Literaturkritik in der Kritik

Klage über den abgeholzten Wald

Kleine Wegzehrung für Klagenfurt.

Ein fast mysteriöser Artikel des "Alfred-Kerr-Preisträgers" 2007, dem Literaturkritiker Hubert Winkels im "Tagesspiegel": Der Kritiker als dritter Gott.

In der Beschwörung der guten, alten (Kerr-)Zeit (die es – wie immer bei solchen Rückblenden – nie gegeben hat) und der Auslobung des grössenwahnsinnigen, apodiktischen Kritikers mag ja ein gewisser Phantomschmerz eines 68er-Verfechters auszumachen sein. Winkels’ eigene Kritiken sind übrigens oft genug - gut formulierte, aber eher spröde - Inhaltsangaben, die irgendwann dann in einen routiniert-germanistischen Jargon münden, den Leser jedoch mehr oder weniger indifferent zurücklassen. Ihm einen Preis zu verleihen, der einen der grössten Polemiker deutscher Sprache als Namenspatron hat, verblüfft schon. (Aber dieses Problem ist generell virulent – ein "gekaufter" Namenspatron, der sich nicht mehr wehren kann.) Der Unart vieler seiner Kollegen, dass rezensierte Werk gar nicht oder nur angelesen zu haben, verfällt Winkels offensichtlich nicht. Immerhin das.

Vor einigen Jahren moderierte er im Fernsehen einmal monatlich eine einstündige Literatursendung, die an der "Bestenliste" des SWR angelehnt war, auf 3sat Sonntag früh um 10 Uhr ausgestrahlt wurde und die Bücher dieser "Bestenliste" vorstellte. Die Sendung war sehr vielseitig konzipiert: mal gab es eine kurze filmische Vorstellung eines Buches, mal ein Gespräch mit dem Autor, mal ein Gespräch mit einem Kritiker und manchmal ein Kritikerstreitgespräch. Aus Lyrikbänden wurde auch schon einmal vorgelesen. Die Sendung wurde nach rund zwei Jahren eingestellt – man mag schnell erraten, warum. Das "Format" (man nennt die Art der Sendung wohl so) war wenig fernsehkompartibel; was kein Wunder ist, da Winkels unter anderem Radioredakteur beim Deutschlandfunk ist. Da Qualität grundsätzlich unter "Format"- und Quotenregelungen im Fernsehen rangieren, war die Einstellung nur logisch. Als Alternative hat man seitdem die Sendung "Literatur im Foyer" teilweise trivialisiert, in dem die bemühte, aber weitgehend ahnungslose Thea Dorn über gängige Mainstreambestseller mit Autoren spricht – naja, das was man im Fernsehen so "talken" nennt – in der Regel belangloser Smalltalk.

Winkels, dessen Anspruch also unbestreitbar ist, vermisst in seinem Artikel den weltbewegende[n], ekstatisch-grandiose[n], größenwahnsinnige[n] Anspruch der Kritik. Anschliessend lässt er rund einhundert Jahre Kunst- und Kulturkritik Revue passieren, benennt kenntnisreich die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Kunst – um dann in einem seltsamen Umkehrschluss das Fehlen der pointierten Kritik eben der Kunst bzw. Literatur selber anzukreiden.

Da klingt dann in kriegsveteranenhafter Weise eine "Früher war alles besser"-Klagerhetorik an, die auch noch nonchalant die aktuellen Protagonisten als Schimären pauschal denunziert ( das Reaktionäre bei Botho Strauß und neuerdings bei Martin Mosebach, ein bisschen Katholizismus bei Arnold Stadler und Patrick Roth und eine politisch-mediale Totalverirrung bei Peter Handke). Auch Grass und Walser sind Winkels nicht mehr Widmung wert. Es fehlen ihm die gesellschaftlichen Anknüpfungspunkte, um ethische und ästhetische Auflehnungen vom Zaun zu brechen. Man kann sich den Propheten förmlich im Sessel bei einer Tasse Kaffee vorstellen, wie er sein gegenüber fragt Was geht uns triftig, schmerzlich wirklich an – ausser wir uns selbst?

