art Jedefamilie, Walter eine Art Jedermann werden. Was ihnen in den Romanen passiert ist, hätte damals praktisch jeder deutschen Familie passieren können, das zeigen die Romane. Aber nicht jeder ging dann mehrmals zum CIC und kehrte wieder aus Wiesbaden nach Rostock zurück und wollte Frachtbriefe beschaffen. Das ist schon Spionage, mindestens Vorbereitung zur Spionage, tut mir leid, ich kenne kein besseres Wort dafür, aber es ist ja auch beileibe kein Vorwurf an Walter Kempowski, geschweige denn eine Verdammung.

Klar feststellen möchte ich zuletzt: ich glaube nicht, dass Kempowski seine Haftzeit verdient hätte, um Gotteswillen, Herr Hempel, wie kommen Sie darauf, mir solchen Blödsinn unterbinden zu wollen: "Mit Recht zu fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt?" Hempels Geistesausscheidungen nach hätte ich nichts weniger als "die brutale Willkürjustiz eines totalitären Besatzerregimes nachträglich legitimiert." Wie kommen Sie auf sowas? Die CIC-Akten legen lediglich dar, dass Walter mit dem CIC zu tun hatte, was auch in den Romanen steht, allerdings in leicht geänderter Form. Ich kenne leider kein anderes Wort dafür als Spionage. Hätte ich Opportunist mit Spionageauftrag schreiben sollen? Wo soll die Semantik aufhören? Er war, wie ich in dem Interview ausdrücklich sagte, kein James Bond, hatte keinen Aston Martin, nicht einmal einen Trenchcoat. Hempel schreibt, Kempowski habe nie auf der Gehaltsliste des CIC gestanden. Kann sein. (Woher will das aber Hempel so genau wissen?) Also war er kein bezahlter Spion? Was macht man aber in dieser Hinsicht aus dem Commissary-Job? War das, besonders damals in der Saueregurkenzeit, keine Bezahlung?

Zum Schluss muss ich mich fragen, wie mein lieber Freund Walter Kempowski selber zu alledem äußern würde, wenn er noch lebte. (Frau Hildegard Kempowski hatte neulich jedenfalls nichts Alarmierendes geäußert, als wir zweimal zusammen in Rostock den schönen Spargelgerichten zusetzten und sogar nach dem letzten Essen mit mir und zwei Kollegen Carla Damiano und Daniel Gilfillan nach Warnemünde zum Spazieren mit dem lieben Hund Lilly gefahren sind.) Ich glaube, Walter würde zuerst einmal verschmitzt lächeln, denn so ein Wirbelsturm kann ja seinem Ruf wie auch wohl dem Umsatz seiner Bücher kaum schaden. Außerdem wäre er heilfroh, wie ich ihn kannte, dass sich ENDLICH die Germanisten mit ihm befassen, auch wenn es sich diesmal um einen Wirbelsturm in der Teetasse handelt. Wie isses nun bloß möglich!

Ähnliches hat Alan Keele übrigens – auch als Leserbrief – an den "Spiegel" geschrieben.

Enthüllungsgeil

Edo Reents hat viel Schnaps getrunken und mit einem Professor eine gar tolle Enthüllung präsent: Walter Kempowski war ein Spion! Eine "Bombe" erkennt der offenbar nicht ganz trinkfeste Redakteur da und "spektakulär" schallt es aus den Feuilleton-Stuben (insbesondere der FAZ), die in ausgleichender Gerechtigkeit jetzt endlich auch einmal einen Nicht-Altlinken dekonstruieren möchte. So ganz neu sei das alles nicht sagt dann der Professor im sinnigerweise lange ins Bezahlarchiv gesteckten Beitrag, der sich beim genauen Lesen schon als Rohrkrepierer erweist (Gespräch mit Alan Keele ["Das geht ja aus den Romanen selbst hervor"]).

Der Nachklapp von heute will die taumelnde Mücke noch ein bisschen aufpeppen und behauptet noch einmal trotzig eine Banalität: Walter Kempowski hat in seinen Romanen nicht immer die Wahrheit geschrieben!

Was kommt als Nächstes? Hat Bruce Chatwin Patagonien in Wirklichkeit gar nicht besucht? Welche Stasi-Akte wird als Nächstes zusammengepuzzelt? Und: Hätte Thomas Mann heute Kinderpornografisches auf seinem Computer?

Was ist das eigentlich für eine Literaturkritik, die für ihre Fehlinterpretationen den Schriftsteller noch nachträglich haftbar macht? Was sind das für Redakteure, die interessante Details zu Enthüllungen aufblasen und die Boulevardisierung des Feuilletons mit ihren affektierten Superlativen forcieren?

Zur unseligen "Fotoreporter"-Kampage der "Bild" hatte vor einigen Jahren Stefan Niggemeier die Idee, den Urheber der Kampagne mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen (mit mässigem Erfolg). Vielleicht gibt es aber irgendwann einmal die moralinsauren Reportagen über die enthüllungsgeilen Pseudo-Feuilletonisten. (Nicht, daß mich das interessieren würde. Es wäre eher aus hygienischen Gründen.)
Ergänzung 05.05.09: Professor Keele nimmt Stellung zum publizistischen "Strudel".
Noch eine Ergänzung 08.05.09: Dirk Hempel widerspricht energisch - auch in der FAZ.
Jetzt ist damit Schluß. Versprochen. Sorry, vermutlich nicht...

Der Sprung ins Dunkle

Der Sprung ins Dunkle   Karikatur von 1867Als Benjamin Disraeli (getrieben von William Gladstone) im Jahr 1867 im sogenannten "Reform Act" im britischen Unterhaus eine Reform durchsetzte die eine soziale Öffnung des Wahlrechts bis weit in die Arbeiterklasse hinein vorsah (vom freien und allgemeinen Wahlrecht heutiger Zeit allerdings noch weit entfernt), war die Empörung im viktorianischen England insbesondere beim klassenbewussten Adel aber auch in der Publizistik gross. Ein "Sprung ins Dunkle" war noch fast die freundlichste Beschreibung dieses als ungeheuerlich eingestuften Vorgangs. "Arbeiter" wurde übersetzt mit "Masse" – und "Masse" und "Pöbel" galten synonym. Konnte man ernsthaft die Geschicke eines Landes in die Hände der Masse geben?

Das Unbehagen an der Masse hat die westliche Geistesgeschichte bis heute nicht ganz verlassen; es handelt sich um einen uralten Topos. Der Bogen kann von Platon über den Vormärz bis Heidegger und Elias Canetti gespannt werden – unterschiedlicher könnten die allesamt der Massenkultur gegenüber skeptischen bis ablehnenden Denker kaum sein (sieht man von den Denkern ab, die die Masse in ihrem Sinne formen bzw. manipulieren wollten).

Höhepunkte dieser Form der Kulturkritik sind immer dann zu beobachten, wenn sich Veränderungen in der Gesellschaft hin zu einer grösseren Partizipation der Massen ergeben. Die Geschichte hat gezeigt, dass es bei aller berechtigten Kritik und durchaus relevanten Vorbehalten gegenüber Massengesellschaften den Kritikern meist primär zunächst um den drohenden Verlust der eigenen Privilegien ging. Das war natürlich niemals Bestandteil ihrer Kritik. Diese äusserten sie meist mit emphatischer Rede garniert mit apokalyptischer Untergangsrhetorik und in appellativem Gestus.

"Seltsame Morgenröten"

Hat man dieses ein bisschen komprimierte Bild vor Augen, stellt man fest, dass sich an den Grundmustern dieser Restaurationsmetaphorik bis heute nicht viel verändert hat: So wird zum Beispiel seit Jahren in Deutschland erbittert darüber diskutiert, wie das Internet unsere Wahrnehmung der Welt verändert und welche Folgen dies hat. Wie immer gibt es Visionäre, die in der Möglichkeit, dass jeder seine Sicht der Dinge beispielsweise in Weblogs oder auf Webseiten (fast) ungehindert darstellen, als "Demokratisierung" der Gesellschaft feiern. Und es gibt andere, die hierin mehr oder weniger den Untergang des Abendlandes sehen.

Gregor Dotzauer ist Literaturkritiker und hat vor einigen Tagen den Alfred-Kerr-Preis 2009 bekommen. Dass Preise auch immer etwas Selektives haben (man hat sich unter einer bestimmten Auswahl durchsetzen können), merkt man häufig den Dankesreden der Preisträger an. Sie sind in eine Art Zirkel aufgenommen, lassen andere Preisträger Revue passieren, schmücken sich mit ihnen, knüpfen an den Namensgeber an - kurz: Preisvergaben haben etwas von modernen Initiationsriten.

