68er - APO - RAF

Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig - Eine Bilanz

Wolfgang Kraushaar   AchtundsechzigWolfgang Kraushaar legt mit seinem Buch "Achtundsechzig – Eine Bilanz" eine kritische Würdigung der deutschen utopistischen Studenten- und Gesellschaftssubkultur von ungefähr 1967 an vor. In einem ausführlichen Prolog dokumentiert er zunächst die Wurzeln der studentischen Proteste Mitteleuropas in der US-amerikanischen "Beat-Generation"-Bewegung ausgehend von den Literaten Burroughs, Kerouac und Ginsberg Mitte der 50er Jahre über die "Flower-Power"- und Hippie-Ära, die dort Mitte der 60er Jahre als zunächst gesellschaftliche Protest- und sexueller Befreiungsbewegung und – pauschal betrachtet - Kapitalismusverweigerung aufkam (und bereits im Herbst 1967 versandete) bis zum politisierten Anti-Vietnam-Protest und der militanten "Black Power"-Gruppierung Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre.

Diese ersten rund 40 Seiten zeigen, dass der intellektuelle und studentische Protest, der sich Ende der 60er Jahre in Deutschland (aber auch anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Italien) zeigte, nicht ohne Vorgeschichte war, wobei Kraushaar nicht explizit darauf eingeht, wieviel Inspiration importiert wurde. Der weitere Verlauf des Buches zeigt, dass es neben dem Vietnamkrieg-Protest, einer Neudefinition des Sexuellen (stark angelehnt an Wilhelm Reich, der zum Guru wurde) und dem später reichlich praktizierten Drogenkonsum kaum Parallelen gab. Das oft spielerische der amerikanischen Hippiebewegung beispielsweise war den zumeist bierernsten und fränkischen Akteuren, die von einer protestantisch geprägten Moralität speziell in Deutschland durchdrungen schienen, ziemlich fremd.

Wie muss man nun heute, rund vierzig Jahre nach "1968" (und dreissig Jahre nach Ende des "Deutschen Herbsts" – der in diesem Buch nur eine untergeordnete Rolle spielt) die Gruppierungen und Veränderungen bewerten? Kraushaar macht am Anfang drei Deutungsmuster aus:
Erstens: Von wertkonservativen Politikern wird behauptet, die fundamentale Kritik an Staat und Institutionen, Familie und Rollenmustern sei ein gefährlicher Irrweg gewesen und habe die Gesellschaft in ihrem Zusammenhang bedroht. […]

Zweitens: Von sozialdemokratischen Zeithistorikern wird erklärt, die Achtundsechziger seinen nichts anderes als unfreiwillige Katalysatoren einer umfassenden Modernisierung gewesen. Die meisten…Veränderungen wären Ausdruck eines tiefgreifenden, ohnehin unabwendbaren, von ihren Akteuren jedoch nicht intendierten Strukturwandels gewesen.

Drittens: Von Seiten einiger der ehemals wichtigsten Akteure wird nun behauptet, dass es ihnen vor vierzig Jahren in Wahrheit um eine nationale Revolution gegangen sei, die sich gegen die USA und die Sowjetunion und damit gegen die westlichen wie östlichen Besatzungsmächte gerichtet habe.


Eine "nationale" Revolution?

Kraushaar geht am Ende des Buches auf dieses dritte Deutungsmuster ein. Tatsächlich gibt es mit Horst Mahler, Bernd Rabehl und Reinhold Oberlercher aber auch Rainer Langhans, Manfred Lauermann und Peter Furth prominente Achtundsechziger, die heute rechtsnationale bis faschistoide Gesinnungen (bis hin zu Mahlers Rechtshegelianertum) hegen und dabei versuchen, die damaligen sozialrevolutionären Aktionen umzudeuten.

So war zwar Rudi Dutschke ein Verfechter der nationalen Einheit Deutschlands (also das, was gemeinhin Wiedervereinigung genannt wurde) als Kernziel deutscher Politik, aber eine Umdeutung Dutschkes und/oder von "Achtundsechzig" generell in "Nationalrevolutionäre" käme einer Geschichtsklitterung gleich. Dutschkes deutschlandpolitische Reflexionen, die er anfangs aus Angst vor negativen Sanktionen durch die Weggefährten unter einem Pseudonym veröffentlichte, sah Westberlin als "Transmissionsriemen" der Einheit. Die Wiedervereinigung, die Dutschke vorschwebte, sollte allerdings weder unter kapitalistischen noch unter nationalen Vorzeichen stattfinden – einzig und allein die Arbeiterbewegung in West- und Ostdeutschland [konnte] der Akteur in dieser Mission sein.

Ausführlich legt Kraushaar am Anfang seine Bedenken hinsichtlich der Subsummierung "Achtundsechziger" dar. Er spricht von eigentlich untauglichen Bezeichnungen, macht soziale Konstruktionen aus, fächert Karl Mannheims Generationentheorien kurz auf und spricht vom Begriff "Achtundsechziger" als nachträgliche Überzeichnung und Marotte, die sich zwar besser für rhetorische Gefechte eigne, aber das Phänomen allzu stark simplifiziere. Zu Recht betont Kraushaar die Heterogenität der (sogenannten) Achtundsechziger und weist darauf hin, dass es bestenfalls 10.000 Aktivisten gab (und die nur in den Zeiten der höchsten Mobilisierung). Diese Einwände benennend, bleibt er schliesslich – ein wenig überraschend, aber sicherlich auch, um die Lesbarkeit des Buches zu gewährleisten - beim Begriff der "Achtundsechziger".

Durch den Dschungel von Erklärungsmustern kommt der Autor zum Ergebnis, dass es sich bei der Achtundsechzigerbewegung um eine im Kern antiautoritäre Revolte handelte. Diese Deutung, am Anfang des Buches vorgebracht, wird am Ende resümierend bestätigt - die eine oder andere Facette aus der geschichtlichen Entwicklung noch hinzufügend.

Kraushaar zeichnet die Grundkonzeptionen der Achtundsechziger nach (nebst knapper historischer Darstellung), zeigt ihre Entwicklungen und Transformationen und rubriziert ihre Bedeutung für die Bundesrepublik (bis heute). Er ist, wie er schreibt, bemüht, die Kakophonien…und Dissonanzen des Erinnerns, seien sie verklärender oder auch verteufelnd, auszublenden, was auch gut gelingt.


Gradualisten vs. Maximalisten

Als die beiden Grundtypen der Achtundsechzigerbewegung setzt Kraushaar die Gradualisten und die Maximalisten der Gesellschaftsveränderung. Die Gradualisten entschieden sich in ihrer überwiegenden Mehrzahl, in eine der beiden als reformorientiert geltenden Parteien…einzutreten und sich dort zu artikulieren, während die Maximalisten zwischen Ausser- und Antiparlamentarismus, einige sogar einem veritablen Antiinstitutionalismus changierten. Arg verkürzend könnte man behaupten, dass im Laufe der Zeit die meisten Maximalisten zu Gradualisten mutierten. Anhand von Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer werden diese Metamorphosen wunderbar vorgeführt. Wobei Cohn-Bendit – ähnlich dem Igel – immer schon wieder weg war, wenn (der "Hase") Joschka müde einen weiteren Schritt Richtung Institutionalisierung machte.

Die "übriggebliebenden" Maximalisten verzettelten sich entweder in esoterisches oder in politisches Sektierertum. Es gibt sehr kluge Beschreibungen im Buch von den unterschiedlichen Weltfluchten, die schon im Winter 1968/69 einsetzten – von den K-Gruppen-Gründungen (beispielsweise KPD/ML, KPD/AO oder dem totalitären KBW, in dem sich besonders viele Pol Pot-Anhänger fanden) bis zur Hinwendung zu Psychosekten wie Hare Krishna, Bhaghwan oder anderen skurrilen esoterischen Vereinigungen (AAO; ZEGG).

Sowohl die K-Gruppen wie die Psychogruppen waren Zerfallsprodukte einer in ihren Hauptzielen als gescheitert angesehenen Protestbewegung…In den Politsekten kam das objektive Moment in verselbständigter Form zum Vorschein, in den Psychosekten das subjektive. Erstere zogen aus, um die alleinige revolutionäre Kraft, das Proletariat, wiederzuerwecken und auch anzuführen, Letztere begaben sich auf die Suche nach dem befreiten Subjekt, das es…freizulegen galt. Beide verlangten nach Führungsfiguren, denen quasireligiöse Züge zugeschrieben wurden (am Rande thematisiert Kraushaar den christlichen Glauben Dutschkes).

Das setzte sich übrigens auch im späteren Terrorismus von RAF und RZ fort (beide nennt er terroristische Sekte[n]); exemplarisch in der Figur des Andreas Baader, wobei eine gewisse Verblüffung ob der heute eher rustikal wirkenden Ausstrahlung aufkommt. Kraushaar stellt bei Baader eine Mutation vom narzisstischen Dandy in der Anfangszeit (Baader und Ensslin als Bonny und Clyde) bis zum gescheiterten, sich selber richtenden und seinen Tod inszenierenden Desperado am Ende.

Schnell mutierte die als antiautoritäre Revolte apostrophierte Bewegung zum autoritären Antiautoritarismus – auch und gerade dort, wo man sich betont "antiautoritär" gab, wie beispielsweise in den "Kinderläden" und den (anfangs maoistisch angelegten) "Kommunen", jenen Spielwiesen, die die Familie als "repressiv-neurotischen Zwangsverband" sahen, die Rolle der Eltern auslöschen und die "ödipale Grundstruktur in der bürgerlichen Kleinfamilie" aushebeln wollten, in dem u. a. Kinder bereits frei ihre Sexualität "ausleben" sollten.

Natürlich wettert Kraushaar in seinem Buch nicht im Abrechnungsfuror eines Götz Aly. Dennoch macht es Vergnügen, seine wohl dosierten (und manchmal gut versteckten) Spitzen zu lesen. Der Eifer der Rotgardisten der chinesischen Kulturevolution diente einigen Achtundsechzigern wie beispielsweise Peter Schneider, damals ein glühender Verfechter, der im Buch ausführlich zitiert wird (allerdings auch seine spätere Kehre Erwähnung findet), als Vorbild. Hinzu kamen die Projektionen in die "Befreiungsbewegungen" Vietcong und PLO/Fatah und das, was Richard Löwenthal seinerzeit als "romantische[n] Rückfall" bezeichnete: eine politische, rückwärts gewandte, die "alten Affekte einer antiliberalen und antiwestlichen Romantik" bedienende Gegenmoderne.

Ökologie statt Sozialismus

Spätestens Ende der 70er Jahre kommt es zu einem Paradigmenwechsel von der jahrelang betriebene[n] Kritik der politischen Ökonomie hin zu einer radikalen und zur insgeheimen Apokalyptik neigenden Ökologie- und Technikkritik - die Grünen wurden "geboren". War Westberlin das Zentrum der APO und Achtundsechziger gewesen, kamen etliche Protagonisten der "Grünen"-Bewegung aus der "Sponti"-Szene in und um Frankfurt, ohne die es keine Grünen, die sich zunächst primär als "Anti-Atomkraft"-Bewegung formierten, gegeben hätte.

Zunächst als primär ausserparlamentarische Opposition mit maximalistischen Positionen (den sogenannten "Fundis"), aber später dann übernahmen die Gradualisten – "Realos" – das Ruder und vollzogen (endgültig) den Marsch durch die Institutionen.

Kraushaars griffige Formulierungen sind bei diesem eher als Basiswerk konzipierten Buch naturgemäss nicht immer befriedigend. Bei genauerem Hinsehen werden natürlich sehr wohl Parallelen zwischen den Achtundsechzigern und den Grünen deutlich – und nicht nur dahingehend, weil sich einige ehemalige K-Gruppen-Mitglieder dort eingerichtet hatten. So war die Kapitalismuskritik beispielsweise bei den "Fundis" ein Kernelement (neben der stark antiamerikanischen Ausrichtung). Und dass Technikkritik ein grundlegendes neues Phänomen in modernen Gesellschaften war, kann auch nicht behauptet werden. Sie war nur in der Wirtschaftswunderzeit verschüttet gewesen. Erst später – als die "Realos" bei den Grünen dominierten – wurde der Kapitalismus nicht mehr grundlegend in Zweifel gezogen.

In zwei wesentlichen Punkten änderten die Grünen allerdings das Bewusstsein: Zum einen wurde der Sozialismus als gesellschaftliche Leitvorstellung fast vollständig aufgegeben und durch eine neue, ökologische Sicht ersetzt. Zum anderen wurde der Antiparlamentarismus der (Post-)Achtundsechziger aufgegeben. Dieser Punkt war ein radikaler Bruch der ehemaligen "Ideale", die sich seinerzeit nicht nur in den drei grossen "Antis" (Antikapitalismus, Antifaschismus und Antiimperialismus) äusserten, sondern auch einem virulenten Antiparlamentarismus das Wort redete, der schnell bei einigen Protagonisten in Autoritarismus umschlug. Warum Kraushaar dann von der Reintergration der Post-Achtundsechziger-Strömungen in das parlamentarische System durch die Parteigründung der Grünen spricht, ist mindestens verwirrend. Für manche war es – nach eher exotisch anmutenden Ausflügen in K-Gruppen-Sekten – der erste Versuch einer zielgerichteten Institutionalisierung.


Politische Erfolge?

Kraushaar streift Gewaltbereitschaft und Terrorismus nur am Rande, macht ein bisschen nebulös zu Dutschke am Horizont den bewaffneten Aufstand aus, beschreibt die latente Absage an das Vermittelnde, eine tiefsitzende Kompromissfeindlichkeit einiger Protagonisten und analysiert exemplarisch an Ulrike Meinhof, einer anerkannten und engagierten linksintellektuellen Journalistin, den Übergang zur Gewalt. "Vom Protest zum Widerstand" – so betitelte Meinhof in der Zeitschrift "konkret" im Mai 1968 ihre Kehre. Es war – ein Irrweg.

