Essay

Avraham Burg: Hitler besiegen

Avraham Burg  Hitler besiegen
Ein Buch wie eine Hilfeschrei. Hier schreibt einer, der getrieben ist von einer besseren Welt. Getrieben von dem Aufsprengen eines Teufelsreises mit den Mitteln der Einsicht, des Arguments – und der Empathie. Der Autor ist Avraham Burg, 1955 geboren, ehemaliger Offizier in einer Fallschirmjägereinheit, ehemaliger Vorsitzender der "Jewish Agency" und ehemaliger Knesset-Sprecher (ein vielfach "Ehemaliger" also). Burg ist Sohn eines "Jeckes", eines Dresdner Universitätsprofessors, der in Deutschland blieb so lange es eben ging, für eine Unterorganisation des Mossad in Paris illegale Einwanderer herausschmuggelte und dafür sogar mit NS-Offizieren verhandelte und später Minister in mehreren israelischer Regierungen wurde und einer arabischen Jüdin, die als Kind nur mit Glück und Hilfe (ihres arabischen Vermieters) dem Hebron-Massaker 1929 entkam. Dieses Buch will er auch verstanden wissen als Gespräch mit seinem (verstorbenen) Vater und als Dialoggrundlage für seine Kinder (uns es gibt berührende Momente der Annäherung und der Bewunderung seinen Eltern gegenüber).
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Von Johannes Rau stammt der Satz: "Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet." Genau um diese Differenz geht es in dem Buch "Hitler besiegen": Burg ist ein Patriot, der sich gegen das nationalistisch werdende, sich isolationistisch gebärdende und dabei mehr und mehr in Paranoia verfallende Israel positioniert und stattdessen seine, die Werte seiner Familie, die Werte der Gründerväter, die Werte eines modernen, neuen Judentums, setzen möchte.

Burgs These: Israel hat in den 60er Jahren eine mentale Kehrtwendung seiner Identität vollzogen. Die Shoah, der millionenfache Mord der Nationalsozialisten an den Juden, wurde zum Gründungsmythos des Staates Israel mystifiziert und bestimmte immer mehr weit über das normale Gedenken hinaus die politischen Entscheidungen des Staates. Zwar gibt auch Burg zu: Israel entstand aus der Asche und ohne die Shoah hätte es – so die These - den Staat Israel in dieser Form (und in dieser Historie) nicht gegeben. Aber es gab nie den Versuch einer historischen Aufarbeitung dieses ungeheuerlichen Vorgangs, der sich jenseits vorher festgelegter Rituale abspielte. Stattdessen entwickelte Israel sich zu einer multitraumatischen Gesellschaft, einer Koalition aller ihrer Opfer, die ihre schlimmsten Erlebnisse zu ihrer zentralen existenziellen Erfahrung machten.

Eichmann-Prozess als Initiationsritual

Ausführlich beschreibt Burg diesen Prozess und dringt dabei tief in die Gründungsgeschichte des Staates Israel ein. Es gibt einen kleinen Überblick der Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert. Zwei Ereignisse der 60er Jahre waren letztlich für die heutige Situation bestimmend: Der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 und der Sechs-Tage-Krieg 1967 (der zu einem militärischen Triumph für Israel wurde).

Der Eichmann-Prozess war ein Initiationsritual, in dem Israel sich als Opfer bestätigte. Er begründete die israelische Viktimation. Burg vertritt die Meinung, der Prozess hätte damals als internationales Tribunal internationalisiert werden müssen und zitiert in diesem Zusammenhang Hannah Arendts Polemik von Ben-Gurions "Schauprozess". Ausführlich setzt sich Burg mit der damals diskutierten Möglichkeit auseinander, Eichmanns Todesurteil in eine Begnadigung zu überführen. Er zitiert aus Mitschriften von Regierungssitzungen (in denen unter anderem auch sein Vater, Josef Burg, zu Wort kommt [als Mann der Mitte]). Der Autor vertritt die These, Eichmanns Todesurteil hätte in eine lebenslange Gefängnisstrafe überführt werden sollen (es gab sogar Diskussionen darüber, ihn nach der Verurteilung freizulassen und ihn mit seiner Schuld leben zu lassen). Obwohl strikter Todesstrafen-Gegner versteht Burg durchaus, warum es zu einer Begnadigung nicht gekommen ist, denn Eichmanns Tod sollte das Ende der Shoah und den Beginn der Post-Shoah-Periode symbolisieren. Aus Gründen, die ausführlich behandelt werden, ist dann klar: In Wirklichkeit passierte das Gegenteil. Stattdessen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine Art Shoah Establishment, welches anderslautende, bedächtige und kritisch-analytische Thesen wie beispielsweise die von Hannah Arendt zum Eichmann-Prozess weder zur Kenntnis nahm, geschweige denn seinerzeit in Israel überhaupt publizierte.

Der großartige militärische Erfolg des Sechstagekrieges war das zweite einschneidende Ereignis; eine Art Pyrrhus-Sieg, den Burg da erkennt. Von nun an schritt die Militarisierung des israelischen Politik voran; nur unterbrochen von einer kurzen Phase des Oslo-Prozesses in den 90er Jahren (dem Übergangsjahrzehnt), die brutal durch die Ermordung Yitzhak Rabins beendet wurde.

Davor und danach wurde die Gefahr einer permanent virulenten zweiten Shoah als Drohpotential implementiert. Die Shoah ist unser Leben, wir wollen sie nicht vergessen und lassen nicht zu, dass jemand uns vergisst. Wir haben die Shoah aus ihrem historischen Kontext gerissen und zur Entschuldigung und Triebkraft jeglichen Handelns gemacht. Alles wird mit der Shoah verglichen, erscheint neben ihr zwergenhaft klein und ist daher erlaubt: seien es Zäune, Belagerungen, Einkesselungen, Nahrungsmittel- und Wasserentzug oder ungeklärte Tötungen. Alles ist erlaubt, weil wir die Shoah durchgemacht haben und niemand uns sagen darf, was wir zu tun haben. Nachträglich bürgerte Israel die 6 Millionen Tote[n] ein Jegliches Handeln wird nun durch die Shoah bestimmt und legitimiert. Burg fasst diese Haltung zusammen: Die Shoah ist einmalig, sie ist nur uns zugestoßen; kontaminiert unsere Shoah nicht mit den Problemen anderer Völker.

Außenpolitik und ritualisiertes Gedenken

Außenpolitisch sieht Burg Israel in einer durchaus besonderen Rolle, gerade wenn man die Geschichte Ernst nehmen würde. Ein apathisches Israel und ein passives jüdisches Volk tragen mehr Verantwortung als andere, die sich der Untätigkeit schuldig machen. Auch hier zeigt die Realität eher das Gegenteil. Israels Außenpolitik unterstützte das südafrikanische Apartheid-Regime bis zu dessen Zusammenbruch. Im Streit zwischen der Türkei und Armenien um die Bewertung der türkischen Massaker der Jahre 1915-17 als Genozid sprang man der türkischen Regierung bei. Burg macht Israel auch als Milošević-Unterstützer während der jugoslawischen Sezessionskriege aus. Mit dieser Art von Politik isolierte sich Israel von tiefgreifenden Weltprozessen und wurde zum Leugner des Holocausts an anderen Völkern. Düster der Schluss aus dieser Art von Arroganz und Geschichtsvergessenheit, die nur sich selber als Opfer geriert und kalte Interessenpolitik betreibt: Wer den Holocaust an anderen verleugnet, wird letztlich erleben, dass sein eigener Holocaust verleugnet wird. Ein Satz, der naturgemäss verstört, aber ohne Zweifel aus einer grossen Verzweiflung resultiert.

Harte Worte findet er auch, was die ritualiserte Gedenk- und Feierkultur in Israel angeht. Sie ist vollkommen geprägt von der Shoah; selbst einst religiöse Feste werden entsprechend "aufgeladen". Wir stutzten unsere grauenvolle Holocaust-Erfahrung zurecht, bis sie in einige der traditionellen jüdischen Muster passte, und fügten ihr unseren eigenen Symbolismus hinzu. Burg behauptet, dass die Shoah im israelischen Leben inzwischen präsenter als Gott sei. Ausländische Staatsbesucher werden zum Besuch nach Yad Vashem verpflichtet, dieser Pfahl, an den wir unsere Gäste stellen, um ihnen unsere exklusiven Shoah-Werte einzutrichtern, in Wahrheit sei Yad Vashem, so wie es benutzt wird, das größte Monument nationaler Ohnmacht, ein Denkmal der moralischen Taub- und Stumpfheit gegenüber anderen. Eindrücklich plädiert er für eine Neuausrichtung: Yad Vashem soll Sitz des internationalen Strafgerichtshofs werden und es sollen dort Prozesse gegen potentielle Völkermörder stattfinden.

Burg bilanziert den Status quo des Landes mit einer Mischung zwischen Erschrecken und Verzweiflung: Wir haben die Shoah aus ihrer heiligen Position geholt und in ein Instrument gewöhnlicher und sogar abgedroschener Politik verwandelt. Wir haben die Shoah zu einem Mittel im Dienste des jüdischen Volkes gemacht. Der Schuldkomplex es Nichterkennens der Gefahr einer sich abzeichnenden Verfolgung wurde überführt in einen Opfermythos. Dies führte zu absurden, teilweise geschichtsverbiegenden Wahrnehmungen. Burg fragt in diesem Zusammenhang warum…Israel die Warschauer Rebellen posthum [adoptierte], obwohl es vor der Staatsgründung so wenig unternommen hatte – soweit sich überhaupt etwas hätte tun lassen -, um ihnen gegen die Kräfte der Vernichtung und des Todes zu helfen? Der Aufstand im Warschauer Ghetto wurde als "israelisch" deklariert, weil er gut in die Shoah-Vereinnahmung passte. Die heutige israelische Gesellschaft bemerkt dabei gar nicht, so Burg, wie noch mehr als 60 Jahre nach seinem Tod Hitler und seine Schergen Reaktionen und Verhaltensweisen bestimmen (Burg konstatiert dies übrigens auch in Bezug auf die amerikanischen Juden). Die Folgen sind katastrophal nicht nur für das Selbstverständnis einer Nation, sondern auch für das Zusammenleben mit den Nachbarn, die nur als Feinde wahrgenommen werden: In Israel wie auch in Amerika führte der Schuldkomplex über die Shoah zu einer nationalen Besessenheit von überzogener Sicherheitspolitik, zu einem Machtstreben, das oft in primitive Kriegslust übergeht.

Fatale Mischung von Militär und Religion

Unverblümt konstatiert Burg: Wir müssen zugeben, dass das heutige Israel und seine Politik zum wachsenden Hass auf Juden beitragen, unter anderem weil Juden und Israelis…zu Schlägern geworden sind. Natürlich lehnt Burg den vergleich des israelischen Besatzungspolitik mit den Nationalsozialisten vehement ab; nichts wäre unhistorischer als solch ein Blödsinn. Aber ein gedemütigtes, verfolgtes Volk [kann] seinen schlimmsten Peinigern ähnlich werden. Und überdeutlich heißt es dann: Vergangene Unterdrückung verleiht dem befreiten Volk keine moralisch weiße Weste, eher im Gegenteil. Keinen Gedanken verschwendet Avraham Burg daran, dass diese Sätze als Antisemitismus ausgelegt werden könnten (Zitate in falsche Kontexte stellen und/oder Beifall von der "falschen Seite" erhalten – das ist immer ein Risiko.) Tabuisierungen aus falscher Zurückhaltung, die vermutlich selber zu lange praktiziert hat, lehnt er ab. Burg nutzt diese die "Freiheit" des "Ehemaligen", endlich nicht nur in verbalen Placebos reden zu müssen (wobei dieses Verständnis eines Amtsträgers durchaus ambivalente Gefühle zurücklässt und allzu leicht als wohlfeile Ausrede gelesen werden könnte).

Hart geht Burg mit den orthodoxen Juden ins Gericht (insbesondere und exemplarisch mit Rabbi Yitzhak Ginzburg), die Israel mehr und mehr – auch politisch – beeinflussen. Für ihn sind es …grausame Kidnapper dieser wunderbaren Kultur und nicht ihre authentischen Repräsentanten. Aber noch schlimmer als der schleichende politische Bedeutungsgewinn dieser eigentlich radikalen Minderheit ist die Durchdringung der diskursiven Intoleranz der israelischen Gesellschaft. Burg veranschaulicht dies an einer fiktiven Diskussion mit seinem verstorbenen Vater. In Punkten, in denen wir unterschiedlicher Meinung wären (besonders was sein Eintreten für den religiösen Charakter des Staates angeht), würde er mit mir wie ein Jude diskutieren, nicht wie ein Israeli. Der Israeli würde die Hand wie zum Schlag heben und zischen: "Wofür hälst du dich eigentlich?", und sobald er mich (durch sein persönliches Veto) disqualifiziert hätte, würde er sich von meinen Fragen nicht mehr betroffen fühlen. Der talmudische Jude würde dagegen zu verstehen versuchen: "Worum geht es dir hier eigentlich?" Er würde mir auf den Grund meiner Argumentation folgen und sich entscheiden, ob er meine Vorschläge annimmt und seine Meinung ändert, oder ob er zu seinem Standpunkt zurückkehrt. In Wahrheit, so Burgs These, verraten die Orthodoxen und Hardliner die Werte, für die vermeintlich suggerieren einzutreten. Burg bekennt sich zu seiner Angst vor einem Israel der Rabbis und Generäle und erkennt durchaus erschreckende Elemente von Rassismus in der aktuellen israelischen Gesellschaft (interessant seine Ausführungen zum Attribut "arabisch").

Mit einem neuen Judentum aus dem „mentalen Gefängnis“

Selbst bei den eigenen Kindern beobachtet Burg Veränderungen, sobald sie von den Pflichtreisen von europäischen Konzentrationslagern wiederkehren. Die Infiltration scheint perfekt zu sein; er dokumentiert dies auch. Sie führt zu einer Wagenburgmentalität und zu emotionaler Verhärtung. Burg setzt dem seine politische Sicht entgegen: Es droht keine weitere Shoah; Israel ist eine ökonomisch, militärisch und außenpolitisch gefestigte Größe mit den USA als sicheren Bündnispartner. Er verlangt ein Zugehen auf die Nachbarn. Die Araber müssten von der Nazi-Rolle…die wir ihnen zugewiesen haben befreit werden. Heute sind wir nicht nur Richter, sondern auch Herren über das Land, aber unser Urteil ist hart, ungerecht und erbarmungslos. Zwar sei es unmöglich, nach Jahrzehnten die palästinensischen Flüchtlinge in ihre Häuser und Gebiete wieder zurück kommen zu lassen, aber sie müssten entsprechend entschädigt werden, so dass ein Neuanfang möglich ist.

Statt ewig zurückzuschauen, muss nach vorne geblickt werden. Ich bin zutiefst überzeugt, wenn wir die moderne israelische Identität nicht auf Optimismus, Glauben an die Menschen und volles Vertrauen in die Völkerfamilie gründen, haben wir auf lange Sicht keine Existenz- und Überlebenschance – nicht als Gesellschaft in einem Staat, nicht als Staat in der Welt und nicht als Nation in der Zukunft. Die Palästinenser müssten eine Umarmung des Friedens spüren. Burg plädiert für eine Spirale des Fortschritts und Gedenkens, eine Synthese aus Kreis und Linie, aus Veränderung und Kontinuität. Israel müsse endlich Auschwitz verlassen, da es ein mentales Gefängnis sei. Erinnerung zwar bewahren, aber in der Gegenwart leben und die Zukunft gestalten. Undstatt einer eindimensionalen Fahrt in eine Zeit und an einen Ort des Schmerzes, der Demütigung und Vernichtung - Burg spricht hier die Fahrten von israelischen Schülern in Konzentrationslager an - möchte ich eine mehrdimensionale Reise zu Hoffnung und Vertrauen vorschlagen. Hier entwirft er eine ganz neue Reiseroute durch Europa, beginnend im spanischen Andalusien, um hier die Hochkultur des Islam aus dem Mittelalter zu studieren über die Ballungszentren muslimischer Einwanderer in Europa; eine Rundreise durch die von Konfrontation geprägte Geschichte der Juden und Araber.

Burg schreibt große Worte, aber wichtige Details bleiben leider unkonkret. Wie soll beispielsweise der Gesinnungswandel in der israelischen Gesellschaft entstehen? Er stellt kristallklare Diagnosen, während die Therapien eher allgemein bleiben. Er bemüht sich redlich, tritt für die Neuerfindung und Erneuerung eines Pluralismus der jüdischen Religion ein, die in ein Judentum der Liebe münden und das genetische Judentum ersetzen soll. Burg entwirft neue Feiertage, die Gedenken und Zukunftserwartung miteinander in Einklang bringen sollen und nicht nur in bedeutungslose[n]…Ritualen und obsessiven Vorschriften "abgefeiert" werden. Er plädiert für einen interreligiösen Dialog (durchaus angelehnt an Ideen von Hans Küng, auch wenn er ihn nicht namentlich nennt). Hier scheint Burg die Innovationskräfte von Religionen deutlich zu überschätzen.

Parallelen zum Bismarck-Deutschland?

Zu großen Konfrontationen in Israel führten die Ausführungen Burgs, in dem er das aktuelle Israel mit dem deutschen Kaiserreich von 1870 (hier wie dort begründet ein kruder, Teile der Bevölkerung systematisch ausschließender Militarismus eine Nation) und der Weimarer Republik (eine Art Entgrenzung der politischen Kultur auf niedrige Instinktappelle, beispielsweise festgemacht an der Beschimpfung der sogenannten "Novemberverbrecher" in der Weimarer Republik Deutschlands gegen die provisorische Regierung, die den Waffenstillstand im ersten Weltkrieg aushandelte – und der adäquaten Denunziation als sogenannte "Osloverbrecher" im radikalen Milieu Israels gegen die Friedensunterhändler 1993-95) vergleicht und Parallelen feststellt. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe erläutert er noch einmal seine Gründe dafür. Die Parallelen sind gewagt, aber interessant. Dennoch bleibt die Frage, ob man das Buch nicht besser exakt um diesen Exkurs hätte reduzieren und die historischen Analogien separat und vielleicht ein bisschen eindringlicher erläutern sollen. Weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen.

