Die Frage, die mir nach dem Lesen bis hierhin kommt, ist: Sind Antworten auf dem Level überhaupt noch möglich? Und sind sie nötig? Wenn man auf solchen Höhen von Meta-Akrobatistik sich bewegt? Wie oft ist Philosophie Selbstzweck, da sie auch ein schöner, mitreißender Rausch sein kann!
Ich habe schwerlich geglaubt - und es bisher nicht erlebt -, dass Sloterdijk auch ermüden kann. Es klingt vielleicht blöd, aber ich habe an ihn als Leser anscheinend ganz andere Bedürfnisse. Warum sollte er sich um so was wie Konsistenz und Praktikabilität seiner zugleich ausufernden wie doch auch stringenten Denk-(=Labyrinth-)fäden noch kümmern? Man kann manchmal den Eindruck haben, er nähert sich selber mehr und mehr der Rätselhaftigkeit in einem Zustand der Sprache, da das Denken darin aufgelöst scheint und zugleich ebenso multiperspektisch wie resonierend logik-verstrebt wie auch schon fast seherisch, in einer Art über-reflektiertem Raunen, das einem auch mal nahe an einem Umschlag in Hölderlin’scher Umnachtung vorkommen kann. Aber war der je umnachtet? Jedenfalls hört er so nicht auf, etwas zu sagen. Ich weiß, man darf es eigentlich nicht zugeben, aber im Entschlüpfen des Fadens meine ich dann manchmal etwas Weiterführendes zu finden als nur die erwartbare, altgewohnte Logik des Gedankens, der es sich selber als geschlossener zu beglaubigen schafft.
Heidegger mit Nietzsche kurzzuschließen – das scheint mir aufregend genug. Was aber kann da schon praktikable Konsequenz sein? Selbst Botho Strauß, der mir vergleichsweisen Positionen mal vergleichsweise nahe gewesen zu sein schien, kann dann doch nur mehr „weitermachen“ oder sich auf die Suche nach dem Partikularen begeben. Vor dem Verdacht eines bloßen Selbstlaufs des Akrobatiken ist man da eh nicht gefeit. Insofern führt er auch immer etwas vor, macht uns etwas vor, und in diesen Verblendungszusammenhängen des Sehers, des großen „Durchblickers“ – so schien es mir jedenfalls bisher – sieht sich Sloterdijk auch.
(Eine Freundin studiert neuerdings bei ihm in Karlsruhe und hat der Buchvorstellung vor den Studenten beigewohnt – sie ist normalerweise sehr klug, aber sie bekennt, dass sie „nichts“ verstanden hat.)
Obwohl ich weit davon entfernt bin, solcherart Askesen für mich adaptierbar zu machen, leuchtet mir vieles doch ein (auch wenn ich es teils kurzschließen muss, Zwischenschritte mal auslasse). Die Vertikalspannungen, die dann – doch auch Bourdieu’schen - Distinktionsgewinne der Religion nicht leichtfertig aufzugeben, sind dann vielleicht eine Anstrengung an sich wert. Und die zu findenden Übungssysteme müssen dann vielleicht zwangsläufig zum Teil die auf den alten Systemen aufbauenden sein. Wie sich davon lösen? Dann aber wieder allein das Beharren auf Weltverbesserung – und dass jeder mitmachen kann! Wo hörte man heute denn schon mal solche Ermutigung?
Es ist vielleicht wie mit Jesus selbst: Man muss gar nicht kapieren, was er wollte, die Zumutung ist schon, dass es solche komischen Heiligen gibt. Da lauern dann immerhin doch noch, nach allen Erschöpfungen, Optionen, sich „ein Beispiel“ zu nehmen, von denen man längst selber ahnt, dass es keinerlei getreues mehr sein kann, und dass die persönlichen Errungenschaften damit in einem Unbekannten liegen müssen.