Obwohl Kraushaar zeigt, dass die Gewaltbereitschaft am Anfang durchaus vorhanden war (beispielsweise die Sympathie gegen für den Anschlag auf das Springer-Hochhaus), möchte er verhindern, dass Achtundsechzig und RAF (und RZ) synonym betrachtet werden bzw. eine Entwicklung von der APO zur RAF als Fatum konstruiert wird. Sein Fazit fällt daher, mindestens auf politischer Ebene, weniger negativ als ursprünglich angenommen aus. Drei wesentliche Erfolge werden herausgearbeitet:
  • Zum einen waren die Achtundsechziger erfolgreich in der Bewusstseinsmachung und öffentlichen Mobilisierung der Problematik der von der Grossen Koalition beabsichtigten Notstandsgesetze. Kraushaar attestiert –im Gegensatz zu Aly-, dass man durch den ausserparlamentarischen Druck das Schlimmste verhindert habe und die Regierung zu Kompromissen getrieben habe. Kraushaar schreibt allerdings selber, dass nach der parlamentarischen Verabschiedung der Notstandsgesetze die Gruppen, die sich hiermit intensiv auseinandersetzten, schnell zersplitterten. Das wäre dann schon am 30. Mai 1968 gewesen.
  • Desweiteren sieht er einen Erfolg der Studentenrebellion in der Bekämpfung der 1968 virulent auftretenden NPD, die seinerzeit nicht nur in vielen Landtagen eingezogen war, sondern auch drohte, bei der Bundestagswahl 1969 über 5% zu kommen. Detailliert behandelt er den Vorgang beim NPD-Wahlkampf 1969 in Kassel, bei dem ein Leibwächter, der in Diensten der NPD stand, zwei Demonstranten angeschossen hatte. Dies hatte zur Folge, dass die NPD medial in ein schlechtes Licht kam und habe – so Kraushaars These – zum Scheitern bei der Bundestagswahl 1969 beigetragen (es gab immerhin 4,3% der Stimmen). Warum allerdings potentielle Anhänger der NPD ausgerechnet durch den Studentenprotest von einer Stimmabgabe zurückgeschreckt sein sollen, leuchtet nicht ganz ein.
  • Unbestritten bleibt: Hätte es die NPD 1969 in den Bundestag geschafft, wäre die sozial-liberale Koalition nicht möglich gewesen. Aber Kraushaar sieht auch ein Verdienst der Achtundsechziger darin, dass sie das politische Klima für die SPD/FDP-Reformregierung mitgeschaffen habe. Dieser Schluss erscheint reichlich kühn. Denn zum einen führt Kraushaar an, dass der grosskoalitionäre Aussenminister Willy Brandt, der dann 1969 Bundeskanzler wurde, kein einziges Wort zum Vietnamkrieg der Amerikaner gesagt hatte und zum anderen steht dagegen, dass die Achtundsechziger in ihrer grossen Mehrheit Antiparlamentarier waren. Das Parlament galt vielen als "Quatschbude" und Transmissionsriemen der Entscheidungen politischer Oligarchien. In diesem ablehnenden Klima gedeiht kein parlamentarischer Aufbruch.
Hinzu kommt: Eine SPD/FDP-Regierung war vor der Wahl gar nicht zu prognostizieren. Die reine Addition der Sitze hätte eine SPD/FDP-Koalition schon seit 1961 ermöglicht. Jahrzehntelang galt die FDP aber als fester Koalitionspartner der CDU. Der Bruch der Regierungskoalition mit der CDU 1966 und die Hinwendung der CDU zur SPD setzte einen Reformprozess in der FDP in Gang, der Männer wie Walter Scheel und Werner Maihofer in die Führungsgremien der Partei kommen liess. Dieser Schwenk Scheels war in der FDP, die lange eine eher rechtsnationale Partei war, nicht unumstritten und kostete ihr bei nachfolgenden Landtagswahlen zunächst erhebliche Stimmen.

Die Achtundsechziger ignorierten Brandt

Die Möglichkeiten politischer Reformen durch die sozial-liberale Koalition wurden von den Achtundsechzigern nicht erkannt, geschweige denn wahrgenommen. Als Willy Brandt "mehr Demokratie wagen" wollte und mit der Ostpolitik Weltfriedenspolitik versuchte, kümmerte man sich lieber um die eigenen Orgasmus-Probleme, interpretierte die "Mao-Bibel", betrieb die "Destruierung der Privatsphäre", feierte den neuen "Sozialismus" des Massenmörders Pol Pot oder hegte klammheimliche Freude mit Mördern. Und statt die Schmutzkampagnen der "Bild"-Zeitung und anderer Springer-Medien gegen Brandt und seine Politik kritisch zu kommentieren, pflegte man lieber die wundgewordene Revoluzzerseele (während sich andere auf den Weg machten).

Bereits vorher verweist Kraushaar auf den latenten Antisemitismus grosser Teile der Achtundsechziger (er spricht vom Selbstbetrug der Linken, was die Immunität in Bezug auf Antisemitismus angeht), der in der Heroisierung der palästinensischen Befreiungsbewegungen mündete und zeitweilig zu gewalttätigen Aktionen gegen jüdische Einrichtungen führte. (Kraushaar hat den gescheiterten Bombenanschlag im jüdischen Gemeindehaus zu Berlin-Charlottenburg vom 9. November 1969 [sic!] detailliert in einem gesonderten Buch untersucht und recherchiert. Rädelsführerisch tätig war hier mit Peter Urban allerdings ein V-Mann des Westberliner Amtes für Verfassungsschutz.)

Seine Deutung, dass die Kinder aus dem Land der Täter nach dem israelischen Sieg im Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 nunmehr befreit [schienen] von der ihnen offenbar lästig gewordenen Verpflichtung, wegen der von ihren Eltern begangenen, mitgetragenen oder zumindest geduldeten Verbrechen eine demütigende Haltung einzunehmen, kommt der Deutung Alys zur Thematik sehr nahe. Beide sehen im Antizionismus den Antisemitismus lauern "wie das Gewitter in der Wolke" (Jean Améry); eine These, die irgendwann einmal genauer diskutiert werden müsste.

Milde Bilanz

In Kaushaars Bewertung im soziokulturellen Bereich der Achtundsechziger fliessen deren illiberalen Züge durchaus ein. Der Autor konzidiert, das eine Bewertung problematischer ausfällt, als er dies früher bereits einmal gemacht habe. Die These von der "Aufarbeitung" und Bewusstmachung der nationalsozialistischen Verbrechen durch die Bewegung will er nicht ganz aufgeben – sie fällt allerdings ein wenig pflichtschuldig aus und genauer betrachtet war sie [die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit] eine Errungenschaft der Prä-Achtundsechziger, wobei Kraushaar hier ein wenig kryptisch vor allem jene SDS-Mitglieder meint, die vor dem eigentlichen Ausbruch der Revolte bereit waren, sich der unaufgearbeiteten Vergangenheit zu stellen.... Namen fehlen – nur ein Flugblatt von 1966 wird zitiert. Die institutionelle Aufarbeitung, die schon eingesetzt hatte, berücksichtigt er ebenfalls nicht.

Zwar bezeichnet Kraushaar die Achtundsechzigerbewegung – Joschka Fischer zitierend – eine "Freiheitsrevolte". Und in dem sie den Liberalismus als heuchlerisch denunzierte und libertär-anarchistische Formen ausprägte, scheint dies nicht ganz falsch. Jedoch war die Verwandlung der antiautoritären Strömungen der Achtundsechzigerbewegung in ein Bündel verschiedener Emanzipationsbewegungen von einer grundsätzlichen Ambivalenz gezeichnet, die ihre subjektverändernden Errungenschaften mitunter wieder verspielte.

Und weiter dann: Die Befreiung von Herrschaft entgrenzte sich zunehmend und büsste ihr Wozu ein. Da es den emanzipatorischen Zielsetzungen an einem gesellschaftspolitischen Adressaten mangelte, verwandelten sie sich mehr und mehr in reine Wunschvorstellungen und glitten so in intrapsychische Bedürfnisvalenzen ab, die sektenartigen Psychogruppen…grossen Zulauf bescherten. Der Glaube, "das bürgerliche Subjekt revolutionieren zu können", ohne politisch Einfluss nehmen und zugleich die Gesellschaft verändern zu müssen, führte zu einer Degeneration des emanzipatorischen Aufbruchs.

Als fast einzige Ausnahme macht Kraushaar die Frauenemanzipationsbewegung aus, die dem uneingestandenen Patriarchalismus der männlichen Achtundsechziger, welche die sexuelle Befreiung nur als Ausweitung ihrer promiskuitiven Kampfzone definieren wollten, schnell überwanden und sich erfolgreich gegen alle Strömungen in der Gesellschaft institutionell verankerte.

Der vieldiskutierten Fama des Verlustes der Sekundärtugenden durch die Achtundsechziger wird eine Veränderung bzw. Ersetzung der soziokulturellen Werte von Pflicht, Treue, Ehre, Gehorsam, Vaterlandsliebe hin zu Gleichheit, Kollektivität, Mitbestimmung oder soziale Gerechtigkeit gegenüber gestellt.

"Achtundsechzig – eine Bilanz" kann als solide Grundlage für eine eingehende und detaillierte Beschäftigung mit der Materie empfohlen werden, ist aber auch wegen seiner kleinen Exkurse sehr lesenswert. Wunderbar beispielsweise die kleine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses, jener "Urzelle des Geisteslebens", die Kraushaar von der Romantik bis zur Neuzeit mit einer gehörigen Portion Ironie skizziert. Und in der Mitte gibt es dann noch vierzig Abbildungen, die bei einigen Zeitgenossen vielleicht dann doch wehmütige Erinnerungen aufkommen lassen.
Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Götz Aly: Unser Kampf 1968 - ein irritierter Blick zurück

Goetz Aly   Unser Kampf 1968Eine Philippika. Eine Anklage. Eine Selbstbezichtigung. Eine kalkulierte Provokation? Götz Alys "Unser Kampf 1968" (im Schmutztitel: "Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück") kommt vor allem auf den ersten Seiten mit schier atemlosen Furor daher.

Da ist von luxorierenden Jugendexistenzen die Rede, die bis ins hohe Alter ihre Mythen pflegen. Oder vom Parasitenstolz einer Generation, die ihre revolutionsselige Sturm- und Drangzeit als Geschichte einer besseren Heilsarmee verklärt und sich noch heute rühmt, seinerzeit Sozialhilfe erschlichen zu haben. Che und Meinhof als Maskottchen eines Sentimentalstalinismus.

Am Anfang zerpflückt Aly mit polemisch-scharfen Wortkaskaden das mythische Geraune jener Altachtundsechziger, zu denen er sich selber zählt (und woran er keinen Zweifel lässt), die sich heute ein Ferienhaus in der Toskana gönnen, mit der ihnen eigenen, selbstgerechten Hochnäsigkeit (allerdings grundlos) auf die DDR-Intelligenz hinunterschauen, die sie selber 1990 "abgewickelt" haben, um – endlich! – in den Genuss der seit langem ersehnten Pöstchen zu kommen: Die verspielten Wohlstandsrevoluzzer hatten ihre Umsturzphantasien nie zur Tat werden lassen. Jetzt profitierten sie vom Umsturz der Anderen.Die untergegangene DDR konfrontierte die Achtundsechziger – nicht zuletzt mit ihren marxologischen Formulierungen - an vergangene Zeiten, die sie für sich schon längst überwunden hatten. Die Westlinken waren angeekelt von diesem déjà-vu ihrer eigenen Unzulänglichkeiten. Die Ostdeutschen hielten den Spiegel parat, in dem sie [die Westlinken], falls sie nicht einfach wegsahen, vor allem eines erkennen mussten: den totalitären Charakter ihrer früheren Weltanschauung.

Aly mittendrin

Der Autor hat wenig Schmeichelndes für die altgewordenen Salonlinken übrig, die ihre politisch-gesellschaftlichen Gesinnungshavarien als Kollateralschäden eines revolutionären Rebellentums idyllisieren und Terrorgruppen wie die RAF oder besonders unsympathische Einzelpersonen wie Andreas Baader heute als Sündenböcke benutzen, mit deren Hilfe von den eigenen Schandworten und –taten abgelenkt wird (bei dieser Gelegenheit erfahren wir, dass Aly einmal eintausend Mark "gewaschen" hat).

Das hat natürlich mit dem pomadigen und unhistorischen 68er-Bashing eines Kai Diekmann nichts zu tun. Aly verurteilt die insurgenten Umtriebe an sich nicht – deutlich schildert er die drohenden Erstarrungen des restaurativen Geistes der Adenauer und Erhard-Zeit und erkennt sehr wohl die Notwendigkeit politischen und gesellschaftlichen Umdenkens. Was jedoch vehement bestritten wird, ist die epochale Veränderung, die im Nachhinein – und nicht ohne Zutun der Protagonisten (und der Gegner – man sieht das exemplarisch an Diekmann) – den Achtundsechzigern zugeschrieben wird.

Diese Dekonstruktion wird auf drei Ebenen simultan vorgenommen: Erstens wird aufgezeigt, welche gesellschaftlichen und politischen Veränderungen seit der Grossen Koalition 1966 und erst recht mit der sozial-liberalen Koalition 1969 angestossen wurden (wobei der Fokus nicht auf die seinerzeit so vehement bekämpften "Notstandsgesetze" gerichtet bleibt). Desweiteren zeigt Aly die autoritären und antidemokratischen Strukturen innerhalb der revolutionären Gruppen (hauptsächlich deren Wortführer) auf und deren Immunität totalitärer Umtriebe (und Ideologien) gegenüber und zum dritten beschreibt er seine damaligen persönlichen Aktionen und analysiert diese lakonisch und unsentimental.

Immer wieder flechtet Aly seine Handlungen, Motivationen, Denkrichtungen – und die damit einhergehenden Desillusionierungen ein (als er dann zweifacher Vater war, hiess es lapidar, Revolution könne man nicht mit Kindern machen). In dem Kapitel über den fahrlässig-verklärenden Maokult der Linken stellt er sich die Frage, die diese Generation – der Legende nach - ihren Eltern gestellt hatte: Warum habt ihr das nicht gewusst? Und da Aly Zeitzeuge ist, stellt er fest: Man konnte es wissen – problemlos. Und dabei rehabilitiert er bei dieser Gelegenheit den Politikwissenschaftler Jürgen Domes (der am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin lehrte – der Uni, an der auch Aly studierte), der schon sehr früh die Schrecken der Kulturrevolution benannte, als die Mehrzahl diese noch als emanzipatorischen Akt feierten (und Domes als Reaktionär denunzierten).

