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    <title>Begleitschreiben (&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl)) : Rubrik:Kritik</title>
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    <description>&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl)</description>
    <dc:publisher>Gregor Keuschnig</dc:publisher>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:date>2008-07-16T16:03:25Z</dc:date>
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    <title>Begleitschreiben</title>
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    <title>Sönke Wortmann: Deutschland - Ein Sommermärchen (ARD)</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3035235/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Soenke Wortmann     c DPA&quot; height=&quot;180&quot; alt=&quot;Soenke Wortmann     c DPA&quot; width=&quot;150&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Soenke-Wortmann-c-DPA.jpg&quot; /&gt;Nein, Sönke Wortmanns &quot;Deutschland - Ein Sommermärchen&quot; ist &lt;i&gt;kein&lt;/i&gt; Dokumentarfilm. Er ist ein Schlüssellochfilm, der Einblicke gibt, die sonst verborgen bleiben. Wortmann war wochenlang mit Kamera und Ton Begleiter der deutschen Fussballnationalmannschaft. Er hat alles brav gefilmt und einen Cocktail zusammengestellt, der die Neugier der Fans und Zuschauer befriedigt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemals gibt es eine ruhige, einzelne Einstellung. Ständig ist die Kamera in Bewegung. Man will immer gleichzeitig alles zeigen. Die Höhepunkte des Films sind die &quot;Kabinenansprachen&quot; von Jürgen Klinsmann vor, während und auch nach dem Spiel. Klinsmann wird als Motivator gezeigt  Löw der ruhige Taktiker  Bierhoff irgendetwas anderes. Mehr nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Statt die Kamera einmal zu fixieren, gibt es fast immer eine Totale. Weniger als zwei Menschen gibt es ganz selten zu sehen. Ruhepausen kennt der Film nicht; keine Kontemplation. Der Film geht immer mit, als seien wir selber auch in der Kabine oder im Bus oder in der Mannschaftsbesprechung. Von einer filigranen Technik, wie man Kameraeinstellungen &lt;i&gt;komponieren&lt;/i&gt; kann, kennt Wortmann nichts, was erschütternd ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Einblendungen &quot;Poldicam&quot; und &quot;Schweinicam&quot; nicht wären, hätte man diese Privatfilme der beiden Youngsters von Wortmanns Einstellungen gar nicht unterscheiden können. Was viel aussagt.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zuschauer schwelgt zwar in Erinnerungen , aber der Funke springt nicht über. Stattdessen hetzen wir von Spiel zu Spiel. Vielleicht ist der Kinofilm ja länger gewesen als die 105 Minuten in der ARD (ergänzt mit 15 Minuten vollkommen überflüssigem Nachgeplapper). Das 1:0 von Neuville gegen Polen wird als DER Punkt der WM gesehen, der dieses merkwürdige Sommermärchen-Gefühl in Deutschland erzeugt hat. Im Film wird es nur &lt;i&gt;behauptet&lt;/i&gt;. Das Tor wird natürlich gezeigt, aber der Spannungsbogen vermittelt sich nicht. Kurz danach öffnet David Odonkor die Tür mit der Zahnbürste im Mund. Kein Mensch kann verstehen, was er sagt. Warum muss man ausgerechnet so was sehen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich hat Wortmann recht, wenn er sagt, dass das Ausscheiden gegen Italien dem ganzen die Tiefe gibt; eine Dimension (aber es ist, Herr Wortmann, nicht &quot;tragisch&quot;; bitte dieses Wort nicht trivialisieren). Niederlagen sind &lt;i&gt;immer&lt;/i&gt; interessanter als Siege. Sie sind besonders interessant, wenn man vorher immer gesiegt hat. Der Film beginnt mit der Stille in der Kabine nach dem verlorenen Spiel. Aber auch hier tändelt die Kamera hin und her. Man hat das Gefühl, jeder soll mal im Bild sein. Weniger wäre mehr. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wortmann schafft keine Intensität. Nichts. Er zeigt einen Urlaubsfilm (und bekommt noch Auszeichnungen dafür!). Eine Chance wurde vergeben. Sehr schade.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Kritik&quot;&gt;Kritik&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-12-07T08:52:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/2642083/">
    <title>Claus Kleber: Indien - unaufhaltsam</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/2642083/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Claus Kleber&quot; height=&quot;300&quot; alt=&quot;Claus Kleber&quot; width=&quot;200&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Claus-Kleber.jpg&quot; /&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Claus_Kleber&quot;&gt;Claus Kleber &lt;/a&gt;und sein Team (man erfährt von der im Abspann genannten Co-Autorin gar nichts) hat sechs Wochen Indien bereist und einen Extrakt von 2 Filmen à 45 Minuten hat das &lt;a href=&quot;http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,3971107,00.html&quot;&gt;ZDF&lt;/a&gt; vorgestern und gestern gesendet. Kleber hat eine Entdeckung gemacht: Alle schauen nach China, wenn es um Wirtschaftsboom und neue Märkte geht  aber Indien ist viel wichtiger! &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Inbrunst verfechtet der Anchorman Kleber die These eines zu erwartenden Clash of Economics zwischen der westlichen Welt und Indien. Seine Gespräche mit den &quot;Emporkömmlingen&quot; (ein von ihm häufig verwendetes Attribut) können die in jahrelangem USA-Aufenthalt erworbenen Bewunderungsaffekte für soziale Aufsteiger nur schwer unterdrücken. Ein Gesprächspartner unkt: Indien ist ein Riese, und rennt im Moment ohne Schuhe. Warten Sie, wenn es einmal Schuhe gibt. Nur allzu willig spannt sich Kleber vor den Karren dieser Endzeitszenarien westlichen Wohlstands. Er weckt mehr Ängste, statt aufzurütteln. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die mit Wollust zitierten Szenarien nationalistischer indischer Professoren oder Börsengurus schaffen es, das Selbstbewusstsein von Klebers&apos; Eurozentrismus zu erschüttern. Sicherlich teilweise zu Recht  keine Frage. Die Dynamik von 8% Wirtschaftswachstum (mantramässig immer wieder erwähnt) wird allerdings nicht in Relation zur Vergangenheit gesetzt. Kleber unterlässt es nicht, auf die grossen Unterschiede zwischen dem dörflichen Indien und den Boomtowns hinzuweisen, aber er benennt nicht, dass es sehr viel schwieriger ist, ein hohes wirtschaftliches Niveau wie das in Europa zu halten, als von sehr ärmlichen Strukturen heraus zu wachsen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kleber versäumt weitgehend die grösste Gefahr für diese wirtschaftsliberale Ausrichtung zu benennen: das in der indischen Gesellschaft fest zementierte Kastenwesen, welches gar nicht so in das Bild der blühenden Demokratie mit ihren fleissigen Menschen passt, diese aber in feste Strukturen ein ganzes Leben lang einschnürt. Auf dem Campus einer Eliteuniversität bemerkt Kleber eine Selbstgewissheit unter den Studenten und als grössten Minuspunkt der indischen Gesellschaft sehen sie die Korruption. Die ethnischen Konflikte streift er nur am Rande. Er fragt die jungen Leute aber auch gar nicht danach. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kleber nimmt eindeutig Partei für Indien gegen das &quot;rote&quot; China, den &quot;arroganten Drachen&quot;. Zweifellos ist die Demokratie Indien der Diktatur China in diesem Punkt überlegen. Aber die Demokratie Indien ist eben nicht eine Demokratie wie beispielsweise Frankreich oder Grossbritannien. Hier hätte man mehr Differenzierung erwartet. Einige Spritzer Wasser in den Wein wären Pflicht gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Kleber auf die Ausbeutung der auch in Indien sprunghaft steigenden Wanderarbeiter verweist (mindestens achtmal erwähnte er, dass sie von 2 Euro am Tag Lohn leben müssen  ohne freilich [wie so üblich] diesen Verdienst in Relation zu setzen), wendet er die westlichen Massstäbe an. Wenn der schon ökonomisch nicht mehr mithalten kann, muss er wenigstens noch moralisch besser sein.  Aber dem Wanderarbeiter die 2 Euro nicht zu bezahlen, wäre noch unethischer. Das Dilemma zeigt Kleber erst gar nicht auf. Er zeigt nur, dass der Arbeiter zufrieden ist, weil er das doppelte von dem verdient, was er bei sich zu Hause bekommen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kleber erläutert auch nicht, warum sich Indien so explosionsartig entwickelt hat. Und er unterlässt, den politischen Wandel der letzten Jahre aufzuzeigen  beispielsweise das Erstarken der &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Bharatiya_Janata_Party&quot;&gt;nationalistischen&lt;/a&gt; und sogar separatistischen Kräfte (stattdessen erwähnt er einmal maoistische Rebellen). Dies dokumentiert sich im konsequenten Gebrauch des Namens Bombay für die indische Handelsmetropole und dem Weglassen bzw. vollständigen Ignorieren der offiziellen Bezeichnung &quot;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Mumbai&quot;&gt;Mumbai&lt;/a&gt;&quot;. Was Kleber nicht mag, das gibt es nicht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;In Indien liegt es immer nah, an Wunder zu glauben&quot;  Mit derartigen Zeitschriftenweisheiten leitet Kleber von einem Reiseort zum anderen über. Wir erleben arme Spinnerinnen, SAP Indien mit bald 3.500 Mitarbeitern, eine amerikanische Frau, die für ein Zehntel der Kosten eine Knieoperation in Indien machen lässt (ohne Qualitätseinbussen, wie man glaubhaft übermittelt bekommt), und vieles mehr  alles Belege für Klebers These: Indien wird neue Weltmacht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies als Ergebnis von sechs Wochen Reise?</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Kritik&quot;&gt;Kritik&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-09-08T10:55:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/2078835/">
    <title>Bester Journalismus:</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/2078835/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Sabine Rueckert         c Stern.de&quot; height=&quot;167&quot; alt=&quot;Sabine Rueckert         c Stern.de&quot; width=&quot;250&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Sabine-Rueckert-c-Stern-de.jpg&quot; /&gt;&lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/2006/22/Strafe_xml?page=all&quot;&gt;Ab in den Knast&lt;/a&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Sabine_R%C3%BCckert&quot;&gt;Sabine Rückert&lt;/a&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit langer Zeit der beste Artikel, den ich in der &quot;ZEIT&quot; gelesen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme über die zunehmende Hysterisierung von Kriminalität in unserer Gesellschaft und die Versäumnisse der Politik (die auf einem ganz anderen Gebiet liegen, als der tumbe Populismus dies nahelegt).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unbedingt lesen! Preiswürdig.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Kritik&quot;&gt;Kritik&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-05-28T10:13:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1910928/">
    <title>Werners Modell</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1910928/</link>
    <description>Gestern abend &quot;&lt;a href=&quot;http://www.daserste.de/maischberger/&quot;&gt;Menschen bei Maischberger&lt;/a&gt;&quot;: &quot;Revolution: Nie mehr arbeiten! Geld für alle!&quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz Oskar Lafontaine und Lothar Späth hatte ich mir die Sendung angeschaut, da Götz Werner sein Modell eines Grundeinkommens für alle dort ein wenig erläutern sollte.&lt;img title=&quot;Goetz Werner     c ARD&quot; height=&quot;113&quot; alt=&quot;Goetz Werner     c ARD&quot; width=&quot;150&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Goetz-Werner.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider hatte Sandra Maischberger nicht ihren besten Tag; die Diskussion zerfranste immer wieder, weil insbesondere Oskar Lafontaine es nicht lassen konnte, seine politischen Thesen unterzubringen, auch wenn sie gar nicht Gegenstand der Diskussion waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Idee mit dem Grundeinkommen für alle ist etwas klarer geworden:

&lt;ul&gt;  
&lt;li&gt; Die 1500 Euro pro Person - unabhängig davon, ob man arbeitet oder nicht - sind ein Endziel. Beginnen würde Werner mit einem Satz von um die 800 Euro (das entspricht in etwa dem derzeitigen Hartz IV-Satz).
&lt;p&gt;  &lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;&lt;li&gt; Der Betrag würde dynamisch ausbezahlt, d. h. er steigt gemäss dem Lebensalter an und schwächt sich aber auch mit zunehmendem Alter wieder ab.
&lt;p&gt;  &lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;&lt;li&gt; Die 1500 Euro würden auf das Einkommen angerechnet. Das bedeutet beispielsweise, dass jemand der heute 2500 Euro verdient, vom Arbeitgeber nur noch 1000 Euro erhält, da ja die 1500 Euro vom Staat bezahlt würden.