Was mir auch noch auffällt, ist, wie auf einmal die größeren Narrative, die ja (mindestens seit Lyotard) für erschöpft gegolten haben wieder möglich sein sollen (die “kategorische“ Geschichte des eigenen Werdegangs – ein Gleichnis?). Vielleicht ist das forcierte weiter Erzählen - in „dürftiger“ Zeit, die doch längst mit Billionen jonglieret (= Akrobatik) – selber schon das Fortschreiten. Im Antwortgeben scheint, wenn es so viele Antworten stets schon gibt, immer auch schon die voreilige Verneinung zu liegen. Und da brauchte es dann vielleicht erst mal solche Öffner wie Sloterdijk, denen man nicht einmal nicht in allem folgen können muss. Die Verwirrung reichte fast schon für neue Positionierungen. Das Beharren auf eindeutige Koordinaten wäre das zweifelhaft Gewordene. („GPS“)
Dass er für Simplizität plädiert ist dann natürlich eine wirkliche Volte – ist es vielleicht ein Witz? Immerhin ist Sloterdijk ein genug barocker Typ, dass er sich auch solche Widersinnigkeiten durchgehen lässt. (Und er wird auch wissen, wann er sich vergaloppiert – wollen wir ihn wirklich bremsen? Für mich sind seine Bücher oft genug einfach nur öffnende „Trips“.)
Das Schlimme – oder das Gute? – ist dann nur, dass mir klar wird, dass man außer solchen Büchern, die einen lange besetzt halten aber vielleicht um so mehr durchdringen (und der einen oder anderen guten Literatur natürlich noch) eigentlich nichts mehr lesen braucht. Auch eine Art von Erleichterung – und eine Form von Askese.
Es kann ja sein, daß die Ermüdung mein Fehler, mein Unverständnis, meine Ungeduld ist. Wobei ich gerade merke, dass Ermüdung vielleicht das falsche Wort war. Ermüdend wie bspw. Jonas' Prinzip Verantwortung (aus dem man mindestens fünf Sechstel hätte streichen können) war die Lektüre nicht. Ich hatte merkwürdigerweise während der Lektüre daran gedacht, obwohl es außer diese Stelle gegen Ende kaum einen direkten Anknüpfungspunkt von Sloterdijk mit Jonas gibt. Vielleicht hätte ich besser "Übersättigt" schreiben sollen.
Das Wohltuende an diesem Buch ist dann tatsächlich, dass da jemand noch etwas versucht und sich nicht dem lockenden Zeitgeist-Zynismus andient. Dass, was Sie "Ermutigung" nennen. Nur: Wer will diesen losen Fäden folgen oder, besser: wer vermag ihnen zu folgen (auch nicht Ihre Bekannte)? Das Wollen wäre doch da.
Natürlich ist Sloterdijk kein Entweder-Oder-Philosoph (er nennt das - glaube ich - an einer Stelle "archaisch"). Und dieses Buch ist wie geschaffen, sich einem Rausch hinzugeben, wenn man seine vielleicht etwas kruden Erwartungen sozusagen auf halber Strecke vergisst, oder, besser, sich von ihnen befreit. Aber erzählt man mir nicht schon in anderen Erzählungen so oft vom "Selbstzweck"? Das ist, was ich tautologisch nenne: Wenn das Üben zum Selbstzweck wird. (Ich gestehe: Ich bin kein Freund dieses halbgaren Ansporns.)
Ich glaube, dass Sloterdijk letztlich nicht weit genug geht (im fast wörtlichen Sinn). Die Narben der Fehl- und hämischen Missinterpretationen zu "Regeln für den Menschenpark" sitzen noch tief (es gibt zwei Stellen, in denen es so etwas wie Erläuterungen gibt). Daher diese teilweise über-metaphorierende Sprache. Er sagt "Vertikalspannungen" und meint so etwas wie Machtkampf. Er redet von "Askese" und meint vielleicht Opfer. Er spricht von "Übung" und meint (auch) das Experiment (das gesellschaftliche, das naturwissenschaftliche, das soziologische). Er spricht von "Trägheiten" im "Identitäten-Park" - statt von Saturiertheit und - tja, das sind halt solche Assoziationen - dem kollektiven Freizeitpark. (In Wahrheit ist Sloterdijk von diesem Duktus natürlich meilenweit entfernt.)
Der entscheidende Unterschied zu Heidegger ist seine Ermutigung (siehe oben); Sloterdijk verachtet die Masse nicht. Er konzidiert jedem den "Akrobatenstatus" zu; wenn er ihn aber (aus irgendeinem Grund) nicht will, soll er den anderen weichen. Sein Programm ist nicht egalitär, sondern "diszipliniert" (aber nicht diktatorisch). Aber Sloterdijk ist kein Mann der Moderne, die er für dauerhaft nicht wetterfest genug hält.
Was Sloterdijk betrifft bin ich völlig "blank". Aber dazu Aber Sloterdijk ist kein Mann der Moderne, die er für dauerhaft nicht wetterfest genug hält. würden mich ein paar Details interessieren: Inwiefern ist er kein Mann der Moderne bzw. welche Alternativen schlägt er vor?
