Astrid Herbold: Das große Rauschen
E
s geht ums ganz Große: "Die Lebenslügen der digitalen Gesellschaft" will Astrid Herbold "bissig im Ton und scharf an der Analyse" (Klappentext) entlarven. Rasch wird noch das Attribut "schlagfertig" hinzugefügt und die einzelnen Mythen, die dekonstruiert werden sollen, aufgeführt. Wobei man irgendwann fragt, ob die Autorin nur die Mythen zerstört, die sie selber geschaffen hat. Aber gemach.
Nun sind (oder waren?) die Verheissungen des "globalen Dorfs", des mobilen Zeitgenossen und der so einfachen Handhabbarkeit des virtuellen Wissens ja durchaus enorm. Technikaffine Entwickler versprechen uns à la longue immer noch das schöne, gute, einfache – das bessere Leben. Aber so manches Versprechen hat sich schon als veritable Luftblase entpuppt. Man glaubt ja längst nicht mehr an das einzig weißmachende Waschmittel. So können, ja müssen, die Entwicklungen der veränderten Kommunikationsgewohnheiten beispielsweise in Unternehmen durchaus befragt werden. Und ob es dauerhaft erstrebenswert ist an fast jedem öffentlichen Ort die intimen Gespräche anderer unfreiwillig mit zu hören, ist eine durchaus diskutable Frage.
Aber mit solchen Kleinigkeiten beschäftigt sich die Autorin von "Das große Rauschen" erst gar nicht. Das Buch ist ein Rundumschlag wider das, was nur entfernt mit "neuen Medien" in Verbindung gebracht werden kann. Dabei ist nicht das chirurgische Skalpell das Arbeitsgerät von Astrid Herbold sondern der Holzhammer.
Von Wikipedia nach youporn
Da werden die digitalen Bildspeicher der Urlaubs- und Gelegenheitsfotografien mit der gleichen Verve karikiert wie familiäre Handykommunikation. Die Reaktivierung des mittelalterlichen Prangers durch mobbende Netzgemeinschaft[en] in ominösen Onlineforen oder diffusen Netzwerken wird heraufbeschworen und der kulturelle Sozialismus einer gratisaffinen Community, die auf Urheberrechte scheißt ist natürlich auch verwerflich. Auch die Schwarmintelligenz bekommt ihr Fett weg. Nachdem diese zunächst von Wikipedia nach "youporn" abgewandert sein soll, erfährt man siebzig Seiten später, dass die Entwickler der ultimativen, zwar unlesbaren, weil mit unzähligen Querverweisen gespickten, aber perfekten Hypertexte auf die selbsternannten 'Experten' gar keine Lust mehr haben und ihre große Book-Sharing-Vision ganz gerne ohne Wikipedianer et. al. verrichten möchten.
Lesen war gestern, so die Autorin, die dabei nonchalant die seit Jahren steigenden Verkaufszahlen von Büchern ignoriert (okay, sie konstatiert - natürlich sexualpsychologisch unterfüttert -, dass der deutsche Bildungsbürger das Buch eigentlich nur als Trophäe braucht) und den Kulturkampf Downloads gegen Lesen ausruft. Dass diese Downloads dann auf den Rechnern ein eher stiefmütterliches Dasein fristen und nur selten ausgedruckt oder gar gelesen werden, mag ja stimmen aber lastet man dem Buch auch an, dass es ungelesen in der Ecke liegt?