&lt;p&gt;
Selbst Lafontaine äusserte Bedenken darüber, dass dann im Niedriglohnbereich etliche Leute lieber nicht arbeiten würden, da die Differenz (beispielsweise bei einem Verdienst von 1700 Euro) zum &quot;Nichtstun&quot; zu gering erscheint.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werner konterte recht eloquent, dass dann diese Löhne eben steigen müssten und auch würden, aber unter dem Strich immer noch Ersparnisse beim Arbeitgeber blieben.
&lt;p&gt;  &lt;/p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;&lt;li&gt; Zur Finanzierung müsste die Mehrwertsteuer auf 40 bis 50 % angesetzt werden (im Rahmen einer irgendwann stattfindenden EU-Harmonisierung eigentlich undurchführbar). &lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
Die Preise würden nicht deutlich steigen, da der Arbeitgeber keine Sozialversicherungskosten auf die Preise mehr umlegen bräuchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider war kein Wirtschaftswissenschaftler eingeladen; ein schweres Versäumnis. Es hatte sich auch niemand die Mühe gemacht, die volkswirtschaftlichen Auswirkungen, die Werners Idee hätten, auszurechnen bzw. zu diskutieren. Ausser &quot;..das geht doch nicht...&quot; gab es nichts. Götz Werners Thesen gingen dann nachher in der Diskussion mit dem Börsenguru Frick etwas unter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;sup&gt;Eine Diskussion über das Modell wurde vor einigen Wochen bereits &lt;a href=&quot;http://kwakuananse.twoday.net/stories/1760166/&quot;&gt;hier&lt;/a&gt; geführt.&lt;/sup&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Kritik&quot;&gt;Kritik&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-05-03T13:06:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1832226/">
    <title>Thomas Müller: Bestie Mensch</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1832226/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1832226/main&quot; height=&quot;221&quot; alt=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1832226/main&quot; width=&quot;150&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Bestie-Mensch.jpg&quot; /&gt;Grimmig schaut der Autor mit verkniffenen Augen am Leser vorbei. In roter Schrift erfahren wir: &lt;i&gt;Bestie Mensch&lt;/i&gt;. So sieht das Cover von Thomas Müllers Buch aus, und man hätte es wissen können. Aber das &lt;a href=&quot;http://www.daserste.de/druckfrisch/thema_dyn~id,131~cm.asp&quot;&gt;Interview mit Denis Scheck &lt;/a&gt;machte mich neugierig; die Stimme dieses Mannes, der in unzähligen Gesprächen Massenmördern und Schwerverbrechern gegenüber sass; die weichen, modulierten Töne  ein Märchenonkel, der fast flüsternd, weich sprach, aber schnell und eloquent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_M%C3%BCller_%28Psychologe%29&quot;&gt;Dr. Thomas Müller &lt;/a&gt;ist Kriminalpsychologe. Wie man am Ende des Buches erfährt, ist er es in herausgehobener Position wohl nicht mehr; seine Hinauskompromittierung erzählt er in der dritten Person  übrigens ein lesenswertes Dokument, wie Menschen von ihren Positionen weggemobbt werden. Aber das ist ein anderes Thema.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bestie Mensch ist eine Mischung zwischen einer Müller-Biographie und der Entwicklung seines Berufsbilds, des Kriminalpsychologen, den er bewusst sowohl von den US-amerikanischen &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Profiler_%28Kriminalistik%29&quot;&gt;Profilern&lt;/a&gt;, die aufgrund der ihnen vorliegenden Fakten Täterprofile entwerfen (die er einmal dubios nennt), als auch von den forensischen Kriminalpsychologen abgrenzt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müller sieht sich als jemand, der Tatorte analysiert und Verhaltensprofile erstellt. Seine Definition: &lt;i&gt;Aus der Sicht der Kriminalpsychologie ist ein Tatort all das, wo das Verhalten des Täters aufgefunden werden kann. Das kann ein Briefkuvert, in dem eine Briefbombe steckte, genauso sein wie ein aufgeschnittenes Kalb, das auf der Weide liegt. Der Tatort, an dem eine Leiche aufgefunden wird, beinhaltet ebenfalls Entscheidungen des Täters, und weil kein Tatort einem anderen völlig gleicht, müssen wir im Zuge der Tatortanalyse versuchen, notwendige pragmatische Entscheidungen von scheinbar nicht notwendigen zu trennen.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gebetsmühlenartig wiederholt er seine Abgrenzung zu den reinen Psychologen  aber es gelingt mir einfach nicht, eine als nicht auf die Person des Täters gerichtetes Untersuchungsobjekt zu sehen, also die Erkenntnisse, die von der Untersuchung eines Tatort gewonnen werden, losgelöst von der Person des Täters sehen zu wollen. Wozu erstellt man sonst ein Verhaltensprofil? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Unverständnis kann einerseits an der Verstocktheit des Lesers liegen  andererseits jedoch auch an der mangelnden Differenz beider Sujets. Der Leser soll selber entscheiden, welche Version stimmt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;[...] Sie [die  forensische Psychiatrie] durchleuchtet die Biographie der Menschen, indem sie bestimmte Merkmale feststellt. Auf der anderen Seite hat sie vorgegebene und definierte Krankheitsbilder, die dann angenommen werden können, wenn bestimmte Umstände zutreffen.[...] Das Material ist der Mensch, das Werkzeug die Aufarbeitung der Biographie, das Explorationsgespräch führt zu psychiatrischen Klassifikationsschemata. Der Material der Kriminalpsychologie ist das Verhalten, die Veränderung der Umwelt und die Schlussfolgerung auf die darunter liegenden Bedürfnisse, das Werkzeug der Tatortanalyse. Es ist der Versuch, auf ein und dieselbe Seite zuzugreifen, um sie nicht nur beurteilbar, sondern auch überprüfbar zu machen. Das war der Weg, den ich verfolgen wollte, unterschiedliche Disziplinen zusammenzuführen, aber das Verständnis dafür zu wecken, dass, selbst wenn sie zu unterschiedlichen Ergebnissen kämen, sie sich trotzdem um die gleiche Sache bemühen.