Die Moderne ist, so Sloterdijk, in eine für das Individuum willkommene Passivität (bspw. Sich-Informieren-Lassen, Sich-Unterhalten-Lassen, Sich-Bedienen-Lassen…). Er plädiert mit seiner Übungslehre in diesem Sinne für eine neue "Aktivität" (freilich nicht das, was man dafür "gekauft" bekommt). In diesem Sinne will auf der Moderne aufbauend diese weiterentwickeln und einmal fällt das Wort "Neo-Antike" (wobei dies nicht als historisch-politische Regression zu verstehen ist). Die Moderne ist dabei Voraussetzung dessen, was er treiben will. Aber – er will darüber hinaus (insofern ist meine Bemerkung ungenau), weil er diese als "saturiert" sieht (das ist meine Formulierung). Hierzu gibt es zahlreiche Anspielungen, etwa wenn er von der Moderne als starke[m] Ersatzprogramm für die ethische Sezession spricht und dann en passant noch folgen lässt: Ihre Voraussetzung ist die Demonstration, dass man […] auch mit anderen Mitteln siegen kann als denen, die von den Übungshelden älterer Zeiten in die Schlacht geführt wurden oder an anderer Stelle der bissige Terminus der Vereinigten Staaten der Gewöhnlichkeit.
An anderer Stelle steht konkreter: Die Entwicklung des westlichen Zivilisationskomplexes nach 1945 scheint den Gemäßigten nahezu uneingeschränkt recht zu geben. Sie brachte die Sättigung der Umwelt mit leicht zugänglichen Weltverbesserungsmitteln für die meisten. Deren Verbreitung erfolgte teils über frei Märkte, teils durch Leistungen des Umverteilungsstaats und des überbordenden Versicherungswesens – den beiden unpolitischen Operationalisierungen der Solidaritätsidee, die für die praktische Implantation linker Motive mehr bewirken, als eine politische Ideologie je vermocht hätte. 1968 bezeichnet er als erweiterte Romantik, die sich historische Figuren wie Lenin, Stalin, Mao, Brecht und Wilhelm Reich als Ready-mades aneignete […] Unter der antirevolutionären Grundstimmung, die sich auf diskursiver Ebene als Antitotalitarismus bzw. Antifaschismus artikulierte, verbarg sich die Rückkehr zu den progressiven Traditionen des Barock und der Aufklärung, deren pragmatischer Kern in der relativ steigenden und rational überwachten Erweiterung menschlicher Optionsräume besteht.
Am Ende entwirft er ein bisschen nebulös eine Art Zeiten-Lehre; spricht von Eisernem Zeitalter und zweitem Silbernen Zeitalter (seit 1945), was er dann (sogar) verteidigt. Fast emphatisch stellt er sich dagegen, dass unzählige Bewohner des Zweiten Silbernen Zeitalters, das sich selbst nicht begreift, zur üblen Nachrede über den neuen Zustand greifen. Was man die Postmoderne nennt, ist in weiten Teilen nichts anderes als die mediale Ausschlachtung des Unbehagens am Zweitbesten – mit all den Risiken, die Luxuspessimisten anhaften. Die Schicksalsfrage heißt: ob es gelingt, die Standards des episodisch aufgetauchten Silbernen Zeitalters zu stabilisieren oder ob der Rückfall in ein Eisernes Zeitalter vor der Tür steht, von dessen Aktualität alte und neue Realisten überzeugt sind – nicht zuletzt unter Hinweis auf die Tatsache, dass mehr als zwei Drittel der Menschheit es nie verlassen haben. Ein solcher Rückfall wäre kein Schicksal, sondern eine Folge mutwilliger Reaktionen gegen die Paradoxien des Daseins im Suboptimalen.
Deutlich wird für mich hier: 1. Sloterdijk will keine radikale Kulturkritik der Moderne (obwohl er dann doch nicht widerstehen kann) und 2. er verteidigt das Erreichte, auch wenn es nur "suboptimal" sein sollte – um darauf eben aufzubauen. Das hat durchaus Pathos und ergeht sich nicht in "postmodernem" Lamento.
Die Moderne ist, so Sloterdijk, in eine für das Individuum willkommene Passivität (bspw. Sich-Informieren-Lassen, Sich-Unterhalten-Lassen, Sich-Bedienen-Lassen…).
