Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder der Eigensinn

Enzensberger  Hammerstein oder der EigensinnKurt von Hammerstein-Equord, geboren 1878, gestorben 1943, wurde 1930 zum Chef der deutschen Heeresleitung ernannt. Am 3. Februar 1933 empfing er in seiner Dienstwohnung zu einem Abendessen den soeben zum neuen Reichskanzler ernannten und gewählten Adolf Hitler. Einige hohe und höchste Offiziere der Reichswehr, die später Wehrmacht genannt wurde, waren ebenfalls zugegen, so beispielsweise Werner von Blomberg (seit fünf Tagen Reichswehrminister), General Ludwig Beck (Chef des Truppenamtes – er wurde am 20. Juli 1944 hingerichtet) oder Oberst Eugen Ott (Amtschef im Wehrministerium, später Botschafter in Japan und 1942 nach Streitigkeiten mit dem AA abberufen). Die Gästeliste dieses Treffens ist im Detail nicht exakt rekonstruierbar. Hitler hielt eine längere Rede, die, so wird fast einhellig berichtet, in krassem Gegensatz zu seiner Regierungserklärung vom 30. Januar stand, was offensichtlich den Generälen nicht weiter aufgefallen war. Später sagte Hitler, er habe das Gefühl gehabt, gegen eine Wand zu reden, während der "Völkische Beobachter" die Armee "Schulter an Schulter" mit dem "neuen Kanzler" sah.

General Beck wird später zitiert werden, er habe den Inhalt der Rede "sofort wieder vergessen". Zwar existiert eine inoffiziell angefertigte Protokollnachschrift, die vermutlich einem der Hammerstein-Kinder an die Komintern nach Moskau gefunkt wurde, aber ob hier tatsächlich wesentliche Elemente der Rede Hitlers, die dann eindeutig eine Aufrüstungsrede gewesen wäre, korrekt wiedergegeben wurde?

Hans Magnus Enzensbergers Buch bezieht einen Grossteil seiner Faszination gerade aus diesen gelegentlich unklaren Faktenlagen. In dem alle möglichen Quellen vorgestellt und auch in ihrer manchmal frappierenden Widersprüchlichkeit nebeneinander gestellt werden und – das ist notwendig hervorzuheben – fiktives neben historischem steht und entsprechend getrennt aufbereitet wird, entsteht ein facettenreiches Bild über eine sicherlich auch nicht einfach zu beurteilende Persönlichkeit – und deren Familie.

Quellenreichtum und Spekulationslust

Kurt von Hammerstein reichte im Dezember 1933 seinen Rücktritt ein und wurde zum 1. Februar 1934 abgelöst. Er erkannte sehr früh, vermutlich sogar schon vor dem oben beschriebenen Treffen mit Hitler, dass die Nationalsozialisten einen Aggressionskrieg wollten. Enzensberger zitiert viele Quellen, die belegen sollen, wie auch Hammerstein (zusammen u. a. mit seinem Freund Schleicher) bei Hindenburg interveniert, damit dieser nicht Hitler zum Reichskanzler macht. Der Meinungsumschwung bei Hindenburg, der Hitler anfangs abgeneigt gegenüber stand, ist heute noch Anlass zu vielerlei Spekulation. Hammerstein negierte ausdrücklich eine Art Militärputsch, um Hitlers Kanzlerschaft zu verhindern. Dies geschah kaum aufgrund von Skrupeln gegenüber der Demokratie der Weimarer Republik, sondern der Befürchtung, Deutschland würde in einen Bürgerkrieg gestürzt werden, wenn das Militär die Macht übernähme.

Hammersteins Charakter wird aus verschiedenen Quellen bezeichnet. Einerseits wird er als unpolitischer Soldat charakterisiert – später heisst es dann, er sei eigentlich Pazifist und Weltbürger gewesen. Er galt seit jeher als ein Gegner des Nationalsozialismus und soll früh die Katastrophen eines neuen, drohenden Krieges vorhergesagt haben; dies teilweise frech und offen – dann wieder verborgen und "im Vertrauen".

