Literatur

Wolfgang Hermann: Konstruktion einer Stadt

Wolfgang Hermann Konstruktion einer StadtVielleicht steht es einfach zu früh dort – in dieser kurzen, kursiv gesetzten Einleitung: Dieses Buch sei im Bauch von Berlin geschrieben worden als die Stadt noch ein ummauertes, gefesseltes Tier war. Es handele sich um Protokolle des Verlusts, so der Autor. Vielleicht hätte aber dem Leser der Untertitel "Versuche" zu diesen "Konstruktion einer Stadt" zunächst einmal genügt; die Spuren, dass hier aus einer vergangenen Zeit erzählt wird (abgesehen von zwei Exkursen: einem fast restaurativ anmutenden Idyllenszenario, stark erinnernd an die Emmanuel Bove-Welt beispielsweise aus "Meine Freunde" oder "Armand", und, ziemlich am Anfang, einer kruden Weltapokalypse) hätten sich wenn nicht sofort, so doch im Erzählten langsam ergeben. So lehnt man sich zurück und staunt ob dieser so unendlich fern liegenden einundzwanzig (?) Jahre, in der hier noch einmal eine Großstadt aufscheint (viel mehr als diese Großstadt dann diese Zeit). Wie fast niedlich dieses mobilfunklose Treiben da plötzlich erscheint, obwohl die "Protokolle" des Erzählers auch damals schon kein Glück in den Gesichtern der Fußgänger, Nachtschwärmer, Nachmittagsspaziergänger, Voyeure, Barmänner, Trainingshosenträger, Betrunkenen und/oder Beschäftigungslosen entdecken.

Hermann schreibt in einer expressiven Einleitung vom welken und stummen Leben der Städter (und setzt dabei Städter unterschwellig als synonym für den [post-?]modernen Menschen), deren Poren verstopft sind. Sie wagen sich nicht aus ihren kleinen Häusern, denn Sterben vor Angst, das ist Gesetz. Lieber Maus sein als einmal freien Wind atmen. Und sie fragen 'Warum bin ich hier', sie verstehen nicht, aber es muss etwas mit Gott zu tun haben, dem namenlos Beispielgebenden. Und sie übertreiben, um das Maß wiederzufinden. Da ist es folgerichtig, dass, wenn die Intervalle der Ampeln für Fußgänger zu kurz sind, diese sich einander anrempeln. Die Gesichter der Vorübergehenden sind ganz eingenommen von der Rauheit und Hektik dieser Zone, Blitze anstelle von Blicken, Gemurmel, Wortfetzen. Und sosehr sich die Gehenden auch fragten, wer sie waren, es blieb ihnen dunkel.

Wolfgang Hermann   c Sissi FarassatSo changiert Hermann nicht nur vom essayistisch-philosophischen ins Beschreibende, dann ins mäandernd-erzählende und wieder zurück – sondern variiert auch Sprache und Perspektive. Mal ist der Erzähler jemand, der einen Freund in der Stadt besucht, dann ein Briefeschreiber, ein Gartenbesucher oder ein Tag- oder Nachtträumer. Dies neben Beobachtungen eines im Hintergrund agierenden Voyeurs, nein, besser: Schauers. Hermanns Buch verblüfft ob seiner Vielschichtigkeit; fordert den Leser heraus.

Klar ist, dass es sich nicht um typische (profane) Stadt- bzw. Flaneurprosa handelt. Zu intensiv diese Kontraste zwischen Expression und Impression, zwischen Beschreibung und epischem Notat, zwischen Hyperzeitlupenverdichtung und ratterndem Bildergewitter. Hermann widersteht dabei sowohl der Versuchung, die Figuren mit einem künstlichen Exotismus zu überzuckern (und damit einer gewissen Putzigkeit auszuliefern) als auch der Gefahr, in eine verbissene, kulturkritisch-soziologische Attitüde zu verfallen. Es bleibt immer möglich, dass wir uns plötzlich wir selber in einem Hermann-Bild stehen sehen. Unweigerlich assoziiert der Leser irgendwann "Paare, Passanten" von Botho Strauß oder wird an Peter Handke erinnert, etwa bei dieser sehr schönen Miniatur über Flipperspieler (übrigens auch eine Relikt-Erzählung).

Obwohl Hermanns Impressionen überwiegend aus sonnenlosem Herbst (der Zeit, in der man längst vergessene Freunde wiedersieht) und dunklem Winter heraus erzählt werden, handelt es sich nicht um pseudo-melancholische Trübsinnsprosa. Zwar gibt es gelegentlich ganz schön viele Krähen nebst passendem Nebel. Aber in den (zahlreichen!) gelungenen Szenen findet man wunderbare Bilder, etwa wenn die langgezogenen Gesten und Blicke der letzten Versprengten derer notiert werden, die aus einer Bar frühmorgens wie aus einer anderen Welt schauen. Oder wie mit einem Mal ein Flaneur die Gesichter der Gehenden versteht und alleine durch sein Anschauen bei den Passanten Reaktionen erzeugt. Oder die brütende[n] Gestalten am Tresen der Bar und in einem Winkel ein übernächtigtes verirrten Paar das flüsterte (man möchte wissen was, aber der Erzähler bleibt diskret).

Oder wenn von einer bloßen Beschreibung plötzlich ein Raum entsteht, wie zum Beispiel im Zoo, der Elefant, an hinter- und Vorderfüßen angekettet, wippt er nach vor und zurück. Er ist alt wie Stein. Vor den Augen der Zoobesucher wird er niemals sterben. Er schließt seine Augen, den Ort des Sterbens zu suchen. Oder die frisch Verheirateten, die sich, so der Erzähler, nach dem ersten Glück irgendwann in einem nichtssagenden Hotelzimmer streiten werden und dann beschämt und schweigend an einem Tisch im Restaurant sitzen, einander ansehen, aneinander vorbeisehen. Das Leben wird weitergehen… Oder, oder, oder (aber leider gibt es auch einige wenige Szenen, in denen Hermann seinen Bilder nicht zu trauen scheint, ihnen einen Vergleich zur Seite stellt [mit einem ominösen wie einleitend], der dann seltsam matt wirkt und die Stimmung fast abzutöten scheint).

Blind davon, dass ich alles zugleich sehen will - so heißt es bei einer Erzählung der Gärten. Blind werden vom Schauen – als Gefahr. Natürlich kein unbekannter Topos in der Literatur: Die Fülle der Augenblicke auszuwählen, zu bündeln, zu erzählen – und vorher vielleicht an ihr zu verzweifeln. Pathetisch wird Hermann dann manchmal, ein bisschen zu pathetisch vielleicht.

Gleichwohl: "Konstruktion einer Stadt" ist ein kleines und feines Büchlein eines hochtalentierten Autors mit großem Sprachgefühl. Zwar wirkt es gelegentlich ein bisschen überinstrumentiert, aber imponierend ist der große Ernst, mit dem Wolfgang Hermann erzählt. Und damit sind diese "Versuche" Balsam für den durch Zyniker und Witzbolde in der zeitgenössischen Literatur geschundenen Leser.

Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Rainald Goetz: loslabern

Rainald Goetz loslabernLOSLABERN: Traktat, Traktat über den Tod, über Wahn, Sex und Text, und, erheitert von diesem soeben durch ihn hindurchgefahrenen Expressivitätsereignis: Bericht!, der Herbst 2008!... Eine große (großspurige?) Eröffnung. Dann: "loslabern" als ethischer Akt. Als neue Diskursform im Habermasien der Nullerjahre? Und natürlich auch gleich die "passende" literaturhistorische Selbsteinstufung: Ein richtig losgelaberter Text würde seine, dass man aber dann, ohne sich dabei zu unter; Finsternis: Steuer, Erwachsenenleben, Verantwortung, Einsicht, Vernunft; ENDHÖLLE. Verstanden? Nein? Macht nichts. "loslabern" ist eben auch zwangloses bzw. -haftes Absondern. (Das aber glücklicherweise eher selten.)

Vom Größenwahn wechselt Rainald Goetz dann bisweilen ins theatralische und geriert sich auch schon mal als der Gefangene. Aber tröstend für den Leser: Er meint wenig in diesem Buch wirklich Ernst. Hinter diesen Textkaskaden steckt (zu) oft (zu) wenig. Nur ab und an ist das anders, etwa wenn er Schirrmacher vorhält, die Seriosität des (FAZ-)Feuilletons drohe nachzulassen. Dann blitzt die Angst des Kindes hervor, seine Spielwiese zu verlieren. Denn Goetz weiß sehr wohl, was er an seiner Spielwiese hat.

Mit Wortkreationen wie Eitelkeitsimplikationen, Geistesabtötungeffekt, Kitschreaktionärheiten (über Botho Strauß), Unterschichtenschmutz (Privatfernsehen) hat sich Goetz wohl endgültig in den Thomas-Bernhard-Himmel geschrieben. Das bedeutet nicht, dass er ein simpler Bernhard-Epigone wäre oder einfach nur die (späten) bernhardschen Weltbeschimpfungen kopiert. Goetz gelingen Momente, die durchaus eine eigene Stimme erkennen lassen (zumal er der spielerischere Autor ist - im Gegensatz zum austriakisch-bärbeißigen Vorbild [ja, Vorbild]). Und die in taumelnden Textsuaden eingeflochtenen kurzen, jeweils nur wenige Seiten langen Erzählungen (Theologisches Konvikt und 1918) sind tatsächlich kleine Perlen.

Amüsantes vom Feuilleton-Groupie

Dennoch kommt einem das Handke-Wort vom "Witzel" in Bezug auf den späten Thomas Bernhard in den Sinn (Handke verehrte die frühe Prosa Bernhards), wenn man nun diese Klatsch- und Lügengeschichten eines doch arg nervösen Feuilleton-Groupie liest (Goetz spielt damit, seinen Schilderungen erfundene Passagen hinzuzufügen und sie dadurch zu literarisieren). Dabei ist das alles durchaus amüsant (insbesondere wenn man den jeweiligen Kontext kennt, d. h. mindestens FAZ-Leser und Fernsehzuschauer ist; die regelmäßige Perlentaucher-Lektüre schadet auch nichts).

Auf scheinbar jeden "labert" Goetz ein (der Leser merkt nicht immer sofort, ob es sich um innere Monologe oder reale Dialoge handelt). Es ist die Kassiererin an der Supermarktkasse, der Zeitschriftenverkäufer (der ihm 15 Cent Wechselgeld in 1-Cent-Stücken zurückgibt) oder eben die Crème-de-la-Crème des deutschen Feuilletons, die hier durch den Textmahlstrom gezogen wird. So wie Frank Schirrmacher (dessen Artikel im Herbst 2008 er als durchgeknallt bezeichnet und im Gespräch auf dem FAZ-Herbstempfang maßt sich Goetz unvermittelt an, ihn einfach zu bitten, wegzugehen), Don Alphonso (der umschmeichelt wird), Christian Kracht (über dessen zweites Buch er verzweifelt), Peter Sloterdijk (dem mal eben die Welt erklärt wird [peinlich]), Joachim Lottmann (vor dem er sich sogar fürchtet) oder Daniel Kehlmann (der wie einen Streber-Schuljunge abgekanzelt wird). Von Ferne beobachtet er auch Kai Diekmann (Goetz' wilde Assoziation: Diekmann benutze als Haargel das Scheidensekret von Lady Bitch Ray), Broder; Diekmann und Broder ("Arte"-Film!), Nils Minkmar (der Sonderbeauftragte für Brandbeschleuniger beim ZK der FAS), Middelhoff (Achtung: Namenswitze), Döpfner, Stuckrad-Barre (obwohl Springer-Kolumnist mit aufmunternden Worten versehen).

Es gibt auch Reminiszenzen zu Martin Walser, Enzensberger, Bernhards "Preise" (er rubriziert es als schwächeres Werk im Œuvre ein), zur Tellkamp-Lektüre vom "Turm" (dazu einige grottenfalsche Lesarten, etwa wenn er Ostrom in Tellkamps Roman einem realen Ort zuordnet oder suggeriert, ein Verteidiger des DDR-Scheißstaat[es] könnte sich auf dieses Buch berufen – obwohl durchaus konzediert wird, dass Tellkamp die Atmosphäre der DDR treffend schildert). Oder einen Spontanvergleich über Berliner Schnoddrigkeit und Münchner Freundlichkeit. Die Verfilmung von Austs "RAF"-Buch (Drecksfilm). Joachim Kaisers Totaltraurigkeit zum 80. Geburtstag-Interview in der SZ (und wie sonst nur selten spricht einem da der Autor aus der Seele). Haiders Unfall und das Autowrack als Kunstwerk. Und natürlich die sich anbahnende "Finanzkrise" (nebst Lehman-Pleite) – es gibt fast nichts, was im Herbst 2008 en vogue war und sich nicht in diesem Buch bearbeitet findet (inklusive der Reflexionen, die wiederum nur Reflexionen auf frühere Reflexionen sind, wie etwa über Schleef und dessen Theaterkunst, Handkes letzten Satz aus "Wunschloses Unglück" oder den schlechte[n] Schriftsteller Alfred Döblin, diesen Ödnisproduzent[en]). Gegen Ende vermisst man intuitiv dann doch einige(s) und fragt sich warum.

Affirmation von Tratsch und übler Nachrede als Kunst, so referiert Goetz einmal in einer Suada über Döpfner – aber der Leser hat unvermittelt einen Anhaltspunkt, wie er die vorliegende Prosa charakterisieren könnte. Dabei sind manche dieser Reflexionen von luzider Kraft, etwa wenn er über die Jahre der Schröder-Kanzlerschaft sagt: Nur in den rot-grünen Jahren gab es kurz einmal den Versuch einer direkten Affirmation der Macht, und man konnte an Schröders Beispiel gut sehen, dass sogar in der Politik der Wille zur Macht so direkt nicht affirmiert werden darf, weil die Macht sich mit dieser Selbstaffirmation selbst gefährdet, sogar selbst zerstören kann. Leider wendet sich Goetz dann wieder seinem Gesprächsgast zu, statt diesen belebenden Gedanken weiter auszuführen.

Qualitätsjournalismus und Diskursirrsinn

Gelungen die historische Allegorie zum aktuellen Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft. Seit Jahren, so Goetz, wird der Politik die Vorrangstellung von der Wirtschaft streitig gemacht (was – unüblich in diesem Buch – sehr zurückhaltend formuliert ist). Diesen Kampf zwischen Politik und Wirtschaft um den gesellschaftlichen Spitzenrang sieht er nun parallel zur historischen Konfrontation zwischen Kirche und Reich, Papst und Kaiser in den zurückliegenden Jahrhunderten. (Da erinnert man sich dann an seinen Geschichtsunterricht.)

Zum Qualitätsjournalismus führt Goetz kurzerhand eine Art "Beweislastumkehr" ein: Mehr denn je war…die öffentlich zugängliche Information in einer solchen Massenhaftigkeit, Zugänglichkeit und Unüberblickbarkeit zugänglich, dass das Problem intellektueller Qualität, also auch das Problem für den Qualitätsjournalismus, längst umgekippt war aus dem Bedarf an Information in das Gegenteil, in Bedarf an Nichthaben von Information… Zu Recht merkt er an, dass 90 Prozent der überall wichtigtuerisch weitergeflüsterten Hintergrundinformationen…totaler Sozialmüll, Unsinn, Jauche seien, die auch dem Qualitätsjournalismus viel zu oft das Hirn viel zu sehr überschwemmt. Demnach bestünde Qualitätsjournalismus durchaus (oder gerade) auch im Nicht-Melden allzu banaler und/oder lächerlicher bzw. ungeprüfter, einfach nur abgesonderter "Informationen". (Eine mehr als zutreffende Einschätzung, wie man beispielsweise aktuell an der lachhaften Pseudo-Berichterstattung der sogenannten Qualitätsmedien zu den Koalitionsverhandlungen sehen kann.)

Und wenn Goetz richtig wütend und dabei genau ist, dann ist die Lektüre tatsächlich mehr als nur amüsantes Plaisir. Etwa, wenn er aus Anlaß der Finanzkrise gekonnte Medienkritik betreibt und den kompletten Diskursirrsinn konstatiert, der die gesamte Presse, besonders aber die Feuilletons, und unter denen am allerheftigsten natürlich gerade auch wieder das allerhysterischste, das der Faz, befallen hatte, wo jetzt in mehr oder weniger täglich erscheinenden Artikeln die Revolution ausgerufen wurde, die morgen gleich über uns hereinbrechende REVOLUTION vorhergesagt wurde, Revolution, egal eigentlich von was und wofür, Revolution aber auf jeden Fall täglich angefragt und angemahnt wurde […] und jeder von uns Schriftstellern musste, das war in diesen Wochen Pflicht, per Artikel oder Interview das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen verkünden, das neu heraufkommende Zeitalter der Vernunft ankündigen, das jetzt im Zusammenbruch der Irrsinnigkeiten des Kapitals sichtbar werden würde […] je besser bezahlt der Feuilletonredakteur, umso radikalantikapitalistischer der Neoantikapitalismus, umso orthoorthodoxer der Basalmarxismus, es war in der gesamten Öffentlichkeit kurz eine Stimmung wie früher in der Alternativkultur, Wirgefühl, Gruppendruck, Unsinnsparolen und richtiger Lügen natürlich auch, mit dem unangenehm modischen Triumpfgefühl, es immer schon gewusst zu haben, aber links ist nicht nur mit den Schwachen im Sozialen, links ist im Diskurs manchmal auch kurz da, wo eine Wahrheit schwach ist aktuell…

Baby Schimmerlos mit lichten Momenten

Da ist dann doch dieser Hang auf der richtigen Seite stehen zu wollen (was er den anderen vorwirft). Unter diesem Konformismus büßt Goetz' Denken dann an Schärfe ein; es wird eindimensional und leicht auszurechnen. So lehnt er natürlich ganz "korrekt" den Nationalstaat ab (besonders heftig sein Ekel vor den Schleimer[n] und Mitmacher[n] der nur so tropfenden, so fürchterlich gewesenen mittleren Nullerjahre hier in diesem DEUTSCHLAND VERRECKE usw, Grausigkeitstiefstpunkt war der WM-Sommer 2006 gewesen), während er den Wohlfahrtsstaat selbstverständlich bejaht (angekotzt ist er von einem ein Buch mit der Kapitelüberschrift "Warum ist der Staat überhaupt notwendig"). Über die Ambivalenz dieser beiden Einstellungen ist sich Goetz (wie viele andere Intellektuelle) gar nicht im Klaren.