In diesem Sinne fühlt sich wohl auch Dotzauer jetzt endlich aufgenommen in das (virtuelle) Haus der (im wörtlichen Sinne) ausgezeichneten Literaturkritiker. In seiner Rede widmet sich Dotzauer der Stellung der Literaturkritik und stimmt in das raunende Parlando der Branche ein. Diese sieht die seriöse Literaturkritik in Gefahr, gar am einem Wendepunkt. Scheinbar sieht es doch so gut aus:
Denn Woche für Woche finden sich in unseren Zeitungen die lebendigsten, gründlichsten und pointiertesten Auseinandersetzungen mit Büchern, die einem die Notwendigkeit von Literatur vor Augen führen. Die Kritik steht also scheinbar blendend da, ihre Vertreter sitzen wie eh und je teils hoch zu Ross – doch ringsherum zittert und wankt die journalistische Erde. In einem Land, das Dutzende von hervorragenden Literaturkritikern besitzt, bewegen wir uns in einer Nacht der reitenden Leichen, während am Horizont seltsame Morgenröten aufziehen.


Wer jetzt denkt, Dotzauer rekurriert auf Auswüchse, die sich in den Feuilletons insbesondere jedoch in der Literaturkritik in den Massenmedien immer mehr abzeichnen, der irrt. Zwar greift er den gelegentlich praktizierten Oberlehrerton mancher Kritiker an, aber schnell hat er den wahren Schuldigen ausgemacht, der natürlich nicht innerhalb des Betriebs zu suchen ist (man beschmutzt nicht das eigene Nest – insbesondere bei einer Preisverleihung), sondern kommt natürlich von aussen:
Im Licht der am Horizont aufziehenden Morgenröten marschieren seit Jahren Heere von Amateurexperten, die sich auf den Websites ihrer Lieblingsbuchversender über ihre Lektüreerlebnisse auslassen. Sie kommentieren in Blogs, was sie aufgewühlt und was sie kalt gelassen hat. Das alles hat seinen Sinn für das unverzichtbare Fortbestehen eines Gesprächs über Bücher, wenngleich es der Substanz nach oftmals Unsinn ist. Mit der Demokratisierung allen Wissens schreitet jedenfalls zugleich die Demokratisierung des literaturkritischen Gewerbes voran. Es geschieht dies in der ganzen Ambivalenz einer Entwicklung, die es der lesenden Basis einerseits ermöglicht, den literaturkritischen Mandarinen einmal die Meinung zu sagen, andererseits in der Masse und Formlosigkeit, mit der sie unsere Aufmerksamkeit beansprucht eine Vergleichgültigung aller Inhalte herstellt, in der sich die mögliche Autorität schriftlicher Äußerungen selbst verschlingt – als gäbe es, wenn nicht objektive, so doch intersubjektiv gültige Maßstäbe für die Qualität von Texten.


In Wirklichkeit ist alles noch viel schlimmer, aber wir haben es nur noch nicht gemerkt.. Die so hoch gelobte deutsche Literaturkritik muss errettet werden. Dotzauer sieht sich als deren Retter und vergleicht sich mit dem Airbus-Piloten, der auf dem Hudson-River landen konnte.

Der tatsächlich an Literatur Interessierte ist ein "Verrückter"

Also nicht die marktschreierischen Heidenreichs, die bücherzerreissenden Reich-Ranickis, die Bestseller-wegschleundernden Schecks oder devoten Radiofeuilletonisten machen der Kritik den Garaus und verwässern sie, sondern die "Stümper" aus dem Internet sind Schuld. Denn dass inzwischen so viele Schreihälse und Phrasendrescher unterwegs sind, hat sicher auch damit zu tun, dass sie sich nur so gegen das allgemeine Netzgemurmel durchsetzen zu können meinen. Diskurshoheit, weiss Dotzauer, ist auch eine Volumenfrage. Ja, klar. Welches Volumen denn? Die Zeitungsauflagen im Vergleich zu den Klicks von Literaturblogs? Die Verbreitung der Massenmedien (zu denen auch noch Zeitungen zählen) im Verhältnis zu Internetpublikationen, kann man an der ins Netz "ausgewanderten" Elke Heidenreich sehen. Herr Dotzauer, lächerlicher geht's nimmer.

Und welche Substanz ist gemeint? Etwa die, dass die meisten Kritiker fast nur noch dröge Inhaltsangaben der Bücher abliefern, ohne sie in einen Kontext zu setzen, geschweige denn ein literarisches Urteil abzugeben? Hinzu kommt ja, dass es selbst bei Inhaltsgaben oftmals derart gravierende Fehler gibt, dass man sich fragt, ob bzw. wie der Rezensent das Buch überhaupt gelesen oder nur mit einem Wischzettel des Verlags und Stichproben Vorlieb genommen hat. Kein Wunder, dass die Leser wie weiland in der Heimwerkerbewegung die Angelegenheit inzwischen lieber selber in die Hand nehmen.

Warum man so oft das Gefühl hat, der sich in den Vordergrund stellende Kritiker sei nur noch der verlängerte Arm der Thesen des Autors – diese Frage kommt Dotzauer nicht in den Sinn. Freilich, auch wo es noch nach Druckerschwärze riecht, gibt es, vertrauen Sie meiner Erfahrung, trübe Tassen, wird heiter ergänzt (und wir wissen natürlich wovon er redet, denn als Leser hat man mit diesen trüben Tassen ja durchaus seine Erfahrungen gemacht). Und für den Leser von ausländische[n] Zeitschriften ist das Internet, so "Vertrauen-Sie-mir-Gregor" was ganz Tolles. Vermutlich muss die Mehrzahl der Zuhörer Dotzauer tatsächlich vertrauen, denn ihre Internetkenntnisse dürften sich etwa auf dem Stand der DSL-Verbreitungsrate eines afrikanischen Entwicklungslandes befinden.

Keinen billigen Kulturpessimismus will der Redner verbreiten - aber wir befinden uns an einem journalistischen Wendepunkt. Diesen Wendepunkt sieht Dotzauer kaum als Herausforderung oder gar Chance, sondern eher als Bedrohung. Daran ändert auch seine lobende Erwähnung von "literaturkritik.de" nichts, denn Dotzauer mutmasst (vermutlich korrekt), dass man hinter den verschlossenen Türen der Chefredakteure und Geschäftsführer längst beschlossen hat diese Verrückten, die Literatur als gesellschaftliches Überlebensmittel betrachten lieber in ihren Ghettos bleiben zu lassen.

Sicher: Es gibt sie noch, die Literaturkritiker, von denen der Leser tatsächlich über das Buch erfährt und von dem man etwas lernen kann. Und es gibt natürlich auch unter Amateurexperten Deppen und Demagogen. Aber verunglimpft man deshalb so pauschal? Und wie war das früher als das Lesen von "Büchern" von wissensdurstigen Kindern als Teufelszeug galt? Heute schüttelt man den Kopf über diesen Paternalismus und startet kostspielige Lesekampagnen.

Kulturkampf gegen das Web 2.0?

Am Ende seiner Rede singt dass Dotzauer das todtraurige Lied vom Ende der Zeitungen. Dabei erhebt er sich und seine Kollegen immer weiter in den Olymp und übt sich als Kunst- und Kulturverteidiger. Wie schön, dass man für die eigenen Versäumnisse mit gewohnter arroganter Attitüde immer einem anderen die Schuld geben kann.

Scheinbar funktioniert die Schublade des "Stümpers" und "Pöbels" noch. Der selbsternannte Qualitätsjournalismus rettet sich zusehends in Beschimpfungen und einseitigen, pauschalen Angriffen. Das Pfeifen im Wald wird also lauter. Stefan Niggemeier spricht sogar von einem "Kulturkampf gegen das Web 2.0" und er zitiert den "Stern"-Redakteur Gerd Blank (der – natürlich! – vom "Pöbel" spricht) und "WamS"-Chefredakteur Thomas Schmid. Beide prangern nicht den teilweise ekelhaften Pseudojournalismus im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Winnenden in den gängigen Massenmedien an, sondern kaprizieren ihre Kritik auf das Medium Internet. Ihre Äusserungen haben verdächtig viel von dem, was sie anderen vorwerfen: Sie sind pauschal, von wenig Sachkenntnis geprägt und teilweise hanebüchen.

Fabjan Hafner: Peter Handke - Unterwegs ins Neunte Land

Fabjan Hafner   Peter Handke unterwegs ins Neunte LandMit seinem Buch "Peter Handke – Unterwegs ins Neunte Land" möchte Fabjan Hafner aufzeigen, dass das Slowenische bei Peter Handke mehr als nur eine Beschäftigung mit seinen Ahnen ist, sondern nichts weniger als ein Lebensthema , ja der Generalbaß im Gesamtwerk des Dichters. Slowenien ist Sehnsuchtsort, (s)ein Utopia sui generis und bukolisches Traumland. Die gesamte mütterliche Verwandtschaft Handkes gehörte der Minderheit der Kärntner Slowenen an. Besonders der Grossvater, Gregor Siutz (slowenisch: Sivec) und dessen gleichnamiger Sohn sind Lichtgestalten in Handkes Kindheit und Jugend und bleiben darüber hinaus prägend.