Ich erlebe das anders; sehr oft habe ich eher den Eindruck, dass ich in diese Passivität gedrängt werde, dass eine Unzahl von Dingen bewältigt werden muss, und das eigentlich Wesentlich auf der Strecke bleibt. In diesem Sinn interpretiere ich sein Plädoyer (bzw. das was von Deiner Rezension hängen blieb) für Übung und Askese, als einen Aufbruch zu dem was Wesentlich ist, und zugleich als ein Abstreifen von all den Dingen die auf uns einströmen.
Wenn von "der" Moderne oder "dem" Individuum gesprochen wird so ist das als (vorläufige) "Zwischenbilanz" zu sehen. Es gibt m. E. keinen Zweifel an der Diagnose, dass wir in eine Passivität abgedrängt werden. Würde ich jetzt verschwörungstheoretisch argumentieren wollen, so kann dies an der fast durchweg negativen Konnotation dessen, was man Internetkultur nennen könnte (um den abgelutschten Begriff 'Web 2.0' zu bringen) schön sehen: In dem die Übungen der Blog-"Akrobaten" per se als Dilettantismus denunziert werden (von denen, die hierdurch einen Bedeutungsverlust für ihre eigenen Aktivitäten befürchten), entstünde der willkommene Nebeneffekt der Re-Passivierung der entsprechenden "Störenfriede".
Zum Aufbruch gehört dabei ganz wesentlich die Weiterentwicklung der Moderne - so habe ich das herausgelesen.
So habe ich es bisher nicht verstanden (aber das Buch auch nicht gelesen), und dachte zunächst eher an eine bloße Lebensänderung (quasi ohne Hintergedanken), die man fühlt, aber sich nicht (zu)traut. Das heißt Sloterdijk meint mit "du musst dein Leben ändern", "du musst dein modernes Leben (d.h. Leben in der Moderne) ändern".
Da hat offensichtlich mein Text vollkommen versagt: Sloterdijk ist ja kein Lebenshilfe-Philosoph. Er ist allerdings genauso wenig ein "Drill-Sergeant", der ein fertiges Konzept mit klaren Anweisungen vorgibt. Und welches Leben soll man sonst ändern, als das, was man gerade führt?
Sloterdijks Appell an den sich in eine "weltliche Klausur" begebenden "Übenden" kann man als Chiffre für den Ausgang des (naturgemäss modernen) Menschen aus seiner selbstverschuldeten Trägheit verstehen.
Dieser Gedanke entwickelt zunächst durchaus seinen Reiz. Die Problem, die ich dann bekomme, sind andere: Inwieweit ist dies zu wenig?
Ich halte die Frage nach dem Leben (und damit nach dem Sinn) für eine fundamentale und bedeutende, womit man sich aber oft etwas wie Abfälligkeit einhandelt (ich deute das als Abwehrhaltung, da diese Frage eine ist, die einen zur Verzweiflung bringen kann). Dass sich die Philosophie ihrer annimmt verwundert kaum, ja man könnt vielleicht sogar sagen, dass ihr alle Philosophie entspringt. Dass man dann zu Antworten kommt, die - wenn sie eine Art Rechtfertigung für die eigene Lebensführung sein sollen - auch einen gewissen Allgemeinheitsanspruch tragen, liegt in der Natur der Sache. Einen unfreiwillig komischen Beigeschmack erhalten die Antworten, wenn sie zu Regeln oder Anleitungen "verkommen", aber auch das ist in gewisser Hinsicht durch den (bedingten) Allgemeinheitsanspruch der Antwort schon mit vorgeschrieben. Sein Leben nach Anleitung eines anderen leben zu wollen bzw. anderen zu sagen wie sie leben sollen, weil man das besser weiß, das macht die Lebenshilfe verdächtig (von Kitsch etc. mal abgesehen). Sich der Frage zu stellen, sich mit Gedanken von anderen beschäftigen, aber selbst entscheiden - daran kann ich nichts schlechtes sehen, und auch nicht wenn man in diesem Sinne Bücher schreibt.