Übereinstimmend heisst es, dass Hammerstein in seiner aktiven Dienstzeit an kniffligen Detailfragen nicht besonders interessiert war. Es wird sogar kolportiert, er sei im fast wörtlichen Sinne faul gewesen – wenigstens wenn es sich um Alltagsdinge gehandelt habe. Ein Aktenmensch war er definitiv wohl nicht. Und vielen galt er im Umgang als herablassend und arrogant. Als er einmal gefragt wurde, unter welchen Gesichtspunkten er seine Offiziere beurteile, sagte er: "Ich unterscheide vier Arten. Es gibt kluge, fleissige, dumme und faule Offiziere. Meist treffen zwei Eigenschaften zusammen. Die einen sind klug und fleissig, die müssen in den Generalstab. Die nächsten sind dumm und faul; sie machen in jeder Armee 90% aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bringt die geistige Klarheit und die Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der dumm und fleissig ist; dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten."

Hammerstein war in den 20er Jahren in führender Position im Kontakt mit der sowjetischen Roten Armee. Diese Zusammenarbeit musste alleine schon aufgrund der Konditionen des Versailler Vertrags geheim bleiben. Für beide Seiten, Reichswehr und Rote Armee, barg die Kooperation grosse Vorteile: Deutschlands Armee wurde nach dem destraströsen Weltkrieg wieder aufgebaut und man bekam militärtechnisch Anschluss (Kriegsmaterial für die deutsche Armee wurde in Russland produziert) und auf der anderen Seite bildeten die deutschen Offiziere den russischen Generalstab aus. Es gab gemeinsame Manöver. Hammerstein hatte bis zum Ende seines Lebens sehr gute Kontakte zur Roten Armee und diese auch stets gepflegt. Dieses Engagement war bei rechtsnationalen Kräften sowohl im Militär als auch der Politik nicht gerne gesehen. Seine Einschätzung über die sowjetische Armee von 1932 (gute Truppe, diszipliniert und gut ausgebildet, sie sich in der Defensive gut schlagen wird und dabei auf die Unterstützung der russischen Bevölkerung zählen kann) erwies sich als prophetisch.

"Libanesische Verhältnisse"? – Enzensbergers zu einfaches Geschichtsbild

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten dieses Buches, dass Enzensberger Hammersteins These, eine Intervention des Militärs hätte zu einem Bürgerkrieg geführt, stützt. In einem von sieben Kommentaren, von denen mindestens drei als pointiert in der historischen Beurteilung der damaligen Zeit bezeichnet werden können und die Enzensberger ein bisschen augenzwinkernd "Glossen" nennt, zeichnet er ein reichlich chaotisches Bild der 20er und 30er Jahre, welches in dem Schluss mündet, die Spaltung der Gesellschaft, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich hätte in den Jahren 1932/33 geradezu libanesische Verhältnisse angenommen und konstatiert, das Land habe sich in einem latenten Bürgerkrieg befunden. Eine Verwicklung der Armee in diesem "Bürgerkrieg" hätte dann wohl den vollständigen Garaus der Zivilgesellschaft zur Folge gehabt.

Dieser Darstellung kann man in dieser Absolutheit widersprechen. Auch wenn Enzensberger richtig konstatiert, dass die "Goldenen Zwanziger" ein später verklärender Mythos waren, so ist die Tatsache, dass die Demokratie von den Militanten auf beiden Seiten immer wieder in die Zange genommen wurde, noch kein Beweis für den von ihm an anderer Stelle vor einigen Jahren so luzide beschriebenen "molekularen Bürgerkrieg". Ausserdem transformiert er die durchaus fragilen Verhältnisse "der Strasse" von den Metropolen wie Berlin oder München auf das gesamte Deutsche Reich, was sicherlich unzutreffend ist. Enzensberger macht hier den Fehler, die unmittelbaren Vorgänge im Jahr 1933 als entscheidend darzustellen – was sie nicht waren. Die Weimarer Republik war schon Monate vorher klinisch tot, weil niemand mehr – einschliesslich der Demokraten – der Demokratie eine Chance gegeben hatten und sich das Grossbürgertum (inklusive vieler Intellektueller) im furchtbaren Irrtum wähnte, Hitler und seine marodierenden Grossmäuler zu gegebener Zeit schon zu zähmen.