Und eine Allegorie bleibt besonders haften: Als Burg mit einem seiner Söhne in Berlin ist und da unser Rückflug sich verzögerte, hatten wir, Vater und Sohn, unverhofft ein paar Stunden Zeit und gingen in den Berliner Zoo. Während Noam um die Habitate exotischer Tiere strolchte, saß ich da und schaute den gefangenen Affen zu. Alle sprangen lebhaft und verspielt von einem Ast zum anderen. Mit einer Hand hielten sie sich fest, streckten die andere nach dem nächsten Ast aus und hangelten sich weiter. Ein Affe saß allein abseits und mischte sich nicht unter die anderen. Ich erkundigte mich bei einem vorbeigehenden Tierpfleger, was das Tier habe. "Er ist anders", antwortete er. "Er kann nicht klettern, weil er Angst hat, den Ast loszulassen. Wenn man sich mit beiden Händen an dem Ast festhält, kann man nicht klettern. Das ist sein Schicksal. Er sitzt den ganzen Tag auf dem Boden wie ein Trauernder, der vom Leben um ihn herum isoliert ist."
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Burgs Buch ist keine derbe Polemik, keine wutschnaubende Abrechnung mit politischen Gegnern oder wohlfeile Philippika gegen den israelischen Zeitgeist. Wer genau liest, stellt fest, wie behutsam er die Akzente zu setzen versucht. Zwar ist die Sprache in der Diagnose des Zustands Israels deutlich, aber gleichzeitig so gewählt, dass sie nicht verletzt, es sei denn, man betrachtet bereits die Feststellung des beschriebenen Zustands als Sakrileg. "Hitler besiegen" ist trotz einiger Redundanzen ein sehr lesenswertes, ein aufrüttelndes Buch. Burg gibt zu, dass seine Meinung derzeit eine Minderheitenmeinung in Israel ist. Gerade deshalb bewundert man seinen Optimismus: Wir werden es schaffen steht ja einmal fast trotzig. Er hat dieses Buch trotz der zu erwartenden feindseligen Reaktionen geschrieben, trotz der verbalen Anarchie, die er derzeit in Israel ausmacht - weil er letztlich doch der Kraft des Argumentes vertraut. Man hat nach der Lektüre das Gefühl, dass man dieses Vertrauen bitter nötig haben wird.
Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Hubertus Buchstein: Demokratie und Lotterie

Hubertus Buchstein  Demokratie und LotterieDer Untertitel macht neugierig: "Das Los als politisches Entscheidungsinstrument von der Antike bis zur EU" heißt es da. Das Los als Entscheidungsinstrument kennt man eher im Sport. So werden in Fußballwettbewerben Spielpaarungen zugelost, wenn nicht jeder gegen jeden spielen soll. Meist wird es mit einer Mischung zwischen notwendigem Übel und willkommener Ungewissheit betrachtet. Der Zufallscharakter wird insbesondere von den vermeintlich besseren Mannschaften als wettbewerbsverzerrend empfunden, da schwächere Mannschaften durch entsprechendes "Losglück" begünstigt werden können; die Floskel vom "schweren" oder "leichten" Los macht dann oft die Runde. Das Weiterkommen in einem Wettbewerb wird unter Umständen nicht mehr alleine der Leistung (im Sieg über die zugeloste Mannschaft) gutgeschrieben.

Aber wäre es mit unserem Verständnis in Übereinstimmung zu bringen, politische Entscheidungen mindestens teilweise über Losentscheidungen vornehmen zu lassen? Ist nicht der Status des Gewählten für einen Amtsträger erst DIE Legitimationsbasis überhaupt? Wie würde ein "ausgeloster" Abgeordneter, Richter oder Bürgermeister akzeptiert werden? Geht es überhaupt darum, die Wahl durch das Los zu ersetzen? Oder könnten Losentscheidungen nur flankierende Maßnahmen zur rascheren Auswahl von Entscheidungsträgern darstellen? Worin könnten die Vorteile gegenüber den bisherigen Verfahren liegen?

Bereits jetzt dient das Los in der Bundesrepublik in extremen Situationen, in denen eine Entscheidung nach ausgiebigem Wahl-Prozedere nicht zustande kommt, eine Wiederholung der Verfahren nicht erfolgversprechend scheint und als zu aufwendig empfunden wird, als "Tie-Breaker". Sind doch in mehreren Gemeinden…derzeit Bürgermeister und Landräte im Amt, die nach einem Stimmenpatt im Losverfahren ermittelt wurden. Auch in der Bundesversammlung spielt das Los dann eine Rolle, wenn Parteien wegen gleicher Stärke in einem Landesparlament Anspruch auf denselben Sitz in der Versammlung erheben könnten, was bei knappen Mehrheitsverhältnissen durchaus Relevanz besitzen könnte. Tatsächlich würde bei der Wahl zum Bundestagspräsidenten das Los eingesetzt, wenn nach drei Wahlgängen kein Kandidat die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen sollte und sogar der Bayerische Landtag sieht für den Fall eines Patts bei einer Stichwahl zum bayerischen Ministerpräsidenten den Losentscheid vor.

Hubertus Buchstein führt viele Beispiele (auch aus anderen Ländern) an, die das Los als Indifferenzregulationsinstrument vorsehen, also als Entscheidungshilfe zwischen zwei Möglichkeiten, die jede für sich gleich gute Gründe oder gleich viele Stimmen auf sich vereinigen kann. Sieht man einmal von den Entscheidungen auf kommunaler Ebene ab, bleibt der Losentscheid jedoch fast immer nur als Ultima Ratio (viele der aufgeführten Konstellationen sind noch nie eingetreten). Es kann nicht davon gesprochen werden, dass das Los bisher ein wesentliches Element des demokratischen Auswahlprozesses ist.

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Martin van Creveld: Gesichter des Krieges

Martin van Creveld  Gesichter des KriegesDie Frage, die zur Zeit nicht nur Militärs beschäftigt, wird zum Kristallisationspunkt im Buch des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld "Die Gesichter des Krieges": Gibt es einen Ausweg, oder sind reguläre, staatliche Armeen zukünftig zur Ohnmacht gegenüber kleinen, häufig schlecht organisierten Gruppen von Terroristen verdammt? In Bezug auf die derzeit einzig verbliebene Supermacht USA und deren aktueller Kriegsführung im Irak stellt sich die Frage pointierter: Was, wenn nicht einmal eine derart hochgerüstete Militärmacht gegen Terroristen und Guerillas reüssieren kann?

Will man die Gegenwart verstehen, so studiere man die Vergangenheit sagt sich van Creveld und analysiert die Kriege des 20. Jahrhunderts und damit den "Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute" (so der Untertitel). Das Ungewohnte dabei ist, dass nicht nur, wie im Vorwort erläutert, die militärischen Operationen selbst…der zentrale Strang der Fragestellung bleiben, sondern (insbesondere was die Behandlung des Zweiten Weltkriegs angeht) die politischen und sozialen Implikationen fast immer ausgeblendet werden. Dieses speziell für den deutschen Leser ungewohnte Verfahren wurde wohl einerseits gewählt, weil ansonsten der Rahmen der Untersuchung gesprengt worden wäre, andererseits setzt van Creveld schlichtweg ein gewisses historisches Basiswissen voraus.

So wird der Leser zunächst in die Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts mit seinen acht Großmächten (inklusive Italien), davon fünf in Europa (wenn man Russland nicht hinzurechnet; nur zwei Großmächte waren außerhalb des "alten" Kontinents: die USA und Japan) versetzt. Dabei wird deutlich, dass der Einfluss der Politik auf das Militär damals nur sehr eingeschränkt war. Van Creveld spricht wohl ohne Übertreibung von Parallelwelten, die in der Praxis kaum Berührungspunkte miteinander hatten. Oberkommandierende und Generalstäbe waren hinsichtlich ihrer Entscheidungen vollkommen autark; die Mittelgewährung geschah ohne Auflagen oder Kontrolle. Über die Ausstattung ihrer Armee entschieden sie weitgehend alleine. Im Verlauf der Ersten Weltkrieges (aber auch in den letzten Jahren Nazideutschlands) sollte sich diese "Arbeitsteilung" als schwerwiegender Fehler erweisen, denn erst einmal "ausgebrochen" waren die politischen Akteure nahezu vollständig an den Rand gedrängt (was sich unter anderem in Deutschland 1914 zeigte; Wilhelm II. war danach sowohl militärisch als auch politisch praktisch "machtlos").

Van Creveld spricht das Wort der "Militärdiktatur" nicht aus, es wird jedoch nahegelegt mindestens was die Jahre ab 1916 in einigen kriegsführenden Staaten angeht. Hinzu kam, dass die Gesellschaften durchaus militarisiert waren; die Armee galt als "Schule der Nation", Krieg als legitimes Mittel der internationalen Politik. In der Bevölkerung wie unter Intellektuellen gab es eine gewisse kindliche Faszination dem bewaffneten Kampf gegenüber.

Man erfährt von der damals wachsenden Bedeutung der Eisenbahn für die militärische Planung und Entwicklung (und gleichzeitig deren Schwächen) und vom "Lobbyismus" der berittenen Kavallerie, die noch sehr lange (bis hinein in den Zweiten Weltkrieg) technologische Entwicklungen aufhalten und verzögern sollte. Militärs aller Seiten verfochten fast dogmatisch die These, Kriege müssten kurz, heftig und entscheidend sein, was ein verheerender (sic!) Fehler war; man hatte, wie van Creveld deutlich herausarbeitet, die falschen Lehren aus dem preußisch-französischen Krieg 1870/71 gezogen. Indem allseits auf schnelle Kriege gesetzt wurde, vernachlässigte man die Planung für eine kontinuierliche industrielle Produktion von Waffen, die Organisation von Nachschub der kämpfenden Truppe und Implementierung belastungsfähiger Kommunikationsnetze.

Die politischen Zusammenhänge werden nur gestreift, um die hieraus entstehenden unterschiedlichen militärischen Bündnisse herauszuarbeiten. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird nicht unbedingt als Fatum betrachtet, aber die immensen Rüstungsvorbereitungen auf nahezu allen (europäischen) Seiten (einschließlich Russland) ließen den Krieg irgendwann als logische Konsequenz erscheinen. So war denn auch die Begeisterung bei Kriegsausbruch in der Bevölkerung über alle Schichten hinweg groß; es schien, als gebe es ein kurzes, reinigendes Gewitter.

Der Stellungskrieg - die Überlegenheit der Defensive über die Offensive

Dabei zeigte sich früh, dass die Verbündeten Österreich-Ungarn und Deutschland erhebliche Koordinationsschwierigkeiten hatten, was detailliert ausgeführt wird. Zudem bemerkt van Creveld, dass der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn selber mit erheblichen logistischen Problemen zu kämpfen hatte. So mussten beispielsweise Marschbefehle in 15 Sprachen abgefasst werden, damit alle Soldaten die Anweisungen verstanden. Scheinbar nebensächliche Bemerkungen dieser Art gibt es häufig in diesem Buch; sie verleihen den gelegentlich bizarr erscheinenden Thesen des Autors durchaus Nachdruck.

Nahezu alle Aspekte dieses Krieges aus militärischer Sicht (die Politik hatte sich ja fast "abgemeldet") werden angesprochen: Die Versuche, Flugzeuge in die kriegerischen Auseinandersetzungen zu integrieren (zunächst als Luftaufklärer, später dann als Kampfobjekte Flieger gegen Flieger; begrenzt auch schon als Bomber); die wachsende Bedeutung der Maschinengewehre; der Seekrieg (als "Ablenkung" zum festgefahrenen Landkrieg); die anfängliche, heute eher pervers anmutende Begeisterung für den Einsatz von Giftgas (die "Effizienz" von Gasgriffen beurteilt van Creveld als eher gering, unter anderem weil früh entsprechende Schutzmaßnahmen entwickelt wurden; nur drei Prozent aller Toten kamen durch Gas ums Leben); Spionage und die damit verbundene (ungewohnte) Flut von Informationen, mit denen man weder rechnete, noch diese richtig einordnen konnte; Frauen in den Armeen (eher selten) und ihre Bedeutung an der "Heimatfront" (die als eher zweitrangig eingestuft wird; in Großbritannien waren, so der Autor, gegen Ende des Krieges noch 60% der Arbeiter Männer, was allerdings übersieht, dass die verstärkt notwendige Krankenbetreuung verwundeter Soldaten durch Frauen vorgenommen wurde).

Es gibt überraschende Erkenntnisse, so beispielsweise dass der Lebensstandard der Arbeiterklasse in Großbritannien während des Ersten Weltkrieges sogar gestiegen war (im Gegensatz zu den Hungerjahren in Deutschland) und dies trotz der fragilen Insellage, die eine Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen auf dem Seewege sicherzustellen und aufrecht zu erhalten hatte.

Die Schlacht als ein auf einen Ort konzentrierter Kampf Mann gegen Mann hatte ausgedient. Die Soldaten an der Front machten einen immer geringer werdenden Bruchteil aller Armeen aus. Es war schon angesichts der modernen Feuerkraft notwendig geworden, die Truppen an der Front zu zerstreuen, so dass schließlich jeder Mann durchschnittlich etwa zwanzigmal soviel Platz einnahm wie ein Soldat zur Zeit Napoleons. Während in Kriegen des 19. Jahrhunderts in einer Schlacht noch rund 20-30% der gesamten Truppenstärke auf beiden Seiten niedergemetzelt wurden, lagen die Opferraten im Verhältnis zur Gesamttruppenstärke selbst bei den blutigsten Schlachten weit niedriger. Das führte dazu, dass jeder Tag, an dem mehr als ein oder zwei Prozent einer Armee verloren gingen, als eine Katastophe galt.

Die Folge war ein lang andauernder, furchtbarer Stellungs- und Zermürbungskrieg mit langsam, aber stetig ansteigenden Opferzahlen, während die Rüstungsindustrien mit einem bislang unvorstellbaren Tempo militärische Ausrüstung produzierten. Es zeigte sich eine vorher nicht für möglich gehaltene Überlegenheit der Defensive über die Offensive. Zeitgewinn wurde zu einem wichtigen Ziel, damit Verpflegung und Waffen an die Front gebracht werden konnten. Der Krieg wandelte sich zu einem gigantischen Versuch, alle nationalen Ressourcen zu koordinieren – von der Fabrik bis zur Arbeit und vom Rohstoff bis zur Werkzeugmaschine. Mit Ausnahme Russlands hätten die meisten Kriegsteilnehmer dies durchaus so effizient wie möglich praktiziert.

Van Creveld bilanziert, dass jene Seite den Sieg davontrug, welche die größten demografischen und wirtschaftlichen Ressourcen besaß und auf externen Linien operierte, die meisten Bataillone aufstellte und diese mit der größten Zahl leistungsfähiger, wenn auch nicht gerade revolutionärer Waffen ausrüstete. Wichtig war die Überlegenheit der britischen Seestreitkräfte, die nicht nur ihre eigene Versorgung sicherte, sondern auch Frankreich zu Hilfe kommen konnte. Dennoch spricht van Creveld von einer Überraschung, als das Ende schließlich fast gleichzeitig an allen Fronten eintrat, nachdem im Juni 1918 die deutschen Armeen wieder in der Offensive gewesen waren. Im August wendete sich dann das Schicksal. Zwar wäre die Fortsetzung des zermürbenden Stellungskrieges durchaus noch möglich gewesen (was auch von einigen deutschen Heerführern beabsichtigt war), aber der Zusammenbruch der Verbündeten Deutschlands (Österreich-Ungarn, Bulgarien, das osmanische Reich), die innerhalb von knapp drei Wochen besiegt waren, gab wohl den Ausschlag zur Kapitulation.

Zeit des Waffenstillstands

Die Zeit nach 1918 wird nicht ohne Hintersinn Zeit des Waffenstillstands genannt. Am Großmachtgefüge hatte sich nicht viel geändert, außer dass es Österreich-Ungarn nicht mehr gab. Van Creveld kommt zu dem verblüffenden Schluss, dass dieser Zusammenbruch und die Gründung einer ganzen Reihe kleiner Nachfolgestaaten…die Position Deutschlands stärkte. Großbritannien und Frankreich vergrößerten ihre Kolonialmacht (auf Kosten der Türken und Deutschen), wobei dies den anhaltenden, relativen Niedergang Frankreichs vorerst kaschierte. Geostrategisch mag die Einschätzung der deutschen Position stimmen – für die Bevölkerung war jedoch von einer Stärkung nichts zu spüren; der Versailler Vertrag sah zudem teilweise Besatzung und Reparationen vor.

So hielt sich der geopolitische Wandel, den 9,5 Millionen Soldaten mit dem Tod bezahlt hatten, in Grenzen. In Europa (insbesondere in Großbritannien) gab es zunächst eine Mischung zwischen Kriegsmüdigkeit und Antimilitarismus; in den USA war die Kriegsbeteiligung sehr bald als Fehler angesehen worden uns mindeste in einen außenpolitischen Isolationismus, der unter anderem dazu führte, dass es erst des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor bedurfte, bis die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg aktiv eingriffen.

Sehr bald wandelte sich jedoch sowohl bei den Militärs als auch in der Politik die Meinung und eine Aufrüstung sondergleichen begann bei allen Großmächten (bei Deutschland eher im Verborgenen, da es aufgrund des Friedensvertrages eigentlich kein schlagendes Militär geben durfte; was allerdings zum Beispiel die Kooperation Deutschlands mit Russland nicht verhinderte). Aber schon 1938 war Deutschland das Land mit dem höchsten "Verteidigungshaushalt" (7415 Millionen Dollar nach dem damaligen Kurs), gefolgt von der UdSSR (5429 Millionen), Großbritannien (1863 Millionen), Japan (1740 Millionen), den Vereinigten Staaten (1131 Millionen) und Frankreich (919 Millionen). In der Statistik der Produktionsmenge von Stahl lag die USA mit 28,8 Millionen Tonnen vor Deutschland (23,2 Millionen) und der UdSSR (18 Millionen).

Van Creveld verdeutlicht die militärischen Überlegungen von strategischen Denkern in der Waffenstillstandszeit, die alle die gleiche Frage stellten: Wie wäre ein neuerlicher Krieg, der sehr bald mehr oder weniger als unvermeidbar angesehen wurde, zu gewinnen? Abermals nur sehr oberflächlich streift er dabei die politischen Veränderungen in den einzelnen Ländern. Überraschend werden weder die ökonomischen Probleme (Massenarbeitslosigkeit und Inflation) noch die militärische Propaganda der rechtsnationalen und völkischen Kräfte (Stichwort: Dolchstoßlegende) in Deutschland erwähnt. Auch gibt es keine Überlegungen zu Art und Form des Versailler Vertrages.

Geradezu prophetische Eigenschaften was den Verlauf eines zukünftigen Krieges angeht, erkennt van Creveld bei Erich Ludendorff, der den totalen Krieg prognostizierte; ein Kampf auf Leben und Tod. Dennoch werde der kommende Krieg…im Großen und Ganzen dem vorangegangenen ähneln und wie sein Vorläufer zu einem gigantischen und langwierigen Ringen ausarten. Dies wird auch in der Nachbetrachtung zum Zweiten Weltkrieg das Fazit des Autors sein.