Natürlich liegt er mit dieser Diagnose nicht ganz falsch. Aber Winkels kommt wie ein Förster daher, der den Wald abgeholzt hat und jetzt beklagt, dass es keinen Schatten mehr gibt. Die Produkte dessen, was er (und nicht nur er) beklagen, sind für das breite Publikum alljährlich beispielsweise im Bachmannpreis zu sehen: Grösstenteils blutleere Prosa, die mit germanistischen Kniffen manchmal noch gerettet werden kann. Das Urteil der Kritiker erscheint dabei häufig genug tagesformabhängig.

Texte von Autoren, die etwas "riskiert" haben, die dem gängigen Mainstream etwas entgegensetzen wollen, haben in den letzten zehn Jahren in Klagenfurt einen schweren Stand gehabt. Die von Winkels bemühten postmodernen Zitatenspieler reüssierten; sie entfachten jedoch nur ephemere Strohfeuer (und meistens einen veritablen Kater).

Natürlich ist Kerrs Ideal vom dritten Gott, den die Kritik zu sein habe, in vielerlei Hinsicht weder praktikabel noch wünschenswert. Den Göttern, die in der deutschen Kritik in den letzten 50 Jahren den Wald sukzessive abgeholzt haben, muss man allerdings attestieren, dass sie eine "gute Arbeit" geleistet haben. Fairerweise muss man jedoch anmerken, dass sie vor allem von einer eigentlich unwissenden Schickeria zu Päpsten und/oder Göttern gemacht wurden: Mit ihnen liess sich dann ein ästhetisches Programm vermitteln, was dem potentiellen Leser dann zum Frass vorgeworfen wurde.

Ich rede nicht nur vom Fernsehen. In den 70er Jahren gab es – auch und gerade dort - zahlreiche Experimente, zeitgenössische Literatur nicht nur kritisch zu beleuchten, sondern – zunächst einmal – überhaupt in den Fokus der Betrachtung zu rücken. Dieser aufklärerische Furor pervertiere Jahrzehnte später vollends in tribunalähnlichen Veranstaltungen wie das "Literarische Quartett". Dass es auch anders ging, konnte man parallel im schweizer "Literaturclub" der Nach-Heidenreich-Ära sehen. Und dass es noch schlimmer geht, zeigt das ZDF im Moment just mit jener Heroine Elke Heidenreich, die sich auch schon mal nicht entblödet, Bücher und deren Autoren, die sie, wie sie selber zugibt, gar nicht gelesen hat, pauschal zu verunglimpfen.

Das sind die "Götter" der Kritik der Gegenwart, Herr Winkels. Und in diesem Sinne haben Sie natürlich mit ihrem Aufschrei recht: Wie tief ist dieser Beruf gesunken, der sich in grossen Teilen zum Trendsetter des Massengeschmacks einfach konsumierbarer Literatur gemacht hat.

Geradezu eine Verkehrung der Wahrheit ist Winkels’ Feststellung (und Diktum), man habe umgeschaltet von ideologischer, auch stil-ideologischer Außensteuerung auf immanente Textsteuerung. Das pure Gegenteil ist der Fall: der "Text" (andere Vokabeln fallen den Kritikern nicht ein) wird nur im jeweiligen gesellschaftlich-politisch-literarisch korrekten Umfeld als satisfaktionsfähig angesehen. Das schränkt – naturgemäss – nicht nur den Kreis der kritischen Rezeptionsmöglichkeiten (also "Texte") enorm ein – sondern lässt auch jenen anfangs so emphatisch vermissten Grössenwahn der Kritik nicht einmal theoretisch aufkommen. Das zu rezensierende ist bereits vorher einem Domestizierungsakt unterworfen worden, der fast zwangsläufig in eine Dressur des Autors aufs stromlinienförmige hinausläuft.