Indem Enzensberger aber die politischen Verwerfungen in der Weimarer Republik monokausal beschreibt, gibt er dem Zögern der Hitlerskeptiker nachträglich recht. Tatsächlich dürften sich die Zweifler innerhalb des deutschen Militärs dem Nationalsozialismus gegenüber in einer ziemlich deutlichen Minderheitenposition befunden haben (man denke in diesem Zusammenhang an Golo Manns Diktum, das deutsche Heer habe "zu gar nichts Mut" gehabt). Leute wie Hammerstein befürchteten vielleicht weniger einen Bürgerkrieg als eine Art Putsch gegen den Putsch, den sie vermutlich sogar physisch nicht zu überleben glaubten. Und in einer Reflexion Hardenbergs von 1945 schreibt dieser über Hammersteins Einschätzung des politischen Deutschen, er (der Deutsche), sei politisch derart wenig begabt, dass er die Notwendigkeit eines Attentats auf Hitler nie einsehen werde, wenn er nicht den bitteren Kelch bis zur Neige tränke. Eine Überlegung, die wohl tatsächlich in der militärischen Elite des Reiches Konsens gewesen sein dürfte, allerdings auch bereits den Keim der Rechtfertigung in sich trug und – nebenbei – auch einen demokratiefeindlichen Affekt befriedigte. Die Versager waren aber beileibe nicht nur in den Reihen der Wähler von 1933 zu suchen.

Hammerstein liess sich nicht blenden

Hammerstein hatte demissioniert, als er sah, dass Hitlers Pläne auf einen Angriffskrieg zuliefen. Er war als Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen und vermutlich von Kriegsabenteuern gründlich geheilt. Seine exponierte Stellung, seine Freunde in der Generalität, den Respekt, den er auch bei Gegnern genoss und sein Alter erlaubten ihm diese Demission, ohne Repressalien fürchten zu müssen. Von einer kleinen Reaktivierung 1939 abgesehen (er war für einigen Monate "Oberbefehlshaber in Schlesien" [wobei es in dieser kurzen Zeit angeblich Mordpläne gegen Hitler gab]), blieb Hammerstein im Ruhestand; er starb 1943 an Krebs. Enzensberger bringt Belege, die beweisen sollen, dass er bis unmittelbar vor seinem Tod als einer der Impulsgeber des Aufstands vom 20. Juli 1944 gewesen sein soll – was sich dann jedoch mit der o. e. Bemerkung nicht verträgt.

Wie gefährlich das Regime war, wird am Umgang mit Hammersteins Freund Kurt von Schleicher (das Verhältnis der beiden wird im Buch ausgiebig besprochen) illustriert, der im Rahmen der "Säuberungsmassnahmen" der "Nacht der langen Messer" 1934 hingerichtet wurde. Hammerstein blieb damals unbehelligt; warum, wird – vermutlich aufgrund fehlender Fakten - nicht schlüssig erläutert.

Kurt von Hammerstein ist deswegen von Interesse, weil er sich nicht von Hitlers Aufrüstungsplänen blenden liess; im Gegensatz zu sehr vielen ranghohen Offizieren. Und auch namhafte und führende Widerständler des 20. Juli 1944 hatten die Machtübernahme Hitlers anfangs wenn nicht begrüsst, so doch als Möglichkeit zur Stärkung der Armee im Deutschen Reich betrachtet. Sie empfanden die Bedingungen des Versailler Vertrags als Demütigung. Hitler bot ihnen eine deutliche Aufwertung des Militärs – und somit der eigenen Rolle in der Gesellschaft an. Die Schmach des verlorenen Krieges versprach der 'böhmische Gefreite', wie er verächtlich genannt wurde, durch entsprechende politische Gewichtung vergessen zu machen. Grosse Teile der Generalität waren überdies lange der Meinung, Hitler "im Griff" zu haben, und ihn quasi als Aufbauhelfer für ihre Zwecke nach Belieben einspannen und bei Bedarf gegebenenfalls "entsorgen" zu können.

Hammerstein war alles andere als ein Demokrat. Sein politischer Standpunkt kann allerdings als national-liberal subsumiert werden, was für damalige Zeiten fast schon als fortschrittlich galt. Sein Schwiegervater war der nationalistische Walther Freiherr von Lüttwitz, der 1919 bei der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beteiligt gewesen war und als Mitinitiator des sogenannten "Kapp-Putsches" vom März 1920 gilt (einige Historiker bezeichnen ihn inzwischen auch als "Lüttwitz-Kapp-Putsch"; Enzensberger sieht Kapp nur als Lüttwitz' Strohmann). Hammerstein war lange auf die Protektion des beinharten Schwiegervaters angewiesen, der die Ehe argwöhnisch beäugte.