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In vielen Beispielen hebt Müller die Notwendigkeit genauer Tatortuntersuchungen hervor. So sei es beispielsweise wichtig, wie eine Leiche am Tatort zurückgelassen werde und steuert einige Beispiele grässlicher Schändungen bei. All diese Erzählungen sind sehr feuilletonistisch, gelegentlich erzeugen sie ein Schaudern  alleine: eine Stringenz in der späteren Erklärung des geschilderten Phänomens gibt es nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So beschreibt er beispielsweise den Fall einer alten Frau, die in ihrem Gartenhaus ermordet aufgefunden wird. Die tödliche Verletzung wurde mit Hammerschlägen auf ihrem Kopf zugeführt. Aber es gab auch ein Schnitt vom Unterbauch bis zum Genitalbereich, in dem ein Hühnerei drappiert wurde. Der Fall wird aufgeklärt  es war der Nachbar, dessen Alibi falsch war und der sich vom permanenten Hundegebell der Schäferhunde der Frau genervt fühlte. Die Sache mit dem Hühnerei wird von Müller nicht aufgelöst. Übrigens wurde der Fall durch einen einige Monate später stattfindenden Streit zwischen dem Mann und seiner Frau, die ihm das falsche Alibi gegeben hatte, aufgeklärt  die Frau korrigierte ihre Aussage. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Beispiel ist exemplarisch für den (leider häufigen) aufgeblasenen, sensationsheischenden Furor des Buches. Im Fussball nennt man einen Spieler, der mit derartiger Verve an die Sache herangeht, übermotiviert. Oft genug beschreibt Müller allerdings auch die Grenzen seiner Disziplin oder sogar die Möglichkeit, dass Tatorte von Tätern manipuliert würden, um bewusst Zeichen zu setzen, die falsch interpretiert werden können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Garniert wird das Ganze mit immer wieder auftretenden Floskeln wie dem Freudsatz &lt;i&gt;Unsere Persönlichkeit dringt uns jeden Tag aus allen Poren&lt;/i&gt;, oder Allerweltsweisheiten wie &lt;i&gt;Es ist nicht entscheidend, was jemand sagt, sondern das, was er tut&lt;/i&gt; oder &lt;i&gt;Es gibt Leute, die in Erfahrungswelten leben, die wir nicht betreten können&lt;/i&gt;  oder &lt;i&gt;Man kann das Verhalten eines anderen Menschen nicht ändern&lt;/i&gt; (hierauf basierend, bleibt für Legionen von Psychologen nur der Suizid) und, last but not least, &lt;i&gt;Menschliches Verhalten ist bedürfnisorientiert&lt;/i&gt;. Einmal stellt der Autor fest, dass die &lt;i&gt;grenzenlose Gier&lt;/i&gt;, die in uns allen steckt, Motor für Verbrechen sein kann, während wir uns hinter einer &lt;i&gt;hechelnden Bescheidenheit&lt;/i&gt; verbergen  das ist recht banal und viel zu sehr verallgemeinernd. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings: &lt;i&gt;Nicht verurteilen  beurteilen&lt;/i&gt; - auch dieser Satz findet sich sehr oft im Buch. Er rettet mir letztendlich das Buch. Denn entgegen dem furchtbaren Titel (warum haben Sie da zugestimmt, Herr Müller?) und einigen wenigen hysterischen Entgleisungen will Müller die jeweils vorgestellten Täter nie als Bestien blossstellen. Er betont immer wieder, dass man niemandem ansehen kann, was er (vielleicht) vollbracht hat; gerade die (scheinbare) Normalität sei die perfekte Tarnung. Müller hebt die oft brillante Intelligenz der Delinquenten hervor  oft genug verfällt er dann aber wieder in psychologisierende Deutungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch hat auch interessante Stellen. Etwa wenn die am Tatort vorgefundenen Indizien Geständnisse der Täter, die die eine Mitschuld auf das Opfer bzw. dessen Lebenswandel legen wollten,  als falsch herausarbeiten. Oder wenn von der Wichtigkeit der Aufrechterhaltung von Kommunikation bei Serientätern hingewiesen wird; hier können sensationslüsterne Schlagzeilen bestimmter Zeitungen fatale Wirkungen haben. Und auch, wenn Müller eine umfassendere psychologische Betreuung, beispielsweise bei Sexualstraftätern anmahnt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von primitivem Rache-Populismus ist Müller glücklicherweise weit entfernt. An einem langen Abend mit ein oder zwei Glas Rotwein stellt &quot;Bestie Mensch&quot; eine gelegentlich anregende Lektüre dar. Mehr nicht.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Kritik&quot;&gt;Kritik&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1714561/">
    <title>Rainald Goetz: &quot;Abfall für Alle&quot;</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1714561/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;74&quot; alt=&quot;abfall&quot; width=&quot;47&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/abfall.jpg&quot; /&gt;Ein Schriftsteller, einst als Provokateur auftretend und sich heute als Querulant sehend (mindestens als Schreiber, nicht so sehr als Alltagsmensch), entdeckt das Medium Internet und ermöglicht es uns, jeden seiner Tage schriftlich dort zu verfolgen. So Rainald Goetz 1998 mit einem über ein Jahr angesetzten Projekt. So ganz neu ist das natürlich nicht; Tagebücher gibt es seit eh und je, meistens sind sie aufgeblasen - dies meist dann, wenn es sich um mehr oder weniger erzwungene Notate handelt, die jemand gemacht hat, weil er eben glaubte jeden Tag etwas schreiben zu müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goetz Dilemma ist dieser täglicher Schreibzwang natürlich auch. Die Zurverfügungstellung seines Geschriebenen im Internet sorgt immerhin für eine unmittelbare Aktualität (einen Punkt, den Goetz mehrfach als wichtigen Faktor in seinem Projekt sieht), während beispielsweise die normalen Tagebücher mit grösserer zeitlicher Verzögerung oder gar erst nach dem Ableben des Verfassers erscheinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was wirklich neu war an diesen Notaten also die tägliche, aktuelle Verfügbarkeit - sofern man 1998 ein Internet hatte und sich das wirklich alles durchlesen wollte (eine Frage, die sicher in Anbetracht der unzähligen Weblogs immer mehr stellt). Die Daily-Soap sozusagen aus Dichterfeder: hautnah und mega-aktuell. Der Titel für dieses Projekt ist mindestens doppeldeutig: Abfall. Und als Buch Abfall