Und wenn das von Winkels so pauschal mit dem Etikett Schimäre versehene, genau das ist, wessen es sich derzeit lohnt zu streiten? Konkret: Ist nicht in Zeiten der fortschreitenden Banalisierung gerade eine Kritik sowohl der medialen Vermittlung (bzw. auch der literarischen Umsetzung dieser medialen Vermittlung) als auch der kanonisierten Betrachtungsweisen, das neue Thema? Sind da nicht Autoren wie beispielsweise Handke und Walser exakt jene vermissten Auflehner (bei aller vereinzelt vielleicht störenden Schrulligkeit)? "Störenfriede", die freilich nur ob ihres Oeuvres überhaupt gehört werden; ein "junger" Autor mit ähnlichen Thesen wäre niemals zur Teestunde (nebst anschliessendem Rausschmiss) im "Grossfeuilleton" geladen worden.

Ist nicht Winkels’ Rückgriff auf den bellizistischen Ernst Jünger in Anbetracht der aktuellen Gemengelage geradezu eine obszön anmutende Geste? Ernsthaft: Was kann einen Literaturkritiker des 21. Jahrhunderts zu dieser Flucht treiben – ausser die Kapitulation vor einer zeitgenössischen Blümchenliteratur, die aber letztlich nur brav den Imperativen des Literaturbetriebs folgt?

Es ist ja nicht so, dass die so schmerzlich vermisste Literatur (oder auch Kunst) nicht existiert. Sie ist freilich im inzüchtigen Treibhaus des Feuilletons eine vernachlässigte Pflanze, die nur gelegentlich zu Repräsentationszwecken mühsam aufgepeppelt ans Licht gezerrt wird. Das Grossfeuilleton bespricht in einem Jahr vielleicht einhundert belletristische Bücher – mehr Auswahl existiert selten (da täuschen auch die pompösen „Sonderausgaben“ nur Quantität vor). Schnell werden die Kritiken zu Meta-Kritiken über Kritiken. Die Namen der Autoren sind über die Jahre immer die gleichen. Amerikanische Writingschool-Aktivisten geben immer mehr den Ton an. Verständlich, dass da die Emphase in der Rezeption fehlt.

Was der Kritik fehlt, ist schlichtweg der Mut. Mut zur Selbstreflexion, Mut zur Kritik, die vor allem auch an den eigenen bis zur Arroganz überzeichneten Grundfesten rüttelt und zunächst einmal den abgeholzten Wald aufforstet. Das ist ein eher langfristiges Projekt in einer auch in der Literatur immer schnelllebigeren Zeit. Aber gerade dies wäre notwendig; auch um neue Schichten langfristig an Literatur (an Literatur und nicht an "Schmöker") zu binden. Hierfür war Winkels' Aufsatz aber leider keine grosse Hilfe.

Die Wollust der Pharisäer

Ich weiss nicht, wie oft ich meinen Eltern schon gedankt habe, dass sie sich erst in den 50er Jahren kennengelernt haben. Ich weiss nicht, wie oft ich schon dankbar gewesen bin, nicht 40 oder 50 Jahre vorher gelebt zu haben. Dann hätte man sich entscheiden müssen: Schwimmt man im Strom mit oder nicht? Nimmt man überhaupt wahr, eine Alternative zu haben? Wussten Kinder oder Jugendliche 1944 oder 1945 das, was wir heute wissen? Mit welchen Massstäben sind ihre Taten zu bewerten?

Politisch bin ich übrigens auch dankbar, nicht in der Deutschen Demokratischen Republik gelebt zu haben. Ich wüsste nämlich auch nicht, ob ich mich gemäss den heutigen Verhaltensmassregeln "richtig" und "korrekt" verhalten hätte. Vielleicht hätte einer irgendwann ein Dokument gefunden, was ich unterschrieben hatte. Einen Bericht oder eine Verpflichtung zur Mitarbeit. Etwas, was ich vergessen hatte oder vergessen wollte.

Ich kann noch dankbar sein, in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen zu sein und zu leben. Aber wer weiss: Vielleicht fragt mich irgendwann einmal jemand, warum ich nichts gegen den Kosovokrieg 1999 unternommen habe. Oder warum ich eigentlich Geschäfte mit China mache. Oder warum ich diese oder jene ökologische Entwicklung nicht aufgehalten, nein: sogar befördert habe. "Wie konntest Du nur?" wird man mich vielleicht fragen. Und ich senke den Kopf und fasele etwas von "konnte man nicht wissen". "Ja", sagt der Neffe oder die Nichte, "das stimmt". "Aber wieso hast Du solange dazu geschwiegen? Wieso hast Du nichts gesagt?"