"Überstehen, ohne zu kapitulieren"

Warum beschäftigt sich jemand wie Enzensberger mit dieser Familie? In einer seiner zahlreichen postumen Unterhaltungen mit Persönlichkeiten aus der Hammerstein-Familie und seinem Umfeld begründet er diese Arbeit: Die Geschichte Ihrer Familie beschäftigt mich, - Enzensberger ist im "Gespräch" mit Helga von Hammerstein, einer Tochter (1913-2001) - weil sie viel darüber sagt, wie man Hitlers Herrschaft überstehen konnte, ohne vor ihm zu kapitulieren.

Kurt von Hammerstein und seine Frau Maria hatten sieben Kinder, die zwischen 1908 und 1923 geboren wurden; vier Mädchen und drei Jungen (der Stammbaum am Ende des Buches verhindert Verwechslungen und ist nützlich). Die Erziehung im Hause Hammerstein ist ausgesprochen fortschrittlich; selbst für heutige Zeiten. Hammerstein wird zitiert mit der Aussage, seine Kinder würden zu "freien Republikanern" erzogen. Bereits sehr früh hatten sie grosse Freiheiten, was sich u. a. daran zeigt, dass eine seine Töchter vorzeitig die Schule verlassen konnte, weil sie es so wollte.

Im Laufe des Buches verlagert sich naturgemäss der Schwerpunkt auf die biografischen Erlebnisse der Kinder, insbesondere der 1908 geborenen Marie Luise (gestorben 1999) und Helga. Sie (und auch eingeschränkt Maria Therese) schliessen sich sehr früh kommunistischen Parteien und Organisationen an; fungieren teilweise als "Spione". Die Verstrickungen speziell von Marie Luise und Helga in den kommunistischen Widerstand und den stalinistischen Säuberungen in Moskau werden detailliert behandelt – inklusive der Verwicklungen, Taten und Verfolgungen der Ehemänner und Freunde der Hammerstein-Töchter.

Das Exempel der Ausnahme?

Am Ende bilanziert Enzensberger noch einmal seine Recherchen und das Interesse an den Hammersteins. An Hand der Geschichte der Familie haben sich auf kleinstem Raum alle entscheidenden Motive und Widersprüche des deutschen Ernstfalls wiederfinden und darstellen lassen: von Hitlers Griff nach der totalen Macht bis zum deutschen Taumel zwischen Ost und West, vom Untergang der Weimarer Republik bis zum Scheitern des Widerstands, und von der Anziehungskraft der kommunistischen Utopie bis zum Ende des Kalten Krieges. Fast pathetisch wird Enzensberger dann noch: Nicht zuletzt handelt diese exemplarische deutsche Geschichte von den letzten Lebenszeichen der deutsch-jüdischen Symbiose - die Anziehungen insbesondere von den Hammerstein-Kindern in den 20er und 30er Jahren werden ausgiebig geschildert - und davon, dass es lange vor den feministischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte die Stärke der Frauen war, von der das Überleben der Überlebenden abhing.

Ein wenig spiegelt dieses kleine Resumée das Problem des Buches: Für wen soll Geschichte der Famile exemplarisch sein? Alle Hammerstein-Kinder waren zeitweise oder dauernd unter nicht unwesentlichen Risiken für das eigene Leben in widerständlichen Gruppierungen engagiert. Das ist – leider – eben genau nicht exemplarisch für deutsche Familiengeschichten – selbst in diesen Kreisen. Und was soll das Lob auf die Stärke der Frauen in präfeministischen Zeiten? War das nicht in den 50er-Jahren in der "Trümmerfrau" schon Konsens – ohne ideologischer Überbau bzw. Dekonstruktionslust?