Nicht nur hier seufzt der Leser ob des Privilegs eines nicht argumentieren müssenden Buches: Man erklärt es ganz schnell zur Literatur, damit man die Inkonsequenzen nicht erläutern muss. Widerspruch ist in diesem Konzept nicht nur nicht vorgesehen, er ist sinnlos. Oder warum (und vor allem: wie) sollte man widersprechen, wenn beispielsweise Gorbatschow zum etwa drittwichtigste[n] Mensch des 20. Jahrhunderts apostrophiert wird, nach Lenin und Hitler und wohl sicher vor Stalin?

Eindeutig leidet darunter das, was man Seriosität des Autors nennen könnte (ein Begriff, den Goetz voraussichtlich in drei Sätzen à je zweieinhalb Seiten aufs Schärfste als Unfug abtun würde). Aber es gibt auch gewollt komische Passagen in diesem Buch, wenn der Autor beispielsweise eine Art Fehlersuchspiel entwirft:

Giovanni di Lorenzo, Die Zeit […]
Helmut Markwort, Focus […]
Gerhard Steidl, Steidl-Verlag
Elke Heidenreich, Spinat


Oder wenn er launig die sieben großen "W" des Journalismus aufzählt:
wer? // was? // wie? // wo? // wann? // warum?

Bei aller Albernheit: Goetz versteht sich (seit "Abfall für Alle") als Chronist (inzwischen der perversen Nullerjahre). Und dies macht er rebellisch-posierend, bernardesk-wütend in einer Mischung zwischen Baby Schimmerlos des FAZ/taz/SZ/Spiegel/Zeit-Feuilletons und eines "écriture automatique"-Adepten der 1920er Jahre.

Man vergesse jedoch nicht: Hier wird ein Schauspiel aufgeführt. Goetz ist natürlich längst nicht mehr das enfant terrible. Er ist "angekommen" und berichtet aus dem Zentrum des "Betriebs" und nicht von dessen Rand (auch das unterscheidet ihn beispielsweise von Bernhard). Man achte beispielsweise darauf, wen er nicht erwähnt. Es gibt bei ihm auch keine "Entdeckungen", keine "Außenseiter"-Sichten. Er stiftet keine "Diskurse", er nimmt sie nur auf, spinnt sie teilweise in Absurde aber manchmal gelingen ihm dabei belebende Ideen. Seine Kreativität ist dennoch auf die Re-Aktion beschränkt. Goetz' "loslabern", Teil eines großen Projekts, sind Aufzeichnungen, die den am Feuilleton interessierten Leser ein bisschen eine Schlüssellochperspektive suggeriert. Wie lange die Kraft dieser Beobachtungen attraktiv bleibt, ist fraglich. Der Chronist der Nullerjahre scheint manchmal mit eher kurzer Lebensdauer zu berichten. Aber vielleicht irrt der Leser da und in zwanzig Jahren sind diese Bücher kanonisiert. Mindestens werden sie den dann noch lebenden Zeitgenossen als Erinnerungsstützen dienen.
Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch

Roberto Bolaño: 2666

Roberto Bolano 2666Das Buch beginnt so harmlos. Drei Literaturprofessoren (Jean-Claude Pelletier aus Frankreich, Manuel Espinoza aus Spanien und Piero Morini aus Italien) und die englische Literaturdozentin Liz Norton (später heißen sie nur noch die Kritiker) entwickeln über die Jahre eine Affinität zum Werk des deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldi. Anfangs ein Geheimtip, forcieren nicht zuletzt die vier die Rezeption Archimboldis in der Literaturwissenschaft; unter anderem auch durch Übersetzungen. Auf Kongressen, Colloquien und andere Zusammentreffen (die es offensichtlich reichlich gibt) lernen sie sich persönlich kennen und vertiefen nicht nur ihre fachlichen Kenntnisse. Durch Liz Norton kommt es zu allerlei Liebesverwicklungen; die Dame hat zunächst Pelletier als Geliebten, etwas später dann Espinoza, längere Zeit beide parallel und mindestens einmal auch gleichzeitig. Die körperlichen Gebresten Morinis (er ist im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen) scheinen da Barrieren zu bilden, wobei es am Ende dieses ersten Teils dann doch noch eine Überraschung gibt.

Neben diesen Interaktionen unter den vier Kritikern (Telefon-, Mail-, Gesprächsaustausch), dem gelegentlichen Beäugen, den Idiosynkrasien, den Verletzungen, den Merkwürdigkeiten, den Sexualstellungen und –frequenzen – alles in einer Mischung zwischen Protokoll und Reportage aufbereitet - geht es natürlich auch um Literatur. Das Geschriebene bleibt die einzige Referenz für die Adepten, denn Archimboldi ist so phantomhaft wie im realen Leben sonst nur Thomas Pynchon. Seine Manuskripte kommen aus Italien oder Griechenland und einzig die greise Verlegerin Anna Bubis kennt ihn persönlich (man erfährt dazu im Laufe des Buches mehr). Außer Bubis gibt es selbst im Verlag (der teilweise dem Fischer-Verlag nachempfunden ist), den die Kritiker auch besuchen, keine Spur und außer der Chefin auch niemanden, der nachweislich mit Archimboldi jemals kommuniziert hat. Man weiß nur, dass er hager und sehr groß ist und blonde Haare gehabt haben soll. Nicht ein Bild existiert; an der Stelle auf der Wand der Verlegerin, an die sie sich erinnern, einen großen, hageren Mann mit ihr gesehen zu haben, war am nächsten Tag eine weiße Stelle.

Ab und an findet sich dann doch ein Zeuge, beispielsweise derjenige, der den Schriftsteller 1959 bei einer Lesung im Friesischen kennengelernt (eher: gesehen) haben will. Und sie hängen an den Lippen dieses Mannes, dessen Bericht förmlich aufgesaugt wird (Bolaño braucht dazu nur einen Satz - der allerdings sechs Seiten umfasst und von Friesland bis nach Buenos Aires führt). Als Archimboldi Ende der 90er Jahre mehrmals als Nobelpreiskandidat gehandelt wird, steigt der Unternehmungsgeist der Kritiker den greisen Dichter (der 1920 in "Preußen" geboren wurde und Hans Reiter heißt – viel mehr biografische Informationen besitzen sie nicht) zu treffen, ihn zu interviewen und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen (obwohl die Zeiten der großen Erfolglosigkeit des Dichters offensichtlich vorbei sind, denn einmal, als die Beschäftigung der Vier mit ihrem Helden kurz nachließ, wird bemerkt, dass dessen Ansehen hinter ihrem Rücken wuchs).

Von der Burleske zu "Twin Peaks"

Dabei werden nicht nur die (lächerlich erscheinenden) Hahnenkämpfe innerhalb der Germanistenzunft süffisant ausgebreitet (die Archimboldi-Anhänger teilen sich in zwei Lager, die sich anfangs unversöhnlich gegenüberstehen) sondern auch die Ambitionen der Vier, innerhalb der Kritikerkaste mit einer Sensation reüssieren zu wollen. Und als es ein vages Gerücht gibt, Archimboldi befinde sich in einer amerikanisch-mexikanischen Grenzstadt machen sich drei der vier (der Italiener bleibt zu Hause) nach Santa Teresa auf, diesem (fiktiven) Ort, der – wie man hört – durch eine enorme Serie von Frauenmorden seit Jahren auch überregional Schlagzeilen macht. Dort treffen sie Professor Amalfitano, der dort mit ihnen nach Hans Reiter recherchiert (man sucht alle Hotels nach einem Deutschen ab).

Mit der Ankunft der Europäer in Mexiko kippt die Atmosphäre des Romans, der bis dahin eine eher heiter-ironische Burleske auf den europäischen Literaturbetrieb war. Auf den letzten rund 80 Seiten des ersten "Buches" (von insgesamt 200 Seiten) reift ein unterschwellig waberndes Bedrohungsszenario heran, welches im weiteren Verlauf ständig gesteigert wird, ein Gefühl der Unwirklichkeit auch beim Leser auslöst und im vierten Teil in einen großen apokalyptischen Strom kumuliert.

Die Ermittlungen in Santa Teresa bleiben erfolglos; Reiter bleibt unauffindbar, wobei immer Zweifel bleiben, ob er jemals angekommen sein soll (eine Umweg-Parallele zur Unwissenheit des Lesers des Buches, der nie in den Genuß auch nur eines Archimboldi-Satzes kommt). Eine trübe Stimmung macht sich unter den Kritikern breit; Norton fliegt zurück (und landet in Italien bei Morini). Espinoza bändelt unterdessen mit einer sehr jungen Teppichverkäuferin an während Pelletier in der Hotellobby die Romane von Archimboldi zum wiederholten Mal liest. Amalfitano ist großen Stimmungsschwankungen unterworfen, manchmal seltsam fahrig, dann wieder der perfekte Gastgeber, was zu den wildesten Spekulationen Anlaß gibt.

Über Amalfitano handelt dann der zweite Teil (mit knapp 80 Seiten das kürzeste Kapitel). Er kommt eigentlich aus Spanien und ihn hat es durch letztlich ungenannte Umstände nach Mexiko verschlagen. Seine Frau geht eines Tages aus dem Haus und lässt ihn mit der kleinen Tochter alleine. Jahre später kehrt sie kurz wieder zurück, hat in Frankreich ein weiteres Kind bekommen. Sie hat AIDS und verlässt Amalfitano nach kurzer Zeit wieder. Privat gescheitert und mit dem Gefühl des verkannten Intellektuellen wird er immer schrulliger. Seine Vorträge an der Universität werden fast unverständlich. Eines Tages hört er eine Stimme, die er mal für den Großvater, dann wieder für den Vater hält; er wird wahnsinnig, glaubt aber, den Wahnsinn beherrschen zu können, wenn er ihn als solchen annimmt. Derweil taucht seine Tochter Rosa in der Jugendszene von Santa Teresa immer weiter ein.

Der dritte Teil handelt von dem schwarzen amerikanischen Kulturreporter Quincy Williams (der merkwürdigerweise Oskar Fate genannt wird). Fates Mutter ist gestorben und durch die Ermordung des Kollegen, der sich mit dem Boxen beschäftigt, wird er von seiner Redaktion gebeten eine Sportreportage über einen Boxkampf zu machen, der in Santa Teresa stattfindet (ein Kampf zwischen einem amerikanischen und einem mexikanischen Boxer – eine verkrampfte Allegorie auf das ambivalente Verhältnis zwischen den USA und Mexiko). Durch Gespräche mit Einheimischen und lokale Berichte wird Fate auf die Mordserie aufmerksam. Der Boxkampf bringt den erwarteten Sieger (Fate trifft am Ring Rosa Amalfitano, die ihn fasziniert). Er bittet seine Redaktion, über die Mordserie berichten zu dürfen, was jedoch abgelehnt wird, da kein Interesse daran bestünde. Gegen Ende verbündet er sich halbherzig mit einer Journalistin und besucht mit ihr den Hauptverdächtigen der Morde im Gefängnis. Es ist Klaus Haas, ein großer, blonder Mann, ein Deutscher, der die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, seit Jahren auf die Wiederaufnahme seines Verfahrens wartet (seit seiner Inhaftierung ging die Mordserie unvermindert weiter) und Pressekonferenzen aus dem Gefängnis heraus mit dem Handy organisiert und in der Gefängnishierarchie sehr schnell zur Führungsfigur aufsteigt.

Einhundertvier Ermordete auf dreihundertzweiundvierzig Seiten

Der vierte Teil beginnt im Jahr 1993 (endet Ende 1997) und listet litaneiartig die teilweise fürchterlich entstellten Leichenfunde auf. Es sind einhundertvier tote Frauen (vom zehnjährigen Kind bis zur reifen Ehefrau) auf dreihundertzweiundvierzig Seiten. Trotz diverser Exkurse, beispielsweise über einen vermutlich sakrophobischen Kirchenschänder, der unterschiedlichen Charaktere der Gerichtsmediziner von Santa Teresa, den Frauenwitzen der Polizei, einem Snuff-Video-Ring (der dann doch nicht zu existieren scheint) und dem Besuch eines amerikanischen Profilers, der die örtliche Polizei unterstützen soll - unweigerlich beginnt der durch Lektüre und entsprechende Filme konditionierte Leser kriminalistische Überlegungen, sucht nach einem Schema, nach Gemeinsamkeiten, kurz: er betätigt sich als Amateurkommissar, folgt den Spuren, entwickelt Theorien, versucht, "Täterprofile" zu phantasieren. Dies alles bleibt jedoch fruchtlos; das Buch verweigert sich jeder Aufklärung. Zu unterschiedlich die Art und Weisen der Ermordungen (auch hier werden stets alle Einzelheiten ausgebreitet – vom Verwesungszustand bis zum Interesse der medizinischen Fakultät von Santa Teresa an dem Leichnam). Und zu verschieden die Opferprofile, obwohl es meist Arbeiterinnen aus den im Umland befindlichen Billiglohnfabriken sind.

Die Polizei ist überfordert, aber auch desinteressiert. Die Fälle werden häufig sehr schnell ad acta gelegt; Spurensicherung am Tatort ist meist ein Fremdwort und gibt es Spuren, die weiter verfolgt werden müssen, dann versagt merkwürdigerweise oft Kommunikationswege oder es gibt wider Erwarten kein Resultat. Als einige Opfer vorher in einem bestimmten Fahrzeugtyp ("Peregrino") einsteigend gesehen wurden, werden die Ermittlungen in dem Moment eingestellt, als die Polizisten sich bei einigen dicken Fischen unbeliebt gemacht hatten, deren Söhne, die Jeunesse dorée von Santa Teresa, nahezu die gesamte Peregrino-Flotte der Stadt besaßen.

So sind die Kommissare desillusioniert oder korrupt oder beides (früh wird der potentielle "Nachwuchs" auf das bestehende System vergattert). Der Polizeichef wird mit dem amerikanischen Konsul, dem Bürgermeister und mit Personen, die als Drogenbosse verdächtigt werden, bei Festen oder Zusammenkünften gesehen. Offiziell gilt die Mordserie mit der Verhaftung von Klaus Haas als abgeschlossen, obwohl sie weitergeht. Später nimmt man noch eine andere Gruppe fest – mit ähnlichem Resultat. Haas beschuldigt aus dem Gefängnis heraus in einer Pressekonferenz eine in der Stadt hoch angesehene Familie der Morde, aber niemand glaubt ihm.

Von der Unmöglichkeit, zu weinen

Nur einer ragt da heraus: Der Mittdreissiger Juan de Dios Martínez. Er sichert noch gewissenhaft Spuren. Wo andere fünf Stunden brauchen um an den Tatort zu kommen, ist er in einer Stunde da. Er sucht und befragt Zeugen und er klärt Fälle auf (allerdings nur diejenigen, die nichts mit dem/den Serienmördern zu tun haben; auf die anderen wird er irgendwann gar nicht mehr angesetzt). Martínez ist die Kerze in diesem Panoptikum der Düsternis. Er hat ein Verhältnis mit einer rund fünfzehn Jahre älteren Ärztin und Leiterin einer Irrenanstalt, die er bei den Ermittlungen zum Kirchenschänder kennen- und liebenlernt. Die wohlhabende und gebildete Frau, die sich Martínez alle vierzehn Tage in ihrer Wohnung in einem festen Ritual hingibt, will einerseits diesen Ort verlassen und sich in Europa neu etablieren – ist aber andererseits dazu nicht in der Lage.

Es sind diese Szenen der Kontemplation (hier bleiben uns auch schlüpfrige Details aus der Zusammenkunft der beiden erspart), die dann aus dem Nachrichtenton und im Strudel der immer dichter werdenden Endzeitstimmung herausragen und diesen Teil des Romans zum lesenswertesten machen. So sitzt Martínez einmal im Auto, lehnte den Kopf an den Lenker und versuchte zu weinen, was ihm nicht gelang. Ein andermal geht ihm ein Fall so nahe, dass er den Kopf in die Hände vergrub und seinen Lippen entschlüpfte ein schwaches, deutliches Jaulen, als würde er weinen oder mit den Tränen kämpfen, aber wenn er schließlich die Hände wieder sinken ließ, kam nur seine alte, von der Mattscheibe erleuchtete Visage zum Vorschein, seine alte, unfruchtbare, trockene Haut, und nicht die Spur einer Träne. Er, der die Menschheit in diesem Moment noch retten könnte, vermag nicht mehr zu weinen.