Deutschland war Ende der 30er Jahre (wie 1914) zum gefährlichsten Staat von allen geworden, nicht zuletzt weil es sich unumwunden zu Aggression und territorialer Expansion bekannte. Gleichzeitig wird festgestellt, dass das Land ähnlich wie Frankreich längst im Niedergang begriffen war – trotz der großen und inzwischen wieder stark aufgerüsteten Armee. Aber gemessen an den wichtigsten Wirtschaftsindikatoren war es bereits hinter Japan zurückgefallen (wobei später deutlich wird, wie abhängig Japan von Importen auf nahezu allen Gebieten und wie zurückgeblieben es hinsichtlich militärtechnologischer Entwicklungen war; van Creveld vermutet sogar, dass dies einer der Gründe für den Eintritt des Kaiserreiches in den Krieg war).

Aber auch die formal größte Armee der Welt, die Rote Armee der UdSSR (die jedoch in puncto Qualität hinterherhinkte) gesteht van Creveld ein durchaus aggressives Potential zu (wobei er die stalinistischen "Säuberungen" innerhalb der Armee als großen Aderlaß sieht). So widerspricht er überraschenderweise nicht explizit der allgemein verworfenen These, dass Hitler einem Angriff Stalins 1941 zuvorgekommen sein könnte. Die USA besaß zwar die größte Luftstreitmacht auf der Welt; die Armee erreichte jedoch nur den 18. Platz. Die gigantische industrielle Basis der Vereinigten Staaten, die im Laufe des Zweiten Weltkrieges angeworfen wurde, stellt rückwirkend wohl den Hauptgrund für den Sieg der Alliierten dar.

Politische Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg streift van Creveld nur in halben Sätzen, was in Anbetracht der Tatsache, dass militärisch organisierte deutsche Kräfte (SS und Wehrmacht) systematisch Millionen von Juden ermordeten bzw. dazu beitrugen, gewöhnungsbedürftig ist. Natürlich wird kein Zweifel daran gelassen, dass Hitlers Krieg im Osten ein Vernichtungskrieg war. Aber wenn man sich schon auf die rein militärischen Aspekte konzentriert, hätte der Leser zumindest Erörterungen über Auswirkungen und Folgen dieses Verbrechens auf die militärischen Gegebenheiten erwartet.

Ein Weltkrieg unterbrochen von einem Waffenstillstand?

Der vergleichsweise kurzen Blitzkriegära der deutschen Wehrmacht, die mit gepanzerten und motorisierten Truppen agierten, die es…ermöglichten, weitgreifende operative Bewegungen auszuführen und ganze Länder zu überrennen folgte wie schon Jahrzehnte vorher ein lähmender und aufreibender Stellungskrieg (insbesondere im Osten, aber auch in Afrika). Die deutschen Siege dürften am 16. Oktober 1941 ihren Höhepunkt erreicht haben, was allerdings nicht bedeutet, dass der Krieg von da an schon verloren war.

Da van Creveld für die jeweiligen Vorkriegszeiten und die beiden Kriege fast paritärisch jeweils 50 Seiten verwendet, kommen angesichts der Dimension des Krieges die Auswertungen von bestimmten Schlachten ein bisschen zu kurz. Er beschränkt sich auf exemplarische Ereignisse, wobei der Leser manch liebgewordene Meinung auf den Prüfstand geschickt sieht. Etwa, wenn der Verlust der "Ölbasis" Rumänien einen höheren militärstrategischen Status bekommt als die Niederlage von Stalingrad. Oder das Ausbleiben strategisch wichtige[r] Materialien wie Chrom die Produktion von hochwertigen Waffen schrittweise unmöglich machte – ein Aspekt, den man selten zu hören bekommt. Gleichzeitig scheut sich der Autor nicht, die Kampfkraft der deutschen Wehrmacht als in vielen Punkten durchaus überlegen zu bezeichnen. Und entgegen anderslautenden Meinungen vertritt van Creveld die These, dass die strategischen Bombardements der Alliierten unabhängig von ihrer moralischen Bewertung ab 1944 allmählich Wirkung zeigten. Die Industrieproduktion Deutschlands im allgemeinen und die Waffenproduktion im besonderen litten enorm unter den zugefügten Schäden; letztere, die lange gut funktionierte, konnte irgendwann nur noch unterirdisch betrieben werden, was enorme Ressourcen verbrauchte.

Dem gegenüber stand eine enorme Produktion qualitativ nicht besonders hochwertiger Waffen der UdSSR entgegen. Die enormen Menschenmassen, die nach den anfangs hohen Verlusten der Roten Armee "mobilisiert" wurden (die "sowjetische Dampfwalze") spielten eine entscheidende Rolle. Am Rande wirft van Creveld die Frage auf, warum Japan zur Unterstützung Nazideutschlands in Russland keine zweite Front aufmachte, sondern sich auf seine (ausnehmend brutalen und ebenfalls teilweise rassistisch motivierten) Eroberungsfeldzüge beschränkte. Die Industrie- und Waffenproduktion der USA und die Unterstützung Großbritanniens versteht van Creveld eindrucksvoll zu dokumentieren. Am Ende des Krieges war Großbritannien wirtschaftlich ruiniert.

Die oberflächliche Betrachtung suggeriert, dass das Zweite Weltkrieg anders verlaufen sei als der Krieg von 1914. Van Creveld widerspricht dem auf einer tieferen Ebene. Tatsächlich gab es Unterschiede. Am deutlichsten betrafen sie die immer weiter fortschreitenden technischen Entwicklungen wie Funk, Radar, Sonar und Peilung. Gepanzerte Fahrzeuge wurden immer mehr perfektioniert. Der Luftkrieg wurde weiter entwickelt und professionalisiert. Die Rolle der Flugzeuge zur See wird als noch wichtiger eingestuft. Der Einsatz von Luft- und Seestreitkräften galt vielen Militärexperten lange als exemplarisch, um mittlere Mächte mit einem gezielten Schlag zu treffen (beispielsweise wurde dies von Israel im Jahr 1967 mit Ägypten praktiziert und sogar von den USA im Irak 1991 und 2003).

Die Parallelen zwischen beiden Kriegen, die van Creveld letztlich sogar dazu veranlasst von einem Krieg zu reden, der nur von rund zwanzig Jahren Waffenstillstand unterbrochen gewesen sei (wenn auch diese Ruhe nicht überall galt), hält er jedoch für wirkungsmächtiger als alle Unterschiede.

Die Wurzeln dieses Konflikts lagen, so die These, (unabhängig von der Beschleunigung durch den ein oder anderen Despoten) in einem Wettstreit der Großmächte, der bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Gewonnen wurden die Konflikte von der Seite, die mit der größten demografischen, wirtschaftlichen und industriellen Basis ausgestattet waren. Daher musste Deutschland mit Österreich-Ungarn 1914 und Nazideutschland mit Japan und Italien (kein gutes Wort findet van Creveld für Italien als "Verbündeten") scheitern, auch wenn der Erfindungsreichtum der Deutschen enorm war. Tatsächlich behaupten manche, fast jedes Waffensystem, das von 1945 bis 1991 zum Einsatz kam…sei schon 1944/45 auf deutschen Reißbrettern entworfen worden. Es gab jedoch keine Mittel mehr, diese umzusetzen.

Die Atombombe als Friedensstifter

Dieser "Wettstreit" der Großmächte wurde brachial unterbrochen:
Vor 1945 hatte sich das Ringen, das von den ständig wechselnden Ressourcen der Mächte selbst geschürt wurde, seit einem Vierteljahrtausend unablässig ausgeweitet. Es besteht aller Grund zu der Annahme, dass, wäre die Atombombe nicht gewesen, der Kampf nach einer angemessenen Pause auch nach 1945 noch größere Kreise gezogen hätte.
Diese These ist zweifellos in den Ohren friedensbewegter Europäer (zumal, wenn sie die Geschichte des Kalten Krieges beispielsweise mangels Sozialisation nicht mehr miterlebt haben) eine Provokation. Mit den militärischen Gründen für den Abwurf der beiden Atombomben beschäftigt sich der Autor kaum; auch nimmt er (auch hier) keine moralische Bewertung vor (es klingt allerdings Mitgefühl an). Vorher hatte es einen "konventionellen" Bombenangriff auf Tokio mit 100.000 Toten gegeben. Die Atombomben, die 1945 auf Hiroshima und später auf Nagasaki fielen, haben die geostrategische Lage auf der Welt dauerhaft verändert und, so van Creveld, für die Zeit nach 1945 nicht nur im "alten" Kontinent Europa Frieden erhalten, sondern eine deutliche Reduzierung auch konventioneller Kriege nebst Opfern weltweit zur Folge gehabt (wobei die stalinistischen, maoistischen und kambodschanischen Genozide offensichtlich nicht als Kriege rubriziert werden), da keine Großmächte mehr gegeneinander kämpften (höchstens in Stellvertreterkriegen in der sogenannten Dritten Welt, die meist mit abgewrackten Waffen geführt wurde):
Vor allem aufgrund der Weiterverbreitung von Kernwaffen wurden die bewaffneten Konflikte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ohne eine einzige Ausnahme, entweder unter dritt- und viertrangigen Staaten oder von einem erstrangigen Staat gegen einen dritt- oder viertrangigen ausgetragen. Und schon alleine deshalb waren die Konflikte im Hinblick auf ihre Größe nicht zu vergleichen mit den kriegen, die sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ereignet hatten.
Die Änderung in der Militärgeschichte kann mit dem Schlagwort der Abschreckung auf den Punkt gebracht werden. Von den Erstschlagdoktrin der USA, die man erst Mitte der 50er Jahre aufgab, obwohl die UdSSR 1949 ebenfalls die Bombe "hatte", bis zur Geschichte der Hochrüstung, die schnell in absurde Dimensionen stieg (1961 hatte der übliche "strategische" US-Sprengkopf eine Sprengkraft von 15 Megatonnen –…hundertmal so stark wie die Hiroshima-Bombe) und letztlich Arsenale schuf, die hunderte Male die Erde vernichten konnten (eine einzige sowjetische SS-18-Rakete hätte in den 80er Jahren durchaus ein Land wie Frankreich "ausschalten" können). 1952 stieß Großbritannien in den "Club" der Atommächte auf; 1960 Frankreich. Die militärische Bedeutung dieser beiden Potentiale blieb immer gering; die Länder glaubten damit eher ihren längst verlorenen Status als "Großmächte" reaktivieren zu können.

1963 zeigte China, dass auch für ein (damals) gering entwickeltes Land die Technik relativ problemlos beherrschbar ist. Israel spricht man seit 1967 die Waffe zu. Seit 1977 zog Pakistan mit Indien gleich, welches seit Mitte der 60er Jahre offensichtlich nuklearwaffenfähig war (einen Test machte Pakistan erst 1998). Van Creveld vertritt die These, dass eine Eskalation um Kaschmir zwischen den verfeindeten Staaten durch das atomare Gleichgewicht verhindert wurde. Zur Untermauerung seiner These, dass die Verbreitung von Atomwaffen eher deeskalierend wirkt, führt er auch die Entwicklungen im Nahen Osten heran (er glaubt, dass ohne die Annahme der israelischen Bombe, dort stärkere konventionelle Kriege ausgebrochen wären) und natürlich auch das Beispiel des Irak, der (gezwungenermassen) nach dem Krieg 1991 sein Atomprogramm habe aufgeben müssen und auch deswegen 2003 von den USA im Handstreich besetzt werden konnte – während Nordkorea nicht angegriffen wurde.

Ländern wie dem Iran oder Nordkorea spricht van Creveld konsequenterweise nicht per se die Sinnhaftigkeit der Atomprogramme ab und fügt ein bisschen schnippisch an:
Als das Land, das als Erstes die Atomwaffen eingeführt hat (und bisher als Einziges gegen einen Feind einsetzte), haben die Vereinigten Staaten allen Grund, andere Länder daran zu hindern, dem Club der Atommächte beizutreten. Jedes mal, wenn sich der Club wieder vergrößert hatte, begann Washington deshalb, apokalyptische Bilder von den Konsequenzen zu zeichnen, die diese Entwicklung nach sich ziehen würde. […] In puncto Atompolitik, wie in so vielen anderen Dingen, halten die Amerikaner ihr Land für das einzig auserwählte und einzig moralische. Doch man könnte sicher auch argumentieren, dass sich die Vereinigten Staaten, lange vor der erwähnten nationalen Sicherheitsdoktrin der Bush-Administration, verantwortungsloser als alle Länder der Erde verhalten hatten. Wenn sie auch seit Nagasaki keine Atomwaffen mehr einsetzten, so haben sie zweifellos mehrmals und nicht nur einem Gegner gegenüber gedroht, sie einzusetzen. Nicht umsonst ist der Begriff "brinkmanship", also eine Politik des äußersten Risikos, eine amerikanische Erfindung.
Leider kann van Creveld in seinem Buch, dass im Original 2007 fertiggestellt wurde, nicht auf die Vision Barack Obamas einer atomwaffenfreien Welt eingehen. Seiner These zufolge würde eine vollkommene Eliminierung von Atomwaffen (nimmt man dies einmal kurz theoretisch als Möglichkeit an; praktisch dürfte der Geist nicht mehr in die Flasche zurück zu holen sein) die Welt nicht unbedingt friedlicher machen, sondern die Gefahr großflächiger konventioneller Kriege erhöhen. Ein Aspekt, der in der allgemeinen Euphorie unterzugehen scheint.

Aufstandsbekämpfung als neue Herausforderung

Kriege waren also (aufgrund der Verbreitung von Nuklearwaffen und deren Abschreckungspotential) nach 1945 lokal begrenzte Konflikte, die nicht mehr automatisch die ganze Welt in Brand setzten. Van Creveld zeigt nun an einigen Beispielen wie hochgerüstete und technologisch überlegene Armeen dennoch unterliegen – und zwar gegen guerillastrategisch agierende Kämpfer. 400.000 Franzosen versuchten in den 60er Jahren 8 Millionen Algerier zu "befrieden" – erfolglos. 1969 waren rund eine Million amerikanische Soldaten in Vietnam, um das südvietnamesische Regime gegen den kommunistischen Vietcong zu verteidigen - erfolglos. Insgesamt verloren zweieinhalb Millionen Vietnamesen ihr Leben (gegenüber rd. 58.000 toten Amerikanern). Zum erfolgreichsten Guerillakämpfer des 20. Jahrhunderts macht er Mao Tse-tung, dessen Schrift zum "Volkskrieg" noch heute häufig als "Vorbild" für Aufstandskämpfer gilt. Die neue Herausforderung ist die wirksame Aufstandsbekämpfung (die Herfried Münkler mit dem Plastikwort des "asymmetrischen Krieges" als Neuheit verkaufen wollte – im Buch fällt dieser Begriff kein einziges Mal).

Demnach wird die Ordnungsmacht nie in einem direkten Kampf gestellt. Die Aufständischen werden also andere Formen des Kampfes wählen, in denen sie der Ordnungsmacht nadelstichartig Schaden zufügen. Wenn die Zivilbevölkerung in den Konflikt absichtlich und kalkuliert hineingezogen wird, nennt man dies Terrorismus. Wichtig ist: Die Zeit spielt für den vermeintlich Schwachen. Mit jedem Toten wird sich die Ordnungsmacht neu die Frage nach dem Sinn ihres Vorgehens stellen. Kissingers Bonmot trifft ins Schwarze: Die Ordnungskräfte…verlieren, weil sie nicht gewinnen. Rebellen hingegen gewinnen dadurch, dass sie nicht verlieren.

Rebellen oder Aufständische haben auch eine andere Motivation als eine Ordnungsmacht, die häufig Besatzungsmacht ist und deren Soldaten oft tausende Kilometer von ihrem Zuhause entfernt dem Einsatz wenig emotional begegnen. Zudem haben Aufständische häufig die wenn auch meist nur passive Unterstützung der einheimischen Bevölkerung und fühlen sich dadurch moralisch legitimiert. Heftig wehrt sich van Creveld übrigens gegen die Schuldzuweisung der Militärs, die Medien würden durch ihre Aufmerksamkeit die Aufstände erst befördern bzw. erzeugen. Er hält dies für Ausreden von Leuten, die an ihren Aufgaben gescheitert seien.

Und somit kommt man zur eingangs formulierten Problematik: Wie können Armeen, die in jeder konventionelle Kriegsführung haushoch überlegen sind, gegen Aufständische oder Terroristen bestehen und gewinnen? Da 99% der Literatur über diese Thematik von Verlierern verfasst sei, müsse man ganz neu denken, so van Creveld ein bisschen nassforsch. Er entwickelt zwei Handlungswege, von dem es insbesondere der zweite in sich an und illustriert diese jeweils an einem Beispiel, in dem die Aufstandsbekämpfung gelungen ist.

Zwei Möglichkeiten zur Bekämpfung von Guerillas

Zunächst untersucht er die Methoden der britischen Polizei und Truppen in Nordirland. In einem kurzen historischen Abriss (auch dieser Konflikt hat sehr weit zurückreichende Wurzeln) kommt natürlich unweigerlich der "Blutsonntag" von Londonderry zur Sprache, in dem britische Armeeangehörige das Feuer auf eine demonstrierende Menge eröffneten und dreizehn Menschen dabei getötet wurden. Dieser Vorgang hat den Konflikt zunächst radikalisiert und terroristische Aktionen befördert (Anschläge gab es bis ins Herz Großbritanniens, London). Van Creveld zeigt in sechs Punkten, wie die Briten aus den damaligen Fehlern gelernt und die richtigen Maßnahmen ergriffen haben.

Der Konflikt blieb stets ein strafrechtliches Problem; ein "Krieg", wie ihn beispielsweise Bush 2001 nach dem 11. September ausrief, wurde nicht erklärt. Daher gab es auch kein Ausnahmerecht, d. h. im Großen und Ganzen (es gab vereinzelt natürlich Ausnahmen und Exzesse) wurden rechtstaatliche Grundsätze bei der Bekämpfung eingehalten (und nicht einfach ausgesetzt) und man hielt sich an die Gesetze; der Punkt, den van Creveld als den wichtigsten hervorhebt (anfängliche Versuche, Gefangene bei Verhören zu foltern, wurden 1972 eingestellt). Desweiteren verblieb die polizeiliche Routinearbeit bei den örtlichen Kräften, die sich besser mit den lokalen Gegebenheiten auskannten. Kollektivstrafen wie Ausgangssperren, das Unterbrechen der Strom- und Wasserversorgung, die Zerstörung von Gebäuden unterblieben ausnahmslos. Soweit wie möglich traten Polizei und Armee als Beschützer der Bevölkerung auf, nicht als ihre Peiniger. Dabei wurden von Seiten der Armee keine schwere Artillerie, gepanzerte Fahrzeuge oder gar Flugzeuge eingesetzt.