für Alle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abfall - &lt;b&gt;Das Abgefallene &lt;/b&gt;aus der Hand (aus dem Kopf) eines Dichters: Dieses (alte) Programm welches die Surrealisten schon umsetzen wollten, quasi ein Schreiben ohne (Nach-) Denken, ein Schreiben ausschliesslich aus dem Kopf heraus - dies versucht Goetz hier, aber er sabotiert es selber, denn wenn man die Eintragungen genau liest, ist von ständigen Korrekturen die Rede, bevor der entsprechende Text dann ins Internet geht und mehr-fach wird von notwendigen Überarbeitungen gesprochen, falls es dann zur Buch- / CD-Ausgabe kommen sollte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Abfall aus des Dichters Hirn, ungefiltert in den PC hineingehämmert ist eine Täuschung, ja: eine Selbsttäuschung; existiert nicht. Der Abfall ist schön sortiert, ja komponiert - auch wenns zunächst nicht so aussehen mag (und auch nicht soll - Mogelpackung fürs Publikum).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abfall -  &lt;b&gt;Der Unrat  &lt;/b&gt;(das Abfällige) - Rohkonzept des Dichters Werk, welches dann nachher erstrahlt. Werkstattcharakter soll suggeriert werden. Begriffe wie Arbeitsheft oder Kladde fallen einem ein. Und man mag an die feinziselierten Handke-Journale denken (Goetz liest am Anfang Am Felsfenster morgens) und dessen Vorbereitungen, Reflexionen, Selbstbefragungen und lese dann dieses hier. Ich komme noch zu Goetz Haltung zu Handke, möchte jedoch hier vorweg schicken, dass exakt diese Haltung von ihm zwar intendiert, mitgedacht sein mag, letztlich jedoch scheitern muss, da er zu klaren, eindeutigen oder poetisch-reflexiven Äusserungen (also dem strukturierten oder dem poetischen) nicht nur nicht fähig ist, sondern dies im tiefsten Grunde seiner Seele ablehnt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was dann? Und warum für Alle? Ist damit nicht bereits redundant das Thema vom Abfall genannt? Insinuiert dieser Titel nicht, dass hier letztlich nur das Banale, Alltägliche zu finden ist, das Gute, Elitäre jedoch woanders?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei aller Oberflächlichkeit, die Goetz im Laufe dieses Projektes zusehends an den Tag legt, ein gewisses Sprachgefühl darf ihm keinesfalls abgesprochen werden. Daher ist diese Frage nicht beckmesserisch, sondern trifft den Kern dieses Werkes: Es ist um nichts mehr als die Ausweg- und Konzeptionslosigkeit eines Autors, der zwar eine Unmenge Ideen hat, aus verschiedentlichen Gründen jedoch diese Loseblattsammlung unausgereifter und teils unausgegorener Gedanken benötigt, um wieder Fuss zu fassen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goetz, der fast manische Leser von Büchern und Zeitungen, trägt dabei eine Spur zu heftig auf (&lt;i&gt;...ersticke / im Wahnsinn meiner Papiere / schönes Gefühl&lt;/i&gt;). Obwohl er sich stets auch zurücknimmt, die Oberflächlichkeit seiner Lektüren und diese dann doch meist fruchtlosen Verzettelungen artikuliert, erscheint ganz viel verborgener Wunsch nach breiter Akzeptanz in seinem Handeln zu stecken. Dadurch erscheint Goetz so krasse Ablehnung von Schriftstel-lern wie Handke oder Botho Strauss (oder Marlene Streeruwitz, Sybille Berg, Elfriede Jelinek, etc.) als in Wahrheit heimliche Bewunderung, die sich in diesen Hassreaktionen reziprok protokolliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Beispiel Handkes ist dies am stärksten nachzuvollziehen. Einerseits spricht er vom Handke-Defizit, da dieser &lt;i&gt;kein richtiges Ohr hat, für Sprache, oder er hat es verkümmern lassen, es ist so langsam verkümmert, beim dauernden Lobpreis des Stummen. Daher kommt das Menschenleere bei ihm, das tendentiell Autistische.&lt;/i&gt; Oder Goetz wird genau - oder sagen wir besser pseudo-genau -, in dem er Handkes Prosa unterstellt, dass sie &lt;i&gt;auch wieder genau so schlecht und wenig BEOBACHTET ist, wie Handkes Angst des Tormanns beim Elfmeter, die ja bekanntlich der Schütze hat, nicht der Tormann, der nur gewinnen kann, beim Elfer.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goetz Pathologisierung bzw. Pychologisierung von Handke soll nicht weiter kommentiert werden. Sein Nichtverstehen der Intention beispielsweise beim Tormann ist jedoch bezeichnend: Natürlich ist Handke das Faktum bewusst, dass der Tormann bei einem Elfmeter stets derjenige ist, der nichts zu verlieren hat, sondern alle Last dem Schützen obliegt. Bei einem Elfmeterschiessen wird niemals der Torhüter hinhalten müssen, es verloren zu haben, sondern stets der oder die Spieler, die als Schützen nicht getroffen haben. Dies ist jedoch Fussballreporterweisheit! Handke erzählt ja im Tormann von einem (psychisch) gestörten (schizophrenen) Mann, der just diese Weisheit umkehrt, d. h. als Tormann eine Angst vor dem Elfmeter entwickelt. Gerade diese Umkehrung der rational-gängigen Perspektive ist die Folie, auf der sich Handkes Erzählung abspielt bzw. die Wahrnehmung des Protagonisten Josef Bloch. Und um es an einem Notat von Handke zu verdeutlichen: Es wird stets gesagt, ein Glas steht auf dem Tisch. Niemals bzw. selten heisst es, dass unter dem Tisch ein Glas stehe.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehrere solcher Handke-Verrisse gehen nun parallel mit einer andererseits durchschwingenden Bewunderung für Handke. So benutzt er oft Bilder von ihm (meistens aus seinen Journalen), etwa das Bild der vom Tag abgespeicherten Wärme in einem Briefmarkenautomat bzw. dessen Ausgabeschlitz am Abend (Goetz modifiziert es ein wenig) oder aber wenn er davon spricht, wie lästig es ihm ist, im Zeitschriftenladen als eine Art Stammkunde behandelt zu werden (&lt;i&gt;...fühle mich von der Intimität dieser Ritualisierung belästigt und suche mir einen neuen Laden&lt;/i&gt; - bei Handke heisst es: Ich will nicht als Stammgast behandelt werden, nie und nirgends ). Oder er verfällt selber in eine Art Handke-Stil, etwa wenn er über einen von ihm geschriebenen Satz rückblickend räsonniert: &lt;i&gt;...Dass man duch die Türe aus dem Haus geht, dass ich das mal geschrieben habe, dass es einen Punkt gab, wo eine solche Sache schriftlich so sagbar war und sich so zuversichtlich angehört hat: das hat mich in diesen schwierigen Zeiten unglaublich beruhigt und ermutigt.