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    <title>Begleitschreiben (&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl)) : Rubrik:Essay</title>
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    <description>&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl)</description>
    <dc:publisher>Gregor Keuschnig</dc:publisher>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:date>2008-05-18T17:39:14Z</dc:date>
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    <title>Begleitschreiben</title>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4128302/">
    <title>Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft</title>
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    <description>&lt;img title=&quot;Ulrich Beck  Weltrisikogesellschaft&quot; height=&quot;280&quot; alt=&quot;Ulrich Beck  Weltrisikogesellschaft&quot; width=&quot;169&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Ulrich-Beck-Weltrisikogesellschaft.jpg&quot; /&gt;Im Gegensatz zu den klassischen Menschheitskatastrophen der Vergangenheit (Naturkatastrophen; Seuchen) stehen heute als &lt;i&gt;Resultate bewusster Entscheidungen&lt;/i&gt; die Risiken, die von industriellen Grosstechniken ausgehen. &lt;i&gt;Sie brechen nicht schicksalhaft über uns herein, sie sind vielmehr von uns selbst geschaffenhervorgegangen aus der Verbindung von technischem Nutzen und ökonomischen Nutzenkalkül&lt;/i&gt;. Diese Risiken, die nicht an den Grenzen von menschlich geschaffenen, also künstlichen Nationalstaaten Halt machen, sondern globale Auswirkungen haben können, untersucht Ulrich Beck in seinem Buch über die &lt;i&gt;Weltrisikogesellschaft&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beck lässt keinen Zweifel: &lt;i&gt;Die moderne Gesellschaft krankt nicht an ihren Niederlagen, sondern an ihren Siegen.&lt;/i&gt; Die Probleme der von ihm sukzessive entwickelten Weltrisikogesellschaft sind demzufolge nicht Produkte fehlerhaften Handelns, sondern immanent im Handeln in modernen Gesellschaften angelegt. Die Lösung der Probleme der Welt hat wieder neue Probleme geschaffen. Diese Probleme nennt er Risiko: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Risiko ist nicht &lt;tt&gt;gleichbedeutend&lt;/tt&gt; mit Katastrophe. Risiko bedeutet die &lt;tt&gt;Antizipation&lt;/tt&gt; der Katastrophe. Risiken handeln von der Möglichkeit künftiger Ereignisse und Entwicklungen, sie vergegenwärtigen einen Weltzustand, den es (noch) nicht gibt. Während die Katastrophe räumlich, zeitlich und sozial bestimmt ist, kennt die Antizipation der Katastrophe keine raum-zeitliche oder soziale Konkretion. [] In dem Augenblick, in dem Risiken Realität werden  wenn ein Atomkraftwerk explodiert, ein terroristischer Angriff stattfindet  verwandeln sie sich in Katastrophen. Risiken sind immer &lt;tt&gt;zukünftige&lt;/tt&gt; Ereignisse, die uns &lt;tt&gt;möglicherweise&lt;/tt&gt; bevorstehen, uns &lt;tt&gt;bedrohen&lt;/tt&gt;. Aber da diese ständige Bedrohung unsere Erwartungen bestimmt, unsere Köpfe besetzt und unser Handeln leitet, wird sie zu einer politischen Kraft, die die Welt verändert.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Worum es Beck in diesem Buch geht, sind die nicht mehr durch Versicherungen dauerhaft und vollständig absicherbaren Akte mit umfassenden, globalen Folgen. Seine Diagnose: &lt;i&gt;Das Weltrisiko ist die &lt;tt&gt;Realitätsinszenierung&lt;/tt&gt; des Weltrisikos. [] &quot;Inzenierung&quot; meint dabei nicht, wie in der Umgangssprache, die bewusste Verfälschung der Wirklichkeit durch das Aufbauschen &quot;irrealer&quot; Risiken. Die Unterscheidung zwischen Risiko als antizipierter Katastrophe und der tatsächlichen Katastrophe &lt;tt&gt;erzwingt&lt;/tt&gt; vielmehr eine Beschäftigung mit der Rolle der Inszenierung.&lt;/i&gt; Inszenierung steht also für &lt;i&gt;Vergegenwärtigung&lt;/i&gt; des &lt;i&gt;Weltrisikos&lt;/i&gt;, mit dem (hehren) Ziel, die Katastrophe abzuwenden, &lt;i&gt;indem auf gegenwärtige Entscheidungen Einfluss genommen wird.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
In seiner Typologie globaler Risiken liegt der Keim für ein Problem in diesem Buch. Beck unterscheidet drei &lt;i&gt;&quot;Logiken&quot;&lt;/i&gt; globaler Risiken: &lt;i&gt;ökologische Krisen, globale Finanzkrisen und terroristische Gefahren&lt;/i&gt;. Zwar weist er auf die Differenz zwischen ökologischen und ökonomischen Gefahren einerseits und terroristischen Bedrohungen andererseits hin (&lt;i&gt;bei letzterer wird der &lt;tt&gt;Zufall durch Absicht&lt;/tt&gt; ersetzt&lt;/i&gt;). Im weiteren Verlauf gelingt es ihm jedoch nicht, die grundlegende Differenz herauszuarbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während ökologische und ökonomische Risiken (Beck befasst sich später fast ausschliesslich mit den ökologischen Gefahren und führt hierzu beispielhaft die Gefahren durch Atomkraftwerke und die Klimaerwärmung an) prozessual mit quasi naturwissenschaftlichen Parametern &quot;funktionieren&quot;, also hier die &lt;i&gt;kulturelle Wahrnehmung des Risikos verschwimmt&lt;/i&gt;, ist das bei terroristischen Risiken keineswegs der Fall. Es handelt sich stattdessen eher um Auswüchse direkter Kulturkonflikte. Die parallele Abhandlung ist also höchst schwierig, da das Risiko einer Explosion eines Atomkraftwerks global vermutlich gleich gewichtet wird, während ein Terroranschlag durchaus kulturell anders bewertet werden kann (abgesehen von der Dimension, die beispielsweise ein radioaktiver Unfall für die Menschheit haben kann  und dagegen ein Terroranschlag mit &quot;vergleichsweise&quot; lokaler Auswirkung). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;Ulrich Beck&quot; height=&quot;187&quot; alt=&quot;Ulrich Beck&quot; width=&quot;185&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Ulrich-Beck.jpg&quot; /&gt;Dennoch ist es ein Gewinn, Ulrich Becks Diagnose der augenblicklichen Lage zu lesen. Sichtbar seine Lust an provokanten Thesen, die (scheinbar) die gängige Rezeption vom Kopf auf die Füsse stellen. Erhellend sind seine Ausführungen zu den terroristischen Risiken:   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Die Globalisierung der Terrorgefahr äussert sich  zunächst als Globalisierung der&lt;tt&gt;Erwartung&lt;/tt&gt; möglicher Terrorattentate an fast jedem Punkt der Erde zu jeder beliebigen Zeit. Es ist diese Erwartung, die tiefgreifende Konsequenzen für das Recht, das Militär, die Freiheit, den Alltag der Menschen, die Stabilität der politischen Ordnung überall auf der Welt hat, denn sie zersetzt die Sicherheitsgarantien der nationalstaatlichen Basisinstitutionen. &lt;br /&gt;
[]&lt;br /&gt;
Den terroristisch intendierten Katastrophen ist kein in Zeit und Raum lokalisierbarer Akteur und kein klassisches, eindeutiges militärisches Potential zuzuordnen. [] Den Terrortaten fehlt, was für klassische Feinde selbstverständlich ist, die militärische Berechenbarkeit. Der Selbstmordattentäter geht kein Risiko ein, denn seine Aktion ist todsicher. Abschreckung schreckt ihn nicht. Indem er stirbt, macht er sich unbesiegbar. Die Steigerung der Entschlossenheit: Selbstmord als Mittel des Massenmordes und damit der Inszenierung und Globalisierung von deren Erwartung verleiht dem Ohnmächtigen Macht, ja sogar für einen Moment Übermacht gegenüber der grössten Militärmacht der Geschichte. Obwohl militärisch eindeutig unterlegen, kann der Attentäter kurzzeitig ein Gleichgewicht des Schreckens herstellen&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beck ist allerdings weit entfernt, der Hysterie das Wort zu reden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Die Fernsehbilder der aus heiterem Himmel in eine riesige Staubwolke zerfallenden Zwillings-Kathedralen des globalen Kapitalismus faszinierten aufgrund ihrer traumatischen Obszönität: Der Unverwundbarkeitsglaube der grössten Militärmacht der Welt wurde live hingerichtet. [] Diese material-symbolischen Explosionen bewirkten etwas räumlich und zeitlich von ihnen Abgelöstes: die &lt;tt&gt;Erwartung&lt;/tt&gt; des Terrorismus. Und weil Medium und Ziel der Inszenierung die Erwartung ist, verwischt die Grenze zwischen berechtigter Sorge und Hysterie. [] Die Pointe von solchem Terror besteht darin, &lt;tt&gt;das Selbstvertrauen der Moderne durch die symbolisch mobilisierende und (de-)konstruierende globale Antizipation des terroristischen Angriffs zu töten&lt;/tt&gt; - worin er ziemlich erfolgreich ist.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vehement greift Beck die hysterischen Beschützer des Westens an, die ihre falsche Dichotomie (Freiheit vs. Sicherheit) aufmachen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Es ist nicht die terroristische Tat, sondern es sind die globalen Inszenierung der Tat und die auf die Inszenierung folgenden politischen Antizipationen, Aktionen und Reaktionen, die die westlichen Institutionen der Freiheit und Demokratie zerstören. Die auf vielen Ebenen spürbaren Einschränkungen der Freiheitsrechte [] sind nicht einfach Folgen tatsächlicher Katastrophen, zum Beispiel terroristischer Gewaltakte. Sie sind ein Produkt aus solchen Erfahrungen &lt;tt&gt;und deren globalisierter Antizipation&lt;/tt&gt;, sprich dem Versuch, das künftige Eintreten solcher Ereignisse an jedem Ort dieser Welt zu verhindern. Bin Laden und seine Netzwerke gewinnen weltpolitische Bedeutung erst dann, wenn eine ganze Reihe weiterer Bedingungen vorliegen, die ihnen zu weltpolitischer Resonanz und Präsenz verhelfen.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Gefahr des Terrorismus als globales, jederzeit mögliches Risiko in den Köpfen der Menschen präsent ist  und das geschieht durch die Medien  dann haben die Terroristen schon reüssiert. Beck streicht die &lt;i&gt;unfreiwillige Komplizenschaft&lt;/i&gt; der &quot;Krieger gegen den Terror&quot; gegenüber den Terroristen heraus. Erst dieses inszenierte Risiko verhilft den Terroristen zur Bedeutung, ja, zu Macht. Der eigentliche Anschlag ist (fast) gar nicht mehr notwendig; es reicht die pure Möglichkeit. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Terrorismus, der &lt;i&gt;vom Hass auf die westliche Moderne&lt;/i&gt; durchsetzt ist (aufgrund der &lt;i&gt;Siege&lt;/i&gt; der Moderne [hier nicht ganz unähnlich der &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/2187584/&quot;&gt;Argumentation Enzensbergers&lt;/a&gt;]), erzeugt bei den politisch Agierenden eine &lt;i&gt;Priorität der Prävention&lt;/i&gt;. Hierdurch wird aber &lt;i&gt;durch die Antizipation des Terrors die ganze Gesellschaft in den &lt;tt&gt;Zustand des Konjunktivs&lt;/tt&gt; versetzt&lt;/i&gt;. Beck warnt auch hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Folgen dieser Präventionskultur (&quot;racial profiling&quot;): &lt;i&gt;Die Antizipation intendierter Katastrophen löst Wellen einer verschärften Zuschreibung aus&lt;/i&gt; mit der Folge von &lt;i&gt;Aufschaukelungseffekten&lt;/i&gt;, die dann in &lt;i&gt;Selbststigmatisierungen&lt;/i&gt; münden, die wiederum &lt;i&gt;das Vorurteil der Islamophoben&lt;/i&gt; hervorbringt: &lt;i&gt;immer mehr Kopftücher, immer mehr äusserliche Zeichen des Andersseins. Man grenzt sich selbst aus. [] Weil wir anders sind, können uns die Anderen nicht verstehen&lt;/i&gt;. Die Folgen sind fatal, denn &lt;i&gt;die Ideologie des Widerstands gegen die &quot;Globalisierung&quot;, der politische Islamismus,&lt;/i&gt; gewinnt an Attraktivität. Und mit ihm dann der &quot;einheimische&quot; Nationalismus (den Beck übrigens nicht ausschliesslich rechts verortet, sondern , in anderem Zusammenhang, durchaus auch im linken Protektionismusdenken heftig bekämpft).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beck wird, wenn es um die Lösung des Terrorismusproblems geht, für seine Verhältnisse konkret: &lt;i&gt;Werden Aufstand der Terroristen im Zentrum des Zentrums zu einem reinen Sicherheitsproblem verkürzt, spielt den Terroristen in die Hände.&lt;/i&gt; Für ihn liegt der Zulauf der Terroristen vor allem in der Dritten Welt in &lt;i&gt;der eindimensionalen Globalisierung der Gerechtigkeitsfrage&lt;/i&gt; begründet. Der Westen tabuisiere und sabotiere die Lösung dieser Frage und daher finde &lt;i&gt;in der radikal ungleichen Welt der Terrorismus in den Augen der von der westlichen Moderne Überrollten und an die Wand Gedrückten als letzte Ideologie des Widerstandes Gehör und oft eben auch verschwiegene Zustimmung. [] Der Westen steht in den Augen der arabischen Öffentlichkeit oft für kulturelle Dekadenz und ökonomischen Imperialismus, dessen fragile Arroganz man mit der Antimoderne des politischen Islamismus beantworten muss.&lt;/i&gt;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese These, den Betrachtungen beispielsweise von Ted Honderich (&quot;Nach dem Terror&quot;) nicht fern, lässt allerdings ausser Acht, dass es gerade nicht die an die Wand Gedrückten waren, die die Terroranschläge verübten und auch ein gesellschaftlich-ökonomischer Kontext so gut wie gar nicht in den &quot;Erklärungen&quot; der Bekennerschreiben und -videos angeführt wird. Der Deutung, die Twin-Towers seien auch als ein Symbol des Kapitalismus angegriffen worden, widerspricht dies nicht, solange es nicht monokausal behauptet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1771325/&quot;&gt;Al-Qaidas Intention ist nicht&lt;/a&gt;, eine neue Weltgerechtigkeit zu implementieren (dann hätte man in den Golfstaaten auf der arabischen Halbinsel viel lohnendere und auch nähere &quot;Ziele&quot;), sondern fusst auf Machtphantasien, die religiös verbrämt und unterfüttert werden. Die Ursachen sind in den geopolitischen Konflikten seit den 80er-Jahre zu suchen. Das enthebt natürlich den Westen nicht von der Notwendigkeit, grössere Verteilungsgerechtigkeit in der Welt zuzulassen  und zwar nicht mit geberischer (und damit abermals imperialer) Pose. Die islamisch-wahhabitisch &quot;argumentierenden&quot; Selbstmordterroristen als neue Gerechtigkeitshelden hochzustilisieren, ist im fast wörtlichen Sinne weltfremd; das macht man noch nicht einmal dort, wo dies theoretisch (im Sinne Becks) verfangen könnte  in Afrika.