Hafner betont zwar wiederholt, dass Handke selber eine biografische Deutung seiner Erzählungen (insbesondere seiner Slowenien-Rekurse) ablehnt, konzidiert dann jedoch, dass die lebensgeschichtliche Lesart…ergiebiger sei als die intertextuelle. 1942 wurde Peter Handke in Altenmarkt (bei Griffen) in Südkärnten geboren. 1944 geht die Familie nach Berlin (in den Ostteil der Stadt); Handkes Stiefvater (es stellte sich für Handke erst später erst heraus, dass es sein Stiefvater war) kam aus Berlin. 1948 zurück, hat der kleine Handke das Slowenische vollkommen vergessen und spricht "hochdeutsch", was im Dorf als abgehoben empfunden wird. Er kann sich mit den Einheimischen, wie auch dem Grossvater nur schlecht verständigen; ihren Dialekt versteht er nicht. Hieraus rührt – so Hafner – Handkes generelle Ablehnung des Dialekts gegenüber. Die Familie ist in mehrfacher Hinsicht "am Rand", der junge Handke doppelt unzuhause: Geografisch bewohnt die Familie einen Hof am Dorfrand; es sind "einfache Verhältnisse". Gesellschaftlich sind sie Kärntner Slowenen, also eine Minderheit, andererseits stammt der Mann der Mutter aus Deutschland. In der Familie dient (wie auch unter den "österreichischen Kärntnern") das Slowenische als eine Art Geheimsprache.

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"Du hast eine gute Stimme" oder: Versuch wider die Hochmütigen

Plädoyer für den Leserkritiker

1968 schreibt der damals 25jährige Schriftsteller Peter Handke über Marcel Reich-Ranicki (#1):
Reich-Ranicki kann man mit Einwänden nicht kommen: er kennt die alte List, sich dumm zu stellen, weil er nicht argumentieren kann (und er ist nie fähig zu argumentieren, er äußert sich nur mit kräftigem rhetorischem Gestus). »Ich gestehe«, leitet er dann in der Regel seine Sätze ein. Nachdem er aber seine Verständnislosigkeit eingestanden hat, zieht er über das Nichtverstandene her.


Schliesslich bilanziert er:
Reich-Ranicki stellt sich schon lange keine Fragen über sich selbst mehr. Er, der unwichtigste, am wenigsten anregende, dabei am meisten selbstgerechte deutsche Literaturkritiker seit langem, kann freilich alle Angriffe mit seinem Kommuniquésatz abwehren: »Ein Literaturkritiker, der etwas taugt, ist immer eine umstrittene Figur.« Von mir aus ist Reich-Ranicki unumstritten.


Lassen wir die Motive, die für diesen Zornesausbruch vielleicht im Hintergrund lauerten, beiseite. Handke hat diese Schlussfolgerungen, die er nicht nur polemisch in den Raum stellt, sondern durchaus begründet, vielleicht bereut, denn natürlich war Reich-Ranicki nachtragend und hat später kaum ein gutes Haar an Handkes Prosa gelassen. Wer den Unfehlbarkeitsnimbus des bereits damals fast theokratisch agierenden Reich-Ranicki anzweifelte, wurde entweder verrissen, oder – die höchste Strafe – gar nicht erst beachtet; man galt (und gilt) als Paria (#2). Man hat gelegentlich den Eindruck, derjenige mit den meisten Paria im Garten sei der wirkungsmächtigste und wichtigste Kritiker.

Angst vor den "Massen"

Ausgerechnet diese verstärkt auf persönliche Animositäten und ästhetische Degenerationen fixierten Grosskritiker (#3) und deren servile Assistenten, die irgendwann das lockende Erbe antreten wollen, mokieren sich über die von ihnen abschätzig als "Laienkritiker" denunzierten Leserkritiker, die in Blogs oder anspruchsvollen Online-Literaturmagazinen Kritiken veröffentlichen und ihre Leseerlebnisse formulieren. David Hugendicks Beitrag aus der "Zeit" erscheint in der Textzeile nicht mit seinem Titel ("Jeder spielt Reich-Ranicki") sondern mit der rhetorisch-effekthascherischen Frage "Wie gefährlich sind Laienkritiken?" Als würden Scharlatane ein unwirksames Medikament massenhaft zum Wucherpreis verkaufen ("Millionen von Laienkritikern" sieht der Autor alarmiert). Fehlt nur noch der Einwand, etliche Leserkritiker schrieben unter "Pseudonym" – als sei die Liste unter Pseudonym schreibender Schriftsteller (und Kritiker) nicht imposant genug.

Da werden Beispiele dümmlicher sogenannter Kurzrezensionen angeführt, als seien diese repräsentativ. Es wird vom "Kult der Amateure" gedröhnt, gar ein Kulturverfall als Möglichkeit angedeutet. "Myriaden" von Kurzrezensionen würden ein "Paralleluniversum" ergeben, allerdings "meistens fern der analytischen Auseinandersetzung mit Literatur", wie der Autor süffisant anmerkt, aber immerhin Parallelen zwischen der Meinungs- und Lebenshilferhetorik à la Heidenreich und diesen Leserrezensionen entdeckt.

Er vergisst, dass bei Heidenreich und beispielsweise Dennis Scheck (das ist der Mann, der Bücher, die ihm nicht gefallen, einfach wegwirft) in einem fort und bis an die Grenze zur Peinlichkeit Lobeshymen ausgeteilt werden, und zwar teilweise für derart banales Geschreibe, dass man sich dem Lob des Verrisses von Andreas Öhler in diesem Punkt unbedingt anschliessen muss. Öhler konstatiert eine Neigung des heutigen Kritikers zum "Allerweltsfreund". Da agierten etliche "zuweilen opportunistisch als dienstbare Geister des Marktes", statt "ihren Geist in den Dienst einer grossen tapferen Tradition zu stellen".

Der vom Literaturbetrieb unabhängige Leserkritiker ist eine Bedrohung

Welchen Geist? möchte man da böse fragen. Wer für ein neunzig Sekunden Filmchen mit "Tintenherz"-Schöpferin Cornelia Funke zum small talk nach Los Angeles kommt, um ihr einen Lesetip zu entlocken – wie frei ist der nachher, bei der "Besprechung" der "Spiegel"-Bestsellerliste diese Bücher durchfallen zu lassen? Sie werden es erraten: Er schmeisst sie natürlich nicht weg. Seine billige Erregung gelten Leuten wie Paulo Coelho oder Hape Kerkeling. Scheck wirkt wie ein Boxer, der als sich als Schwergewicht generiert, aber nur gegen Leichtgewichtler boxt. Er, der Totengräber jeder literaturästhetischen Diskussion, degeneriert zur Barbiepuppe des Literaturkommerzes. (Fn4)

Fest steht, dass immer mehr Leser von der durchweg passiven Rezeption (Lesen des Buches und der Kritik[en]) eine aktivere (die Kritik wird selber geschrieben) wählen. Man kann dies mit dem Aufkommen der "Do-It-Yourself"-Bewegung vergleichen, die seinerzeit ebenfalls zu den patzig-trotzigen, meist abschätzigen Kommentaren der betroffenen Berufsgruppe führten.

Natürlich sind viele der Leserkritiken schlecht, oberflächlich und teilweise von possierlicher Ahnungslosigkeit. Häufig werden Klappentexte zitiert (die "Perlentaucher"-Rezensionssammlungen nachahmend) und darunter prangt dann "meine Meinung" und vielleicht noch eine Sternchen- oder Punktwertung. Dort wird Meinung mit Kritik verwechselt – ein Fehler, der im übrigen den Meinungsmachern, die ihre Weltanschauung zunehmend immer gleich mit verramschen, nicht so fremd ist. Und natürlich gibt es den literarisch ambitionierten Dummkopf, der zum Beispiel die Figuren von Stefan Zweig blass findet und dem Autor vorwirft, er könne keine Stimmung erzeugen.

Das ist natürlich ein willkommener Anlass, Leserkritiker in Sippenhaft zu nehmen. Aber wer käme auf die Idee, Alfred Kerrs Verriss von Thomas Manns "Tod in Venedig" als Anlass für die Bedeutungslosigkeit der Kritik an sich zu nehmen? Es gibt sehr wohl fundierte Leserkritik, die sich oft genug vom drögen, phrasenhaften Germanistenjargon wohltuend unterscheidet ohne gleich in banale Flachheiten zu verfallen. Vielen Leserkritikern merkt man die Leidenschaft an der Literatur an. Das alleine reicht natürlich nicht aus, ist aber unabdingbare Voraussetzung – wichtiger als jede noch so gute Formalqualifikation. So stellte Richard Sennett neulich fest, dass für den Handwerker Motivation wichtiger sei als Talent.