Wie der Klassiker zu seiner mehr oder weniger kongenialen Verfilmung verhalte sich das Download zum Wikipedia-Zwanzigzeiler, so eines der noch gelungenen Bilder in diesem Buch. Aber hat eine Literaturverfilmung jemals nachweisbar den Verkauf der literarischen Vorlage behindert? Natürlich gibt es eine Häppchenkultur des Partyschwätzers, der mal eben die knappe Inhaltsangabe des Tausend Seiten Romans nachgelesen hat – aber die gab es auch durch Enzyklopädien oder Rezensionen in Zeitungen vorher auch schon. Das Abiturienten und Sachbuchautoren statt sich mit zeitaufwendiger linearer Lektüre zu plagen lieber Hypothesen mit Textbausteinen aus der Volltextsuche verwenden steht für Herbold natürlich auch außer Diskussion. Aber das am Ende noch ein Leser sitzt, der die zusammengebastelten Volltextfetzen mühelos als das erkennt was es ist, kommt ihr merkwürdigerweise nicht in den Sinn. Im weiteren Verlauf des Buches erkennt man: Das ist Programm bei dieser Autorin.
Da wird selbstredend auch über den Internetjournalismus geschimpft - ohne die Konditionen, die in den jeweiligen Redaktionen für die oberflächlichen Berichterstattungen verantwortlich sind, auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Hinzu kommt, dass die von ihr angeprangerten Drei-Wort-Kurzgeschichten beim näheren Ansehen nicht unbedingt "exklusiv" für die Internetkultur stehen. Hier wird besonders deutlich, dass die Autorin vor allem zeitgeistige Ressentiments spazieren führt (das Fahrwasser der modernen InternetexorzistInnen wie beispielsweise Susanne Gaschke bietet angenehmes Surfen) und ihre induktiven Schlüsse unter hartnäckiger Verweigerung von sich ihren Thesen entgegenstehenden Fakten zieht.
Einmal googlen = 11 Watt
Hierzu ist ihr nahezu jedes rhetorische Mittel recht. Was der Verlag als "fulminante Abrechnung" darstellt ist eine alberne Mischung zwischen Elke Heidenreich und dem Jargon einer unablässig zeternden Pubertierenden (was zu zwanghaft originellen Formulierungen führt wie Where have all the Hemmschwellen gone? oder We hate fokussieren und dann tatsächlich auch das inzwischen in diesen Kreisen wohl unvermeindliche nicht wirklich).
Mit Grandezza greift Herbold die Selbstdeklarierung der Branche als "grün" an und bemerkt gar nicht, wie viele offene Türen sie einrennt. Ihre Methode: Alle irgendwann ausgesprochenen Heilsversprechen von möglichkeitstaumelnden (gelegentlich ins esoterisch abdriftenden) Internetidealisten mit den Werbeversprechen der Industrie zusammengemischt anbieten und dann die Realität damit vergleichen. Als Schulaufsatz zur Feststellung der Tricks der Werbeindustrie mag dies noch angehen – als Anspruch die Lebenslügen (von wem auch immer) zu desavouieren, wirkt dies armselig. Jeder Hofnarr hatte mehr Kenntnis vom Gegenstand seines Spotts.
Einmal den eigenen Namen zu googlen verbraucht so viel Energie wie eine 11-Watt-Energiesparlampe in einer Stunde. Die Suchmaschine käme damit – so Herbold - aufs Jahr hochgerechnet…angeblich auf einen ähnlichen Energieverbrauch wie eine Viertelmillion Privathaushalte zusammen. Leider schreibt sie nicht, wie viele Bäume und welche Mengen von Chemikalien für die vorliegende Schmähschrift herhalten mussten. Zu Senkung des exzessiven Energieverbrauchs von Computern kommt sie auf die Idee, die jeweiligen Festplatten der PCs zu externalisieren, was sie dann aber wieder verwirft, weil man eher ungern seine Daten aushäusig lagert. Aber gut, dass man mal drüber geschrieben hat.
Sogar der Körperkult des edlen Bioautomaten Mensch wird als Folge des unzulässigen Vergleichs zum edlen Technikautomaten der privaten Digitalisierung angelastet und das Sportschauen als bestenfalls digitale Gliedmassenanimierung ausgemacht. Das erinnert stark an lustige 80er Jahre-Filmchen, die den Fernsehsportler als ultimative Bedrohung für die Volksgesundheit ausmachte. Offensichtlich hat es Herbold versäumt durch Wälder, Stadtparks oder Uferpromenaden zu spazieren und auch das Studium der stetig steigenden Meldelisten diverser Stadtläufe unterblieb wohl.