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinsichtlich der ökologischen Risiken überrascht Beck zunächst einmal mit der These, dass wir &lt;i&gt;kein sogenanntes &quot;Umweltproblem&quot; &lt;/i&gt; hätten, sondern &lt;i&gt;eine &lt;tt&gt;tiefgreifende Institutionenkrise der ersten, nationalstaatlichen Phase der Industriemoderne selbst.&lt;/tt&gt;&lt;/i&gt; Ausführlich beschäftigt er sich mit den Risiken der Atomenergie und vor allem der Klimawandel-Diskussion. Das weite Gebiet der Gentechnik und deren ethische Probleme spricht er nicht an. Konkrete Festlegungen werden vermieden. Lange sucht man nach einer Aussage, ob den Thesen der Klimawandel-Experten zu trauen ist oder eher den Beschwichtigern. Aufgrund der weiter unten angesprochenen vehementen Expertenablehnung Becks, überrascht die zögerliche Haltung nicht. Seine Ausführungen über die unterschiedlichen &lt;i&gt;theoretischen und epistemologischen Positionen&lt;/i&gt; der &lt;i&gt;ökologischen Weltrisikogesellschaft&lt;/i&gt; bleiben eher blutleer. Der Versuch, den Leser damit zu überraschen, dass es gar keine Natur mehr gibt, auf die sich der Natursuchende bezieht, misslingt im Dickicht zwischen strengem und weichen (reflexiven) Realismus und weichem und strengen Konstruktivismus. Wortgetüme wie &lt;i&gt;konstuktivistischer Realismus&lt;/i&gt; oder &lt;i&gt;realistischer Konstruktivismus&lt;/i&gt; erhellen nicht unbedingt. Vor soviel Ismen kapituliert irgendwann selbst der geduldigste Leser.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beck knüpft, wie der Leser ausführlich erfährt, mit &lt;i&gt;Weltrisikogesellschaft&lt;/i&gt; an sein Buch von der Risikogesellschaft von 1986 an und erweitert es auf eine global ausgerichtete Schrift über  im wörtlichen Sinn  grenzenlose Risiken. Einzelstaatliche Antworten hält er für unzureichend (&lt;i&gt;Steinzeit-Antworten auf die Fragen des Industriezeitalters&lt;/i&gt;). Heftig greift er die bestehende Soziologie in der Beibehaltung eines mikrokosmischen Blickes an, zeiht sie der &lt;i&gt;selbstverschuldeten Borniertheit&lt;/i&gt; und der &lt;i&gt;historischen Unmündigkeit&lt;/i&gt;. Aber auch die Tatsache, die Risiken als &quot;Nebenfolgen&quot; oder &quot;Restrisiken&quot; sozusagen als unabänderliches Fatum hinzunehmen und nicht als Erfolge der Industrialisierung offen anzunehmen (um mit ihnen dann umzugehen), erregt Becks heiligen Standeszorn. Seine Erregung in der Argumentationsführung ist für den aussenstehenden Leser erstaunlich. Man fragt sich unweigerlich, welche über Jahre angesammelten Konflikte da abgehandelt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch mit der &lt;i&gt;gewöhnlichen Kulturkritik&lt;/i&gt; geht Beck hart ins Gericht; er widmet ein Kapitel der Dekonstruktion des &lt;i&gt;linearen Fortschrittspessimismus&lt;/i&gt;. In den Klägern über den Werteverlust der Moderne macht er den Verlust der &lt;i&gt;eigenen, unreflektierten Weltgewissheiten&lt;/i&gt; aus und stimmt ein Hohelied auf den Individualismus an, den er als Quell neuer basisdemokratischer Strukturen entdeckt. Es gibt für ihn keinen Verfall der Werte, sondern stattdessen einen Wandel. Exemplarisch macht er das an der gesellschaftlichen Behandlung des Themas der Homosexualität deutlich. Vor noch nicht einmal 50 Jahren war dies in den meisten Gesellschaften noch ein Straftatbestand  heute ist Homosexualität in modernen Gesellschaften als sexuelle Orientierung akzeptiert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wandel begrüsst Beck a priori und sieht ihn als Chance. Mit grosser Geste wendet er sich gegen irgendwie geartete restaurative Gesellschaftsentwürfe à la Di Fabio oder Schirrmacher (ohne sie zu nennen) und postuliert in einem allerdings merkwürdig anmutenden Überschwang die Maxime: &lt;i&gt;Der Kulturpessimismus ist historisch widerlegt&lt;/i&gt;. Die Widerlegung behauptet Beck allerdings nur; Belege bringt er dafür nicht. Einverstanden, dass dies nicht Intention dieses Buches ist  aber dann erübrigte sich diese Erwähnung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Becks Begriff des Weltrisikos wird im Verlauf des Buches ausführlich beleuchtet  allerdings bleibt er dabei eher an der Oberfläche; deskriptiv. Nach dem euphorischen Anfangskapitel folgt ein Hinweis. Der &lt;i&gt;gesellschaftstheoretisch&lt;/i&gt; interessierte Leser könne die Lektüre des Kapitel XI nach Kapitel I vorziehen. Ich habe überlegt, ob ich dieser Möglichkeit folgen sollte, habe es dann jedoch verworfen, da ich der (sicherlich altmodischen) Meinung bin, ein Buch sollte chronologisch gelesen werden, zumal Becks Kapitelaufbau eine gewisse Didaktik und Stringenz suggerierte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So fehlt mir die Erfahrung, wie ich mit dem Buch nach der Lektüre von Kapitel I und Kapitel XI verfahren wäre. Ich vermute jedoch: anders.  Ich hätte nämlich gemerkt, dass Beck sich letztlich in den zwischen beiden Kapiteln liegenden 280 Seiten kaum von der Stelle bewegt haben muss. Teilweise lesen sich die Kapitel so, als seien sie für andere Publikationen geschrieben worden und dann irgendwann wieder dem vorliegenden Buch angeklebt. Die Redundanz ist derart gross, dass irgendwann ein Ermüdungs- und Unlusteffekt auftritt, den man, die euphorischen Anfänge noch im Kopf, fast betrauern möchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztlich dreht sich Beck in der Beschreibung seiner Weltrisikogesellschaft und der Notwendigkeit, kosmopolitische Lösungen für die globalen Risiken zu finden, ständig im Kreis. Ermüdend wird das, wenn er diesen &lt;i&gt;kosmopolitischen Blick&lt;/i&gt; noch aufdröselt und zwischen normativem, politischem und &lt;i&gt;methodologischen Kosmopolitismus&lt;/i&gt; unterscheidet, ohne konkrete Abgrenzungen vorzunehmen. Da rächt sich Becks eher erzählender Schreibstil. Ähnliches widerfährt einem bei seiner Behandlung von Moderne, Postmoderne und &lt;i&gt;Mehr-Moderne&lt;/i&gt;. Aber statt Definitionen für seine Begrifflichkeiten vorzunehmen, schwimmt und laviert der Autor in seinem eigenen, sprachverliebten Duktus, der selbst für den geneigten Leser irgendwann unverständlich wird. Und auf Seite 332 summiert er die Weltrisikogesellschaft urplötzlich nicht (mehr) als &lt;i&gt;Gesellschaft globaler Gefahreneinsicht&lt;/i&gt; - man hat also bisher offensichtlich nichts verstanden  und stellt dann auch noch seinen Begriff der &lt;i&gt;Globalität&lt;/i&gt; zur Disposition. War man bisher aus den Ausführungen irgendwie der Meinung, Globalität ergebe sich aus der tatsächlich globalisierten Bedrohungs- bzw. Risikostruktur, also einer Art &quot;Risiko für alle&quot; (als Beispiel wird immer wieder Tschernobyl genannt), so überrascht Beck plötzlich mit der allerdings ziemlich kryptischen Formulierung Globalität müsse &lt;i&gt;als Konflikt um die &lt;tt&gt;Definition&lt;/tt&gt; (und die Definitions&lt;tt&gt;verhältnisse&lt;/tt&gt;!) von Globalität entschlüsselt werden!&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beck erliegt oft  zu oft! - der Versuchung, immer noch eine zusätzliche Meta-Ebene in sein Weltrisikomodell einzubauen. Damit erhellt er jedoch sein Anliegen nicht, sondern verwirrt. Aber viel schlimmer ist, dass er sich mit dieser Wissenschaftlichkeitsflucht um die Kernfrage seiner Weltrisikogesellschaft drückt: Welche Folgen ergeben sich für das so gewünschte (und notwendige) kosmopolitische Handeln? Und: Wie sehen die neuen Institutionen aus (wenn man dem Autor folgt, dass die alten, nationalstaatlichen versagt haben bzw. versagen werden)?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier bleibt es seltsam nebulös. Zwar ist von der &lt;i&gt;Pluralität der Stimmen&lt;/i&gt; im globalen, &lt;i&gt;gleichberechtigten&lt;/i&gt; Risikodiskurs die Rede und vom &lt;i&gt;Recht des Zuhörens&lt;/i&gt;. Und bereits früh negierte Beck das gängige Expertentum mit seiner scheinbar unumgänglichen Vorteile-versus-Nebenfolgen-Antinomie scharf (&lt;i&gt;In Sachen Gefahr ist niemand Experte  auch und gerade die Experten nicht.&lt;/i&gt;) und verwirft die &lt;i&gt;Illusionen der Experten&lt;/i&gt;, zertrümmert ihre &lt;i&gt;Definitionsmacht&lt;/i&gt;, in dem er den Laien durch &lt;i&gt;Zurückgewinnung der eigenen Kompetenz&lt;/i&gt; gegen das &lt;i&gt;allgemeine Experten und Gegenexpertentum&lt;/i&gt; setzt (schliesslich ist er im Katastrophenfall ja mindestens ebenso betroffen; diese nivellierende Wirkung ist für Beck ein Schlüssel für Re-Demokratisierungen) und zweifelt pauschal die Unabhängigkeit von Experten an (mit dem schönen Begriff von &lt;i&gt;Mr. und Mrs. Verflechtung&lt;/i&gt;). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber was wird dagegen gesetzt? Was bedeutet die schroffe Bemerkung &lt;i&gt;Der Technikglaube hat schon lange ausgedient&lt;/i&gt; beispielsweise im Kontext von Risikofolgenabschätzungen bzw. Abstellung von Risiken bezüglich des Klimawandelproblems? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Art &lt;i&gt;kosmopolitische Norm&lt;/i&gt;, in der potentiell betroffene Nichtnationale in die eigene Entscheidungsfindung einzubeziehen sind, ist dem Leser durchaus als erster Ansatz verständlich. (Aber war da nicht Hans Jonas mit seinem &lt;a href=&quot;http://www.kultur-fibel-magazin.de/Kultur%20Fibel%20Buch,%20Jonas,%20Das%20Prinzip.htm&quot;&gt;&quot;Prinzip Verantwortung&quot;&lt;/a&gt; [Beck zitiert ihn einmal] schon weiter?)  Grosse Sympathie bringt man auch noch einer Politik wider die &lt;i&gt;weltmächtigen Interessen der westlichen Entscheider-Regionen&lt;/i&gt; entgegen (im weiteren Verlauf erliegt Beck dann allerdings wieder der eurozentristischen Sichtweise, was er aber mindestens  im Gegensatz zu anderen  erkennt und thematisiert). Und seine Diagnose, dass das Katastrophenrisiko die Armen verfolgt, mag ja stimmen. Aber inwiefern durch das Diktum, &lt;i&gt;kulturelle Wahrnehmungen und Wertungen gewinnen Priorität gegenüber Tatsachenwissen&lt;/i&gt; vielleicht Handlungsmaxime abzuleiten wären, wird nicht aufgezeigt. Stattdessen verbleibt ausgerechnet der Verfechter des kosmopolitischen Handelns bei der Feststellung, dass starke Staaten die anderen nicht dominieren dürften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beck spricht es nicht an  aber bei aller Vehemenz der Ablehnung des Nationalstaatsprinzips, ist sein Vertrauen in eine global handelnde Institution offensichtlich nicht sehr stark ausgeprägt. Gemeint sind natürlich nicht die VN, die  der Beckschen Logik gemäss  letztlich nur Versammlungen von Nationalstaaten sind (daher sicherlich die Vorbehalte). Das grosse Wort eines &quot;Weltstaats&quot; wird vermieden; Beck redet eher einer (oder mehreren?) &lt;i&gt;kosmopolitischen Gemeinschaft[en]&lt;/i&gt; das Wort, spricht lieber blumig von &lt;i&gt;Subpolitik von oben&lt;/i&gt;. Es würde natürlich die Intention dieses Buches sprengen, quasi &quot;nebenbei&quot; noch einen Entwurf für eine irgendwie geartete Globalregierung zu entwickeln. Aber ein bisschen konkreter hätte man es sich schon gewünscht. Denn die korrekte Feststellung, dass sich Risiken und die antizipierten Katastrophen nicht an Ländergrenzen halten, könnte man auch dahingehend ergänzen, dass Katastrophen auch nicht unbedingt durch (kulturelle) Wahrnehmungen alleine vermieden oder gar bewältigt werden.              &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wo bleiben die Ausführungen zur kursorisch vorgestellten &lt;i&gt;Subpolitik von unten&lt;/i&gt;, den Nationalregierungen die NGOs und damit die &quot;kritische Masse&quot; entgegenzusetzen und diese zusammen mit den Medien (&lt;i&gt;Der politische Ort der Weltrisikogesellschaft sind die Medien&lt;/i&gt;) für frischen Wind zu sorgen? Ahnt Beck vielleicht die Gefahren einer Übernahme von  noch dazu globaler  Politik durch oft genug nicht demokratisch legitimierte Organisationen, die dann exakt jenen Alarmismus provozieren und medial produzieren, den er an anderer Stelle im Buch (Stichwort Terrorismusbekämpfung) so gekonnt angreift? Ist ihm nicht exemplarisch das Fiasko von Greenpeace und &quot;Brent Spar&quot; noch in Erinnerung und die damit verbundene gehirnwäscheartige Medienkampagne? Und wie steht es dann in diesen Fällen mit der von ihm so vehement bekämpften Experten/Laie-Dichotomie? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da rauft sich der Leser schon die Haare, wenn der Einkaufszettel zum Element der direkten Demokratie hochgejubelt wird und der &lt;i&gt;Massenboykott&lt;/i&gt; kritiklos zum neuen Politikstil erhoben werden soll. Und das, obwohl der Autor ökonomische, gar marktregulierende Massnahmen (naturgemäss) kategorisch ablehnt  und zwar sowohl als Anlehnung an &lt;i&gt;Zauberkräfte des Marktes&lt;/i&gt; (das, was man verkürzend neoliberal nennt) als auch an das Gegenstück, einer Implementierung staatlicher Planwirtschaft. Und ausgerechnet Beck, der die medialen Inszenierungen von Risiken so aufschlussreich entschlüsselt, verwendet plötzlich die gleichen Instrumente selber? Wer entscheidet denn, wann etwas boykottiert wird und wann nicht? Oder, anders gefragt: Wer trifft die Entscheidung zur &lt;i&gt;Inszenierung&lt;/i&gt;? Wenn sein Diktum stimmt, dass das &lt;i&gt;Nichtwissendas &quot;Medium&quot; reflexiver Modernisierung&lt;/i&gt; sei, wie soll dieses Nichtwissen denn &quot;strukturiert&quot; sein? Was ist anderes damit gemeint, als eine Art Verzichtsgesellschaft, die in der Antizipation der Risiken lieber dem &quot;Fortschritt&quot; (dem &lt;i&gt;Technikglauben&lt;/i&gt; [s. o.]) entsagt? Dies würde jedoch in fundamentalem Widerspruch zu Becks generell optimistischer Globalisierungssicht stehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So schlingert man denn hin- und hergerissen zwischen &lt;i&gt;Wissensmodernisierung&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Nichtwissensgesellschaft&lt;/i&gt; herum. Stimmt man der Aussage, dass das, was alle angeht auch nur alle lösen können (&lt;i&gt;kosmopolitische Realpolitik&lt;/i&gt;) emphatisch zu, so bleibt doch die Ausgestaltung dieser diskursiven &lt;i&gt;Direktpolitik&lt;/i&gt; vage und versteckt sich hinter Worthülsen wie &lt;i&gt;global technological citizenship&lt;/i&gt; (Beck greift glücklicherweise selten zu Anglizismen); &lt;i&gt;komplexes Weltregieren&lt;/i&gt;; &lt;i&gt;soft law&lt;/i&gt; (gemeint ist &lt;i&gt;nicht die durch Macht gedeckte Durchsetzung positiven Rechts&lt;/i&gt;) oder &lt;i&gt;Risikoweltbürgerrecht&lt;/i&gt;.