Das Verschwinden der Kritik
Jetzt könne die "Qualitätsdebatte" um das deutsche Fernsehen so richtig los gehen: Aufbruchstimmung im Herbst 2008. Der greise Marcel Reich-Ranicki und eine aufgeregte Pseudoliteraturkritikerin brüllten ihre Frustration ob des so grottenschlechten Fernsehprogramms laut (aber weitgehend unartikuliert) in die Öffentlichkeit. Die Kritik (bzw. das, was sich dafür hält) machte das, was sie am besten kann: Sie stimmte (teilweise oder emphatisch) zu, beklagte dann (leider, leider) unabänderliche Sachzwänge, unterfütterte ihre Resignation mit Behauptungen – und machte nichts, ausser sich noch über das ZDF zu entrüsten, die einer (freien) Mitarbeiterin den Vertrag nicht mehr verlängerte, die vorher gesagt hatte, sich für das Programm (welches sie womöglich kaum kennt, was ihr aber nichts oder wenig ausmacht, da sie auch häufig über Bücher spricht, die sie nicht kennt) zu schämen.
Das war's dann auch schon mit der "Qualitätsdebatte".
Eher im Gegenteil. Aktuell ist bemerkenswert, welchen Schutzschirm man inzwischen über einen Wurmfortsatz des schlechten Geschmacks, dem "Dschungelcamp" spannt. Einer Sendung, in der Möchtegernprominente beweisen wollen, dass sie mehr sind als Möchtegernprominente, weil sie Kakerlaken im Mund aushalten oder lebende Maden essen können.
Die Elogen auf dieses "Format" zeigen sich auch dort, wo man allgemein Langeweile beklagt, weil den Moderatoren ihre so zynischen Sprüche abhanden gekommen sind. Gipfel der Rührung ist jedoch der Artikel von Stefan Niggemeier in der aktuellen Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".
Niggemeier beschäftigt sich weniger mit der Sendung an sich, sondern nimmt kritisch die niveaulose Berichterstattung (insbesondere in "Bild" und der "Welt Online") aufs Korn. Die madenreichsten Prüfungen im australischen Dschungel sind nicht halb so eklig wie diese Texte, die ihre sprachliche Hilflosigkeit und gedankliche Armut durch Drastik wettzumachen versuchen. Zweifellos hat Niggemeier damit Recht, aber andererseits: Was ist anlässlich eines solchen Schmieren- und Ekeltheaters wie des "Dschungelcamps" auch anderes zu erwarten?
Und, viel wichtiger: Wo ist denn die ästhetische und fernsehkritische Behandlung Niggemeiers dieser Sendung gegenüber? Er verschweigt zwar nicht das perfide Spiel, welches in dieser Sendung steckt (und reduziert es auf einerseits menschelnde Kandidaten, andererseits das Verhöhnungspotential), findet aber faszinierende Szenen (mit einem Tiefschlag auf ARD-Moderator Beckmann) und sieht im Schlürfen eines Cocktails mit teilweise lebenden Tieren die Würde des Kandidaten aufblitzen. Das Dschungelcamp appelliere nicht nur an die niederen Instinkte, so Niggemeier, sondern spreche auch das Gehirn intelligenter Menschen an. Sollte das so sein, wäre ich lieber kein intelligenter Mensch.
Was soll man von einer derart affirmativen "Kritik" halten? Eine Kritik, die ihrem Geschmacksurteil jegliche ästhetische Komponente ausgetrieben hat und nur noch auf einer Art Mainstreamstrich zu trippeln scheint. Als "Ersatzreligion" des so abhanden gekommenen Kriterienkatalogs (der ausser das eigene Vergnügen nichts mehr kennt) dient nur noch die moralisch saubere Fernsehsendung. Die wichtigste Vokabel dazu lautet "menschenverachtend". Und so ist auch der Untertitel von Niggemeiers Artikel (in der Printausgabe der FAS) folgerichtig Warum das das RTL-Dschungelcamp nicht annährend so menschenverachtend ist wie die Berichterstattung darüber.