Mir war schon klar, dass Sloterdijk kein Lebenshilfephilosoph im oben genannten, schlechten Sinn ist. Aber explizite Moderneüberwindung bzw. -weiterentwicklung habe ich weder aus Deiner Besprechung noch aus der von Goedart Palm (wobei ich zugeben muss, dass mir beide noch "im Magen liegen") herausgelesen. Das hat vermutlich viele Ursachen: Ich habe bislang nichts von oder über Sloterdijk gelesen; ich kenne das besprochene Buch nicht; und wenn Sloterdijk keine echte Kulturkritik der Moderne geschrieben hat, dann bleibt seine Kritik mehr implizit, und ist dadurch weniger offensichtlich; und nicht zuletzt: auch ich als Leser interpretiere Deine Besprechung, und meine kann sich von Deiner Leseart durchaus unterscheiden. Du solltest das nicht vorschnell Deinem Text anlasten.
Wie auch immer: Dein - nach Sloterdijk formuliertes Fazit - kann ich aus eigenem Erleben nur unterschreiben (wobei daraus dann auch wieder Probleme entstehen, aber dazu hoffentlich in einiger Zeit an anderem Ort).
Den Bezugspunkt Deines zu wenig bekomme ich gerade nicht in den Blick.
Ja, Sloterdijks Kritik ist tatsächlich implizit - und in doppelter Hinsicht erweiternd, was ich einerseits versuchte durch das Bild der Bergtour anzudeuten, was wiederum auf Sloterdijks Begriff des "Basislager-Problems" rekurrierte und sich andererseits nicht in einer Nörgelei über die Moderne erschöpft.
"Zu wenig" ist es mir deshalb, weil ich mich auf halber Strecke alleingelassen fühle. Wie die säkulare Klausur (die m. E. schwer genug ist weil klassische "Bezugsreferenzen" fehlen) nachher zurück auf der "Bühne" fruchtbar gemacht werden kann (und soll), leuchtet mir nicht ein.
Notwendig wäre bei dem was Sloterdijk "Neo-Antike" nennt (und ich als Weiterentwicklung der Moderne verstehe) eine Art von Paradigmenwechsel der gesellschaftlichen (Werte)Prioritäten. Das wird elegant umschifft, weil es dann doch so etwas wie Anleitungen bedarf. Sloterdijk ist dem Begriff der "Regeln" nicht abgeneigt (s. seinen umstrittenen Essay "Regeln für den Menschenpark") - er scheut offenbar nur, diese auszuformulieren. Anderen wiederum (wie beispielsweise Palm) geht bereits dieses "Angebot" zu weit - sie haben sich vermutlich inzwischen ganz gut im Basislager eingerichtet.
Ich habe mir mal Zeit genommen die "Regeln für den Menschenpark" zu lesen. Es ist genauso wie von Dir festgestellt, und obwohl das Ganze höchst spannend und interessant ist, am Ende stehe ich enttäuscht da, weil ich auch wissen will, was das etwas konkreter und praktisch bedeuten kann. Das mag nicht Sloterdijks Intention gewesen sein, und ist natürlich geeignet, wenn man Auseinandersetzungen und Debatten anstoßen will.
HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.
Adepten-Räsonnement
Ich habe schwerlich geglaubt - und es bisher nicht erlebt -, dass Sloterdijk auch ermüden kann. Es klingt vielleicht blöd, aber ich habe an ihn als Leser anscheinend ganz andere Bedürfnisse. Warum sollte er sich um so was wie Konsistenz und Praktikabilität seiner zugleich ausufernden wie doch auch stringenten Denk-(=Labyrinth-)fäden noch kümmern? Man kann manchmal den Eindruck haben, er nähert sich selber mehr und mehr der Rätselhaftigkeit in einem Zustand der Sprache, da das Denken darin aufgelöst scheint und zugleich ebenso multiperspektisch wie resonierend logik-verstrebt wie auch schon fast seherisch, in einer Art über-reflektiertem Raunen, das einem auch mal nahe an einem Umschlag in Hölderlin’scher Umnachtung vorkommen kann. Aber war der je umnachtet? Jedenfalls hört er so nicht auf, etwas zu sagen. Ich weiß, man darf es eigentlich nicht zugeben, aber im Entschlüpfen des Fadens meine ich dann manchmal etwas Weiterführendes zu finden als nur die erwartbare, altgewohnte Logik des Gedankens, der es sich selber als geschlossener zu beglaubigen schafft.
Heidegger mit Nietzsche kurzzuschließen – das scheint mir aufregend genug. Was aber kann da schon praktikable Konsequenz sein? Selbst Botho Strauß, der mir vergleichsweisen Positionen mal vergleichsweise nahe gewesen zu sein schien, kann dann doch nur mehr „weitermachen“ oder sich auf die Suche nach dem Partikularen begeben. Vor dem Verdacht eines bloßen Selbstlaufs des Akrobatiken ist man da eh nicht gefeit. Insofern führt er auch immer etwas vor, macht uns etwas vor, und in diesen Verblendungszusammenhängen des Sehers, des großen „Durchblickers“ – so schien es mir jedenfalls bisher – sieht sich Sloterdijk auch.