Gelegentlich wird die Autorin sogar hämisch und verfällt in den gleichen Zynismus, den sie an anderer Stelle den fröhlich-skeptischen Nachrichtenfreaks vorwirft. Dass der potentielle Kranke den egalitären Wissensweiten des Netzes mehr traut als seinem Arzt ist einerseits weder ausgemacht (man gehe an einem Montag morgen nur einmal in eine beliebige Arztpraxis) noch befragt Herbold die Gründe für den seit Jahren schleichenden Ansehensverlust von Ärzten. Auf jede Frage mindestens drei Antworten lautet ihr vernichtendes Urteil – übersehend, dass auch die Konsultation verschiedener Ärzte gelegentlich zu unterschiedlichen Diagnosen führt und es – tja, so hart ist das Leben – auch selten eine "einheitliche" Fachliteratur gibt. Logisch, dass nebenbei den Betroffenheitsforen mit ihren vernetzten Laienkollektiv[en] und deren floskelhaften Aufmunterungen auch noch ein Tritt mitgegeben wird.
"Systematische Entkabelung"
Natürlich ersetzen "Selbsthilfeforen" keine Therapie. Aber wer hat das behauptet? Und selbstverständlich gibt es Weblogs, in denen enorm viel Unsinn oder auch einfach nur Banales steht. Aber wer nimmt die Zeitung oder das Medium Buch in Haftung für ihre unzähligen schlechten Produkte? Warum wird ein Blogger als geldgeil denunziert, weil er Werbebanner in seinem Blog einbindet und/oder sich früher oder später für eine Rezension bezahlen lässt, ein Journalist aber nicht? Andererseits beklagt sie, dass die wirklich "erfolgreichen" Blogs (wie misst man diesen Erfolg?) von Journalisten geschrieben werden, die dies sozusagen in ihrer Freizeit machen müssen, weil mit dem Medium "Blog" kein Geld zu verdienen sei.
Es mag ja possierlich sein, die Unbillen der Handystörenfriede genüsslich zu beschreiben (man lacht gelegentlich unter Niveau durchaus mit). Aber wo steht geschrieben, dass ich diesem tatsächlich oft genug virulenten Mahlstrom des Schwachsinnigen schutzlos ausgeliefert bin? Gibt es keinen Ausschaltknopf beim Mobiltelefon? Nie sind Kanäle wirklich gekappt behauptet Herbold trotzig und erinnert sich im Stile eines Veteranen an einen USA-Aufenthalt als Teenager, als das Anrufen noch was Besonderes war.
Es gibt für sie auch keinen (virtuellen) Papierkorb für unnütze Dateien. Und ein Unternehmen kann keine Richtlinien für die gezielte und einheitliche Verwendung des Intranetsystems formulieren (ähnlich wie Verfahrensanweisungen für andere Bereiche)? Wo steht geschrieben, dass das Google-Ranking in irgendeiner Form etwas über die Qualität des jeweiligen Fundstücks aussagt? Warum nicht die Oberflächlichkeit einiger Medienerzeugnisse als Chance betrachten gegen den Strom des Trivialen so etwas wie Niveau als Gegenangebot zu offerieren? Unflätige Kommentaren in Onlineforen – können die nicht gelöscht werden?
Wie der Computer kennt sie nur 0 oder 1. Für Zwischentöne ist keine Zeit – da ist sie schon ganz auf der Welle derer, die sie so scharf kritisiert. Es geht ihr letztlich um die systematische Entkabelung. Der analoge Müßiggang als eine Zeitreise in die 50er Jahre? Herbolds Ideal ist der lahme Lineardenker. Das ist jemand, den es allerdings seit dem Mittelalter schon nicht mehr gibt.