Diese äußerste Selbstdisziplin der Briten führte dazu, dass den Aufständischen das Feindbild sukzessive entzogen wurde und dadurch die Unterstützung in der Bevölkerung nachließ, die sich mit den Zielen der Rebellen nicht mehr ausreichend identifizierten. Den zweiten Schritt, die Einbindung der (gemäßigten) Rebellen in Verhandlungen, die in einen Friedensprozess mündeten, behandelt van Creveld konsequenterweise für seine Studie nicht.

Neben dieser - salopp formuliert - "rechtsstaatlichen Variante" von Aufstandsbekämpfung, die einen langen Atem verlangt (interessanterweise verkehrt sich die Bedeutung des Faktors "Zeit" - bei den gescheiteren Vorgehensweisen "spielt" sie für den Schwachen, jetzt jedoch plötzlich für die Ordnungsmacht) entwickelt van Creveld auch noch eine diktatorisch-brutale Variante. Beispielhaft hierfür wird die Bekämpfung einer aufständischen Muslimbruderschaft in Syrien im Jahr 1982 angeführt, die sich in der Ortschaft Hama ereignete. Der damalige syrische Präsident Hafis al-Assad schlug die Revolte mit furchtbaren Mitteln nieder. Der Muslimbruderschaft wurde so bis heute "nicht nur das militärische Rückgrat" gebrochen, sondern diente auch anderen oppositionellen Gruppen "als eindrückliche Warnung, auf weitere Aktionen des Ungehorsams zu verzichten".

Die Vorgehensweise war von äußerster Brutalität und Grausamkeit. Die Armee bombardierte die Stadt, in der sich die Aufständischen aufhielten, flächendeckend, ohne Schonung und rückte dann mit schwerer Artillerie vor. Man machte lieber zu viele Opfer als zu wenige. Für van Creveld eine Notwendigkeit für den Erfolg einer solchen Tat. Die Aktion geschah schnell und unerwartet, d. h. es gab vorher keine Drohungen oder Ultimaten, die die Aufständischen zur Organisation eines Rückzugs hätten nutzen können. Die mediale Verbreitung wurde dahingehend gesteuert, dass man bewusst die Opfer und die Folgen der Angriffe (als Abschreckungselement) zeigte. Die Operation wurde von einem Bruder Assads kommandiert; im Falle des Scheiterns wäre nicht der Präsident selber gescheitert.

Die moralische Entrüstung über diese Aktion relativiert van Creveld. Hätte Assad den Aufstand nicht niedergeschlagen wäre Syrien vielleicht ähnlich wie der Libanon in einen Bürgerkrieg verwickelt worden und eine unstabile Macht in Nahen Osten geworden. Aufgezeigt wird, dass Assad rund zehn Jahre später ein willkommener Koalitionär des Westens gegen Saddam Hussein war – moralische Bedenken gab es also damals nicht, obwohl insbesondere die Amerikaner um die Brutalität des damaligen syrischen Machthabers wussten.

Zweifellos ist diese brutale Bekämpfung von Aufständischen in demokratisch organisierten Staaten schwierig umzusetzen. In gewissen Grenzen erkennt er Parallelen zum Vorgehen der israelischen Armee im Umgang mit den Palästinensern. Er stellt fest, dass diese Methode allerdings nicht konsequent durchgeführt würde und dann letztlich scheitern müsste. Wobei offen bleibt, ob man im israelisch-palästinensischen Konflikt nicht einmal die die rechtsstaatliche Variante versuchen sollte.

Bedauerlicherweise belässt es van Creveld bei der Beschreibung der beiden Modelle. Wie ein Militär meldet er in beiden Fällen: Mission erledigt. Aber ob er ernsthaft glaubt, dass die brutale Variante dauerhaft zur Befriedung einer Gesellschaft führen kann? Sie vermag für einige Zeit eine gewisse Ruhe zu garantieren (zumal in einer Diktatur) – aber ist diese Friedhofsruhe beispielsweise mit der Gefahr, die Aufständischen zu Märtyrern zu machen nicht zu teuer erkauft? Hier zeigt sich die Schwäche in van Crevelds Betrachtung überdeutlich: Seine Fokussierung liegt auf Aufstandsbekämpfung, nicht auf eine nachhaltige Befriedung. Nur so kann diese rustikale "Hau-drauf-Methode", normalerweise eher ein Produkt zu fortgeschrittener Stunde in Offiziercasinos "entwickelt", überhaupt nur in Erwägung gezogen werden.

Am Schluß betrachtet er das Vorgehen der USA (und deren Verbündeter) im Irak. Er konstatiert hier eine fatale Mischung beider Varianten. Mal entschlösse man sich zu brutalem Vorgehen – welches dann plötzlich abgemildert oder zurückgenommen würde. Insgesamt gibt es keine durchgängige Linie der Streitkräfte; das Vorgehen variiere von Einheit zu Einheit. Die Alleinschuld für diese falsche Handlungsweise läge bei der Bush-Administration. Kein gutes Wort findet er für die sogenannten "Think-Tanks", die er in heftiger Polemik angreift. Oft genug gescheiterte ehemalige Offiziere geben Ratschläge über Sachverhalte, von denen sie keine Ahnung haben und weil sie den jeweiligen Auftraggebern schmeicheln wollen, redeten sie ihnen nach dem Mund.

Um maximal 30.000 Rebellen im Irak zu bekämpfen legten die USA zwischenzeitlich 450 Milliarden US-Dollar im Jahr aus. Dabei gibt es weder eine Strategie, wie man mit den Aufständischen umgeht noch ein Plan, wie dies umzusetzen ist. Nicht einmal an eine ausreichende Zahl von Übersetzern habe man gedacht. Konventionelle Armeen haben sich genau so überlebt wie der blinde Glaube an hochtechnisierte Waffen, die in Wirklichkeit reparaturanfällig sind und den Anforderungen der neuen Herausforderungen oft genug nicht gewachsen sind.

Mit seinem Erzählstil und der fast durchweg für einen militärhistorischen und –strategischen Laien verständlichen Wortwahl gelingt es van Creveld durchaus, den Leser zu fesseln. Die Fokussierung auf militärstrategische Aspekte ist mitunter zu eindimensional, manchmal geradezu altmodisch (man denke an die Parallelwelten zwischen Militär und Politik Anfang des 20. Jahrhunderts). Eine stärkere interdisziplinäre Sicht wäre zuweilen wünschenswert. Dennoch: Auch wenn einem bei der Lektüre manchmal der Atem stockt und sich neben Zustimmung gelegentlich heftiger Widerspruch regt – lohnend und in höchstem Maße anregend ist die Lektüre von "Gesichter des Krieges" allemal.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Jonathan Littell (Hainer Kober): Das Trockene und das Feuchte

Jonathan Littell Das Trockene und das Feuchte Jonathan Littell, Autor der Splatter-Mockumentary Scharteke "Die Wohlgesinnten", hat das Buch "La campagne de Russie" ("Der Russlandfeldzug"; erschienen 1949) des ehemaligen belgischen SS-Offiziers Léon Degrelle gelesen. Und er hat das Buch "Männerphantasien" von Klaus Theweleit und dessen Thesen zum Faschismus gelesen. Littell versucht nun Theweleits Thesen von 1977 mit seiner Rezeption von Degrelles Buch fortzuschreiben.

Littell ist von Theweleits Buch fasziniert. "Der Faschismus (ist eine) Form der Produktion des Realen…keine Frage der Staatsform…auch nicht…der Wirtschaftsform, überhaupt nicht eine Frage des Systems." zitiert er Theweleit, der im Nachwort zu "Das Trockene und das Feuchte" (welches bereits im April 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde) ergänzt: "'Faschismus' ist …ein Körperzustand, eine gefährliche Materie, die mit Macht und Gewalt darauf dringt, den Zustand der Welt den Zuständen des eigenen Körpers anzugleichen, zu unterwerfen". Das Freud'sche Modell von Es, Ich, Über-Ich und damit der ödipalen Konstellation lässt sich auf [den Faschisten] nicht anwenden so klären Littell (und Theweleit) auf, denn der Faschist hat die Trennung von der Mutter nicht abgeschlossen und sich nie als Ich im Freud'schen Sinne konstituiert. Der Faschist ist der "Nicht-zu-Ende-Geborene". Aber er ist kein Psychopath; er hat eine partielle Trennung vollzogen, er ist sozialisiert…er ergreift sogar gelegentlich die Macht.

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Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft

Ulrich Beck  WeltrisikogesellschaftIm Gegensatz zu den klassischen Menschheitskatastrophen der Vergangenheit (Naturkatastrophen; Seuchen) stehen heute als Resultate bewusster Entscheidungen die Risiken, die von industriellen Grosstechniken ausgehen. Sie brechen nicht schicksalhaft über uns herein, sie sind vielmehr von uns selbst geschaffen…hervorgegangen aus der Verbindung von technischem Nutzen und ökonomischen Nutzenkalkül. Diese Risiken, die nicht an den Grenzen von menschlich geschaffenen, also künstlichen Nationalstaaten Halt machen, sondern globale Auswirkungen haben können, untersucht Ulrich Beck in seinem Buch über die Weltrisikogesellschaft.

Beck lässt keinen Zweifel: Die moderne Gesellschaft krankt nicht an ihren Niederlagen, sondern an ihren Siegen. Die Probleme der von ihm sukzessive entwickelten Weltrisikogesellschaft sind demzufolge nicht Produkte fehlerhaften Handelns, sondern immanent im Handeln in modernen Gesellschaften angelegt. Die Lösung der Probleme der Welt hat wieder neue Probleme geschaffen. Diese Probleme nennt er Risiko:

Risiko ist nicht gleichbedeutend mit Katastrophe. Risiko bedeutet die Antizipation der Katastrophe. Risiken handeln von der Möglichkeit künftiger Ereignisse und Entwicklungen, sie vergegenwärtigen einen Weltzustand, den es (noch) nicht gibt. Während die Katastrophe räumlich, zeitlich und sozial bestimmt ist, kennt die Antizipation der Katastrophe keine raum-zeitliche oder soziale Konkretion. […] In dem Augenblick, in dem Risiken Realität werden – wenn ein Atomkraftwerk explodiert, ein terroristischer Angriff stattfindet – verwandeln sie sich in Katastrophen. Risiken sind immer zukünftige Ereignisse, die uns möglicherweise bevorstehen, uns bedrohen. Aber da diese ständige Bedrohung unsere Erwartungen bestimmt, unsere Köpfe besetzt und unser Handeln leitet, wird sie zu einer politischen Kraft, die die Welt verändert.

Worum es Beck in diesem Buch geht, sind die nicht mehr durch Versicherungen dauerhaft und vollständig absicherbaren Akte mit umfassenden, globalen Folgen. Seine Diagnose: Das Weltrisiko ist die Realitätsinszenierung des Weltrisikos. […] "Inzenierung" meint dabei nicht, wie in der Umgangssprache, die bewusste Verfälschung der Wirklichkeit durch das Aufbauschen "irrealer" Risiken. Die Unterscheidung zwischen Risiko als antizipierter Katastrophe und der tatsächlichen Katastrophe erzwingt vielmehr eine Beschäftigung mit der Rolle der Inszenierung. Inszenierung steht also für Vergegenwärtigung des Weltrisikos, mit dem (hehren) Ziel, die Katastrophe abzuwenden, indem auf gegenwärtige Entscheidungen Einfluss genommen wird.
In seiner Typologie globaler Risiken liegt der Keim für ein Problem in diesem Buch. Beck unterscheidet drei "Logiken" globaler Risiken: ökologische Krisen, globale Finanzkrisen und terroristische Gefahren. Zwar weist er auf die Differenz zwischen ökologischen und ökonomischen Gefahren einerseits und terroristischen Bedrohungen andererseits hin (bei letzterer wird der Zufall durch Absicht ersetzt). Im weiteren Verlauf gelingt es ihm jedoch nicht, die grundlegende Differenz herauszuarbeiten.

Während ökologische und ökonomische Risiken (Beck befasst sich später fast ausschliesslich mit den ökologischen Gefahren und führt hierzu beispielhaft die Gefahren durch Atomkraftwerke und die Klimaerwärmung an) prozessual mit quasi naturwissenschaftlichen Parametern "funktionieren", also hier die kulturelle Wahrnehmung des Risikos verschwimmt, ist das bei terroristischen Risiken keineswegs der Fall. Es handelt sich stattdessen eher um Auswüchse direkter Kulturkonflikte. Die parallele Abhandlung ist also höchst schwierig, da das Risiko einer Explosion eines Atomkraftwerks global vermutlich gleich gewichtet wird, während ein Terroranschlag durchaus kulturell anders bewertet werden kann (abgesehen von der Dimension, die beispielsweise ein radioaktiver Unfall für die Menschheit haben kann – und dagegen ein Terroranschlag mit "vergleichsweise" lokaler Auswirkung).

Ulrich BeckDennoch ist es ein Gewinn, Ulrich Becks Diagnose der augenblicklichen Lage zu lesen. Sichtbar seine Lust an provokanten Thesen, die (scheinbar) die gängige Rezeption vom Kopf auf die Füsse stellen. Erhellend sind seine Ausführungen zu den terroristischen Risiken:

Die Globalisierung der Terrorgefahr äussert sich … zunächst als Globalisierung derErwartung möglicher Terrorattentate an fast jedem Punkt der Erde zu jeder beliebigen Zeit. Es ist diese Erwartung, die tiefgreifende Konsequenzen für das Recht, das Militär, die Freiheit, den Alltag der Menschen, die Stabilität der politischen Ordnung überall auf der Welt hat, denn sie zersetzt die Sicherheitsgarantien der nationalstaatlichen Basisinstitutionen.
[…]
Den terroristisch intendierten Katastrophen ist kein in Zeit und Raum lokalisierbarer Akteur und kein klassisches, eindeutiges militärisches Potential zuzuordnen. […] Den Terrortaten fehlt, was für klassische Feinde selbstverständlich ist, die militärische Berechenbarkeit. Der Selbstmordattentäter geht kein Risiko ein, denn seine Aktion ist todsicher. Abschreckung schreckt ihn nicht. Indem er stirbt, macht er sich unbesiegbar. Die Steigerung der Entschlossenheit: Selbstmord als Mittel des Massenmordes und damit der Inszenierung und Globalisierung von deren Erwartung verleiht dem Ohnmächtigen Macht, ja sogar für einen Moment Übermacht gegenüber der grössten Militärmacht der Geschichte. Obwohl militärisch eindeutig unterlegen, kann der Attentäter kurzzeitig ein Gleichgewicht des Schreckens herstellen…


Beck ist allerdings weit entfernt, der Hysterie das Wort zu reden:

Die Fernsehbilder der aus heiterem Himmel in eine riesige Staubwolke zerfallenden Zwillings-Kathedralen des globalen Kapitalismus faszinierten aufgrund ihrer traumatischen Obszönität: Der Unverwundbarkeitsglaube der grössten Militärmacht der Welt wurde live hingerichtet. […] Diese material-symbolischen Explosionen bewirkten etwas räumlich und zeitlich von ihnen Abgelöstes: die Erwartung des Terrorismus. Und weil Medium und Ziel der Inszenierung die Erwartung ist, verwischt die Grenze zwischen berechtigter Sorge und Hysterie. […] Die Pointe von solchem Terror besteht darin, das Selbstvertrauen der Moderne durch die symbolisch mobilisierende und (de-)konstruierende globale Antizipation des terroristischen Angriffs zu töten - worin er ziemlich erfolgreich ist.

Vehement greift Beck die hysterischen Beschützer des Westens an, die ihre falsche Dichotomie (Freiheit vs. Sicherheit) aufmachen:

Es ist nicht die terroristische Tat, sondern es sind die globalen Inszenierung der Tat und die auf die Inszenierung folgenden politischen Antizipationen, Aktionen und Reaktionen, die die westlichen Institutionen der Freiheit und Demokratie zerstören. Die auf vielen Ebenen spürbaren Einschränkungen der Freiheitsrechte […] sind nicht einfach Folgen tatsächlicher Katastrophen, zum Beispiel terroristischer Gewaltakte. Sie sind ein Produkt aus solchen Erfahrungen und deren globalisierter Antizipation, sprich dem Versuch, das künftige Eintreten solcher Ereignisse an jedem Ort dieser Welt zu verhindern. Bin Laden und seine Netzwerke gewinnen weltpolitische Bedeutung erst dann, wenn eine ganze Reihe weiterer Bedingungen vorliegen, die ihnen zu weltpolitischer Resonanz und Präsenz verhelfen.

Wenn die Gefahr des Terrorismus als globales, jederzeit mögliches Risiko in den Köpfen der Menschen präsent ist – und das geschieht durch die Medien – dann haben die Terroristen schon reüssiert. Beck streicht die unfreiwillige Komplizenschaft der "Krieger gegen den Terror" gegenüber den Terroristen heraus. Erst dieses inszenierte Risiko verhilft den Terroristen zur Bedeutung, ja, zu Macht. Der eigentliche Anschlag ist (fast) gar nicht mehr notwendig; es reicht die pure Möglichkeit.

Der Terrorismus, der vom Hass auf die westliche Moderne durchsetzt ist (aufgrund der Siege der Moderne [hier nicht ganz unähnlich der Argumentation Enzensbergers]), erzeugt bei den politisch Agierenden eine Priorität der Prävention. Hierdurch wird aber durch die Antizipation des Terrors die ganze Gesellschaft in den Zustand des Konjunktivs versetzt. Beck warnt auch hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Folgen dieser Präventionskultur ("racial profiling"): Die Antizipation intendierter Katastrophen löst Wellen einer verschärften Zuschreibung aus mit der Folge von Aufschaukelungseffekten, die dann in Selbststigmatisierungen münden, die wiederum das Vorurteil der Islamophoben hervorbringt: immer mehr Kopftücher, immer mehr äusserliche Zeichen des Andersseins. Man grenzt sich selbst aus. […] Weil wir anders sind, können uns die Anderen nicht verstehen. Die Folgen sind fatal, denn die Ideologie des Widerstands gegen die "Globalisierung", der politische Islamismus, gewinnt an Attraktivität. Und mit ihm dann der "einheimische" Nationalismus (den Beck übrigens nicht ausschliesslich rechts verortet, sondern , in anderem Zusammenhang, durchaus auch im linken Protektionismusdenken heftig bekämpft).