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sicherheit ist, da hat Ulrich Beck recht, das &lt;i&gt;Primat der modernen Gesellschaft&lt;/i&gt;. Mit seiner Charakterisierung einer Weltrisikogesellschaft will er weder Panik erzeugen noch globalisierungskritisch argumentieren noch den gängigen Kulturpessimismus befeuern. Richtig ist, dass die Weltrisiken, von denen einige genannt werden (andere nicht), ein Ende einer &lt;i&gt;elaborierten Distanzierungsmöglichkeit&lt;/i&gt; bedeutet. Die aktuellen Diskussionen um Störfälle in Kernkraftwerken führen diesen Paradigmenwechsel exemplarisch vor Augen. Beck sieht diese Globalisierung von Gefahren pragmatisch und eben nicht als Problem an, sondern begreift sie als Herausforderung, manchmal vielleicht sogar als eine Art heilsamen Schock, wenn er in seltsam metaphorischen Worten die &lt;i&gt;anthropologische Sicherheit der Moderne&lt;/i&gt; als &lt;i&gt;aus Treibsand&lt;/i&gt; bestehend festmacht. Insofern ist sein Buch von einem erfrischenden, gelegentlich überschäumenden und manchmal naiven (Zweck-?)Optimismus. Da stellt man sich den Autor auch schon mal als Coach vor einem Publikum vor, wenn er die Gefahren als Chancen nonchalant umdeutet. Nach der Veranstaltung gibt es dann aber einen veritablen Kater: Man hätte sich die Modelldarstellung geraffter, konzentrierter gewünscht und gerne dann noch einige Problemlösungsideen vorgefunden. Denn bei aller theoretischen Grandezza  &lt;b&gt;wie&lt;/b&gt; das anspruchsvolle Programm einer kosmopolitisch agierenden Weltrisikogesellschaft funktionieren soll hätte ich schon ganz gerne gewusst.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(&lt;small&gt;Bemerkung: &lt;i&gt;Kursiv&lt;/i&gt; geschriebene Wörter und Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch. Die &lt;tt&gt;in Schreibmaschinenschrift&lt;/tt&gt; geschriebenen Stellen sind seinerseits Kursivsetzungen in den zitierten Stellen des Buches.&lt;/small&gt;)</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Essay&quot;&gt;Essay&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-01T19:37:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3827283/">
    <title>Die Entpolitisierung von Politik</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3827283/</link>
    <description>Déjà-vu? Fast genau 40 Jahre nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg gab es wieder Strassenschlachten, Wasser- und Steinewerfer, vermummte und unvermummte Demonstranten und Hundertschaften der Polizei und wieder die Frage, ob, wann und wo Gewalt gegen Sachen oder vielleicht auch gegen Menschen (Notwehr?) nicht vielleicht notwendig oder gar geboten und also mithin zielführend ist. Ohnesorgs Tod 1967 wurde rückwirkend betrachtet zur Initiation einer &quot;Bewegung 2. Juni&quot;, die dann Anfang der 70er Jahre, als sich die (medial eher schweigende) Mehrheit der damaligen Protestler längst in den Marsch durch die Institutionen aufgemacht hatten, in die &quot;Rote Armee Fraktion&quot; mündete. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Gipfelgesprächen der acht (so genannten) &quot;wichtigsten Industrienationen der Welt&quot; gab es heuer glücklicherweise keinen Toten zu beklagen. Und dennoch erinnerten die Bilder an das, was gemeinhin heute &quot;68er-Bewegung&quot; heisst: Die Gegnerschaft gegen die institutionalisierte politische Klasse (aktuell grob vereinfacht als &quot;Globalisierungskritiker&quot; bezeichnet; zur Unkenntlichkeit als &quot;G8-Gegner&quot; verzerrt [meistenteils von den eigenen Dummschwätzern, die mangels intellektuellem Rüstzeug in derartige Schlagworte ausweichen mussten]) formiert sich in ausserparlamentarischen Gruppierungen (wie beispielsweise &quot;attac&quot;, die bekannteste). Und wie 1967/68 bestechen die Demonstranten durch ihre Heterogenität. Von christlich-orientierten Gruppen über alle Schattierungen von grün bis rot bis zu den Polithooligans des sogenannten &quot;schwarzen Blocks&quot; (der in Wirklichkeit selber nur ein unübersichtliches Konglomerat verschiedendster Ansammlungen darstellt), aber auch &quot;Globalisierungsgegner&quot; am rechten Rand (freilich mit einem dem Mainstream der Demonstranten diametral entgegengesetzten Impetus)  sie alle eint nicht nur eine Gegnerschaft sondern auch die Bereitschaft, diesem Dissens der politischen Führung gegenüber Ausdruck zu verleihen. &lt;br /&gt;

&lt;center&gt;&lt;b&gt;* * *&lt;/b&gt;&lt;/center&gt;

Damals wie heute findet dies nicht in den politischen Parteien statt. Diese werden  nicht als Lösung sondern gesehen, sondern gelten als Mitursache des Problems. Und damals wie heute wird die Staatsmacht in Form der Polizei zum eigentlichen Symbol dessen, was man glaubt, bekämpfen zu &lt;i&gt;müssen&lt;/i&gt;. Es ist diese (mindestens partiell ausgeprägte) Selbstermächtigungsrhetorik, welche  im Gegensatz zu den Gipfelteilnehmern  durch nichts legitimiert ist (schon gar nicht demokratisch) und Besorgnisse weckt. Um das wichtige und unverzichtbare Recht auf Demonstrationsfreiheit geht es dabei oft genug schon nicht mehr. Es geht um die suggestive Kraft der eigenen moralischen Überlegenheit und die mediale Präsentation dieser Überlegenheit. Dies funktioniert freilich besser, wenn vorher der eigentlich informelle Akt dieses &quot;G8&quot;-Treffens als Weltregierung hochgejubelt wird (die Medien machen da gerne mit) und den Beschlüssen damit eine Art Weltregierungserklärung zukommt. Mit dieser eindeutigen Überforderung dieser Zusammenkunft erzeugt man erst die Wichtigkeit, die man den G8 gerade nicht entgegenbringen sollte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abstrus die Aussage einiger Demonstranten, die die G8 &quot;delegitimieren&quot; woll(t)en. Als könne man Staatschefs verbieten, sich über Probleme der Welt zu unterhalten und gemeinsame Beschlüsse für ein Handeln hierauf zu fassen. Eine seltsame Auffassung, was das ebenso wichtige demokratische Recht auf Versammlungsfreiheit angeht. Da mutet dann die Gleisblockade von attac, den logistischen Nachschub der Gipfelteilnehmer abzuschneiden, noch harmlos an. Als müssten sie im Internetzeitalter Aufmerksamkeit über solche Aktionen generieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass übrigens dann die Beschlüsse des &quot;illegitimen&quot; Treffens ob ihrer Schwammigkeit (berechtigterweise) kritisiert werden, widerspricht dem Ziel der Delegitimation. Ein Gremium, dem ich die politische und moralische Legitimation aberkenne, kann ich schwerlich gleichzeitig für schwache Abschlussprotokolle geisseln. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sicher ist aber auch, dass die Veranstalter alles Mögliche getan haben, um in einer falschen Symbolik das Aggressionspotential noch zu verstärken. Angefangen von der unsäglichen Idee eines Zauns, der die (wie gesagt: demokratisch legitimierten!) Staats- und Regierungschefs komplett von der Aussenwelt abschirmen soll bis zum Schüren einer Art Heilserwartung eines Gelingens des Gipfels oder  die Variante  des bevorstehenden Weltuntergangs beim Scheitern. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zaun - welch&apos; ein Fanal einer unselbstbewussten Einschätzung der eigenen Politik! Wie will man für die Beschlüsse werben, die hinter gefängnisähnlichen Mauern getroffen wurden, mit dem der gemeine Bürger von jeglicher Partizipation (also hauptsächlich zunächst einmal des Protestes) ausgeschlossen wurde? Welche Anmaßung auch in diesem Vorgehen, dem Souverän gegenüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man hört immer wieder, es sei aus Gründen der Sicherheit unerlässlich gewesen. Aber ist es nicht merkwürdig, dass &quot;normale&quot; Sicherheitsvorkehrungen bei solchen Treffen nicht mehr ausreichen, weil man unplanbare Übergriffe befürchtet? Warum mauert sich denn die UNO Vollversammlung oder auch nur der evangelische Kirchentag nicht ein? Die Antwort ist freilich einfach; es verblüfft eigentlich, dass Enzensberger in seinem &quot;Spiegel&quot;-Text sie nicht gefunden hat: Mit &lt;i&gt;diesem&lt;/i&gt; US-amerikanischen Präsidenten ist ein solches &quot;Sicherheits-Guantanámo&quot; unvermeidbar; ähnlich dem, was seinerzeit beim Besuch in Mainz angestellt wurde, als die Stadt einem Potemkinschen Dorf glich. Wie kaum ein anderer westlicher Staatschef der letzten fünfzig Jahre hat George W. Bush eben diese &quot;westlichen Werte&quot;, auf die es ihm doch so ankommt, mit Füssen getreten und eine expansiv-imperialistische Politik betrieben. Er ist vollkommen zu recht der Lieblingsfeind nicht nur der Moralisten und wer sich zu sehr mit ihm einlässt, kommt schnell in den Geruch des Mitläufers. &quot;Spiel nicht mit den Schmuddelkindern&quot;  nur freilich ganz anders gemeint als damals.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als 1967ff unter anderem gegen den Vietnam-Krieg demonstriert wurde, war derjenige, der diesen Krieg massgeblich zu verantworten hatte, bereits mehrere Jahre tot. Auch die amerikanische Administration, die wesentlich an der Implementierung des Schah im Iran beteiligt war (und Mossadegh beseitigte), existierte schon sehr lange nicht mehr. Die Reaktionszeiten für demonstrative Gegenwehr waren wesentlich länger als heute.&lt;br /&gt; 
&lt;center&gt;&lt;b&gt;* * *&lt;/b&gt;&lt;/center&gt;

Wir sind seit 40 Jahren Bürger eines &quot;hysterischen Staats&quot; (Peter Sloterdijk). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ulrich Greiner zitierte in einem Artikel vom März diesen Jahres Gudrun Ensslin, 1967 nach Ohnesorgs Tod in einer SDS-Diskussion: &quot;Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren, Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Das ist die Generation von Auschwitz, mit denen kann man nicht argumentieren!&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tod Ohnesorgs wurde in linken Kreisen damals weitestgehend als Beleg für das Abdriften des Staates in eine mehr oder weniger faschistische Diktatur gesehen und galt einigen Gruppierungen als überpositive Legitimation, um selber Gewalt anwenden zu können. Der skandalöse Freispruch des Polizisten Kurras, der Ohnesorg erschossen hatte, tat sein übriges dazu. Das Fanal wurde als neue Handlungsmaxime der Staatsgewalt ausgegeben. An Absurdität war dies selbst 1967 kaum zu überbieten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rückwirkend muss man konstatieren, dass Teile der 68er Bewegung (und auch und insbesondere die  &quot;RAF&quot;) die Kraft medialer Inszenierungen erkannten und auch verwendeten. Mit verblüffend wenig Personal (man schätzte rd. 50 Aktive) hatte die &quot;RAF&quot; Mitte der 70er Jahre ein Volk von 60 Millionen in eine Art Massenpanik versetzt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist bedauerlich, dass sich ausgerechnet eine sozial-liberale Regierung in den Strudel hineinziehen liess und eine für die Terroristen willkommene Überreaktionsbereitschaft zeigte. Weil grössere Teile der 68er Protestbewegung eine (vorübergehende) politische Heimat in der SPD Willy Brandts suchten (und fanden), fühlte man sich durch die in der Springer-Presse geschürten Anfeindungen in vorauseilendem Gehorsam (Stichwort: Radikalenerlass) fast gezwungen, dem &quot;Stammtisch&quot; durch besonders entschlossenes Auftreten zu zeigen, wie gut man doch regieren könne. Interessant am Rande, dass 1998/99, bei der zweiten SPD-geführten Regierung der Bundesrepublik eine ähnliche Vergatterung auf die (angeblichen) überparteilichen Usancen erfolgte: Die USA nutzten die Schwäche der gerade gestarteten Schröder-Regierung und überrumpelte Aussenminister Fischer, dem illegalen und völkerrechtswidrigen Kosovokrieg zuzustimmen. Zu recht wurde später darauf hingewiesen, dass unter einer Regierung Kohl mindestens die aktive Teilnahme Deutschlands an diesem Krieg nicht stattgefunden hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zurück zu den 70ern. Die Terroristen der &quot;RAF&quot; hatten sich von den &quot;Niederungen&quot; des politischen Alltags spätestens Mitte der 70er Jahre verabschiedet und maßten sich an, Tribunal zu &quot;spielen&quot;. Den Faschismus, den sie in der Bundesrepublik glaubten auszumachen, praktizierten sie selber in ihrer Peer-Group. Dies gipfelte im Mord an Schleyer, der in verquaster Rhetorik mit dessen aktiver Unterstützung des Nationalsozialismus gerechtfertigt wurde. Dabei begab man sich übrigens  unwissend?  in verdächtige Nähe nationalsozialistischer Rhetorik beispielsweise durch das Wort &quot;Volksgefängnis&quot;.&lt;br /&gt;

&lt;center&gt;&lt;b&gt;* * *&lt;/b&gt;&lt;/center&gt;

Die Nachwehen der Terroranschläge vom 11. September 2001 haben jetzt auch die Bundesrepublik mit aller Kraft getroffen. Die Hysterisierungen der 70er Jahre wurden vom amtierenden Innenminister Schäuble auf die (angeblichen) Terrorgefährdungen wiederbelebt. In seltsam missionarischem Eifer zeigt Schäuble Neigungen, verfassungsmässige Grundrechte zu Gunsten vager Sicherheitsversprechungen auszuhebeln. In diese Stimmung &quot;platzt&quot; dann der G8-Gipfel nebst Sicherheitszaun,  Präventionsrhetorik und Ausschnüffelung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch die politischen Gegner schüren diese Hysterien. Die neuen digitalen Medien dienen als schnelle und willkommene Multiplikatoren. Da wurde sofort jede Polizeimassnahme mit überbordenden Superlativen als Ausfluss eines unmittelbar in die Diktatur marschierenden Staates gedeutet. Das Öffnen eines Briefes wird da schnell zum Fanal eines zügellosen &quot;Orwell&quot;-Staates. Und ausgerechnet jene, die in ideologischer Verblendung Diktaturen idyllisieren, bauschen auf einmal jegliches staatliches Handeln (mag es auch falsch oder gar rechtswidrig sein) als Anfang von Ende demokratischer Kultur auf. Tiefpunkt der Verdrehung von Wahrheit war für mich die Verdummungsrhetorik eines &quot;friedlichen schwarzen Blocks&quot;, der von der bösen Polizei zum Steinewerfen provoziert wurde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das auch seriöse Journalisten wie Heribert Prantl in der Nachbearbeitung der Gipfelproteste diesen Alarmismus befeuern und beispielsweise die vorübergehende Festsetzung von Demonstranten in enge Gitterkäfige mit Legebatterien vergleichen, erinnert ein bisschen an die Weltuntergangsprophezeihungen aus dem Jahr 1987, als die Volkszählung für die kritische Masse als das unmittelbare Ende des demokratischen Staates Bundesrepublik Deutschland galt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Sinne trifft Sloterdijks Diktum voll ins Schwarze: &quot;Das Wesen unserer Staatlichkeit in Zusammenspiel mit unseren Medien ist die Überreaktion&quot;.&lt;br /&gt;  