Das letzte "Buch" erzählt, nein: berichtet das Leben von Hans Reiter (alias Benno von Archimboldi (die Nähe zum italienischen Renaissance-Maler ist, so wird berichtet, durchaus gewollt). Obwohl 1920 geboren, erscheint Reiters Kindheit eher im 19. Jahrhundert angesiedelt zu sein. Die Kriegserzählungen – personal und ohne jede Empathie erzählt – zeigen einen somnambul-todesmutig taumelnden Soldaten Reiter (bei allen großen Unterschieden ist hier eine Parallele zu Ernst Jünger), der sich häufig furchtlos den gegnerischem Feuer entgegenstellt. Danach flacht dieses Kapitel zusehens ab. Die Irrungen, Wirrungen und später dann auch Vögeleien sind von aufreizender Langeweile. Reiter/Archimboldi entwickelt solipsistische Züge. Man erfährt noch, dass Klaus Haas, der Gefangene in Santa Teresa, der Sohn von Reiters Schwester ist. Als diese nicht mehr weiterweiß, bittet sie ihren zehn Jahre älteren Bruder, zu intervenieren. Und mit dem letzten Satz es Buches fliegt Reiter dann nach Mexiko.

Und doch gibt es hier mächtige Szenen wie beispielsweise der Kontrast zum vergeblichen Trauernden Martínez, der sich in Reiters Kindheit zeigt, als der sechsjährige plötzlich unter Wasser vor Glück weint. Oder der 25jährige, dem Krieg gerade entronnen, der in einem Kleiderladen bei der Vergegenwärtigung des scheinbar baldigen Todes seiner Geliebten unmittelbar das stumme Weinen beginnt und dann das Fliessen der Tränen einsetzt.

So muss wohl irgendwann zwischen 1950 und 1993 die Hoffnung für die Menschheit verloren gegangen sein. Santa Teresa ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Trostlosigkeit, die, präziser gesagt, eine Ent-Tröstung ist. Die letzten Tage der Menschheit im vermeintlichen Frieden. Santa Teresa als Hauptstadt der Vergeblichkeit. Obwohl die einzelnen Kapitel einigermaßen feste Zeitrahmen haben (1994-1998/99; ab 1998; ab 2002; 1993-1997; 1920-2001) sind sie Projektionen an eine Zukunft, die sich im Blick auf Santa Teresas Vergangenheit und Gegenwart formt und den Globus überziehen wird.

Wie beiläufig dann eine Art von Lösung, in der Reiter mitten im Russlandkrieg einen Glücksmoment erlebt, der ihn so frei wie noch nie in seinem Leben macht: Die Möglichkeit…, dass alles nur ein Trugbild sein könnte, beschäftigte ihn. Das Trugbild war eine Besatzungsmacht der Wirklichkeit, dachte er, die noch die äußersten und entlegensten Bereiche der Wirklichkeit kontrollierte. Es lebte in den Seelen der Leute und in ihren Gebärden, in ihrem Willen und im Schmerz, in der Art, wie einer seine Erinnerungen ordnete, und in der Art, wie er Prioritäten setzte. Das Trugbild blühte in den Salons der Industriellen und in der Unterwelt. Und natürlich ist der Nationalsozialismus das zu absoluter Herrschaft gelangte Trugbild. Aber auch Liebe sei im Allgemeinen auch nur ein Trugbild…die Liebe, die Partnerliebe mit Frühstück und Abendessen mit Eifersucht und Geld und Traurigkeit, ist Theater, also Trugbild.

Spinnt man diesen Gedanken weiter, so scheint dann auch das Trugbild des Humanismus an einem Ort wie Santa Teresa wie bei einer archäologischen Ausgrabung als Relikt der Vergangenheit freigelegt zu werden (oft erinnern die Leichenfunde an archäologische Objekte; auch was die Bergung angeht).

Hochambitionierte Verrätselungen

"Manischer Realismus" wird Bolaño mit diesem Buch nachgesagt. Eine ebenso zutreffende wie unvollständige Charakterisierung. Das Manische zeigt sich vor allem in den schier unerschöpflichen Schilderungen der geschundenen, missbrauchten, verstümmelten Leichen. Und Bolaño erwähnt Kafka viel zu häufig, um nicht eine Art Fortschreibung der Kafka-Halb- und Zwischenwelten angestrebt zu haben; er kopiert seinen Ton manchmal bis fast zur Paraphrase. Hinzu kommen die philosophischen Fingerübungen, die nur manchmal überzeugen und unzählige Allegorien, Anspielungen und Nebelkerzen, die mit scheinbar diebischem Vergnügen eingebaut wurden. Im Kapitel über Archimboldi scheut er sogar nicht davor zurück, einen von den eigenen Soldaten ermordeten rumänischen General als Gekreuzigten (mit grossem Gemächt, dessen Aktion Reiter Jahre zuvor beobachtete, als dieser eine Frau damit penetrierte, die später Anne Bubis wurde) zu inszenieren.

Oder man taucht in zahllose Binnenerzählungen ein und in den Binnenerzählungen erscheinen weitere Binnenerzählungen, die jedoch in den meisten Fällen ins Nichts führen und nie mehr aufgegriffen werden. Das sind dann irgendwann zu viele fruchtlose Verirrungen. Dieses so bemüht wirkende Scharadentum (von Ferne an David Lynchs Fernsehserie "Twin Peaks" erinnernd oder auch – in seiner Episodenhaftigkeit und Staffelübergabe der Handlung an den "nächsten" Protagonisten – an Jacques Rivettes cineastisches Opus Magnum "Out 1 – Noli me tangere") bleibt meist flache Imitation eines pseudo-geheimnisvollen Existentialismussurrogats oder einfach nur Spielwiese für philologische Sinnsucher, die hinter jedem Gebüsch eine Legion böser Geister vermuten.

Alles wird dieser Verrätselung untergeordnet. Es beginnt schon mit dem merkwürdigen Titel des Buches. So wird berichtet, Bolaño habe selber, kurz vor seinem Tod, 2666 als eine Art Endzeitjahr genannt. Zahlenmystiker entdecken hierin ein 2 Mal 666 - die Zahl der Apokalypse aus der Offenbarung Johannes. Wieder andere ziehen Verweise aus anderen Bolaño-Romanen heran und erklären den Titel damit. Oder wurde beim Schreiben zu schnell getippt – statt »"666"« blieb »2666"«. Man könnte auch auf die Idee kommen, Bolaño paraphrasiere Kubricks "2001" und transformiert die Odyssee im Weltraum auf die Erde.

Aber während Kafkas Welt ein Überall-Ort in einer Überall-Welt sein kann, bleibt Santa Teresa im Buch Santa Teresa im Jahr 1993 bis 2002 (auf die tatsächlichen Parallelen zum mexikanischen Grenzort Ciudad Juárez und der dortigen Frauenmordserie wird im kurzen Nachwort von Ignacio Echevarría verwiesen). Der große Fehler dieses überdimensionierten Romans ist, dass dem Leser die Möglichkeit der Distanzierung zu einfach gemacht wird. In postmoderner Gemütlichkeit kann man sich jederzeit problemlos aus dem Roman flüchten und die Protokollperspektive des Erzählers annehmen. Man liest dann bestenfalls eine Reportage; die Sprache ist stumpf. Zu sehr scheint sich Bolaño auf Effekte und Affekte zu verlassen (zudem lässt das letzte Kapitel erahnen, dass der Autor es nicht mehr fertigstellen konnte). Das Buch – und selbst dieses abscheuliche Kapitel der Verbrechen – packt den Leser nicht. Zu selten wird eine Intensität erreicht, die berührt. Fülle und Fluktuation des Personals, welches insbesondere in den direkten Santa-Teresa-Kapiteln (letztes Drittel des 1., Kapitel 2-4) ausgebreitet wird, lassen Empathie mit oder gegen die Figuren nicht oder kaum zu (Ausnahme ist die bereits erwähnte Figur des Kommissars). Was den Leser bestenfalls bei der Stange hält ist Neugier auf das Exotische oder vielleicht eine fortlaufende Entrüstung.

Wie aufdringlich die intertextuellen Rekurse eingearbeitet sind. Von Thomas Manns Todesstadt Venedig über den lateinamerikanischen magischen Realismus, den Satzschrauben eines Thomas Bernhard, Doris Lessings "Memoiren einer Überlebenden", der moralischen Verkommenheit der Protagonisten aus Hubert Selbys "Letzte Ausfahrt Brooklyn" bis zu Nuancen aus Brent Easton Ellis' psychopathischen Massenmörder "Bateman" aus "American Psycho" – um nur einige wenige anzugeben.

Somit ist dieses Buch für Literaturexegeten ein schier unerschöpflicher Steinbruch. Sie überschlagen sich daher auch folgerichtig mit Lob für dieses monströse Stück Literatur-Literatur, weil sie in mit Querverweisen ihr literarisches, cineastisches, kunsthistorisches, dramatisches und/oder historisches Wissen verwursten und mit immer neuen Assoziationsgewittern brillieren können, die am Ende so richtig wie falsch sind und kaum Erkenntnisgewinn bringen. Als wäre dieses Behaupten von Authentizität, welches in diesem Buch praktiziert wird, schon Ausweis für Qualität. Freilich, den blutleeren Schreibschulliteraturen, die die Kritik so oft und so voreilig in den Literaturhimmel hebt (teils aus Angst, sich mit wirklichen Talenten auseinanderzusetzen, teils aufgrund ästhetischer Rostspuren in ihrem Getriebe), ist dieser Roman natürlich meilenweit überlegen. Aber es bleibt ein irgendwie potemkinscher Roman: hinter den Fassaden sitzen nur die Deuter. Glauben Sie ihnen kein Wort, denn sie projizieren nur ihren eigenen Roman in dieses Buch. Tatsächlich macht die Lektüre von "2666" nicht einmal unglücklich. Sondern nur apathisch.
Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Jochen Schimmang: Das Beste, was wir hatten

Jochen Schimmang  Das Beste was wir hattenEin furios-melancholischer, manchmal sentimentaler Beginn. Gregor Korff, 1948 geboren, durchschreitet in Gedanken seine Kindheit und Jugend. Vom Vorharz ins Friesische gekommen, für seine Mitschüler mit einem Geheimnis [ausgestattet]…das er gar nicht hatte, entwickelt sich eine Freundschaft zu Nott (der später ein Anwalt in der linksalternativen Szene wird). Man richtet sich heimlich eine alte, baufällige Hütte ein, beschäftigt sich mit den Beatles und dem Profumo-Skandal (vor allem mit Christine Keeler), hat kurzfristig Respekt vor dem britischen Posträuber Biggs, rezitiert Beckett (den man nur teilweise versteht), spielt Schach und lässt irgendwann zwei Schwestern (die Füchsinnen) ins Refugium hinein (und Gregor erinnert sich an Reni Fuchs und seine aufkommende Lust).

Dann die Studentenzeit in Berlin (der seit Schulausflugtagen ungeliebten Stadt), die (Zufalls-)Bekanntschaft mit Lea (im Raum des Möglichen hätte ja eingangs der Party durchaus auch eine andere Blickrichtung gelegen), dadurch Gefolgschaft und Funktion in einer K-Gruppe. Anfang der 70er Jahre geht Lea in den Untergrund (er hört nie mehr von ihr). Die Fussballtruppe der PL/PI ("Proletarische Linke/Parteiinitiative") bleibt noch, diese seltsame Truppe von Träumern und Versprengten; für die Augenblicke des Spiels scheinen alle Probleme und Differenzen getilgt. Hier lernt er Leo Mürks kennen (das Heinrich-Böll-Gesicht), der nach Köln ging (und Uli Goergen [später Professor] und Carl Schelling). Der kommunistische Orden verliert trotz des Fussballs schnell seinen Reiz; der schleichenden Infiltration widersteht er, schreibt einen Abschiedsbrief, verlässt Berlin und geht "in den Westen" zurück.

Im Spätsommer 1974 musste dieser Moment gewesen sein, in den Gregor Korff ganz scheu begann, sein Land zu lieben…Seine gewagte Demokratie, deren Kanzler vor ein paar Monaten über einen mediokren Spion gestürzt war. Danach nach Speyer an die Hochschule für Verwaltungswissenschaften; Gregor fühlte sich geparkt, nicht gefordert. Schliesslich die Begegnung mit dem Mann, der heute (zum Zeitpunkt seiner Reflexionen) Minister ist. 1982 wird Gregor des Meisters Hirn und da beginnt ja auch die "geistig-moralische Wende" (und man ist nicht schlecht überrascht, dass dies damals mehr als nur ein Regierungserklärungsschlagwort gewesen sein soll).

Pragmatismus statt Exaltiertheit

Rückblenden an dem Tag, der ein ungewöhnliches Jahrzehnt beendet. Die Erwartungen an die Zukunft sind hoch und die Ungewissheiten gross. Es ist Silvester 1989. Korff zelebriert das köstliche Alleinsein in seinem Haus in Königswinter; er möchte sogar von den Nachbarn, einer gutsituierten Beamtenfamilie, die ein bisschen aufwendig feiert, nicht wahrgenommen werden und verdunkelt die Wohnung. Korffs Erinnerungen an das Jahr 1969: kontingenzverhaftet ist dieser Anti-Held, der feststellt, dass winzige Änderungen (zum Beispiel ob und wann man vor zwanzig Jahren auf eine Party gegangen ist), kleinste Zufälligkeiten dieses Leben und die Richtung, die es nimmt, bestimmen (und man hüte sich Kontingenz mit Schicksalsgläubigkeit zu verwechseln, dann bekommt er einen Wutausbruch, als lohne es sich dafür).

Man möchte immer so weiterlesen; wünscht, dass es nicht so bald aufhört. Aber irgendwann, am 1. Januar 1990 (so ab Seite 60), beginnt nicht nur das neue Jahrzehnt (und die turbulente Zeit dessen, was man Wiedervereinigung nennt – mit Korff als Berater des Ministers, der dann später als Innenminister aufgrund der Ereignisse um einen Polizeieinsatz zurücktrat [gemeint ist natürlich Rudolf Seiters; der Name fällt allerdings nie, dennoch ist die Zuordnung eindeutig]), sondern der Roman wechselt langsam von der Reminiszenz, die zuweilen so schön beschwörend erzählt (oder erzählend herbeibeschwört?) wird in die Darstellung der Ereignisse. Leo Münks, Gregors bester (und fast einziger) Freund, ist beim Staatschutz - "Sicherheit vor Freiheit!" (es stellt sich heraus, dass er schon zu Studentenzeiten dort war). Sein Vater ist gestorben und wir lernen die Verhältnisse des einige Jahre älteren kennen; Reflexionen über den Vater, die Herkunft aus der rheinischen Provinz, die Karrieren, wie sie damals noch möglich waren und die Selbsttötung der Mutter. Leos Frau Anita (deutlich jünger) hat ein (rein sexuell dominiertes) Verhältnis mit Gregor (was sie nach einem knappen Jahr beendet). Irgendwann wissen dennoch alle davon; der Freundschaft tut dies keinen Abbruch (es wird schlichtweg ausgespart). Pragmatismus statt Exaltiertheit – wie dieses Herumfahren Gregors mit dem irgendwann uralten Borgward und dem Einsaugen des Imbißbudencharmes.

Drei Jahre vorher Gregors Liebschaft zu Sonja, die er sogar heiraten wollte, aber dann plötzlich war sie (wörtlich) spurlos verschwunden. Und plötzlich, 1990, trifft er sie unverhofft in der Spielbank Aachen wieder. Leo, der Sonja schon damals nicht mochte, beginnt zu recherchieren – und man stellt fest, dass Sonja eine Stasi-Agentin ist (der BND hatte geschlampt und eine Koinzidenz zu einem Giftmord an einem Mitarbeiter übersehen).

Gregor weiss von den Ergebnissen der Recherchen noch nichts, aber plötzlich gibt es so etwas wie eine Erlösung: Sonja kam ihm entgegen…Er ging lächelnd auf sie zu; dann merkte er selbst, wie ihm von einem Moment auf den anderen das Lächeln verrutschte und sein Gesicht einen entgeisterten Eindruck annahm, auch wenn er es nicht sehen konnte. Die Erlösung ist Sonjas Entzauberung im Auge Gregors (wie er später Anita fragt, als sie das "Verhältnis" beendet, ob er nun für sie entzaubert ist) – eine irreversible Abwendung; unerklärlich. Sonja merkt es. Kurz danach entkommt sie dem Staatsschutz erneut. Die Angelegenheit kommt in die Presse; Gregor ist in seinem Amt gerade in dieser fragilen Zeit nicht mehr haltbar. Mit gepresster Stimme verabschiedet ihn der Minister. Und er beginnt von seiner Abfindung, seinem Ersparten zu leben, trifft sich regelmässig mit dem freien Geist Peter Glotz zum Essen und nimmt eine mässig dotierte Dozentur an, die ihm von Goergen vermittelt wird und ihn einmal pro Woche nach Frankfurt führt.

Dickes Trinkgeld zum Abschied

Und dann zieht Carl Schelling, inzwischen Archivar, in die Nachbarschaft von Leo und Anita nach Köln. Ein höflicher, zurückhaltender Mann, der wunderbar kocht. Aber leider belässt es Jochen Schimmang nicht dabei: Nicht genug, dass Gregor durch eine Stasi-Frau um seinen Job gebracht wurde (warum nur dieses Motiv fragt sich der Leser), nein, auch Carl hat sein Geheimnis. Er ist Mitglied in einer anarchistischen Organisation (Gruppe August Reinsdorf); Leo kommt ihm auf die Schliche (nicht ohne Respekt liest er die Untergrundpublikationen res publica und verfolgt die harmlosen aber durchaus intelligenten "Aktionen" der Organisation). Carl wird verhaftet, als er Sprengstoff für einen geplanten Anschlag auf das Niederwalddenkmal in Empfang nimmt und drakonisch zu fünf Jahren Haft verurteilt. Gregor sammelt bei finanzkräftigen und prominenten Leuten Gelder (sehr konspirativ im Umschlag!), um publizistisch Carls Freilassung in ganzseitigen Anzeigen in überregionalen Zeitungen zu fordern. Leos Frau Anita wirkt im Hintergrund mit und schliesslich wird Carl tatsächlich befreit, und zwar gewaltsam.