MRR Verriss   c SpiegelDas fallbeilartige Verdammungsurteil, welches Öhler zum aufklärerischen Richterspruch im Geiste Kants verklärt, ist seriösen Leserkritikern meistens fremd; sie erhalten sich in der Regel einen Rest Respekt und vermeiden die Hybris des Allwissenden. Aber nimmt man Öhlers Polemik einmal als Wunsch, sich auch mit dem abseitigen, bisher gerne ignorierten zu beschäftigen, auch mit der Gefahr, es "verreissen" zu müssen, dann plädiert auch er für eine intensivere Text- bzw. Werkauseinandersetzung. Verriss bedeutet ja nicht, ein Buch wie weiland Reich-Ranickis "Ein weites Feld" von Günter Grass auf dem Titelblatt physisch zu zerreissen.

Leserkritiker maßen sich nicht per se an, Autor und auch Leser belehren zu wollen. Sie wissen, es gibt Grautöne und die dumme Dichotomie des "gut oder schlecht", des Daumen hoch oder Daumen runter ist eine Trivialisierung der Literatur und Literaturkritik. Wie absurd mutet es da an, Bücher als "Fälle" zu "behandeln".

Dennoch entgleiten sie nicht in liebedienerischer Sanftheit. Sie haben den unverdorbenen Blick und sie können ihn im Idealfall fruchtbar machen. Keine Redaktion sagt ihnen, was man vielleicht noch hineinzuschreiben habe (oder weglassen soll). Kein Verlag ködert sie, im Falle einer milden oder gar guten Rezension ein eigenes Buch prominent platzieren zu können. Kein Mainstream sagt ihnen auf welcher Welle sie im Moment besser schwimmen, um vielleicht einmal Feuilleton-Chef zu werden. Sie haben die Chance, sich dem Zeitgeist (von Martin Walser unlängst eindringlich beschrieben) zu widersetzen. Sie können Stachel im Fleisch des bräsigen Literaturklüngels sein. Es gibt Kritiken von Leserkritikern, die (vielleicht nach ein bisschen Redigierung) keinen Vergleich mit den manchmal so blutleeren, von "arrivierten" Kritikern verfassten Rezensionen beispielsweise aus "Zeit", "F.A.Z." oder "Süddeutsche Zeitung" zu scheuen brauchen ("Spiegel" sowieso).

Emphatische Subjektivität

Der Grund für die vehementen Tiraden wider die Leserkritik liegt sowohl im drohenden Verlust der Deutungshoheit als auch in der narzisstischen Kränkung, die den professionellen Kritikern durch Leute zugefügt wird, die zum Teil noch etwas kultivieren, was sie selbst längst in jahrelangem Redaktionseinerlei verloren haben, etwas, was im automatisierten Lesen im Akkordtempo und der häufig desillusionierenden Bekanntschaft mit den Dichtern, die sie doch einst so verehrt hatten, verpuffte: Leidenschaft, Enthusiasmus und, Josef Haslinger jetzt paraphrasierend, "emphatische Subjektivität" (#5). Und dies alles – es wurde schon angesprochen – basiert auf Unabhängigkeit.

Hinzu kommt, dass sich das Feuilleton (unverändert) als elitär generiert – und sich die Protagonisten damit selber in eine intellektuelle Jet-Setposition befördern. Sie übertragen ihre Verachtung der Massen und der Massenkultur (ein alter Topos auch und vor allem unter deutschen Intellektuellen) auf die Rezeption von Literatur. Ähnlich den Restaurationskräften im 19. Jahrhundert, die an einer Beteiligung des "gemeinen Volkes" den Untergang des Abendlandes festmachten, sehen sie eine Bedrohung darin, die "Sache" der Literatur dem gemeinen Massengeschmack preiszugeben.

Sie kompensieren diese Ängste durch die Pflege eines paternalistischen Gebarens, getarnt mit der Attitüde des fürsorglichen "Leserbeschützers". Beispielsweise Dennis Scheck, der in seiner Sendung "druckfrisch" mit einem Mikrofon durch eine Buchhandlung streift und versucht, Menschen an Bücherregalen ein Buch zu empfehlen. Warum Scheck auf die Antwort "Alles" auf die Frage "Was lesen Sie denn gerne?" ein Buch dieses oder jenes Schriftstellers empfiehlt, bleibt sein Geheimnis. Es ist dieser peinlich-besserwisserische Habitus des Missionars, der abstrus und überholt daherkommt (oder auch einfach nur komisch). Und wie alle Missionare verachten sie insgeheim diejenigen, die sie missionieren wollen.

Vorbei auch die Zeiten, als es dem Leser genügte, im "Literarischen Quartett" vier Menschen über Bücher streiten zu sehen. Der Zuschauer hatte kaum Zeit und Möglichkeit, wenigstens eines der Bücher im Vorfeld zu lesen. Das Anschauen des Quartetts galt als Surrogat – wer das gesehen hatte, konnte über die Bücher diskutieren, ohne sie gelesen zu haben. So urteilte man letztlich über etwas, was man nicht kannte (ein Phänomen, das aufmerksame Zuschauer bei der Betrachtung der Sendung häufiger auch bei den Protagonisten bemerken konnte).

Da man den vorgebrachten Argumenten der Kritiker nur eingeschränkt folgen konnte, punktete derjenige, der die griffigste und massentauglichste Formulierung fand. Der Affekt des Zuschauers tendierte eh entweder zur belustigten Zustimmung oder zum Spruch, der Kritiker solle es doch erst einmal besser machen. In beiden Fällen wandte man sich der Literatur eher ab. Öhler sieht den Bedeutungsverlust auch darin begründet, dass im Fernsehen das "Ressentiment des arroganten Kritikers" drastisch bedient wurde. "Statt das Werk in Angriff zu nehmen", wurden "nicht ohne Häme Autoren vorgeführt". Jemand wie Marcel Reich-Ranicki, Selbstdarsteller par excellence, nutzte die Fernsehbühne zur Selbstdarstellung. Dabei war sein Kritikerbesteck etwa so ausgefeilt, als würde ein Chirurg mit einem Küchenmesser operieren wollen. Literatur und Kritik wurde zum Zirkus und Reich-Ranicki war der Clown. (#6)

Der Literaturdiskurs ist zu kostbar…

Warum all diese alten Geschichten aufwärmen? Ist es dieses Gefuchtel eigentlich wert? Im Herbst wird zum Beispiel ein herausragendes Buch von Uwe Tellkamp über die DDR der letzten Jahre erscheinen ("Der Turm"). Man könnte sich in sein Kämmerlein zurückziehen, das geniessen und generell seine Bücher lesen und sich daran erfreuen oder erzürnen.

Aber Literatur und der Literaturdiskurs sind zu kostbar, um sie ausschliesslich den Meinungsführern zu überlassen. Das ist der Antrieb so vieler Leserkritiker (auch der Stümper); das ist ihr Furor. In Abwandlung zu den Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als grosse Teile dessen, was wir inzwischen in den Feuilletons, im Radio und im Fernsehen als Literaturkritik angeboten bekommen, finden wir überall – und zur Not machen wir es uns noch selber, denn, so der Esel im Märchen: "Du hast eine gute Stimme".

So sind die Leserkritiker die erwachten Stimmen – auch (und trotz) all ihrer manchmal falsche Bildern, gewagten Verknüpfungen oder gelegentlichen Verirrungen. Aber all dies ist nicht reserviert für sie, sondern auch und gerade Bestandteil der professionellen Kritik. Die Verführung der dichotomischen Literaturkritik liegt in ihrem unverschämten, vereinfachenden Reduktionsmus.

Ich kann Leute wie Spiegel, Radisch, Matussek, Karasek, Heidenreich, Hartwig, Mangold und wie sie auch immer heissen, nicht mehr lesen und nicht mehr hören. Ich mag nicht glauben, dass dies die "Perlen" des Perlentauchers sind; sie sind höchstens Fallobst. Ich kann die Allüren und Selbststilisierungen dieser Feuilletonapparatschiks nicht mehr ertragen. Natürlich kann man sie ignorieren. Aber sie beeinflussen das, woran dem Leser gelegen ist. Längst usurpieren ihre Kriterien nicht nur die Auswahl der Verlage, sondern auch die Schreibstile der Autoren.

Dabei ist lässig-coole Gehabe von berufsjugendlichen Kritikersurrogaten, die ihren Zynismus rhetorisch spazieren führen auch keine Alternative; im Gegenteil: antipodisch zum Grosskritikerum imitiert man nur. Mit Netzarroganz ist die Grosskritikerarroganz nicht zu kontern. Sie macht es den konventionellen Verfechtern der Meinungsführerschaft nur unnötig leicht.