Beck wird, wenn es um die Lösung des Terrorismusproblems geht, für seine Verhältnisse konkret: Wer…den Aufstand der Terroristen im Zentrum des Zentrums zu einem reinen Sicherheitsproblem verkürzt, spielt den Terroristen in die Hände. Für ihn liegt der Zulauf der Terroristen vor allem in der Dritten Welt in der eindimensionalen Globalisierung der Gerechtigkeitsfrage begründet. Der Westen tabuisiere und sabotiere die Lösung dieser Frage und daher finde in der radikal ungleichen Welt der Terrorismus in den Augen der von der westlichen Moderne Überrollten und an die Wand Gedrückten als letzte Ideologie des Widerstandes Gehör und oft eben auch verschwiegene Zustimmung. […] Der Westen steht in den Augen der arabischen Öffentlichkeit oft für kulturelle Dekadenz und ökonomischen Imperialismus, dessen fragile Arroganz man mit der Antimoderne des politischen Islamismus beantworten muss.

Diese These, den Betrachtungen beispielsweise von Ted Honderich ("Nach dem Terror") nicht fern, lässt allerdings ausser Acht, dass es gerade nicht die an die Wand Gedrückten waren, die die Terroranschläge verübten und auch ein gesellschaftlich-ökonomischer Kontext so gut wie gar nicht in den "Erklärungen" der Bekennerschreiben und -videos angeführt wird. Der Deutung, die Twin-Towers seien auch als ein Symbol des Kapitalismus angegriffen worden, widerspricht dies nicht, solange es nicht monokausal behauptet wird.

Al-Qaidas Intention ist nicht, eine neue Weltgerechtigkeit zu implementieren (dann hätte man in den Golfstaaten auf der arabischen Halbinsel viel lohnendere und auch nähere "Ziele"), sondern fusst auf Machtphantasien, die religiös verbrämt und unterfüttert werden. Die Ursachen sind in den geopolitischen Konflikten seit den 80er-Jahre zu suchen. Das enthebt natürlich den Westen nicht von der Notwendigkeit, grössere Verteilungsgerechtigkeit in der Welt zuzulassen – und zwar nicht mit geberischer (und damit abermals imperialer) Pose. Die islamisch-wahhabitisch "argumentierenden" Selbstmordterroristen als neue Gerechtigkeitshelden hochzustilisieren, ist im fast wörtlichen Sinne weltfremd; das macht man noch nicht einmal dort, wo dies theoretisch (im Sinne Becks) verfangen könnte – in Afrika.

Hinsichtlich der ökologischen Risiken überrascht Beck zunächst einmal mit der These, dass wir kein sogenanntes "Umweltproblem" hätten, sondern eine tiefgreifende Institutionenkrise der ersten, nationalstaatlichen Phase der Industriemoderne selbst. Ausführlich beschäftigt er sich mit den Risiken der Atomenergie und vor allem der Klimawandel-Diskussion. Das weite Gebiet der Gentechnik und deren ethische Probleme spricht er nicht an. Konkrete Festlegungen werden vermieden. Lange sucht man nach einer Aussage, ob den Thesen der Klimawandel-Experten zu trauen ist oder eher den Beschwichtigern. Aufgrund der weiter unten angesprochenen vehementen Expertenablehnung Becks, überrascht die zögerliche Haltung nicht. Seine Ausführungen über die unterschiedlichen theoretischen und epistemologischen Positionen der ökologischen Weltrisikogesellschaft bleiben eher blutleer. Der Versuch, den Leser damit zu überraschen, dass es gar keine Natur mehr gibt, auf die sich der Natursuchende bezieht, misslingt im Dickicht zwischen strengem und weichen (reflexiven) Realismus und weichem und strengen Konstruktivismus. Wortgetüme wie konstuktivistischer Realismus oder realistischer Konstruktivismus erhellen nicht unbedingt. Vor soviel –Ismen kapituliert irgendwann selbst der geduldigste Leser.

Beck knüpft, wie der Leser ausführlich erfährt, mit Weltrisikogesellschaft an sein Buch von der Risikogesellschaft von 1986 an und erweitert es auf eine global ausgerichtete Schrift über – im wörtlichen Sinn – grenzenlose Risiken. Einzelstaatliche Antworten hält er für unzureichend (Steinzeit-Antworten auf die Fragen des Industriezeitalters). Heftig greift er die bestehende Soziologie in der Beibehaltung eines mikrokosmischen Blickes an, zeiht sie der selbstverschuldeten Borniertheit und der historischen Unmündigkeit. Aber auch die Tatsache, die Risiken als "Nebenfolgen" oder "Restrisiken" sozusagen als unabänderliches Fatum hinzunehmen und nicht als Erfolge der Industrialisierung offen anzunehmen (um mit ihnen dann umzugehen), erregt Becks heiligen Standeszorn. Seine Erregung in der Argumentationsführung ist für den aussenstehenden Leser erstaunlich. Man fragt sich unweigerlich, welche über Jahre angesammelten Konflikte da abgehandelt werden.

Auch mit der gewöhnlichen Kulturkritik geht Beck hart ins Gericht; er widmet ein Kapitel der Dekonstruktion des linearen Fortschrittspessimismus. In den Klägern über den Werteverlust der Moderne macht er den Verlust der eigenen, unreflektierten Weltgewissheiten aus und stimmt ein Hohelied auf den Individualismus an, den er als Quell neuer basisdemokratischer Strukturen entdeckt. Es gibt für ihn keinen Verfall der Werte, sondern stattdessen einen Wandel. Exemplarisch macht er das an der gesellschaftlichen Behandlung des Themas der Homosexualität deutlich. Vor noch nicht einmal 50 Jahren war dies in den meisten Gesellschaften noch ein Straftatbestand – heute ist Homosexualität in modernen Gesellschaften als sexuelle Orientierung akzeptiert.

Wandel begrüsst Beck a priori und sieht ihn als Chance. Mit grosser Geste wendet er sich gegen irgendwie geartete restaurative Gesellschaftsentwürfe à la Di Fabio oder Schirrmacher (ohne sie zu nennen) und postuliert in einem allerdings merkwürdig anmutenden Überschwang die Maxime: Der Kulturpessimismus ist historisch widerlegt. Die Widerlegung behauptet Beck allerdings nur; Belege bringt er dafür nicht. Einverstanden, dass dies nicht Intention dieses Buches ist – aber dann erübrigte sich diese Erwähnung.

Becks Begriff des Weltrisikos wird im Verlauf des Buches ausführlich beleuchtet – allerdings bleibt er dabei eher an der Oberfläche; deskriptiv. Nach dem euphorischen Anfangskapitel folgt ein Hinweis. Der gesellschaftstheoretisch interessierte Leser könne die Lektüre des Kapitel XI nach Kapitel I vorziehen. Ich habe überlegt, ob ich dieser Möglichkeit folgen sollte, habe es dann jedoch verworfen, da ich der (sicherlich altmodischen) Meinung bin, ein Buch sollte chronologisch gelesen werden, zumal Becks Kapitelaufbau eine gewisse Didaktik und Stringenz suggerierte.

So fehlt mir die Erfahrung, wie ich mit dem Buch nach der Lektüre von Kapitel I und Kapitel XI verfahren wäre. Ich vermute jedoch: anders. Ich hätte nämlich gemerkt, dass Beck sich letztlich in den zwischen beiden Kapiteln liegenden 280 Seiten kaum von der Stelle bewegt haben muss. Teilweise lesen sich die Kapitel so, als seien sie für andere Publikationen geschrieben worden und dann irgendwann wieder dem vorliegenden Buch angeklebt. Die Redundanz ist derart gross, dass irgendwann ein Ermüdungs- und Unlusteffekt auftritt, den man, die euphorischen Anfänge noch im Kopf, fast betrauern möchte.

Letztlich dreht sich Beck in der Beschreibung seiner Weltrisikogesellschaft und der Notwendigkeit, kosmopolitische Lösungen für die globalen Risiken zu finden, ständig im Kreis. Ermüdend wird das, wenn er diesen kosmopolitischen Blick noch aufdröselt und zwischen normativem, politischem und methodologischen Kosmopolitismus unterscheidet, ohne konkrete Abgrenzungen vorzunehmen. Da rächt sich Becks eher erzählender Schreibstil. Ähnliches widerfährt einem bei seiner Behandlung von Moderne, Postmoderne und Mehr-Moderne. Aber statt Definitionen für seine Begrifflichkeiten vorzunehmen, schwimmt und laviert der Autor in seinem eigenen, sprachverliebten Duktus, der selbst für den geneigten Leser irgendwann unverständlich wird. Und auf Seite 332 summiert er die Weltrisikogesellschaft urplötzlich nicht (mehr) als Gesellschaft globaler Gefahreneinsicht - man hat also bisher offensichtlich nichts verstanden – und stellt dann auch noch seinen Begriff der Globalität zur Disposition. War man bisher aus den Ausführungen irgendwie der Meinung, Globalität ergebe sich aus der tatsächlich globalisierten Bedrohungs- bzw. Risikostruktur, also einer Art "Risiko für alle" (als Beispiel wird immer wieder Tschernobyl genannt), so überrascht Beck plötzlich mit der allerdings ziemlich kryptischen Formulierung Globalität müsse als Konflikt um die Definition (und die Definitionsverhältnisse!) von Globalität entschlüsselt werden!

Beck erliegt oft – zu oft! - der Versuchung, immer noch eine zusätzliche Meta-Ebene in sein Weltrisikomodell einzubauen. Damit erhellt er jedoch sein Anliegen nicht, sondern verwirrt. Aber viel schlimmer ist, dass er sich mit dieser Wissenschaftlichkeitsflucht um die Kernfrage seiner Weltrisikogesellschaft drückt: Welche Folgen ergeben sich für das so gewünschte (und notwendige) kosmopolitische Handeln? Und: Wie sehen die neuen Institutionen aus (wenn man dem Autor folgt, dass die alten, nationalstaatlichen versagt haben bzw. versagen werden)?

Hier bleibt es seltsam nebulös. Zwar ist von der Pluralität der Stimmen im globalen, gleichberechtigten Risikodiskurs die Rede und vom Recht des Zuhörens. Und bereits früh negierte Beck das gängige Expertentum mit seiner scheinbar unumgänglichen Vorteile-versus-Nebenfolgen-Antinomie scharf (In Sachen Gefahr ist niemand Experte – auch und gerade die Experten nicht.) und verwirft die Illusionen der Experten, zertrümmert ihre Definitionsmacht, in dem er den Laien durch Zurückgewinnung der eigenen Kompetenz gegen das allgemeine Experten und Gegenexpertentum setzt (schliesslich ist er im Katastrophenfall ja mindestens ebenso betroffen; diese nivellierende Wirkung ist für Beck ein Schlüssel für Re-Demokratisierungen) und zweifelt pauschal die Unabhängigkeit von Experten an (mit dem schönen Begriff von Mr. und Mrs. Verflechtung).

Aber was wird dagegen gesetzt? Was bedeutet die schroffe Bemerkung Der Technikglaube hat schon lange ausgedient beispielsweise im Kontext von Risikofolgenabschätzungen bzw. Abstellung von Risiken bezüglich des Klimawandelproblems?

Eine Art kosmopolitische Norm, in der potentiell betroffene Nichtnationale in die eigene Entscheidungsfindung einzubeziehen sind, ist dem Leser durchaus als erster Ansatz verständlich. (Aber war da nicht Hans Jonas mit seinem "Prinzip Verantwortung" [Beck zitiert ihn einmal] schon weiter?) Grosse Sympathie bringt man auch noch einer Politik wider die weltmächtigen Interessen der westlichen Entscheider-Regionen entgegen (im weiteren Verlauf erliegt Beck dann allerdings wieder der eurozentristischen Sichtweise, was er aber mindestens – im Gegensatz zu anderen – erkennt und thematisiert). Und seine Diagnose, dass das Katastrophenrisiko die Armen verfolgt, mag ja stimmen. Aber inwiefern durch das Diktum, kulturelle Wahrnehmungen und Wertungen gewinnen Priorität gegenüber Tatsachenwissen vielleicht Handlungsmaxime abzuleiten wären, wird nicht aufgezeigt. Stattdessen verbleibt ausgerechnet der Verfechter des kosmopolitischen Handelns bei der Feststellung, dass starke Staaten die anderen nicht dominieren dürften.

Beck spricht es nicht an – aber bei aller Vehemenz der Ablehnung des Nationalstaatsprinzips, ist sein Vertrauen in eine global handelnde Institution offensichtlich nicht sehr stark ausgeprägt. Gemeint sind natürlich nicht die VN, die – der Beckschen Logik gemäss – letztlich nur Versammlungen von Nationalstaaten sind (daher sicherlich die Vorbehalte). Das grosse Wort eines "Weltstaats" wird vermieden; Beck redet eher einer (oder mehreren?) kosmopolitischen Gemeinschaft[en] das Wort, spricht lieber blumig von Subpolitik von oben. Es würde natürlich die Intention dieses Buches sprengen, quasi "nebenbei" noch einen Entwurf für eine irgendwie geartete Globalregierung zu entwickeln. Aber ein bisschen konkreter hätte man es sich schon gewünscht. Denn die korrekte Feststellung, dass sich Risiken und die antizipierten Katastrophen nicht an Ländergrenzen halten, könnte man auch dahingehend ergänzen, dass Katastrophen auch nicht unbedingt durch (kulturelle) Wahrnehmungen alleine vermieden oder gar bewältigt werden.

Und wo bleiben die Ausführungen zur kursorisch vorgestellten Subpolitik von unten, den Nationalregierungen die NGOs und damit die "kritische Masse" entgegenzusetzen und diese zusammen mit den Medien (Der politische Ort der Weltrisikogesellschaft sind die Medien) für frischen Wind zu sorgen? Ahnt Beck vielleicht die Gefahren einer Übernahme von – noch dazu globaler – Politik durch oft genug nicht demokratisch legitimierte Organisationen, die dann exakt jenen Alarmismus provozieren und medial produzieren, den er an anderer Stelle im Buch (Stichwort Terrorismusbekämpfung) so gekonnt angreift? Ist ihm nicht exemplarisch das Fiasko von Greenpeace und "Brent Spar" noch in Erinnerung und die damit verbundene gehirnwäscheartige Medienkampagne? Und wie steht es dann in diesen Fällen mit der von ihm so vehement bekämpften Experten/Laie-Dichotomie?

Und da rauft sich der Leser schon die Haare, wenn der Einkaufszettel zum Element der direkten Demokratie hochgejubelt wird und der Massenboykott kritiklos zum neuen Politikstil erhoben werden soll. Und das, obwohl der Autor ökonomische, gar marktregulierende Massnahmen (naturgemäss) kategorisch ablehnt – und zwar sowohl als Anlehnung an Zauberkräfte des Marktes (das, was man verkürzend neoliberal nennt) als auch an das Gegenstück, einer Implementierung staatlicher Planwirtschaft. Und ausgerechnet Beck, der die medialen Inszenierungen von Risiken so aufschlussreich entschlüsselt, verwendet plötzlich die gleichen Instrumente selber? Wer entscheidet denn, wann etwas boykottiert wird und wann nicht? Oder, anders gefragt: Wer trifft die Entscheidung zur Inszenierung? Wenn sein Diktum stimmt, dass das Nichtwissen…das "Medium" reflexiver Modernisierung sei, wie soll dieses Nichtwissen denn "strukturiert" sein? Was ist anderes damit gemeint, als eine Art Verzichtsgesellschaft, die in der Antizipation der Risiken lieber dem "Fortschritt" (dem Technikglauben [s. o.]) entsagt? Dies würde jedoch in fundamentalem Widerspruch zu Becks generell optimistischer Globalisierungssicht stehen.

So schlingert man denn hin- und hergerissen zwischen Wissensmodernisierung und Nichtwissensgesellschaft herum. Stimmt man der Aussage, dass das, was alle angeht auch nur alle lösen können (kosmopolitische Realpolitik) emphatisch zu, so bleibt doch die Ausgestaltung dieser diskursiven Direktpolitik vage und versteckt sich hinter Worthülsen wie global technological citizenship (Beck greift glücklicherweise selten zu Anglizismen); komplexes Weltregieren; soft law (gemeint ist nicht die durch Macht gedeckte Durchsetzung positiven Rechts) oder Risikoweltbürgerrecht.

Sicherheit ist, da hat Ulrich Beck recht, das Primat der modernen Gesellschaft. Mit seiner Charakterisierung einer Weltrisikogesellschaft will er weder Panik erzeugen noch globalisierungskritisch argumentieren noch den gängigen Kulturpessimismus befeuern. Richtig ist, dass die Weltrisiken, von denen einige genannt werden (andere nicht), ein Ende einer elaborierten Distanzierungsmöglichkeit bedeutet. Die aktuellen Diskussionen um Störfälle in Kernkraftwerken führen diesen Paradigmenwechsel exemplarisch vor Augen. Beck sieht diese Globalisierung von Gefahren pragmatisch und eben nicht als Problem an, sondern begreift sie als Herausforderung, manchmal vielleicht sogar als eine Art heilsamen Schock, wenn er in seltsam metaphorischen Worten die anthropologische Sicherheit der Moderne als aus Treibsand bestehend festmacht. Insofern ist sein Buch von einem erfrischenden, gelegentlich überschäumenden und manchmal naiven (Zweck-?)Optimismus. Da stellt man sich den Autor auch schon mal als Coach vor einem Publikum vor, wenn er die Gefahren als Chancen nonchalant umdeutet. Nach der Veranstaltung gibt es dann aber einen veritablen Kater: Man hätte sich die Modelldarstellung geraffter, konzentrierter gewünscht und gerne dann noch einige Problemlösungsideen vorgefunden. Denn bei aller theoretischen Grandezza – wie das anspruchsvolle Programm einer kosmopolitisch agierenden Weltrisikogesellschaft funktionieren soll hätte ich schon ganz gerne gewusst.

(Bemerkung: Kursiv geschriebene Wörter und Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch. Die in Schreibmaschinenschrift geschriebenen Stellen sind seinerseits Kursivsetzungen in den zitierten Stellen des Buches.)

Die Entpolitisierung von Politik

Déjà-vu? Fast genau 40 Jahre nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg gab es wieder Strassenschlachten, Wasser- und Steinewerfer, vermummte und unvermummte Demonstranten und Hundertschaften der Polizei und wieder die Frage, ob, wann und wo Gewalt gegen Sachen oder vielleicht auch gegen Menschen (Notwehr?) nicht vielleicht notwendig oder gar geboten und also mithin zielführend ist. Ohnesorgs Tod 1967 wurde rückwirkend betrachtet zur Initiation einer "Bewegung 2. Juni", die dann Anfang der 70er Jahre, als sich die (medial eher schweigende) Mehrheit der damaligen Protestler längst in den Marsch durch die Institutionen aufgemacht hatten, in die "Rote Armee Fraktion" mündete.