&lt;center&gt;&lt;b&gt;* * *&lt;/b&gt;&lt;/center&gt;

Es ist interessant, dass die &quot;Gewaltdiskussion&quot; während der Demonstrationen in und um Heiligendamm wieder aufflammte. Grosse Teile der Linken haben sich von der Faszination von Gewalt immer noch nicht verabschiedet (so wurde auf einer Gegenveranstaltung dezidiert zu einer Art &quot;Rache&quot; für den 2001 in Genua getöteten Demonstranten Carlo Giuliani aufgerufen). Die &quot;Argumentation&quot; der Randalierer: Man deklariert flugs die polizeilichen Sicherheitsmassnahmen oder sogar die Politik der &quot;G8&quot; per se als Gewalt  und schnell hat man dann die Rechtfertigung, die man braucht. Mit dieser Gewalt gegen Gewalt liesse sich dann wiederum Gewalt rechtfertigen. Was das bedeutet, kann man beispielsweise überdeutlich im israelisch-palästinensischen Konflikt studieren, in der radikale Kräfte auf beiden Seiten einfach die Gewaltspirale aufrecht zu erhalten brauchen, um potentielle Lösungen zu verunmöglichen. Mitteleuropäischen Wohlstandskindern, die diese Art von Konflikt nur aus den Fernsehnachrichten oder drittklassigen Blockbustern kennen, dürfte da wohl das Vorstellungsvermögen fehlen, solche verhängnisvollen Kausalitäten zu überblicken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Gegensatz zur 68er-Bewegung, die durchdrungen war von einer intellektuellen Aufrüstung, erscheinen die Proteste 2007 medioker. Es wird weitgehend moralisch (in immer gleichen Wortphrasen) und  hierauf kommen wir noch  systemimmanent argumentiert. Dennoch habe ich mich kurz gefragt, ob nicht die Proteste zum G8-Gipfel in Heiligendamm mehr waren, als nur die &quot;üblichen&quot; Affekte. Haben wir nicht vielleicht den Beginn einer neuen, umfassenderen Bewegung (bei aller Heterogenität) gesehen, die sich aufgrund tiefster Überzeugungen mit den aktuellen Politikentwürfen nicht mehr zufrieden gibt? Indiz könnte sein, dass die seit Monaten virulente Debatte um nachhaltige und vor allem sofortige Klimaschutzmassnahmen einen gewissen Aufrüttelungseffekt gehabt haben könnte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber bei aller Emphase muss konstatiert werden, dass selbst Deutschland (erst recht die EU insgesamt) die Klimaziele, die im Kyoto-Protoll vereinbart wurden, voraussichtlich nicht einhalten wird. Warum also für einen noch auszuhandelnden Nach-Kyoto-Prozess &quot;konkrete Zahlen&quot; beschliessen, deren Einhaltung bzw. Ignoranz vorprogrammiert ist und letztlich auch politisch konsequenzlos bleibt? Am Rande: In Kyoto hat man so getan, als liessen sich notwendige Klimaschutzmassnahmen ökonomisch regeln. Dieser Idee scheint man immer noch anzuhängen  als könnte man mit Geld die in der Atmosphäre Unheil anrichtenden Emissionen &quot;zurückkaufen&quot;.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Innenpolitisch wird suggeriert, als würden die notwendigen Massnahmen kaum oder sogar keine Einschränkungen des jeweils individuellen Lebensstandards der Bevölkerung zur Folge haben. Ein bisschen an den Stand-by-Einstellungen der Elektrogeräte gebastelt, Wohnung oder Haus auf Energiesparlampen &quot;umgerüstet&quot; und immer schön das Licht ausmachen. Ansonsten vertraut man auf &quot;neue Technologien&quot;, also &quot;Energieeffizienz&quot;  und plant deshalb den Bau von 45 neuen Kohlekraftwerken in Deutschland (durchschnittliche Laufzeit rd. 40 Jahre pro Kraftwerk), die (natürlich!) viel sauberer sind, als die bisherigen. Man vertraut auf neuartige Automobile, die den Schadstoffausstoss auf die geplanten Werte schon herunterbringen werden (Angela Merkel hatte im Frühjahr höchstpersönlich schärfere aktuelle Restriktionen unter dem Dach der EU für stark schadstoffemittierende Fahrzeuge im Sinne der Automobillobby blockiert)  der Bürger darf dann weiter mit 200 km/h links fahren, wenn er sich&apos;s leisten kann. Diese Haltung erinnert fatal an die Diskussion 1989/90, als sogenannten &quot;Experten&quot; die deutsche Einheit &quot;aus der Portokasse&quot; finanzieren wollten. Wollen wir den Schülern dieser Experten auch weiter vertrauen, nur weil dies für uns so bequem ist? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es in diesem Punkt George W. Bush nicht geben würde  die EU müsste ihn erfinden. Mit selten dämlicher Konsequenz verweigerte sich Bush selbst den halbherzigen Kyoto-Beschlüssen und übernahm jahrelang freiwillig unfreiwillig die Rolle des Buhmanns. So muss es natürlich als Erfolg gelten, wenn die Bush-Administration nun Verhandlungen für den Nach-Kyoto-Zeitraum unter dem Dach der Vereinten Nationen zustimmt. Wie dies aussehen soll, blieb natürlich undiskutiert; den UN-Generalsekretär hatte man zur Sicherheit gar nicht erst eingeladen, dafür scharwenzelte Herr Barroso bei den Beratungen herum. Der Fortschritt liegt also in der Tatsache, dass die Bush-Administration (die nur noch knapp ein Jahr handlungsfähig ist; danach wird sie vom Wahlkampf gelähmt sein) das Gespräch wieder anfangen will. Bis dahin kann sich die EU als Vorreiter feiern (was definitiv nicht stimmt) und Deutschland als Musterknabe (was auch nicht stimmt) und Siegmar Gabriel braucht sich keinen Dienst-Toyota kaufen, weil die deutsche Automobilindustrie darunter leiden würde (ökonomischer Patriotismus zu Ungunsten ökologischer Vernunft müsste bei einem Umweltminister eigentlich ein Entlassungsgrund sein) - und die Demonstranten fahren in ihren mehrheitlich garantiert mehr als 120 mg/km CO&lt;sub&gt;2&lt;/sub&gt; emittierenden Automobilen erst einmal nach Hause.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Debatte dürfte uns länger beschäftigen, als die arg verkürzte, zu jedem Gipfeltreffen zyklisch neu aufgelegte Diskussion um Afrika, die höchst dilettantisch und nur kapitalistisch systemimmanent geführt wird  sowohl von den Staats- und Regierungschefs als auch von den Kritikern  und dann später vergessen wird. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Statt Handelshemmnisse abzubauen und die eigenen Landwirtschaften nicht derartig zu subventionieren, dass diese Produkte die afrikanischen Heimmärkte durch Dumpingpreise zerstören, beliess man es bei den Zusagen für Geldlieferungen, die man vor zwei Jahren bereits versprochen hatte. Statt also den Afrikanern durch &quot;einfache&quot; handelspolitische Massnahmen (die allerdings in den jeweiligen G8-Staaten wahrhaft revolutionäre Folgen und tiefgreifende soziale Verwerfungen nach sich ziehen würden) Hilfe zur Selbsthilfe angedeihen zu lassen, entschied man sich für pekuniäre Lösungen. Was den Wahnsinn zeigt: Zunächst wird mit Milliarden die einheimische Landwirtschaft subventioniert (insbesondere in der EU und den USA) und dann wird den Ländern, die hierunter leiden, abermals Milliarden zur Verfügung gestellt, damit dieses System weiter erhalten bleibt.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist eine geschickt getarnte Lüge der G8-Regierungen, ihre Ohnmacht in diesen Dingen zur Schau zu stellen. Natürlich macht es einen besseren Eindruck, den gütigen Schuldenstreichonkel zu spielen, als durch langfristige Welthandelspolitik gleiche Chancen herzustellen. Etliche afrikanische Regierungschefs tun noch ein übriges, dem Klischee der korrupten afrikanischen &quot;Elite&quot; zu entsprechen. So ist es beispielsweise skandalös, das ein Land wie Nigeria, reich gesegnet mit Bodenschätzen, u. a. Erdöl, immer noch auf Entwicklungshilfe angewiesen sein soll. Dies als eine Folge der Usurpierung der Ölförderung durch multinationale Konzerne auszurufen, ist eine seit Jahrzehnten hartnäckig verbreitete Legende  sie stimmt leider nicht. Schliesslich sind die Förderkonstellationen in den arabischen Staaten ähnlich (was nicht bedeutet, dass sie optimal sind)  und die Volkswirtschaften dieser Staaten explodieren.&lt;br /&gt;

&lt;center&gt;&lt;b&gt;* * *&lt;/b&gt;&lt;/center&gt;

Zurück zum Protest und der Entpolitisierung von Politik. Denn hierin unterscheiden sich die globalisierungskritischen Bewegungen von 2007 von den 68ern deutlich. Zwar trugen auch die 68er das Private ins Politische und trugen damit letztlich zur Trivialisierung von Politikabläufen bei. Aber die 68er Bewegung hatte neben dezidierten &quot;Anti&quot;-Haltungen &lt;i&gt;auch&lt;/i&gt; Gegenentwürfe parat, die zwar aus heutiger Sicht absurd anmuten, aber immerhin diskussionswürdig schienen (wobei hier natürlich auch vieles binnen kurzer Zeit zur Pose erstarrte). Der Protest heute ist  bei Politik, Bürgern und den gesinnungsmasturbierenden Prominenten, die ihr Engagement monstranzähnlich vor sich hertragen und danach wieder in ihre Villen zurückreisen  meistenteils systemimmanent: Gebt Geld, Geld, Geld. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Einsilbigkeit hat natürlich damit zu tun, dass das Gegensystem seit 1989 verschwunden ist (selbst auf dem Papier kommunistische Staaten sind heute fast alle kapitalistisch orientiert; Kuba und Nordkorea sind Ausnahmen, die ökonomisch langsam kollabieren). Ausserdem ist es sehr einfach das Abstraktionsmittel Geld einzusetzen, wo eigentlich komplizierte Lösungen notwendig wären.      &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Triebfeder des Protestes ist eine diffuse, romantisch unterfütterte Moralität, die in den zahlreichen medialen Aktionen gelegentlich merkwürdige Blüten treibt. Einer der Höhepunkte war die Präsentation ausgewählter Jugendlicher, die vorher in einer Veranstaltung mit dem markanten Titel &quot;J8&quot; ihre &quot;Beschlüsse&quot; für eine bessere Welt den Regierenden präsentierten. Diese Präsentation ist symptomatisch für die Rezeption von Politik in breiten Teilen der Bevölkerung: Die Reduzierung auf Schlagworte und wohlfeile Forderungen (die, wie oben angedeutet, unter Umständen grösste Auswirkungen auf den Lebensstil des Westens hätte) wird mit notwendigen politischen Massnahmen &lt;i&gt;verwechselt&lt;/i&gt;. So formulierten die Jugendlichen in Wahrheit keine politischen Gegenentwürfe, sondern skizzierten eine heile Wunschwelt; zwischenzeitlich hatte man das Gefühl, einem steifen und ein wenig gezwungenen Schulunterricht beizuwohnen. Die Folgen, die sie aus ihren Forderungen an die G8-Staatschefs ziehen müssten, sind ihnen vermutlich nicht einmal ansatzweise klar (wie auch?). Aber der Applaus der breiten Masse ist ihnen sicher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Verkürzung politischen Handelns als &quot;Wunschkonzert&quot; dokumentiert in Wahrheit nicht nur eine enorme Allmachtsphantasie (die de facto so gar nicht existiert), sondern blendet auch hausgemachte Probleme (beispielsweise in den afrikanischen Ländern selber) aus. Die &quot;J8&quot; auf dem &quot;G8&quot; - das war ein aufschlussreiches Dokument der fortschreitenden Entpolitisierung von Politik.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Essay&quot;&gt;Essay&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2007-06-12T06:32:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3827282/">
    <title>Die Entpolitisierung von Politik</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3827282/</link>
    <description>Déjà-vu? Fast genau 40 Jahre nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg gab es wieder Strassenschlachten, Wasser- und Steinewerfer, vermummte und unvermummte Demonstranten und Hundertschaften der Polizei und wieder die Frage, ob, wann und wo Gewalt gegen Sachen oder vielleicht auch gegen Menschen (Notwehr?) nicht vielleicht notwendig oder gar geboten und also mithin zielführend ist. Ohnesorgs Tod 1967 wurde rückwirkend betrachtet zur Initiation einer &quot;Bewegung 2. Juni&quot;, die dann Anfang der 70er Jahre, als sich die (medial eher schweigende) Mehrheit der damaligen Protestler längst in den Marsch durch die Institutionen aufgemacht hatten, in die &quot;Rote Armee Fraktion&quot; mündete. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3827283/&quot;&gt;[weiterlesen und kommentieren]&lt;/a&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Essay&quot;&gt;Essay&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2007-06-12T06:30:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3649552/">
    <title>In neokolonialem Stil</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3649552/</link>