Gartenlaube für gehobene Stände

Aly seziert die Rhetorik von Dutschke et. al., referiert über die Zirkelschlüsse der "Rätedemokraten", stürzt sich mit lustvoller Destruktion auf das seinerzeit so sakrosankte "Kursbuch" welches er als eine Art Gartenlaube für die gehobenen Stände der Neuen Linken apostrophiert, zitiert (zugegeben) blöde Gedichte von Peter Schneider und F. C. Delius, geisselt Enzensbergers Kommunismus- und Maohymnen, prangert die Worthülsen der SDSler an, jongliert mit deren rhetorischen Kampfbegriffen und beschreibt die Karriere und Transformationen der Mao-KPDler seit Ende der 70er Jahre.

Das alles ist gekonnt, pointiert und wird durchaus auch argumentativ vorgetragen. Und weil Aly (unter anderem) Zugriff zu den Bundesarchiven des Innen- und Justizministeriums, des Kanzleramts und auch des Bundesamts für Verfassungsschutz bekommen hat und hier aus dem Vollen schöpfen kann, gibt es auch einige neue Erkenntnisse, insbesondere was interne Schreiben in den Regierungsbehörden angeht.

So zeigt der sogenannte "Staritz-Bericht" über ein konspirativen Treffen an zwei Tagen im Juni 1967, an dem ein sogenannter "Machtergreifungsplan" von Dutschke, Semler, Peter Schneider, Bernd Rabehl (der heute ein Freund der NPD ist), Wolfgang Lefèvre und einigen anderen entworfen wurde, eine gewisse Kreativität. Man strebte mit West-Berlin (dem Zentrum der "Bewegung") tatsächlich eine Sezession in Form eines Freistaates nach dem Muster Hongkongs an (ein "Stadtsowjet" sollte implementiert werden). Ferner plante man, in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren eine Massenbewegung zu formieren, die das bestehende System der Bundesrepublik sukzessive unterwandern sollte. Der Plan dokumentiert exemplarisch die latent totalitäre und antidemokratische Haltung der sich als Elite verstehenden Revolutionäre.

Die Mythen der heutigen Meinungsführer

Zum heutigen "taz"-Leitartikler Christian Semler vermerkt Aly nicht nur dessen Elogen auf Mao und Pol Pot (bis weit in die 70er Jahre hinein), sondern auch seinen Artikel von 1974 anlässlich des Rücktritts von Willy Brandt mit der Schlagzeile "Brandt gescheitert – das Gespann der Volksfeinde wird ausgewechselt". Thomas Schmid, seinerzeit auch ein Vordenker der Rebellen und heute Chefredakteur der "Welt" (einem Springer-Blatt), ist für Aly ein Spätbekehrter und Erbschleicher. Und für Enzensberger gelte immer noch das Habermas-Zitat aus dem Jahre 1968, als dieser ihn portraitierte als "zugereisten Harlekin am Hof der Scheinrevolutionäre, der, weil er so lange unglaubwürdige Metaphern aus dem Sprachgebrauch der zwanziger Jahre für seinerzeit folgenlose Poeme entrichten musste, nun flugs zum Dichter der Revolution sich aufschwingt – aber immer noch in der Attitüde des Unverantwortlichen, der sich um die praktischen Folgen seiner auslösenden Reize nicht kümmert." Und auch die inzwischen zu Ikonen stilisierten geistigen Ziehväter der Rebellion – allen voran Herbert Marcuse, dem er in der Verachtung der pluralistischen Moderne explizit Parallelen zu Heideggers Denken unterstellt – kommen nicht gut weg.

Alys Polemiken wider diejenigen, die heute den aufgeklärten Meinungsführer abgeben, haben etwas Erfrischendes. Und auch manches heute noch lieb gewonnene Freund-/Feindbild wird attackiert. Etwa das vom "bösen" Kanzler Kiesinger, seines Zeichens NSDAP-Mitglied und daher gern genommen. Philipp Gassert zitierend zeigt er allerdings, dass Kiesinger sehr wohl ein reales Interesse und rudimentäres Verständnis für die Revoluzzer hegte und sich mit dem SDS treffen sollte (freilich unter der Bedingung der Gewaltlosigkeit, was dann flugs dafür herhalten musste, dass es nicht zur Begegnung kam). Kiesingers Empathie für die Aufständler war grösser als beispielsweise die der (scheinbar so liberalen) SPD-Koalitionäre Willy Brandt und Helmut Schmidt, die eher auf der Seite (des späteren Bundespräsidenten) Karl Carstens und des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger standen und eine harte, durchgreifende Hand forderten. Insgesamt war das politische Establishment weder auf die Vehemenz noch dem Zeitpunkt noch auf die Methoden der Achtundsechziger gefasst. Entsprechend fahrig fielen auch die Reaktionen aus.

Die Achtundsechziger rannten offene Türen ein

Alys These: Die Politik und die Staatsorgane waren spätestens ab der Zeit der grossen Koalition besser (und weiter) als die Achtundsechziger – und deren Geschichtsapologeten bis zum heutigen Tage – dies wahrhaben wollten. Die Rebellierenden bezeichneten den Staat…als post-, wahlweise als präfaschistisch oder vage als (tendenziell) faschistoid. Aly verortet jedoch das nazistische Restgift weniger in den Staatsorganen bzw. -repräsentanten als in der Mehrheitsgesellschaft. Das Volk pflegte den keifigen Ton und das gespannte Verhältnis zur Idee der Freiheit. Hierüber, so die These, erheben sich nonchalant die Rebellierenden und züchten lieber ihre Feindbilder, statt sich den Realitäten zu stellen.

Das Aufkommen der Revolte sei durch das Verschweigen der Nazivergangenheit begünstigt worden? Das Gegenteil ist richtig. Aly zählt –zig Gerichtsverfahren auf, die Mitte/Ende der 60er Jahre aufgenommen wurden und die nationalsozialistischen Verbrechen sukzessive thematisierten. Der Studentenprotest irrte auch deshalb ins Besinnungslose ab, weil in der Öffentlichkeit und von Staats wegen in den Schulen immer intensiver über den Mord an den Juden geredet und informiert wurde. Aly geht sogar so weit zu behaupten, dass die Aufarbeitung der NS-Verbrechen durch die akademische und politische Elite dazu geführt hat, dass die "neue Linke" diese deshalb nicht zur Kenntnis nehmen wollte.

Das Problembewusstsein für durchgreifende Reformen im Hochschulwesen sei durch die Achtundsechziger geschaffen worden? Seit der Grossen Koalition stieg die Studentenanzahl an – und auch die Arbeiterkinder konnten studieren. Sexuelle Befreiung der Frau? Aly entlarvt das Macho-Gehabe der männlichen, libidinös durchsetzten Protagonisten, die ihre Promiskuität als revolutionär ausgaben (Bumsphallera) und weist den wahren Ruhm dem Erfinder der Anti-Baby-Pille zu.

Furios seziert Aly den ethischen Rigorismus der Revolutionäre, die einseitige Fokussierung auf den Vietnamkrieg mit der Folge der Ausblendung so vieler anderer Stellvertreterkriege. Damit einher diagnostiziert er (das ist nicht unbedingt originell) einen virulenten Antiamerikanismus (letztlich gespeist aus unerwiderter Amerikaliebe), den er als gegenaufklärerischen Ersatzprotest begreift und der in der "Gleichung" "USA – SA – SS" eskaliert, und – später dann durch die Fokussierung auf die palästinensische Befreiungsorganisationen wie die PLO - auch noch einen linken Antisemitismus, den er (die DDR durchaus einbeziehend) als Form der Schuldübertragung auf die Opfer der deutschen Rassen- und Vernichtungspolitik interpretiert. Und das, obwohl er auch Zitate des SDS bringt, die zwischen antizionistischer und antijüdischer Haltung differenzieren wollen.

Dass die Protestler einerseits die USA als faschistischen und imperialistischen Staat bezeichneten, andererseits jedoch die amerikanische Kultur weiter "angesagt" blieb, ist keine besonders ingeniöse Feststellung. Und reichlich übertrieben scheint es, wenn er bei Antje Vollmer aufgrund einer Kritik an Marcel Reich-Ranicki Mitte der 90er Jahre die Residuen des Antisemitismus der Achtundsechziger nachweisen will (Vollmer mag er wirklich nicht, was dann ein wenig den Blick trübt).

Der schwere Stand der Widerständler

Als Kontrast werden etliche intellektuelle Widerständler gegen die Rigoristen angeführt: Neben den leidlich bekannten Persönlichkeiten wie Habermas, der früh von der Militanz abgestossen war, Horkheimer (der den Antiamerikanismus als "Pro-Totalitarismus" empfand) und Erwin K. Scheuch, der eine "böse historische Kontinuität der Vergewaltigung des Mitmenschen aus Gesinnung" beobachtete, zitiert Aly auch nicht so prominente Intellektuelle, wie (besonders ausführlich) Richard Löwenthal, der u. a. durch den teilweise latenten Antisemitismus schockiert war und aus seinen biografischen Erlebnissen heraus unangenehm berührt war, Ernst Fraenkel und den Philosophen Wilhelm Weischedel.

Eine angebliche "Errungenschaft" der Achtundsechziger nach der anderen wird entlarvt, relativiert und – meistens – als mythische Überhöhung präsentiert. Aly polemisiert und argumentiert gegen das Märchen der Aufklärungsrhetorik im Bezug auf die NS-Vergangenheit. Die sich so politisch gebenden Revolutionäre waren in Wirklichkeit blind nicht nur der Vergangenheit gegenüber, weil sie beispielsweise den Nationalsozialismus zum Faschismus verdünnten und die sozialrevolutionäre Dynamik des Nationalsozialismus nicht wahrnehmen wollten, sondern auch taub, was die Möglichkeiten und Chancen in der aktuellen Politik der sozial-liberalen Koalition betraf. Ihr Kampf spielte sich in den Puddingbergen des Schlaraffenlandes ab. Die Mehrheit war aus gut-bürgerlichem Elternhaus (wie seinerzeit durchgeführte Umfragen zeigen). Von den damals rund 280.000 Studenten waren in den besten Zeiten ca. 2.500 im SDS organisiert. Aus eigener Anschauung beschreibt Aly bereits 1969 die beginnende Institutionalisierung der "Revolution" und der Revoluzzer – entweder band man sich in bestehende Strukturen ein oder implementierte eine Hierarchie inklusive Bürokratie.

Der kalkuliert-provokante Vergleich

Und all diese Einwände, Zurechtrückungen und Klärungen sind ja erhellend, interessant und durchaus – im ein oder anderen Fall – decouvrierend. Und das Aly sich selber mit in die Irrtumszone begibt, mehrfach wir sagt, statt ein einfaches "die" ehrt ihn. Es ist auch nicht der Punkt, geirrt zu haben. Es ist die noch heute betriebene Verklärung des Irrtums, die Aly umtreibt. Gegen viele, auch einem breiten Publikum bekannte Persönlichkeiten (neben den bereits angesprochenen "Meinungsführern"), stichelt er. Etwa Fritz J. Raddatz (damals stellvertretender Leiter des Rowohlt-Verlages, der ausdrücklich "wichtigeres" zu übersetzen und zu verlegen hatte als Raul Hilbergs "Die Vernichtung der europäischen Juden", welches heute als Standardwerk gilt) oder Sebastian Haffner, der einige revolutionäre Büchlein über Gebühr lobte. Und trotzdem hätte sein Buch nicht diese Wirkung gehabt, wenn nicht der Vergleich gekommen wäre. Ein Vergleich, der stillschweigende Vereinbarungen untergräbt und ad absurdum führt. Ein Vergleich, der ins Mark trifft und die Meinungsführer wie waidwunde Platzhirsche wild um sich schlagen lässt.

Im letzten Drittel, den Leser gut vorbereitend und entsprechend in Stimmung versetzt (auch mit einer Kapitelüberschrift wie Kraft durch Freude, Lust durch Aktion; den Buchtitel nicht zu vergessen!), holt Aly zur ultimativen Gegenüberstellung aus (und er scheut sich nicht, Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft" als Kronzeugin anzurufen). Kurz gesagt: Die deutschen Achtundsechziger [knüpften] an den Aktionismus ihrer Dreiunddreissiger-Väter an. Die Dreiunddreissiger sind für Aly diejenigen, die im nationalsozialistischen Studentenbund ab Ende der 20er Jahre die NS-Ideologie eines Baldur von Schirach nicht nur mittrugen, sondern in das Land tragen sollten. Sie sind die Eltern der Achtundsechziger; es sind – so Aly – die zwischen 1910 und 1922 geborenen.

Zwar heisst es am Anfang, dass der Blick auf die Schnittmenge…nicht auf die Gleichsetzung von Rot und Braun [ziele] (die Kritiker Alys lassen diesen Einschub gerne weg), aber es geht ihm sehr wohl darum, die Ähnlichkeiten der Mobilisierungstechnik, des politischen Utopismus und des antibürgerlichen Impetus herauszuarbeiten. Seitenlang zitiert Aly zu diesem Zweck aus Schirachs Propaganda, um schon in der Sprache Verwandtschaften, ja Übereinstimmungen festzustellen. Hier wie dort sprach man von der "Bewegung", hier wie dort ist die Feindfigur der Spiesser. Und auch wenn die "LTI"-Attitüde ein bisschen grosspurig daherkommt - die Parallelen sind natürlich sichtbar. Auch was die (gemeinsamen) Feindbilder angeht, z. B. die "Scheiss-Liberalen". Auch die Achtundsechziger denunzierten die vorsichtigen, differenziert argumentierenden Pragmatiker als "zerstreute Kompromissmenschen". Und sicherlich hat Aly recht, wenn er den Revolutionären eine Geschichtsvergessenheit oder, besser noch, Ignoranz unterstellt. Denn, so eine gelungene Sentenz, wo der Irrsinn regiert, sind Differenzierungen überflüssig. (Und so richtig hat sich das ja immer noch nicht geändert.)