Die gängige Geschmacksfernsehkritik mit moralischem Imperativ kennt nur noch "gut" und "schlecht". "Deutschland sucht den Superstar" ist "schlecht", weil Dieter Bohlen (angeblich) hilflose Teenager beleidigt (jeder Beleg – es gibt deren viele - wird akribisch aufgesammelt). Das "Dschungelcamp" ist "gut", weil es "intelligent" gemacht ist (es bleibt bei dieser Behauptung). "Big Brother" ist – im Moment wohl eher - "schlecht", Stefan Raab gilt immer noch als "gut", Harald Schmidt nicht mehr usw. Man könnte meinen, das Fernsehprogramm bestünde nur noch aus diesem Trash-TV (und den inzwischen berühmt-berüchtigten ARD- oder ZDF-"Wintersportwochenenden") und die Aufgabe der Kritik wäre reduziert auf die Erstellung und Verbreitung moralischer Persilscheine, die dem mündigen Zuschauer den Genuss dann ohne schlechtes Gewissen gestatten.
Es ist fatal, dass sich die Kritik dem Sog der Serienhaftigkeit kaum zu entziehen vermag. Ständig berichten auch durchaus seriöse Medien über einzelne Folgen und markieren diese eigentlich vollkommen unwichtigen Ereignisse zu berichtenswerten Vorgängen. Der von Niggemeier dabei (zu Recht) kritisierte Ton der Berichterstattung ist als Multiplikator für die Sendung und dessen Konzept wenn nicht gewollt so durchaus billigend akzeptiert. Die Kritik, die sich nun seinerseits auf die Berichterstattung bezieht, treibt damit die Spirale der Nichtigkeit nur noch weiter, weil sie Ursache und Wirkung nicht mehr trennt. Diese Verstrickung in den "Diskurs" macht die Kritik nun wiederum zum Multiplikator des "Formats" – und das hierbei handfeste kommerzielle Interessen eine Rolle spielen (und bedient werden), muss eigentlich nicht erwähnt werden.
Wenn Niggemeier vermerkt, die Show habe eine Distanz zu sich selbst, vergisst er, dass gerade diese Distanz als Distanzsimulation ein essentieller Bestandteil des Konzepts ist. Statt dieses in eine Kritik einzubauen (die freilich weit entfernt von einem kulturkritischen Lamento sein müsste), argumentiert man lieber sendungs- bzw. format-immanent und bloggt bei der Eröffnungssendung live mit (unter dem Schirm der F.A.Z.). Nachdem "DSDS" in 2008 den Deutschen Fernsehpreis trotz der teilweise abwertenden (moralischen) Kritik bekommen hat, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit, wann das "Dschungelcamp" ins Drachenblut steigen darf.
Ob es sich um Resignation handelt, wenn man glaubt, mit Qualität den Zuschauer nicht mehr grossartig belästigen zu müssen und Kritik nur im Rahmen dessen zu üben, was man vorfindet? Niggemeiers Artikel ist nur exemplarisch für die schleichende Gemeinmachung des Feuilletons mit einer sich fortlaufend trivialisierenden Alltags- und Kommerzkultur, die am Ende nur noch mit gesinnungsästhetischen Feigenblättern herumfuchtelt, um ihre Existenzberechtigung noch zu erhalten.
Das war's dann auch schon mit der "Qualitätsdebatte".
Eher im Gegenteil. Aktuell ist bemerkenswert, welchen Schutzschirm man inzwischen über einen Wurmfortsatz des schlechten Geschmacks, dem "Dschungelcamp" spannt. Einer Sendung, in der Möchtegernprominente beweisen wollen, dass sie mehr sind als Möchtegernprominente, weil sie Kakerlaken im Mund aushalten oder lebende Maden essen können.
Die Elogen auf dieses "Format" zeigen sich auch dort, wo man allgemein Langeweile beklagt, weil den Moderatoren ihre so zynischen Sprüche abhanden gekommen sind. Gipfel der Rührung ist jedoch der Artikel von Stefan Niggemeier in der aktuellen Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".
Niggemeier beschäftigt sich weniger mit der Sendung an sich, sondern nimmt kritisch die niveaulose Berichterstattung (insbesondere in "Bild" und der "Welt Online") aufs Korn. Die madenreichsten Prüfungen im australischen Dschungel sind nicht halb so eklig wie diese Texte, die ihre sprachliche Hilflosigkeit und gedankliche Armut durch Drastik wettzumachen versuchen. Zweifellos hat Niggemeier damit Recht, aber andererseits: Was ist anlässlich eines solchen Schmieren- und Ekeltheaters wie des "Dschungelcamps" auch anderes zu erwarten?