    <description>Während Botho Strauß den Konflikt zwischen der &quot;geistlosen Gesellschaft&quot; einerseits und einem selbstbewusst auftretenden islamischen Angebot in den westlichen Gesellschaften andererseits mit der Notwendigkeit einer neuen Multipolarität beantwortet, in der sich beide Gesellschaftsformen (nicht zuletzt spirituell) gegenseitig befruchten könnten (&quot;&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3510943/&quot;&gt;Ein globales Toledo&lt;/a&gt;&quot;), ist im aktuellen Essay der niederländischen Schriftstellerin &lt;a href=&quot;http://www.margriet-de-moor.de/&quot;&gt;Margriet de Moor&lt;/a&gt; (abgedruckt am 17.4.07 im Feuilleton der &quot;Süddeutschen Zeitung&quot;) der unsägliche, kopftäschelnde Missionarston des westlichen (unreflektierten) Universalismus-Mainstream herauszuhören, der eine &lt;i&gt;Reformation des Islam&lt;/i&gt; apodiktisch einfordert  ohne wesentliche Umstände überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Moors Essay mit dem (merkwürdigen) Titel &quot;Alarmglocken, die am Herzen hängen&quot; (PDF-Dokument zum Herunterladen &lt;b&gt;hier&lt;/b&gt;--&gt;: &lt;a title=&quot;Alarmglocken&quot; href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/files/Alarmglocken/&quot;&gt;Alarmglocken&lt;/a&gt; (pdf, 30 KB)) will es zunächst einmal allen recht machen. Sie hebt die Vorzüge ihres kleinen Landes hervor, amüsiert sich über die &lt;i&gt;unterhaltsamen Tumulte&lt;/i&gt; in ihrem Parlament, erkennt die opportunistische, an kommerziellen Interessen gebundene Toleranz der Holländer und beschäftigt sich ausführlich mit den &quot;Fehlern&quot; des Christentums. In einer putzig-naiven Sprache bekennt sie dann, dass Religion &lt;i&gt;schön&lt;/i&gt; sei, schildert ihre Affinität zu den &lt;i&gt;exotischen Phantasien&lt;/i&gt; speziell des Katholizismus und bewundert fast nebenbei eine Pietà einer Kirche, an der sie vorbeifährt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;Margriet de Moor&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;Margriet de Moor&quot; width=&quot;267&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Margriet-de-Moor1.jpg&quot; /&gt;Bald darauf wird es dann doch ein wenig rauher  auch wenn De Moor natürlich kein Islambashing betreibt, obwohl ihre Wortwahl gelegentlich decouvrierend ist. Da wird dann ein innerchristlicher Religionskrieg als &lt;i&gt;Dschihad&lt;/i&gt; bezeichnet oder behauptet, im Islam (De Moor suggeriert ständig, dass der &quot;Islam&quot; etwas homogenes ist) gebe es einen &lt;i&gt;obligatorischen Dschihad&lt;/i&gt;. Allah höchstpersönlich würde  so de Moor  die &lt;i&gt;Unterdrückung der Frau durch den Mann empfehlen&lt;/i&gt;. Kein Wort von den unterschiedlichen Exegesen innerhalb des Islam. Ähnlich apodiktisch äussert sie sich zur &lt;i&gt;Scharia-Strafgesetzgebung&lt;/i&gt; (sic!). Wie selbstverständlich geht sie davon aus, dass &lt;i&gt;der Islam&lt;/i&gt; einer Reformation bedarf. Sie lässt auch keinen Zweifel daran, in welche Richtung diese Reformation gehen soll. Aber woher die Rückbesinnung grosser Teile der muslimischen Bevölkerung in Westeuropa zum Islam denn kommt  diese Frage stellt sie nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am &lt;i&gt;betörenden&lt;/i&gt; Wohlstand (die Neuankömmlinge &lt;i&gt;starren sich stets blind&lt;/i&gt;) unserer kapitalistischen Ordnung, den Margriet de Moor (hier Enzensberger ähnlich) geradezu feiert, kann es wohl nicht liegen, denn ausgerechnet die Attentäter des 11. September (aber auch von Madrid und London) waren (wenigstens oberflächlich) in die Gesellschaft integriert. Und die unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Islam und die politische Instrumentalisierung des Islam durch den orthodoxen Dschihadismus nimmt sie nicht zur Kenntnis. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geradezu peinlich ist ihre Beschwörung von Ayyan Hirsin Ali, die sie so &lt;i&gt;schrecklich vermisst&lt;/i&gt;, und die als &lt;i&gt;weiblicher islamischer Luther, und dann auch noch pechschwarz&lt;/i&gt; apostrophiert wird. Diese Attributierung spricht de Moor ihr übrigens sofort wieder ab, da sie glaubt, herausgefunden zu haben, dass Ali &lt;i&gt;ihrem Glauben abtrünnig geworden ist&lt;/i&gt; - und erklärt dann (nicht weniger unangenehm) die &quot;schwarze Madonna&quot; (Vanity Fair) zum &lt;i&gt;schwarzen Voltaire&lt;/i&gt;. Soviel Unsinn war selten, aber wer in Anbetracht dieser merkwürdig skurillen und trivialen Vergleiche nicht mehr weiterliest, verpasst noch etwas.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Moors Thesen, warum der Islam vom wohlhabenden Europa aus reformiert werden wird, sind mehr als dürftig: Zum einen glaubt sie, dass die Islamwissenschaft in Europa sehr viel &quot;freier&quot; agieren kann, als beispielsweise in &lt;i&gt;orthodoxen&lt;/i&gt; Ländern. Dabei vergisst sie allerdings, dass die Massenbindung aus einem &quot;Exil&quot; heraus sehr viel schwerer zu erzielen ist. Zum anderen glaubt sie, dass die Lebensverhältnisse des Westens über kurz oder lang auf Muslime hier &quot;abfärben&quot; werden. Derzeit scheint jedoch eher das Gegenteil der Fall zu sein (s.o.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre gesamte Argumentationslinie ist nicht sehr von  sagen wir es freundlich  differenzierten Wahrnehmungen flankiert. Sie verallgemeinert in gröbstem und fast trivialem Stil. Etwa so, als würde ein Kritiker des Christentums die evangelikalen &quot;Erweckungschristen&quot; der USA als repräsentativ für das gesamte Christentum nehmen. Und oft genug vermisse ich etwas für einen Schriftsteller elementares: Empathie. Als säkulare Weltbürgerin sortiert sie Religion in den Bereich privaten Vergnügens und &lt;i&gt;exotischer Phantasien&lt;/i&gt;. Auf den Gedanken, dass andere Menschen damit ganz andere Empfindungen verbinden und Bedürfnisse befriedigen, kommt sie überhaupt gar nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geradezu abenteuerlich mutet dann ihre These an, dass gerade die sexualisierte Werbung zur &quot;Befreiung&quot; der Frau beiträgt (sie benutzt diesen Ausdruck nicht, sondern spricht vom &quot;wohlfühlen&quot;). In den Auswüchsen unserer sexualisierten Gesellschaft und der Verhüllung muslimischer Frauen sieht de Moor die gleiche &lt;i&gt;Obsession&lt;/i&gt;. In &quot;hübschem&quot; Umkehrschluss schreibt sie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Wie übererregt [ist] eine Gesellschaft, in der von einem Mann erwartet wird dass er sich hemmungslos auf jede zufällig vorbeigehende Frau stürzt, es sei denn, ein mächtiges Signal, eine göttliche Kleidungsvorschrift, verbietet ihm das? Die eine Obsession, die unsere, mag zwar anders aussehen als die andere, aber sie können sich die Hand reichen.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also gerade die Tatsache, dass muslimische Frauen beispielsweise mittels Kopftuch ihre Haare bedecken, ist Ausdruck einer Übererregung der islamischen Gesellschaft? Einen viel grösseren Unsinn habe ich in den letzten Monaten selten gelesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Margriet de Moors Text ist in gut gemeintem aber neokolonialem Impetus verfasst; ihre Versöhnungsgesten sind in dieser Hinsicht vergiftet: &quot;Wir&quot; wissen, was gut für &quot;für Euch&quot; ist. Dumm nur, dass die Werte, auf die sich de Moor beruft, für viele, die es angeht, nicht ihre primären Werte widerspiegeln. Statt Fragen zu stellen, weiss sie immer schon Antworten. Und merkwürdigerweise muss sich immer der andere ändern; man selber nie. Aber so wird das nichts. Man kann nicht dauernd mit dem Finger auf jemanden zeigen, und dabei ignorieren, dass drei Finger auf einen selbst zeigen.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Essay&quot;&gt;Essay&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2007-04-24T06:40:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3510943/">
    <title>Ein globales Toledo</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3510943/</link>
    <description>Unter dem Eindruck des damals heftig tobenden &quot;Karikaturen-Streits&quot; schrieb Botho Strauß Mitte Februar vergangenen Jahres einen auch heute noch höchst interessanten, eigentlich erstaunlich wenig diskutierten, kurzen Aufsatz im &quot;Spiegel&quot; mit dem lakonischen Titel &quot;&lt;a title=&quot;Der Konflikt&quot; href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/files/Der-Konflikt/&quot;&gt;Der-Konflikt&lt;/a&gt; (pdf, 479 KB)&quot; [&lt;small&gt;&lt;--PDF-Download&lt;/small&gt;].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lässt man Strauß&apos; gelegentlich unterschwellig anklingende, pessimistische Sicht hinsichtlich einer in nächster Zeit bevorstehenden &quot;Mehrheitsverschiebung&quot; einmal beiseite (freilich klarstellend, nicht &lt;i&gt;die Köterspur des Rassismus&lt;/i&gt; bedienen zu wollen), so bleibt eine prägnante Diagnose: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Wie oft beschrieben, bezieht der Islam seine stärkste Wirkung aus seiner sozialen Integrationskraft. Seine diesseitigen Vorteile lässt man leicht außer acht, wenn man sich mit dem politisch-spirituellen Konflikt beschäftigt.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strauß&apos; These: Die Integrationsangebote unserer Gesellschaft (also die Assimilierungsbedingungen bzw. forderungen) konkurrieren mit denen der &lt;i&gt;innerislamischen Integration&lt;/i&gt;. Da aber der Islam traditionelle Werte wie Familie, Zusammenhalt, &lt;i&gt;Nicht-Gleichgültigkeit&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Zusammenhalt in Not in Bedrängnis&lt;/i&gt; unmittelbar &quot;anbietet&quot; und nicht an mehr oder weniger abstrakte und anonyme Konstrukte wie beispielsweise den Staat (oder auch entsprechende kommerzielle Hilfsorganisationen) delegiert, ist für Strauß klar, zu wessen Gunsten die Entscheidung fällt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der religiös konnotierten Motivation stellt Strauß vor allem also die soziale Kraft der &quot;Umma&quot; als einen wesentlichen (den wesentlichen?) Vorteil heraus. Er geht aber noch weiter und sein Urteil über die aktuelle Lage könnte kaum vernichtender sein: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;cite&gt;Wir sind ja nicht bloß eine säkulare, sondern weitgehend eine geistlose Gesellschaft.&lt;/cite&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben  so Strauß - die Säkularität nicht fruchtbar ausgestaltet, sondern weitgehend &lt;i&gt;Weltmärkte[n], technische[n] Innovationen&lt;/i&gt; und &lt;i&gt; Sitten und Moden&lt;/i&gt; dagegen gehalten - kurzum also ökonomischen Zwängen geopfert, die unser Sozialverhalten radikal verändert haben. Strauß, der früher durchaus mit dem Kommunitarismus liebäugelte, sieht hierin den wirklichen Konflikt: Diese säkular-&lt;i&gt;geistlose&lt;/i&gt; Gesellschaft (mit &lt;i&gt;Sinn für das Vorübergehende&lt;/i&gt;) kann gar keine Gesprächsgrundlage für massgebende Teile der islamischen Gemeinschaft bilden, da ihr die Empathie für transzendentale (sakrale) Erlebniswelten fehlen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Papst kann zwar  wir haben es vor einigen Monaten anlässlich seines Besuchs in der Türkei gesehen  mit islamischen Gelehrten in den &quot;Diskurs&quot; treten. Beide disputieren auf spiritueller Augenhöhe; ebenbürtig. Aber die Kirche hat ihre Wirkungsmacht längst verloren. Der von allem befreite, säkulare, dem rein ökonomischen verpflichte Wohlstandsvertreter fehlt allerdings im fast wörtlichen Sinn die Sprache hierzu. Der &lt;i&gt;Disput zwischen den Schriftkulturen&lt;/i&gt; kann nicht stattfinden. Der Islam hat buchstäblich keinen adäquaten Diskurspartner. Dem spirituell (oft genug überfrachteten) heiligen Buch setzt der Westen in seiner (selbst auferlegten, anheimgefallenen) intellektuellen Eindimensionalität das Scheckbuch entgegen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zyklischen Hinwendungen der säkular-kapitalistischen Gesellschaft, wie sie sich beispielsweise auf Kirchentagen zeigen, sind nur situativ und verpuffen schnell. In Wirklichkeit wird das Sakrale nur mehr in Extremsituationen &quot;nachgefragt&quot;  bei Kindtaufen, Hochzeiten, schweren Krankheitsfällen, Beerdigungen. Und selbst dann spielt es häufig nur eine schmückende Rolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Gegensatz zur Atomisierung der säkular-kapitalistischen Welt sieht Strauß die wirkungsmächtige Durchdringung islamischer Gemeinden, die bis in die persönlichsten Hilfestellungen der Gläubigen hinein Geborgenheit bietet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl er durchaus für einen Imperativ für den Schutz der &lt;i&gt;Sakralsphäre&lt;/i&gt; eintritt, wäre es vollkommen falsch, Strauß&apos; Text als Anweisung zur Restauration zu einer religiösen Gesellschaftsordnung zu lesen. Der Aufsatz formuliert als Alternative eine Art Rückbesinnung auf die &lt;i&gt;Sinnes- und Geistesgaben&lt;/i&gt; basierend auf &lt;i&gt;Kunst, Reflexion und Sensibilität&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Differenziervermögen&lt;/i&gt; - eine Beschwörung bester aufklärerischer Werte, die  wie Strauß treffend formuliert - &lt;i&gt;in der westlichen Gesellschaft der Gegenwart von geringer Bedeutung, geringem Ansehen sind&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein gewagtes Unterfangen  und etwas Neues. Nicht das Lockangebot der Teilnahme an der ökonomischen Partizipation (das, was wir &quot;Globalisierung&quot; nennen) schlägt Strauß vor, sondern eine Besinnung auf unsere &lt;i&gt;Sinnes- und Geistesgaben &lt;/i&gt;. Für jeden Politiker sind solche Formulierungen natürlich vollkommen exotisch. Aber (grosse) Teile der islamischen Welt (die jemand wie Enzensberger mit eurozentristischer Brille als &quot;radikale Verlierer&quot; pauschal denunziert) sind nicht &quot;käuflich&quot; (für unser Verständnis natürlich absolut unverständlich  kaufen wir uns inzwischen doch im modernen Ablasshandel selbst von der Belastung durch Kohlendioxid frei [als liesse sich Natur durch Geld korrumpieren]).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Text schwingt mit, dass der Islam auf Dauer unserer geist- und wertelosen Gesellschaftsform kulturell überlegen ist (zum entscheidenden Punkt der demografischen Entwicklung schweigt Strauß; das ist das Thema von Heinsohn, der die Angelegenheit allerdings im langfristigen Resultat als ziemlich ungefährlich einstuft). Wie sich diese kulturelle Überlegenheit auswirkt, bleibt offen. Der von ihm propagierte &quot;Kultur-, Kunst- und Geistesstaat&quot; soll in fruchtbarem Disput mit der islamischen Kultur stehen. Hierbei entstünden dann Synergien (hier wird Strauß enthusiastisch: &lt;i&gt;ein globales Toledo&lt;/i&gt;), die sich auf die jeweiligen Kulturen auswirken und sie punktuell auch verändern würden. Strauß ist ausdrücklich kein Verfechter einer Einheitskultur und steht in Gegnerschaft zum aktuellen antagonistischen Denken. Das, was der &quot;helfende Westen&quot; in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak versucht, also das Oktroyieren &quot;westlicher Werte&quot; in einer Art neokolonialer Beglückungsstrategie, lehnt er ab. Sein &quot;multikulturelles Bild&quot; dürfte eher das einer multipolaren Welt sein, in der in gegenseitigem Respekt unterschiedliche Wertevorstellungen parallel existieren  ohne dass sie sich kriegerisch bekämpfen. Die Frage, inwieweit universalistische Werte dabei eine Rolle spielen (und wenn ja, welche), bleibt offen.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Essay&quot;&gt;Essay&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2007-03-31T20:12:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/2586623/">