Günter Grass war bei der Waffen-SS. Damals war er 17 Jahre alt. Ist dieses mit 60jähriger Verspätung ausgesprochene Geständnis nur ein Marketing-Trick? Welch ein Unsinn! Wer das sagt, hat noch nie gelitten und deswegen geschwiegen und dieses Schweigen als Quälerei empfunden. Wer das sagt, erhebt sich, spielt den Richter.

Michael Wolffsohn ist so ein Richter. Er entblödet sich nicht zu behaupten, auch Grass' Werk wäre diskreditiert. In Wirklichkeit diskreditiert sich Wolffsohn selber. Sein Talar der Selbstgerechtigkeit (das ist der, den er Grass so gerne streitig macht), riecht sehr streng nach Rache.

Oder Joachim Fest. Das ist derjenige, der damals den Historikerstreit mit der FAZ publizistisch losstiess und Ernst Noltes These ein breites Forum gab. Auch er holt das gut versteckte Messer heraus.

Die Rechnungen werden allenthalben präsentiert. Auch der erbärmliche Hellmuth Karasek, seit einigen Jahren vom seriösen Literaturkritiker zum Plüschhasen des deutschen Bildungsbürgertums mutiert, ergiesst sich in pharisäerhaftem Bedauern und behauptet gar, der Literaturnobelpreis wäre an Grass mit Kenntnis dieser Biographie nicht verliehen worden. Für wie beschränkt hält Karasek eigentlich die Akademie?

Natürlich hat sich Grass immer sehr engagiert und pointiert geäussert. Aber: Ist nur eine Aussage deswegen weniger richtig oder gar falsch, weil uns Grass in seinem Leben etwas verschwiegen hat? Ist die "Blechtrommel" ein minder wichtiges Werk, weil er als 17jähriger ein glühender Nazi-Verehrer war? Oder weiden sich die Damen und Herren nur einem Fehltritt eines "Denkmals", dass sie nun höchstwillkommen beschädigen, und dabei noch parallel mit ihrer (scheinbaren) moralischen Integrität posieren dürfen?

Auch mir ist Grass mit seiner gelegentlichen Betroffenheitsrhetorik und Unterschrifteninflation auf die Nerven gegangen. Es gab Zeiten, da äusserte er sich zu fast jedem Thema. Wie vorschnell er oft den "Untergang" der Demokratie witterte. Erscheint nicht erst jetzt deutlich, warum dieser Alarmismus?

Hier habe ich ihn in der Diskussion und Handke und Jugoslawien kritisiert. Deutlich sichtbar war hier, dass er zu wenig Kenntnisse von Handkes Büchern hatte. Den richtigen Augenblick zum Schweigen zu finden – das ist nie Grass' Stärke gewesen. Sein Anspruch war vielleicht deswegen zu hoch, weil er ihm selbst (für sich) nicht mehr gerecht werden konnte.

Wer jetzt sein Mütchen an ihm kühlt, vergisst, dass es auch Leute wie Grass waren, die dazu beigetragen haben, dass diese Bundesrepublik so ist, wie sie ist – mit ihren Fehlern, aber auch einer immensen freiheitlichen und friedlichen Gesellschaft. Ob einem das passt oder nicht.

Und ausserdem: Wo steht geschrieben, dass Schriftsteller bessere Menschen sein müssen?

Nachlese 30. Ingeborg-Bachmann-Preis: Exotismus und Authentizität

18 Autoren lesen ihre literarischen Texte vor und anschliessend diskutieren neun Juroren hierüber. Dieses Setting ist die Ausgangsposition für den sogenannten "Ingeborg-Bachmann-Preis", volkstümlich auch "Wettlesen" genannt (als wäre jener der Sieger, der zuerst fertig sei). Anachronistischer kann Fernsehen nicht sein, als dies zu übertragen. Aber es kann auch – wenn die Beiträge und Diskussionen "stimmen"– kaum spannender sein.