Aber Aly schiesst in toto über das Ziel hinaus. Wenn er die Forderungen nach einer umfassenden Hochschulreform durch den nationalsozialistischen Studentenbund mit den Forderungen der Studentenrevoluzzer von Achtundsechzig gleichsetzt (wobei er die Differenzen sehr wohl erwähnt) oder die Parole "Einen Finger kann man brechen - fünf Finger sind eine Faust" analog zu Unsere Ehre heisst Treue setzt und somit den SS-Wahlspruch nur leicht paraphrasiert – in diesen Momenten ist Aly von seinen eigenen Thesen offensichtlich derart überwältigt, dass er in blosse Rabulistik abgleitet. Und wenn er gar konstatiert, dem nationalrevolutionären Schwung sei es, wie den Achtundsechzigern, darum gegangen, die "Erbärmlichkeit alter ergrauter, erfahrener Männer" zu überwinden und diese (nazistische) Formulierung im rustikalen "Trau keinem über dreissig" übernommen sieht, so irrt er eindeutig, denn dieser Spruch wird Jack Weinberg zugeschrieben, der ihn bereits Mitte der 60er Jahre in Berkeley/USA prägte (so Wolfgang Kraushaar "Achtundsechzig – Eine Bilanz"; Aly zitiert übrigens aus etlichen anderen Kraushaar-Büchern).

So stellt sich die Frage: Warum ausgerechnet dieser Vergleich? Warum nicht eine Konfrontation zu den kommunistischen Strassenkämpfern der Weimarer Republik oder – später - den Stalinisten und Maoisten dieser Welt? Warum diese dann doch fast billige, dem Autor nicht angemessene, Provokation? Dient sie letztlich nur, um in der Fülle der Epitaphe auf die Achtundsechziger Gehör zu finden?

Werden nicht längst Parallelen zwischen "rechten" und "linken" Extremisten in der Politikwissenschaft behandelt? "Vor der deutschen Zipfelmütze hat sich noch nie jemand gefürchtet, wohl aber vor dem Furor teutonicus, der deutschen Wildheit und Besessenheit, unserer Radikalität und Unfähigkeit zum Kompromiss" - so wird Wilhelm Hennis zitiert, der dies bereits 1968 feststellte. Rennt da jemand nicht offene Türen ein?

Oder sind Alys generationspsychologische Deutungen letztlich nur wieder Fortführungen dessen, was er selber geisselt? Diese fehlende menschliche Wärme, die er den Eltern der Achtundechziger attestiert – unter Berücksichtung der Tatsache, dass ihr Wertesystem nach 1945 zusammengebrochen war – ist nicht diese fehlende menschliche Wärme, die dann auf die Kinder übersprang auch heute federführend (im wörtlichen Sinne) bei dieser Abrechnung? War das der psychotherapeutische Ratschlag, den Aly angenommen hat, um seinen Selbsthass zu "überwinden" (auch das so eine Floskel aus der Zeit)?

Die Achtundsechziger waren keine homogene Gruppe

Am Ende weiss Aly: Die Achtundsechzigerrevolte nahm ihren heillosen - sic! - Verlauf, weil in der alten Bundesrepublik der ideelle Kern fehlte, den eine freie Gesellschaft braucht. Die kohäsiven Kräfte erwiesen sich als zu schwach, und die aufbegehrenden Neurerer wurden – vorübergehend – zum seitenverkehrten, totalitären Abklatsch des Alten. Die "Zwischengeneration", die "Fünfundvierziger" (Hans-Ulrich Wehler), die Aly (auch das schon wieder eine kleine Provokation) die Generation Kohl nennt, diejenigen, die ihre Ausbildung und ihren beruflichen Aufstieg…unter extrem schwierigen Bedingungen im zerstörten, demoralisierten Deutschland begonnen hatten, waren letztlich diejenigen, die die Revolte der Achtundsechziger, der neuen Wohlstandskinder, von Natur aus mit grosser Skepsis betrachteten und 1968 zu den angehenden Leistungseliten gehörten. Ihr Weg war ein anderer – ein Weg, den ihnen dann später die Achtundsechziger im "Marsch durch die Institutionen" nachmachten.

Aly will aber zuviel. Indem er die "Bewegung" als deutsches Phänomen isoliert betrachtet und die simultanen Entwicklungen beispielsweise in Frankreich – und vor allem die Ursprünge in den USA - kleinredet oder gar verschweigt (in Frankreich flüchtete de Gaulle immerhin für einige Tage aus Paris ob der Unruhen), betreibt er noch einmal das Geschäft derer, die er so vehement angreift: Er postuliert eine Singularität, obwohl es eigentlich um eine internationale Szene handelte (freilich mit historisch bedingten unterschiedlichen Voraussetzungen). Aber auch die Franzosen rangen mit ihren Vätern; der Algerienkrieg war gerade zu Ende und die Kollaboration mit den Nationalsozialisten war noch weitgehend tabuisiert.

Die Achtundsechziger erscheinen bei Aly im Rückblick als fast homogene Einheit, was sie nie waren. Und auch die gesellschaftspsychologischen Deutungen sind manchmal arg holzschnittartig. Das liegt hauptsächlich daran, dass aufgrund der dann doch persönlichen Erinnerungen, die im Buch immer wieder einfliessen, ein halbwegs neutraler Blick nicht immer gewahrt bleibt. Seriöse Forschungen zeigen auf, dass es selbst in der Hochzeit der Achtundsechziger nur rund 10.000 "Aktivisten" gab. Da wird ein wenig nachlässig mit den unterschiedlichen Generationsbegriffen jongliert und Generationslagerung und Generationseinheit gelegentlich vermischt, zumal er den Generationenabstand mit zwölf Jahren reichlich kurz bemisst.

Die unterschätzte sozial-liberale Koalition und die verpassten Möglichkeiten

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Mit den politischen und gesellschaftspolitischen Bewertungen Alys kann man durchaus übereinstimmen. Vermutlich hat er sogar recht, Arno Widman zitierend, dass die Revoltierenden die Liberalisierung des Landes nicht beförderten, sondern verzögerten. Und wenn er am Schluss sagt, dass nicht die Studentenbewegung…die Wende zur - notwendigen! - Reformpolitik [einleitete], sondern die 1969 gebildete sozial-liberale Regierung Brandt/Scheel, so ist dies im Grossen und Ganzen zweifellos richtig (wobei zu betonen ist, dass Brandt/Scheel nicht wegen, sondern trotz der Achtundsechziger, die damals bis tief in das sozialdemokratische Milieu hinein verschreckten, reüssierten). Statt am gesellschaftlichen Aufbruch mindestens der Anfangsjahre der sozial-liberalen Koalition mitzuarbeiten, zersplitterten sich die Achtundsechziger ins wohlige Wohnzimmer oder drifteten in den blindwütigen Terrorismus ab. Mit einiger Verspätung kamen dann die Grünen ab Ende der 70er Jahre zum Vorschein – dieses Phänomen blendet Aly merkwürdigerweise aus.

Ob die Achtundsechziger die alte deutsche Angst vor den Unwägbarkeiten der Freiheit fortführten oder gar eine Flucht aus der komplexen Welt in Form eines Rückzugs in Landkommunen, Ordensburgen und verschworenen Guerillagruppen betrieben? Überhöht Aly da nicht in seiner Erregung die Achtundsechziger sozusagen durch die Hintertür? Schliesslich ist eine Dämonisierung ab einer gewissen Dimension auch Ausdruck einer Wertschätzung.
Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch. Wenn dabei Begriffe oder Sätze in Anführungszeichen gesetzt sind, so sind dies selbst wieder Zitate von Götz Aly, die er wiedergibt.

Andreas Elter: Propaganda der Tat

Andreas Elter  Peopaganda der TatAndreas Elter, seit Oktober 2007 Professor für Journalistik an der Universität zu Köln, entwirft in seinem Buch "Propaganda der Tat – Die RAF und die Medien" zunächst eine Art Psychogramm terroristischer Gruppen, wobei er es merkwürdigerweise vermeidet, eine Definition des Terrorismus an sich vorzunehmen und die gruppendynamischen Prozesse innerhalb der Gruppe(n) mit aufführt. Das zeigt sich im Laufe des Buches manchmal als kleine Schwäche und wenn er am Ende meint, der Terrorismus habe sich in den letzten dreissig Jahren verändert, weil jetzt nicht nur unbeteiligte Personen sozusagen "zufällig" Opfer von Anschlägen werden, sondern diese Zivilisten inzwischen mit Vorsatz umgebracht werden, so spricht Elter einen wesentlichen Punkt an, der – das zeigt er auch im Buch – der RAF im Laufe ihrer "Aktivitäten" enorme Sympathien gekostet hat. Das stellt er zwar durchaus anhand der einzelnen Anschläge auch fest, dennoch vermeidet er eine direkte Dekonstruktion der Selbsteinschätzung der RAF als Guerilla. Dies vermutlich deshalb, weil er zumindest den Anfängen der RAF, diesem Zerfallsprodukt der Studentenbewegung, eine gewisse moralische Legitimation (und Autorität) nicht per se abspricht.

Vergleicht man Elters Punkte mit den Merkmalen des Terrorismus, wie sie Louise Richardson in "Was Terroristen wollen" formuliert hat, ergeben sich im für dieses Buch entscheidenden Punkt – der medialen "Vermarktung" des Terrors – deutliche Parallelen. Überraschend hierbei ist dann, dass Richardsons Charakteristikum der medialen Komponente deutlicher formuliert ist als bei Elter. Sie schreibt: "Zweck von Terrorismus ist nicht, den Feind zu besiegen, sondern eine Botschaft zu verkünden." Bei Elter klingt das ein bisschen nebulöser: Terroristische Gruppen setzen primär auf physische Gewalt (die aber gleichzeitig psychische Wirkungen intendiert) und spektakuläre Aktionen, welche die massenmediale Verbreitung sicherstellen, die Öffentlichkeit erreichen und einen langfristigen Schockeffekt herbeiführen sollen.

Dynamit und Rotationsdruck

Weiter konstatiert Elter, dass Terroristen sich sowohl der "Propaganda der Tat" als auch der "Propaganda des Worts" bedienen und sich zu gewaltsamen Aktionen bekennen. Sie verfolgen somit das Ziel, eine Eskalationsspirale in Gang zu setzen und Meinungen und Handlungen zu beeinflussen. Das ist jener Mechanismus, den Richardson als eine der "drei Rs" ausmacht – die "Reaktion". Auch sie verwendet den Begriff der "Propaganda durch die Tat" und stellt fest: "Das, wenn man so will, Geniale am Terrorismus ist […], dass er Reaktionen hervorruft, die öfter im Interesse der Terroristen sind als in dem der Opfer."

Elter kommt in seiner Studie über die massenmediale Wirkung der RAF zum gleichen Urteil und belegt dies an vielen Beispielen. Seine Definition der "Propaganda der Tat" entlehnt er bei dem deutschen Anarchisten Johannes Most (nach einem interessanten Exkurs in die Anarchistenszene des ausgehenden 19./beginnenden 20. Jahrhunderts; auch die Geschichte des Terrorismus insgesamt von den politischen Morden in der Antike über die Assassinen bis zu dem Staatsterrorismus in der französischen Revolution wird kursorisch gestreift).

Als wichtigste "Innovationen" für eine "Propaganda der Tat" macht Elter zwei neue Erfindungen aus der damaligen Zeit aus: das Dynamit und der Rotationsdruck. Terroristische Organisationen des 20. und 21. Jahrhunderts haben – unbewusst oder bewusst – dies inzwischen weiterentwickelt. Folgende Punkte sind dabei für Elter essentiell:

  • Die Tat als solche stellt bereits eine Form der Kommunikation dar; mit ihr soll die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erreicht werden.
  • Die terroristische Gruppe muss deutlich machen, dass sie die Tat verübt hat. Sie macht mit einem Bekennerschreiben oder auf einem anderen Weg (zum Beispiel durch Pamphlete oder durch Internetvideobotschaften) klar, was sie mit der Tat beabsichtigt hat.
  • Die Tat muss so spektakulär sein, dass die Medien sie nicht ignorieren können.
Elter fächert die Geschichte der RAF chronologisch auf. Von den Studentenunruhen 1967, dem Tod Benno Ohnesorgs bis zu den ersten Anschlägen Anfang der 70er Jahre über Baader-Befreiung, die ja inzwischen fast einhellig als die "Geburt der RAF" bezeichnet wird, über die Gefangennahme von Baader, Meinhof, Raspe und Meins, den Hungerstreiks (speziell 1974; hierüber wird noch zu reden sein), den militanten Aktionen und Anschlägen, die fast ausschliesslich der Befreiung von Gefangenen dienten und in den "deutschen Herbst" 1977 mündeten. Das Kapitel über die dritte Generation der RAF bis zur Selbstauflösung 1998 fällt sowohl in Quantität als auch in Qualität ein bisschen ab, was u. a. daran liegen dürfte, dass die Taten grösstenteils weder aufgeklärt, geschweige denn die Verdächtigen inhaftiert sind und sichere Aussagen und Bewertungen hierüber nicht möglich sind. (Die Kapitel über die RAF in Kunst und Literatur hätte man besser weggelassen, da sie unvollständig und somit arg selektiv erscheinen.)

Die RAF dominiert in den Medien

Trotz unterschiedlicher äusserer Bedingungen und gelegentlich veränderter Lage erkennt Elter im Handeln der RAF sehr wohl die Bedingungen der "Propaganda der Tat". Er zeigt dabei auch, wie die RAF ganz schnell Aktionen von anderen linksextremistischen bzw. linksterroristischen Vereinigungen wie den "Revolutionären Zellen" und der "Bewegung 2. Juni" (die sich sogar als anarchistisches Korrelativ zur RAF verstand) für sich "vereinnahmte" und sich somit medial in den Hintergrund schob. So ist beispielsweise wenig bekannt, dass die "Revolutionären Zellen" weit mehr Anschläge ausführten als die RAF. Die RAF hatte allerdings die weitaus spektakuläreren Attentate verübt. Und in der allgemeinen Aufmerksamkeit wurde beispielsweise die Entführung des CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz, von der "Bewegung 2. Juni" begangen, später der RAF zugeordnet. Auch der Mord an dem Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann wurde vom "2. Juni" verübt (ursprünglich als Entführung geplant). Elter sieht darin den Drang zur Simplifizierung in den Medien und macht Parallelen zur Rezeption der aktuellen Terroranschläge aus, die fast immer – sofern sie einen islamistischen Hintergrund haben, al-Qaida als Verursacher nennen.