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Ambivalenz (hier zu Handke; über andere Schriftsteller liesse ich ähnliches herausarbeiten) macht natürlich ein Stück weit dieses Buch auch wieder aufregend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goetz erscheint wie ein Berserker, der alles gleichzeitig möchte und nichts durchhält. Seine Praxis-Ausführungen (Lesungen zur Poetik) sind mehr als zerfahren, also im Mainstream der Nicht-so-genau-Gesellschaft. Die Rückschlüsse auf seine Luhmann-Lektüre bleiben gut verborgen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo er brillant ist, sind präzise und treffende Momentbeschreibungen, die dann durchaus als poetisch gelten können, beispielsweise dann, wenn er sich selbst beschreibt beim Überprüfen des Staubsaugerbeutels (soll er ihn austauschen oder noch nicht?) oder im Bemerken des Vorgehens der Kinder und Jugendlichen kurz vor Silvester, als diese Knallkörper leiden-schaftslos und gleichgültig zünden lassen. Erhellend auch Ausführungen wie &lt;i&gt;Das Fernsehen kann keine Räume zeigen. Kann überhaupt nicht zeigen: Grösse, Ausdehnung, die in Räumen zwischen Menschen verlaufenden Kraftlinien, die von den Körpern ausgehen, das Soziale also in Räumen: es bleibt dem Fernsehen verborgen.&lt;/i&gt; Und der prinzipiell richtige Schluss: &lt;i&gt;Deshalb kann es keine Theaterstücke zeigen, und kein normaler Mensch hält eine noch so wunderbare Inszenierung im Fernsehen wirklich aus, geschweige denn, dass man da verstehen könnte, was theatral gemeint ist, dass man das nebenbei geniessen könnte.&lt;/i&gt; Abgesehen von dem Absolutheitsanspruch und der übertriebenen Negation der Möglichkeiten des Fernsehen, definiert Goetz etwas später die Vorteile dieses Mediums: &lt;i&gt;Das Fernsehen ist die Lupe der Nahsicht. Das Medium ganz und gar des menschlichen Gesichts - des LEBENS der Geschichte, die sich darin spiegelt, im Moment des Reden und Erzählens, in diesem Gesicht.&lt;/i&gt;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vollkommen einverstanden, nur: warum schwadroniert er ständig über-den-Klee-lobend über die Harald-Schmidt-Show (die exakt das Gegenteil von Goetz Nahsichttheorie ist) und ver-teufelt beispielsweise Willemsens Interview-Sendung, die dies versucht hat? Und dann: was soll man mit Aussagen wie der folgenden anfangen: &lt;i&gt;Plötzlich kams mir: dass das FIKTIVE natürlich der Ort des PRIVATEN ist. Da ist es dann sozial gehalten und gefasst. Und dass das Nichtfiktive, das sozusagen AUTHENTISCHE fürs ALLGEMEINE zuständig wäre.&lt;/i&gt; Wer hilft? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie soll man einen Autor einstufen, der ernsthaft postuliert: &lt;i&gt;Es geht nicht um das, was man sagt, sondern darum, was man meint.&lt;/i&gt;? Gewiss nicht als seriös, denn das eine bedingt schliesslich das andere, und auf die Literatur bezogen kann es gar nicht stimmen, da ansonsten Piktogramme, Comics, Goethe und Philosophie auf einer Stufe zu stellen sind bzw. deren alleiniges Kriterium das der allgemeinen Verständlichkeit bekommt und gleichzeitig eine eindimensionale Botschaft des Mediums insinuiert wird. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch: würde Goetz nicht mit seinem Hass so kokett spielen - sinngemäss behauptet er mehrfach, er sei voller Hass (dabei ist dies ein domistizierter, zivilisierter, ja saturierter Hass ohne jegliche Empathie) -  und seine Notate von trivialen Verrenkungen (und Eitelkeiten) freihalten, so wäre der Abfall zwar nur rund 200 Seiten stark, hätte aber eine tatsächlich verdichtende Wirkung, also das, was eigentlich mit Literatur angerichtet werden soll. (Auf die Wer sagt das?-Frage ginge sehr leicht die Antwort, dass Literatur niemals nur Aufgeschriebenes sein kann, sondern stets eine Künstlichkeit beansprucht, beanspruchen muss, die sie aus der blossen Niederschrift erhöht.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Offenheit, mit der hier vom Abfall die Rede ist wird irgendwann vom Leser wieder auf den Verfasser zurückgeworfen. Die Frage hierzu lautet Warum? bzw. Aus welchem Grund muss ich das lesen? Goetz schriftstellerisches Können ist eigentlich unbestritten, so dass man sich fragen muss, warum ein Autor sich auf dieses Niveau hinablässt, auch sprachlich (in einen Szene-Jargon verfällt, der Authentizität und Kompetenz vortäuschen soll, letztlich jedoch nur Sprachlosigkeit bebildert). Um ein paar schöne Formulierungen und interessante Denkanstösse zu bekommen ist letztlich der Gesamtaufwand des Lesens dieses Buches zu gross. Goetz ist nun mal nicht Thomas Mann - und auch dort frage ich, ob man wissen muss, ob am 15. April 1951 das Frühstücksei gelungen war. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein separates Kapitel, ob die künstliche Bedeutungsaufladung von Tagebücher prominenter Zeitgenossen bis ins Detail des Stuhlgangs hin zweckmässig ist und für das Verständnis des Werkes relevant. Mindestens sind die Personen in der Regel tot oder es gibt den zeitlichen Abstand, der dem Leser die Möglichkeit gibt, einen umfassenden Bogen vom Damals zum Jetzt zu schlagen. Goetz wollte Gleichzeitigkeit, unmittelbare Nähe und sofortige Reaktion. Das Konzept muss scheitern, weil es keine Dichtung geworden ist, sondern Sammlung; Sammlung von Beliebigem und Wichtigen - ohne Unterschied, ohne Priorität, alles ist gleich wichtig oder gleich belanglos. Das ist nicht mit meinem Verständnis von Literatur vereinbar und oftmals unsäglich langweilig. Dennoch sehe ich dahinter den Suchenden, Forschenden und Verehrenden, auch wenn er es selber (noch) nicht wahrhaben möchte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;&lt;sub&gt;geschrieben im April 2000; leicht überarbeitet&lt;/sub&gt;&lt;/i&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Kritik&quot;&gt;Kritik&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-03-18T18:32:43Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1674360/">