Diese Einschränkung ist immer schon Teil des Wettbewerbs gewesen. Mit unroutinierter Schnoddrigkeit wird in den Pausen die Historie anhand von herausragenden Protagonisten (bspw. Hermann Burger oder Sten Nadolny) aufgefächert. Eine Dame, die über den Bachmann-Preis promoviert hat, bekommt Fragen vorgesetzt, die von Viertklässlern pointierter gestellt worden wären. Im vorauseilenden Erahnen wird das Lamento, das alles früher besser und interessanter gewesen wäre, damit desavouiert, das dies auch schon früher, als alles besser war, gesagt worden wäre – und den Wettbewerb gäbe es immer noch. Freilich gibt es ihn und es wird ihn auch (vermutlich) immer weiter geben (sofern nicht die Sponsoren aussteigen oder es keine Juroren mehr gibt, die sich Frau Radisch oder Herrn Corino antun wollen). Aber die blosse Fortexistenz sagt nichts über die Qualität aus.

Das grösste Ärgernis vorab: Nicht mehr der umtriebige, in seine Metaphern gelegentlich zu verliebte Gert Scobel moderierte die Pausen, sondern eine vollkommen überforderte Eva Wannenmacher, assistiert von einem lustlosen Andreas Isenschmid, der die schlimmsten Ahnungslosigkeiten der Dame missmutig ausbügelte. Der Vorteil war, dass man auf Toilette gehen konnte, ohne das Gefühl zu haben, etwas verpasst zu haben. Soviel zum Thema Elend der Präsentation von Literatur im Fernsehen.

Zu den "Texten" (wie immer das am häufigsten verwandte Substantiv und für mich immer auch eine Spur denunziatorisch): Na ja. Glücklicherweise gibt es ja den dritten Tag. Heisse Favoritin: Kathrin PassigEs dürfte wohl kaum einen Zweifel daran bestehen, dass Kathrin Passigs "Sie befinden sich hier" den Preis gewinnen wird. Ein humorvolles, dennoch ernst zu nehmendes Stück Prosa eines Menschen, der sich im Schnee der tschechischen Bergwelt verirrt hat und seinen Erfrierungen mit Hochmut begegnet. Ein gekonnt assoziatives Erzählen, vielleicht sogar schon eine Spur zu glatt, aber das kommt vielleicht daher, weil man viel zu wenig davon gehört hatte.

Ob Thomas Melles Schwimmbad-/Stiftungsgeschichte "Nachtschwimmen" einen Preis bekommt, ist leider fraglich. Mäkelten doch zu viele Juroren an den ihnen (offensichtlich unheimlichen) Metaphernbögen des Autors herum. Da waren einige wohl vollkommen überfordert. Leider hat ihnen niemand diesen Job dann abgenommen.

Es wäre überhaupt besser gewesen, all die Juroren auszutauschen, die sich gelegentlich ihre Überforderung eingestanden, aber dennoch ihr Urteil aussprachen – welches dann meist negativ konnotiert war. Herausragend in dieser Inkonsequenz des Nicht-Sehens war einmal mehr Iris Radisch, die (leider?) Juryvorsitzende, die sich jedoch (leider?) zurückhielt. Das Filettieren lag diesmal bei Karl Corino, der für den kurzfristig erkrankten Norbert Miller eingesprungen war. Corino, vor einigen Jahren heftig umstritten und als (nachträglicher) Denunziant von Stephan Hermlin und Hermann Kant hervorgetreten, guillotinierte oder lobte scheinbar beliebig das ihm vorgestellte. Die armen beiden Autoren, die Norbert Miller noch ausgesucht hatte, verteidigte er nur in 3-4 stumpfen Sätzen.