Die Dominanz der RAF als Urheber des Terrors rührt vor allem daher, dass spätestens nach Inhaftierung des "harten Kerns" (der ersten Generation, also Baader, Meinhof, Ensslin et al.) verstärkt und noch effizienter agitiert werden konnte. Das klingt zunächst paradox, aber da die Anführer nicht mehr im Untergrund waren, und man sehr schnell ein konspiratives und vor allem effizientes (übrigens stark hierarchisches) Informationssystem implementiert hatte ("RAF-info"), war eine umfassendere und zeitnahe Agitation und Verbreitung von Kommuniques und Botschaften an die Sympathisantenszene und – wenn notwendig – die Öffentlichkeit möglich. Und auch das gefangeneninterne Kommunikationsnetz funktionierte prächtig – sowohl auf legalem als auch auf illegalem Weg. In beiden Fällen spielten einige Anwälte eine wichtige Rolle. Elter bemüht – leider!- hauptsächlich (den inzwischen verstorbenen) Klaus Croissant, der später strafrechtlich wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilt wurde; andere, heute prominente ehemalige Anwälte wie Ströbele und Schily werden nur sehr kursorisch behandelt.

Selbstviktimisierung

Hinzu kam – das ist nicht unwichtig – der elitäre und überhebliche Ton, den die RAF anschlug. Die RAF usurpierte hierdurch die Führerrolle innerhalb der linken Szene, versuchte auch an die legale Linke anzudocken (ein gravierender Fehler – auch in der Selbstreflexion der RAF von 1998 - liegt wohl darin, keinen "legalen Ableger" gegründet zu haben, der institutionell verankert gewesen wäre). Sie betrachtete sich als Speerspitze und ihre Pamphlete spiegelten dies in oft rüdem Befehlston wieder. Elter vermutet, dass viele potentielle Sympathisanten auf Dauer weder den Ton noch diesen avantgardistische Anspruch akzeptierte und das die RAF deshalb sukzessive an Zustimmung verlor, was sich zunehmend als Problem herausstellte.

Gestoppt wurde dieser Exitus allerdings zunächst durch den Tod des hungerstreikenden Holger Meins. Elter widmet dieser Causa viel Raum. Erhellend dabei, wie er vorführt, dass terroristische Kommunikationsstrategie ohne jegliche Manipulation oder Beeinflussung allein durch Berichterstattung über einen bestimmten Sachverhalt aufgehen kann. Indem seriöse Presseorgane wie beispielsweise die "FAZ" oder die "Süddeutsche Zeitung" neben der gängigen, offiziellen Erklärung für den Hungertod von Meins eben auch über die Vorwürfe, die in Presse- oder Hungerstreikerklärungen der RAF erhoben wurden und durch Anwälte publiziert wurden, und kolportierten, man habe Meins absichtlich verhungern lassen, wurden diese Äusserungen – unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt – ein sehr effektives Mittel in der Aussenkommunikation der RAF. Die Medien wurden dabei zu den Transporteuren der Sichtweise der RAF, obwohl sie lediglich ihre Pflicht zur neutralen Berichterstattung erfüllten, zu der es natürlich keine Alternative gab. Aus dem blossen Übermittler wurde – ungewollt - ein Akteur. Der Ausweg aus diesem Dilemma wäre gewesen, wenn die Journalisten die tatsächlichen Begebenheiten aufgedeckt und so die Version der RAF entkräftet hätten, wie dies beispielsweise der "Spiegel" versuchte, der einen Gefängnisarzt interviewte.

Mit dem Tod von Holger Meins hatte die RAF erstmals die Möglichkeit einen der ihren als Opfer zu stilisieren und ihre These von den "unmenschlichen Haftbedingungen" zu unterfüttern (schöner Kontrast: die Bücherlisten von Ulrike Meinhof [PDF; 2,11 MB]). Dieser Punkt der Selbstviktimisierung spielt, das beweist Elter eindrucksvoll, eine nicht unwesentliche Rolle in der Kommunikationsstrategie der RAF, obwohl sie sich hiermit von der "Propaganda der Tat" abwendete. Indem die Gefangenen sich selber stets als Opfer darstellten, hatte die Befreiung der einsitzenden Häftlinge für die im Untergrund lebenden Aktivisten oberste Priorität. Eine eventuell andere "Taktik", d. h. andere Ziele oder Strategien kamen gar nicht mehr infrage (zumal es an "Personal" mangelte). Die RAF wurde nur noch selbstreferentiell, was sie jedoch sehr gut verbarg.

Einige Medien forcierten in der ohnehin schon aufgeheizten Stimmung die Tonlage noch. In dem die Bouleveardzeitungen "BZ" und "Bild"…auf ihre Weise einiges dafür taten, dass das Thema aktuell blieb, also "Bild" vom "süssen Leben hinter Gittern" [sprach], … die "BZ"… schon einige Wochen Artikel mit Formulierungen wie "Hungern als Hobby" veröffentlicht und die "Bild" mit dem Titel "Rache" aufmachte, der in Anlehnung an Äusserungen von Beerdigungsteilnehmern nahm, stimulierte "Bild" die Sympathisantenszene zusätzlich und leistete damit der Kommunikationsstrategie der RAF Vorschub. Denn genau dieses Gefühl der Rache oder – bei weniger aggressiven Zielgruppen – des Mitleids sollte durch die Rede von der "Vernichtungshaft" hervorgerufen werden. Elter spricht nicht nur hier vom symbiotischen Verhältnis zwischen der RAF und ihrem Gegner "Bild".

Symbiose zwischen "Bild" und RAF?

Diese These von der (besonders engen) Symbiose ist eine wichtige Klammer in diesem Buch, die in einem interessanten Exkurs über das Verhältnis APO bzw. später dann RAF und Springer mündet und auf die Elter im Buch immer wieder zurückkommt. Elter behauptet, dass APO bzw. RAF ihrem grössten Feind in der Medienlandschaft somit ungewollt zu wirtschaftlichem Erfolg [verhalf], dieser sicherte der RAF jedoch wiederum höchste Popularität. Er führt Belege dafür auf, in dem er die Wechselwirkungen zwischen der demagogischen Panikmache insbesondere durch die "Bild"-Zeitung aufzeigt, die aber damit Bestandteil der Propaganda der RAF wird.

Dennoch ist der Begriff der Symbiose problematisch; vielleicht wäre es besser gewesen, von einer Interdependenz (bzw. Konterdependenz) zu sprechen. Eine Symbiose impliziert ein irgendwie bestehendes Verhältnis, gar so etwas wie ein stillschweigendes Übereinkommen. Es ist schon deshalb etwas ungenau, weil die Abhängigkeiten auf beiden Seiten doch unterschiedlich waren. Während die "Bild"-Zeitung die Berichterstattung über den Terrorismus nicht zwingend brauchte (sie hätte leicht andere Themen finden können bzw. hat sie ja auch gefunden, wenn es entsprechend wenig über die RAF zu berichten gab), war die RAF dagegen stark auf eine entsprechende Berichterstattung – und sei sie auch noch so polarisierend oder negativ – angewiesen. Daher war die RAF sehr viel stärker von "Bild" abhängig als umgekehrt.

Das Dilemma der RAF bestand darin, dass die Medien (und nicht nur die Springer-Medien) Teil des "Establishments" war, was man ja bekämpfte. Der Begriff Symbiose ist auch ungenau, weil der Springer-Konzern direkt selbst zum Gegenstand der intellektuellen Auseinandersetzung und auch des RAF-Terrorismus wurde, also "Partei" war.

Immerhin streift Elter die unumstössliche Tatsache, dass – auch hier wieder insbesondere die Springer-Preisse – der RAF-Terrorismus als Hebel verwendet wurde, um die ungeliebte sozial-liberale Regierung im Bund zu desavouieren. Das RAF-Phänomen [sei] von einigen demokratischen Politikern in unverantwortlicher Form zu politischen Zwecken instrumentalisiert worden (namentlich nennt Elter nur den späteren Innenminister Friedrich Zimmermann). Durch eine hysterische Darstellung der Bedrohungslage sah sich die Regierung zu Massnahmen veranlasst, die ihrer Intention ("Mehr Demokratie wagen" – Willy Brandt) eigentlich widersprach. Dies nur, um nicht als "schwach" oder auf dem "linken Auge" blind diskreditiert zu werden.

In dem der "Spiegel" den letzten Brief von Holger Meins abdruckte, trug er bedeutend zur Märtyrisierung Meins' gerade in einer bestimmten Masse der Unentschlossenen bei. Elter zitiert aus einem (erst nach Meins' Tod bekanntgewordenen) Brief Baaders [PDF; 1,58 MB] "Es werden Typen dabei [bei den Hungerstreiks] kaputtgehen". Eine Strategie der Führungsriege der RAF wird allerdings negiert: Dass die RAF während des Hungerstreiks bewusst auf den Tod von Mitgliedern setzte, um damit einen Mitleids- oder Solidarisierungseffekt zu erzielen, lässt sich daraus aber nicht direkt ableiten. Beweise für einen Befehl, "sich zu Tode zu hungern", existieren nicht.

Und es gibt den Beweis

Wenn Elter einen direkten Befehl in dieser Hinsicht meint, hat er recht. Aber das hätte sich selbst Baader & Co. wohl nicht herausgenommen. Er irrt dennoch, wenn er von einem eher zufälligen Hungertod ausgeht. Denn wenige Tage vor dem Tod Meins' schrieb Gudrun Ensslin an ihn: hm. ohne zu trauern. das - das ziel. du bestimmst wann du stirbst. freiheit oder tod." [PDF; 175 kb] Eine subtile, aber deutliche Aufforderung; da brauchte es keines Imperativs mehr. Die RAF brauchte einen Märtyrer – brauchte neue Dynamik; Zulauf – und ein "Opfer", der den anderenorts von den Gefangenen lasch gehandhabten Hungerstreik (Baader brach ihn mehrfach mit durch Anwälte mitgebrachte Speisen) durchzog. Meins' Bericht, wie er sich der Zwangsernährung mit allen Mitteln widersetzte [PDF; 246 kb], ist ein zusätzliches, indirektes Dokument in dieser Richtung: Er wollte sich einerseits als treuen "Genossen" zeigen – und andererseits seine Ausweglosigkeit ob der dann doch "geglückten" Zwangsernährung dokumentieren.

Elter insinuiert, dass die Behörden Meins' Tod nicht mit allen Mitteln verhindert hätten. Vielleicht gab und gibt es hierfür tatsächlich Indizien [PDF; 291 kb], aber wenn beispielsweise andere Gefangene, die zwangsernährt wurden, gegen das Personal Strafanzeigen ob dieser Massnahmen erstatteten [PDF; 655 kb], kann man vielleicht verstehen, warum aus der Situation heraus Pflichten laxer gehandhabt wurden.

Der Tod Meins' und die mediale Darstellung dieses Ereignisses wurde von den Behörden und der Politik hinsichtlich der Dynamik auf die Sympathisantenszene völlig unterschätzt. In der Betrachtung der nachfolgenden Ereignisse, die Elter versteht, packend zu rekapitulieren, wird deutlich, wie die Medien (bzw. die politischen Entscheidungsträger) aus ihren Fehlern lernten.

So weigerte man sich beispielsweise bei der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm, die Forderung der Terroristen zu erfüllen, die Livebilder von der Botschaft permanent zu senden. Im Fall des entführten Hanns-Martin Schleyer strahlte man das erste Entführervideo nicht aus. Auch die weiteren Videos und Bilder wurden nur sehr selektiv in der Öffentlichkeit gezeigt. Elter zeigt hier exemplarisch, wie die RAF gelegentlich in der Einschätzung ihrer Inszenierungen auch scheiterte bzw. einen für sie kontraproduktiven Effekt erzielte. Aus dem medialen "Volksgerichtshof", mit dem man Schleyer den "Prozess" machen wollte, wurde nichts, weil der rhetorisch überlegene Schleyer sich nicht zu verräterischen Aussagen hinreissen liess, im Gegenteil: In seinen Äusserungen entlarvte er vielmehr die Strategie der Terroristen als unmenschlich und sinnlos (Kronzeuge hierfür ist neben – dem auch von Elter als unzuverlässig eingestuften – Peter-Jürgen Boock vor allem Silke Maier-Witt).

Das Verschwinden der Deutungshoheit: Schleyer - der geschundene Mensch

Im Fall Schleyer gibt es auch ein für alle sichtbares Beispiel für ein Scheitern der Kommunikationsstrategie der RAF. Auf dem ersten Video ist er in Unterhemd und Trainingsjacke zu sehen. Die Symbolik dieser Kleidung war allerdings ambivalent: Die RAF hatte durch die mediale Verbreitung der Videos zwar den entmachteten Schleyer exponiert, allerdings verlor sie mit der Veröffentlichung der Aufnahmen die Deutungshoheit über die Bilder. Anstelle des beabsichtigten Solidarisierungseffekts und die Vorführung einer "Bestie des Kapitals"…trat in der Öffentlichkeit das genaue Gegenteil davon ein. Schleyer wurde nun als geschundener Mensch wahrgenommen und verstärkt wurde dies noch durch die "Bild" vom 10. September 1977, die auf der Titelseite das RAF-Foto von Schleyer im Unterhemd und ein altes Bild von ihm in seiner üblichen "Arbeitskleidung", also mit Hemd, Jackett und Krawatte nebeneinander abdruckte. Eigentlich entsprach diese Kontrastierung genau der Überlegung der RAF, so Elter. Aber der Text dazu – und das ist das Entscheidende – lautete: "Schleyer – Ein Bild, bei dem man weinen möchte". Bilder sagen also nicht immer mehr als tausend Worte – in diesem Fall reichten genau acht Worte und ein weiteres Foto, um die Interpretation in eine vollkommen andere Richtung zu lenken als von den Terroristen gewünscht.

Es wäre überhaupt ein falscher Eindruck zu suggerieren, dass Elter die Kommunikationsstrategien der RAF als Erfolgsgeschichte darstellen wollte. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Er zeigt aber akribisch und anschaulich, wie die RAF die mediale "Vermarktung" ihrer "Aktionen" nicht nur stattfinden lassen wollte, sondern aktiv versucht hat, ihre Darstellung zu beeinflussen und für sich zu nutzen.