Paternalistischer Stil
Herbold zeichnet nicht nur ein Zerrbild, sondern vergreift sich an ihrem Untersuchungsgegenstand, weil sie eine Branche kollektiv in Haftung für ihre eigenen enttäuschten Erwartungen nimmt. Dass sie die archetypischen Schlagwörter der Internetkritiker wie "Killerspiele" und "Kinderpornografie" nur ganz am Rande erwähnt und eine genauere Untersuchung nicht vornimmt dürfte damit zusammenhängen, dass dieses Buch explizit für die Klientel der eher notgedrungen im Mainstream hineintaumelnden Mittdreißiger geschrieben wurde, die sich zunächst einmal nicht als internetaffin bezeichnen würden und durch das Buch mit einer Art Schocktherapie zur Besinnung kommen sollen. Die Autorin agiert und agitiert paternalistisch, in dem sie dem potentiellen Anwender Alternativen abspricht, die verteufelten Gegenstände anthropomorphisiert, als permanente Bedrohung schildert und mit einem für den User gefährlichen Eigenleben versieht. Da beenden dann keine Menschen mehr ihre Liebschaften, sondern verdutzte Datensätze empfangen (oder schicken) eine SMS oder vom Internet vorwärtsgepeitschte Newszyklen okkupieren unsere Aufmerksamkeit.
Da Herbolds Menschenbild das des willenlosen und einer bösartigen Maschinenwelt ausgelieferten Kommunikationsjunkies ist, muß dieser vor der Welt der Unterordner, Mobiltelefone, E-Mail-Programme und Blogs geschützt und gegebenenfalls einer Art Entziehungskur unterzogen werden. Herbold vernachlässigt das, was sie in ihrem gelungensten Kapitel über die Gefahren der allzu frühzeitigen Computerisierung der Kinderzimmer und Schulen emphatisch einfordert: Den menschlichen Intellekt, die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Unterscheidens und Entscheidens.
Statt Chancen und Risiken aufzuführen und einen sinnvollen und fruchtbaren Umgang mit Suchmaschinen, Speicherprogrammen und Blackberrys (die temporären Orden der Manager) herauszuarbeiten, statt das Goldene Kalb des digitalen Arbeitsmarkts (so sieht Herbold "Kommunikation" in Unternehmen inzwischen degeneriert) zu domestizieren, ergötzt sie sich in ihren Zukunftsaussichten in lächerlichen Geisterbeschwörungen über eine Gesellschaft, deren Mitglieder RFID-Chips implantiert werden, um ständig über die aktuellen Gesundheitswerte auf dem laufenden sein zu können, das komplett durchprogrammierte Bett im Altenheim oder Dinge, die plötzlich Ohren bekommen.
Man spürt gelegentlich die Neil-Postman-Attitüde, die natürlich nur Abklatsch ist. Konsequente Verweigerungshaltungen sind selten fruchtbar. Boykotte scheitern fast immer an den zu guten Vorsätzen. Es müßte längst Konsens sein, dass Veränderungen nicht ausserhalb von Systemen geschehen sollen, sondern in ihnen. Das Entnetzen vom Internet (natürlich inklusive Verweigerung des Mobiltelefons) bleibt schwach, wenn es sich nur um Re-Aktionen, also um reine Affekte handelt, die dann noch mit großem Brimborium als "Ausstieg" heroisiert werden. So ersetzt man den Eskapismus, den man attackiert, durch eine andere Weltflucht. Die wahren Aufklärer sind selten Radikal-Verweigerer und dürfen nicht mit Revolutionären verwechselt werden. Letztere ändern Zustände nur, um sich selbst in ihnen erhöht wiederzufinden.