Der moderne Literaturkritiker sollte weder mit blasierter Geste seine "Belesenheit" zur Schau stellen noch sich in selbstgefällig-arrogantem Getöse ergehen oder gar mit wohlfeilen Plattitüden oder pseudo-investigativer Alarmismus-Rhetorik dem Publikum Honig ums Maul schmieren. Die Angst, der Leserkritiker trivialisiere den Literaturdiskurs, ist unbegründet. Jochen Jung ist einer der wenigen, der die neuen Möglichkeiten erkennt: "Das wahre Urteil ist am Ende das Summe aller Urteile". Jungs vorsichtige Annäherung sollte aufgegriffen werden. Den emphatischen Subjektivismus der Leserkritiker wird man auf Dauer nicht unterdrücken können. Man sollte ihn in den Diskurs einbinden. Bisher versucht man, durch Ignorieren den angekratzten Thron besetzt zu halten. Auf Dauer wird dies nicht funktionieren. Und das ist gut so.


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#1 Peter Handke: "Marcel Reich-Ranicki und die Natürlichkeit" in: "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms" (st 56, 1972) - eine Reaktion auf Reich-Ranickis "Literatur der kleinen Schritte" von 1967. Eine holprige Transkription mit Hervorhebungen, die im Handke-Aufsatz nicht existieren, findet sich hier.

#2 Es geht im folgenden aber auch gar nicht nur um Reich-Ranicki – der muss (ein bisschen stellvertretend) für eine ganze Gruppe von Kritikern herhalten, die hier (ein bisschen ungenau) als "Grosskritiker" oder "Meinungsmacher" bezeichnet werden. Desweiteren ist zu erwähnen, dass nie die Person Reich-Ranicki gemeint ist, die hier angegriffen wird, sondern nur seine Position und wie er sie ausfüllt.

#3 Im folgenden eine ungenaue Rubrizierung für Essayisten, Feuilletonisten und Kritiker, die in den grossen, überregionalen Zeitungen, im Rundfunk und/oder Fernsehen einen herausgehobenen Status haben.

#4 Dass es auch im Fernsehen anders gehen kann, hat Hubert Winkels mit seiner "Bestenliste"-Sendung von 1998-2002 bewiesen. Die Sendung wurde jedoch vorsorglich derart ungünstig platziert (im SWR Freitag Nacht und auf 3sat Sonntags ungefähr ab 10.30 Uhr), dass der Quotengau schon vorprogrammiert war.

#5 Josef Haslinger: "Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm", Fischer, 1996

#6 Im Schatten des "Literarischen Quartett" stand der "Literaturclub" des Schweizer Fernsehens. Als die Sendung in den letzten Jahren des Quartetts von Daniel Cohn-Bendit moderiert wurde, der mit Kritikern wie Hardy Ruoss, Peter Hamm, Gabriele von Arnim, Gunhild Kübler oder Andreas Isenschmid seine bewusst teilweise naive Sicht in die Diskussion einbrachte, stelle sich dieses Element als ein belebendes heraus, was nach dem Wechsel der Moderation von Cohn-Bendit zum vollkommen verkopften Roger Willemsen (inzwischen wird die Sendung von Iris Radisch moderiert) noch deutlicher wurde. Zwar wurde der ästhetisch-theoretische Diskurs unter Willemsen sehr viel intensiver und das marktschreierische Gehabe eines Reich-Ranicki ist ihm natürlich fremd, aber in der bewussten Zelebrierung einer im germanistischen Duktus daherkommenden Aussenseiterposition liegt ein abschreckendes Element der Kritik für den durchschnittlich konditionierten Leser. Der möchte nämlich keine durchgestylte Diskurstheorie vorgekaut bekommen, die ihm erklärt, warum dieses Buch so und nicht anders zu bewerten ist, sondern er möchte Angebote erhalten, sich dieses Urteil selber zu bilden – durchaus in einer polarisierenden und geschliffenen Diskussion, die aber nicht oktroyierend daherkommen darf.

"Du hast eine gute Stimme" oder: Versuch wider die Hochmütigen

Plädoyer für den Leserkritiker

1968 schreibt der damals 25jährige Schriftsteller Peter Handke über Marcel Reich-Ranicki1:
Reich-Ranicki kann man mit Einwänden nicht kommen: er kennt die alte List, sich dumm zu stellen, weil er nicht argumentieren kann (und er ist nie fähig zu argumentieren, er äußert sich nur mit kräftigem rhetorischem Gestus). »Ich gestehe«, leitet er dann in der Regel seine Sätze ein. Nachdem er aber seine Verständnislosigkeit eingestanden hat, zieht er über das Nichtverstandene her.


Schliesslich bilanziert er:
Reich-Ranicki stellt sich schon lange keine Fragen über sich selbst mehr. Er, der unwichtigste, am wenigsten anregende, dabei am meisten selbstgerechte deutsche Literaturkritiker seit langem, kann freilich alle Angriffe mit seinem Kommuniquésatz abwehren: »Ein Literaturkritiker, der etwas taugt, ist immer eine umstrittene Figur.« Von mir aus ist Reich-Ranicki unumstritten.


Lassen wir die Motive, die für diesen Zornesausbruch vielleicht im Hintergrund lauerten, beiseite. Handke hat diese Schlussfolgerungen, die er nicht nur polemisch in den Raum stellt, sondern durchaus begründet, vielleicht bereut, denn natürlich war Reich-Ranicki nachtragend und hat später kaum ein gutes Haar an Handkes Prosa gelassen. Wer den Unfehlbarkeitsnimbus des bereits damals fast theokratisch agierenden Reich-Ranicki anzweifelte, wurde entweder verrissen, oder – die höchste Strafe – gar nicht erst beachtet; man galt (und gilt) als Paria 2. Man hat gelegentlich den Eindruck, derjenige mit den meisten Paria im Garten sei der wirkungsmächtigste und wichtigste Kritiker.

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Hanns-Josef Ortheil / Klaus Siblewski: Wie Romane entstehen

Ortheil Siblewski  Wie Romane entstehenJe vier Vorlesungen des Schriftstellers Hanns-Josef Ortheil und des Lektors des Luchterhand Literaturverlags Klaus Siblewski wollen erklären "wie Romane entstehen". Ortheils Vorlesungen machen den Anfang und er übernimmt es, den Roman zunächst mit der üblichen Definition als Prosaerzählung von einer gewissen Länge - 50.000 Worte bzw. >500 Seiten - abzugrenzen. Gegen Ende der ersten Vorlesung ergänzt er dies mit Milan Kunderas Umschreibung, die den Roman als grosse Prosaform bestimmt, bei der der Autor mittels experimenteller Egos (Figuren) einigen grossen Themen der Existenz auf der Grund geht. Experimentelle Literaturen bis hin zum "Nouveau Roman" sind mit dieser Definition allerdings nicht abgedeckt. Die später vorgenommene Ausdifferenzierung, der Roman sei nicht Erschaffung…eines Augenblicks oder einer Szene, sondern eher die Erschaffung eines poetischen Universums erscheint da solider - obwohl dann beispielsweise die Epen eines Homer in diesem Sinne auch "Romane" wären.

Definitionen haften naturgemäss gewisse Vereinfachungen an. So ist nicht klar, warum eine kürzere Erzählung oder Novelle nicht ebenfalls grossen Themen der Existenz auf den Grund gehen könnte; Beispiele hierfür gibt es genug. Da Ortheil sich jedoch explizit als Romanschriftsteller sieht ("infiziert" mit einem Roman-Virus) und mit etlichen Attributen den Roman als Sonderform des Erzählens herausgehoben sehen möchte (er ist bei ihm gefrässig und monströs, verkörpert das Wilde und das Chaotische), ist der Wunsch, diesen als "Königsdisziplin" zu sehen, zwar verständlich, wird aber von Schriftstellern, der Kritik und auch von Lesern durchaus kontrovers diskutiert, wovon man nichts erfährt. Aus ökonomischer Sicht lassen sich Romane wesentlich besser vermarkten als Erzählungen oder gar Lyrik; viele Schriftsteller, die sich auf kürzere Erzählungen verstehen, sehen sich von ihren Verlegern irgendwann genötigt, nun "endlich einen Roman" zu schreiben.

Das Faszinosum

Interessant ist, dass Ortheil die "üblichen" Schwierigkeiten, wie beispielsweise die Problematik der Erzählperspektive, stilistische Besonderheiten oder Fragen nach Tempo und Stil des Erzählens nicht thematisiert und stattdessen die ersten, zunächst eher intuitiven Ideen oder Einfälle, die auf das enzyklopädische Feld, der Welt-Folie treffen, eingehend untersucht werden. Diese Welt-Folie wird nun, so Ortheils Paraphrasierung von Faulkner (Siblewski "deckt" dies in einem seiner Vorträge auf), an einer bestimmten Stelle in Brand gesetzt, und zwar durch etwas, was er Faszinosum nennt (oder auch Urzelle), das eine stark anziehende, ja geradezu magische Wirkung ausübt. Ortheil macht eine Aufforderung oder Lockung aus, beispielsweise eine bestimmte Figur zu begleiten. Im Weiterschreiben (einem Ausphantasieren) entstehen Szenen oder Erzähleinheiten…die der Autor als erste Bausteine seines Romans zu sammeln beginnt. Es entspinnt sich eine Welt in der er selbst anwesend sein [und] leben möchte. Seine Figuren werden ihm zu Brüdern; er schliesst…Freundschaft mit einer von ihnen oder vielleicht sogar gleich mit mehreren.