Enzensbergers detailreiche Familienbiografie ist mäandernd geschrieben; eine Chronologie gibt es zwar, aber entsprechend der vielen Brechungen und simultanen Überschneidungen ab der späten 30er Jahre gerät der Erzählfluss gelegentlich ins Stocken – nicht zuletzt auch durch die vielen eingeschobenen literarischen Winkelzüge wie jene bereits angesprochenen "postumen Gespräche" oder den "Glossen". Beklemmend und gelungen sind die Schilderungen des kommunistischen Widerstands und dessen Selbstzerfleischung durch die diversen "Säuberungen". Insbesondere das Schicksal von Helgas Mann Leo Roth (er wird 1937 in Russland ermordet) wird eindrücklich präsentiert. Man fühlt sich ein bisschen an Heinrich Breloers Film über Herbert Wehner und seine beklemmende, szenische Darstellung des ominösen "Hotel Lux" erinnert (es kommt natürlich in diesem Buch genau so vor wie Wehner). Während aus Nazideutschland die Intelligenz ermordet oder vertrieben wird, füsiliert sich der kommunistische Widerstand untereinander auch noch selber. Es sind diese Szenen der merkwürdigen ideologischen Verbohrtheit einiger Funktionäre, vermischt mit Denunziantentum und messianischem Grössenwahn, der einem nach Studium der zahlreichen Quellen (auch Aktenzitate) gelegentlich Trauer und Wut ob dieser sinnlosen und kontraproduktiven "Verschwendung" der brillantesten Köpfe aufkommen lässt. In dem man sich derart mit sich selber beschäftigte, blieb oft genug die Aufmerksamkeit auf den tatsächlichen Feind aus.

Im Stile Breloers

Nicht immer vermag man der Objektivität des Enzensbergerschen Schlusses glauben – zu pointiert, zu hämisch manchmal seine Seitenhiebe. Dabei soll dieses Buch ausdrücklich nicht als Roman verstanden werden. Am ehesten kommt einem noch die Kategorisierung "Doku-Drama" in den Sinn, sozusagen Breloers Technik vom Fernsehen auf das Buch übertragend. Dies jedoch würde bedeuten, dass die noch lebenden Personen der damaligen Ereignisse, also noch zwei Hammerstein-Kinder (ein drittes, Kunrat, starb 2007) direkt in Gesprächen zu Wort gekommen wären. Das ist aber nicht der Fall und Enzensberger berichtet in der letzten Glosse explizit, dies sei absichtlich und auf ausdrücklichen Wunsch der Beteiligten geschehen – um dann wenige Seiten später genau denen seinen Dank auszusprechen, die ihm nicht nur ihre Photographien, - das Buch hat fast 70 Bilder - sondern auch ihre Erinnerungen anvertraut haben. Hierdurch wird nicht immer deutlich, was Enzensberger nun direkt aus erster Hand erfahren hat, und was anderen Überlieferungen zufolge aufgeschrieben wurde.

Einen peripheren Überblick bekommt man zusätzlich über einige bisher nicht unbedingt im Rampenlicht stehende Protagonisten des Widerstands (beispielsweise Werner von Alvensleben; Carl-Hans Graf von Hardenberg) mit denen Kurt von Hammerstein zu Lebzeiten in Kontakt stand.

Fast mitleidig blickt Enzensberger auf jene, die nach 1945 quasi von der einen Diktatur in die andere "geflüchtet" sind und dort ideologische Heimat suchten. Hier ist der Ton fast schon despektierlich, als sei die Verirrung, die man heute im Wissen um die stalinistischen Verbrechen durchaus verurteilen kann, nicht aus den Zeitläuften und Ereignissen heraus mindestens erklärbar.

Ein bisschen scheint dieses Buch einerseits beruhigend, andererseits aufrührend gemeint zu sein, und zwar insbesondere an die Generation der "Flakhelfer" (Enzensberger ist 1929 geboren). Beruhigend dahingehend, dass es also durchaus auch im aristokratisch-bürgerlichen Lager einen Widerstand jenseits der gängigen Geschichtsschreibung gab. Und aufrührend dahingehend, dass dies ohne per se dem Tode geweiht gewesen zu sein sehr wohl möglich war. Und so kann das Motto des Buches, Kurt von Hammersteins knappe, ein wenig skurrile, aber dann doch ungemein treffende Sentenz "Angst ist keine Weltanschauung" als Handlungsmaxime verstanden werden, die, wäre sie mehr beherzigt worden (nicht zuletzt auch von ihm selber), nicht zu millionenfachem Leid geführt hätte.