Trotz gelegentlich bildungsbürgerlicher Paraphrasen (das Salbeiblatt in der Nudelsoße erinnert mich…an einen Urlaub im Schwarzwald oder Ich tippe also bin ich noch) ist der Titel (wohl eher unfreiwillig) die Kurzbeschreibung für dieses Buch: Es ist nur ein großes Rauschen. Nein, nicht mal ein großes.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
s geht ums ganz Große: "Die Lebenslügen der digitalen Gesellschaft" will Astrid Herbold "bissig im Ton und scharf an der Analyse" (Klappentext) entlarven. Rasch wird noch das Attribut "schlagfertig" hinzugefügt und die einzelnen Mythen, die dekonstruiert werden sollen, aufgeführt. Wobei man irgendwann fragt, ob die Autorin nur die Mythen zerstört, die sie selber geschaffen hat. Aber gemach.Nun sind (oder waren?) die Verheissungen des "globalen Dorfs", des mobilen Zeitgenossen und der so einfachen Handhabbarkeit des virtuellen Wissens ja durchaus enorm. Technikaffine Entwickler versprechen uns à la longue immer noch das schöne, gute, einfache – das bessere Leben. Aber so manches Versprechen hat sich schon als veritable Luftblase entpuppt. Man glaubt ja längst nicht mehr an das einzig weißmachende Waschmittel. So können, ja müssen, die Entwicklungen der veränderten Kommunikationsgewohnheiten beispielsweise in Unternehmen durchaus befragt werden. Und ob es dauerhaft erstrebenswert ist an fast jedem öffentlichen Ort die intimen Gespräche anderer unfreiwillig mit zu hören, ist eine durchaus diskutable Frage.
Aber mit solchen Kleinigkeiten beschäftigt sich die Autorin von "Das große Rauschen" erst gar nicht. Das Buch ist ein Rundumschlag wider das, was nur entfernt mit "neuen Medien" in Verbindung gebracht werden kann. Dabei ist nicht das chirurgische Skalpell das Arbeitsgerät von Astrid Herbold sondern der Holzhammer.
Von Wikipedia nach youporn
Da werden die digitalen Bildspeicher der Urlaubs- und Gelegenheitsfotografien mit der gleichen Verve karikiert wie familiäre Handykommunikation. Die Reaktivierung des mittelalterlichen Prangers durch mobbende Netzgemeinschaft[en] in ominösen Onlineforen oder diffusen Netzwerken wird heraufbeschworen und der kulturelle Sozialismus einer gratisaffinen Community, die auf Urheberrechte scheißt ist natürlich auch verwerflich. Auch die Schwarmintelligenz bekommt ihr Fett weg. Nachdem diese zunächst von Wikipedia nach "youporn" abgewandert sein soll, erfährt man siebzig Seiten später, dass die Entwickler der ultimativen, zwar unlesbaren, weil mit unzähligen Querverweisen gespickten, aber perfekten Hypertexte auf die selbsternannten 'Experten' gar keine Lust mehr haben und ihre große Book-Sharing-Vision ganz gerne ohne Wikipedianer et. al. verrichten möchten.
Lesen war gestern, so die Autorin, die dabei nonchalant die seit Jahren steigenden Verkaufszahlen von Büchern ignoriert (okay, sie konstatiert - natürlich sexualpsychologisch unterfüttert -, dass der deutsche Bildungsbürger das Buch eigentlich nur als Trophäe braucht) und den Kulturkampf Downloads gegen Lesen ausruft. Dass diese Downloads dann auf den Rechnern ein eher stiefmütterliches Dasein fristen und nur selten ausgedruckt oder gar gelesen werden, mag ja stimmen aber lastet man dem Buch auch an, dass es ungelesen in der Ecke liegt?
Wie der Klassiker zu seiner mehr oder weniger kongenialen Verfilmung verhalte sich das Download zum Wikipedia-Zwanzigzeiler, so eines der noch gelungenen Bilder in diesem Buch. Aber hat eine Literaturverfilmung jemals nachweisbar den Verkauf der literarischen Vorlage behindert? Natürlich gibt es eine Häppchenkultur des Partyschwätzers, der mal eben die knappe Inhaltsangabe des Tausend Seiten Romans nachgelesen hat – aber die gab es auch durch Enzyklopädien oder Rezensionen in Zeitungen vorher auch schon. Das Abiturienten und Sachbuchautoren statt sich mit zeitaufwendiger linearer Lektüre zu plagen lieber Hypothesen mit Textbausteinen aus der Volltextsuche verwenden steht für Herbold natürlich auch außer Diskussion. Aber das am Ende noch ein Leser sitzt, der die zusammengebastelten Volltextfetzen mühelos als das erkennt was es ist, kommt ihr merkwürdigerweise nicht in den Sinn. Im weiteren Verlauf des Buches erkennt man: Das ist Programm bei dieser Autorin.