    <title>Versuch über die Wahrheitsminister</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/2586623/</link>
    <description>&lt;div style=&quot;border:3px solid #0000FF; padding: 5px;&quot;&gt;&lt;b&gt;Exkurs I  1984&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind hier, weil Sie es an Demut, an Selbstdisziplin haben fehlen lassen. Sie wollten den Akt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis ist für geistige Gesundheit. Sie zogen es vor, ein Verrückter, eine Minderheit von einem einzelnen zu sein. Nur der geschulte Geist erkennt die Wirklichkeit, Winston. Sie glauben, Wirklichkeit sei etwas Objektives, äusserlich Vorhandenes, aus eigenem Recht Bestehendes. Auch glauben Sie, das Wesen der Wirklichkeit sei an sich klar. Wenn Sie sich der Selbsttäuschung hingeben, etwas zu sehen, nehmen Sie an, jedermann sehe das gleiche wie Sie. Aber ich sage Ihnen, Winston, die Wirklichkeit ist nicht etwas an sich Vorhandenes. Die Wirklichkeit existiert im menschlichen Denken und nirgendwo anders. Nicht im Denken des einzelnen, der irren kann und auf jeden Fall bald zugrunde geht: nur im Denken der Partei, die kollektiv und unsterblich ist. Was immer die Partei für Wahrheit hält, &lt;i&gt;ist&lt;/i&gt; Wahrheit. Es ist unmöglich, die Möglichkeit anders als durch die Augen der Partei zu sehen. Diese Tatsache müssen Sie wieder lernen, Winston. Dazu bedarf es eines Aktes der Selbstaufgabe, eines Willensaufwandes. Sie müssen sich demütigen, ehe Sie geistig gesund werden können. &lt;/div&gt; &lt;br /&gt;

In einem Punkt ist Orwells Zukunftsphantasie längst Realität geworden: Die Wahrheitsminister sind unter uns. Sie sind so zahlreich und so mächtig, dass sie den Diskurs, das öffentliche Diskutieren kontroverser Themen seit Jahren, seit Jahrzehnten bestimmen. Das Philistertum der Wahrheitsminister ist nicht zu verwechseln mit dem, was man als (wissenschaftlich belegten oder moralisch erarbeiteten) Konsens bezeichnet. Wahrheitsminister begründen Wahrheiten über das konsensuelle einer Gesellschaft hinaus. Sie sind nicht nur die Türhüter, sie sind die Exegeten des Konsens. Sie interpretieren ihn aus, richten dabei über gut und böse, über richtig und falsch. Daumen hoch oder Daumen runter. Wahrheitsminister sind dabei nicht zu verwechseln mit dem vergleichsweise harmlosen Mainstream. Wankelmütig sind sie selten; nur die normative Kraft des Faktischen verleitet sie gelegentlich dazu, ihre Wahrheiten anzupassen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrheitsminister sind selten in Lobbys organisiert. Derartige Offensichtlichkeiten mögen sie nicht. Zusammenschlüsse wie die INSM beispielsweise bestehen aus Mainstream-Jüngern, die die Gewissheiten der Wahrheitsminister kaum tangieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kriterien der Wahrheitsminister werden nicht hinterfragt  das gehört zu den von ihnen selbst erschaffenen Regeln. Wer es dennoch wagt, wird sofort diskreditiert; wenn notwendig auch ad hominem. Das feine, meist unsichtbare Netzwerk der Wahrheitsminister sorgt dafür, dass irgendein &quot;Anti...&quot;-Wort schnellstens die intellektuelle Reputation des Abtrünnigen guillotiniert. Dabei wissen sie, irgend etwas wird immer hängen bleiben. Ein &quot;Anti...&quot;-Wort (in ganz schlimmen Fällen auch ein &quot;Pro...&quot;-Wort) klebt wie eine Vorstrafe auf dem Delinquenten. Es verfällt nie; Bewährung wird nicht gewährt. Ausser, wenn sie selber fehlen (was selten publik wird, da ihr eigenes Leben sakrosankt ist). Dann erwarten sie das, was sie anderen verwehren.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz selten gibt es auch Wahrheitsminister in der politisch aktiven Klasse. Normalerweise versichern sich die Politiker des Wohlwollens der Wahrheitsminister. Als Gegenleistung stellt man beispielsweise die Dogmen des Parteienstaates nicht infrage. Eine Hand wäscht die andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ganz wichtigen Wahrheitsminister nennt man in der Öffentlichkeit Päpste. Hiermit wird noch einmal ihre Unfehlbarkeit unterstrichen. Sie widersprechen dem Attribut nur aus vordergründiger Bescheidenheit. In Wirklichkeit sind sie geschmeichelt; gelegentlich vielleicht ein bisschen unwirsch, das es so lange gedauert hat mit der Beförderung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;div style=&quot;border:3px solid #0000FF; padding: 5px;&quot;&gt;&lt;b&gt;Exkurs II - Der neue Literaturpapst&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergangene Woche gab es in Deutschland offensichtlich einen neuen Literaturpapst. Marcel Reich-Ranicki, der sich seit Jahrzehnten vergeblich gegen diese Bezeichnung &quot;gewehrt&quot; hat, wurde laut Herrn Beckmann von Hellmuth Karasek abgelöst. Das Veränderung nicht immer Fortschritt bedeutet, ist daran allerdings deutlich abzulesen: Während Reich-Ranicki in seiner Verbohrtheit wenigstens noch Herausforderung bot, pinkelt der neue Papst in einer allgemeinen Moralbesoffenheit nur seine selbst aufgestellten Denkmäler an. Karasek hätte die Frage, ob er die Wahl annehme, lieber ablehnend beantworten sollen. Obwohl Roger Willemsens Charakterisierung von Karasek (bereits 1999) das Wesen des Wahrheitsminister Karasek schön erklärt: &lt;i&gt;Was ihn überforderte - und das passiert &quot;der Kunst&quot; leicht mal -, das Ambitionierte, Engagierte, radikal Wahrhaftige, formal Gelöste, Experimentelle, Unkommerzielle, Anstrengende, das nicht wie Karasek primär das Massenpublikum penetrieren will, all das ist &quot;arrogant&quot; und zeugt von &quot;elitärem Dünkel&quot;. Aber wer schützt das Publikum vor der Arroganz des Kritikers, der gegen das Verschwinden Godards eine Huldigung an Tom Gerhard anzubieten hat!&lt;/i&gt; Aber nicht jeder Wahrheitsminister taugt zum Papst. Naja, von Reich-Ranicki nach Karasek  die Republik bekommt, was sie verdient.&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;

Die Wahrheitsminister in der Literatur werden es auch unter grössten Anstrengungen nicht schaffen, die Öffentlichkeit dauerhaft und umfassend mit ihrem Geschmack zu usurpieren. Schlimmer sind die Wahrheitsminister in den gesellschaftlichen und politischen Diskursen. Ihr Wirken beschädigt die Urteilskraft und das intellektuelle Denken einer Gesellschaft dauerhafter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wichtig zu unterscheiden ist, dass die Wahrheitsminister sich zwar unter Umständen der &quot;political correctness&quot; (PC) bedienen, also jener Strömung, die aus den USA zu uns herübergeschwappt ist, und uns in &quot;Neusprech&quot;-Ambitionen vorschreiben möchte, wie wir was auszudrücken und zu empfinden haben. Aber nur die Lakaien der Wahrheitsminister, die Exekutoren des Neusprech, assistieren in dieser Richtung (mangels nicht vorhandener Fähigkeiten, beispielsweise selbständig zu denken). Sie benötigen dieses Gerüst der PC wie ein Schamane, der Knochen in Luft wirft, um damit seine Urteile zu fällen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrheitsminister bedienen sich der PC nur als zusätzliche Illustration ihrer Wahrheit. Niemand käme auf die Idee, die PC auf ihre Äusserungen anzuwenden. Dies käme einer Gotteslästerung gleich. Wie schlimm Häresie bestraft wird, musste neulich Botho Strauss (wieder einmal) erfahren, als er emphatisch (und vielleicht ein wenig überpointiert) einer &lt;i&gt;Lea-Rosh-Kultur&lt;/i&gt; widersprach, &lt;i&gt;in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll oder rückschaudernd erstarren und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietätlos und missliebig angesehen wird.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Arme Wichte, die sich, an die PC und ihre gelegentlich drolligen Auswüchse verbeissend, in einer Anti-PC-Haltung erschöpfen und damit glauben, in jedem Diskurs nur aufgrund der Tatsache, dass sie gegen den Strom reden, schon Recht haben. Sie können natürlich genüsslich von den PC-Apologeten vorgeführt werden. Denn tatsächlich benutzen sie meistens ihre Attacken auf die PC nur, um sich als Opfer zu stilisieren und ihre (oft) antidemokratischen Affekte damit zu verbrämen. Hieraus jedoch per se jede Anti-PC-Bewegung zu diskreditieren, ist natürlich Unsinn. Das ficht die Lakaien der Wahrheitsminister aber nicht an. Sie fühlen sich schliesslich moralisch überlegen und ihre letzte Frage, ihr letztes Erinnern an eine Neugier ist schon sehr lange her. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verkündiger der Wahrheit argumentieren schon lange nicht mehr. Oft genug sind ihre Argumente nur tautologische Schlüsse. &quot;Ich sage es, und weil ich es so sage, stimmt es.&quot; Wahrheitsminister reagieren schnell restriktiv. Toleranz kennen sie meist nur in einer Richtung. Komplizierte Sachverhalte reduzieren sie entweder auf Schlagworte oder personalisieren sie. Sie haben sich damit der Komplexitätsreduzierung durch die Medien hervorragend angepasst. Ihre Phraseologie ist griffig. Berührungsängste zu Boulevard-Medien haben sie längst abgelegt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wahrheitspäpste und Wahrheitsminister erkennt man auch an ihrer Körpersprache. Und daran, dass sie in den Hauptnachrichtensendungen des (öffentlich-rechtlichen) Fernsehens gezeigt werden. Sie umgeben sich mit einer monarchischen, absolutistischen Aura. Häufig ist ihr Erscheinungsbild in einem Punkt anders als das &quot;normaler&quot; Menschen. Kleine, immer wiederkehrende Accessoires schaffen auch für diejenigen, die ein schlechtes Namensgedächtnis haben, einen Wiedererkennungswert. Das kann ein Schal sein, der  unabhängig von der jeweiligen Temperaturlage  locker um die Anzugjacke gelegt ist. Oder die Anzugjacke selber wird nur auf die Schultern gelegt. (Wetten, Sie wissen, welche Persönlichkeiten gemeint sind?) Oft sitzen sie vor Bücherwänden oder vor unaufgeräumten Schreibtischen, die ihr Wissen und ihre Wichtigkeit unterstreichen sollen.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kennt etliche von ihnen schon seit Jahrzehnten. Sie haben keine Talkshow ausgelassen. In regelmässigen Abständen geben sie Interviews  in der ZEIT, im Spiegel, Focus, FAZ, SZ, usw. Ihre Meinungen sind bis in die kleinsten Verästelungen öffentlicher Themen immer präsent. Gibt es Neues, Kontroverses, treffen sie zielsicher ihr Urteil. Wenn man sich die Diskurse in der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten ein bisschen angetan hat, dann weiss man oft genug schon vorher ihr Urteil. Amen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;div style=&quot;border:3px solid #0000FF; padding: 5px;&quot;&gt;&lt;b&gt;Exkurs III  Die Diskursverhinderer&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrheitsminister bestimmen aber nicht nur die Urteile in Diskursen. Sie bestimmen auch, was überhaupt zur Diskussion zugelassen wird. Seit es allerdings das Internet gibt, wird das Ausmass ihrer Verdrängungskultur transparenter. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ist beispielsweise Jostein Gaarders Text &quot;&lt;a href=&quot;http://kulturtechnik.twoday.net/stories/2507599/&quot;&gt;Gottes auserwähltes Volk&lt;/a&gt;&quot;. Wenige Tage nach seinem Erscheinen am 5. August wurde er vom Englischen ins Deutsche in einem deutschen Weblog ins Netz gestellt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der als &quot;antiisraelisch&quot; denunzierte Text Gaarders hat bis heute keine Chance bekommen, in einem Printmedium (von Radio und Fernsehen ganz abgesehen) abgedruckt zu werden. In der FAZ, der NZZ und der TAZ gab es kurze Statements. Diese Artikel gaben  natürlich - die Meinung der Wahrheitsminister wider. So wurde beispielsweise Gaarders Titel flugs wurde als &quot;ironisch&quot; abgetan und ihm unterstellt, er befürworte eine Art Zwangsumsiedlung der Israelis. Im Musterkombinat der Wahrheitsminister, Spiegel Online, wurde verkündet, dass jeder, der diesen Text gutheisse, ein Antisemit sei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Gewissheiten sind für den Zeitungsleser, Radiohörer oder Fernsehzuschauer nicht hinterfragbar. Sie wären es nur, wenn im Medium der Kritik auch der inkriminierte Beitrag abgedruckt oder äquivalent anderweitig verfügbar wäre. Aber nicht einmal Spiegel Online hat einen Hinweis auf die deutsche Version gebracht (der Link zum englischen Text funktioniert nur temporär).     &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was bleibt, ist, dass der unkritische (und/oder überforderte) Leser mit der Primitivgleichung &apos;Jostein Gaarder = Antisemit&apos; abgespeist wird. Ein Armutszeugnis für Journalismus und ein Triumph für die Wahrheitsminister und ihre Steuerung von Diskursen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wovor haben die Wahrheitsminister eigentlich Angst?&lt;/div&gt;   &lt;br /&gt;