Und, viel wichtiger: Wo ist denn die ästhetische und fernsehkritische Behandlung Niggemeiers dieser Sendung gegenüber? Er verschweigt zwar nicht das perfide Spiel, welches in dieser Sendung steckt (und reduziert es auf einerseits menschelnde Kandidaten, andererseits das Verhöhnungspotential), findet aber faszinierende Szenen (mit einem Tiefschlag auf ARD-Moderator Beckmann) und sieht im Schlürfen eines Cocktails mit teilweise lebenden Tieren die Würde des Kandidaten aufblitzen. Das Dschungelcamp appelliere nicht nur an die niederen Instinkte, so Niggemeier, sondern spreche auch das Gehirn intelligenter Menschen an. Sollte das so sein, wäre ich lieber kein intelligenter Mensch.
Was soll man von einer derart affirmativen "Kritik" halten? Eine Kritik, die ihrem Geschmacksurteil jegliche ästhetische Komponente ausgetrieben hat und nur noch auf einer Art Mainstreamstrich zu trippeln scheint. Als "Ersatzreligion" des so abhanden gekommenen Kriterienkatalogs (der ausser das eigene Vergnügen nichts mehr kennt) dient nur noch die moralisch saubere Fernsehsendung. Die wichtigste Vokabel dazu lautet "menschenverachtend". Und so ist auch der Untertitel von Niggemeiers Artikel (in der Printausgabe der FAS) folgerichtig Warum das das RTL-Dschungelcamp nicht annährend so menschenverachtend ist wie die Berichterstattung darüber.
Die gängige Geschmacksfernsehkritik mit moralischem Imperativ kennt nur noch "gut" und "schlecht". "Deutschland sucht den Superstar" ist "schlecht", weil Dieter Bohlen (angeblich) hilflose Teenager beleidigt (jeder Beleg – es gibt deren viele - wird akribisch aufgesammelt). Das "Dschungelcamp" ist "gut", weil es "intelligent" gemacht ist (es bleibt bei dieser Behauptung). "Big Brother" ist – im Moment wohl eher - "schlecht", Stefan Raab gilt immer noch als "gut", Harald Schmidt nicht mehr usw. Man könnte meinen, das Fernsehprogramm bestünde nur noch aus diesem Trash-TV (und den inzwischen berühmt-berüchtigten ARD- oder ZDF-"Wintersportwochenenden") und die Aufgabe der Kritik wäre reduziert auf die Erstellung und Verbreitung moralischer Persilscheine, die dem mündigen Zuschauer den Genuss dann ohne schlechtes Gewissen gestatten.
Es ist fatal, dass sich die Kritik dem Sog der Serienhaftigkeit kaum zu entziehen vermag. Ständig berichten auch durchaus seriöse Medien über einzelne Folgen und markieren diese eigentlich vollkommen unwichtigen Ereignisse zu berichtenswerten Vorgängen. Der von Niggemeier dabei (zu Recht) kritisierte Ton der Berichterstattung ist als Multiplikator für die Sendung und dessen Konzept wenn nicht gewollt so durchaus billigend akzeptiert. Die Kritik, die sich nun seinerseits auf die Berichterstattung bezieht, treibt damit die Spirale der Nichtigkeit nur noch weiter, weil sie Ursache und Wirkung nicht mehr trennt. Diese Verstrickung in den "Diskurs" macht die Kritik nun wiederum zum Multiplikator des "Formats" – und das hierbei handfeste kommerzielle Interessen eine Rolle spielen (und bedient werden), muss eigentlich nicht erwähnt werden.
Wenn Niggemeier vermerkt, die Show habe eine Distanz zu sich selbst, vergisst er, dass gerade diese Distanz als Distanzsimulation ein essentieller Bestandteil des Konzepts ist. Statt dieses in eine Kritik einzubauen (die freilich weit entfernt von einem kulturkritischen Lamento sein müsste), argumentiert man lieber sendungs- bzw. format-immanent und bloggt bei der Eröffnungssendung live mit (unter dem Schirm der F.A.Z.). Nachdem "DSDS" in 2008 den Deutschen Fernsehpreis trotz der teilweise abwertenden (moralischen) Kritik bekommen hat, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit, wann das "Dschungelcamp" ins Drachenblut steigen darf.
Ob es sich um Resignation handelt, wenn man glaubt, mit Qualität den Zuschauer nicht mehr grossartig belästigen zu müssen und Kritik nur im Rahmen dessen zu üben, was man vorfindet? Niggemeiers Artikel ist nur exemplarisch für die schleichende Gemeinmachung des Feuilletons mit einer sich fortlaufend trivialisierenden Alltags- und Kommerzkultur, die am Ende nur noch mit gesinnungsästhetischen Feigenblättern herumfuchtelt, um ihre Existenzberechtigung noch zu erhalten.
Gregor Keuschnig - 2009-01-18 17:41