    <title>Harry G. Frankfurt: &quot;Bullshit&quot;</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1674360/</link>
    <description>Aufmerksam geworden durch &lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/2006/09/L-Frankfurt-Interv_?page=all&quot;&gt;dieses Interview &lt;/a&gt;und eine entsprechende Werbung, die versprach, dass dieses Buch mein Leben verändern wird, griff ich zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;160&quot; alt=&quot;bullshit&quot; width=&quot;108&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/bullshit.jpg&quot; /&gt; Das Buch ist kurz; in vielerlei Hinsicht. Es hat 73 Seiten, das Format ist sehr handlich (10,5 cm x 15,5 cm); immerhin harter Einband. Zweimal Strassenbahn gefahren  und man hat es durch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem: Erstaunlich, wie viel Redundanz in einem so dünnen Buch stecken kann. Dabei gibt es noch nicht einmal eine ausgearbeitete Theorie über das Sujet. Und der mit einiger Wonne immer wieder zitierte Begriff des Bullshit bleibt auch nach der Lektüre eine Phrase  eben Bullshit. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;Harry G. Frankfurt&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Harry G. Frankfurt&quot; width=&quot;320&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/ds031405frankfurt.jpg&quot; /&gt; Immerhin versucht Frankfurt seinen Begriff gegenüber den bisher gebräuchlichen (beispielsweise des Humbugs) abzugrenzen. Und im Gegensatz zum Lügner stellt er fest:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Das einzige unverzichtbare und unverwechselbare Merkmal des Bullshitters ist, dass er in einer bestimmten Weise falsch darstellt, worauf er aus ist. [...] ...der Lügner verbirgt vor uns, dass er versucht, uns von einer korrekten Wahrnehmung der Wirklichkeit abzubringen. [...] Der Bullshitter hingegen verbirgt vor uns, dass der Wahrheitswert seiner Behauptung keine besondere Rolle für ihn spielt. Wir sollen nicht erkennen, dass er weder die Wahrheit sagen noch die Wahrheit verbergen will.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider ist das für mich wenig überzeugend, da ja auch der Lügner seine Lüge verbirgt. Er und der Bullshitter verbergen beide, dass sie nicht die Wahrheit sagen, denn sonst würde ihre Intention ja auffliegen. Der einzige Unterschied könnte darin bestehen, dass der Lügner die Wahrheit kennt, während der Bullshitter inzwischen selbst Gefangener seiner eigenen Lügengespinste geworden ist. Es könnte aber auch sein, dass der Bullshitter ein selektierender ist, der nur Teilaspekte der Wahrheit herausstellt und als alleinige Wahrheit verkauft. Dies bleibt leider im Diffusen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Interessant übrigens die Gründe, die Frankfurt angibt, warum Bullshit produziert wird: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Bullshit ist immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen. [...] Die gegenwärtige Verbreitung von Bullshit hat ihre tieferen Ursachen auch in diversen Formen eines Skeptizismus, der uns die Möglichkeiten eines zuverlässigen Zugangs zur objektiven Realität abspricht und behauptet, wir könnten letztlich gar nicht erkennen, wie die Dinge wirklich sind. Diese antirealistischen Doktrinen untergraben unser Vertrauen in den Wert unvoreingenommener Bemühungen um die Klärung der Frage, was wahr und was falsch ist, und sogar unser Vertrauen in das Konzept einer objektiven Forschung.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie fast all seine Behauptungen werden diese in leichten Variationen noch ein- oder zweimal umformuliert  und dann ist auch schon das Buch zu Ende. So einfach ist das manchmal.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Erfolg, den dieses Buch hat (haben soll?), ist mir unerklärlich. Zwar wird mit Bullshit eine griffige Vokabel für das Täuschen, Auslassen und Zurechtbiegen von Wahrheiten oder das pseudo-wichtigtuerische  Geschwätz innerhalb und ausserhalb der Medien benannt, die sich freundlicher anhört als Lüge und deftiger als das harmlose Unwahrheit sagen, aber die Ausbeute ist mir zu gering; viel zu gering. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn man böse ist, könnte man sagen, Frankfurt produziere selber Bullshit mit seinem Bullshit-Gerede. Und im übrigen halte ich es lieber mit einem schönen deutschen Wort: Stuss (und derjenige, der &quot;Stuss&quot; erzählt, ist ein &quot;Quatschkopf&quot;). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;sub&gt;Eine &lt;a href=&quot;http://www.suhrkamp.de/titel/titel.cfm?bestellnr=58450&amp;get=leseprobe&quot;&gt;Leseprobe findet man hier &lt;/a&gt; wobei diese Ausschnitte schon insgesamt 6 Seiten des Buches ausmachen. Das in meiner Rezension verwendete Zitat ist dort im ganzen Kontext zu sehen  inklusive der von mir monierten Redundanzen. Aber bitte nicht glauben, ich neide diesem Mann den Erfolg. Bullshit.&lt;/sub&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Kritik&quot;&gt;Kritik&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-03-09T12:17:32Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1517571/">
    <title>Auge um Auge, Zahn um Zahn  &quot;SPIEGEL TV Special&quot; zu München 1972 und...</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1517571/</link>