Wie durch ein Wunder gelingt die Aktion und Carl kann in Amsterdam mit neuer Identität untertauchen. Gregor, der aktiv daran beteiligt war (und –Kontingenz! – Reni bei der Aktion als Helferin kurz wiedersieht), wird zwar befragt, aber man schöpft keinen Verdacht; die Herold'sche Rasterfahnung bleibt erfolglos. Allerdings verliert er seine Dozentur, die Wohnung wird ihm gekündigt und sein Borgward ist nicht mehr zu reparieren. Die Essen mit Peter Glotz gibt es seit dessen Umzug nach Erfurt auch nicht mehr. Noch eine Tat muss her, das freud- und ereignislose Leben aufzupeppen. Er schleudert zwei Farbeier während einer Podiumsdiskussion, unter anderem auf einen Professor, den er noch zu seiner Beraterzeit in die Machtzentrale eingebracht hatte, zum Redenschreiber des Dicken wurde und der sich als Vertreter der neuen, Berliner Republik geriert (und man fragt sich abermals, ob das sein musste).

Das dicke Trinkgeld, als wolle er ein für alle Mal Abschied nehmen für die Kellnerin im Café Müller-Langhardt (auch wieder so ein Korffsches Refugium) vor den "Taten" als eine Art Vorahnung. Und beim Abschied von Leo und Anita dann noch einmal diese Melancholie, dieses Schwelgen im Morast von Erinnerungen, welches Schimmang so virtuos beherrscht, weil es souverän an falschen Idyllisierungen vorbeischrammt (abgesehen vielleicht von dieser Boris-Becker-gewinnt-Wimbledon-Erzählung, die etwas schablonenhaft als Exempel für die alte Bundesrepublik herhalten muss): Ein Tag im Mai 1989, bei den Rheinwiesen, beim Picknick, dann in einer Gartenkolonie – ausgerechnet dort! - "in einer Ecke ganz hinten Leos Chef und Gregor ist sofort an die Theke gegangen und hat bezahlt, und dann haben wir uns so schnell wie möglich aus dem Staub gemacht." "Stimmt, ja", lachte Leo, "ich erinnere mich. Wie die ertappten Schulschwänzer." Gregor sagte: "Nein, wie die, die noch einmal davongekommen sind." "Richtig." Nach einer kurzen Pause sagte Anita: "Das war doch das Beste, was wir gehabt haben!" Selten hat man griffiger und treffender ein Epochenende in einer solchen kurzen Sequenz gespiegelt.

Eigenartige Ambivalenz

Und dann, die Rheinuferstrasse in nördlicher Richtung mit Anitas altem Auto fahrend plötzlich fünfzig Meter links dieser Schuppen. Eine Zeitmaschine in die Jugend. Und tatsächlich: Ein Junge und ein Mädchen, vielleicht 14, leben dort konspirativ. Sie halten Gregor anfangs für einen Polizisten und wollen ihn ausfragen. Dabei erzählt er ihnen sein ganzes Leben (bis der Kaffee alle ist) und das Mädchen ballte immer wieder ihre Hände zu Fäusten. Und ganz am Schluss, dann, wenn wir so gerne gewusst hätten, was dieser Gregor Korff denn nun macht so ganz ohne Beruf und Freunde – jetzt, im spannendsten Moment, ist das Buch zu Ende. "Und…wohin gehen Sie jetzt?", fragte das Mädchen. "Ich weiß noch nicht, Ziemlich weit weg, glaube ich." Da geht er, der Lonesome-Cowboy der Bonner Republik.

Leo ist mit 51 ausgebrannt und sucht einen Weg zur Frühpensionierung; Gregor hat letztlich nur die acht Jahre richtig gearbeitet, bricht mit 46 endgültig alle Zelte ab und verzichtet auf weitere Protegierungen. Die Loyalität bestand zur Bonner Republik, diesem bräsigen und manchmal spiessigen Provisorium, das alleine durch die Auswahl der Hauptstadt schon vor Grössenwahn gefeit war. Anders wie viele ihrer Generation entdecken Gregor und Leo dieses Land, an dem sie Wohlgefallen hatte[n], nicht erst im Verlust als erhaltenswertes Gebilde. Ihr Strukturkonservatismus mündet in der Enttäuschung über die Preisgabe der Werte dieses Provisioriums in eine tiefe Lethargie, die Politiker wie Kohl nachträglich fast progressiv erscheinen lassen. Daher hat Korff durchaus Parallelen zu Koeppens Keetenheuve (freilich besitzt er nicht dessen intellektuelle Potenz, daher ist er immunisiert gegen den Suizid). Beide verweigern sich auf ihre Art dem politischen Zeitgeiststrom, statt ihn aktiv mit zu gestalten. Dem Neuen stehen sie ablehnend und mit dem lähmenden Gefühl der Ohnmacht gegenüber. Zu gross scheint der Ekel, der von der (vermeintlich?) neuen Zeit ausgeht.

Dabei bleibt im Buch der politische Gregor Korff eigenartig ambivalent, wobei man diese Inkonsistenz nicht unbedingt beim Protagonisten festmacht, sondern eher beim Autor: Dezidierter Carl Schmitt-Kenner (aber kein Adept und daher ist er ihn auch am Ende leid), privat eher links-alternative Sympathien, dann das fast selbstverständliche Annehmen des Angebots zum Politikberater im Umfeld der Kohl-Regierung 1982 – und plötzlich das (Wieder-)Entdecken (?) eines anarchischen Kerns, obwohl er doch schon als Schachspieler in der Hütte als Defensivkünstler beschrieben wurde und vom Gerechtigkeitsfuror eines Carl, der beim "Jesse James"-Western mit den Zähnen geknirscht und manchmal die Fäuste geballt hatte und keiner [war], der sich abfindet, weit entfernt war (und dies ganz sicher oft genug bedauert hatte).

Schimmangs "Das Beste, was wir hatten" ist in den gelungensten Momenten ein elegischer Abgesang auf die Bonner Republik und den so oft verkannten (und denunzierten) deutschen Provinzialismus. Obwohl das Buch 1994 endet, scheinen die Schröder-Jahre der "normalen Republik" schon ihre Schatten voraus zu werfen. Natürlich ist dieses arg holzschnittartige, dann doch gelegentlich verklärende Urteil nicht "gerecht", da es auch Brüche und Verwerfungen in der Bonner Republik gab und vor allem die eher trüben End-80er Jahre in milderem Licht erscheinen, als sie tatsächlich waren (immerhin galt Kohl im September 1989 einigen Parteifreunden als Anachronismus und man plante auf dem Parteitag den dann gescheiterten Putsch). Und manche Szenen insbesondere im dritten Teil, als Korff beispielsweise im Farbeierwerfen plötzlich eine Aktion von 1969 als Urerfahrung erinnert, die nun, in ganz anderem Zusammenhang, vollendet werden muss, wirken dann doch arg aufgesetzt.

Ach hätte doch der Autor da oder dort ein bisschen gekürzt, seufzt der Leser. Oder, noch besser, hätte er diesen ganzen chronologisch-erzählten Plot beginnend 1990, der im zweiten und dritten Teil 1992 wieder einsetzt, einfach auch als Wiederholungen mäandernd vielleicht zur (sogenannten) Jahrtausendwende von einer Insel im Atlantik aus erinnernd, wieder-holend erzählen lassen.

Aber man ist am Ende froh, dieses Buch gelesen zu haben.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

S. U. Bart: Goodbye Bismarck

S. U. Bart  Goodbye Bismarck"Die übergreifende Verbindungslinie von 1871 und 1990, also von nationaler Vereinigung und Wiedervereinigung, fand schließlich in Hamburg ihren sinnfälligen Ausdruck in Form eines ephemeren Denkmals besonderer Art: Ein 'Kommando Heiner Geißler' aus der autonom-alternativen Szene hatte des Nachts dem Bismarck-Denkmal von Lederer einen Helmut Kohl-Kopf übergestülpt und so die deutschen Einigungskanzler zur historischer Einheit verschmolzen." Dieses Zitat stammt aus dem Aufsatz "Truppentriumph und Kaiserkult – Ephemere Inszenierungen in Hamburg" von Roland Jaeger aus dem Buch "Mo(nu)mente" (herausgegeben von Michael Diers). Jaeger nimmt Bezug auf ein wahres Ereignis: tatsächlich wurde anlässlich der Vereinigungsfeiern am 3. Oktober 1990 dem Kopf Bismarcks eine Helmut Kohl-Maske übergestülpt.

Zweifellos ein Husarenstück (das Denkmal ist über 30 Meter hoch!), hier verstanden als kurzlebiges Kunstobjekt mit politischer Intention. Es ist die Grundlage für Stephanie Barts Roman "Goodbye Bismarck" (nun ja, der Nachklang zu "Goodbye Lenin" ist wohl durchaus gewollt). Klugerweise weist die Autorin (die S. U. Bart genannt werden möchte) am Anfang darauf hin, dass es sich zwar um "nackte, sauber recherchierte Tatsachen" handele von denen sie jedoch "manche mit Macht und Bedacht verdreht habe". Und glücklicherweise sind wohl einige "Erfindungen" darunter, "die weder mit den Wahrheiten noch mit den Wirklichkeiten von damals irgendetwas zu tun haben".

Ulrich Held, Jahrgang 1954, Einzelkind aus wohlhabender Familie (der Vater ist Universitätsprofessor), verschwand nach dem Abitur erst einmal mit einem Zirkus und führt nach einigen Wirren mehr oder weniger enthusiastisch ein Fahrradgeschäft in Hamburg. Helds Schulfreund Jens Dikupp ist inzwischen nach einigem "Suchen" ein bisschen etabliert als "alternativer" Tischler (sogar mit Frau und vierjährigem Sohn). Beide werden trotz ihres einigermaßen fortgeschrittenen Alters immer noch in die (siehe oben) "autonom-alternative Szene" eingeordnet – mindestens wähnt man sie noch als Sympathisanten und im weiteren Umfeld dieser Szene, deren Helden sie nie waren und dessen heutiges Leben ihnen genau so fremd ist wie das derer, denen sie einst entfliehen wollten. So muss Jens seinem weiblichen Lehrling erklären, warum die Werkstatt auch von ihr gefegt werden muss, obwohl man daraus nicht direkt etwas lernt. Und Ulrichs Fahrradladen kann wohl nur mit versteckter Unterstützung des Elternhauses überleben, denn die nicht unbedingt kundenfreundlichen Öffnungszeiten und Ulrichs Weigerung beispielsweise batteriebetriebene Beleuchtungssysteme von Fahrrädern zu verkaufen (ökologische Gründe!) sind – um es freundlich zu formulieren – ungewöhnlich.

So ganz sind sie also noch nicht in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen, obwohl sie längst keine Bürgerschrecks mehr sind (und es auch nie waren). Angeregt durch Jens' Schwägerin Kathrin, Studentin der Kunstgeschichte, die eine Hausarbeit über das Bismarck-Denkmal verfasst hat und in einer endlosen Suada ihre Erkenntnisse nebst einer Portion Klassenkampf zum besten gibt, kommen Ulrich und Jens an einem Frühsommertag im Mai 1990 auf eine tolle Idee: Zum sich abzeichnenden Ereignis der Wiedervereinigung kramen sie noch einmal ihren subversiven politischen Elan heraus und beschließen das Gesicht des Reichskanzlers mit einer Maske von Helmut Kohl zu verhüllen. Auf das alle die Parallelen (und Unterschiede) erkennen mögen.

"Kommando Heiner Geißler"

Der oberste Denkmalschützer Hamburgs, Erich Huld, ist, nachdem er davon in Kenntnis gesetzt wurde, durchaus ein Sympathisant der Aktion, betreibt er doch zusammen mit seiner amerikanischen Frau Helen eine (private) Dokumentation über ephemere Kunst (Archive of Ephemeral Art bzw. Archiv kurzlebiger Kunst - Kurzform: AEA/AkK), in der natürlich dieses Ereignis prächtig zu integrieren ist. Wunderbar, wie diese Figur an seinem Schreibtisch leicht dösend im Chefsessel vorgestellt wird und in einem Tagtraum noch einmal eine Kunstperformance vom 22.11.1966 von Ian Urrit rekapituliert. Alleine diese Schilderung einer sich selbst genügsamen Pseudo-Avantgarde ist herrlich.

Und nun, 24 Jahre später, im Hamburger Amt für Denkmalschutz, auf dem Schreibtisch von Erich Huld, klingelt das Telefon und Huld wird ob des Vorfalls informiert und auf dem Weg zum Denkmal geht ihm so einiges durch den Kopf: Bismarcks Macht-geht-vor-Recht-Attitüde, sein immerwährendes Liebäugeln mit dem Staatstreich. Seine sprachliche Brillanz, Schriftsteller hätte er werden sollen statt Kanzler. Kohl und die deutsche Sprache, nun ja. Wie groß und dick und machtversessen diese beiden. Bismarck, der aktionistische Macher, Kohl der Aussitzer. Die Reichsgründung: drei ohne Not geführte Kriege und die kassierte Nationalbewegung. Die Kaiserkrönung in Versailles: ein tristes Zeremoniell mit rot gefrorenen Nasen und großer Betretenheit. Die Einheit: der abgeleitete Aufstand in der DDR. Der Beitritt: eine Kindergeburtstags-Veranstaltung mit ganz viel Konfetti. Der Leser seufzt leise: Hätten doch weiland Günter Grass' Figuren aus "Ein weites Feld" wenigstens gelegentlich einen solchen Horizont besessen (aber - andererseits: wie sollten sie auch?).

Bismarck-Kohl   c  S. U. Bart bzw.  NDRHuld versucht mit allen legalen (beamtentechnischen) Mitteln die Beseitigung der Kohl-Maske zu verzögern (es sind dann letztlich zehn Tage), währenddessen seine Frau unendlich viele Filme des "verkohlten" Bismarck verknipst, sich als Amerikanerin tarnt und dabei Hamburger nach dem komischen Denkmal befragt und Zeitungs- und Videomitschnitte sammelt, ja sogar fiktive Antworten des Bürgermeisters auf Erich Hulds Bericht zur zügigen Beseitigung des Ärgernisses verfasst (diese jedoch – zum Bedauern des Ehemannes – nicht archiviert). Erich Huld rezensiert nahezu das "Bekennerschreiben" des Kommandos Heiner Geißler und hätte es eigentlich gerne selber – und natürlich besser – geschrieben.

In den Rückblenden: Ulrich und Jens' Vorbereitungen; alles ganz konspirativ. Niemand erfährt etwas, nicht einmal Jens' Frau oder gar Kathrin (die zwischenzeitlich einen Studentenjob bei Erich und Helen Huld angenommen hatte und ihnen bei der Archivierung und Digitalisierung des AEA/AkK hilft; mit einem tragikomischen Ende). Sie scheuen dabei vor kleineren Delikten nicht zurück. Ulrich dringt mit einem Zweitschlüssel in sein Elternhaus ein und entwendet einen Baumwollstoff (eine Erbschaft; eher Mitgift); Jens und Ulrich gießen nicht nur Blumen in Kathrins Wohnung während ihres Urlaubs sondern versorgen sich auch mit Materialien zum Bismarck-Denkmal. Es ist schon erstaunlich, wie ihnen alle möglichen Leute zugearbeitet haben, ohne es zu wissen: Der Barkeeper Magister diente ihnen als Stichwortgeber und die verreisten Reiner und Geert ["halfen"] mit ihrer Kletterausrüstung. Alles fliegt ihnen zu, sie müssen nur noch die Hände aufhalten, die Dinge zusammenbringen und ihnen dann ihre eigene Wendung geben.

Da man damals nicht ganz genau wissen konnte, wann die Vereinigung kommt (sicher war nur, dass sie irgendwann kommt), mussten die Vorbereitungen zügig erfolgen. Jens übt das Zeichnen der "Kohl-Birne", Ulrich näht den "Sack" (…dein Sack ist echte deutsche Wertarbeit.) Und in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag (25./26. August) verlässt Ulrich Held um 3.56 Uhr seine Wohnung. Er fährt zur Generalprobe und trifft Jens am Denkmal. Konzentriert und detailliert besteigen sie das Denkmal; alle Handgriffe sitzen. Bismarcks Blick ist hohl und leer; hinter seinen Ohren wächst Moos. Und es gefällt Ulrich ausnehmend gut, mit Jens zusammen den Bismarck bewältigt zu haben. […] Jens? – Ja? – Ich brauch noch 'n Augenblick. – Hast 'n Problem? – Nö, is schön hier.