Über die Multiplikatoren der Wahrheitsminister muss noch gesprochen werden: Die Journalisten. Beziehungsweise diejenigen, die sich dafür halten. Sie träufeln diese Wahrheiten über ihre Medien in die Köpfe der Menschen wie ein Gourmet Zitronensaft über die Austern. Über sie erfahren wir, was die Wahrheitsminister für Humor halten, was Kunst ist (vor allem: was es nicht ist), wer ein Kriegsverbrecher ist (und wer nicht), ab wann man Antisemit ist (das geht sehr schnell), wie man Frauen oder besser noch ganze Völker emanzipiert, was blasphemisch ist und was nicht, wie man freie Meinungsäusserung auszulegen hat und wann sie nicht gilt.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Multiplikatoren der Wahrheitsminister bestimmen, wann ein Thema in den Vordergrund rückt  und wann nicht. Sie bestimmen den Grad der Entrüstung  oder auch (seltener) der Gelassenheit. Sie sind von jedem Beleg ihrer Urteilskompetenz befreit; jeder Imbissbudenbesitzer oder Strassenmusikant muss mehr Nachweise beibringen, seine Tätigkeit ausüben zu dürfen. Die selbstgegebene Einstufung &quot;Experte&quot; genügt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wahrheitsminister definieren, was Terrorismus ist und was &quot;Kampf gegen den Terror&quot;. Sie definieren, wann eine Aggression vorliegt und wann das Selbstverteidigungsrecht gilt. In Windeseile schubladisieren sie. Die Ergebnisse werden durch die Multiplikatoren verbreitet. Droht einmal der Standpunkt der Wahrheitsminister nicht zu dominieren, wird mit (fragwürdigen) Behauptungen das entsprechende Medium diskreditiert.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die höchste Beförderung eines Journalisten ist die zum Wahrheitsminister und dann irgendwann zum Wahrheitspapst. Das geschieht nicht häufig. Denn zum Wahrheitsminister wird man nicht durch deskriptives oder opportunistisches Verhalten, sondern muss selbst aktiv Wahrheiten begründen. Journalisten, die besonders treu den Wahrheitsministern folgen und ihre Urteile mit besonders niederträchtiger Demagogie würzen, werden jedoch belohnt. Es gibt auch Journalisten, die scheinbar gegen die Wahrheitsminister opponieren und ihrerseits sehr polemisch und bissig gegen sie agieren. Manchmal sind das aber nur Doppelagenten. Man könnte dafür den Begriff der &quot;Broderline&quot;-Persönlichkeit konzipieren (nicht zu verwechseln mit der &lt;i&gt;Borderline&lt;/i&gt;-Persönlichkeit; eine Krankheit, die noch existentieller ist).   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer glaubt, dass das Internet und die (fast) unumschränkte Publikationsmöglichkeit Abhilfe schaffen, irrt leider. Auch hier versuchen die Lakaien der Wahrheitsminister mittels technischer und menschlicher Power die Deutungshoheit zu gewinnen. Es gelingt ihnen, da die Alternativen oft genug nur pöbelnde Dummschwätzer sind und auf ihren Weblogs oder in Foren ihren (rechts-)radikalen Müll absondern. Das Internet verschärft oft genug die Polarisierung eines Diskurses, nicht unbedingt die Tiefe (und somit Qualität). Demjenigen, der sich dem Konformitätsdruck der Wahrheitsminister verweigert aber auch keine Heimat in antidemokratischen Visionen finden kann, wird dann häufig noch Zuflucht in spirituelle oder esoterische Gewissheiten suchen. Eine Wahl zwischen Scylla und Charybdis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist das Ziel der Wahrheitsminister? Haben sie finanzielle oder ökonomische Interessen? Meistens eher nicht. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Aber wenn sich eine Handlung, eine Meinung, ein Standpunkt als finanziell einträglich für denjenigen erweist, der sie vertritt, so ist das ein lobbyistisches Agieren. Wahrheitsminister verschmähen den schnöden irdischen Mammon; ihre Entlohnung liegt eher im immateriellen. Was sie zwar nicht von Buchkampagnen (o. ä.) abhält, aber das sind letztlich nur Appendizes zu ihren Gewissheitsstatements. Sie wollen die intellektuelle Hegemonie in der Bundesrepublik fortschreiben. Ihr Regiment ist nicht ernsthaft gefährdet, muss aber ständig aktualisiert werden. Der Nachwuchs ist schon da. An den sprunghaft steigenden Google-Ergebnissen bestimmter Persönlichkeiten erkennt man die Erben. Es geht also weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Frage wird der bis hierhin geduldige (oder auch schon entrüstete) Leser noch stellen: Wer sind denn bitteschön diese Diskursbestimmer und Angehörigen der Meinungskamerilla?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tja, lieber Leser, wer das alles ist  lassen Sie doch mal Ihre Phantasie spielen! Überlegen Sie doch einmal, was Sie schon sehr lange nicht mehr befragt haben! Welcher Persönlichkeit hängen Sie allzu bereitwillig an den Lippen? Wann schalten Sie ganz gerne Ihre kritischen Fragen aus? Wann stimmen Sie &lt;i&gt;hier&lt;/i&gt; etwas zu, was Sie &lt;i&gt;anderswo&lt;/i&gt; ablehnen? Wo gibt es Ambivalenzen, die Sie erst beim näheren Hinsehen feststellen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie steht es mit der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Gibt man sich nicht allzu gerne den Gewissheiten hin, die einem mit der Zeit lieb und teuer geworden sind? Hat man sich vielleicht allzu bequem im Nest der festgefahrenen Meinungen eingerichtet? Die Wahrheitsminister reüssieren ja auch deshalb, weil sie Geborgenheit bieten; sie vermitteln das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Gefolgschaft wird belohnt mit der Aufnahme in eine Art virtuelles Elysium. Es mag im Einzelfall schwierig sein, diese schön gepolsterten Sessel gelegentlich zu verschmähen und auf den harten Holzbänken Platz zu nehmen. Aber es könnte sich lohnen.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Essay&quot;&gt;Essay&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-08-27T15:27:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1594819/">
    <title>Zwischen den Stühlen</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/1594819/</link>
    <description>&lt;b&gt;Nach rund 16 Jahren ist der neue Antipode des Westens endgültig gefunden: es ist der Islam. Respektive das, was wir dafür halten.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehr als 40 Jahre lebten die Europäer in einem bipolaren Denken, NATO oder Warschauer Pakt  verdichtet im dämlichen deutschen Wahlkampfslogan von 1976: Freiheit oder Sozialismus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Annäherung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Insbesondere in den ersten Wahlkämpfen der jungen Bundesrepublik verstand es Konrad Adenauer perfekt, die durch jahrelange, rassistische Nazipropaganda eingetrichterten antisowjetischen Ressentiments in der Bevölkerung neu zu wecken, indem er die SPD mit dem Kommunismus in ideologische Nähe brachte. Bekannt ist sein flammender Appell anlässlich der Wiederbewaffnungsdebatte 1953 als er suggerierte, nur eine neu erstarkte deutsche Armee könne vor der Bedrohung durch Sowjetrussland schützen. Die wahren Gründe verschwieg der Alte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst mit der sozial-liberalen Koalition in Deutschland und deren neuer Ostpolitik (Wandel durch Annäherung) bekam der Kommunist wieder Kontur. Ein schmalziges Lied drückte Anfang der 80er Jahre die Verwunderung vieler aus: Der Mann aus Russland...konnte lachen, konnte weinen.... Da lebten ja tatsächlich Menschen! Die letzte Erinnerung an sowjetischer Politik bei der Bevölkerung in Westeuropa verknüpfte man hauptsächlich an den mit den Schuhen auf dem Tisch trommelnden Chrustschow in den Vereinten Nationen. Und bei James Bond taugten die russischen Agentinnen allenfalls nur kurzfristigen Befriedigung des Helden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Zweifel: Die Annäherung war keine Einbahnstrasse. Zwar kam der Angriff in Planspielen bei der Bundeswehr weiterhin immer aus dem Osten (aber es war ja nur eine Übung, bitteschön) und der Weltfrieden wurde immer von dem anderen bedroht. Und man konnte zu Weihnachten die Päckchen schicken. So sah man sich doch gerne: In der Rolle des grosszügigen Spenders; die Türe blieb zu (Gott sei Dank). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch nahm auch allgemein die Tolerenz gegenüber kommunistischen Regimen zu. Der Warschauer Pakt wurde ein stückweit als Feindbild entzaubert. Der eiserne Vorhang rostete und wurde poröser. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Zeiten das Wort Wiedervereinigung nur in den Mund zu nehmen, galt schon als rechts; als eine Bedrohung für den Weltfrieden. Man hatte sich mehr oder weniger mit den Verhältnissen arrangiert. Die Kriege um das jeweils dominierende System wurden weitgehend ausserhalb der Wahrnehmung geführt  in Afrika, Mittel- und Südamerika; selbst Kriege und Konflikte im Nahen und Mittleren Osten  immer wieder aufflammend oder drohend  liessen uns höchstens um das Öl und den Sonntagsausflug bangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Anfang der 80er Jahre der Westen eine Doppelstrategie verfolgte, die u. a. vorsah, dass Deutschland im Falle eines Krieges zum nuklearen Schlachtfeld geworden wäre, begriffen die meisten Politiker nicht, dass viele Bürger plötzlich die eigene Militärmacht als bedrohlicher empfanden, als die des potentiellen Gegners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der Pyrrhussieg&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Umso überraschender kam der politische und ökonomische Zusammenbruch der sich sozialistisch nennenden Staaten 1989/90. Natürlich wurde er politisch durch Gorbatschows unstrukturierte Politik, die eine weitgehend friedliche Transformation möglich machte, befördert, obwohl das Resultat nicht das war, was er anstrebte; wenige Jahre später war Gorbatschow bereits selber Geschichte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gewissermassen haben Kohl und Teltschik Deutschland 1990 mit dem Scheckbuch wiedervereinigt. Die Zugeständnisse, die man machte, waren fast alle ökonomischer Art; die Akzeptanz der Oder-Neisse-Linie als endgültige Ostgrenze Deutschlands stellte nur für ultrarechte Vertriebenenverbände ein Problem dar. Im Gegenzug erhielt man eine Art Friedensvertrag und die volle Souveränität.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Versuchung, den Kapitalismus (oder, wie es euphemistisch genannt wird, die Marktwirtschaft) als Sieger im jahrzehntelangen Kalten Krieg zu feiern, war gross. Die Väter waren auch auf einmal zahlreich. Rechte Historiker sahen in Adenauers Standhaftigkeit und Einordnung in einer Westbindung den entscheidenden Schritt, der sich nun, nach 40 Jahren, ausgezahlt habe. Andere glaubten, mit dem NATO-Doppelbeschluss Anfang der 80er Jahre das östliche Militärbündnis totgerüstet zu haben. Und endlich wurde auch die Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr Anfang der 70er Jahre als Anfang vom Ende des real existierenden Sozialismus gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Übergangszeit&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Die Epoche, die nun begann, wurde entweder als Beginn einer Art dauerhaften Friedens gesehen (Francis Fukuyama  &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Geschichte&quot;&gt;&quot;Das Ende der Geschichte&quot;&lt;/a&gt;) oder von düsteren Erahnungen sich neu konstituierender globaler, ethnischer oder religiöser Konflikte begleitet (Samuel Huntington  &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Kampf_der_Kulturen&quot;&gt;&quot;Der Kampf der Kulturen&quot;&lt;/a&gt;). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der eher konservative Huntington sah vor allem die islamische Welt und China als einen neuen Kontrapunkt zu unserer Wertegemeinschaft. Den &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/2._Golfkrieg&quot;&gt;2. Golfkrieg&lt;/a&gt;1990 sah er als Kennzeichen eines Krieges in einem Epochenübergang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der irakische Diktator Saddam Hussein (jahrelang ein USA-Verbündeter im &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/1._Golfkrieg&quot;&gt;Krieg gegen den Iran&lt;/a&gt;, der 1988 nach endlos zähem Kampf und über 1 Mio. Toten von beiden Seiten erschöpft und ausgelaugt beendet wurde) überfiel das kleine Emirat Kuwait, um es in sein Staatsgebiet zu integrieren. Mit den zusätzlichen Öleinnahmen hätte sich der Irak wieder schnell erholt und wäre eine Regionalgrossmacht geworden. Die Gründe wurden mit alten Besitzansprüchen aus der Kolonialzeit maskiert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem einzigartigen Propagandafeldzug (reich untermalt mit Lügen) verstand es der damalige US-Präsident &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/George_H._W._Bush&quot;&gt;Bush sr.&lt;/a&gt; eine fast globale Koalition zusammen zu stellen, die über die Vereinten Nationen Druck auf den Irak ausüben sollte und den Krieg als Ultima ratio vorsah. Selbst Staaten wie Syrien und Saudi-Arabien gehörten dieser Koalition an. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Ultimatum an Saddam Hussein ablief, begann unter dem Kommando der USA der Krieg  sowohl Bombardements als auch Bodentruppen. Innerhalb weniger Wochen war das nepotistische Regime in Kuwait wieder eingerichtet; einen Feldzug gen Bagdad, d. h. den Sturz Saddam Husseins, unterliess man. Bush wollte sich an die Resolutionen der UNO halten, schon um seine Koalition nicht platzen zu sehen. Ausserdem befürchtete man, dass das fragile Staatsgebilde Irak durch ein plötzliches Machtvakuum auseinanderfallen und in einen langen Bürgerkrieg stürzen würde (wie Jahre zuvor der Libanon)  mit vielleicht fatalen Entwicklungen auf die Ölförderung.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg hatte eine vom Westen gar nicht wahrgenommene Wirkung: Die Stationierung amerikanischer Truppen in Saudi Arabien  dem Land, in dem die wichtigsten Pilgerstätten des Islam sind, dem heiligen Land  war für konservative Muslime (fälschlicherweise als Fundamentalisten bezeichnet) ein Frevel  eine Beleidigung. Zumal die Truppen aus strategischen Gründen dort bleiben sollten, wenn auch reduziert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer verstärkt globalisierten Welt, d. h. simultan und zeitnah wahrgenommener Interaktionen, prallen kulturelle Differenzen direkt aufeinander. Das ist per se nicht schlimm. In dem Moment jedoch, in dem eine Seite eine Hegemonie, also eine Übernahme der eigenen kulturellen und gesellschaftlichen Lebensmodelle durch den anderen beansprucht, und ihm diese Wertvorstellungen sogar aufzwingen möchte, wird der Konflikt selber identitätsstiftend und bekommt eine Dynamik, die sich oft genug vom eigentlichen Gegenstand entfernt (man könnte es mit der Michael Kohlhaas-Geschichte von Kleist vergleichen).   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach 1990 wurden zunächst die osteuropäischen Staaten (besonders schmerzhaft in Jugoslawien, in dem insbesondere auch Deutschland dort sezessionistische Kräfte unterstützte) mit dem marktwirtschaftlichen System konfrontiert und dies praktisch widerstandslos dort implementiert. Die Ergebnisse vor Ort sind jedoch für viele Gesellschaftsschichten inzwischen ernüchternd. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;China&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