(Eine Freundin studiert neuerdings bei ihm in Karlsruhe und hat der Buchvorstellung vor den Studenten beigewohnt – sie ist normalerweise sehr klug, aber sie bekennt, dass sie „nichts“ verstanden hat.)
Obwohl ich weit davon entfernt bin, solcherart Askesen für mich adaptierbar zu machen, leuchtet mir vieles doch ein (auch wenn ich es teils kurzschließen muss, Zwischenschritte mal auslasse). Die Vertikalspannungen, die dann – doch auch Bourdieu’schen - Distinktionsgewinne der Religion nicht leichtfertig aufzugeben, sind dann vielleicht eine Anstrengung an sich wert. Und die zu findenden Übungssysteme müssen dann vielleicht zwangsläufig zum Teil die auf den alten Systemen aufbauenden sein. Wie sich davon lösen? Dann aber wieder allein das Beharren auf Weltverbesserung – und dass jeder mitmachen kann! Wo hörte man heute denn schon mal solche Ermutigung?
Es ist vielleicht wie mit Jesus selbst: Man muss gar nicht kapieren, was er wollte, die Zumutung ist schon, dass es solche komischen Heiligen gibt. Da lauern dann immerhin doch noch, nach allen Erschöpfungen, Optionen, sich „ein Beispiel“ zu nehmen, von denen man längst selber ahnt, dass es keinerlei getreues mehr sein kann, und dass die persönlichen Errungenschaften damit in einem Unbekannten liegen müssen.
Was mir auch noch auffällt, ist, wie auf einmal die größeren Narrative, die ja (mindestens seit Lyotard) für erschöpft gegolten haben wieder möglich sein sollen (die “kategorische“ Geschichte des eigenen Werdegangs – ein Gleichnis?). Vielleicht ist das forcierte weiter Erzählen - in „dürftiger“ Zeit, die doch längst mit Billionen jonglieret (= Akrobatik) – selber schon das Fortschreiten. Im Antwortgeben scheint, wenn es so viele Antworten stets schon gibt, immer auch schon die voreilige Verneinung zu liegen. Und da brauchte es dann vielleicht erst mal solche Öffner wie Sloterdijk, denen man nicht einmal nicht in allem folgen können muss. Die Verwirrung reichte fast schon für neue Positionierungen. Das Beharren auf eindeutige Koordinaten wäre das zweifelhaft Gewordene. („GPS“)
Dass er für Simplizität plädiert ist dann natürlich eine wirkliche Volte – ist es vielleicht ein Witz? Immerhin ist Sloterdijk ein genug barocker Typ, dass er sich auch solche Widersinnigkeiten durchgehen lässt. (Und er wird auch wissen, wann er sich vergaloppiert – wollen wir ihn wirklich bremsen? Für mich sind seine Bücher oft genug einfach nur öffnende „Trips“.)
Das Schlimme – oder das Gute? – ist dann nur, dass mir klar wird, dass man außer solchen Büchern, die einen lange besetzt halten aber vielleicht um so mehr durchdringen (und der einen oder anderen guten Literatur natürlich noch) eigentlich nichts mehr lesen braucht. Auch eine Art von Erleichterung – und eine Form von Askese.
Das Wohltuende an diesem Buch ist dann tatsächlich, dass da jemand noch etwas versucht und sich nicht dem lockenden Zeitgeist-Zynismus andient. Dass, was Sie "Ermutigung" nennen. Nur: Wer will diesen losen Fäden folgen oder, besser: wer vermag ihnen zu folgen (auch nicht Ihre Bekannte)? Das Wollen wäre doch da.
Natürlich ist Sloterdijk kein Entweder-Oder-Philosoph (er nennt das - glaube ich - an einer Stelle "archaisch"). Und dieses Buch ist wie geschaffen, sich einem Rausch hinzugeben, wenn man seine vielleicht etwas kruden Erwartungen sozusagen auf halber Strecke vergisst, oder, besser, sich von ihnen befreit. Aber erzählt man mir nicht schon in anderen Erzählungen so oft vom "Selbstzweck"? Das ist, was ich tautologisch nenne: Wenn das Üben zum Selbstzweck wird. (Ich gestehe: Ich bin kein Freund dieses halbgaren Ansporns.)