Nach den Gipfelgesprächen der acht (so genannten) "wichtigsten Industrienationen der Welt" gab es heuer glücklicherweise keinen Toten zu beklagen. Und dennoch erinnerten die Bilder an das, was gemeinhin heute "68er-Bewegung" heisst: Die Gegnerschaft gegen die institutionalisierte politische Klasse (aktuell grob vereinfacht als "Globalisierungskritiker" bezeichnet; zur Unkenntlichkeit als "G8-Gegner" verzerrt [meistenteils von den eigenen Dummschwätzern, die mangels intellektuellem Rüstzeug in derartige Schlagworte ausweichen mussten]) formiert sich in ausserparlamentarischen Gruppierungen (wie beispielsweise "attac", die bekannteste). Und wie 1967/68 bestechen die Demonstranten durch ihre Heterogenität. Von christlich-orientierten Gruppen über alle Schattierungen von grün bis rot bis zu den Polithooligans des sogenannten "schwarzen Blocks" (der in Wirklichkeit selber nur ein unübersichtliches Konglomerat verschiedendster Ansammlungen darstellt), aber auch "Globalisierungsgegner" am rechten Rand (freilich mit einem dem Mainstream der Demonstranten diametral entgegengesetzten Impetus) – sie alle eint nicht nur eine Gegnerschaft sondern auch die Bereitschaft, diesem Dissens der politischen Führung gegenüber Ausdruck zu verleihen.
* * *
Damals wie heute findet dies nicht in den politischen Parteien statt. Diese werden nicht als Lösung sondern gesehen, sondern gelten als Mitursache des Problems. Und damals wie heute wird die Staatsmacht in Form der Polizei zum eigentlichen Symbol dessen, was man glaubt, bekämpfen zu müssen. Es ist diese (mindestens partiell ausgeprägte) Selbstermächtigungsrhetorik, welche – im Gegensatz zu den Gipfelteilnehmern – durch nichts legitimiert ist (schon gar nicht demokratisch) und Besorgnisse weckt. Um das wichtige und unverzichtbare Recht auf Demonstrationsfreiheit geht es dabei oft genug schon nicht mehr. Es geht um die suggestive Kraft der eigenen moralischen Überlegenheit und die mediale Präsentation dieser Überlegenheit. Dies funktioniert freilich besser, wenn vorher der eigentlich informelle Akt dieses "G8"-Treffens als Weltregierung hochgejubelt wird (die Medien machen da gerne mit) und den Beschlüssen damit eine Art Weltregierungserklärung zukommt. Mit dieser eindeutigen Überforderung dieser Zusammenkunft erzeugt man erst die Wichtigkeit, die man den G8 gerade nicht entgegenbringen sollte.

Abstrus die Aussage einiger Demonstranten, die die G8 "delegitimieren" woll(t)en. Als könne man Staatschefs verbieten, sich über Probleme der Welt zu unterhalten und gemeinsame Beschlüsse für ein Handeln hierauf zu fassen. Eine seltsame Auffassung, was das ebenso wichtige demokratische Recht auf Versammlungsfreiheit angeht. Da mutet dann die Gleisblockade von attac, den logistischen Nachschub der Gipfelteilnehmer abzuschneiden, noch harmlos an. Als müssten sie im Internetzeitalter Aufmerksamkeit über solche Aktionen generieren.

Dass übrigens dann die Beschlüsse des "illegitimen" Treffens ob ihrer Schwammigkeit (berechtigterweise) kritisiert werden, widerspricht dem Ziel der Delegitimation. Ein Gremium, dem ich die politische und moralische Legitimation aberkenne, kann ich schwerlich gleichzeitig für schwache Abschlussprotokolle geisseln.

Sicher ist aber auch, dass die Veranstalter alles Mögliche getan haben, um in einer falschen Symbolik das Aggressionspotential noch zu verstärken. Angefangen von der unsäglichen Idee eines Zauns, der die (wie gesagt: demokratisch legitimierten!) Staats- und Regierungschefs komplett von der Aussenwelt abschirmen soll bis zum Schüren einer Art Heilserwartung eines Gelingens des Gipfels oder – die Variante – des bevorstehenden Weltuntergangs beim Scheitern.

Der Zaun - welch' ein Fanal einer unselbstbewussten Einschätzung der eigenen Politik! Wie will man für die Beschlüsse werben, die hinter gefängnisähnlichen Mauern getroffen wurden, mit dem der gemeine Bürger von jeglicher Partizipation (also hauptsächlich zunächst einmal des Protestes) ausgeschlossen wurde? Welche Anmaßung auch in diesem Vorgehen, dem Souverän gegenüber.

Man hört immer wieder, es sei aus Gründen der Sicherheit unerlässlich gewesen. Aber ist es nicht merkwürdig, dass "normale" Sicherheitsvorkehrungen bei solchen Treffen nicht mehr ausreichen, weil man unplanbare Übergriffe befürchtet? Warum mauert sich denn die UNO Vollversammlung oder auch nur der evangelische Kirchentag nicht ein? Die Antwort ist freilich einfach; es verblüfft eigentlich, dass Enzensberger in seinem "Spiegel"-Text sie nicht gefunden hat: Mit diesem US-amerikanischen Präsidenten ist ein solches "Sicherheits-Guantanámo" unvermeidbar; ähnlich dem, was seinerzeit beim Besuch in Mainz angestellt wurde, als die Stadt einem Potemkinschen Dorf glich. Wie kaum ein anderer westlicher Staatschef der letzten fünfzig Jahre hat George W. Bush eben diese "westlichen Werte", auf die es ihm doch so ankommt, mit Füssen getreten und eine expansiv-imperialistische Politik betrieben. Er ist vollkommen zu recht der Lieblingsfeind nicht nur der Moralisten und wer sich zu sehr mit ihm einlässt, kommt schnell in den Geruch des Mitläufers. "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern…" – nur freilich ganz anders gemeint als damals.

Als 1967ff unter anderem gegen den Vietnam-Krieg demonstriert wurde, war derjenige, der diesen Krieg massgeblich zu verantworten hatte, bereits mehrere Jahre tot. Auch die amerikanische Administration, die wesentlich an der Implementierung des Schah im Iran beteiligt war (und Mossadegh beseitigte), existierte schon sehr lange nicht mehr. Die Reaktionszeiten für demonstrative Gegenwehr waren wesentlich länger als heute.
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Wir sind seit 40 Jahren Bürger eines "hysterischen Staats" (Peter Sloterdijk).

Ulrich Greiner zitierte in einem Artikel vom März diesen Jahres Gudrun Ensslin, 1967 nach Ohnesorgs Tod in einer SDS-Diskussion: "Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren, Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Das ist die Generation von Auschwitz, mit denen kann man nicht argumentieren!"

Der Tod Ohnesorgs wurde in linken Kreisen damals weitestgehend als Beleg für das Abdriften des Staates in eine mehr oder weniger faschistische Diktatur gesehen und galt einigen Gruppierungen als überpositive Legitimation, um selber Gewalt anwenden zu können. Der skandalöse Freispruch des Polizisten Kurras, der Ohnesorg erschossen hatte, tat sein übriges dazu. Das Fanal wurde als neue Handlungsmaxime der Staatsgewalt ausgegeben. An Absurdität war dies selbst 1967 kaum zu überbieten.

Rückwirkend muss man konstatieren, dass Teile der 68er Bewegung (und auch und insbesondere die "RAF") die Kraft medialer Inszenierungen erkannten und auch verwendeten. Mit verblüffend wenig Personal (man schätzte rd. 50 Aktive) hatte die "RAF" Mitte der 70er Jahre ein Volk von 60 Millionen in eine Art Massenpanik versetzt.

Es ist bedauerlich, dass sich ausgerechnet eine sozial-liberale Regierung in den Strudel hineinziehen liess und eine für die Terroristen willkommene Überreaktionsbereitschaft zeigte. Weil grössere Teile der 68er Protestbewegung eine (vorübergehende) politische Heimat in der SPD Willy Brandts suchten (und fanden), fühlte man sich durch die in der Springer-Presse geschürten Anfeindungen in vorauseilendem Gehorsam (Stichwort: Radikalenerlass) fast gezwungen, dem "Stammtisch" durch besonders entschlossenes Auftreten zu zeigen, wie gut man doch regieren könne. Interessant am Rande, dass 1998/99, bei der zweiten SPD-geführten Regierung der Bundesrepublik eine ähnliche Vergatterung auf die (angeblichen) überparteilichen Usancen erfolgte: Die USA nutzten die Schwäche der gerade gestarteten Schröder-Regierung und überrumpelte Aussenminister Fischer, dem illegalen und völkerrechtswidrigen Kosovokrieg zuzustimmen. Zu recht wurde später darauf hingewiesen, dass unter einer Regierung Kohl mindestens die aktive Teilnahme Deutschlands an diesem Krieg nicht stattgefunden hätte.

Zurück zu den 70ern. Die Terroristen der "RAF" hatten sich von den "Niederungen" des politischen Alltags spätestens Mitte der 70er Jahre verabschiedet und maßten sich an, Tribunal zu "spielen". Den Faschismus, den sie in der Bundesrepublik glaubten auszumachen, praktizierten sie selber in ihrer Peer-Group. Dies gipfelte im Mord an Schleyer, der in verquaster Rhetorik mit dessen aktiver Unterstützung des Nationalsozialismus gerechtfertigt wurde. Dabei begab man sich übrigens – unwissend? – in verdächtige Nähe nationalsozialistischer Rhetorik beispielsweise durch das Wort "Volksgefängnis".
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Die Nachwehen der Terroranschläge vom 11. September 2001 haben jetzt auch die Bundesrepublik mit aller Kraft getroffen. Die Hysterisierungen der 70er Jahre wurden vom amtierenden Innenminister Schäuble auf die (angeblichen) Terrorgefährdungen wiederbelebt. In seltsam missionarischem Eifer zeigt Schäuble Neigungen, verfassungsmässige Grundrechte zu Gunsten vager Sicherheitsversprechungen auszuhebeln. In diese Stimmung "platzt" dann der G8-Gipfel nebst Sicherheitszaun, Präventionsrhetorik und Ausschnüffelung.

Aber auch die politischen Gegner schüren diese Hysterien. Die neuen digitalen Medien dienen als schnelle und willkommene Multiplikatoren. Da wurde sofort jede Polizeimassnahme mit überbordenden Superlativen als Ausfluss eines unmittelbar in die Diktatur marschierenden Staates gedeutet. Das Öffnen eines Briefes wird da schnell zum Fanal eines zügellosen "Orwell"-Staates. Und ausgerechnet jene, die in ideologischer Verblendung Diktaturen idyllisieren, bauschen auf einmal jegliches staatliches Handeln (mag es auch falsch oder gar rechtswidrig sein) als Anfang von Ende demokratischer Kultur auf. Tiefpunkt der Verdrehung von Wahrheit war für mich die Verdummungsrhetorik eines "friedlichen schwarzen Blocks", der von der bösen Polizei zum Steinewerfen provoziert wurde.

Das auch seriöse Journalisten wie Heribert Prantl in der Nachbearbeitung der Gipfelproteste diesen Alarmismus befeuern und beispielsweise die vorübergehende Festsetzung von Demonstranten in enge Gitterkäfige mit Legebatterien vergleichen, erinnert ein bisschen an die Weltuntergangsprophezeihungen aus dem Jahr 1987, als die Volkszählung für die kritische Masse als das unmittelbare Ende des demokratischen Staates Bundesrepublik Deutschland galt.

In diesem Sinne trifft Sloterdijks Diktum voll ins Schwarze: "Das Wesen unserer Staatlichkeit in Zusammenspiel mit unseren Medien ist die Überreaktion".
* * *
Es ist interessant, dass die "Gewaltdiskussion" während der Demonstrationen in und um Heiligendamm wieder aufflammte. Grosse Teile der Linken haben sich von der Faszination von Gewalt immer noch nicht verabschiedet (so wurde auf einer Gegenveranstaltung dezidiert zu einer Art "Rache" für den 2001 in Genua getöteten Demonstranten Carlo Giuliani aufgerufen). Die "Argumentation" der Randalierer: Man deklariert flugs die polizeilichen Sicherheitsmassnahmen oder sogar die Politik der "G8" per se als Gewalt – und schnell hat man dann die Rechtfertigung, die man braucht. Mit dieser Gewalt gegen Gewalt liesse sich dann wiederum Gewalt rechtfertigen. Was das bedeutet, kann man beispielsweise überdeutlich im israelisch-palästinensischen Konflikt studieren, in der radikale Kräfte auf beiden Seiten einfach die Gewaltspirale aufrecht zu erhalten brauchen, um potentielle Lösungen zu verunmöglichen. Mitteleuropäischen Wohlstandskindern, die diese Art von Konflikt nur aus den Fernsehnachrichten oder drittklassigen Blockbustern kennen, dürfte da wohl das Vorstellungsvermögen fehlen, solche verhängnisvollen Kausalitäten zu überblicken.

Im Gegensatz zur 68er-Bewegung, die durchdrungen war von einer intellektuellen Aufrüstung, erscheinen die Proteste 2007 medioker. Es wird weitgehend moralisch (in immer gleichen Wortphrasen) und – hierauf kommen wir noch – systemimmanent argumentiert. Dennoch habe ich mich kurz gefragt, ob nicht die Proteste zum G8-Gipfel in Heiligendamm mehr waren, als nur die "üblichen" Affekte. Haben wir nicht vielleicht den Beginn einer neuen, umfassenderen Bewegung (bei aller Heterogenität) gesehen, die sich aufgrund tiefster Überzeugungen mit den aktuellen Politikentwürfen nicht mehr zufrieden gibt? Indiz könnte sein, dass die seit Monaten virulente Debatte um nachhaltige und vor allem sofortige Klimaschutzmassnahmen einen gewissen Aufrüttelungseffekt gehabt haben könnte.

Aber bei aller Emphase muss konstatiert werden, dass selbst Deutschland (erst recht die EU insgesamt) die Klimaziele, die im Kyoto-Protoll vereinbart wurden, voraussichtlich nicht einhalten wird. Warum also für einen noch auszuhandelnden Nach-Kyoto-Prozess "konkrete Zahlen" beschliessen, deren Einhaltung bzw. Ignoranz vorprogrammiert ist und letztlich auch politisch konsequenzlos bleibt? Am Rande: In Kyoto hat man so getan, als liessen sich notwendige Klimaschutzmassnahmen ökonomisch regeln. Dieser Idee scheint man immer noch anzuhängen – als könnte man mit Geld die in der Atmosphäre Unheil anrichtenden Emissionen "zurückkaufen".

Innenpolitisch wird suggeriert, als würden die notwendigen Massnahmen kaum oder sogar keine Einschränkungen des jeweils individuellen Lebensstandards der Bevölkerung zur Folge haben. Ein bisschen an den Stand-by-Einstellungen der Elektrogeräte gebastelt, Wohnung oder Haus auf Energiesparlampen "umgerüstet" und immer schön das Licht ausmachen. Ansonsten vertraut man auf "neue Technologien", also "Energieeffizienz" – und plant deshalb den Bau von 45 neuen Kohlekraftwerken in Deutschland (durchschnittliche Laufzeit rd. 40 Jahre pro Kraftwerk), die (natürlich!) viel sauberer sind, als die bisherigen. Man vertraut auf neuartige Automobile, die den Schadstoffausstoss auf die geplanten Werte schon herunterbringen werden (Angela Merkel hatte im Frühjahr höchstpersönlich schärfere aktuelle Restriktionen unter dem Dach der EU für stark schadstoffemittierende Fahrzeuge im Sinne der Automobillobby blockiert) – der Bürger darf dann weiter mit 200 km/h links fahren, wenn er sich's leisten kann. Diese Haltung erinnert fatal an die Diskussion 1989/90, als sogenannten "Experten" die deutsche Einheit "aus der Portokasse" finanzieren wollten. Wollen wir den Schülern dieser Experten auch weiter vertrauen, nur weil dies für uns so bequem ist?

Wenn es in diesem Punkt George W. Bush nicht geben würde – die EU müsste ihn erfinden. Mit selten dämlicher Konsequenz verweigerte sich Bush selbst den halbherzigen Kyoto-Beschlüssen und übernahm jahrelang freiwillig unfreiwillig die Rolle des Buhmanns. So muss es natürlich als Erfolg gelten, wenn die Bush-Administration nun Verhandlungen für den Nach-Kyoto-Zeitraum unter dem Dach der Vereinten Nationen zustimmt. Wie dies aussehen soll, blieb natürlich undiskutiert; den UN-Generalsekretär hatte man zur Sicherheit gar nicht erst eingeladen, dafür scharwenzelte Herr Barroso bei den Beratungen herum. Der Fortschritt liegt also in der Tatsache, dass die Bush-Administration (die nur noch knapp ein Jahr handlungsfähig ist; danach wird sie vom Wahlkampf gelähmt sein) das Gespräch wieder anfangen will. Bis dahin kann sich die EU als Vorreiter feiern (was definitiv nicht stimmt) und Deutschland als Musterknabe (was auch nicht stimmt) und Siegmar Gabriel braucht sich keinen Dienst-Toyota kaufen, weil die deutsche Automobilindustrie darunter leiden würde (ökonomischer Patriotismus zu Ungunsten ökologischer Vernunft müsste bei einem Umweltminister eigentlich ein Entlassungsgrund sein) - und die Demonstranten fahren in ihren mehrheitlich garantiert mehr als 120 mg/km CO2 emittierenden Automobilen erst einmal nach Hause.

Diese Debatte dürfte uns länger beschäftigen, als die arg verkürzte, zu jedem Gipfeltreffen zyklisch neu aufgelegte Diskussion um Afrika, die höchst dilettantisch und nur kapitalistisch systemimmanent geführt wird – sowohl von den Staats- und Regierungschefs als auch von den Kritikern – und dann später vergessen wird.

Statt Handelshemmnisse abzubauen und die eigenen Landwirtschaften nicht derartig zu subventionieren, dass diese Produkte die afrikanischen Heimmärkte durch Dumpingpreise zerstören, beliess man es bei den Zusagen für Geldlieferungen, die man vor zwei Jahren bereits versprochen hatte. Statt also den Afrikanern durch "einfache" handelspolitische Massnahmen (die allerdings in den jeweiligen G8-Staaten wahrhaft revolutionäre Folgen und tiefgreifende soziale Verwerfungen nach sich ziehen würden) Hilfe zur Selbsthilfe angedeihen zu lassen, entschied man sich für pekuniäre Lösungen. Was den Wahnsinn zeigt: Zunächst wird mit Milliarden die einheimische Landwirtschaft subventioniert (insbesondere in der EU und den USA) und dann wird den Ländern, die hierunter leiden, abermals Milliarden zur Verfügung gestellt, damit dieses System weiter erhalten bleibt.