    <description>Es ist wohl etwas anderes, wenn sich ein Regisseur wie Steven Spielberg mit der Thematik des Olympia-Attentats 1972 beschäftigt. Plötzlich ist, in zeitlicher Nähe zum Start seines Filmes München, das Thema (medial) in aller Munde. Parallel hierzu rückt natürlich auch der überraschende Wahlsieg der Hamas in den palästinensischen Gebieten, der Konflikt um das iranische Atomprogramm und die Hysterie (auf beiden Seiten) um unsägliche Mohammed-Karikaturen den Nahen Osten bzw. die muslimische Welt in den Fokus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bericht von SPIEGEL TV (auf VOX gestern ab 21.55 Uhr) folgte dem bekannten Muster: Ausschnitte aus (fiktionalen) Darstellungen (als solche gekennzeichnet), dokumentarischen Filmen oder Fotografien und Befragungen von Protagonisten  dies alles gekoppelt mit nachgestellten Szenen sollten das Racheprojekt der israelischen Regierung nach dem Anschlag 1972 aufzeigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben drei Mossad-Agenten, die in teilweise führenden Positionen Mordaktionen (sie sprechen selber von Hinrichtungen) durchgeführt haben, kommt auch der allgemein als Hauptverantwortliche eingeschätzte Abu Daud zu Wort. Fiktional werden sowohl Ausschnitte aus München als auch aus den Filmen Ein Tag im September und Die 21 Stunden von München gezeigt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Film zeigt deutlich, dass Aktionen wie diese sinnlos sind, da sie die Spirale der Gewalt ins Endlose treiben. Denn sowohl die ehemaligen Mossad-Leute als auch Abu Daud  beide sind von der Legitimation ihrer Vorgehensweise bis zum heutigen Tag überzeugt. In der rein deskreptiven Art werden jedoch die Beweggründe für den Anschlag der Gruppe nur sehr am Rande erwähnt bzw. gar nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wird die israelische Aktion zwar als Rache dargestellt, aber in den Schilderungen der Mossad-Leute schwingt immer noch eine Portion Stolz mit ob der gelungenen Operation (gelungen = Exekution der Zielperson; bei Fehlern  etwa dem getöteten Araber in Lillehammer  wird als der gravierendere Fehler herausgestellt, dass sich die Mossad-Agenten haben von der Polizei verhaften lassen). Dies wird vom Film nicht befragt  im Gegenteil: durch die Bild- und Schnittfolge der getöteten Israelis entsteht beim Zuseher eine Art dumpfe Befriedigung (auch bei mir, der als Kind dieses Geschehen mitbekommen und atemlos verfolgt hat).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abu Daud erzählt in dem Film von der Demütigung, dass man palästinensische Sportler zu den Spielen nicht zugelassen habe (was sicherlich nicht der entscheidende Grund war). Man traf sich einige Wochen vorher in Rom und fasste den Plan. Unbekümmert sprach er auch davon, einer grossen Weltöffentlichkeit die palästinensischen Problematik nahezubringen  sie hierfür zu sensibilisieren. Bisher hatten die Organisationen unter dem Dach des Schwarzen September seit ungefähr 1968 ausschliesslich auf israelischem oder arabischen Gebiet Flugzeugentführungen oder Anschläge vorgenommen. Ausser als Randnotiz fanden diese Aktionen wenig Beachtung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich brachte der Anschlag die palästinensische Sache brachial in die Weltöffentlichkeit. Freilich war der Preis sehr hoch und die Sache in der westlichen Öffentlichkeit eher diskreditiert. Zwei Israelis wurden direkt am Anfang der Aktion ermordet. Und durch die vollkommene Überforderung der deutschen Polizei (es gab keine Eingreiftruppen  diese wurde aufgrund der 1972 gemachten Erfahrungen danach erst gegründet und trug 1977 als GSG 9 zur Geiselbefreiung von Mogadischu bei) und der Hilflosigkeit der Behörden und Regierung (israelische Hilfe wurde von der Regierung Brandt abgelehnt) wurden die restlichen neun israelischen Geiseln in Fürstenfeldbruck von den Terroristen ermordet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ermordung eines Cousins von Arafat einige Monate nach dem Anschlag sorgt für eine Steigerung der Eskalation. Als unmittelbar danach ein Flugzeug entführt wird, erfüllt die deutsche Regierung (ohne Konsultation Israels  dies nimmt man [m. E. mit Recht] heute noch übel) die Forderung und lässt die drei überlebenden Terroristen frei, die daraufhin nach Libyen ausgeflogen und dort wie Helden empfangen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen war längst von seiten des israelischen Regierung die Racheaktion (Zorn Gottes) aufgenommen worden  wie es heisst direkt im Auftrag von Golda Meir. Das staatliche Recht auf Rache wurde als legitim angesehen. Man tötete diverse palästinensische Aktivisten und auch Intellektuelle, die  das erstaunt am meisten  grösstenteils nichts mit dem Anschlag auf München zu tun haben. Ein Anschlag auf Abu Daud schlug fehl, er überlebte und tauchte  unterstützt durch die Staatsicherheit  in der DDR unter. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Film stellt die Frage der moralischen Legitimation von Rache ganz am Schluss, um sie mit den Verbrechen, die an den Juden durch Deutsche begangen wurden, in einen Kontext zu setzen. Denn im Gegensatz den Angaben in meiner Programmzeitschrift, folgte sofort im Anschluss ein zweiter Bericht mit dem Titel Die Nazi-Rächer, der Rache und Vergeltung jüdischer Aktivisten ab Mai 1945 (bis ungefähr 1946) thematisierte  eine mehr als merkwürdige Überleitung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So überrascht über den abrupten Wechsel der Thematik blieb der Zuschauer zurück. Mit keinem Wort wurden die möglichen Motive der Palästinenser auch nur erwähnt. Mit keinem Wort wurde erwähnt, warum die Organisation &lt;a href=&quot;http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege/108_jordanien.htm&quot;&gt;Schwarzer September&lt;/a&gt; hiess, und was sich damals abgespielt hat. Das kann natürlich keinesfalls zur Rechtfertigung dienen  hätte jedoch eindringlich zeigen können, wie sinnlos es ist, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten. Somit würde sich die Frage der moralischen Legitimation der Vorgehensweise Israels gar nicht erst stellen: Selbst wenn es legitim oder gar rechtens wäre  es müsste unterbleiben, um nicht ständig neuen Anlass zu geben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn am Schluss beschwor &lt;a href=&quot;http://www.olympia72.de/050972c.htm&quot;&gt;Abu Daud&lt;/a&gt;, der ganz sicher ein übler Verbrecher ist, den Kampf seiner Enkel, der Hamas und des ganzen palästinensischen Volkes gegen Israel  so lange ihr Land noch besetzt wäre.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
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