Da wird selbstredend auch über den Internetjournalismus geschimpft - ohne die Konditionen, die in den jeweiligen Redaktionen für die oberflächlichen Berichterstattungen verantwortlich sind, auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Hinzu kommt, dass die von ihr angeprangerten Drei-Wort-Kurzgeschichten beim näheren Ansehen nicht unbedingt "exklusiv" für die Internetkultur stehen. Hier wird besonders deutlich, dass die Autorin vor allem zeitgeistige Ressentiments spazieren führt (das Fahrwasser der modernen InternetexorzistInnen wie beispielsweise Susanne Gaschke bietet angenehmes Surfen) und ihre induktiven Schlüsse unter hartnäckiger Verweigerung von sich ihren Thesen entgegenstehenden Fakten zieht.
Einmal googlen = 11 Watt
Hierzu ist ihr nahezu jedes rhetorische Mittel recht. Was der Verlag als "fulminante Abrechnung" darstellt ist eine alberne Mischung zwischen Elke Heidenreich und dem Jargon einer unablässig zeternden Pubertierenden (was zu zwanghaft originellen Formulierungen führt wie Where have all the Hemmschwellen gone? oder We hate fokussieren und dann tatsächlich auch das inzwischen in diesen Kreisen wohl unvermeindliche nicht wirklich).
Mit Grandezza greift Herbold die Selbstdeklarierung der Branche als "grün" an und bemerkt gar nicht, wie viele offene Türen sie einrennt. Ihre Methode: Alle irgendwann ausgesprochenen Heilsversprechen von möglichkeitstaumelnden (gelegentlich ins esoterisch abdriftenden) Internetidealisten mit den Werbeversprechen der Industrie zusammengemischt anbieten und dann die Realität damit vergleichen. Als Schulaufsatz zur Feststellung der Tricks der Werbeindustrie mag dies noch angehen – als Anspruch die Lebenslügen (von wem auch immer) zu desavouieren, wirkt dies armselig. Jeder Hofnarr hatte mehr Kenntnis vom Gegenstand seines Spotts.
Einmal den eigenen Namen zu googlen verbraucht so viel Energie wie eine 11-Watt-Energiesparlampe in einer Stunde. Die Suchmaschine käme damit – so Herbold - aufs Jahr hochgerechnet…angeblich auf einen ähnlichen Energieverbrauch wie eine Viertelmillion Privathaushalte zusammen. Leider schreibt sie nicht, wie viele Bäume und welche Mengen von Chemikalien für die vorliegende Schmähschrift herhalten mussten. Zu Senkung des exzessiven Energieverbrauchs von Computern kommt sie auf die Idee, die jeweiligen Festplatten der PCs zu externalisieren, was sie dann aber wieder verwirft, weil man eher ungern seine Daten aushäusig lagert. Aber gut, dass man mal drüber geschrieben hat.
Sogar der Körperkult des edlen Bioautomaten Mensch wird als Folge des unzulässigen Vergleichs zum edlen Technikautomaten der privaten Digitalisierung angelastet und das Sportschauen als bestenfalls digitale Gliedmassenanimierung ausgemacht. Das erinnert stark an lustige 80er Jahre-Filmchen, die den Fernsehsportler als ultimative Bedrohung für die Volksgesundheit ausmachte. Offensichtlich hat es Herbold versäumt durch Wälder, Stadtparks oder Uferpromenaden zu spazieren und auch das Studium der stetig steigenden Meldelisten diverser Stadtläufe unterblieb wohl.