Ausführlich geht Ortheil auf das Ausphantasieren des Romansstoffs ein, den er – ein bisschen arg vereinfachend – als eine Art Traumphantasie beschreibt und berichtet auch von Gefahren für das Projekt, etwa durch zu starke Annäherungsversuche oder auch Kontrolle des Autors dieser fiktiven Welt, die bis zur Erstarrung von Figuren, Räume[n] und Texte[n] führen kann.

Versuch einer modernen Phänomenologie des Romananfangs

Es wird aus Notaten und Notizen von Max Frisch, Peter Handke und Peter K. Wehrli zitiert, die Unterschiede dieser Miniaturen erläutert und die verschiedenen Arten der häufig chaotischen "Stoffsammlungen" angesprochen (wobei Ortheil übersieht, dass diese veröffentlichten(!) Notate wiederum bereits bearbeitet, mindestens jedoch ausgewählt sind und somit nicht unbedingt als eine Art "Vorstufe" zu betrachten sind; sie sind häufig autonome Kunstwerke, wie beispielsweise bei Handke). Ortheil taucht ein bisschen in den Romankosmos von Jean Paul ein, rekapituliert die Entstehungsgeschichte von Fontanes "Effi Briest", erzählt von seinen eigenen Impressionen während eines längeren Italienaufenthalts und liest plötzlich – vor Ort - die "Italienische Reise" von Goethe neu (eine hinreissende Passage; das schönste Kapitel im Buch) und montiert in seine letzte Vorlesung eine Binnenerzählung ein, in dem er von der Entstehung eines Romans erzählt – und dies selber wieder romanhaft.

Ortheil ist offensichtlich bemüht, mit seinen Ausführungen eine moderne Phänomenologie des Romananfangs zu konstruieren und zu konstituieren. Hierfür vermeidet er, auf gängige Allgemeinplätze für das Entstehen von Literatur wie beispielsweise "Kreativität" zurückzugreifen und versucht stattdessen diesen Prozess zu erfassen und zu beschreiben. Dafür kreiert er (phasenweise) eine neuartige Terminologie, was wohl seiner Tätigkeit als Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität zu Hildesheim geschuldet ist. Die Versuche, eine eigene Sprache für diese tatsächlich wenig untersuchten Phänomene zu erschaffen, geraten allerdings manchmal etwas zu krampfhaft und sind wenig eingängig. Zudem fehlt Ortheil eine gewisse Stringenz, so dass man manchmal den Eindruck hat, die beschriebenen Akte würden parallel stattfinden oder die Reihenfolge sei irgendwie austauschbar. Im Gegensatz zu Siblewski, der später manchmal in vulgärpsychologische Deutungsmuster abrutscht, versucht Ortheil eine eher philosophisch-philologische Perspektive.

Ortheils Vorträge sind – bei allen Schwächen, beispielsweise der Pflege des immer wieder rezipierten Klischees einer (sogenannten) Leere nach dem Schreibrausch der Romanniederschrift – wesentlich kurzweiliger als die Texte von Klaus Siblewski, der allzu nüchtern zunächst in Ortheils Spuren (sprich Begrifflichkeiten) wandelt (Siblewski und Ortheil kennen sich aus gemeinsamen Arbeiten). Dabei fügt Siblewski als fast originäre Definition des Romans noch den Punkt des Strebens nach Veröffentlichung hinzu. Anhand eines nicht genannten österreichischen Autors und dessen Teilmanuskript, welches er mit dem Autor bespricht und einige kritische Anmerkungen macht, versucht er zu verdeutlichen, wie sich die Arbeit des Lektors in den bestimmten Phasen des "Romanprojekts" zeigt – und mit welchen Risiken dies verbunden ist. Bei allen Typisierungen, die Siblewski auch von Lektoren vornimmt, gefällt noch am besten die Beschreibung des Lektors als denjenigen, der den Grad der inneren Stringenz im Roman erhöhen soll.

Plaudereien aus dem Nähkästchen

Der angesprochene Autor hat sich bei Siblewski nach dem Gespräch nie mehr gemeldet, was dieser nun ausführlich erörtert und in diverse Interpretationen und Hypothesen fallen lässt (teilweise reichlich spekulativ). Interessanter sind für den Leser die Schilderungen, wie ein Lektor wann dem Autor und seinem Roman begegnet – und, das kommt am Ende der Vorlesungen, wie die abschliessenden Arbeiten (drei Lesephasen) aussehen. Mehr als Plaudereien aus dem Nähkästchen sind das allerdings selten, insbesondere, wenn er aus Mails von Autoren zitiert und diese allzu voreilig verallgemeinert.

Die Fragilität zwischen den dann irgendwann doch divergierenden Interessen zwischen Lektor und Autor (ersterer muss vor allem auch auf die Vermarktung des Romanes schauen, während der Autor eher auf seinen künstlerischen Anspruch rekurriert), ist sicherlich weitgehend bekannt. Siblewski zeigt, dass ein Lektor auch mit einem sehr grossen Einfühlungsvermögen ausgestattet sein muss, um die Angst des Autors vor dem Urteil des Lektors nicht zum unüberwindlichen Hindernis werden zu lassen. Seine Aufgabe sei es, die poetische Idee, die im entstehenden Roman hervorschimmert, zu festigen und zu stärken.

Bei diesen Betrachtungen wird allerdings die Grundangst des Autors, nämlich die der Ablehnung, kaum gestreift; stillschweigend geht Siblewski fast immer davon aus, dass ein Treffen eines Autors mit dem Lektor die Akzeptanz mindestens des Exzerptes bereits beinhaltet.

Erhellend wäre es gewesen zu erfahren, warum so viele Manuskripte (bzw. Entwürfe) dahingehend scheitern, dass sie eine Ablehnung erfahren. Handelt es sich dabei tatsächlich ausschliesslich um qualitative Mängel? Falls ja, dann müssen diese – wie diese Ausführungen fast suggerieren – gravierender Natur sein. Die Punkte, die einen Romanentwurf also vom fehlerhaften zum mindestens beachtenswerten Objekt unterscheidet, wären sicherlich einer Erörterung Wert gewesen. Es hätte – am Rande und damit vielleicht unpassend zur eigentlichen Thematik – die Frage nach den so oft zitierten unumstösslichen Kriterien für die Beurteilung von Literatur gestellt.

Nicht thematisch abwegig wäre es gewesen, auf Unterschiede in der Lektoratsarbeit zwischen Romanen und beispielsweise Kurzgeschichten hinzuweisen. Gibt es überhaupt welche? Oder erschöpft sich die Differenz bei der Lektorierung kürzerer Prosa (oder gar Lyrik) auf die rein zeitliche Ebene, da ein Roman ja umfangreicher ist? Oder existieren doch noch andere Kriterien?

Zuviele Typisierungen

Leider verfällt Siblewski allzu oft in Stereotypen, etwa wenn er verschiedene Typen von Autoren unterscheidet - den Debütanten (bemerkenswert und nicht ohne Süffisanz, dass er die einzigartige Chance des Debütanten ausgerechnet darin erblickt, dass er ohne Kenntnisse der von ihm beschriebenen Abläufe zwischen Lektor und Autor und ohne den Einfluss, den diese Abläufe auf das Schreiben nehmen, an ihrem Roman weiterarbeiten kann), den Verlagsprofi, den übergangenen Autor, den anerkannten Autor, den zögernden Autor, den übertreibenden Autor, usw. Oder wenn er unterschiedliche Antriebe des Erzählens ausmacht (Von Figuren aus denken oder Von Räumen aus denen oder von Szenen aus denken - usw.) Vielleicht ist das die Folge einer solchen Betrachtung, dass allzu schnell Rubrizierungen vorgenommen werden, die dann am Ende durchaus auch schon wieder relativiert werden.

Zwischendurch fragt Siblewski, ob eine mangelhafte Gliederung des Romans nicht auch Auswirkungen auf dessen Qualität hat (er verneint dies später), sieht im Autor einen Materialkannibalen, benutzt Plastikwörter wie Ideenmanagement oder Setting, betont die grosse Verantwortung der Lektoren und befeuert Klischees über skurille Schreiber mit ihren durchaus asozialen Phasen. Und wenn dann etwas Verdrängtes im Autor aufbricht und Siblewski Freud und dessen Aufsatz "Der Dichter und das Phantasieren" zitiert, das "Über-ich" anführt und am Ende des Buches das Schreiben als Befreiung von einer Obsession fast pathologisch gedeutet wird – dann übernimmt sich Siblewski, weil er unbedingt das psychoanalytisch-literaturwissenschaftliche auch noch einbringen will.