Onkel Otto HamburgBasteln mit Filz im Onkel Otto

Ulrich Held als Träumer – in der Ruhe liegt die Kraft. Und manchmal macht er sich einfach einen Jux, so zum Beispiel, als er sich in der Verlängerung des WM-Achtelfinalspiels Kamerun gegen Kolumbien (Jeder, der noch einen Funken Anstand im Leib hat, ist in dieser WM für Kamerun) das Fahrrad nimmt, frische Luft schnappen geht und vor dem "Onkel Otto" einbiegt. Die Bewohner der Hafenstraße und ihre Freunde sind sehr für Kamerun, obwohl auch Kamerun eine Nation ist und sie ansonsten sehr vehement gegen jede Form von Nationalismus sind. Auf ihren Hausfassaden bekennen sie sich gar zu der Parole, dass die Grenzen nicht zwischen Nationen und Völkern verliefen, sondern zwischen oben und unten. Beim Fußball ist das natürlich etwas ganz anderes, und wer das nicht versteht, dem kann man das auch nicht erklären. In der 105. Spielminute kommt Ulrich Held auf dem Treppenabsatz vor der Kneipe an. Drinnen, die Fenster sind abgedunkelt, leuchtet das Spielfeldgrün. Onkel Otto ist rappelvoll und wird gerade eben totenstill. Roger Milla ist am ball. Die Leute halten die Luft an. Das wird was. Man spürt es. Ulrich Held vor der Tür spürt es auch und nimmt seine Fernbedienung aus der Jackentasche. Man kann gerade noch Roger Milla zum eins zu null gegen Kolumbien ansetzen sehen, aber das eins zu null selbst sieht man nicht mehr, sondern ältere Damen und Kinder beim Basteln mit Filz. Es ist der Regionalsender N3 mit einer liebevoll gemachten Reportage über die "Aktion Seniorinnen" aus Oersdorf bei Kaltenkrichen, die das Schöne mit dem Nützlichen verbinden, indem sie Kinder von berufstätigen Eltern hüten, damit sich die Kinder nicht auf der Straße herumtreiben, solange die Eltern arbeiten müssen. Was in der Folge im Onkel Otto passiert, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, was damals auf dem Politischen Aschermittwoch in Passau geschah. (Auch eine dieser Eulenspiegeleien, die eingangs erzählt wird: Beim Politischen Aschermittwoch der CSU in Passau lösen Jens und Ulrich mit Schildern mit der lapidaren Aufschrift "So ist es" eine beträchtliche, in ihren Folgen nicht erwartbare Provokation aus.) Der wichtigste Unterschied jedoch besteht in dem gravierenden Vorteil für Ulrich Held, dass er es von außen steuern kann und dabei von niemandem bemerkt wird. Er kann gemütlich zu seinem Fahrrad oben an der Treppe zurückgehen, kann währenddessen noch einmal frische Luft schnappen und fährt dann wieder nach Hause. Seinem Kumpel Jens erzählt er von der gewalttätigen Auseinandersetzung im Onkel Otto. Warum man sich dort schlage, wisse er nicht so genau, so Ulrich scheinheilig, es soll da irgendwie ein technisches Problem gegeben haben, sagt Ulrich Held, nimmt die Fernbedienung aus der Jackentasche, schaltet den Fernseher ab und legt sie obenauf, also da war plötzlich das Spiel weg, und […] ich hab noch jemand schreien gehört, dass das eine Aktion vom Verfassungsschutz sei.

Volksfest, Polizeieinsatz und Vollstreckung

Der Leser bekommt hier einen Vorgeschmack auf das Ereignis, welches anlässlich der Beseitigung der Kohlmaske bevorsteht. Nachdem Versuche aus der Luft oder mit (zu kurzen) Feuerwehrleitern gescheitert waren, benötigt man eine Personen-Arbeits-Bühne, kurz Pab genannt, deren Beschaffung Huld geschickt zu verzögern versteht. Dann jedoch, als der Tag kommt, entsteht so etwas wie eine Mischung zwischen Volksfest, Polizeieinsatz (wir lernen Polizeimeister Höllenschmidt und seine Dienstauffassung kennen) und behördlicher Vollstreckung (Erich Huld hätte am liebsten eine Rede gehalten).

Es gibt südamerikanische Revolutionsfolklore, türkische Tanzmusik, ein Klezmerstück. Vorher muss noch eine Eiche gefällt werden, damit das überbreite Fahrzeug zum Denkmal fahren kann – man wartet auf die Leute vom Gartenamt; es ist Freitag nach 17 Uhr. Man wettet, ob die Stadt den Kohl heute noch wegkriegt und die als Wetteinsätze kursieren: ein Kasten Bier (fünfmal); Labskaus für euch alle ("euch alle" ist eine Gruppe von fünf oder sechs Personen, die den Einsatz geschlossen ablehnen); eine zusätzliche Woche Abwasch machen (zweimal); eine Flasche Korn (dreimal), aufhören zu rauchen 8einmal); drei Tage mit rotlackierten Fingernägeln fahren (ein Fahrradkurier); zwanzig Mark (zweimal); nackt übern Jungfernsteg gehen (einmal); den Unterschied zwischen Bayrisch und schwäbisch lernen (einmal).

Am Ende hat das Ereignis fast religiöse Züge. Das Fällen der Eiche. Das langsame Hinfahren des Fahrzeugs mit der "Pab"; fast wie eine Prozession. Unter "Mandeley", dem Lied von Kurt Weill, fährt der Teleskoparm immer höher hinauf. Es gibt eine Art Lichtshow, die das ganze besonders inszeniert und unter "Goodbye Johnny", grösserem Applaus, der genuine[n] Tätigkeit des Publikums und dem Gegröle einiger Umstehender (Goodbye Birne) steuert die Veranstaltung dem Höhepunkt entgegen, der geschickt noch ein bisschen verzögert wird.

Mit einer geschickten Rückblendetechnik, die auf den geheimnisvollen Akt der Verhüllung und schließlich den öffentlichen Akt der Enthüllung (durchaus im doppelten Wortsinn) zusteuert, erreicht Barts Roman ein hohes Tempo. Zumal es tatsächlich am Ende dann noch zwei dicke Überraschungen gibt (die jedoch hier nicht verraten werden sollen).

"Goodbye Bismarck" ist ein humoristisch-komödiantischer Roman mit einem guten Schuss Ironie (aber niemals in billigem Zynismus verfallend) und kommt mit unangestrengter, oft lächelnder Leichtigkeit daher. Das Buch ist dabei aber nie seicht oder auch nur oberflächlich. Man wird wegen der Ähnlichkeit des Motivs fast zwangsläufig an Heinrich Spoerls "Maulkorb" erinnert oder, in den besten Momenten, d. h. wenn Bart es gelingt die lokal-gesellschaftlichen Strukturen zu persiflieren, an Carl Zuckmayer. Hinter der harmlosen Fassade verbergen sich dann oft noch ein paar Widerhaken, die sich beim genauen Lesen durchaus erschließen (ein wenig stören die arg überdeutlich sprechenden Nachnamen der Protagonisten). Wie in allen guten Schelmenromanen ist das Schelmische hier nie alleiniger Zweck, sondern auch immer ein bisschen aufklärerisch. Wohltuend ist dabei, dass dem Leser fertige Urteile oder Deutungen erspart bleiben – der Roman ist locker und luftig (und wirkt, obwohl er im Jahr 1990 spielt, aus einer seltsam weit entfernten Zeit, die noch einmal wiederhergestellt wird und auch phasenweise eine kleine Melancholie erzeugt).
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

David Wroblewski: Die Geschichte des Edgar Sawtelle

David Wroblewski  Die Geschichte des Edgar Sawtelle
Zwei Vorbemerkungen:

1. Das dem Verfasser dieser Besprechung vorliegende Leseexemplar sei ein "unkorrigiertes Vorausexemplar", wie der Verlag auf Seite 1 schreibt und man bittet hieraus nicht zu zitieren. Diesem Wunsch wurde nicht stattgegeben, denn es liegt weder ein anderes Exemplar vor – und grundsätzliche Veränderungen dürften nicht zu erwarten sein. Die Zitate sind kursiv gesetzt und müssen unter dem Vorbehalt des oben gesagten betrachtet werden.

2. Das Ende des Buches ist überraschend und pointiert. Es wird in dieser Besprechung verwendet und im entsprechenden Abschnitt ist eine Spoilerwarnung ausgesprochen. Das Buch ist ohne den Schluss nicht zu bewerten. Insofern kann auf eine Berücksichtigung des Spannungserhalts keine Rücksicht genommen werden.
Wisconsin/USA, 1950er Jahre. Gar und Trudy Sawtelle züchten Hunde, setzen die Arbeit von Gars Großvater John fort. Es kommt ihm dabei weniger auf hochgezüchtete Blutlinien als auf den Charakter der Tiere an. Penibel sucht Gar nach seinen eigenen, speziellen Kriterien Hunde aus und scheut dabei nicht auch außergewöhnliche Kreuzungen, die von den "normalen" Züchtern verpönt sind. Er hat einen Plan, bildet die Hunde aus, will ihren Charakter im Training hervorholen und formen (er lehnt das Wort Dressur ab und legt Wert darauf, dass man mehr züchtet als nur gut dressierte Promenadenmischungen). Die Entwicklungen der Tiere werden akribisch dokumentiert. Nach anderthalb Jahren werden sie für 1500 Dollar verkauft. Die Dokumentation geht weiter; Gar befragt die Besitzer regelmäßig und zieht hieraus Schlüsse für seine weitere Zucht.

Der sehnsüchtig erwartete eigene Nachwuchs stellt sich nach drei Fehlgeburten und einer Totgeburt (melodramatisch inszeniert) am 13. Mai 1958 ein. Der Sohn wird Edgar genannt. Die Schwangerschaft war glatt verlaufen (sic!) eine Komplikation trat erst in dem Moment auf, als er den ersten Atemzug tat, um zu schreien: Edgar gab Stille von sich - er ist stumm (aber nicht taub). Trudy verzweifelt fast, bis eine Freundin ihr Mut macht und Edgar eine entsprechende Vorschulausbildung bekommt. Der Junge wächst behütet heran, verwendet eine Gebärdensprache (die viele autodidaktische Elemente hat), geht später zur Schule (näheres hierzu erfährt man nicht; Mitschüler besuchen die Farm niemals und Edgar besucht auch nie Mitschüler) und übernimmt zu Hause bereits früh Aufgaben bei Pflege und Training der jungen Hunde. Fast ritualisiert obliegt ihm bereits mit fast vier Jahren die Namensfindung der jungen Welpen. Irgendwann kommt Claude, Gars Bruder (der eine blieb [Gar], der andere ging weg [Claude]), zu Besuch (Claude war furchtbar viel drinnen in letzter Zeit) aber das Idyll verträgt die unterschiedlichen Temperamente nicht. Es gibt Differenzen zwischen den Brüdern, die immer wieder aufflammen und in der Jugend der beiden liegen sollen (Einzelheiten bleiben unklar, aber vieles spricht dafür, dass ein Hund dabei eine Rolle spielt). Claude verlässt bald wieder die Farm und verdingt sich in Jobs in Mellon unter anderem beim Tierarzt (und wie sich später herausstellt, Teilhaber der Farm) Doktor Papineau. Es gibt noch seinen Sohn Glen, der Dorfpolizist, und Ida Paine, die Besitzerin des einzigen Ladens im Städtchen.

Kammerspiel in der amerikanischen Provinz

Fast wäre das Kammerspiel damit schon beschrieben – wenn es nicht die Hunde geben würde. Allen voran die Hündin Almondine, eine Art Haushund, besonders klug und warmherzig; Edgars Schatten (seine erste Erinnerung hat mit ihr zu tun). Es gibt einige Kapitel, in denen der allwissende Erzähler auch aus Almondines Sicht erzählt. Und später, aus dem ersten Wurf, den Edgar selber von Anfang an betreuen darf, sind es vor allem Essay, Tinder und Baboo.

So erwartet der Leser leicht angekitscht und atmosphärisch ein bisschen an die gute, alte "Waltons"-Familie erinnert eine müde plätschernde Lebensgeschichte. Obwohl: Wer würde sich für das Leben eines heute 50jährigen stummen Hundezüchters interessieren, der offensichtlich vollkommen unspektakulär aufwächst? Zumal Wroblewski der Versuchung vordergründig widersteht, die Stummheit des Jungen erzählerisch zu emotionalisieren (tatsächlich schwingt natürlich eine exotische Komponente mit, die jedoch nur zwischen den Zeilen anklingt, weil sie wohl mit dem amerikanischen political correctness-Zwang ansonsten kaum vereinbar wäre).

Die Lösung dieser Frage beginnt auf Seite 159. Man schreibt das Jahr 1973, Edgar ist 14 Jahre alt, seine Mutter mit dem Pickup in der Stadt und der Junge versorgt wie gewohnt "seinen" ersten Wurf, für den er seit ein paar Wochen die alleinige Verantwortung übertragen bekommen hat. Plötzlich hört er Geräusch, läuft nach unten und sieht seinen Vater auf dem Boden liegend. In Panik versucht er telefonisch Hilfe zu holen – aber natürlich bekommt er keinen Ton heraus, was seine Panik noch verstärkt. Der Vater stirbt und Edgar erleidet einen Nervenzusammenbruch. Die Obduktion ergab als Todesursache ein aufgebrochenes Aneurysma im Gehirn; Gar war chancenlos. Dennoch ergeht sich Edgar in Selbstvorwürfen. Gleichzeitig ist er nun gefordert, Gars Arbeit mindestens teilweise zu übernehmen. Trudy bekommt zur Unzeit auch noch eine Lungenentzündung; nur mit Mühe können beide den Betrieb aufrecht erhalten. Edgar flüchtet sich in die "Hundewelt", entdeckt in den Dokumenten seines Vaters Korrespondenz mit arrivierten Züchtern, die ihn zwar respektierten, aber seine unorthodoxen Methoden ablehnten. Nach langem Zögern stimmt die Mutter zu, dass Claude ihnen zur Hand gehen soll. Während eines Unwetters erscheint Edgar der Vater als eine Art Regenmonster und beschuldigt Claude als seinen Mörder. Claude und Trudy nähern sich unterdessen an; Edgar sieht, wie sie sich küssen, was seine Skepsis noch verstärkt.

Klaustrophobische Welt

Wroblewski versucht nun einerseits Edgars Parallelwelt der Beschäftigung mit den Hunden zu erzählen und andererseits eine Drohkulisse aufzubauen, die Claude als hinterhältigen Mörder und Erbschleicher aufbauen soll. Die Hinweise sind irgendwann so deutlich, dass es unmöglich nicht stimmen kann. Der kleine Prolog zu Beginn, der von einer (nicht näher spezifizierten) Person erzählt, die in Korea 1952 ein starkes Gift kauft, ist spätestens dann entschlüsselt, als Edgar eine alte Spritze in der Scheune entdeckt. Dennoch ist Edgar hin- und hergerissen: Soll es einen Neuanfang geben oder beharrt er auf seiner Vermutung? Blickt er in die Zukunft oder in die Vergangenheit? Unendlich langsam bekommt man Einblick, wie sich in Edgar die Halluzination aus der Vatererscheinung zur Gewissheit formt. Als er mit Claude alleine ist, gebärdet er ihm, dass er ihn für den Mörder hält, was dieser jedoch nicht versteht, weil er Edgars Gebärdensprache nicht erlernt hat.

Der Leser kann es sich noch ein bisschen spannend machen, in dem er das Naheliegende (und Triviale) solange wie möglich leugnet. So knüpft er Hoffnungen daran, als Almondine beginnt, sich an Claude zu gewöhnen und sich zu seinen Füssen legt wie sonst nur in Edgars Anwesenheit. Der Junge reagiert mit Eifersucht und straft den geliebten Hund mit Missachtung. Endlich will er seine Mutter in der Scheune mit seinem Verdacht konfrontieren. Da er in seinem Wahn schon an eine Komplizenschaft Trudys in Betracht zieht, wendet er seiner Mutter gegenüber Gewalt an und als der Doktor zu Hilfe kommen will, stößt er ihn eine Treppe hinunter. Papineau ist sofort tot - ein déjà-vu für Edgar, der überhastet flieht und dabei (nicht ganz freiwillig) drei junge Hunde aus "seinem" Wurf mitnimmt.

Spätestens zeigt Wroblewskis Konstruktion Risse. Stellt er Edgars Flucht am Anfang noch als Affekt dar, so wird hieraus später eine Art Plan (er möchte nach Kanada zu sektenähnlichen Kommune, die im Buch "Starchild Colony" heisst). Wenig überzeugend die Erzählungen von Edgar in der "Wildnis" des Chequamegon-Forsts mit den drei teilweise noch verspielten Welpen. So planlos Edgar erscheint, so planlos scheint jetzt auch der Autor zu sein. Manchmal lässt er den Jungen er ein bisschen auf Thoreaus Spuren wandeln, dann ist die "Wildnis" wieder bedrohlich. Edgar brät selbstgefangene Fische oder bricht in Hütten ein, stiehlt Lebensmittel, räumt aber alles wieder ordentlich auf bevor er geht. Als die Not am Größten ist und sich ein Hund eine Glasscherbe in die Pfote getreten hat (was langatmig referiert wird), begegnet er Henry Lamb, einem raubeinigen, kauzigen aber dennoch liebenswürdigen Kerl, der die Versorgung des verletzten Tieres ermöglicht und den Flüchtigen ohne weitere Fragen akzeptiert, aufnimmt und wohnen lässt (rührend, wie Edgar zur Identitätsverschleierung einen falschen Namen angibt). Lamb will ihn schließlich mit seinem Wagen an die kanadische Grenze bringen. Bei einer Rast werden sie von einem Unwetter überrascht; über dem See, an dem sie rasten, entwickelt sich eine Windhose. Edgar nimmt dies zum Anlass für die Umkehr, schenkt Henry zwei seiner Hunde (er behält Essay) und wandert zurück nach Hause.