Gelegentlich wird die Autorin sogar hämisch und verfällt in den gleichen Zynismus, den sie an anderer Stelle den fröhlich-skeptischen Nachrichtenfreaks vorwirft. Dass der potentielle Kranke den egalitären Wissensweiten des Netzes mehr traut als seinem Arzt ist einerseits weder ausgemacht (man gehe an einem Montag morgen nur einmal in eine beliebige Arztpraxis) noch befragt Herbold die Gründe für den seit Jahren schleichenden Ansehensverlust von Ärzten. Auf jede Frage mindestens drei Antworten lautet ihr vernichtendes Urteil – übersehend, dass auch die Konsultation verschiedener Ärzte gelegentlich zu unterschiedlichen Diagnosen führt und es – tja, so hart ist das Leben – auch selten eine "einheitliche" Fachliteratur gibt. Logisch, dass nebenbei den Betroffenheitsforen mit ihren vernetzten Laienkollektiv[en] und deren floskelhaften Aufmunterungen auch noch ein Tritt mitgegeben wird.
"Systematische Entkabelung"
Natürlich ersetzen "Selbsthilfeforen" keine Therapie. Aber wer hat das behauptet? Und selbstverständlich gibt es Weblogs, in denen enorm viel Unsinn oder auch einfach nur Banales steht. Aber wer nimmt die Zeitung oder das Medium Buch in Haftung für ihre unzähligen schlechten Produkte? Warum wird ein Blogger als geldgeil denunziert, weil er Werbebanner in seinem Blog einbindet und/oder sich früher oder später für eine Rezension bezahlen lässt, ein Journalist aber nicht? Andererseits beklagt sie, dass die wirklich "erfolgreichen" Blogs (wie misst man diesen Erfolg?) von Journalisten geschrieben werden, die dies sozusagen in ihrer Freizeit machen müssen, weil mit dem Medium "Blog" kein Geld zu verdienen sei.
Es mag ja possierlich sein, die Unbillen der Handystörenfriede genüsslich zu beschreiben (man lacht gelegentlich unter Niveau durchaus mit). Aber wo steht geschrieben, dass ich diesem tatsächlich oft genug virulenten Mahlstrom des Schwachsinnigen schutzlos ausgeliefert bin? Gibt es keinen Ausschaltknopf beim Mobiltelefon? Nie sind Kanäle wirklich gekappt behauptet Herbold trotzig und erinnert sich im Stile eines Veteranen an einen USA-Aufenthalt als Teenager, als das Anrufen noch was Besonderes war.
Es gibt für sie auch keinen (virtuellen) Papierkorb für unnütze Dateien. Und ein Unternehmen kann keine Richtlinien für die gezielte und einheitliche Verwendung des Intranetsystems formulieren (ähnlich wie Verfahrensanweisungen für andere Bereiche)? Wo steht geschrieben, dass das Google-Ranking in irgendeiner Form etwas über die Qualität des jeweiligen Fundstücks aussagt? Warum nicht die Oberflächlichkeit einiger Medienerzeugnisse als Chance betrachten gegen den Strom des Trivialen so etwas wie Niveau als Gegenangebot zu offerieren? Unflätige Kommentaren in Onlineforen – können die nicht gelöscht werden?
Wie der Computer kennt sie nur 0 oder 1. Für Zwischentöne ist keine Zeit – da ist sie schon ganz auf der Welle derer, die sie so scharf kritisiert. Es geht ihr letztlich um die systematische Entkabelung. Der analoge Müßiggang als eine Zeitreise in die 50er Jahre? Herbolds Ideal ist der lahme Lineardenker. Das ist jemand, den es allerdings seit dem Mittelalter schon nicht mehr gibt.