Corino ist jemand, den man sich nicht einmal als Mentor wünscht. Sein zu Hause am Computer präzise hervorgeholter Zitatenkatalog – hier ein Wort von Lichtenberg, da ein Wort von Thomas Mann, dann wieder ein Apercu von Hoffmannsthal – stets unpassend passend. Dass er ausgerechnet vor einem vor lauter Klischees triefenden Boxer-/Knastpoem in die Knie ging (Clemens Meyers "Die Reise zum Fluss"), einem Text (ja: Text!), der jedem Schreibschulenschüler mit dem Vermerk: geklaut bei fast allen Boxerfilmen Hollywoods der 30er und 40er Jahre) zeigt den verborgenen Hemingway. Olé. Bitte Herr Corino, machen Sie Herrn Miller wieder gesund, ja? Und: Wenn Sie so erkennbar keine Lust haben, warum machen Sie’s denn?

Burkhard Spinnen     c ORF-WebseiteDer Antipode von Corino war (nicht nur vom Sitzplan her) Burkhard Spinnen. Er hat zwar schon seit einigen Jahren fast einen Kultstatus in Klagenfurt, aber er ragte diesmal wirklich heraus. Seine Einwerfungen waren, auch wenn er sich gegen eine Erzählung richtete, niemals bösartig, immer noch eine andere Möglichkeit suchend, und dabei auch sich selbst befragend. Dabei ging er dem fast schon peinlichen Exotismus der Jury nicht auf dem Leim. Immer wenn etwas vorgetragen wurde, was die Juroren nicht kannten und ihm gerade deswegen einen Bonus gaben (Norbert Scheuers Eifelgeschichte "Überm Rauschen" etwa), steuerte Spinnen dagegen, und zwar nicht um einfach nur dagegen zu sein, sondern auch um vor voreiligen Hymen zu warnen. Sein Gerechtigkeitssinn stach weit aus dem oft selbstgerecht-professoralen Geschwafel beispielsweise einer Iris Radisch, eines Heinrich Detering oder Martin Ebel heraus.

Neben Klaus Nüchtern und Ilma Rakusa versuchte Spinnen die textimmanente Diskussion. Zitate dienten nicht als Möglichkeit, einen Autor vorzuführen ob seines "Misslingens", sondern sie leisteten (im Rahmen der Möglichkeiten) auch Hilfe und Beistand.

Das half nicht immer. Wenn es einmal von Ursula März heisst, ein Protagonist begebe sich in der Erzählung auf einer "Expedition", weil ein Arbeitsloser mit dem Bus ans Ende der Stadt fährt, zeigt dies die Lebenswirklichkeit derer, die von "Arbeitswelt"-Literatur (falsch und unwissend) schwärmen oder sie herbeiphantasieren.

Der blödsinnigste Einwand war der, der "Authentizität". Authentizität im Sinne der Übereinstimmung zwischen dem Protagonisten, seiner Sprache und seinem sozialen Umfeld. "Stimmt die Rollenprosa?" war die Frage. Mindestens drei Erzählungen wurden hart kritisiert, weil beispielsweise ein Schlafwagenschaffner (der in Wahrheit ein Student war – Frau Radisch musste durch das Publikum hierauf aufmerksam gemacht werden), ein Schüler oder ein Neo-Nazi nicht "so" spreche, nicht "so" denken könne. Als sei Literatur die Vermittlung eines Szene-Jargons. Als sei es die Aufgabe der Literatur, dokumentarisch Sachverhalte oder Figuren "sprechen" zu lassen. Als sei es nützlich nachzukontrollieren, ob ein Schüler, den von der Schule verwiesen wurde und dies vor seinen Eltern verheimlicht, dies auch de jure tatsächlich tun kann (kann er im "richtigen Leben" nicht, wie 'Sherlock Corino' herausfand).

Bei Norbert Scheuer galt dann die Authentizität als positives Kriterium – die Leute redeten eben so. Aber: Will ich die Leute so reden hören? Kann ich nicht besser – wenn ich Leute so reden hören will – in die nächste Kneipe gehen? Wozu brauche ich dann noch Literatur? Und: Welches Verständnis von Literatur haben solche Juroren eigentlich und welches Textverständnis soll hier prämiert werden? Handelt es sich bei dem Bachmann-Preis um einen Szene-Preis?