Showdown [Spoilerwarnung]

Es kommt zum Showdown. Vorher bekommt der Leser mit, dass Claude bei Glen versucht, Edgar eine Mitschuld für den Tod seines Vaters zu suggerieren. Edgar trifft auf der Farm ein, aber niemand ist zu Hause. Erschüttert stellt er fest, dass Almondine während seiner monatelangen Abwesenheit gestorben ist; eine Versöhnung ist nun ausgeschlossen. Edgar schreibt einen Zettel, dass er am nächsten Tag wiederkommt und entdeckt in einem Versteck in der Scheune die Giftflasche. Claude entdeckt den Zettel und verbirgt ihn vor Trudy. Stattdessen informiert er Glen, der mit Claudes Methode für aufmüpfige Hunde (Äther) versucht, Edgar zu einem privaten Verhör zu entführen. Edgar gelingt es im Kampf Kalk auf Glen zu kippen (was in Anbetracht der später behaupteten Menge des verwendeten Äthers schlichtweg unmöglich ist), dessen Augen daraufhin verätzt werden. Durch die Ätherdämpfe und die Glühbirne entzündet sich die Scheune und beginnt zu brennen. Edgar befreit zunächst die Hunde, die nach draußen entkommen und versucht dann die enorm wichtigen Zuchtdokumentationen des Vaters zu retten. Claude hilft zum Schein mit, während er die Giftflasche findet, die Spritze aufzieht und Edgar tötet, der nun mit Almondine wieder versöhnt wird. Aber Claude findet den Ausgang durch die Flammen nicht und kommt auch um. Als sich Trudy, die von dem erblindeten Glen festgehalten wird, lösen kann und bemerkt, dass weder Edgar noch Claude aus der Scheune kommen, versucht sie in die Scheune einzudringen, aus der urplötzlich ein Feuerblitz lodert, der sie tötet. Am Ende sehen wir nur noch die Sawtelle-Hunde, allen voran Essay, wie sie die Wiese…durchqueren.

Dachte man nach rund Zweidrittel des Romans noch, dass die Fortsetzung bereits in der Schublade des Autors drohend wartet, so ist man nach dem Ende dann doch zunächst einmal zufrieden, dass dem nicht so sein dürfte. In den USA wurde das Buch ein Millionenseller, was nicht zuletzt auch an der Promotion durch "Oprah's Book Club" gelegen haben dürfte. Die Kritik überschlug sich im Lob und auch Kollegen wie Stephen King waren begeistert.

Keine falsche Bescheidenheit

Der Autor verstand es im Marketing geschickt, mit bildungsbürgerlichen Akzenten das Buch und dessen Leserschaft aufzuwerten und zu insinuieren, man lese mehr als nur einen gängigen Unterhaltungsroman. Er wies in selbstbewusster Manier auf Shakespeare hin und scheute sich nicht zu behaupten eine moderne, neue Version des Hamlet-Dramas geschrieben zu haben. Dass der Vergleich außer in ein paar plakativ gesetzten Parallelen (die unterschiedlichen Charaktere der Brüder; die Geister- bzw. Traumerscheinungen; Giftmord) ziemlich abwegig ist, stört die Masse der Marketingknechte in den Rezensionsstuben der amerikanischen Kritik anscheinend kaum, weil die meisten potentiellen Leser weder Interesse noch ausreichende Kenntnisse besitzen, dies zu überprüfen (eine amerikanische Bloggerin (?) hat dies mit durchaus eindeutigem Urteil versucht; ein lesenswerter Aufsatz).

Und wie diese Hochliteraturverweise auf die soap-konditionierten Unterhaltungsagenten wirken, erkennt man am entzückten Blick Oprah Winfreys, als sie fragt, warum denn ausgerechnet dieses Ende sein musste (und nicht ein "happy ending") und Wroblewski bedeutungsschwer das berühmte Kafka-Wort zitiert, was bei uns (bedauerlicherweise) fast ein wenig abgegriffen erscheint, wonach ein Buch die Axt für das gefrorene Meer in uns zu sein habe. Dass Wroblewski dies falsch einleitet, in dem er suggeriert, Kafka habe damit erklären wollen, warum man "traurige Bücher" lese und dies dazu noch mit falscher Quellenangabe ("letter to Max Brod") macht fällt niemandem auf (auch nicht, wie es die Begriffe "Tragödie" und "traurige Geschichte" einfach gleichsetzt).

Es wäre nun zu einfach den Erfolg des Buches auf die geschickten Bedeutungserhöhungen im Umfeld des Marketings zu reduzieren. Natürlich hat die Geschichte und insbesondere das "boy and the dog"-Motiv für sich genügend Rührpotential. Man merkt Wroblewskis Bemühen, dies zu verstärken vor allem in den Almondine-Kapiteln – insbesondere am Anfang und dann noch einmal ganz am Schluss, als sie stirbt. Zudem ist die Erzählstruktur sehr einfach und linear, so dass dem Leser auch hier keine Überforderung droht. Die Orientierung an bestimmte Schreibschulweisheiten leugnet Wroblewski erst gar nicht (dies ist in den USA nicht derart negativ konnotiert wie bei uns). Das überraschende und für Romane dieses Genres provokante (allerdings eher nicht überzeugende) Ende hebt den Roman dann vordergründig aus der Trivialliteraturschublade heraus (und das ist natürlich beabsichtigt).

Erscheinungen und Unwetter

Dabei gibt es unerträglich kitschige Stellen, beispielsweise als Gar ein Wolfsjunges entdeckt, welches jedoch keine Nahrung annimmt und verhungert – und dies in Verbindung mit Trudys Totgeburt gebracht wird. Gar kann am Grab des Wolfswelpen weinen (vorher am Grab des totgeborenen Babys nicht). Oder das letzte Silvester Edgars mit den Eltern, als er mit der Mutter tanzt und eine schüchterne, aber deutlich spürbare erotische Stimmung zwischen Sohn und Mutter herbeiphantasiert wird (die dann später die Eifersucht auf Claude begründen soll).

Und immer wenn der Plot im Matsch des banalen Alltags einzusinken droht, gibt es irgendeine Erscheinung, eine Vision oder ein Traum und dies fast immer in Verbindung mit einem Unwetter (Gewitter, Regen oder Sturm oder einfach alles zusammen), die den müden Karren wieder ein bisschen vorwärts schiebt. Das erinnert zuweilen an schlechte Kriminalfilme, in denen die Kommissare die neuesten Entwicklungen des Falles immer vom Mobiltelefon eingeflüstert bekommen.

Bei all dem bleiben außer Edgar und der Hündin Almondine die Figuren seltsam blass. Auch die Lichtgestalt in Edgars Leben, der Vater, vermag den Leser nicht sonderlich zu beeindrucken. Die Figur des "Bösewichtes" Claude krankt daran, dass Wroblewski einerseits so lange wie möglich Claudes Mord in der Schwebe halten will, andererseits jedoch insbesondere in den Szenen, in denen Claude mit Edgar alleine zusammen ist, eine atmosphärische Beunruhigung herbeiführen möchte (was allerdings gründlich misslingt; hier zeigen sich Wroblewskis Grenzen). Es wird niemals deutlich, warum Claude Gar umgebracht hat. Die Hundezucht wirft keine großen Erträge ab. Vage klingt an, Claude begehre Trudy – hierfür hätte jedoch nach Gars Tod mehr über deren Verhältnis erzählt werden müssen. Und warum Claude sich 1952 bereits eine Flasche Gift besorgt hat vermag der Roman auch nicht aufzulösen (nicht einmal eine Idee zu geben).

Dafür gibt es eine überbordende Symbolik – fast überall wird ein "Geheimnis", eine Doppelbödigkeit behauptet, damit eine Mythenmaschinerie in der Rezeption zu erzeugt werden kann. Das beginnt mit dem Wortspiel im Namen "Sawtelle", in dem Edgars Schicksal schon vorausbestimmt zu sein scheint: Wird doch in seiner Gebärdensprache das Erzählte erst durch das Sehen zugänglich. Edgar gibt dem Führhund seines Welpenwurfes den Namen Essay (französisch für Versuch). Nahezu jedes Ereignis wird entweder durch ein Zeichen eingeleitet oder bekommt auf einer zweiten Ebene eine Symbolik zugewiesen, die jedoch letztlich nur für sich steht und mit dem weiteren Verlauf der Ereignisse nichts oder kaum etwas zu tun hat. Überall gibt es diese Spuren, die nach Interpretation geradezu verlangen aber oft genug ins Leere verlaufen.

Pythia im Tante-Emma-Laden

So begibt sich Edgar unmittelbar vor den Ereignissen um den Tod von Dr. Papineau in den Laden von Ida Paine ("Pain" = Strafe, oder, im französischen: Brot – es handelt sich um den Lebensmittelladen und Edgar kauft Brot), die ihm plötzlich fast wie in Trance ominöse Orakelsprüche offenbart: "und wenn du gehst…dann komm nicht wieder, um keinen Preis. Lass nicht zu, dass der Wind dich umstimmt. Es ist nur der Wind, weiter nichts." Monate später am See kurz nach dem Unwetter erinnert sich Edgar dieses Spruchs, ignoriert ihn jedoch und beschließt umzukehren. Für die Handlung des Buches hat Paines Orakel nur den Wert, dass dem Leser die Möglichkeit gegeben wird, klüger als Edgar zu sein. Dafür bedurfte es aber Edgars Erinnerung an das Orakel vor dessen Ignorieren nicht mehr. Dieser Einschub dient nur der Erinnerung des Lesers und der (weit ausholenden) Vorbereitung des Autors auf das Ende.

Sprachlich ist das Buch beim etwas gehobenen Unterhaltungsroman anzusiedeln. Manche Bilder sind ein wenig zu sehr gewollt (der Himmel [war] blass und von Sternen durchlöchert, Wolken waren wie Blutergüsse oder Dachbretter wie Gebeine), andere nahe am Naturkitsch (Gezwitscher und Geschmetter, als hätte die Sonne die Vögel in Brand gesetzt, Schnee, der bis Dezember auf sich warten [ließ] oder Schneeflocken, die an Grashalmen zitterten). Irgendwann gewöhnt man sich daran.

Ausgerechnet in den Passagen von Almondines Erzählung fallen seltsame Begriffe wie Tauscher des Empirischen, des Faktischen, des Mathematischen als Kategorisierung eines potentiellen Käufers eines Sawtelle-Hundes. Die Hundeschilderungen mit Edgar sind überraschenderweise meist frei von übertriebener Plüschigkeit, dafür jedoch langatmige Beschreibungsprosa und redundant. Selten sind vollkommene sprachliche Missgriffe wie bei der Betrachtung der Flasche mit dem Hangul-Schriftzeichen, als die Flüssigkeit darin […] wie reinstes hochdestilliertes Gift aussah. Jeder, der nur annäherungsweise im Chemieunterricht aufgepasst hat, weiss, dass "Gift" kein spezifisches Aussehen hat.

Das grösste Manko ist die Eindimensionalität, ja Marionettenhaftigkeit der Figuren, was natürlich auch damit zu tun hat, dass es keine Außeneinflüsse gibt (eine Fahrt nach Ashland ist schon fast ein Ereignis) und der ganze Roman dadurch hermetische, ja klaustrophobe Züge annimmt. Die wenigen Protagonisten zeigen im Verlauf des Buches keinerlei Genese. Ihr tatsächlicher Status bleibt dem Leser lediglich eine bestimmte Zeit verborgen; eine Entwicklung wird so nur simuliert. Essentielle Informationen beispielsweise zum Verständnis des Bruderkonfliktes werden erst gar nicht gegeben. Wroblewski irrt, wenn er Auslassung als erzählerisches Stilmittel mit als Verschweigen von Elementen begreift, die sich ohne seinen Hinweis vom Leser nicht rekonstruieren lassen, aber wesentliche Erkenntnisse verschaffen würden. Da Wroblewski sich eines auktorialen Erzählers bedient, wäre es ein leichtes über Retrospektiven die Verwerfungen herauszuheben, in die Geschichte zu integrieren und den Charakter der Protagonisten wenigstens ruchbar zu machen.

Die einzige Figur die sich im Laufe der Geschichte entwickelt ist Henry Lamb, der anfangs eher als Misanthrop und Hundehasser eingeführt wird, dann jedoch mit Freude und ohne Hintergedanken Edgar hilft und am Ende Baboo und Tinder annimmt, nachdem Edgar ihm rudimentäre Trainingseinheiten vorgestellt hatte. Alle anderen Protagonisten – inklusive Edgar, obwohl ein Wandel behauptet wird (aber eben nicht erzählt) – bleiben erratisch und sind dadurch sehr leicht auszurechnen.

Einem halbwegs ambitionierten Leser werden die Verzückungen, die dieses Buch in den USA ausgelöst hat, einigermaßen fremd anmuten. Die Worte, die der Verlag für die deutsche Ausgabe findet, sind – freundlich formuliert – sehr hoch gegriffen. Es muss befürchtet werden, dass das Buch in den üblichen massenmedialen Literaturwerbesendungen einen/eine prominente/n Fürsprecher/in finden wird und damit ein vergleichbarer Hype ausgelöst werden könnte.

David Wroblewski: Die Geschichte des Edgar Sawtelle

David Wroblewski  Die Geschichte des Edgar Sawtelle
Zwei Vorbemerkungen:

1. Das dem Verfasser dieser Besprechung vorliegende Leseexemplar sei ein "unkorrigiertes Vorausexemplar", wie der Verlag auf Seite 1 schreibt und man bittet hieraus nicht zu zitieren. Diesem Wunsch wurde nicht stattgegeben, denn es liegt weder ein anderes Exemplar vor – und grundsätzliche Veränderungen dürften nicht zu erwarten sein. Die Zitate sind kursiv gesetzt und müssen unter dem Vorbehalt des oben gesagten betrachtet werden.

2. Das Ende des Buches ist überraschend und pointiert. Es wird in dieser Besprechung verwendet und im entsprechenden Abschnitt ist eine Spoilerwarnung ausgesprochen. Das Buch ist ohne den Schluss nicht zu bewerten. Insofern kann auf eine Berücksichtigung des Spannungserhalts keine Rücksicht genommen werden.
Wisconsin/USA, 1950er Jahre. Gar und Trudy Sawtelle züchten Hunde, setzen die Arbeit von Gars Großvater John fort. Es kommt ihm dabei weniger auf hochgezüchtete Blutlinien als auf den Charakter der Tiere an. Penibel sucht Gar nach seinen eigenen, speziellen Kriterien Hunde aus und scheut dabei nicht auch außergewöhnliche Kreuzungen, die von den "normalen" Züchtern verpönt sind. Er hat einen Plan, bildet die Hunde aus, will ihren Charakter im Training hervorholen und formen (er lehnt das Wort Dressur ab und legt Wert darauf, dass man mehr züchtet als nur gut dressierte Promenadenmischungen). Die Entwicklungen der Tiere werden akribisch dokumentiert. Nach anderthalb Jahren werden sie für 1500 Dollar verkauft. Die Dokumentation geht weiter; Gar befragt die Besitzer regelmäßig und zieht hieraus Schlüsse für seine weitere Zucht.

Der sehnsüchtig erwartete eigene Nachwuchs stellt sich nach drei Fehlgeburten und einer Totgeburt (melodramatisch inszeniert) am 13. Mai 1958 ein. Der Sohn wird Edgar genannt. Die Schwangerschaft war glatt verlaufen (sic!) eine Komplikation trat erst in dem Moment auf, als er den ersten Atemzug tat, um zu schreien: Edgar gab Stille von sich - er ist stumm (aber nicht taub). Trudy verzweifelt fast, bis eine Freundin ihr Mut macht und Edgar eine entsprechende Vorschulausbildung bekommt. Der Junge wächst behütet heran, verwendet eine Gebärdensprache (die viele autodidaktische Elemente hat), geht später zur Schule (näheres hierzu erfährt man nicht; Mitschüler besuchen die Farm niemals und Edgar besucht auch nie Mitschüler) und übernimmt zu Hause bereits früh Aufgaben bei Pflege und Training der jungen Hunde. Fast ritualisiert obliegt ihm bereits mit fast vier Jahren die Namensfindung der jungen Welpen. Irgendwann kommt Claude, Gars Bruder (der eine blieb [Gar], der andere ging weg [Claude]), zu Besuch (Claude war furchtbar viel drinnen in letzter Zeit) aber das Idyll verträgt die unterschiedlichen Temperamente nicht. Es gibt Differenzen zwischen den Brüdern, die immer wieder aufflammen und in der Jugend der beiden liegen sollen (Einzelheiten bleiben unklar, aber vieles spricht dafür, dass ein Hund dabei eine Rolle spielt). Claude verlässt bald wieder die Farm und verdingt sich in Jobs in Mellon unter anderem beim Tierarzt (und wie sich später herausstellt, Teilhaber der Farm) Doktor Papineau. Es gibt noch seinen Sohn Glen, der Dorfpolizist, und Ida Paine, die Besitzerin des einzigen Ladens im Städtchen.

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Erich Loest: Löwenstadt

Erich Loest  Loewenstadt"Löwenstadt" ist Erich Loests Überarbeitung und vor allem Fortschreibung seines 1984 veröffentlichten Romans "Völkerschlachtdenkmal". Am 6. Juli 1982 wird Fredi Linden in eine Stasiklapsmühle bei Leipzig eingeliefert. Linden, gelernter Sprengmeister (Meisterliches Sprengen hat Sanftes an sich), von seinem Beruf seit Jahren bereits suspendiert und zuletzt Pförtner am Denkmal wird verdächtigt, dass Völkerschlachtdenkmal sprengen zu wollen, in einem (geheimnisvollen) Fluchtstollen von Männern in gelben Overalls gestellt und festgenommen (und er behauptet hartnäckig, kurz vorher einen Raum mit Schalttafeln entdeckt zu haben).

Das Völkerschlachtdenkmal, von Lindens Vater Felix mit erbaut und exakt in Fredis Geburtsjahr fertiggestellt und eingeweiht, wird Dreh- und Treffpunkt in den Erzählungen des Beschuldigten; man bekommt den Eindruck, er kenne jeden der sechsundzwanzigtausendfünfhundert Granitwerkstücke, jeden Geheimweg und jeden Stollen in diesem Labyrinth – ober- wie unterirdisch (was ihn nicht unverdächtiger macht).