Das Buch strotzt nur vor Details. Etwa aus der Anfangsphase, die Bekennerschreiben zu den Anschlägen immer erst einige Tage später zu veröffentlichen (Elter gibt einen genauen Einblick, wann wer warum über die Aktionen informiert wurde; mal wurden die Nachrichtenagenturen direkt informiert – mal zog man die indirekte Kommunikation vor). Zunächst war somit der Anschlag in den Medien, wurde ausgiebig diskutiert und als dann das Interesse nachzulassen drohte, wurde die Selbstbezichtigung "nachgeschoben" – und schon war die RAF wieder im Fokus der Öffentlichkeit.

Oder die vermeindliche Internationalisierung, mit anderen Terrorgruppen in Europa und auch im Nahen Osten, mit der die RAF sich schmückte, die letztlich aber nur mehr oder weniger behauptet wurde, um eine Vernetzung vorzutäuschen, die es so nicht gab (und nur einmal gab es dann tatsächlich diese "Globalisierung" – als 1977 der Ferienflieger "Landshut" von palästinensischen Terroristen als flankierende Massnahme zur Schleyer Entführung entführt wurde).

Viele Exkurse

"Propaganda der Tat" liefert daneben noch eine Analyse über die Muster der Bekennerschreiben und dokumentiert den ideologischen Leerlauf innerhalb der RAF, als zwischen 1972 und 1982 keine einzige dogmatisch-politische Schrift der RAF mehr erschien. Aspekte der Mythenbildung durch die RAF (Benennung der Kommandos nach Personen oder Daten), Analyse von Sprache und Aussagen der insgesamt fünf "Kampfschriften", insbesondere von "Dem Volke dienen" von 1972 und dem sogenannten "Mai-Papier" 1982 (der bereits eine Selbsthistorisierung vornimmt), ein luzider Exkurs über das Attentat bei den olympischen Spielen von München 1972 und die propagandistische Wirkung für die "Sache" der Palästinenser hieraus, ein kurzer Exkurs über den stets aktuellen Stand der Technik, mit dem sich die RAF umgab (Polaroid-Bilder wenige Jahre nach der Einführung in Deutschland und auch hinsichtlich des VHS-Videosystems, welches bei der Schleyer-Entführung benutzt wurde, handelte es sich um eine erst kurz vorher verfügbare technische Neuerung) – um nur einiges zu erwähnen.

Elter zeigt, dass es in dem Alarmismus von damals und heute durchaus Parallelen gibt und warnt ausdrücklich davor. Er lehnt die auch bereits damals von führenden Politikern häufig benutzte Kriegsmetaphorik definitiv ab, da sie die Terroristen in politische Kategorien katapultiert. Warum er allerdings dann trotzdem selber Münklers Modell des "asymmetrischen Krieges" bei der Charakterisierung u. a. des aktuellen Terrorismus herbeizitiert, bleib unklar und ist leider inkonsequent. Auch das es am Ende ein bisschen Begriffsverwirrung zwischen Erklärungsterrorismus und Handlungsterrorismus gibt, vermag den insgesamt sehr positiven Eindruck des Buches nicht zu trüben.

Daher soll es hier darum gehen, den "Mythos RAF"…weiter zu dekonstruieren und den Aspekt ihrer Kommunikationsstrategien und damit letztlich auch ihre mediale Wirkung zu thematisieren. Diesem Anspruch wird Andreas Elter was die Darstellung der Kommunikationsstrategien der RAF (mindestens der ersten und zweiten "Generation") angeht, sehr gut gerecht. Und natürlich wird dadurch indirekt ein "Mythos" entzaubert, der ja immer dann gerne entsteht, wenn sich Halbwissen und Wunschdenken vermengen und die Fakten leidlich ignoriert werden. Obwohl es nicht das Ziel der Studie war, hätte man sich mehr Widmung zur Entwicklung einer "medialen Deeskalationsstrategie" gewünscht - und zwar von allen Diskursteilnehmern, um nicht letztlich direkt oder indirekt das Geschäft der Terroristen zu betreiben. Trotzdem ist "Propaganda der Tat" ein aufklärerisches Buch und hilft, Strukturen zu erkennen und zu durchschauen.
Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Der Bösmensch

Eigentlich macht man das nicht: Über ein Buch schreiben, was man nicht gelesen hat. Aber manchmal reicht es auch, nur einen Teil gelesen zu haben, um festzustellen, dass das Leben viel zu kurz ist, sich weiter mit dem Gelesenen zu beschäftigen.

So ging es mir mit Kai Diekmanns Äusserungen aus seinem Buch "Der große Selbstbetrug", welches nun – in durchaus kurioser Form – vorgestellt wurde. Michael Naumann erbarmte sich, begab sich in die Höhle des Löwen (des Löwen?) und bürstete den gegelten Autor ein bisschen gegen den Strich. Das ist vermutlich ganz schön hanseatisch abgelaufen und vielleicht wird es Naumann gelingen, bis zu den Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft noch ein, zwei Mal in der "Bild"-Zeitung erwähnt zu werden. Das ist doch was.

Diekmann glaubt die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Eine Abrechnung mit den 68ern treibt ihn wohl um. Besser noch: Eine Abrechnung mit den "Gutmenschen". Das ist – so hat das neulich Stefan Niggemeier ganz treffend formuliert – aus der Sicht rechtsradikaler Spinner auch ein Synonym für "linker Nazi". Eine wesentlich andere Meinung scheint Diekmann nicht zu hegen, was nicht unbedingt für ihn spricht. Aber wer erwartet eigentlich von einem Chefredakteur der "Bild"-Zeitung Differenzierungsvermögen. Das ist eher eine Ausschlussbedingung. Ungefähr so, als könnte man Papst werden, wenn man geschieden ist.

Vermutlich sieht sich Diekmann in der Nachbereitung von Udo di Fabios restaurativ-intellektuellem Gesellschaftsentwurf "Die Kultur der Freiheit" und/oder Schirrmachers "Minimum". Beide entdecken die Strahlkraft vergangener "Gartenlaube"-Idyllen in Grossfamilien wieder, die es – das kann man empirisch belegen – so nie gegeben hat (ausser vielleicht bei einigen Bildungsbürgern und in Romanen). Insbesondere di Fabio sieht seit 1968 nicht nur eine Atomisierung von Werten, beispielsweise der viel geschmähten Sekundärtugenden, sondern auch eine Bevormundung des Staates in die Lebensentwürfe der Bürger, die diesen wiederum träge machen. Dies gilt es zu durchbrechen. Hierfür findet di Fabio den Begriff der "Freiheit". Die Regulierungskräfte des Staates sind für ihn Instrumente der Zementierung der Unselbständigkeit der Individuen, die sich dann lieber den Strukturen ergeben, statt Neues und Unbekanntes zu riskieren. "Freiheit" bedeutet für ihn, sich aus der selbstgewählten Unmündigkeit zu befreien – und dies wird dann notfalls dem Bürger verordnet. Das dies nicht auf Begeisterung stösst, ist klar: Einem Bergsteiger, der mitten auf der Tour der Rucksack abgenommen bekommt, wird zwar die Gewichtserleichtung spüren, aber wenn er auf seinen Rucksack nicht mehr zurückgreifen kann, beginnen die Probleme.

Bei allem Unverständnis, welches den Leser bei di Fabio überkommt und bei allem Kopfschütteln über Schirrmachers Angst, das Unausgesprochene zu benennen – beide verbindet eine nicht zu leugnende Intellektualität (freilich auf unterschiedliche Art). Von einfachen Schlagworten halten sich beide Autoren – klug genug! – fern. Ihnen gemein (und nicht nur ihnen) ist allerdings das tiefe Unbehagen der Kulturrevolution, die (undeutlich, weil verkürzend) mit dem Begriff der 68er definiert wird.

Kai Diekmann kann sich natürlich nicht mit den oben genannten Autoren messen. Seine Philippika gegen die "Gutmenschen", jene säkulare Form des pietistisch-abseitigen Frömmlers, ist grundsätzlicher Natur. Hier schreibt sich offensichtlich jemand seinen Frust von der Seele. Jahrzehnte aufgestaute Wut. So, als wolle sich jemand gegen die rächen, die ihm auf dem Schulhof immer auf das Pausenbrot gespuckt haben. Endlich hat Diekmann das Klima vorgefunden, in dem er sich sicher wähnt. Die Restauration beginnt spätestens seit dem Abgang von rot-grün. Diekmann hat dies mit den anderen Springer-Zeitungen und in seltsamer Allianz mit dem "Spiegel" herbeigeschrieben. Die Überraschung war, dass das Volk dann fast nicht so abgestimmt hätte, wie man es ihm eingehämmert hat. So was aber auch.

Wer will, kann im Online-Lexikon Wikipedia eine interessante Diskussion lesen – auf der "Gutmensch"-Seite. Der Begriff ist (siehe oben) umstritten. Einige bringen ihn mit dem nationalsozialistischen "Stürmer" in Verbindung; ein Studium hierüber wäre sicherlich notwendig, aber den "Stürmer" gibt's noch nicht online. Andere wiederum halten ihn für ein eher harmloses Attribut. Das ist er aber mit Sicherheit nicht.

Ist es nicht merkwürdig, dass heutzutage ein "guter Mensch" ein Depp ist? Dass jemand, der an "das Gute im Menschen glaubt" (lassen wir im Moment einmal weg, dass es sich um eine kindische Metapher handelt) als weltfremder Spinner gelten muss? Und das solche lackierten Wichtel wie Diekmann sich als Welterkenner und Weltenversteher ausweisen können, ohne dass ihnen schallendes Gelächter entgegen dröhnt? (Enorm lustig auch dieses Interview von Diekmann, in dem er sich als detailversessenen Journalisten outet; ein Brüller.)

Und dann wird ganz schnell der "Gutmensch" zur Plage, weil – Überraschung! - dessen Weltsicht auch die Berichterstattung inzwischen bestimme. Das ist wenigstens konsequent, denn sein Blatt ist zuverlässig von jeder toleranten und weltoffenen Berichterstattung meilenweit entfernt. Stattdessen masturbieren Geisteszwerge wie Herr Wagner da herum, aber – dem "Bildblog" sei Dank – inzwischen ist es niemandem guten Willens (!) mehr möglich, zu sagen, er hätte davon nichts gewusst.

Ach ja: Wie Diekmanns journalistische Imperative aussehen, kann man am Beispiel des WamS Kommentators Alan Posener sehen, der auf seinem Blog Diekmann stark kritisierte – und dessen Text ganz schnell gelöscht wurde.

Michael Naumann ist ein kluger Mensch. Er nannte Diekmanns Buch eine "Selbstenthüllung auf 254 Seiten". Er hat dieses Buch gelesen. Er hat bestimmt recht. Und man sollte die (notwendige) Diskussion um die 68er ganz sicher anderen Leuten überlassen als Diekmann et. al. Das haben die verdient.

PS: Was ist eigentlich das Gegenteil des "Gutmenschen"? Der "Bösmensch"? Der "Broder"?

Wer hilft?

Selbstüberhöhungsphantasien und Dummheit

Zwei Artikel in der aktuellen ZEIT, die sich mit dem RAF-Terrorismus auseinandersetzen:Peter Schneiders sich aufklärerisch gebender Aufsatz "Rächer wollen sie sein" und Jan Philipp Reemtsmas brillante Analyse "Lust an Gewalt".

Unterschiedlicher könnten die Texte fast nicht sein – obwohl beide zu einem ähnlichen Resultat kommen. Aber wie so oft ist der Weg mindestens ein Teil des Ziels.

Während man bei Schneider das Gefühl hat, da arbeite ein Alt-68er seinen Frust zum wiederholten Male ab und stelle einige abstruse Neuthesen auf, um sich wieder einmal in den Feuilletons ins Gespräch zu bringen (da wird dann Andreas Baader plötzlich zum Selbstmordattentäter und krude Parallelen zwischen der RAF und Al Qaida gesponnen), hat der Aufsatz von Reemtsma eine ganz andere Qualität.

Anhand von Dostojewskijs Roman "Die Dämonen" (und unter Berücksichtigung der historischen Grundlagen zu diesem Roman) arbeitet Reemtsma Parallelen zu den russischen "Sozialrevolutionären" um 1870 und der RAF um 1970 heraus. Diese Schnittmengen sind grösser, als man anfangs vielleicht glauben mag und die Art und Weise, wie Reemtsma hier vorgeht, ist schon sehr lesenswert. Das Ergebnis fällt für den sich politisch gebenden Terrorismus allerdings vernichtend aus:

Der Vorwurf der RAF, der der nämliche war, den die Terroristen in den "Dämonen" ihrem Umfeld machen – der der Feigheit nämlich –, weckte bei vielen das unbehagliche Gefühl: Die könnten recht haben. Deshalb, denke ich, fiel es vielen so schwer, die Wirklichkeit der RAF angemessen zu beschreiben: als eine Reihe sinnloser brutaler Gewalttaten.

Um diese Unfähigkeit nicht eingestehen zu müssen, halten viele bis heute daran fest, das vermeintlich Politische an diesen Gewalttaten hervorzuheben, und nicht zu sehen, wie sehr die Taten der RAF von Größenwahn, Machtgier und Lust an der Gewalttat geprägt waren. Man unterschätzt systematisch, welcher Bedeutungsgewinn eine Reihe bedeutungsloser Individuen dadurch erfuhr, dass sie den Arbeitgeberpräsidenten in einen Kofferraum sperrten und schließlich seine Ermordung mit den Worten »Herr Schmidt kann ihn (…) in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen« kommentierten.

[…]

Es ist die Geste der Selbstermächtigung zur Gewalttat – dadurch erreicht auch das Mitglied einer terroristischen Vereinigung eine Selbstüberhöhung, die in der Moderne sonst nicht zu haben ist. In modernen bürgerlichen Gesellschaften ist die Rolle des Heer- oder Bandenführers nicht mehr zu besetzen, nur als terroristischer Gewalttäter kann man sich ähnliche Sensationen verschaffen. Das, was in den Verlautbarungen der RAF immer eine so große Rolle spielte, nämlich aus sich selbst in der Aktion den »neuen Menschen« zu machen, ist auf solche Grandiositätserlebnisse zurückzuführen.


