Ob der Versuch Al-Jabris hoffnungslos - ich weiß es nicht, bin allerdings auch eher skeptisch. Tatsächlich trifft man im arabischen Raum als Westler auf vollkommen auf den Westen fixierte Leute (bspw. Geschäftsleute aber auch Intellektuelle), die sich nur noch einige eigene Nischen erhalten haben. Ich weiss allerdings nicht, wo dies nur Fassade ist, d. h. als "notwendige Anpassung" vorgenommen wird.
Natürlich ist der Nasserismus immer noch eine schlummernde Option, obwohl der Panarabismus mangels ökonomischer und auch politischer Unterschiede, die sich in den letzten Jahrzehnten aufgetan haben, schwierig scheint. Es gibt auch keine charismatische Figur, die hier einigend handeln könnte. Beim Lesen von Al-Jabris Buch wurde ich eher an den Kemalismus à la Atatürk erinnert, weil doch vieles auf eine laizistische Trennung nicht nur zwischen Staat und Religion sondern auch zwischen Religion und dem "weltlichen Alltagsleben" herausläuft. In einem kurzen Brief an den Verleger schreibt Al-Jabri u.a., dass er von der aktuellen türkischen Regierung (der Brief stammt von 2005) als Berater konsultiert wurde. Ministerpräsident war damals Gül, obwohl Erdogan wohl schon die Fäden gesponnen hatte. Insofern ist es interessant, weil Erdogan/Gül im Westen eine Abkehr vom Kemalismus unterstellt wird, was sich ja u. a. an der Kopftuchfrage an Universitäten zeigt bzw. zeigen soll.
Al-Jabris Idee geht dahin, nicht dem Westen nachzulaufen um nicht die Fundamentalisten damit zu munitionieren. Da sich jedoch über Jahrhunderte keine nur halbwegs säkularen Strukturen entwickelt haben (höchstens ansatzweise in Jordanien und Marokko, aber auch dort nur oktroyiert), erscheint eine "arabischer dritter Weg" tatsächlich schwierig, zumal wenn er auf diesem intellektuellen Niveau wie von Al-Jabri daherkommt.
Der Verlag schreibt, dass die Bücher Al-Jabris gut verkauft werden und spricht von 7000-8000 Auflagen im arabischen Raum. Verglichen mit der Bevölkerung ist dies natürlich lächerlich, wobei man berücksichtigen muss, dass das Buch dort nicht die Rolle spielt wie bei uns (was wiederum mit dem Lesen zu tun haben könnte).
Al-Jabri will den Koran nicht zeitgemäss paraphrasieren; das wäre ein elementares Missverständnis. Wenn er schreibt, dass die heiligen Texte im Kontext zu lesen sind, so ist das ein Angriff gegen die Hadithe, die Interpretationen vornehmen und diese in den Koran einbauen bzw. eingebaut haben. Generell plädiert er für ein tatsächlich laizistisches System (s. o.).
Gerne gestehe ich, dass mir der Bogen zwischen Averroes und seiner aristotelischen Interpretationen und der Zeitbezug zu heute auch nicht ganz klar ist - was allerdings an mir liegen kann. tatsächlich scheint mir Al-Jabri Averroes als einen Aufklärer hervorzubringen, an dem die arabisch-muslimische Welt sich zu orientieren vermag. Ich möchte nicht soweit gehen und von einer "Krücke" sprechen (hierzu verehrt Al-Jabri Averroes zu sehr), aber er ist ein "Instrument", der einen dritten Weg aufzeigen soll.
Tatsächlich bleibt die Frage, warum eine Aufklärung, die vor rd. 600 Jahren in der Versenkung verschwunden ist (warum auch immer) heute einen Reiz bieten soll. Womit wir wieder bei den Reizen des Westens angekommen sind...
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Kursorisches zu den bisherigen Kommentaren
Natürlich ist der Nasserismus immer noch eine schlummernde Option, obwohl der Panarabismus mangels ökonomischer und auch politischer Unterschiede, die sich in den letzten Jahrzehnten aufgetan haben, schwierig scheint. Es gibt auch keine charismatische Figur, die hier einigend handeln könnte. Beim Lesen von Al-Jabris Buch wurde ich eher an den Kemalismus à la Atatürk erinnert, weil doch vieles auf eine laizistische Trennung nicht nur zwischen Staat und Religion sondern auch zwischen Religion und dem "weltlichen Alltagsleben" herausläuft. In einem kurzen Brief an den Verleger schreibt Al-Jabri u.a., dass er von der aktuellen türkischen Regierung (der Brief stammt von 2005) als Berater konsultiert wurde. Ministerpräsident war damals Gül, obwohl Erdogan wohl schon die Fäden gesponnen hatte. Insofern ist es interessant, weil Erdogan/Gül im Westen eine Abkehr vom Kemalismus unterstellt wird, was sich ja u. a. an der Kopftuchfrage an Universitäten zeigt bzw. zeigen soll.
Al-Jabris Idee geht dahin, nicht dem Westen nachzulaufen um nicht die Fundamentalisten damit zu munitionieren. Da sich jedoch über Jahrhunderte keine nur halbwegs säkularen Strukturen entwickelt haben (höchstens ansatzweise in Jordanien und Marokko, aber auch dort nur oktroyiert), erscheint eine "arabischer dritter Weg" tatsächlich schwierig, zumal wenn er auf diesem intellektuellen Niveau wie von Al-Jabri daherkommt.
Der Verlag schreibt, dass die Bücher Al-Jabris gut verkauft werden und spricht von 7000-8000 Auflagen im arabischen Raum. Verglichen mit der Bevölkerung ist dies natürlich lächerlich, wobei man berücksichtigen muss, dass das Buch dort nicht die Rolle spielt wie bei uns (was wiederum mit dem Lesen zu tun haben könnte).
Al-Jabri will den Koran nicht zeitgemäss paraphrasieren; das wäre ein elementares Missverständnis. Wenn er schreibt, dass die heiligen Texte im Kontext zu lesen sind, so ist das ein Angriff gegen die Hadithe, die Interpretationen vornehmen und diese in den Koran einbauen bzw. eingebaut haben. Generell plädiert er für ein tatsächlich laizistisches System (s. o.).
Gerne gestehe ich, dass mir der Bogen zwischen Averroes und seiner aristotelischen Interpretationen und der Zeitbezug zu heute auch nicht ganz klar ist - was allerdings an mir liegen kann. tatsächlich scheint mir Al-Jabri Averroes als einen Aufklärer hervorzubringen, an dem die arabisch-muslimische Welt sich zu orientieren vermag. Ich möchte nicht soweit gehen und von einer "Krücke" sprechen (hierzu verehrt Al-Jabri Averroes zu sehr), aber er ist ein "Instrument", der einen dritten Weg aufzeigen soll.
Tatsächlich bleibt die Frage, warum eine Aufklärung, die vor rd. 600 Jahren in der Versenkung verschwunden ist (warum auch immer) heute einen Reiz bieten soll. Womit wir wieder bei den Reizen des Westens angekommen sind...