Am Schluss bilanziert er dann, dass die Arbeit am Roman…einer ästhetischen Struktur folgt: der des Rondos…Kein Roman kommt an dem Ende an, sondern nur an einem. Angesehen davon, dass Ortheil auf Seite 19 bereits zu einem ähnlichen Urteil kam (er spricht vom "künstlichen Ende"), ist dies nach all dem vorher Gesagten von verblüffender Schlichtheit. Da es aber auch für das vorliegende Buch gilt (obwohl es kein Roman ist), ist es eine gute Nachricht. Denn endlich hat man wieder Zeit, Romane zu lesen. Romane, wie Ortheil in der schönsten Formulierung des Buches sagt, denen sich die Autoren verschreiben.
Die kursivgedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch
Leseprobe hier

Klage über den abgeholzten Wald

Kleine Wegzehrung für Klagenfurt.

Ein fast mysteriöser Artikel des "Alfred-Kerr-Preisträgers" 2007, dem Literaturkritiker Hubert Winkels im "Tagesspiegel": Der Kritiker als dritter Gott.

In der Beschwörung der guten, alten (Kerr-)Zeit (die es – wie immer bei solchen Rückblenden – nie gegeben hat) und der Auslobung des grössenwahnsinnigen, apodiktischen Kritikers mag ja ein gewisser Phantomschmerz eines 68er-Verfechters auszumachen sein. Winkels’ eigene Kritiken sind übrigens oft genug - gut formulierte, aber eher spröde - Inhaltsangaben, die irgendwann dann in einen routiniert-germanistischen Jargon münden, den Leser jedoch mehr oder weniger indifferent zurücklassen. Ihm einen Preis zu verleihen, der einen der grössten Polemiker deutscher Sprache als Namenspatron hat, verblüfft schon. (Aber dieses Problem ist generell virulent – ein "gekaufter" Namenspatron, der sich nicht mehr wehren kann.) Der Unart vieler seiner Kollegen, dass rezensierte Werk gar nicht oder nur angelesen zu haben, verfällt Winkels offensichtlich nicht. Immerhin das.

Vor einigen Jahren moderierte er im Fernsehen einmal monatlich eine einstündige Literatursendung, die an der "Bestenliste" des SWR angelehnt war, auf 3sat Sonntag früh um 10 Uhr ausgestrahlt wurde und die Bücher dieser "Bestenliste" vorstellte. Die Sendung war sehr vielseitig konzipiert: mal gab es eine kurze filmische Vorstellung eines Buches, mal ein Gespräch mit dem Autor, mal ein Gespräch mit einem Kritiker und manchmal ein Kritikerstreitgespräch. Aus Lyrikbänden wurde auch schon einmal vorgelesen. Die Sendung wurde nach rund zwei Jahren eingestellt – man mag schnell erraten, warum. Das "Format" (man nennt die Art der Sendung wohl so) war wenig fernsehkompartibel; was kein Wunder ist, da Winkels unter anderem Radioredakteur beim Deutschlandfunk ist. Da Qualität grundsätzlich unter "Format"- und Quotenregelungen im Fernsehen rangieren, war die Einstellung nur logisch. Als Alternative hat man seitdem die Sendung "Literatur im Foyer" teilweise trivialisiert, in dem die bemühte, aber weitgehend ahnungslose Thea Dorn über gängige Mainstreambestseller mit Autoren spricht – naja, das was man im Fernsehen so "talken" nennt – in der Regel belangloser Smalltalk.

Winkels, dessen Anspruch also unbestreitbar ist, vermisst in seinem Artikel den weltbewegende[n], ekstatisch-grandiose[n], größenwahnsinnige[n] Anspruch der Kritik. Anschliessend lässt er rund einhundert Jahre Kunst- und Kulturkritik Revue passieren, benennt kenntnisreich die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Kunst – um dann in einem seltsamen Umkehrschluss das Fehlen der pointierten Kritik eben der Kunst bzw. Literatur selber anzukreiden.

Da klingt dann in kriegsveteranenhafter Weise eine "Früher war alles besser"-Klagerhetorik an, die auch noch nonchalant die aktuellen Protagonisten als Schimären pauschal denunziert ( das Reaktionäre bei Botho Strauß und neuerdings bei Martin Mosebach, ein bisschen Katholizismus bei Arnold Stadler und Patrick Roth und eine politisch-mediale Totalverirrung bei Peter Handke). Auch Grass und Walser sind Winkels nicht mehr Widmung wert. Es fehlen ihm die gesellschaftlichen Anknüpfungspunkte, um ethische und ästhetische Auflehnungen vom Zaun zu brechen. Man kann sich den Propheten förmlich im Sessel bei einer Tasse Kaffee vorstellen, wie er sein gegenüber fragt Was geht uns triftig, schmerzlich wirklich an – ausser wir uns selbst?

Natürlich liegt er mit dieser Diagnose nicht ganz falsch. Aber Winkels kommt wie ein Förster daher, der den Wald abgeholzt hat und jetzt beklagt, dass es keinen Schatten mehr gibt. Die Produkte dessen, was er (und nicht nur er) beklagen, sind für das breite Publikum alljährlich beispielsweise im Bachmannpreis zu sehen: Grösstenteils blutleere Prosa, die mit germanistischen Kniffen manchmal noch gerettet werden kann. Das Urteil der Kritiker erscheint dabei häufig genug tagesformabhängig.

Texte von Autoren, die etwas "riskiert" haben, die dem gängigen Mainstream etwas entgegensetzen wollen, haben in den letzten zehn Jahren in Klagenfurt einen schweren Stand gehabt. Die von Winkels bemühten postmodernen Zitatenspieler reüssierten; sie entfachten jedoch nur ephemere Strohfeuer (und meistens einen veritablen Kater).

Natürlich ist Kerrs Ideal vom dritten Gott, den die Kritik zu sein habe, in vielerlei Hinsicht weder praktikabel noch wünschenswert. Den Göttern, die in der deutschen Kritik in den letzten 50 Jahren den Wald sukzessive abgeholzt haben, muss man allerdings attestieren, dass sie eine "gute Arbeit" geleistet haben. Fairerweise muss man jedoch anmerken, dass sie vor allem von einer eigentlich unwissenden Schickeria zu Päpsten und/oder Göttern gemacht wurden: Mit ihnen liess sich dann ein ästhetisches Programm vermitteln, was dem potentiellen Leser dann zum Frass vorgeworfen wurde.

Ich rede nicht nur vom Fernsehen. In den 70er Jahren gab es – auch und gerade dort - zahlreiche Experimente, zeitgenössische Literatur nicht nur kritisch zu beleuchten, sondern – zunächst einmal – überhaupt in den Fokus der Betrachtung zu rücken. Dieser aufklärerische Furor pervertiere Jahrzehnte später vollends in tribunalähnlichen Veranstaltungen wie das "Literarische Quartett". Dass es auch anders ging, konnte man parallel im schweizer "Literaturclub" der Nach-Heidenreich-Ära sehen. Und dass es noch schlimmer geht, zeigt das ZDF im Moment just mit jener Heroine Elke Heidenreich, die sich auch schon mal nicht entblödet, Bücher und deren Autoren, die sie, wie sie selber zugibt, gar nicht gelesen hat, pauschal zu verunglimpfen.

Das sind die "Götter" der Kritik der Gegenwart, Herr Winkels. Und in diesem Sinne haben Sie natürlich mit ihrem Aufschrei recht: Wie tief ist dieser Beruf gesunken, der sich in grossen Teilen zum Trendsetter des Massengeschmacks einfach konsumierbarer Literatur gemacht hat.

Geradezu eine Verkehrung der Wahrheit ist Winkels’ Feststellung (und Diktum), man habe umgeschaltet von ideologischer, auch stil-ideologischer Außensteuerung auf immanente Textsteuerung. Das pure Gegenteil ist der Fall: der "Text" (andere Vokabeln fallen den Kritikern nicht ein) wird nur im jeweiligen gesellschaftlich-politisch-literarisch korrekten Umfeld als satisfaktionsfähig angesehen. Das schränkt – naturgemäss – nicht nur den Kreis der kritischen Rezeptionsmöglichkeiten (also "Texte") enorm ein – sondern lässt auch jenen anfangs so emphatisch vermissten Grössenwahn der Kritik nicht einmal theoretisch aufkommen. Das zu rezensierende ist bereits vorher einem Domestizierungsakt unterworfen worden, der fast zwangsläufig in eine Dressur des Autors aufs stromlinienförmige hinausläuft.