Es ist eine geschickt getarnte Lüge der G8-Regierungen, ihre Ohnmacht in diesen Dingen zur Schau zu stellen. Natürlich macht es einen besseren Eindruck, den gütigen Schuldenstreichonkel zu spielen, als durch langfristige Welthandelspolitik gleiche Chancen herzustellen. Etliche afrikanische Regierungschefs tun noch ein übriges, dem Klischee der korrupten afrikanischen "Elite" zu entsprechen. So ist es beispielsweise skandalös, das ein Land wie Nigeria, reich gesegnet mit Bodenschätzen, u. a. Erdöl, immer noch auf Entwicklungshilfe angewiesen sein soll. Dies als eine Folge der Usurpierung der Ölförderung durch multinationale Konzerne auszurufen, ist eine seit Jahrzehnten hartnäckig verbreitete Legende – sie stimmt leider nicht. Schliesslich sind die Förderkonstellationen in den arabischen Staaten ähnlich (was nicht bedeutet, dass sie optimal sind) – und die Volkswirtschaften dieser Staaten explodieren.
* * *
Zurück zum Protest und der Entpolitisierung von Politik. Denn hierin unterscheiden sich die globalisierungskritischen Bewegungen von 2007 von den 68ern deutlich. Zwar trugen auch die 68er das Private ins Politische und trugen damit letztlich zur Trivialisierung von Politikabläufen bei. Aber die 68er Bewegung hatte neben dezidierten "Anti"-Haltungen auch Gegenentwürfe parat, die zwar aus heutiger Sicht absurd anmuten, aber immerhin diskussionswürdig schienen (wobei hier natürlich auch vieles binnen kurzer Zeit zur Pose erstarrte). Der Protest heute ist – bei Politik, Bürgern und den gesinnungsmasturbierenden Prominenten, die ihr Engagement monstranzähnlich vor sich hertragen und danach wieder in ihre Villen zurückreisen – meistenteils systemimmanent: Gebt Geld, Geld, Geld.

Diese Einsilbigkeit hat natürlich damit zu tun, dass das Gegensystem seit 1989 verschwunden ist (selbst auf dem Papier kommunistische Staaten sind heute fast alle kapitalistisch orientiert; Kuba und Nordkorea sind Ausnahmen, die ökonomisch langsam kollabieren). Ausserdem ist es sehr einfach das Abstraktionsmittel Geld einzusetzen, wo eigentlich komplizierte Lösungen notwendig wären.

Die Triebfeder des Protestes ist eine diffuse, romantisch unterfütterte Moralität, die in den zahlreichen medialen Aktionen gelegentlich merkwürdige Blüten treibt. Einer der Höhepunkte war die Präsentation ausgewählter Jugendlicher, die vorher in einer Veranstaltung mit dem markanten Titel "J8" ihre "Beschlüsse" für eine bessere Welt den Regierenden präsentierten. Diese Präsentation ist symptomatisch für die Rezeption von Politik in breiten Teilen der Bevölkerung: Die Reduzierung auf Schlagworte und wohlfeile Forderungen (die, wie oben angedeutet, unter Umständen grösste Auswirkungen auf den Lebensstil des Westens hätte) wird mit notwendigen politischen Massnahmen verwechselt. So formulierten die Jugendlichen in Wahrheit keine politischen Gegenentwürfe, sondern skizzierten eine heile Wunschwelt; zwischenzeitlich hatte man das Gefühl, einem steifen und ein wenig gezwungenen Schulunterricht beizuwohnen. Die Folgen, die sie aus ihren Forderungen an die G8-Staatschefs ziehen müssten, sind ihnen vermutlich nicht einmal ansatzweise klar (wie auch?). Aber der Applaus der breiten Masse ist ihnen sicher.

Diese Verkürzung politischen Handelns als "Wunschkonzert" dokumentiert in Wahrheit nicht nur eine enorme Allmachtsphantasie (die de facto so gar nicht existiert), sondern blendet auch hausgemachte Probleme (beispielsweise in den afrikanischen Ländern selber) aus. Die "J8" auf dem "G8" - das war ein aufschlussreiches Dokument der fortschreitenden Entpolitisierung von Politik.

Die Entpolitisierung von Politik

Déjà-vu? Fast genau 40 Jahre nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg gab es wieder Strassenschlachten, Wasser- und Steinewerfer, vermummte und unvermummte Demonstranten und Hundertschaften der Polizei und wieder die Frage, ob, wann und wo Gewalt gegen Sachen oder vielleicht auch gegen Menschen (Notwehr?) nicht vielleicht notwendig oder gar geboten und also mithin zielführend ist. Ohnesorgs Tod 1967 wurde rückwirkend betrachtet zur Initiation einer "Bewegung 2. Juni", die dann Anfang der 70er Jahre, als sich die (medial eher schweigende) Mehrheit der damaligen Protestler längst in den Marsch durch die Institutionen aufgemacht hatten, in die "Rote Armee Fraktion" mündete.

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In neokolonialem Stil

Während Botho Strauß den Konflikt zwischen der "geistlosen Gesellschaft" einerseits und einem selbstbewusst auftretenden islamischen Angebot in den westlichen Gesellschaften andererseits mit der Notwendigkeit einer neuen Multipolarität beantwortet, in der sich beide Gesellschaftsformen (nicht zuletzt spirituell) gegenseitig befruchten könnten ("Ein globales Toledo"), ist im aktuellen Essay der niederländischen Schriftstellerin Margriet de Moor (abgedruckt am 17.4.07 im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung") der unsägliche, kopftäschelnde Missionarston des westlichen (unreflektierten) Universalismus-Mainstream herauszuhören, der eine Reformation des Islam apodiktisch einfordert – ohne wesentliche Umstände überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen.

De Moors Essay mit dem (merkwürdigen) Titel "Alarmglocken, die am Herzen hängen" (PDF-Dokument zum Herunterladen hier-->: Alarmglocken (pdf, 30 KB)) will es zunächst einmal allen recht machen. Sie hebt die Vorzüge ihres kleinen Landes hervor, amüsiert sich über die unterhaltsamen Tumulte in ihrem Parlament, erkennt die opportunistische, an kommerziellen Interessen gebundene Toleranz der Holländer und beschäftigt sich ausführlich mit den "Fehlern" des Christentums. In einer putzig-naiven Sprache bekennt sie dann, dass Religion schön sei, schildert ihre Affinität zu den exotischen Phantasien speziell des Katholizismus und bewundert fast nebenbei eine Pietà einer Kirche, an der sie vorbeifährt.

Margriet de MoorBald darauf wird es dann doch ein wenig rauher – auch wenn De Moor natürlich kein Islambashing betreibt, obwohl ihre Wortwahl gelegentlich decouvrierend ist. Da wird dann ein innerchristlicher Religionskrieg als Dschihad bezeichnet oder behauptet, im Islam (De Moor suggeriert ständig, dass der "Islam" etwas homogenes ist) gebe es einen obligatorischen Dschihad. Allah höchstpersönlich würde – so de Moor – die Unterdrückung der Frau durch den Mann empfehlen. Kein Wort von den unterschiedlichen Exegesen innerhalb des Islam. Ähnlich apodiktisch äussert sie sich zur Scharia-Strafgesetzgebung (sic!). Wie selbstverständlich geht sie davon aus, dass der Islam einer Reformation bedarf. Sie lässt auch keinen Zweifel daran, in welche Richtung diese Reformation gehen soll. Aber woher die Rückbesinnung grosser Teile der muslimischen Bevölkerung in Westeuropa zum Islam denn kommt – diese Frage stellt sie nicht.

Am betörenden Wohlstand (die Neuankömmlinge starren sich stets blind) unserer kapitalistischen Ordnung, den Margriet de Moor (hier Enzensberger ähnlich) geradezu feiert, kann es wohl nicht liegen, denn ausgerechnet die Attentäter des 11. September (aber auch von Madrid und London) waren (wenigstens oberflächlich) in die Gesellschaft integriert. Und die unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Islam und die politische Instrumentalisierung des Islam durch den orthodoxen Dschihadismus nimmt sie nicht zur Kenntnis.

Geradezu peinlich ist ihre Beschwörung von Ayyan Hirsin Ali, die sie so schrecklich vermisst, und die als weiblicher islamischer Luther, und dann auch noch pechschwarz apostrophiert wird. Diese Attributierung spricht de Moor ihr übrigens sofort wieder ab, da sie glaubt, herausgefunden zu haben, dass Ali ihrem Glauben abtrünnig geworden ist - und erklärt dann (nicht weniger unangenehm) die "schwarze Madonna" (Vanity Fair) zum schwarzen Voltaire. Soviel Unsinn war selten, aber wer in Anbetracht dieser merkwürdig skurillen und trivialen Vergleiche nicht mehr weiterliest, verpasst noch etwas.

De Moors Thesen, warum der Islam vom wohlhabenden Europa aus reformiert werden wird, sind mehr als dürftig: Zum einen glaubt sie, dass die Islamwissenschaft in Europa sehr viel "freier" agieren kann, als beispielsweise in orthodoxen Ländern. Dabei vergisst sie allerdings, dass die Massenbindung aus einem "Exil" heraus sehr viel schwerer zu erzielen ist. Zum anderen glaubt sie, dass die Lebensverhältnisse des Westens über kurz oder lang auf Muslime hier "abfärben" werden. Derzeit scheint jedoch eher das Gegenteil der Fall zu sein (s.o.).

Ihre gesamte Argumentationslinie ist nicht sehr von – sagen wir es freundlich – differenzierten Wahrnehmungen flankiert. Sie verallgemeinert in gröbstem und fast trivialem Stil. Etwa so, als würde ein Kritiker des Christentums die evangelikalen "Erweckungschristen" der USA als repräsentativ für das gesamte Christentum nehmen. Und oft genug vermisse ich etwas für einen Schriftsteller elementares: Empathie. Als säkulare Weltbürgerin sortiert sie Religion in den Bereich privaten Vergnügens und exotischer Phantasien. Auf den Gedanken, dass andere Menschen damit ganz andere Empfindungen verbinden und Bedürfnisse befriedigen, kommt sie überhaupt gar nicht.

Geradezu abenteuerlich mutet dann ihre These an, dass gerade die sexualisierte Werbung zur "Befreiung" der Frau beiträgt (sie benutzt diesen Ausdruck nicht, sondern spricht vom "wohlfühlen"). In den Auswüchsen unserer sexualisierten Gesellschaft und der Verhüllung muslimischer Frauen sieht de Moor die gleiche Obsession. In "hübschem" Umkehrschluss schreibt sie:

Wie übererregt [ist] eine Gesellschaft, in der von einem Mann erwartet wird dass er sich hemmungslos auf jede zufällig vorbeigehende Frau stürzt, es sei denn, ein mächtiges Signal, eine göttliche Kleidungsvorschrift, verbietet ihm das? Die eine Obsession, die unsere, mag zwar anders aussehen als die andere, aber sie können sich die Hand reichen.

Also gerade die Tatsache, dass muslimische Frauen beispielsweise mittels Kopftuch ihre Haare bedecken, ist Ausdruck einer Übererregung der islamischen Gesellschaft? Einen viel grösseren Unsinn habe ich in den letzten Monaten selten gelesen.

Margriet de Moors Text ist in gut gemeintem aber neokolonialem Impetus verfasst; ihre Versöhnungsgesten sind in dieser Hinsicht vergiftet: "Wir" wissen, was gut für "für Euch" ist. Dumm nur, dass die Werte, auf die sich de Moor beruft, für viele, die es angeht, nicht ihre primären Werte widerspiegeln. Statt Fragen zu stellen, weiss sie immer schon Antworten. Und merkwürdigerweise muss sich immer der andere ändern; man selber nie. Aber so wird das nichts. Man kann nicht dauernd mit dem Finger auf jemanden zeigen, und dabei ignorieren, dass drei Finger auf einen selbst zeigen.

Ein globales Toledo

Unter dem Eindruck des damals heftig tobenden "Karikaturen-Streits" schrieb Botho Strauß Mitte Februar vergangenen Jahres einen auch heute noch höchst interessanten, eigentlich erstaunlich wenig diskutierten, kurzen Aufsatz im "Spiegel" mit dem lakonischen Titel "Der-Konflikt (pdf, 479 KB)" [<--PDF-Download].

Lässt man Strauß' gelegentlich unterschwellig anklingende, pessimistische Sicht hinsichtlich einer in nächster Zeit bevorstehenden "Mehrheitsverschiebung" einmal beiseite (freilich klarstellend, nicht die Köterspur des Rassismus bedienen zu wollen), so bleibt eine prägnante Diagnose:

Wie oft beschrieben, bezieht der Islam seine stärkste Wirkung aus seiner sozialen Integrationskraft. Seine diesseitigen Vorteile lässt man leicht außer acht, wenn man sich mit dem politisch-spirituellen Konflikt beschäftigt.

Strauß' These: Die Integrationsangebote unserer Gesellschaft (also die Assimilierungsbedingungen bzw. –forderungen) konkurrieren mit denen der innerislamischen Integration. Da aber der Islam traditionelle Werte wie Familie, Zusammenhalt, Nicht-Gleichgültigkeit und Zusammenhalt in Not in Bedrängnis unmittelbar "anbietet" und nicht an mehr oder weniger abstrakte und anonyme Konstrukte wie beispielsweise den Staat (oder auch entsprechende kommerzielle Hilfsorganisationen) delegiert, ist für Strauß klar, zu wessen Gunsten die Entscheidung fällt.

Neben der religiös konnotierten Motivation stellt Strauß vor allem also die soziale Kraft der "Umma" als einen wesentlichen (den wesentlichen?) Vorteil heraus. Er geht aber noch weiter und sein Urteil über die aktuelle Lage könnte kaum vernichtender sein:

Wir sind ja nicht bloß eine säkulare, sondern weitgehend eine geistlose Gesellschaft.

Wir haben – so Strauß - die Säkularität nicht fruchtbar ausgestaltet, sondern weitgehend Weltmärkte[n], technische[n] Innovationen und Sitten und Moden dagegen gehalten - kurzum also ökonomischen Zwängen geopfert, die unser Sozialverhalten radikal verändert haben. Strauß, der früher durchaus mit dem Kommunitarismus liebäugelte, sieht hierin den wirklichen Konflikt: Diese säkular-geistlose Gesellschaft (mit Sinn für das Vorübergehende) kann gar keine Gesprächsgrundlage für massgebende Teile der islamischen Gemeinschaft bilden, da ihr die Empathie für transzendentale (sakrale) Erlebniswelten fehlen.

Der Papst kann zwar – wir haben es vor einigen Monaten anlässlich seines Besuchs in der Türkei gesehen – mit islamischen Gelehrten in den "Diskurs" treten. Beide disputieren auf spiritueller Augenhöhe; ebenbürtig. Aber die Kirche hat ihre Wirkungsmacht längst verloren. Der von allem befreite, säkulare, dem rein ökonomischen verpflichte Wohlstandsvertreter fehlt allerdings im fast wörtlichen Sinn die Sprache hierzu. Der Disput zwischen den Schriftkulturen kann nicht stattfinden. Der Islam hat buchstäblich keinen adäquaten Diskurspartner. Dem spirituell (oft genug überfrachteten) heiligen Buch setzt der Westen in seiner (selbst auferlegten, anheimgefallenen) intellektuellen Eindimensionalität das Scheckbuch entgegen.

Die zyklischen Hinwendungen der säkular-kapitalistischen Gesellschaft, wie sie sich beispielsweise auf Kirchentagen zeigen, sind nur situativ und verpuffen schnell. In Wirklichkeit wird das Sakrale nur mehr in Extremsituationen "nachgefragt" – bei Kindtaufen, Hochzeiten, schweren Krankheitsfällen, Beerdigungen. Und selbst dann spielt es häufig nur eine schmückende Rolle.

Im Gegensatz zur Atomisierung der säkular-kapitalistischen Welt sieht Strauß die wirkungsmächtige Durchdringung islamischer Gemeinden, die bis in die persönlichsten Hilfestellungen der Gläubigen hinein Geborgenheit bietet.

Obwohl er durchaus für einen Imperativ für den Schutz der Sakralsphäre eintritt, wäre es vollkommen falsch, Strauß' Text als Anweisung zur Restauration zu einer religiösen Gesellschaftsordnung zu lesen. Der Aufsatz formuliert als Alternative eine Art Rückbesinnung auf die Sinnes- und Geistesgaben basierend auf Kunst, Reflexion und Sensibilität und Differenziervermögen - eine Beschwörung bester aufklärerischer Werte, die – wie Strauß treffend formuliert - in der westlichen Gesellschaft der Gegenwart von geringer Bedeutung, geringem Ansehen sind.

Ein gewagtes Unterfangen – und etwas Neues. Nicht das Lockangebot der Teilnahme an der ökonomischen Partizipation (das, was wir "Globalisierung" nennen) schlägt Strauß vor, sondern eine Besinnung auf unsere Sinnes- und Geistesgaben . Für jeden Politiker sind solche Formulierungen natürlich vollkommen exotisch. Aber (grosse) Teile der islamischen Welt (die jemand wie Enzensberger mit eurozentristischer Brille als "radikale Verlierer" pauschal denunziert) sind nicht "käuflich" (für unser Verständnis natürlich absolut unverständlich – kaufen wir uns inzwischen doch im modernen Ablasshandel selbst von der Belastung durch Kohlendioxid frei [als liesse sich Natur durch Geld korrumpieren]).

Im Text schwingt mit, dass der Islam auf Dauer unserer geist- und wertelosen Gesellschaftsform kulturell überlegen ist (zum entscheidenden Punkt der demografischen Entwicklung schweigt Strauß; das ist das Thema von Heinsohn, der die Angelegenheit allerdings im langfristigen Resultat als ziemlich ungefährlich einstuft). Wie sich diese kulturelle Überlegenheit auswirkt, bleibt offen. Der von ihm propagierte "Kultur-, Kunst- und Geistesstaat" soll in fruchtbarem Disput mit der islamischen Kultur stehen. Hierbei entstünden dann Synergien (hier wird Strauß enthusiastisch: ein globales Toledo), die sich auf die jeweiligen Kulturen auswirken und sie punktuell auch verändern würden. Strauß ist ausdrücklich kein Verfechter einer Einheitskultur und steht in Gegnerschaft zum aktuellen antagonistischen Denken. Das, was der "helfende Westen" in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak versucht, also das Oktroyieren "westlicher Werte" in einer Art neokolonialer Beglückungsstrategie, lehnt er ab. Sein "multikulturelles Bild" dürfte eher das einer multipolaren Welt sein, in der in gegenseitigem Respekt unterschiedliche Wertevorstellungen parallel existieren – ohne dass sie sich kriegerisch bekämpfen. Die Frage, inwieweit universalistische Werte dabei eine Rolle spielen (und wenn ja, welche), bleibt offen.