Und abschliessend zitiert Reemtsma dann den "Dämonen" die Stelle, in der Dostojewskij die Desillusionierung des Vaters des angeklagten "Revolutionärs" verbalisiert:

Meine Herrschaften, ich habe das Geheimnis entdeckt. Das ganze Geheimnis ihrer Wirkung – liegt in ihrer Dummheit(…) Wäre das Ganze auch nur eine Spur klüger ausgedrückt, dann könnte jeder auf den ersten Blick die ganze Armseligkeit dieser kurzsichtigen Dummheit erkennen. Aber jetzt bleiben alle staunend davor stehen: Keiner will glauben, daß es sich um eine derart elementare Dummheit handelt. ›Es ist ausgeschlossen, daß nichts dahintersteckt‹, sagt sich jeder und sucht nach etwas Verborgenem, ahnt ein Geheimnis, möchte zwischen den Zeilen lesen…

Ähnliches möchte man dann fast wörtlich zu der groben, sogenannten "Kapitalismuskritik" Christian Klars sagen. (Allerdings hierzu dann auch, wie ängstlich und unsouverän die politische Klasse damit umgegangen ist.)

"Gespenster der Entfremdung" - Christian Klar äussert sich

Ein bisschen pseudo-investigativ gibt man sich bei "Report Mainz": Dabei ist das Grusswort von Christian Klar vom 15.01.07 zur Rosa-Luxemburg-Konferenz, "das dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ vorliegt" im Internet einfach herunterzuladen - bei der "Jungen Welt".

In dieser Diskussion wurde u. a. gefragt, wie sich Christian Klar, der ein Gnadengesuch zur vorzeitigen Entlassung gestellt hat, zur heutigen politischen Situation stellt. Das Grusswort gibt hierüber wenigstens teilweise Auskunft. Ich stelle den Text hier im Original- Wortlaut ein.

Liebe Freunde, das Thema der diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz »Das geht anders« bedeutet – so verstehe ich es – vor allem die Würdigung der Inspiration, die seit einiger Zeit von verschiedenen Ländern Lateinamerikas ausgeht. Dort wird nach zwei Jahrzehnten sozial vernichtender Rezepte der internationalen Besitzerklasse endlich den Rechten der Massen wieder Geltung gegeben und darüber hinaus an einer Perspektive gearbeitet.

Aber wie sieht das in Europa aus? Von hier aus rollt weiter dieses imperiale Bündnis, das sich ermächtigt, jedes Land der Erde, das sich seiner Zurichtung für die aktuelle Neuverteilung der Profite widersetzt, aus dem Himmel herab zu züchtigen und seine ganze gesellschaftliche Daseinsform in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Die propagandistische Vorarbeit leisten dabei Regierungen und große professionelle PR-Agenturen, die Ideologien verbreiten, mit denen alles verherrlicht wird, was den Menschen darauf reduziert, benutzt zu werden.

Trotzdem gilt hier ebenso: »Das geht anders«. Wo sollte sonst die Kraft zu kämpfen herkommen? Die spezielle Sache dürfte sein, daß die in Europa ökonomisch gerade abstürzenden großen Gesellschaftsbereiche den chauvinistischen »Rettern« entrissen werden. Sonst wird es nicht möglich sein, die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen.

Es muß immer wieder betont werden: Schließlich ist die Welt geschichtlich reif dafür, daß die zukünftigen Neugeborenen in ein Leben treten können, das die volle Förderung aller ihrer menschlichen Potentiale bereithalten kann und die Gespenster der Entfremdung von des Menschen gesellschaftlicher Bestimmung vertrieben sind.

Stimmt es wirklich, wie es im jetzt aufbrausenden Presseecho suggeriert wird, dass Klar mit diesen Aussagen sein Gnadengesuch selber desavouiert hat?

Keine Empathie, nirgends

Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet.

Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Hornburger Kennzeichen abholen. Für unseren Schmerz und unsere Wut über die Massaker von Mogadischu und Stammheim ist sein Tod bedeutungslos. Andreas, Gudrun, Jan, Irmgard und uns überrascht die faschistische Dramaturgie der Imperialisten zur Vernichtung der Befreiungsbewegung nicht.

Wir werden Schmidt und den ihn unterstützenden Imperialisten nie das vergossene Blut vergessen. Der Kampf hat erst begonnen. Freiheit durch bewaffneten antiimperialistischen Kampf.


Das ist der Original-Text des Kommandos "Siegfried Hausner". Am 19.10.1977 – also vor fast 30 Jahren – fand die Polizei am angegebenen Ort die Leiche des entführten Hanns-Martin Schleyer.

In Stefan Austs Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" heisst es weiter:

Die Polizei fand Schleyers Leiche im Kofferraum des grünen Audi. Sein Gesicht war entstellt, die grauen Haare kurzgeschoren. Er trug dieselbe Kleidung wie bei seiner Entführung sechs Wochen zuvor. Schleyer war durch drei Schüsse in den Kopf getötet worden. Im Mund des Toten fanden die Ärzte Grasreste. An den Kleidungsstücken der Leiche hingen Tannennadeln. Die Ermittler kamen zu dem Ergebnis, daß Schleyer im Freien ermordet worden war. Er mußte niederknien und fiel nach den tödlichen Schüssen vornüber.


Der Leichenfund Schleyers markierte den traurigen Höhepunkt des "Deutschen Herbstes". Um die erste RAF-Generation um Baader und Ensslin freizupressen, wurde Schleyer am 5. September 1977 entführt; sein begleitendes Personal (drei Polizisten und sein Fahrer) ermordet. Als es sich abzeichnete, dass die Bundesregierung in einem breiten, parteienübergreifenden Konsens den Forderungen der Terroristen nicht nachgeben würde, wurde am 13.10.1977 das Flugzeug "Landshut" von Gesinnungsgenossen der RAF entführt. Hiermit sollte der Forderung Nachdruck verliehen werden. Das Ende ist bekannt: Die GSG 9 stürmte in Mogadischu das Flugzeug – keine der Geiseln im Flugzeug kam dabei ums Leben. Kurz danach gab es die Selbsttötungen in Stammheim, u. a. von Baader und Ensslin. Dann der Mord an Schleyer.

Von den Mördern der zweiten RAF-Generation ist jetzt wieder die Rede. Brigitte Mohnhaupt hat in wenigen Tagen ihre Mindesthaftstrafe von 24 Jahren abgesessen. Christian Klar hat ein Gnadengesuch gestellt; sein Ende der Mindesthaftstrafe ist in 2009. Der Bundespräsident prüft.

Wie nicht anders zu erwarten, beginnt nun die Diskussion um die potentielle Freilassung und Begnadigung. Kann man Leute, die rechtskräftig derartiger Verbrechen schuldig gesprochen und überführt wurden, nach einer gewissen Zeit einfach freilassen? Oder, polemisch formuliert: Kann man denen Gnade erweisen, die selber ihren Opfern keine zugestanden haben?

Wie erwartet, wird die Diskussion hochemotional geführt. Zu berücksichtigen ist dabei, dass das Bundesverfassungsgericht 1977 festgestellt hat, eine lebenslange Freiheitsstrafe ist verfassungsmäßig, wenn dem Verurteilten (über die Aussicht auf Begnadigung hinaus) die Möglichkeit einer Strafaussetzung verbleibt. Damit wird zwar die Formulierung "lebenslang" ad absurdum geführt – eindeutig ist aber herauszulesen, dass jedem Verurteilten eine Chance zur Resozialisierung erhalten soll. Normalerweise endet die lebenslange Freiheitsstrafe in Deutschland mit 15 Jahren – bei Mohnhaupt und Klar wurden aufgrund der Schwere der Verbrechen schon Ausnahmen gemacht.

Die Befürworter der Freilassung Mohnhaupts bzw. des Gnadengesuchs von Klar führen diese Rechtssprechung als Kern ihrer formaljuristischen Argumentation an. Es scheint auch so, als sei die potentielle Resozialisierung an keinerlei Voraussetzungen gebunden ist – was mindestens überrascht, denn in Prozessen gibt es sehr wohl strafmildernde und natürlich auch strafverschärfende Umstände. Das von vielen Gegnern des Verfahrens ins Feld geführte Argument, dass sowohl bei Mohnhaupt – vor allem jedoch bei Klar keinerlei Reue erkennbar ist, sollte dabei nicht ganz ohne Einfluss sein. Die bisherigen vorzeitigen Freilassungen (vor allem bei Peter-Jürgen Boock) wurden u. a. damit begründet, dass Einsicht in die Fehlerhaftigkeit der eigenen Taten und Mitgefühl mit den Opfern gereift war – und zwar über blosse Lippenbekenntnisse hinaus.

Von Mohnhaupt und Klar gibt es m. W. keine derartige Äusserung. Christian Klar hat in einem interessanten Fernsehinterview 2001 mit Günter Gaus eindeutig klargestellt, dass sich die Frage nach dem Leid der Opfer und deren Angehörigen sich für ihn nicht stellt: Ich überlasse der anderen Seite ihre Gefühle und respektiere sie, aber ich mache sie mir nicht zu Eigen. Das sitzt zu tief drin, dass hier, gerade in den reichen Ländern, zu viele Leben nicht zählen. Das müsste sich sehr ändern, damit ein solches Gefühl aufkommt. Schuldgefühle und Reue seien im politischen Raum, vor dem Hintergrund ihres Kampfes keine Begriffe, so Klar damals. Da diesen Aussagen bisher (medial) nicht widersprochen wurde, müssen sie als noch gültig angenommen werden. (Gaus hatte übrigens nach dem Interview Klar vorgeschlagen, ein Gnadengesuch beim Bundespräsidenten zu stellen.)

Viele, die damals in politisch prominenter Position agiert hatten, sprechen sich heute für die Freilassung von Mohnhaupt und Klar aus. Sie führen u. a. ins Feld, dass von beiden nach der selbsterklärten Auflösung der RAF 1998 keine Gefahr mehr ausgeht. Und das der Rechtsstaat Grösse und Verzeihen zeigen muss. Alles einleuchtende und gut nachvollziehbare Gründe. Aber muss nicht auch der Rechtsstaat auf die Wahrung einer Rechtskultur achten? Kann es sein, dass jemand, der der vorsätzlichen Ermordung von Menschen (die ideologischen Verbrämungen zu den Morden werden heute von vielen merkwürdig milde beurteilt) mit schuldig ist, sie vielleicht sogar selber ausgeführt hat (es ist nie ganz geklärt worden, wer die tödlichen Schüsse auf Schleyer abgegeben hat; es könnten auch zwei Personen sein; neben dem hierfür dezidiert verurteilten Rolf-Clemens Wagner) und heute hierfür keinerlei Einsicht ob des begangenen Unrechts zeigt – kann es sein, dass der Rechtsstaat hierüber nonchalant hinwegsehen kann oder es einfach soll?

Über den Sinn, die Funktion von "Strafe" sagt Jan-Philipp Reemtsma: Die Bestrafung eines Täters kann vielleicht nichts heilen, sehr wohl kann ihr Ausbleiben zusätzlich etwas zerstören. Und: Ich glaube, daß sie für das Opfer eines Verbrechens symbolisiert, daß sich die Gesellschaft auf seine Seite stellt, es in der Gesellschaft willkommen heißt und im Gegenzug den Verbrecher zurückweist und ausschließt.

Und keine Empathie bei Mohnhaupt und Klar. Keine Empathie, nirgends. Und dennoch sollen sie freikommen?

"Hitler's children" - Karl Heinz Bohrers Abrechnung mit einer "Moralisierung der Politik" und dessen Repräsentanten

In dem Artikel "Pathetisches Sprechen ohne Scham" der TAZ vom 4. November rechnet der Mitherausgeber des "Merkur", Karl Heinz Bohrer in gnadenloser Manier mit – wie er es nennt – "Hitler's children" ab. Bohrer verwendet diesen polemischen bis denunziatorischen Begriff für eine sich nach 1945 selbst als Moralinstanz inszenierende Elite, die aus einem Milieu hervorgegangen ist, welches dem Nationalsozialismus seinerzeit alles andere als kritisch eingestellt war. Aus ihnen hervorgegangen - so Bohrer - u.a.: viele Achtundsechziger bis hin zum Baader-Meinhof-Terrorismus.

Bohrers Verve geht an den Kern des politisch-intellektuellen Denkens und Diskurses der Bundesrepublik und ihrer moralischen Instanzen; den Repräsentaten der deutschen Schulderinnerung (ausgehend von Grass, dem Bohrer –durchaus zutreffend- künstlerische Defizite bescheint, die er mit aufdringliche[m] Moralismus kompensiere):

Viele der nach dem Zweiten Weltkrieg als öffentliche Ankläger der deutschen Schuldvergangenheit bekannt gewordenen Intellektuellen entstammen - selbsteingestanden oder nicht - nationalsozialistischen beziehungsweise nationalreaktionären Elternhäusern oder aber waren als Jugendliche gläubige Mitglieder der politischen Jugendorganisationen des "Dritten Reiches" gewesen.

Man möchte sich fragen: Na und? Ist nicht die Herkunft oder Gesinnung der Eltern- und/oder Grosselterngeneration für die Beurteilung des Lebenswerkes nicht unerheblich? Bohrer hierzu:

Nun ist es ja eigentlich nur erfreulich, dass sich "Hitler's children" so nachdrücklich von dieser Vergangenheit getrennt haben - ein Vorgang, der zum Erfolg der Bundesrepublik als Demokratie zweifellos beigetragen hat. Und dennoch: Es war schockierend zu entdecken, dass sich hinter diesen Autoritäten, sei es aus Universität, sei es aus Kirche, um nur die markanten Milieus zu nennen, fanatische Elternbiografien verbargen.

Diese fanatische Elternbiografien (ist Bohrer die Verwendung des Wortes "fanatisch" und deren Sezierung in Viktor Klemperers "LTI" bekannt?) macht Bohrer als Impetus für den seinerseits moralischen Gestus, ja eine Überreizung dieses Moralbegriffes der Eliten aus. Er konstruiert hierfür (nicht weit von Martin Walser entfernt) den Begriff der Mea-culpa-Rhetorik, mit der diese Leute quasi ex cathedra jedermann seit Jahrzehnten ins Haus fielen.. Und weiter:

Denn es gab und gibt ja die immerhin erwähnenswerte, wenn auch kleine Minderheit von Kindern regimefeindlicher Elternhäuser, die seit Jahrzehnten staunend mit ansah, dass Abkömmlinge desselben Milieus, das damals das große Wort führte, dies abermals taten.
Ohne Zweifel eine Anspielung auf Fest (der auch später in Bohrers Artikel genannt wird).