Was gab es sonst noch? Ein schöner Vortrag eines spielerischen Umgangs mit Sprache bei Bodo Hell. Oder Hanno Millesi mit seinem Kauz in "Werktagsüber". Und Kai Weyands tragisch-komische Duellsituation "Paso doble". Es steht zu befürchten, dass keiner von ihnen einen Preis bekommt.

Hoffentlich wird morgen vor laufender Kamera nicht die Jury-Entscheidung noch zurückgenommen. Der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin schlug ja vor, Jurys nur noch "beratende Funktion" zu geben. Damit die Politiker endgültig entscheiden können!

Das Heidenreich-Kaffeekränzchen: "Lesen!" im ZDF

Elke Heidenreich      c ZDFGestern wieder „Lesen!“ im ZDF mit Elke Heidenreich, der Frau mit dem „grossen Herz für schlechte Bücher“ (Iris Radisch).

Diese Sendung zeigt das Elend der Vermittlung von Literatur durch / im Fernsehen. In dreissig Minuten nudelt Frau Heidenreich ihre höchstpersönliche Auswahl von Büchern herunter. Es sind meist um die 20 – dezidierte Besprechungen sind da natürlich nicht möglich. Hauptsache „Lesen“! (Der längste Part der Ruhe in der Sendung ist das Vorlesen aus einem Hörbuch – diesmal Scott Fitzgerald.)

Ihre Kriterien bleiben dabei im Dunkeln bzw. sind (vermutlich) an einer vulgär-ästhetischen Linie zwischen Unterhaltungsroman und politisch-korrekter Milieuprosa festzumachen. Nicht umsonst hat sie für die Zeitschrift "Brigitte" eine Buchedition "erlesen".

Der Gast (diesmal Hape Kerkeling) kommt so gut wie gar nicht zu Wort, dient allenfalls als Stichwortgeber, um unablässig den paternalistischen Sermon der Gastgeberin zu produzieren. Einer seiner Vorschläge („Das tibetische Buch vom Leben und Sterben“) wurde flugs als „Innerlichkeitsbuch“ abgefertigt.

Der mit Pathos vorgebrachte „Lesen!“-Imperativ überrascht mich immer wieder neu (als sei dies schon alleine genügend Programm). Zeigt doch die „Bearbeitung“, die Bücher in dieser Sendung erfahren, dass Heidenreich eigentlich das Gegenteil eines Lesers darstellt: Sie ist nicht mehr neugierig, sie weiss immer alles besser und schon im voraus und sie lässt sich immer nur das bestätigen, was sie ohnehin schon kanonisiert hat.

Wer Wolfgang Koeppens „Trilogie des Scheiterns“ als Lektüre vorstellt, die sich „so runterlesen lässt“, ist für mich nicht mehr seriös. Gerade bei Koeppen muss man Wort für Wort und ganz genau lesen – dann erschliesst sich die Kraft seiner Sprache (die in der Tat enorm und – ja, leider – immer noch weit unterschätzt wird). Da werden sich die LeserInnen beim Heidenreich-Kaffeekränzchen noch gewaltig wundern, wen sie denn da empfohlen hat.

Kommentare hier...

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 19:39
Also über die Zugriffszahlen...
Also über die Zugriffszahlen kannst du dich wirklich...
Köppnick - 2008-05-13 17:26
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 13:47
Moderation - ja, jetzt...
Moderation - ja, jetzt fällt es mir auch wieder...
Köppnick - 2008-05-12 19:18
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 16:48
Was meinst du denn mit...
Was meinst du denn mit Moderation? Löschen kann...
Köppnick - 2008-05-12 16:30
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 13:37
Dialektik der Abklärung:...
Dialektik der Abklärung: Umrisse einer neuen Sicht...
Frank-C. Hansel (anonym) - 2008-05-10 12:24
Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58

...anderswo

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
begleitschreiben - 2008-05-13 19:39
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
begleitschreiben - 2008-05-13 13:47
Wie kann man denn ein...
Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?
kursiv - 2008-05-12 21:42
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
begleitschreiben - 2008-05-12 16:48
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
begleitschreiben - 2008-05-12 13:37

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