Ich glaube, dass Sloterdijk letztlich nicht weit genug geht (im fast wörtlichen Sinn). Die Narben der Fehl- und hämischen Missinterpretationen zu "Regeln für den Menschenpark" sitzen noch tief (es gibt zwei Stellen, in denen es so etwas wie Erläuterungen gibt). Daher diese teilweise über-metaphorierende Sprache. Er sagt "Vertikalspannungen" und meint so etwas wie Machtkampf. Er redet von "Askese" und meint vielleicht Opfer. Er spricht von "Übung" und meint (auch) das Experiment (das gesellschaftliche, das naturwissenschaftliche, das soziologische). Er spricht von "Trägheiten" im "Identitäten-Park" - statt von Saturiertheit und - tja, das sind halt solche Assoziationen - dem kollektiven Freizeitpark. (In Wahrheit ist Sloterdijk von diesem Duktus natürlich meilenweit entfernt.)
Der entscheidende Unterschied zu Heidegger ist seine Ermutigung (siehe oben); Sloterdijk verachtet die Masse nicht. Er konzidiert jedem den "Akrobatenstatus" zu; wenn er ihn aber (aus irgendeinem Grund) nicht will, soll er den anderen weichen. Sein Programm ist nicht egalitär, sondern "diszipliniert" (aber nicht diktatorisch). Aber Sloterdijk ist kein Mann der Moderne, die er für dauerhaft nicht wetterfest genug hält.
@Metepsilonema
An anderer Stelle steht konkreter: Die Entwicklung des westlichen Zivilisationskomplexes nach 1945 scheint den Gemäßigten nahezu uneingeschränkt recht zu geben. Sie brachte die Sättigung der Umwelt mit leicht zugänglichen Weltverbesserungsmitteln für die meisten. Deren Verbreitung erfolgte teils über frei Märkte, teils durch Leistungen des Umverteilungsstaats und des überbordenden Versicherungswesens – den beiden unpolitischen Operationalisierungen der Solidaritätsidee, die für die praktische Implantation linker Motive mehr bewirken, als eine politische Ideologie je vermocht hätte. 1968 bezeichnet er als erweiterte Romantik, die sich historische Figuren wie Lenin, Stalin, Mao, Brecht und Wilhelm Reich als Ready-mades aneignete […] Unter der antirevolutionären Grundstimmung, die sich auf diskursiver Ebene als Antitotalitarismus bzw. Antifaschismus artikulierte, verbarg sich die Rückkehr zu den progressiven Traditionen des Barock und der Aufklärung, deren pragmatischer Kern in der relativ steigenden und rational überwachten Erweiterung menschlicher Optionsräume besteht.
Am Ende entwirft er ein bisschen nebulös eine Art Zeiten-Lehre; spricht von Eisernem Zeitalter und zweitem Silbernen Zeitalter (seit 1945), was er dann (sogar) verteidigt. Fast emphatisch stellt er sich dagegen, dass unzählige Bewohner des Zweiten Silbernen Zeitalters, das sich selbst nicht begreift, zur üblen Nachrede über den neuen Zustand greifen. Was man die Postmoderne nennt, ist in weiten Teilen nichts anderes als die mediale Ausschlachtung des Unbehagens am Zweitbesten – mit all den Risiken, die Luxuspessimisten anhaften. Die Schicksalsfrage heißt: ob es gelingt, die Standards des episodisch aufgetauchten Silbernen Zeitalters zu stabilisieren oder ob der Rückfall in ein Eisernes Zeitalter vor der Tür steht, von dessen Aktualität alte und neue Realisten überzeugt sind – nicht zuletzt unter Hinweis auf die Tatsache, dass mehr als zwei Drittel der Menschheit es nie verlassen haben. Ein solcher Rückfall wäre kein Schicksal, sondern eine Folge mutwilliger Reaktionen gegen die Paradoxien des Daseins im Suboptimalen.
Deutlich wird für mich hier: 1. Sloterdijk will keine radikale Kulturkritik der Moderne (obwohl er dann doch nicht widerstehen kann) und 2. er verteidigt das Erreichte, auch wenn es nur "suboptimal" sein sollte – um darauf eben aufzubauen. Das hat durchaus Pathos und ergeht sich nicht in "postmodernem" Lamento.