Liebes- und Haßobjekt Denkmal – mal Ehrfurcht gebietend (nie mehr würde weit herum etwas Vergleichbares getürmt werden. Von da an ging's bergab) mal niederdrückend ("wer solche Denkmäler will, glaubt nicht mehr an den Sieg") oder einfach nur dem Spott ausgesetzt. Und das wohl schönste Erlebnis des Lebens mit dem Vater auf ihm, "durch das Bein des Wächters" ins Freie und ich begriff mit einem Schlag und schrie es heraus: "Ich seh' die ganze Welt!" So etwas sprengen? Und man denkt sofort an Heinrich Bölls "Billard um halb zehn", in dem der Sohn die vom Vater gebaute Kapelle tatsächlich sprengte; gezwungenermaßen (oder das, was man für Zwang hielt).

Der Leser wird im folgenden Zeuge des "Verhörs", welches aus einer Frage besteht (der jeweiligen Kapitelüberschrift) und dann Lindens Monologen (nebst gelegentlichen Einschüben, als Linden offensichtliche Zwischenfragen oder Einwände beantwortet, die dem Leser nicht mitgeteilt werden). Der Roman endet mit dem 18. Kapitel im Jahr 2007 (in einem Altenheim). Dort träumt er vom 100. Geburtstag und lässt auch dann nicht von seinen Anekdoten in und um Leipzig und das Denkmal, "sein" Denkmal, ab. Mag sein, so die trockene Botschaft, dass die Geschichtsvergessenheit und –ignoranz der SED-Funktionäre, die ihn tatsächlich kurz mit dem Gedanken spielen ließen, das Denkmal zu zerstören, dann wahr wird, denn im August 2013 jährt sich der Todestag August Bebels zum hundertsten Mal. In unserer Stadt könnte man das glatt vergessen.

Sprengmeister Linden stellt seine Stasi-Befrager und Altenbetreuer auf eine harte Probe (und wie gekonnt dabei der Leser zum Komplizen nicht einfach nur vereinnahmt wird, sondern sich spontan selbst einbindet): Breit, assoziativ, elliptisch, ausweichend, redundant und auch widersprüchlich – so erzählt dieser (autodidaktische) Chronist des Denkmals, der Stadt Leipzig und des Landes Sachsen und gleichzeitig wird das alles mit seinem eigenen Leben bzw. dem seiner Vorfahren verwoben, phantasiert, halluziniert.

Er erzählt von seinem Vater im Fußballtor oder auf der Baustelle und im Krieg. Der Vater, der mit fast fünfzig 1932 noch SA-Mann wurde und bei dem Versuch nach dem Bombenangriff auf Leipzig vom 4. Dezember 1943 die Paulinerkirche zu retten abstürzte und starb (und genau diese Kirche sollte Linden 1968 sprengen - hier also die zweite Böll-Paraphrase -, was er durch Handlungslosigkeit verweigerte, zur persona non grata und kurz sogar verhaftet wurde, als man ihm einfach Sabotage vorwarf). Er erzählt von seinem Sohn Joachim, einem treuen SED-Adepten, der Tochter, die in den 60ern in den Westen ging und heiratete. Er erzählt vom Tod seiner Mutter (nun war ich der Nächste heißt es etwas wehleidig), dem frühen Tod seiner Frau Marianne, seiner Vereinsamung, dem immer stärkeren Eintauchen in die Geschichte und dem Leiden an den Verhältnissen in der DDR – und manchmal auch noch danach. Und wer genau liest, bemerkt auch noch dieses leise, aber dennoch innige Trauern um die (verloren gegangene und scheinbar für immer entschwundene) Sozialdemokratie.

Linden schlüpft in seine Vorfahren (oder die er als seine Vorfahren sieht); beim ersten Verhör gibt er sich deren Vornamen und nennt sich Carl Friedrich Fürchtegott Vojciech Felix Alfred. Er spürt ihnen nach, findet überall ihre Zeichen und Initialen (oder glaubt das zumindest). Carl Friedrich Lindner, der Vorfahr, der als Sachse mit Napoleon gegen Preussen kämpfte (Sachsen standen immer auf der falschen Seite - bis auf einmal), beim Plündern von Plünderern erschlagen am 20. Oktober 1813. Oder später jener Vojciech Machulski, Pferdepfleger, Bauarbeiter, Soldat und Erfinder, der mit Felix Linden beim Denkmalbau Freund- oder mindestens Bekanntschaft schloss und mit ihm in den Ersten Weltkrieg zog (und Vojciechs Bruder stand irgendwo auf der anderen Seite des Schlachtfelds). Eindringliche Bilder gelingen da in knappen Sätzen: der letzte Sommer einer Ära (1914), Soldaten, die aus Angst und ohne Hass schiessen (müssen); das Überglückliche durch einen Brief. Dann Machulskis Beinamputation und kurz darauf endete er in einem Massengrab.

Linden lebt diese Figuren, lässt sie auf(er)stehen, wechselt manchmal in die "Ich"-Form. Man weiss es nicht genau: Sind die Wiederholungen und Variationen des Gesagten gewollte Irreführung? Oder deliriert er schon? Das "Verhör" erweist sich dabei wenn nicht als "Deutschstunde" so als "Sachsenstunde". Fredi Linden changiert irgendwo zwischen Woyzeck, Simplicius und Schweijk, das alles garniert mit einer gewissen Raubeinigkeit (manchmal erinnert es ein bisschen zu sehr an Fonty aus Grass' "Ein weites Feld"). Der Leser wird insbesondere am Anfang durchaus herausgefordert, sich aus dem Puzzle der Assoziationen die Geschichte zu rekonstruieren; im weiteren Verlauf des Buches wird der Erzählstrom etwas stringenter.

Grosse Meisterschaft zeigt Loest im Beschreiben der Brüche der Figur Fredi Linden. Der Tod des Vaters nach der Bombennacht, die Kinder…mit einem Schlag zu Erwachsenen werden lässt. Die Hinwendung zum Alten die schon weit vor dem Mai 1968 einsetzt, als er seinen Beruf verliert und im Gefängnis die Sprengung der Kirche als Vibration spürt. Die Parallelen der Vernehmer zum Ritterkreuzträger, der Linden kurz vor Kriegsende fast noch ums Leben gebracht hätte. Seine Reaktion hierauf: Eins hab ich nie leiden können: Grinsen. Ich hab nie grinsen wollen außer in dieser Minute.

Marschmusik als Kriegsersatz, die Stadt krepierte unter dem Gestank der Kraftwerke, Linden verkauzte zum Eigenbrötler, der Sohn warnte (Vater, machst keinen Unsinn, ja?), Häuser waren nur noch Ziegel- und Betonhülsen.

Seit 1988 lebt er dann in einem Altenheim; ist wieder flügge (vermutlich inzwischen als harmloser Sonderling eingeschätzt), fährt zu seiner Tochter Erika nach Detmold und kommt sich westfremd in einem Leben wie in der Reklame vor. Zurück in die Bruchbude DDR und nach Leipzig mit seinen Ratten…Tauben und…Brombeeren. Auch ein paar seltene Idyllen. Und plötzlich sieht man an Leipzigs Autoantennen immer öfter Fähnchen…Weiß bedeutete: Ausreisenantrag gestellt, schwarz: Antrag abgelehnt. Wer sich festnehmen lasse, erzählte Joachim, sich weigere, eine Geldstrafe zu zahlen, sei binnen drei Wochen drüben. Joachim wird direkt dem ZK unterstellt, kommt wieder in die Stadt und soll Brücken basteln und reparieren. Aber irgendwann geht reparieren nicht mehr.

Und wie klug diese dann heranbrechende Zeit und die in ihr angelegten Missverständnisse hier evoziert werden:
Siebzigtausend Bürger vereinten sich an diesem Abend zum Protest. Sie waren in Ansichten und Zielen zerklüftet, doch das minderte nicht ihre Zahl. Die meisten wollten eine freundlich funktionierende DDR mit netten Polizisten, Reisefreiheit und Bananen. Berufsschüler wollten ihre Meister ärgern und einfache genossen den Parteisekretär, Mieter den hausbeauftragten, Altbaubewohner mit Wasserschäden im Kinderzimmer die Zicke vom Wohnungsamt, LVZ-Leser den Leitartikler, Eltern den Schulleiter, der ihre Tochter von der Oberschule ferngehalten, die Tochter den Vater, weil der viel zu lasch reagiert hatte. Hier zogen ehemalige Bausoldaten und ihre Bräute, Zeugen Jehovas, Jugend-Fußballspieler, deren Trainer sie zusammengeschissen hatte, weil ihre Klamotten in Aldi-Beuteln steckten, Chorsänger, die sich über die ewigen Thälmann- und Stalinkantaten erbosten, Herzens-Sozialdemokraten, geschlagene des 17. Juni 1953, Nazis, Biermannfreunde, wer von einer Hochschule geflogen war, weil seine Mitarbeit im Elferrat als destruktiv gegolten hatte, Twisttänzer, von Ordnungskräften verprügelt, weil sie auseinander getanzt hatten, Althäftlinge aus den Speziallagern Bautzen, Mühlberg und Buchenwald, Ringelsockenträger der fünfziger Jahre, Teilnehmer des Olof-Palme-Friedensmarschs, RIAS-Hörer, Deutschlandfunkhörer, wer "Sie Revolution entlässt ihre Kinder" verschlungen hatte. Schlesierland, mein Heimatland, drei Mal Ausreiseantrag gestellt, der Bruder wegen Fluchthilfe in Brandenburg – hier mitzuziehen löschte eigene Feigheiten aus, man zeigte es denen, war unversehens ein hecht, ein Kerl, das Mäuschen im Männchen tanzte, da die Katze den Schwanz einkniff. Wer hier dabei war, erteilte sich selbst Absolution für getreuliche Mitarbeit an jedweder Wandzeitung.


Parallelen zwischen 1813 und der Schlacht von 1989? Aber die Schlacht war gewonnen oder besser: Sie hatte nicht stattgefunden. Denn ihr Widerpart war Leipzigs Polizeigeneral, der seine Häupter zählte, und siehe, es waren siebentausend aber die anderen zehn Mal so viel. […] Vielleicht besann er sich auf die Silbe "Volk" im Titel seiner Streitmacht und stellte sie über alles. Halb triumphal halb schwermütig stellt Linden fest: Niemals wieder wurde Gerhard Straßenburg erwähnt. Der Polizeigeneral hatte die wichtigste Entscheidung getroffen, die einzig richtige, aber ein General taugt nicht fürs Hohelied, das Leipzig gar den Titel einer "Heldenstadt" verleihen wollte. Da ist er, der Gerechtigkeitsfuror (und nicht nur da, aber dort am deutlichsten).

Das Hohelied blieb für die anderen, die Pfarrer, die Feierabendrevolutionäre, den Kapellmeister, der zur Eröffnung des Musiktempels Honecker die Hand schüttelte und ihm noch einen Dankesbrief schrieb, als dieser abtrat. Und manche Künstler gaben den Nationalpreis zurück und machten so das Revers frei fürs Bundesverdienstkreuz.

Frontschwein…Kanonenfutter…Menschenmaterial - ein Kontinuum von 1813 über 1914, Nazizeit nebst Bombenkrieg bis hin zum Experiment DDR? Wann war eigentlich überhaupt einmal Leben (so könnte die ungestellte Frage lauten)? Der desillusionierte Blick nach vorne – natürlich keine Nostalgie, aber auch kein Genörgel. Vielleicht ein bisschen spät, das Ganze. Oder doch gerade recht, weil man sich nicht noch einmal umzustellen hat? Der Sohn kann sich "retten"; kommt irgendwie im Westen an. Linden schaut "Wetten, dass…?" mit den anderen Bewohnern und der oberste Sachse, der nie Einspruch erhob, wenn er "König Kurt" genannt wurde kam zum Förderverein des Herzensdenkmals.

Es dauert ein bisschen, aber dann ist man in Fredi Lindens Erzählstrom versunken. Und fiebert schließlich der Wendezeit entgegen, die, hieran kein Zweifel, aus der Betrachtung des Vergangenen anders zu sehen ist als im unmittelbaren Moment der Ereignisse selber. Loest gelingt es in den besten Augenblicken, Geschichte zu "vergegenwärtigen", in dem er sie aus der rein historisierend-mythischen Überlieferung herauslöst und für einen Moment, den erzählten Moment, mit neuer Klarheit wiedererstehen lässt. Erich Loest zeigt sich dabei im besten Sinne des Wortes als ein Heimatdichter – ohne Allüren oder provinzieller Verklärungsmetaphorik. Und er ist dabei in sehr guter Gesellschaft: Uwe Johnsons Mecklenburg, Böll und sein Köln (nebst Rheinland), Hermann Lenz' Stuttgart, Marons Bitterfeld und Tellkamps Dresden.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch
Die ersten zehn Kommentare beziehen sich auf den ursprünglichen Beitrag, in dem zwei Buchbesprechungen vorgestellt wurden. Die Besprechung zu David Wroblewskis Buch folgt.

William T. Vollmann: Hobo Blues

William T. Vollmann Hobo BluesEin amerikanischer Autor erzählt in einem Buch von seinen (illegalen) Reisen auf Eisenbahn-Güterwagen mit einem (imaginären) Ziel "Überall" und nennt dieses Buch "Riding Towards Everywhere". Wie übersetzt man das kongenial? Vielleicht mit "Reisen nach Überall"? Oder "Fahren in Richtung Überall"? Oder übersetzt man "Riding" wörtlich als "Ritt"?

Der Verlag entschied sich für eine merkwürdig boulevardeske Version, die den Charakter des Buches eher verbirgt, nannte William T. Vollmanns Buch im Deutschen "Hobo Blues" und versah es mit dem ein bißchen aufgesetzt wirkenden Untertitel "Ein amerikanisches Nachtbild". Das ist zunächst einmal ärgerlich, insbesondere wenn man die Leistung des Übersetzers Thomas Melle im weiteren Verlauf zu schätzen beginnt (beispielsweise dann, wenn er Zitate von Hemingway, Kerouac oder Thomas Wolfe stimmig "modifiziert" wie es in den Fußnoten selbstbewußt heißt).

Man sollte bei der Lektüre den deutschen Titel einfach vergessen und sich vollends den Assoziationen und reportagehaften Beschreibungen zuwenden. Das lohnt sich nämlich.

William T. Vollmann ist in den USA kein Unbekannter; er schreibt u. a. für "Harper's Magazine" und den "New Yorker". "Riding Towards Everywhere" ist eine Hommage an die Freiheit und die Freiheit der Bürger, eine Hommage an die Vereinigten Staaten von Amerika – und das findet der Ich-Erzähler beim Reisen mit Güterzügen (dem sogenannten Trainhopping) wie sonst nirgendwo mehr. Verzweifelt schaut er auf sein Land, welches zum Zeitpunkt des Buches im achten Jahr einen Folterpräsidenten als Staatsoberhaupt hat, der sukzessive Freiheiten einschränkt und die Leute belügt. Vom Bäckerladen im Heimatdorf bis zum arroganten Verhalten der unamerikanische[n] Sicherheitsbeamten am Flughafen – überall sieht sich Vollmann inzwischen reglementiert, gegängelt, überwacht, eingeengt. Das Rebellentum gegen jede Art von Kontrollen und Restriktionen, die Weigerung, das Spiel doch wenigstens ein klein wenig mitzuspielen - dies verbindet ihn mit seinem Vater (nebenbei erzählt dieses Buch mindestens zu Beginn auch eine fast zärtliche Vater/Sohn-Annäherung), der den überbordenden Machtanspruch der kontrollierenden Personen ausmacht und dann (in typischer Übertreibung) im Plauderton bemerkt: Gib den Leuten ein bisschen Macht, und sie werden zu Nazis.

Vollmanns Ich-Erzähler dürfte der "reale" Vollmann sein – alleine: es spielt keine Rolle. Um sich vor eventuellen Klagen zu schützen schreibt er augenzwinkernd in einem kleinen Vorwort, dass die Geschichten im Buch alle dem Hörensagen entspringen und die Fotos seien in Wirklichkeit stahlgraue Kreidezeichnungen. Er sei niemals bei der Fahrt auf einem Güterzug erwischt worden und habe sich demzufolge niemals des unbefugten Betretens von Bahneigentum schuldig gemacht.

Lichter einer Lokomotive - Seite 230   c Suhrkamp VerlagGewidmet ist dieses Buch seinem Freund Steve Jones, ein Prinz des Stahlrosses, der ihn auf vielen Touren begleitet hat; er ist der Held dieses Buches. Jones ist wesentlich erfahrener als Vollmann und, obwohl älter, sportlich viel besser für diese nicht ganz ungefährliche Art des Reisens konditioniert (der Ich-Erzähler gibt an, er habe sich beim Abspringen von einem fahrenden Zug bereits einmal die Hüfte gebrochen), während Vollmann die sozialen Kontakte besser zu knüpfen versteht, denn beide tauchen mit (fast) allen Konsequenzen in diese Welt ab und Übernachten beispielsweise im Freien.

Das Austüfteln einer Route, das so oft quälende Warten auf einen Anschlusszug, dieses feldmausgleiche Leben im Gras, die gelegentlichen Verirrungen (natürlich gibt es keine Anzeige, wohin der Zug, auf den man gerade aufgesprungen ist, tatsächlich fährt) – der Leser kann durch die Karte auf den Buchdeckelinnenseiten Routen, Orte und Landschaften verfolgen und ist mittendrin im Abenteuer.