Versuch über die Wahrheitsminister

Exkurs I – 1984

Sie sind hier, weil Sie es an Demut, an Selbstdisziplin haben fehlen lassen. Sie wollten den Akt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis ist für geistige Gesundheit. Sie zogen es vor, ein Verrückter, eine Minderheit von einem einzelnen zu sein. Nur der geschulte Geist erkennt die Wirklichkeit, Winston. Sie glauben, Wirklichkeit sei etwas Objektives, äusserlich Vorhandenes, aus eigenem Recht Bestehendes. Auch glauben Sie, das Wesen der Wirklichkeit sei an sich klar. Wenn Sie sich der Selbsttäuschung hingeben, etwas zu sehen, nehmen Sie an, jedermann sehe das gleiche wie Sie. Aber ich sage Ihnen, Winston, die Wirklichkeit ist nicht etwas an sich Vorhandenes. Die Wirklichkeit existiert im menschlichen Denken und nirgendwo anders. Nicht im Denken des einzelnen, der irren kann und auf jeden Fall bald zugrunde geht: nur im Denken der Partei, die kollektiv und unsterblich ist. Was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit. Es ist unmöglich, die Möglichkeit anders als durch die Augen der Partei zu sehen. Diese Tatsache müssen Sie wieder lernen, Winston. Dazu bedarf es eines Aktes der Selbstaufgabe, eines Willensaufwandes. Sie müssen sich demütigen, ehe Sie geistig gesund werden können.

In einem Punkt ist Orwells Zukunftsphantasie längst Realität geworden: Die Wahrheitsminister sind unter uns. Sie sind so zahlreich und so mächtig, dass sie den Diskurs, das öffentliche Diskutieren kontroverser Themen seit Jahren, seit Jahrzehnten bestimmen. Das Philistertum der Wahrheitsminister ist nicht zu verwechseln mit dem, was man als (wissenschaftlich belegten oder moralisch erarbeiteten) Konsens bezeichnet. Wahrheitsminister begründen Wahrheiten über das konsensuelle einer Gesellschaft hinaus. Sie sind nicht nur die Türhüter, sie sind die Exegeten des Konsens. Sie interpretieren ihn aus, richten dabei über gut und böse, über richtig und falsch. Daumen hoch oder Daumen runter. Wahrheitsminister sind dabei nicht zu verwechseln mit dem vergleichsweise harmlosen Mainstream. Wankelmütig sind sie selten; nur die normative Kraft des Faktischen verleitet sie gelegentlich dazu, ihre Wahrheiten anzupassen.

Wahrheitsminister sind selten in Lobbys organisiert. Derartige Offensichtlichkeiten mögen sie nicht. Zusammenschlüsse wie die INSM beispielsweise bestehen aus Mainstream-Jüngern, die die Gewissheiten der Wahrheitsminister kaum tangieren.

Die Kriterien der Wahrheitsminister werden nicht hinterfragt – das gehört zu den von ihnen selbst erschaffenen Regeln. Wer es dennoch wagt, wird sofort diskreditiert; wenn notwendig auch ad hominem. Das feine, meist unsichtbare Netzwerk der Wahrheitsminister sorgt dafür, dass irgendein "Anti..."-Wort schnellstens die intellektuelle Reputation des Abtrünnigen guillotiniert. Dabei wissen sie, irgend etwas wird immer hängen bleiben. Ein "Anti..."-Wort (in ganz schlimmen Fällen auch ein "Pro..."-Wort) klebt wie eine Vorstrafe auf dem Delinquenten. Es verfällt nie; Bewährung wird nicht gewährt. Ausser, wenn sie selber fehlen (was selten publik wird, da ihr eigenes Leben sakrosankt ist). Dann erwarten sie das, was sie anderen verwehren.

Ganz selten gibt es auch Wahrheitsminister in der politisch aktiven Klasse. Normalerweise versichern sich die Politiker des Wohlwollens der Wahrheitsminister. Als Gegenleistung stellt man beispielsweise die Dogmen des Parteienstaates nicht infrage. Eine Hand wäscht die andere.

Die ganz wichtigen Wahrheitsminister nennt man in der Öffentlichkeit Päpste. Hiermit wird noch einmal ihre Unfehlbarkeit unterstrichen. Sie widersprechen dem Attribut nur aus vordergründiger Bescheidenheit. In Wirklichkeit sind sie geschmeichelt; gelegentlich vielleicht ein bisschen unwirsch, das es so lange gedauert hat mit der Beförderung.

Exkurs II - Der neue Literaturpapst

Vergangene Woche gab es in Deutschland offensichtlich einen neuen Literaturpapst. Marcel Reich-Ranicki, der sich seit Jahrzehnten vergeblich gegen diese Bezeichnung "gewehrt" hat, wurde laut Herrn Beckmann von Hellmuth Karasek abgelöst. Das Veränderung nicht immer Fortschritt bedeutet, ist daran allerdings deutlich abzulesen: Während Reich-Ranicki in seiner Verbohrtheit wenigstens noch Herausforderung bot, pinkelt der neue Papst in einer allgemeinen Moralbesoffenheit nur seine selbst aufgestellten Denkmäler an. Karasek hätte die Frage, ob er die Wahl annehme, lieber ablehnend beantworten sollen. Obwohl Roger Willemsens Charakterisierung von Karasek (bereits 1999) das Wesen des Wahrheitsminister Karasek schön erklärt: Was ihn überforderte - und das passiert "der Kunst" leicht mal -, das Ambitionierte, Engagierte, radikal Wahrhaftige, formal Gelöste, Experimentelle, Unkommerzielle, Anstrengende, das nicht wie Karasek primär das Massenpublikum penetrieren will, all das ist "arrogant" und zeugt von "elitärem Dünkel". Aber wer schützt das Publikum vor der Arroganz des Kritikers, der gegen das Verschwinden Godards eine Huldigung an Tom Gerhard anzubieten hat! Aber nicht jeder Wahrheitsminister taugt zum Papst. Naja, von Reich-Ranicki nach Karasek – die Republik bekommt, was sie verdient.

Die Wahrheitsminister in der Literatur werden es auch unter grössten Anstrengungen nicht schaffen, die Öffentlichkeit dauerhaft und umfassend mit ihrem Geschmack zu usurpieren. Schlimmer sind die Wahrheitsminister in den gesellschaftlichen und politischen Diskursen. Ihr Wirken beschädigt die Urteilskraft und das intellektuelle Denken einer Gesellschaft dauerhafter.

Wichtig zu unterscheiden ist, dass die Wahrheitsminister sich zwar unter Umständen der "political correctness" (PC) bedienen, also jener Strömung, die aus den USA zu uns herübergeschwappt ist, und uns in "Neusprech"-Ambitionen vorschreiben möchte, wie wir was auszudrücken und zu empfinden haben. Aber nur die Lakaien der Wahrheitsminister, die Exekutoren des Neusprech, assistieren in dieser Richtung (mangels nicht vorhandener Fähigkeiten, beispielsweise selbständig zu denken). Sie benötigen dieses Gerüst der PC wie ein Schamane, der Knochen in Luft wirft, um damit seine Urteile zu fällen.

Wahrheitsminister bedienen sich der PC nur als zusätzliche Illustration ihrer Wahrheit. Niemand käme auf die Idee, die PC auf ihre Äusserungen anzuwenden. Dies käme einer Gotteslästerung gleich. Wie schlimm Häresie bestraft wird, musste neulich Botho Strauss (wieder einmal) erfahren, als er emphatisch (und vielleicht ein wenig überpointiert) einer Lea-Rosh-Kultur widersprach, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll oder rückschaudernd erstarren und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietätlos und missliebig angesehen wird.

Arme Wichte, die sich, an die PC und ihre gelegentlich drolligen Auswüchse verbeissend, in einer Anti-PC-Haltung erschöpfen und damit glauben, in jedem Diskurs nur aufgrund der Tatsache, dass sie gegen den Strom reden, schon Recht haben. Sie können natürlich genüsslich von den PC-Apologeten vorgeführt werden. Denn tatsächlich benutzen sie meistens ihre Attacken auf die PC nur, um sich als Opfer zu stilisieren und ihre (oft) antidemokratischen Affekte damit zu verbrämen. Hieraus jedoch per se jede Anti-PC-Bewegung zu diskreditieren, ist natürlich Unsinn. Das ficht die Lakaien der Wahrheitsminister aber nicht an. Sie fühlen sich schliesslich moralisch überlegen und ihre letzte Frage, ihr letztes Erinnern an eine Neugier ist schon sehr lange her.

Die Verkündiger der Wahrheit argumentieren schon lange nicht mehr. Oft genug sind ihre Argumente nur tautologische Schlüsse. "Ich sage es, und weil ich es so sage, stimmt es." Wahrheitsminister reagieren schnell restriktiv. Toleranz kennen sie meist nur in einer Richtung. Komplizierte Sachverhalte reduzieren sie entweder auf Schlagworte oder personalisieren sie. Sie haben sich damit der Komplexitätsreduzierung durch die Medien hervorragend angepasst. Ihre Phraseologie ist griffig. Berührungsängste zu Boulevard-Medien haben sie längst abgelegt.

Die Wahrheitspäpste und Wahrheitsminister erkennt man auch an ihrer Körpersprache. Und daran, dass sie in den Hauptnachrichtensendungen des (öffentlich-rechtlichen) Fernsehens gezeigt werden. Sie umgeben sich mit einer monarchischen, absolutistischen Aura. Häufig ist ihr Erscheinungsbild in einem Punkt anders als das "normaler" Menschen. Kleine, immer wiederkehrende Accessoires schaffen auch für diejenigen, die ein schlechtes Namensgedächtnis haben, einen Wiedererkennungswert. Das kann ein Schal sein, der – unabhängig von der jeweiligen Temperaturlage – locker um die Anzugjacke gelegt ist. Oder die Anzugjacke selber wird nur auf die Schultern gelegt. (Wetten, Sie wissen, welche Persönlichkeiten gemeint sind?) Oft sitzen sie vor Bücherwänden oder vor unaufgeräumten Schreibtischen, die ihr Wissen und ihre Wichtigkeit unterstreichen sollen.

Man kennt etliche von ihnen schon seit Jahrzehnten. Sie haben keine Talkshow ausgelassen. In regelmässigen Abständen geben sie Interviews – in der ZEIT, im Spiegel, Focus, FAZ, SZ, usw. Ihre Meinungen sind bis in die kleinsten Verästelungen öffentlicher Themen immer präsent. Gibt es Neues, Kontroverses, treffen sie zielsicher ihr Urteil. Wenn man sich die Diskurse in der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten ein bisschen angetan hat, dann weiss man oft genug schon vorher ihr Urteil. Amen.

Exkurs III – Die Diskursverhinderer

Wahrheitsminister bestimmen aber nicht nur die Urteile in Diskursen. Sie bestimmen auch, was überhaupt zur Diskussion zugelassen wird. Seit es allerdings das Internet gibt, wird das Ausmass ihrer Verdrängungskultur transparenter.

Da ist beispielsweise Jostein Gaarders Text "Gottes auserwähltes Volk". Wenige Tage nach seinem Erscheinen am 5. August wurde er vom Englischen ins Deutsche in einem deutschen Weblog ins Netz gestellt.

Der als "antiisraelisch" denunzierte Text Gaarders hat bis heute keine Chance bekommen, in einem Printmedium (von Radio und Fernsehen ganz abgesehen) abgedruckt zu werden. In der FAZ, der NZZ und der TAZ gab es kurze Statements. Diese Artikel gaben – natürlich - die Meinung der Wahrheitsminister wider. So wurde beispielsweise Gaarders Titel flugs wurde als "ironisch" abgetan und ihm unterstellt, er befürworte eine Art Zwangsumsiedlung der Israelis. Im Musterkombinat der Wahrheitsminister, Spiegel Online, wurde verkündet, dass jeder, der diesen Text gutheisse, ein Antisemit sei.

Diese Gewissheiten sind für den Zeitungsleser, Radiohörer oder Fernsehzuschauer nicht hinterfragbar. Sie wären es nur, wenn im Medium der Kritik auch der inkriminierte Beitrag abgedruckt oder äquivalent anderweitig verfügbar wäre. Aber nicht einmal Spiegel Online hat einen Hinweis auf die deutsche Version gebracht (der Link zum englischen Text funktioniert nur temporär).

Was bleibt, ist, dass der unkritische (und/oder überforderte) Leser mit der Primitivgleichung 'Jostein Gaarder = Antisemit' abgespeist wird. Ein Armutszeugnis für Journalismus und ein Triumph für die Wahrheitsminister und ihre Steuerung von Diskursen.

Wovor haben die Wahrheitsminister eigentlich Angst?

Über die Multiplikatoren der Wahrheitsminister muss noch gesprochen werden: Die Journalisten. Beziehungsweise diejenigen, die sich dafür halten. Sie träufeln diese Wahrheiten über ihre Medien in die Köpfe der Menschen wie ein Gourmet Zitronensaft über die Austern. Über sie erfahren wir, was die Wahrheitsminister für Humor halten, was Kunst ist (vor allem: was es nicht ist), wer ein Kriegsverbrecher ist (und wer nicht), ab wann man Antisemit ist (das geht sehr schnell), wie man Frauen oder besser noch ganze Völker emanzipiert, was blasphemisch ist und was nicht, wie man freie Meinungsäusserung auszulegen hat und wann sie nicht gilt.

Die Multiplikatoren der Wahrheitsminister bestimmen, wann ein Thema in den Vordergrund rückt – und wann nicht. Sie bestimmen den Grad der Entrüstung – oder auch (seltener) der Gelassenheit. Sie sind von jedem Beleg ihrer Urteilskompetenz befreit; jeder Imbissbudenbesitzer oder Strassenmusikant muss mehr Nachweise beibringen, seine Tätigkeit ausüben zu dürfen. Die selbstgegebene Einstufung "Experte" genügt.

Die Wahrheitsminister definieren, was Terrorismus ist und was "Kampf gegen den Terror". Sie definieren, wann eine Aggression vorliegt und wann das Selbstverteidigungsrecht gilt. In Windeseile schubladisieren sie. Die Ergebnisse werden durch die Multiplikatoren verbreitet. Droht einmal der Standpunkt der Wahrheitsminister nicht zu dominieren, wird mit (fragwürdigen) Behauptungen das entsprechende Medium diskreditiert.

Die höchste Beförderung eines Journalisten ist die zum Wahrheitsminister und dann irgendwann zum Wahrheitspapst. Das geschieht nicht häufig. Denn zum Wahrheitsminister wird man nicht durch deskriptives oder opportunistisches Verhalten, sondern muss selbst aktiv Wahrheiten begründen. Journalisten, die besonders treu den Wahrheitsministern folgen und ihre Urteile mit besonders niederträchtiger Demagogie würzen, werden jedoch belohnt. Es gibt auch Journalisten, die scheinbar gegen die Wahrheitsminister opponieren und ihrerseits sehr polemisch und bissig gegen sie agieren. Manchmal sind das aber nur Doppelagenten. Man könnte dafür den Begriff der "Broderline"-Persönlichkeit konzipieren (nicht zu verwechseln mit der Borderline-Persönlichkeit; eine Krankheit, die noch existentieller ist).

Wer glaubt, dass das Internet und die (fast) unumschränkte Publikationsmöglichkeit Abhilfe schaffen, irrt leider. Auch hier versuchen die Lakaien der Wahrheitsminister mittels technischer und menschlicher Power die Deutungshoheit zu gewinnen. Es gelingt ihnen, da die Alternativen oft genug nur pöbelnde Dummschwätzer sind und auf ihren Weblogs oder in Foren ihren (rechts-)radikalen Müll absondern. Das Internet verschärft oft genug die Polarisierung eines Diskurses, nicht unbedingt die Tiefe (und somit Qualität). Demjenigen, der sich dem Konformitätsdruck der Wahrheitsminister verweigert aber auch keine Heimat in antidemokratischen Visionen finden kann, wird dann häufig noch Zuflucht in spirituelle oder esoterische Gewissheiten suchen. Eine Wahl zwischen Scylla und Charybdis.

Was ist das Ziel der Wahrheitsminister? Haben sie finanzielle oder ökonomische Interessen? Meistens eher nicht. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Aber wenn sich eine Handlung, eine Meinung, ein Standpunkt als finanziell einträglich für denjenigen erweist, der sie vertritt, so ist das ein lobbyistisches Agieren. Wahrheitsminister verschmähen den schnöden irdischen Mammon; ihre Entlohnung liegt eher im immateriellen. Was sie zwar nicht von Buchkampagnen (o. ä.) abhält, aber das sind letztlich nur Appendizes zu ihren Gewissheitsstatements. Sie wollen die intellektuelle Hegemonie in der Bundesrepublik fortschreiben. Ihr Regiment ist nicht ernsthaft gefährdet, muss aber ständig aktualisiert werden. Der Nachwuchs ist schon da. An den sprunghaft steigenden Google-Ergebnissen bestimmter Persönlichkeiten erkennt man die Erben. Es geht also weiter.

Eine Frage wird der bis hierhin geduldige (oder auch schon entrüstete) Leser noch stellen: Wer sind denn bitteschön diese Diskursbestimmer und Angehörigen der Meinungskamerilla?

Tja, lieber Leser, wer das alles ist – lassen Sie doch mal Ihre Phantasie spielen! Überlegen Sie doch einmal, was Sie schon sehr lange nicht mehr befragt haben! Welcher Persönlichkeit hängen Sie allzu bereitwillig an den Lippen? Wann schalten Sie ganz gerne Ihre kritischen Fragen aus? Wann stimmen Sie hier etwas zu, was Sie anderswo ablehnen? Wo gibt es Ambivalenzen, die Sie erst beim näheren Hinsehen feststellen?

Wie steht es mit der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Gibt man sich nicht allzu gerne den Gewissheiten hin, die einem mit der Zeit lieb und teuer geworden sind? Hat man sich vielleicht allzu bequem im Nest der festgefahrenen Meinungen eingerichtet? Die Wahrheitsminister reüssieren ja auch deshalb, weil sie Geborgenheit bieten; sie vermitteln das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Gefolgschaft wird belohnt mit der Aufnahme in eine Art virtuelles Elysium. Es mag im Einzelfall schwierig sein, diese schön gepolsterten Sessel gelegentlich zu verschmähen und auf den harten Holzbänken Platz zu nehmen. Aber es könnte sich lohnen.

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Dringender Rat
Den Roman lesen. Er gilt zurecht als "Klassiker" der...
MMarheinecke - 2009-11-28 23:12
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begleitschreiben - 2009-11-28 12:30
Obwohl ich eher selten...
ein schlechtes Gewissen habe...
begleitschreiben - 2009-11-27 11:58
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begleitschreiben - 2009-11-27 11:43

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