Und wenn das von Winkels so pauschal mit dem Etikett Schimäre versehene, genau das ist, wessen es sich derzeit lohnt zu streiten? Konkret: Ist nicht in Zeiten der fortschreitenden Banalisierung gerade eine Kritik sowohl der medialen Vermittlung (bzw. auch der literarischen Umsetzung dieser medialen Vermittlung) als auch der kanonisierten Betrachtungsweisen, das neue Thema? Sind da nicht Autoren wie beispielsweise Handke und Walser exakt jene vermissten Auflehner (bei aller vereinzelt vielleicht störenden Schrulligkeit)? "Störenfriede", die freilich nur ob ihres Oeuvres überhaupt gehört werden; ein "junger" Autor mit ähnlichen Thesen wäre niemals zur Teestunde (nebst anschliessendem Rausschmiss) im "Grossfeuilleton" geladen worden.

Ist nicht Winkels’ Rückgriff auf den bellizistischen Ernst Jünger in Anbetracht der aktuellen Gemengelage geradezu eine obszön anmutende Geste? Ernsthaft: Was kann einen Literaturkritiker des 21. Jahrhunderts zu dieser Flucht treiben – ausser die Kapitulation vor einer zeitgenössischen Blümchenliteratur, die aber letztlich nur brav den Imperativen des Literaturbetriebs folgt?

Es ist ja nicht so, dass die so schmerzlich vermisste Literatur (oder auch Kunst) nicht existiert. Sie ist freilich im inzüchtigen Treibhaus des Feuilletons eine vernachlässigte Pflanze, die nur gelegentlich zu Repräsentationszwecken mühsam aufgepeppelt ans Licht gezerrt wird. Das Grossfeuilleton bespricht in einem Jahr vielleicht einhundert belletristische Bücher – mehr Auswahl existiert selten (da täuschen auch die pompösen „Sonderausgaben“ nur Quantität vor). Schnell werden die Kritiken zu Meta-Kritiken über Kritiken. Die Namen der Autoren sind über die Jahre immer die gleichen. Amerikanische Writingschool-Aktivisten geben immer mehr den Ton an. Verständlich, dass da die Emphase in der Rezeption fehlt.

Was der Kritik fehlt, ist schlichtweg der Mut. Mut zur Selbstreflexion, Mut zur Kritik, die vor allem auch an den eigenen bis zur Arroganz überzeichneten Grundfesten rüttelt und zunächst einmal den abgeholzten Wald aufforstet. Das ist ein eher langfristiges Projekt in einer auch in der Literatur immer schnelllebigeren Zeit. Aber gerade dies wäre notwendig; auch um neue Schichten langfristig an Literatur (an Literatur und nicht an "Schmöker") zu binden. Hierfür war Winkels' Aufsatz aber leider keine grosse Hilfe.

Die Wollust der Pharisäer

Ich weiss nicht, wie oft ich meinen Eltern schon gedankt habe, dass sie sich erst in den 50er Jahren kennengelernt haben. Ich weiss nicht, wie oft ich schon dankbar gewesen bin, nicht 40 oder 50 Jahre vorher gelebt zu haben. Dann hätte man sich entscheiden müssen: Schwimmt man im Strom mit oder nicht? Nimmt man überhaupt wahr, eine Alternative zu haben? Wussten Kinder oder Jugendliche 1944 oder 1945 das, was wir heute wissen? Mit welchen Massstäben sind ihre Taten zu bewerten?

Politisch bin ich übrigens auch dankbar, nicht in der Deutschen Demokratischen Republik gelebt zu haben. Ich wüsste nämlich auch nicht, ob ich mich gemäss den heutigen Verhaltensmassregeln "richtig" und "korrekt" verhalten hätte. Vielleicht hätte einer irgendwann ein Dokument gefunden, was ich unterschrieben hatte. Einen Bericht oder eine Verpflichtung zur Mitarbeit. Etwas, was ich vergessen hatte oder vergessen wollte.

Ich kann noch dankbar sein, in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen zu sein und zu leben. Aber wer weiss: Vielleicht fragt mich irgendwann einmal jemand, warum ich nichts gegen den Kosovokrieg 1999 unternommen habe. Oder warum ich eigentlich Geschäfte mit China mache. Oder warum ich diese oder jene ökologische Entwicklung nicht aufgehalten, nein: sogar befördert habe. "Wie konntest Du nur?" wird man mich vielleicht fragen. Und ich senke den Kopf und fasele etwas von "konnte man nicht wissen". "Ja", sagt der Neffe oder die Nichte, "das stimmt". "Aber wieso hast Du solange dazu geschwiegen? Wieso hast Du nichts gesagt?"

Günter Grass war bei der Waffen-SS. Damals war er 17 Jahre alt. Ist dieses mit 60jähriger Verspätung ausgesprochene Geständnis nur ein Marketing-Trick? Welch ein Unsinn! Wer das sagt, hat noch nie gelitten und deswegen geschwiegen und dieses Schweigen als Quälerei empfunden. Wer das sagt, erhebt sich, spielt den Richter.

Michael Wolffsohn ist so ein Richter. Er entblödet sich nicht zu behaupten, auch Grass' Werk wäre diskreditiert. In Wirklichkeit diskreditiert sich Wolffsohn selber. Sein Talar der Selbstgerechtigkeit (das ist der, den er Grass so gerne streitig macht), riecht sehr streng nach Rache.

Oder Joachim Fest. Das ist derjenige, der damals den Historikerstreit mit der FAZ publizistisch losstiess und Ernst Noltes These ein breites Forum gab. Auch er holt das gut versteckte Messer heraus.

Die Rechnungen werden allenthalben präsentiert. Auch der erbärmliche Hellmuth Karasek, seit einigen Jahren vom seriösen Literaturkritiker zum Plüschhasen des deutschen Bildungsbürgertums mutiert, ergiesst sich in pharisäerhaftem Bedauern und behauptet gar, der Literaturnobelpreis wäre an Grass mit Kenntnis dieser Biographie nicht verliehen worden. Für wie beschränkt hält Karasek eigentlich die Akademie?

Natürlich hat sich Grass immer sehr engagiert und pointiert geäussert. Aber: Ist nur eine Aussage deswegen weniger richtig oder gar falsch, weil uns Grass in seinem Leben etwas verschwiegen hat? Ist die "Blechtrommel" ein minder wichtiges Werk, weil er als 17jähriger ein glühender Nazi-Verehrer war? Oder weiden sich die Damen und Herren nur einem Fehltritt eines "Denkmals", dass sie nun höchstwillkommen beschädigen, und dabei noch parallel mit ihrer (scheinbaren) moralischen Integrität posieren dürfen?

Auch mir ist Grass mit seiner gelegentlichen Betroffenheitsrhetorik und Unterschrifteninflation auf die Nerven gegangen. Es gab Zeiten, da äusserte er sich zu fast jedem Thema. Wie vorschnell er oft den "Untergang" der Demokratie witterte. Erscheint nicht erst jetzt deutlich, warum dieser Alarmismus?

Hier habe ich ihn in der Diskussion und Handke und Jugoslawien kritisiert. Deutlich sichtbar war hier, dass er zu wenig Kenntnisse von Handkes Büchern hatte. Den richtigen Augenblick zum Schweigen zu finden – das ist nie Grass' Stärke gewesen. Sein Anspruch war vielleicht deswegen zu hoch, weil er ihm selbst (für sich) nicht mehr gerecht werden konnte.

Wer jetzt sein Mütchen an ihm kühlt, vergisst, dass es auch Leute wie Grass waren, die dazu beigetragen haben, dass diese Bundesrepublik so ist, wie sie ist – mit ihren Fehlern, aber auch einer immensen freiheitlichen und friedlichen Gesellschaft. Ob einem das passt oder nicht.

Und ausserdem: Wo steht geschrieben, dass Schriftsteller bessere Menschen sein müssen?

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Antworten (vorläufige)
Das Verhältnis zunächst deshalb, weil man...
Metepsilonema - 2009-11-18 22:43
Sloterdijk mag recht...
Sloterdijk mag recht haben. Aber ich habe das etwas...
Internetausdrucker (Gast) - 2009-11-18 15:37
Moralpaniker
Die "Moralpaniker" sind natürlich durch die Aufarbeitung...
Gregor Keuschnig - 2009-11-18 10:45
Ich vermute,
dass er sehr wohl innerfraktionell und innerparteilich...
Gregor Keuschnig - 2009-11-18 10:17
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Hallo, meine Frage : Darf ein Fraktionsabgeordneter...
Bruno (Gast) - 2009-11-18 09:23

...anderswo

Nach dem "Kraftwerk"-Zitat...
Nach dem "Kraftwerk"-Zitat war ich drin...
TABU - 2009-11-20 13:34
Moralpaniker
Die "Moralpaniker" sind natürlich durch die Aufarbeitung...
begleitschreiben - 2009-11-18 10:45
Ich vermute,
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begleitschreiben - 2009-11-18 10:17

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