Dabei sind Vollmann und Jones natürlich längst keine "Hobos" mehr, jene Wanderarbeiter, welche diese Möglichkeit als Transportmittel nutzten um sich einen Job in einer anderen Stadt zu suchen. Sie sind eher "Luxushopper" mit Kreditkarte für alle Fälle, die sich mitunter vom (vermeintlich angepassten) Bürger in einen "Abenteurer" verwandeln. Oder, besser: sich vorübergehend ihrer Tarnung entledigen und einer fremden, nicht nur räumlich weit entfernten Welt hingeben (die Assoziation zu "Easy Rider" schimmert gelegentlich durch, wird aber dahingehend konterkariert, da die beiden "ihr" Amerika durchaus finden).

Sie haben sich freiwillig einem Ehrenkodex verpflichtet, der es ihnen verbietet, Eigentum der Eisenbahn zu beschädigen oder zu beschmutzen. So urinieren sie beispielsweise (im Gegensatz zu anderen Trainhoppern) in Flaschen und nehmen ihre Abfälle immer mit. Vollmann und Jones beklagen durchaus eine "Verrohung" der Sitten (man erzählt von gewalttätigen und gefährlichen Trainhoppern, die gefürchtet sind; aber in diesem mythenreichen Milieu weiss man nicht so genau, ob es sie tatsächlich gibt oder ob es nur Phantome sind).

Die Mehrzahl derer, die ihnen an den Gleisen und in den Zügen begegnen sind Obdachlose, die auf diese Weise durch das Land reisen und ihr kleines Glück suchen. Bei der Bevölkerung sind Güterzugfahrer nicht beliebt, werden in den Restaurants manchmal nicht bedient und wenn sie von Bahnbediensteten gestellt werden, droht ihnen eine Anzeige.

All dies schreckt nicht ab. Es gilt weg von diesem Leben des Schreibtischs, der oktroyierten Regeln, der einengenden Räume, der Plastikwelt zu kommen – hin zu einer Unabhängigkeit, die das wahre Leben ist (und gelegentlich verklärt wird). Mehr als einmal fällt dieses ich muss hier raus; oft bereits in dem Moment, wenn man nach dem Trainhopping (und verpasstem Zug nach Hause) mit dem Flugzeug wieder wohlbehalten im Heimatort gelandet ist und der Verlust der Magie schlagartig einsetzt.

Wunderbare Bilder

Vollmann gelingen wunderbare Erzählbilder, die auch dem dieser Art des Reisens skeptischen Leser in dem Moment das Gefühl geben, etwas zu verpassen:
In der Dämmerung hielt der Zug neben einer schäbigen weißen Mauer, deren Graffiti übertüncht und zu unregelmäßigen Schlieren einer neuen Schmutzigkeit geronnen waren, und jenseits der Mauer und des Unkrauts stand eine schöne junge Latina, ihre Tochter an der Hand, und blickte den Zug an. Ich winkte ihnen zu, und sie lächelten und winkten zurück. Meine Einsamkeit löste sich auf, und selbst jetzt erfüllt mich die Erinnerung an diesen Moment mit Freude. Nach einer Weile kamen ihre Männer dazu. Auch sie standen da und winkten. Kein Wort rief ich ihnen zu, aber ich werde mich immer an sie erinnern.


Oder eine Assoziation mit einem von Vollmanns literarischen Helden, Henry David Thoreau:
Die Dämmerung war ein blendend türkisfarbener Spalt (die Tür, im spitzen Winkel von der Wand aus gesehen). Thoreau rät uns "wieder wach zu werden und uns wach zu halten…durch das unaufhörliche Erwarten des Sonnenaufgangs, welches uns nicht verlassen darf im tiefsten Schlaf." Und wirklich, dieser Sonnenaufgang trug meine Unendlichkeit in sich als fast alle, die ich seit meiner Kindheit und bei verschiedenen einsamen Aufenthalten auf arktischen Inseln erlebt hatte. Es war das Blau, in dem sich die Erde einem Astronauten zeigen mag: von innen heraus leuchtend, vielversprechend, schön, aber nicht warm; und vor allem weit weg.


Blick aus der Tuer - Seite 38  c Suhrkamp VerlagSchattenspiele, die Antilopen zeigen; Dunkelheit, die berührt wird, Felder vergilbt wie Kontoauszüge; ein Baum, der in voller Sternenblüte stand; der violette Salbei, dessen zerkrümelte Blüte einen Duft entfacht, der beinahe betrunken macht; das Wasser in der Flasche warm wie Blut - betörende Bilder, die Vollmann gelingen. Nur selten stürzt er ab ins leicht pseudooriginelle (etwa wenn etwas kristallklar wie der Urin eines Vegetariermädchens ist [die jungen Frauen, die ihn früher begleiteten, hatten durch einen Trichter in die entsprechende Flasche gepinkelt]).

Diese Erzählungen werden von längeren reportagehaften Passagen unterbrochen. Portraitiert und manchmal fotografiert werden andere Trainhopper oder auch eine Barfrau oder eine schmollmundig-somnambule Kellnerin, die die beiden freundlich bedient hat. Für ein paar Dollar kauft er Ira, Cinders, Dolores, Badger und einigen anderen eine Geschichte oder zwei ab (Geschichten, die dann leider erzählerisch nicht immer überzeugen).

Stimmungsvoll Vollmanns Landschaftsfotografien, die teilweise aus dem Zug heraus gemacht wurden. Die durchgängig in schwarz-weiß gemachten Aufnahmen erinnern in ihrer Intensität, spröden Schönheit und auch dem gelegentlich beim Betrachter aufkommenden Weltschmerz an den wunderbaren Film "Die letzte Vorstellung" von Peter Bogdanovich, der seinerzeit auf so treffliche Weise das (provinzielle) Amerika der 70er Jahre zeigte (ohne es zu denunzieren). Vollmann versucht mit diesen Landschaftsaufnahmen, die manchmal heruntergekommene oder baufällige Häuser zeigen manchmal aber auch nur eine ebene Wüstenlandschaft oder eine abgestellte Lokomotive, eine Beschwörung eines guten, eines besseren Amerika, mit Menschen voller Mut, Großzügigkeit und Integrität. Einem Amerika, das immer schon mehr Sehnsucht als Realität war.

Leben, um dem Leben zu entkommen

Denn natürlich ist der Autor zu klug, um nicht auch die Gefahren der Idyllisierung zu wittern. Zwei-, dreimal fällt er sich diesbezüglich ins Wort; fast ein bisschen versteckt sein Hinweis, das "wunderbare Buch der Gleise" (Mark Twain paraphrasierend) von ihm geschrieben wäre ein Werk romantischen Solipsismus. Das auf Achse sein ist nicht nur der Versuch zu leben sondern auch dem Leben zu entkommen. Und ist die Klage des Verschwindens der Marmorlobbys und Wartehäuschen in den Bahnhöfen (mit ihren polierten Bänken erscheinen sie heute wie eine Kirche des alten Amerika) eher (verzeihliche) nostalgische Verklärung als realer Restaurationswunsch des Autors.

Eindrucksvoll wie Vollmann die sinnlichen Empfindungen mit Lektüreeindrücken verbindet. Zunächst natürlich Jack London und auch Mark Twain. Ein bisschen devot Thoreaus "Walden" gegenüber (der grosse Weltfluchtroman). Auch der virile Hemingway kommt mit seiner Erzählung "Der Kämpfer" zu Wort; zusätzlich gibt es eine kleine Theorie zu Hemingway und Reisen. Tom Wolfes ungewöhnlich konzise Kurzgeschichte "Ferne und Nähe". Und vor allem Jack Kerouac, dessen Reiseziel Cold Mountain aus "Gammler, Zen und hohe Berge" zum Topos des unerreichbaren, mythischen, letztlich unauffindbaren Sehnsuchtsortes wird; Versuch das Reiseziel Überall zu "erweitern", denn Überall ist Cold Mountain und die Feststellung: I r g e n d w o ist es nicht.

Die schönsten Momente des Buches: Wenn der Erzähler für kurze Zeit hier sagen kann, wenn für einen Moment so etwas wie Glück spürbar ist. Und meistens passiert ihm dies beim Alleinsein (auch mit Freunden geht das: wunderbar allein); etwa als er so einsam war, daß er sogar nicht einmal mehr wegwollte. Oder wenn er sich als der erste Beobachter fühlt, der jemals dieses unbekannte Land namens Wyoming bereist hat. Dann können wir uns den Ich-Erzähler William T. Vollmann als glücklichen Menschen vorstellen, so glücklich wie ein Kind, das seine Weihnachtsgeschenke auspackt. Und sein Leser versteht auf einmal warum.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Heimito von Doderer: Seraphica - Montefal

Heimito von Doderer Seraphica - MontefalEs gibt meistens gute Gründe, warum Schriftsteller Manuskripte jahrzehntelang nicht oder sogar niemals veröffentlichen. Sie hegen beispielsweise Rücksichten, weil es um Personen geht, die sie nicht diskreditieren wollen. Oder sie halten ihren Stil plötzlich nicht mehr für adäquat oder einfach nur schlecht. Vielleicht reizt sie das Thema nicht mehr, welches ihrer Erzählung zugrunde liegen sollte. Manchmal vergessen sie auch nur, dass da noch ein Manuskript im Schreibtisch liegt.

Vieles spricht dafür, dass all dies für die beiden jetzt aus dem Nachlass von Heimito von Doderer veröffentlichten, in den 20er Jahren geschriebenen Erzählungen "Seraphica – Montefal" nicht gilt. Im außerordentlich klugen und kenntnisreichen Nachwort von Martin Brinkmann wird ein weiteres Motiv deutlich, welches wenigstens die Nichtveröffentlichung von "Seraphica (Franziscus von Assisi)" erklärt: In einer Zeit "unsicherer Zukunftsaussichten, schuldbeladener Sexualität und emotionaler Turbulenzen" bot sich ausgerechnet der heilige Franz von Assisi als "Identifikationsfigur" an. Durch die übermäßige Reinheit des Heiligen ("Willst Du vollkommen sein, so geh' und verkaufe, was Du hast, und gib es den Armen, so wirst Du einen Schatz im Himmel haben und komm und folge mir nach"), der sogar dem Feuer nicht wehetun will, obwohl es ihm die Kutte droht zu verbrennen wird das eigene, als verdorben empfundene Leben gespiegelt.

Brinkmanns durch die Tagebücher gestützte Erklärungen zeigen, dass sich Doderer hiermit seinen eigenen Lebenswandel sozusagen austreiben wollte (vermutlich vergeblich). Ob hier der Keim für die Jahrzehnte später vorgenommene Konversion zum Katholizismus zu sehen ist, bleibt offen. Bei nicht veröffentlichten Erzählungen scheint es notwendiger und legitimer zu sein, nach den privaten Hintergründen des Geschriebenen zu forschen.

"Seraphica" ist im Stil einer Legende geschrieben und umfasst Leben und Taten des Heiligen Franz von Assisi. Brinkmann betont die musikalisch-"prosarhythmische Durchbildung" der Erzählung. Doderer hat regelrecht recherchiert und die Original-Legenden über Franz von Assisi verwendet und bearbeitet. Die Schilderungen der guten Taten wirken auf den heutigen Leser in ihrer übermässigen Reinheit fast protestantisch-fundamentalistisch. Nur gelegentlich kommen philosophische Einsprengsel zum Vorschein, etwa wenn es faustisch heisst, dass diejenigen, welche von Wissensneugier geleitet sind…am Tage der Bedrängnis ihre Hände leer finden werden. Die virtuose Sprache Doderers lassen diese Art der fast übertrieben pointierten Erbauungsliteratur nicht in plumpen Predigerkitsch abgleiten; man sollte sich die Feinheit dieser Prosa unabhängig vom Sujet durch ein zweites Lesen erschliessen. Die einleitenden Ortsbeschreibungen, nein: Ortserzählungen zu Beginn sind ohnehin großartig und einfach wunderbar (in der Leseprobe sind sie glücklicherweise zugänglich).

Dennoch überstrahlt die persönliche Motivation des Autors Anfang/Mitte der 20er Jahre diese Erzählung fast über Gebühr. Literarisch zögert Brinkmann nicht, sie als "untypischstes aller Werke" von Heimito von Doderer einzuordnen und bemüht sich nach Kräften, Bedeutung zu erzeugen, in dem er zum Beispiel auf die Begriffe der Erkaltung und Erstarrung hinweist und diese im Kontext interpretiert.

Die zweite, kürzere bisher unveröffentlichte Erzählung "Montefal – eine avanture" (verfasst im Sommer 1922) bietet eine weitere Interpretation, warum sie vom Autor nicht publiziert wurde: Sie halt als eine Art "Vorfassung" des "Ritter-Romans" "Das letzte Abenteuer", der 1936 niedergeschrieben wurde und 1953 erschien. Brinkmann zückt auch hier die autobiografische Karte (die bei Doderer naturgemäss auch später in den großen Roman immer wieder eine Rolle spielen wird) und erkennt eine resignative Lebenshaltung der Hauptfigur, des Ritters Ruy de Fanez, die er transformiert auf Doderers Zustand.

Der Abenteurer - Arnold BoecklinDen Ausgangspunkt zu "Montefal" sieht Brinkmann schon in einem kleinen Feuilletonbeitrag Doderers "mit dem auftrumpfenden Titel: 'Der Abenteurer und sein Typus'". 1921 ist er nachweislich von einem Bild von Arnold Böcklin ("Der Abenteurer") beeindruckt. In "Montefal" streift der spanische Ritter Ruy de Fanez, ohne Rast, kaum dreißig Jahre alt, mit seinem Ecuyer (Knappen) Gauvain durch die Gegend. Er kommt an einen Ort, an dem für die Erlegung eines Drachens die Hand der Herzogin Lidoine angeboten wird. Anfangs ein bisschen lustlos sieht er für sich endlich eine Art Lebenssinn aufflackern: Der Sinn des Spaniers stand zwar wenig nach einem festen Ehebunde und sesshaften Leben, sei es auch als Gemahl der Herzogin Lidoine und als Herrscher über ein ausgedehntes und fruchtbares Land; indessen schien ihm hier endlich das wahrhaft große Abenteuer gefunden, welches sein stets müderes und gleichwohl ruheloses Gemüt von Ende zu Ende vergebens gesucht hatte.

Ruy begegnet dem Drachen, tötet ihn aber nicht, sondern schlägt ihm nur ein Horn ab. Am Hofe wird er gefeiert und als zukünftiger Gemahl der Herzogin angesehen, obwohl der Drachen nicht getötet wurde. Mit sparsamen Mitteln aber schon gross aufblitzender Erzählkunst erzählt Doderer auf wenigen Seiten diese sich merkwürdig distanziert entwickelnde Beziehung zwischen Ruy und Lidoine. Die Angst vor Sesshaftigkeit von Ruy siegt letztlich über die Zuneigung zu Lidoine. Und als schließlich ein Neuankömmling (ein Deutscher!) am Hof auftaucht der tatsächlich den Drachen getötet haben will, und sich schnell als neuer Herr aufspielt, ritt [Ruy] eines Tages allein von dannen; selbst die Sprache in den Augen der Herzogin, als er den Abschied nahm, verstand er nun nicht mehr: ihr Mund aber blieb von Schmerz und Stolz versiegelt aber auch jetzt wird er nicht froh, denn [w]ie es denn geht, wenn Einer nach langem Schwanken das eine oder andere Teil freiwillig oder genötigt erwählt hat: sogleicht erscheinen ihm nur die Nachteile des erwählten Weges, den Vorteil aber sieht er ganz auf der anderen Seite...

Ruy muß ohne seinen Knappen auskommen, der in einem höfischen Turnier tödlich verletzt wurde. Er streift durch den Wald, begegnet erneut dem Drachen, der wider Erwarten noch immer lebt und tötet ihn mit Todesschweiß aus den Gliedern hervortretend endgültig. Am Ende erschrickt er über sein schlohweiße[s] Haar, lag noch etliche Tage in der Schenke auf einem Ruhebette und dachte an vieles bevor er in einen Haufen wilder Gesellen zu Pferde mit gezückten Schwertern hineinreitet.

Sehr anschaulich erläutert Martin Brinkmann den Unterschied zwischen der frühen Erzählung und dem "Letzten Abenteuer", in dem sich beispielsweise die "Sympathiewerte…zu Ungunsten der Herzogin Lidoine verschieben" und, so Brinkmanns Übernahme der Deutung von Martin Mosebach, der Drachen "eher der Freund als der Feind des Ritters" zeige, weil er als "Prototyp des Antizivilisatorischen" gedeutet wird.

Ein kleines, aber feines Büchlein; nicht nur für "Heimitisten".
Die kursiv gedruckten Passage sind Zitate aus den beiden Erzählungen von Heimito von Doderer; die Bemerkungen von Martin Brinkmann im Nachwort sind in Anführungszeichen gesetzt

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HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.

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Kommentare hier...

So ist es.
So ist es.
Gregor Keuschnig - 2009-11-06 20:40
Und derart treibt's auch...
Und derart treibt's auch mancher Mensch.
Gedankenpflug (Gast) - 2009-11-06 19:24
Erzählung über...
Eine weitere Serie, die hier seit kurzem zu sehen ist,...
Thorsten Wiesmann (Gast) - 2009-11-04 12:47
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Gregor Keuschnig - 2009-11-03 13:14
Bin vor einer Stunde
an der Buchhandlung vorbei und habe die "Konstruktion..."...
lou-salome - 2009-11-03 13:05

...anderswo

So ist es.
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begleitschreiben - 2009-11-06 20:40
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
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begleitschreiben - 2009-11-03 13:14
Die Tonlage ist deutlich...
Die Tonlage ist deutlich "ernster" als bei Kästner....
begleitschreiben - 2009-11-03 11:30

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