Hans Magnus Enzensberger: Schreckens Männer - Versuch über den radikalen Verlierer

Schreckens MännerWas „Schreckens Männer“ am Anfang interessant macht, ist, dass Enzensberger versucht, eine Typologie des frustrierten, gescheiterten und dann „ausrastenden“ Messerstechers, Mörders oder Amokläufers zu entwerfen, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger in altlinker Manier ausschliesslich „die Gesellschaft“ verantwortlich zu machen. Sein Versuch geht dahin, die persönlichen Umstände desjenigen zu hinterfragen, ohne in psychologische, vor allem jedoch soziologische Deutungsmuster zu verfallen (letzteres dezidiert – ersteres scheitert zwangsläufig [soviel muss vorweggenommen werden]).

Im Typus des „radikalen Verlierers“ erkennt Enzensberger den des Primats des Haushaltungsvorstandes verlustig gegangenen „Schläfers“, dessen Fass zum Überlaufen gebracht, irgendwann die Sekunden einer unbegrenzten Macht über andere auskostend, ausrastend wahllos(?) andere und endlich (meist) sich selbst richtet. In dem Augenblick, wenn es keinen gesellschaftlichen, sozialen Abstieg mehr gibt, sondern die Identifikation mit dem Unerreichbaren am stärksten ist, wenn er sich das Votum der anderen, die er für Gewinner hält, zu eigen gemacht hat, erfolgt die für uns so unbegreifliche Tat: Jeden Moment kann er explodieren. Darin besteht die einzige Lösung seines Problems, die er sich vorstellen kann: die Steigerung des Übels, unter dem er leidet...Um ihn zu kränken, genügt ein Blick oder ein Witz...Die abfällige Bemerkung eines Vorgesetzten genügt, und der Mann steigt auf einen Turm und zielt auf alles, was sich vor dem Supermarkt bewegt, nicht obwohl, sondern weil das Massaker sein eigenes Ende beschleunigen wird.

Ein beträchtliches Bedrohungsszenario entwirft Enzensberger da; wer das liest, geht am gleichen Tag wohl erst einmal nicht mehr einkaufen. Aber es kommt noch dicker. Auf Seite 21 dieses dünnen Bändchens (53 Seiten hat es insgesamt) gibt dann den Hitler-Vergleich. Hitler als Führer einer Nation, die sich als “radikale Verlierer“ fühlte. Er, Hitler, sei selber einer gewesen und gleichzeitig der Vollstrecker; radikaler Verlierer auf der Metaebene. Von Anfang an sei Hitlers Projekt die Niederlage gewesen, das Zerstören Deutschlands und das Mitreissen möglichst vieler Menschen in den Tod. Der radikale Verlierer will gar nicht mehr gewinnen, er will verlieren und vernichten; er hat sich derart mit seiner Rolle identifiziert, dass es kein Entrinnen mehr gibt.

Hitler als Metapher eines unsteuerbaren, unentrinnbaren Fatums? Quasi ein Amokläufer über 12 Jahre, der als Sündenböcke seines Selbsthasses Juden, Bolschewisten, Engländer, Amerikaner, Kommunisten, usw. brauchte? Jeder wild um sich schiessende ein (verkappter) Hitler?

Nicht das erste Mal, dass Enzensbergers Rekurs auf Hitler mindestens merkwürdig, wenn nicht überzogen wirkt (das ist nicht im „politisch-korrekten“ Sinne gemeint). Dass Hitler der sehnsüchtig herbeigewünschte Vollstrecker des Untergangs Deutschlands gewesen sein soll – das ist die reichlich verkürzende und die tatsächlichen politischen Verstrickungen und Entwicklungen verkennende These.

Und im gleichen Masse wie Enzensberger von amoklaufenden Schuljungen, gedemütigten Angestellten oder gehörnten Ehemännern seine These des radikalen Verlierers auf die nationalsozialistische Schreckensherrschaft transformiert – im gleichen Masse abstrahiert er von der ängstlich gewordenen globalisierten Wohlstandsgesellschaft des Westens auf die islamische Welt (die er oft ungenau als „arabische Staaten“ bezeichnet). Auch der islamistische Selbstmordattentäter sei ein radikaler Verlierer, auch seine Intention sei ein auf anderer Schuld aufgebauter Selbsthass (natürlich hier insbesondere die Israelis und die Amerikaner): Sein Triumph besteht darin, dass man ihn weder bekämpfen noch bestrafen kann, denn das besorgt er selbst. Dass er nicht nur andere auslöscht, sondern sich selber, ist seine letzte Befriedigung...