In der Volksrepublik China wurde 1988 die politische Demokratiebewegung brutal zerschlagen. Wirtschaftlich praktizierte man in Sonderwirtschaftszonen bereits länger den puren Kapitalismus; dies wurde sukzessive ausgebaut. Heute kann China als kapitalistischer Staat gelten, der politisch nach wie vor das Ideal des Kommunismus verfechtet; in Wahrheit handelt es sich jedoch um eine Funktionärsdiktatur. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich überlagern die ökonomischen Interessen auch hier die Politik. Eine in den 90er Jahren durch den Westen initiierte Wertediskussion wird nicht mehr weitergeführt; die Chinesen bestanden darauf, ihre Vorstellungen nicht zu Gunsten westlicher Werte (Demokratie, Menschenrechte) aufzugeben, in dem sie schlichtweg den universalen Anspruch der westlichen Werte in Abrede stellten. Aufgrund der sehr grossen ökonomischen Potenz Chinas wurde dies weitgehend akzeptiert; kein Staatsmann würde heute ernsthaft auf die Idee kommen, zur Durchsetzung demokratischer Wahlen in China einen Wirtschaftsboykott auszurufen. Längst ist China derartig stark in die Weltökonomie eingebunden, dass man eher die Stabilität des Regimes wünscht.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der einzige Grund, warum China derzeit noch nicht als Weltmacht neben den USA erscheint, liegt in seiner fatalen Abhängigkeit von Energieressourcen, die importiert werden müssen. Die Volkswirtschaft Chinas ist bereits jetzt der zweitgrösste Energienachfrager der Welt (hinter den USA). Im Gegensatz zu den USA, die ihre Energieversorgung mittelfristig in einer Art Kolonialpolitik im Kaukasus und Nahen Osten absichern wollen, fehlt China weitestgehend der politische Druck, den sie auf ihre Rohstofflieferanten ausüben können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Weltmacht USA&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Diesen Zustand so lange wie möglich zu erhalten, ist das Ziel der Bush-Administration. Inzwischen weiss jedes Kind, dass die meisten Staaten, die grössere Erdöl- oder Erdgasvorkommen haben, Diktaturen oder politisch sehr fragile (und auch fragwürdige) Gebilde sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nun immer zwei Möglichkeiten: Der jeweilige Machthaber ermöglicht dem Westen auf kapitalistische Art die Förderung der Rohstoffe  alle verdienen dabei viel Geld und die Familie des Diktators auch   dann wird dieser Staat wohlwollend betrachtet (Beispiele sind Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Emirate, Usbekistan, Aserbeidschan; Äquatorial Guinea). In diesen Fällen spielen dann überraschenderweise die Menschenrechtsverhältnisse keine Rolle. Der Drang nach Demokratisierung endet für den Westen meistens dort, wo es im Zentrum des Spiels ein paar Fässchen Öl gibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder die Länder treten selbstbewusst auf, streben gar die Verstaatlichung der Ölausbeutung an  dann werden die jeweiligen Regierungen mit allen Mitteln bekämpft (Beispiel hier Venezuela; das sich nicht viel geändert hat in den letzten 50 Jahren zeigt das Beispiel &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Mohammad_Mossadegh&quot;&gt;Mossadeghs&lt;/a&gt;).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die dritte Alternative besteht in der Kolonialisierung der entsprechenden Länder  das aktuelle Beispiel ist natürlich der Irak.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Herausforderung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Neben dem seit 2000 wieder eskalierenden Israel-Palästina-Konflikt sorgten die Terroranschläge des 11. September 2001 für den Ausbruch eines grundlegenden, unterschwellig lange schwelenden Konflikts: Unbedachte Äusserungen der Bush-Administration, die vom Kreuzzug gegen den Terror sprachen und eindeutig religiös-weltanschauliche Konnotationen ausdrückten, schürten in der islamischen Welt antiamerikanische und anti-westliche Stimmungen. Zwar war die gewaltsame Entfernung der Taliban-Regierung in Afghanistan nebst anschliessender Kolonialisierung noch weitgehend mit stillschweigender Duldung der muslimischen Massen aufgenommen worden, aber die seit Mitte 2002 zielgerichtet anlaufende Propaganda wider den Irak des Saddam Hussein konnte durch den pan-arabischen Fernsehsender Al-Dschasira auch von radikal-islamischen Kreisen instrumentalisiert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Längst waren Osama bin-Laden und andere Al-Qaida-Funktionäre zu Volkshelden der Massen aufgestiegen. Bin Laden, der als Instrument des Kalten Krieges dem Westen lange genug diente, ging nun mit der gleichen Vehemenz, mit dem er den Kommunismus der Sowjets in Afghanistan bekämpft hatte, an die Bekämpfung des Hegemons USA und der Marionetten in Europa. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nahrung bekommt diese Haltung auch durch zwiespältige Vermittlungsbemühungen des Westens im israelisch-palästinensischen Konflikt. Die USA und andere westliche Staaten können nur sehr schwierig den neutralen Vermittler spielen, wenn sie gleichzeitig beispielsweise in den Vereinten Nationen mehrfach einseitig Partei für Israel einnehmen  so die Wahrnehmung in der nahöstlichen Welt, die nach dem bellizistischen Durchsetzen der UN-Resolutionen gegen den Irak ein ähnliches Engagement hinsichtlich der Umsetzung der Resolutionen gegen Israel anmahnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den fatalen Eindruck, was die Glaubwürdigkeit des Westens angeht, braucht man nach dem Irakkrieg 2002 und den damit verbundenen Ereignissen (Guantánamo; Folterungen irakischer Gefangener; nachträglich sich herausstellende eindeutige Lügen, die zur Legitimation des Krieges dienten) sicherlich nicht weiter eingehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Verstörungen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Der neue Feind ist also gefunden: Der islamische Fundamentalist (Komparativ: islamistische Fundamentalist). So bezeichnen wir Menschen, die den Koran, das Wort Gottes, nicht nur für einen religiösen Text, sondern auch für einen allumfassenden Handlungskanon halten, ihn entsprechend interpretieren (wobei es  im Gegensatz beispielsweise zum christlichen Glauben  keine institutionalisierte Deutungshoheit gibt), und, das ist wichtig, Menschen, die diesen Glauben nicht besitzen, diffamieren und sogar unter Umständen bekämpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verstörung, die uns in den immer gleichen Bildern betender Muslime beschleicht, resultiert einerseits aus einer diffusen Angst vor dem Unbekannten, andererseits aus einer uns unbekannten Gläubigkeit, deren Quell für uns nicht nachvollziehbar ist.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind Verfechter eines säkularen Kanons, dessen Speerspitze wir Demokratie und Menschenrechte nennen und der uns selbstverständlich geworden ist  teilweise schon bis zum Überdruss. Das Dilemma liegt allerdings darin, dass wir unseren Kanon zwar exportieren wollen (weil wir uns ökonomisch neue Märkte erschliessen möchten), die Konsequenzen jedoch nicht bereit sind, zu tragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahlergebnisse, die nicht unserem Gusto entsprechen, werden sabotiert. Der erste Sündenfall in dieser Hinsicht war &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Algeriens#Unabh.C3.A4ngigkeit&quot;&gt;Algerien 1991&lt;/a&gt;, als die als radikal eingestufte FIS die Wahlen gewann und die EU (unter der Führung der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich) einen Militärputsch initiierte bzw. gestattete, um ein islamisch orientiertes Abdriften des Landes zu verhindern. Das Ergebnis war ein Bürgerkrieg, der vorsichtigen Schätzungen nach rund 100.000 Menschen das Leben gekostet hat. Später entrüsten sich die Brandstifter in gut inszenierten Medienkampagnen, als hätten sie von nichts gewusst. Noch gut entsinne ich mich der alltäglichen Berichterstattung, in der stets Islamisten für die grössten Massaker verantwortlich gemacht wurden; später wurde publik, dass es oftmals Gemetzel der Gegenseite waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Wahlergebnis im Iran oder in den palästinensischen Gebieten gefällt uns auch nicht. In seltsamer Arroganz negieren wir auch Vermittlungsbemühungen beispielsweise Russlands oder der Türkei. Man stelle sich nur vor, George W. Bush hätte 2002 die Wiederwahl von Gerhard Schröder nicht akzeptiert und in aller Öffentlichkeit vorgeschlagen, Neuwahlen auszuschreiben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wird immer von dem Unterlegenheitsgefühl der arabischen Welt (und Massen) geredet. Dies ist sicherlich richtig. Aber der Grund, warum wir statt uns wie Kolonialmächte aufzuspielen, keine Koexistenz suchen, sondern nur politische, gesellschaftliche (und auch teilweise) religiöse Deutungsmacht beanspruchen (warum sollte ein Staatswesen Religion und Politik eigentlich gemäss unserem Muster trennen?), liegt auf der Hand: Die islamischen Staaten, insbesondere diejenigen, in der der Koran eine hohe (auch juristische) Macht ausübt, konfrontiert uns mit einer transzendenten Demut, die uns spätestens seit der Aufklärung verloren gegangen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Inbrunst, die das Gegenteil dessen darstellt, wie wir Kultur und Leben nach 1648 begreifen, verstehen wir nicht. Sie findet ihren perversen Ausdruck im Selbstmordattentäter, der das, was uns als das höchste Gut gilt, opfert um einer Sache willen und dafür mit dem himmlischen Lohn, einem Heilsversprechen auf die Zukunft, zufrieden ist. Parallel hierzu stellen wir fest, dass unser gesamter Sanktionsapparat versagt; die Bilder lachender Terroristen, denen vor Gericht die Todesstrafe droht, dürften in guter Erinnerung sein.     &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht, dass es ein Missverständnis gibt: Das ist kein Plädoyer für eine neue Religiosität. Unsere europäische Kultur kennt das schon. Aber das inzwischen weitgehende Verschwinden religiöser Bezüge in unserer Gesellschaft lässt auch so etwas wie Empathie anderen Handlungsmaximen gegenüber erst gar nicht aufkommen. Religiosität wird als befremdlich aufgefasst; Agnostiker zu sein, ist intellektuell chic. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Früchte des Kapitalismus schmecken nicht mehr allen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
In den USA wird unterdessen ebenfalls eine neue Inbrunst herausgebildet; die &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelikal&quot;&gt;Evangelikalen&lt;/a&gt; beginnen, eine Art Gegenkultur zu errichten. Ihr prominentester Vertreter ist der amerikanische Präsident. Sie sind schon recht weit gekommen; die Evolutionstheorie  Gipfelpunkt säkularer Wissenschaftlichkeit  greifen sie bereits an. Die Regression ist in den USA in vollem Gang. Nur eine Frage der Zeit, wann die Welle nach Europa schwappt, denn dauerhaft befriedigen die (inzwischen auch weiten Teilen der Gesellschaft verschlossenen) Früchte des Kapitalismus die Menschen nicht mehr.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Streit um die Rezeption der sogenannten Mohammed-Karikaturen dokumentiert die Sprach- und Kommunikationslosigkeit der sich unversöhnlich gegenüberstehenden Protagonisten. Hier wird Presse- und Meinungsfreiheit mit der Beleidigung religiöser Symbole verwechselt und masslos Öl ins Feuer geschüttet, aber dort wird urplötzlich auf die Universalität islamischer Symbole und deren Unantastbarkeit rekurriert  ein schwerer Irrtum. Beiden fehlt nicht nur Verständnis füreinander, sondern zusehends Bereitschaft an einem Dialog auf gleicher Augenhöhe. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn wenn Pakistan, ein fragiles, diktatorisch regiertes Land, durch die augenblickliche Nähe zu den USA fast problemlos als Atommacht anerkannt wird (niemand fragt mehr, wie man die Bombe bekommen hat), der unsägliche iranische Präsident jedoch mit allen Optionen an einer atomaren Bewaffnung gehindert werden soll (seine Zustimmung in der Bevölkerung steht in direktem Verhältnis zum Sanktionierungsgerede westlicher Politiker), so ist dies nicht nur töricht, sondern auch unglaubwürdig. Die pakistanische Atombombe kann bei einem Regimewechsel katastrophale Folgen für die Region haben. In der islamischen Welt ist die atomare Bewaffnung in Hinblick auf die israelischen Atombomben nur eine Wiederherstellung des Gleichgewichts. Warum uns dies stört, ist dort unbegreiflich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Europa sitzt derzeit zwischen den Stühlen. Die Hinwendung zu ultra-orthodoxen religiösen Werten aus den USA lehnt man genau so ab wie die Kanonisierung des Koran für die hier lebenden Muslime. Die säkular sich gebenden Gesellschaften Europas geraten in eine Sinnkrise. Ihr Rückzug in die ökonomische Potenz (wie in der Vergangenheit) ist ihnen verstellt; Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit breiter Schichten nimmt zu. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Angelegenheit ist ernster als während des Kalten Krieges. Bei aller weltanschaulichen Verblendung schienen die kommunistischen Staaten spätestens seit Ende der 70er Jahre berechenbar. Die Stellvertreterkriege fanden nicht bei uns statt. Das ist der entscheidende Unterschied: Wenn der Dialog zur Koexistenz zwischen dem Islam und dem Westen scheitert, treten die hieraus resultierenden Konflikte bei uns auf. Dies gilt es zu vermeiden.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Essay&quot;&gt;Essay&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2006-02-20T15:08:47Z</dc:date>
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