Ich erlebe das anders; sehr oft habe ich eher den Eindruck, dass ich in diese Passivität gedrängt werde, dass eine Unzahl von Dingen bewältigt werden muss, und das eigentlich Wesentlich auf der Strecke bleibt. In diesem Sinn interpretiere ich sein Plädoyer (bzw. das was von Deiner Rezension hängen blieb) für Übung und Askese, als einen Aufbruch zu dem was Wesentlich ist, und zugleich als ein Abstreifen von all den Dingen die auf uns einströmen.
@Metepsilonema
Wenn von "der" Moderne oder "dem" Individuum gesprochen wird so ist das als (vorläufige) "Zwischenbilanz" zu sehen. Es gibt m. E. keinen Zweifel an der Diagnose, dass wir in eine Passivität abgedrängt werden. Würde ich jetzt verschwörungstheoretisch argumentieren wollen, so kann dies an der fast durchweg negativen Konnotation dessen, was man Internetkultur nennen könnte (um den abgelutschten Begriff 'Web 2.0' zu bringen) schön sehen: In dem die Übungen der Blog-"Akrobaten" per se als Dilettantismus denunziert werden (von denen, die hierdurch einen Bedeutungsverlust für ihre eigenen Aktivitäten befürchten), entstünde der willkommene Nebeneffekt der Re-Passivierung der entsprechenden "Störenfriede".
Zum Aufbruch gehört dabei ganz wesentlich die Weiterentwicklung der Moderne - so habe ich das herausgelesen.
Tut mir leid, die lange Unterbrechung...
Der Gegenentwurf...
Sloterdijk entwirft kein neues Gesellschaftspanorama, sondern nimmt jeden für sich in die Pflicht. Nicht wenig, wie mir scheint.
Hmm
@Metepsilonema
Sloterdijks Appell an den sich in eine "weltliche Klausur" begebenden "Übenden" kann man als Chiffre für den Ausgang des (naturgemäss modernen) Menschen aus seiner selbstverschuldeten Trägheit verstehen.
Dieser Gedanke entwickelt zunächst durchaus seinen Reiz. Die Problem, die ich dann bekomme, sind andere: Inwieweit ist dies zu wenig?
@Gregor
Mir war schon klar, dass Sloterdijk kein Lebenshilfephilosoph im oben genannten, schlechten Sinn ist. Aber explizite Moderneüberwindung bzw. -weiterentwicklung habe ich weder aus Deiner Besprechung noch aus der von Goedart Palm (wobei ich zugeben muss, dass mir beide noch "im Magen liegen") herausgelesen. Das hat vermutlich viele Ursachen: Ich habe bislang nichts von oder über Sloterdijk gelesen; ich kenne das besprochene Buch nicht; und wenn Sloterdijk keine echte Kulturkritik der Moderne geschrieben hat, dann bleibt seine Kritik mehr implizit, und ist dadurch weniger offensichtlich; und nicht zuletzt: auch ich als Leser interpretiere Deine Besprechung, und meine kann sich von Deiner Leseart durchaus unterscheiden. Du solltest das nicht vorschnell Deinem Text anlasten.
Wie auch immer: Dein - nach Sloterdijk formuliertes Fazit - kann ich aus eigenem Erleben nur unterschreiben (wobei daraus dann auch wieder Probleme entstehen, aber dazu hoffentlich in einiger Zeit an anderem Ort).
Den Bezugspunkt Deines zu wenig bekomme ich gerade nicht in den Blick.
@Metepsilonema
"Zu wenig" ist es mir deshalb, weil ich mich auf halber Strecke alleingelassen fühle. Wie die säkulare Klausur (die m. E. schwer genug ist weil klassische "Bezugsreferenzen" fehlen) nachher zurück auf der "Bühne" fruchtbar gemacht werden kann (und soll), leuchtet mir nicht ein.
Notwendig wäre bei dem was Sloterdijk "Neo-Antike" nennt (und ich als Weiterentwicklung der Moderne verstehe) eine Art von Paradigmenwechsel der gesellschaftlichen (Werte)Prioritäten. Das wird elegant umschifft, weil es dann doch so etwas wie Anleitungen bedarf. Sloterdijk ist dem Begriff der "Regeln" nicht abgeneigt (s. seinen umstrittenen Essay "Regeln für den Menschenpark") - er scheut offenbar nur, diese auszuformulieren. Anderen wiederum (wie beispielsweise Palm) geht bereits dieses "Angebot" zu weit - sie haben sich vermutlich inzwischen ganz gut im Basislager eingerichtet.