Aber wie auch schon vorher in seinem Text bleibt er nicht bei den individuellen Gegebenheiten stehen, sondern verallgemeinert (was er zwar durchaus anspricht und auch zugibt, dies jedoch als legitim für den Rahmen dieses kleinen Essays hält): Die Araber, die, wie es einmal heisst, in den letzten vierhundert Jahren [...] keine nennenswerte Erfindung hervorgebracht hätten, seien durch ihre politischen und gesellschaftlichen Eliten selbst Schuld an ihrer empfundenen Bedeutungslosigkeit. An Einzelbeispielen versucht Enzensberger eine soziale und kulturelle Stagnation oder gar Regression des Islam zu diagnostizieren – beispielsweise in dem er auf die stark unterentwickelte Buchkultur hinweist (nur 0.8% der Weltbuchproduktion werden in der arabischen Welt gedruckt) oder die mangelhaft entwickelten Frauenrechte thematisiert (wobei er sehr wohl auf die Studentinnenquote im Iran hinweist – gleichzeitig aber diese in Saudi-Arabien unterschlägt).

Kronzeuge ist der zwischen 2002 und 2004 im Auftrag der Vereinten Nationen erstellte „Arab Human Development Report”.

Enzensberger bemerkt, dass – trotz der enormen Einnahmen durch die Ölförderung – die 22 Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga (280 Millionen Menschen) kaum bessere Indikatoren als schwarzafrikanische Staaten hinsichtlich Pro-Kopf-Einkommen, Lebenserwartung, Schulbildung und Alphabetisierungsgrad aufweisen. Die Frage Wie ist es zum Niedergang jener Zivilisation gekommen? beantwortet er u. a. mit Dan Diners Buch „Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt”, in der er das schwindende Wissenskapital der arabischen Gesellschaften durch Sabotierung der Einführung der Druckpresse durch islamische Rechtsgelehrte rekurriert wird: Erst mit dreihundertjähriger Verspätung konnte die erste Druckerei gegründet werden, die in der Lage war, Bücher in arabischer Sprache zu produzieren. Die Folgen für Wissenschaft und Technik der Region sind bis heute spürbar.

Desweiteren macht Enzensberger den fehlende Ausbau einer umfassenden Infrastruktur für das Hinterherhinken verantwortlich. Auch konstatiert er eine sehr hohe Auswanderungsquote von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Ingenieuren aus der Region. Die Ölförderstaaten bezeichnet er als parasitär, da sie nicht einmal in der Lage gewesen wären, die notwendige Technik zur Förderung des Öls selber zu produzieren, sondern auf westliche Unternehmen zurückgreifen müssen. Ein bei näherer Betrachtung in einer arbeitsteilig organisierten Weltwirtschaft merkwürdig anmutender Vorwurf – auch und gerade politisch betrachtet, da Versuche von Staaten, die Wertschöpfung ihrer Rohstoffe selber in die Hand zu nehmen sehr oft zu Interventionen des Westens geführt haben (bspw. Mossadegh im Iran 1953).

Wie in der westlichen Welt sieht der radikale Verlierer in der islamischen Welt die Fehler für die Unterentwicklungen und Demütigungen ausschliesslich bei den anderen; das eigene System wird nie befragt. Enzensberger hält die Mehrheit der Muslime (die er mit 1,3 Mrd. Menschen angibt) für durchaus friedlich – dennoch äussert er (nur mühsam einschränkend) die Vermutung, dass rund 7 Millionen derartiger „radikaler Verlierer“ zum äussersten entschlossen seien (Wolfgang Sofskys Zahl zitierend).

Interessant ist die Parallele zu Fukuyamas These, was die Protagonisten des Islamismus (genauer müsste man wohl Dschihadismus sagen) angeht. Wie der Amerikaner sieht Enzensberger auch, dass die Emigration die psychischen Risiken der Verlierer nicht mindert, sondern verschärft. Unabhängig von ihrer ökonomischen Lage sind die entwurzelten Migranten aus dem arabischen Raum durch die unmittelbare Konfrontation mit der westlichen Zivilisation einem dauerhaften Kulturschock ausgesetzt...Der scheinbare Überfluss an Waren, Meinungen, ökonomischen und sexuellen Optionen führt zum ‚double bind’ von Attraktion und Ablehnung, und die fortwährende Erinnerung an den Rückstand der eigenen Zivilisation wird unerträglich.

