mikerol - 2009-05-05 03:22

wenn das spionieren die leute zum lesen bringt

dann ist das doch nicht so schlimm! es macht den schriftsteller
interessant! ich selbst hab kempowki's schoene "haben sie hitler gesehen" in den 70ziger jahren ins amerikanische uebersetzt, ein buch wodurch man mehr ueber hitler deutschland erfaehrt [ich jedenfalls] als hunderete von studien und statistik sammlungen, also wie umnachtet waehlerschafe im allgemeinen sind. sonst einiges gelesen.

bei dieser angelegenheit faellt mir enzensberger's schoene satz ein dass "das eigentliche staatsgeheimnis daraus besteht dass es kein staatgeheimnis gibt;" dadurch bewiesen dass die soviets den kempowki wegen angeblichen sendens von einer liste von ost see frachtereien verhafteten und verurteilten: also das oeffentlichste muss verheimlicht werden um wertvoll zu werden. auf dieser art entstehen dann ineinanderverzweigte paranoias, paranoiden, und ein ganzes system von spionen, die sich wichtig vorkommen. leute werden erschossen, verhaftet, usw. kempowki scheint in einem p.x. in wiesbaden gearbeitet zu haben, enzensberger woanders und hat schnellsten english gelernt. wenn bautzen den k. zu einem grossen sammler und guten schrifsteller machten, dann war das vieleicht der pein wert; ich nehme an er waer es sowieso geworden.

der andere kommentar hierzu, also der vor dem meinigem, hat mir auch sehr gefallen.

http://humanities.byu.edu/germslav/faculty/afkeele/keele_bib.php

ist die bibliographi des professor alan keele's der sich wahrlich
mit kempowski und anderem deutschen zeug abgerackert hat.
und zwar aus der sicht der Latterday Saints.

MMarheinecke - 2009-05-05 07:52

Enzensberger hat recht

"Das eigentliche Staatsgeheimnis besteht daraus, dass es kein Staatsgeheimnis gibt". Nicht von ungefähr war einer der wichtigsten Zweige (manche sagen: der Wichtigste Zweig) der britischen Nachrichtendienste im 2. Weltkrieg die "public intelligence" - also die Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen. Auch z. B. der BND stützt sich überwiegend auf "offene Quellen".

Vor diesem Hintergrund relativiert sich die Bedeutung von Kempowskis Spionage. Ohne die paranoide Grundstimmung des kalten Krieges, ohne den für autoritäre Staaten typische Kontrollwut, ohne die angebliche allgegenwärtige "Agententätigkeit" als propagandistische "Sündenbock" für wirtschaftliche Misserfolge, und vor allem ohne das für den Stalinismus charakteristische System des permanenten Misstrauens ist das harte Urteil gegen Kempowski nicht erklärbar.

Schade nur, dass der zeitgeschichtliche Hintergrund über die "skandalöse" Enthüllung ins Hintertreffen gerät. Fast habe ich den Eindruck, dass viele "Enthüller" sich als "staatstragend" empfinden, und daher so etwas subversives wie "Spionage" grundsätzlich nicht mögen. Vor allem scheinen meiner Ansicht nach viele mit Kempowkis politischem Standpunkt nichts anfangen können. Kempowskl selbst sagte einmal: "Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein."
Gregor Keuschnig - 2009-05-05 08:24

Die Situation war 1947/48 eine ausserordentlich Schwierige; eine Situation, die jemand der 1965 geboren ist (wie Reents) nie erlebt hat. Das ist natürlich nicht schlimm. Aber wenn man darüber schreibt und diesen (pseudo-)investigativen Anspruch formuliert ohne ein Einfühlungsvermögen für dei damalige Lage zu entwickeln, dann sollte man besser mit Murmeln spielen oder über rote Teppiche schreiben.

Kempowski hat selber einmal sinngemäss gesagt, dass Bautzen ihn zum Schreiben gebracht habe; in diesem Sinne hat sich diese acht verlorenen Jahre "schön geredet".

Es ist tatsächlich so, dass Kempowski nie die Anerkennung in der "Szene" erfahren hat, die er gesucht und vor allem verdient gehabt hätte. Das zeigt sich alleine an dem m. E. nicht unerheblichen Skandal, dass dieser Mann nicht einmal den Büchner-Preis bekommen hat. Das hat dann (leider) auch mit der mangelnden Empathie für seinen politischen Standpunkt zu tun.

Willi Winkler schrieb gestern in der Süddeutschen Zeitung: "Acht Jahre saß er in Bautzen, ehe er in die Freiheit und die Bundesrepublik entlassen wurde. In der Haft hatte er sich eine glänzende Rehabilitierung erträumt. In Wiesbaden würde er bei den Amerikanern eine Pressekonferenz geben, nein, besser gleich in New York, am allerbesten vor der Vollversammlung eine Rede: 'Behutsam und leise ein einzelnes Wort fallen lassen von äußerstem Gewicht, dann noch ein Wort, größer und größer werden, höher hinauf!' Doch die Amerikaner rehabilitierten nicht ihn, sondern - mit Verzögerung - seine Leser."

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