Paternalistischer Stil
Herbold zeichnet nicht nur ein Zerrbild, sondern vergreift sich an ihrem Untersuchungsgegenstand, weil sie eine Branche kollektiv in Haftung für ihre eigenen enttäuschten Erwartungen nimmt. Dass sie die archetypischen Schlagwörter der Internetkritiker wie "Killerspiele" und "Kinderpornografie" nur ganz am Rande erwähnt und eine genauere Untersuchung nicht vornimmt dürfte damit zusammenhängen, dass dieses Buch explizit für die Klientel der eher notgedrungen im Mainstream hineintaumelnden Mittdreißiger geschrieben wurde, die sich zunächst einmal nicht als internetaffin bezeichnen würden und durch das Buch mit einer Art Schocktherapie zur Besinnung kommen sollen. Die Autorin agiert und agitiert paternalistisch, in dem sie dem potentiellen Anwender Alternativen abspricht, die verteufelten Gegenstände anthropomorphisiert, als permanente Bedrohung schildert und mit einem für den User gefährlichen Eigenleben versieht. Da beenden dann keine Menschen mehr ihre Liebschaften, sondern verdutzte Datensätze empfangen (oder schicken) eine SMS oder vom Internet vorwärtsgepeitschte Newszyklen okkupieren unsere Aufmerksamkeit.
Da Herbolds Menschenbild das des willenlosen und einer bösartigen Maschinenwelt ausgelieferten Kommunikationsjunkies ist, muß dieser vor der Welt der Unterordner, Mobiltelefone, E-Mail-Programme und Blogs geschützt und gegebenenfalls einer Art Entziehungskur unterzogen werden. Herbold vernachlässigt das, was sie in ihrem gelungensten Kapitel über die Gefahren der allzu frühzeitigen Computerisierung der Kinderzimmer und Schulen emphatisch einfordert: Den menschlichen Intellekt, die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Unterscheidens und Entscheidens.
Statt Chancen und Risiken aufzuführen und einen sinnvollen und fruchtbaren Umgang mit Suchmaschinen, Speicherprogrammen und Blackberrys (die temporären Orden der Manager) herauszuarbeiten, statt das Goldene Kalb des digitalen Arbeitsmarkts (so sieht Herbold "Kommunikation" in Unternehmen inzwischen degeneriert) zu domestizieren, ergötzt sie sich in ihren Zukunftsaussichten in lächerlichen Geisterbeschwörungen über eine Gesellschaft, deren Mitglieder RFID-Chips implantiert werden, um ständig über die aktuellen Gesundheitswerte auf dem laufenden sein zu können, das komplett durchprogrammierte Bett im Altenheim oder Dinge, die plötzlich Ohren bekommen.
Man spürt gelegentlich die Neil-Postman-Attitüde, die natürlich nur Abklatsch ist. Konsequente Verweigerungshaltungen sind selten fruchtbar. Boykotte scheitern fast immer an den zu guten Vorsätzen. Es müßte längst Konsens sein, dass Veränderungen nicht ausserhalb von Systemen geschehen sollen, sondern in ihnen. Das Entnetzen vom Internet (natürlich inklusive Verweigerung des Mobiltelefons) bleibt schwach, wenn es sich nur um Re-Aktionen, also um reine Affekte handelt, die dann noch mit großem Brimborium als "Ausstieg" heroisiert werden. So ersetzt man den Eskapismus, den man attackiert, durch eine andere Weltflucht. Die wahren Aufklärer sind selten Radikal-Verweigerer und dürfen nicht mit Revolutionären verwechselt werden. Letztere ändern Zustände nur, um sich selbst in ihnen erhöht wiederzufinden.
Trotz gelegentlich bildungsbürgerlicher Paraphrasen (das Salbeiblatt in der Nudelsoße erinnert mich…an einen Urlaub im Schwarzwald oder Ich tippe also bin ich noch) ist der Titel (wohl eher unfreiwillig) die Kurzbeschreibung für dieses Buch: Es ist nur ein großes Rauschen. Nein, nicht mal ein großes.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
Gregor Keuschnig - 2009-05-10 10:40


Wenn der Verfasser, ...