Wo Fukuyama (vorsichtig) die europäische Sozialpolitik in der Pflicht sieht, spielt Enzensberger den Ball an das Individuum zurück. Den Rückstand der eigenen Zivilisation hält Enzensberger für ausgemacht. Er wird nicht hinterfragt; im Gegenteil, der westliche „Dialog“ mit dem Islam, ein irgendwie gearteter Werterelativismus wird von ihm als Schwäche empfunden. Hier ist Enzensberger ganz dicht bei den amerikanischen Neokonservativen à la Krauthammer angekommen.

Zwar ist sein Gedanke, der sich orthodox gebende Islamismus sei in Wahrheit ein Kind der (meist links-)terroristischen „Befreiungsorganisationen“ der 70er und 80er Jahre, sehr gut nachvollziehbar (wobei er – en passant – diese „Organisationen“ als regional marginalisiert ausmacht, während er den Islamismus als einzig verbliebene, global agierende „Verlierer“ sieht). Die These, der orthodox agierende Islam setze den Koran an die Stelle von Marx, Lenin und Mao und als revolutionäres Subjekt dient nicht mehr das Weltproletariat, sondern sie ‚ummah’, als Avantgarde und selbsternannter Stellvertreter der Massen nicht die Partei, sondern das weit verzweigte konspirative Netzwerk der islamischen Krieger stellt jedoch ein krasser Fehlgriff in der historischen (und gesellschaftlichen) Interpretation des Phänomens des Kommunismus auf der einen und des (sogenannten) Islamismus auf der anderen Seite dar.

Und natürlich werden dann noch entsprechende Suren zitiert, wenn es um Frauen und ihre Rechte und Pflichten geht und auch 9,29 darf nicht fehlen – wenn es darum geht, die „Ungläubigen“ zu bekämpfen. Enzensberger gibt sich erst gar nicht die Mühe, „entlastendes“ Material zu zitieren und begibt sich damit exakt in die Falle derer, die er vorgibt zu bekämpfen. Da mag ein Lektor gefehlt haben oder einfach nur die Bereitschaft zur etwas objektiveren Sicht. Jedenfalls springt er dem stammtischähnlichen Pauschal-Bashing des Koran allzu willig bei, freilich hübsch formuliert.

Lösungen bietet Enzensberger (wie auch schon in seinen anderen Essays beispielsweise über den weltweiten Bürgerkrieg oder die Zuwanderung) nicht an. Das muss er auch nicht. Aber seine Diagnose ist derart holzschnittartig, dass man sich genauere, detailliertere Ausführungen schon gewünscht hätte. So kommt das Büchlein (als Sonderdruck in der „edition suhrkamp“ erschienen) allzu forsch daher. Dabei wirkt es gelegentlich wie ein Pfeifen im Wald wenn es um die Beschwörung der Überlegenheit des Westens geht. Das ist – alles in allem – wenig originell.

Bemerkung: Alle kursiv gesetzten Wendungen und Sätze sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Zusätzliche Materialien:
Kommentare bitte hier oder evtl. auch hier.

Kommentare hier...

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 19:39
Also über die Zugriffszahlen...
Also über die Zugriffszahlen kannst du dich wirklich...
Köppnick - 2008-05-13 17:26
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 13:47
Moderation - ja, jetzt...
Moderation - ja, jetzt fällt es mir auch wieder...
Köppnick - 2008-05-12 19:18
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 16:48
Was meinst du denn mit...
Was meinst du denn mit Moderation? Löschen kann...
Köppnick - 2008-05-12 16:30
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 13:37
Dialektik der Abklärung:...
Dialektik der Abklärung: Umrisse einer neuen Sicht...
Frank-C. Hansel (anonym) - 2008-05-10 12:24
Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58

...anderswo

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
begleitschreiben - 2008-05-13 19:39
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
begleitschreiben - 2008-05-13 13:47
Wie kann man denn ein...
Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?
kursiv - 2008-05-12 21:42
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
begleitschreiben - 2008-05-12 16:48
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
begleitschreiben - 2008-05-12 13:37

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