Bohrer sieht in dieser Mea-culpa-Rhetorik eine Art Erpressungsversuch, dass man endlich doch die Schuld vergeben möge. Wenn man eine Zeitschiene in Bohrers Äusserungen einflechten will, so sind wir jetzt ungefähr in den 70er Jahren der Brandt-Jahre; hier schimmert dann endlich ein bisschen die wahre Intention der Abrechnung hervor: die liberale Phase der Bundesrepublik, in der eine Art Institutionalisierung der 68er-Bewegung vorgenommen wurde. Diese alles in allem kurze Phase war Mitte der 70er Jahre bereits in vielen Punkten auf dem Rückzug. Aber in der Betrachtung und Bewertung des Nationalsozialismus im speziellen und dem moralischen Verständnis Deutschlands im besonderen sind die seinerzeit aufgestellten Leitlinien bis heute gültig, ja für den politischen Diskurs quasi unantastbar; kanonisiert (was sich ja auch im Prozess der Vereinigung der DDR mit der BRD zeigte). Dies ärgert Bohrer offensichtlich zutiefst, denn er lässt sich zu folgender Invektive hinreissen:

Die frenetische Rhetorik, mit der das Schuldbekenntnis an die Öffentlichkeit trat, erinnert in ihrer Taktlosigkeit und Unzivilisiertheit, in ihrer undifferenzierten Emotionalität an die fundamentalistischen Glaubensbekenntnisse all der tausenden und abertausenden kleiner und großer Nazis.

Den moralischen Impetus der Protagonisten negiert er nicht nur, sondern diskreditiert ihn sogar – in eigentlich unverantwortlicher Pauschalität:

Der Idealismus der ehemaligen BDM-Führerin blieb wieder erkennbar bei solchen, die später im Grünen grasten.

Erkennt Bohrer nicht, dass er mit der gleichen Verve nur einfach retourniert? Was ist der Zweck dieser Spiegelfechterei? Wenn er im Fanatismus der Protagonisten das weltloses Zelotentum der Nazis wiedererkennt – lässt sich nicht gerade bei ihm eine übermässige Fixierung auf genau das kritisierte feststellen?

Bohrer konstatiert: Nur eine intellektuelle Reflexion in der die antinazistische Minderheit nach dem Kriege mit der nazistischen Mehrheit drastisch abgerechnet hätte, hätte diese Rhetorik verhindert. Dies wäre eine reale, den Namen verdienende Wiedergutmachung gewesen. Da sie nicht stattgefunden hat (die Gründe blendet Bohrer nonchalant aus), konnte die uns bis heute knechtende Mea-culpa-Rhetorik zur massgebenden Maxime werden.

Ist Bohrers Diagnose des totalitären Idealismus ganz falsch? Oder enthält sie ein Körnchen Wahrheit? Sein Befund, dass die regimeabgewandten Kreise nach dem Krieg entweder teilweise exiliert oder als Impulsgeber für Diskurse geschwiegen haben (er macht hier richtigerweise Sebastian Haffner und W. G. Sebald) aus, ist nicht ganz von der Hand zu weisen – wenn es auch nicht auf alle zutrifft (man denke an den genannten Joachim Fest). Auch die lange Zeit indifferente Beziehung weiter Teile der Intellektuellen zu den Widerständlern des 20. Juli spricht für Bohrers These, dass dies nicht in eine allgemeine Schuldrhetorik hineinpasste.

Wenn Bohrers Verallgemeinerung der fanatischen Elternhäuser stimmt, hätte die Bundesrepublik ihre moralische Integrität mehr oder weniger psychotischen Selbsthassern zu verdanken, die ihre im Elternhaus erlernte und in der Jugend selbst praktizierte Nazismusgoutierung, gar –liebe, nach dem Kriege durch Moralität kompensieren mussten. Sie wuschen sich rein, in dem sie anderen ihre Moral okroyierten. Ein Schelm, wer da an Habermas denkt?

Für die Folgen für die politische Bundesrepublik konstatiert Bohrer:

Dass diese Moralisierung der Politik praktisch auf das Prinzip politischer Verantwortungslosigkeit hinauslief, sich als Tugend vor der Feigheit drapierte und theoretisch die fatale nationalsozialistische Hysterie variierte, ein und für alle Mal die Welt vom Übel zu befreien, ist diesen Kindern Hitlers bis heute nicht aufgegangen, obwohl es ihnen von wenigen erstaunten deutschen und vielen westeuropäischen Beobachtern ab und zu diskret gesagt worden ist.

Ein eindeutiger Seitenhieb auf die "Nie wieder Auschwitz"-Rhetorik, die als Legitimation zum ersten bewaffneten Eingreifen Deutschlands nach 1945 in Jugoslawien 1999 diente. Aber: Geht Bohrer nicht in eine Schlacht, die schon längst ausgetragen wurde? Oder will Bohrer die Regression, gar eine Restitution, wenn er polemisch diagnostitiert:

Alles, was als schuldverursachend ansehbar war, wurde aus dem politischen Katechismus gestrichen. Angefangen mit der Ächtung des Nationalstaats und der Ächtung der Nationalität, der Ächtung des Patriotismus über die Ächtung weltpolitischen Engagements bis hin zur selbstverständlichen Ächtung der Möglichkeit des Krieges als Mittel der Politik.

Soll also der Carl-Schmitt-Geist wiederbelebt werden? Generiert sich Bohrer als Vordenker eines deutschen Neokonservatismus, just in dem Augenblick, als in den USA der Neokonservatismus in Scherben liegt?

Und: Seltsam, dass Bohrer immer noch in den Kategorien der alten Bundesrepublik denkt. Ostdeutsche Biografien und Erlebniswelten vermisst man.

Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten

Christoph Hein - In seiner fruehen Kindheit...Wenn man historische Begebenheiten literarisch bearbeitet, so gibt es mehrere Fallstricke, in die sich der Autor verfangen kann: Er kann mit seiner These der Ereignisse in einen Furor der Unbelehrbarkeit verfallen – die Geburt der Verschwörungstheorie. Er kann in Einseitigkeit versinken und den notwendigen Abstand vergessen – blinde Parteinahme. Der schlimmste Fall ist aber das Verschwimmen von Fiktion und Dokumentarischem. Indem reale Ereignisse, die mindestens ausschnittweise in einer bestimmten Zeit öffentlich gemacht wurden, als Grundlage literarischer Bearbeitung dienen, ist dem Leser ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr klar, wann die Freiheit des Dichterdenkens beginnt und die Fakten zu diesen Gunsten aufgegeben werden.

Bereits auf den ersten Seiten wird klar: Christoph Hein be-(oder ver-?)arbeitet den Tod des mutmasslichen Terroristen Wolfgang Grams vom Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Der Ort wird namentlich nicht verfremdet – die Protagonisten sehr wohl. Wolfgang Grams heisst Oliver Zurek; die Hauptprotagonisten dieses Kammerspiels, die Eltern, Richard und Friederike.

Heins Stärke liegt in der unpathetischen, unaufgeregten Sprache mit der er die Haltung der Eltern – insbesondere des Vaters (dem pensionierten Direktor des Gymnasiums) – erzählt (nicht beschreibt). Der Mann, zum Zeitpunkt des Todes des Sohnes um die 70 Jahre, verliert über die Jahre der Beschäftigung mit den Ungenauigkeiten der staatlichen Ermittlungsbehörden und deren rigides Abwehrverhalten das von ihm über Jahrzehnte seinen Schülern vermittelte – emphatische - Bild des freiheitlichen Rechtsstaates. In der Demokratie dienen die Beamten und Politiker dem Volk. Zurek erkennt erst an der persönlichen Auseinandersetzung mit den Organen des Staates den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Staatsräson ist wichtiger als die Wahrheit, die im Einzelfall unangenehm für die staatlichen Organe sein könnte.

Die Pointe am Ende (sie sei hier verraten – wer sich eine gewisse Spannung bei der eigenen Lektüre erhalten möchte, lese nicht weiter): In einer Rede in der Aula seines ehemaligen Gymnasiums (sein Nachfolger legt den Termin auf einen Freitag Nachmittag, so dass nur sehr wenige Schüler anwesend sind) sagt sich Zurek von seinem Amtseid los. Ich habe einen Eid geleistet [...,] den Amtseid eines Staatsangestellten. Ich habe geschworen, das Grundgesetz und alle Gesetze des Landes gewissenhaft zu wahren. Da der Staat aber seine eigenen Gesetze nicht wahrt, bin ich von meinem Amtseid entbunden...Vor Ihnen allen als meinen Zeugen: Ich widerrufe hiermit meinen Eid. Gewissenhaft wie es sich für einen ehemaligen Schuldirektor gehört, ergänzt er: Herr Direktor, bitte machen Sie der Schulbehörde Meldung. Ich weiss nicht, was der Schulrat unternehmen wird. Möglicherweise wird mir die Pension entzogen, damit müsste ich zurechtkommen. Ich bin nicht wortbrüchig, denn den Eid habe nicht ich gebrochen, sondern der Staat. Und ich will mich nicht zu seinem Schurken machen lassen.

Dieser "kantische" Rigorismus zeichnet sich im Laufe des fein ziselierten Buchs durchaus ab. Zurek sieht nach Ausschöpfung aller rechtlichen Möglichkeiten (die der Staat mit seiner Justizmaschinerie souverän und mächtig abgeblockt hatte) keine andere Wahl mehr. Bei allem Willen zur Gerechtigkeit, die er für seinen (wie er glaubt ermordeten) Sohn möchte, wird Zurek niemals Parteigänger der "revolutionären Sache" seines Sohnes – er vermeidet sehr akribisch, sich vor deren Karren sperren zu lassen (wie es ihm übrigens auch gut gelingt, sich den Störungen und Anbiederungen durch sensationslüsterne Journalisten souverän zu erwehren [unweigerlich übelegt man, ob dies heute noch möglich wäre und denkt an den Fall Kampusch]). Zurek sieht seinen Sohn eben auch als (mutmasslicher) Terrorist mit den elementaren Menschenrechten eines Staatsbürgers. Dabei kann – ja: muss! - sehr wohl zwischen den verqueren Ansichten eines gewaltbereiten "Kämpfers" und den unveräusserlichen Rechten eines Menschen in einer demokratischen Gesellschaft differenziert werden.

Schön, wie erzählt wird, wie Zureks andere Kinder (die Lehrerin Christin und der Angestellte Heiner [lt. Wikipedia-Artikel gibt es die Tochter in der Realität nicht]) auf die Interventionen der Eltern reagieren: Die Tochter, deren Mann als Unternehmensberater Nachteile ob dieser "Verwandtschaft" befürchtet und vehement für ein Nachgeben und Vergessen eintritt – und der Sohn, der irgendwann sehr gerne einmal mit seinem Bruder in den Untergrund gegangen wäre und mitgemacht hätte, von Oliver jedoch gezwungen wurde, ein "bürgerliches Leben" mit Rücksicht auf die Eltern zu führen (übrigens auch hier durch einen Schwur).

Indem Christoph Hein den Fokus niemals von den Eltern abwendet (insbesondere auf Richard Zurek) und deren redliches Gerechtigkeitsdenken schildert, welches an der immer arroganteren Staatsräson mediokrer politischer Dilettanten abprallt, entsteht ein sanfter Sog, in den der Leser hineingezogen wird. Wer dabei tiefsschürfende philosophische Mono- oder Dialoge erwartet, wird freilich enttäuscht – Hein lässt dem Leser genug Spielraum für die eigenen Reflexionen. Zurek wird auch nicht zum Kohlhaas, der staatliche Willkür mit blinder Gewalt beantwortet.

Natürlich wüsste man gerne, ob sich die Details in der Familie auch tatsächlich so abgespielt haben – aber dies spielt ab einem gewissen Zeitpunkt keine Rolle mehr, da die Figuren, die ja realen Personen entsprechen, durchaus ihre eigene literarische Dynamik bekommen. Hein gelingt es dabei, diese real existierenden (bzw. real existiert habenden) Personen nicht nur nicht zu denunzieren, sondern zu erhöhen (ohne sie dabei zu heroisieren).

Interessant ist, dass dieses Buch (im Gegensatz zu den anderen Hein-Büchern, die regelmässig in den Feuilletons prominent und ausführlich besprochen werden) kaum Berücksichtigung in der Literaturkritik fand – und wenn, dann fast nur erbärmliche Besprechungen zu finden waren (mit Ausnahme der von Martin Lüdke – siehe hier). 2005, als Heins Buch erschien, wurde auch gelegentlich auf eine "Wiederbelebung" des damaligen Innenministers Rudolf Seiters (CDU) spekuliert, der nach seinem Rücktritt ausgerechnet auf den Posten des Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes abgeschoben wurde. Manchmal schreibt das Leben die besten Pointen.

Kommentare hier...

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 19:39
Also über die Zugriffszahlen...
Also über die Zugriffszahlen kannst du dich wirklich...
Köppnick - 2008-05-13 17:26
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
Gregor Keuschnig - 2008-05-13 13:47
Moderation - ja, jetzt...
Moderation - ja, jetzt fällt es mir auch wieder...
Köppnick - 2008-05-12 19:18
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 16:48
Was meinst du denn mit...
Was meinst du denn mit Moderation? Löschen kann...
Köppnick - 2008-05-12 16:30
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
Gregor Keuschnig - 2008-05-12 13:37
Dialektik der Abklärung:...
Dialektik der Abklärung: Umrisse einer neuen Sicht...
Frank-C. Hansel (anonym) - 2008-05-10 12:24
Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58

...anderswo

Naja,
Zugriffszahlen aufgrund einer prominenten Verlinkung...
begleitschreiben - 2008-05-13 19:39
Ob die Rechtssprechung...
Ob die Rechtssprechung weltfremd ist, spielt keine...
begleitschreiben - 2008-05-13 13:47
Wie kann man denn ein...
Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?
kursiv - 2008-05-12 21:42
twoday mag aus dem Schneider...
...aber der User nicht. Und im Zweifel muss twoday...
begleitschreiben - 2008-05-12 16:48
Definition "Steinbruch"...
Definition "Steinbruch" aus dem Wikipedia-Artikel:...
begleitschreiben - 2008-05-12 13:37

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