Also wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, sieht Sloterdijk einen Krieg in Europa durchaus als vernünftiges und notwendiges Mittel, um zu einer höheren Form des Friedens zu kommen?
Gleichzeitig lerne ich aus der verlinkten Literatur, dass der Weltkrieg bis 1962 gedauert hat, weil die Franzosen ja damals noch weiter mit Indochina etc. Krieg geführt haben.
Dass Adenauer, Kohl oder Brandt fehlen würde mich auch stutzig machen. Aber die Darstellung treibt mich eher in die Resignation des Biedermeierschen Bürgers. Lasst die anderen Politik machen. Die ist in Wirklichkeit nicht zu verstehen.
Meiner bescheidenen Meinung nach ist jede Erklärung für die angesprochene Art von Geschehnissen ausschließlich kommerziell bedingt. Da gibt es keine Affirmation und keine Metanoia (habe ich jetzt als neues Wort dazu gelernt), sondern schlicht Habsucht und Raffgier.
Und Neid, wenn ich über die Grenze schaue und es den anderen besser geht. Da benötige ich weder Sartre noch Camus und auch keinen der deutschen Philosophen. Wir als Menschen sind unfähig, dazu zu lernen. Nicht als Einzelner, aber als Menschheit von Generation zu Generation. Erfahrung lässt sich nicht weitergeben. Deswegen werden sich kleine Kinder immer wieder einmal verbrennen und große Kinder werden andere verbrennen.
Aber die Buchbesprechung ist toll!
Dass Sloterdijk den Krieg befürworten soll, ist eine unzulässige Interpretation einiger Rezensenten, die sich aus dem Buch nicht ergibt. Davon steht dort kein Wort. Dto, dass der Krieg für Frankreich bis 1962 gedauert hat (die entsprechende Passage im Original habe ich zitiert).
Brandt fehlt ja in Sloterdijks Liste nicht. Er ist sogar der einzige, der mit Vornamen erwähnt wird. Dass Kohl fehlt, ist einerseits verwunderlich, andererseits jedoch stringent zur These. Man denke an die Versöhnungsinszenierungen, die Kohl mit Mitterrand veranstaltete.
Hinsichtlich der Kommerzialisierungen von Kriegserlebnissen vermag ich Dir nicht zu folgen. Wo soll das bspw. in der nach-napoleonischen Zeit in Deutschland oder Frankreich stattgefunden haben? Oder 1918? Oder meinst Du eine Kommerzialisierung in Bezug auf politische Ränkespiele?
Wenn Erfahrung sich tatsächlich nicht weitergeben lässt (wofür einiges spricht) - welche Folgen hätte das für die "Nachkriegszeit"? Wäre dann die Sloterdijk untergeschobene These (eine Paraphrasierung von Jünger) fast unabwendbar? Will sagen: Ist dann irgendwann ein Krieg nicht nur wieder möglich sondern auf eine perverse Art und Weise wieder nötig? Das kann es eigentlich nicht sein (daher "Metanoia" - wobei dieser Begriff zugegebenermaßen sehr akademisch ist, aber Sloterdijk bringt aus seinem Elfenbeinturm nur gelegentlich den Müll runter, sonst verläßt er ihn eher nicht.)
War denn nicht auch die EWG der eigentliche Antrieb (hervor gegangen aus der Montan-Union, eine Art Kartell) – um so besser einzuführen mit all der Versöhnungsrhetorik, dem Erneuerungsheroismus? Sicher meinte keiner der ursprünglich Beteiligten (die die Unsinnigkeit der Kriege ja auch erlebt hatten) es falsch. Aber starke Impulse gingen aus von dem beiderseits des Rheins ja neu zu organisierenden und d.h. wirtschaftlich zu stabilisierenden Staatswesen.
Die Saga vom Krieg als Regulator der größeren Einheiten (Völker) und Überlebensnotwendigkeit im Sinne zu tarierender Gesamtkräfteverhältnisse und heraus impliziten Erneuerungszwängen, ist ja eine der Mächtigen überhaupt, etwas, was die unter sich ausmachen – dafür haben sie ja dann ein Volk mit seinen Ressourcen. Machiavelli, sein Geist west heute noch durch die Vermittlung der politischen Theorien, soweit ich weiß – und geht dann glatt bis Carl Schmitt. Und taucht in den amerikanischen Think-Tanks wieder auf. (Etwa Karl Rove.) Alles natürlich in neuen Theorie- und Rhetorik-Verkleidungen.
Sloterdijk – und muss das nicht auch jemand machen? (hat er auch beim „Menschenpark“ versucht) – unternimmt es aber, so weit ich es sehe, diese Perspektive aus größerer Ferne zum alltäglichen Nachrichten-HickHack anzunehmen ohne in Hochmut und den Zynismus der Stärkeren zu verfallen. Der Zynismus ergibt sich eher aus den Sachlagen als vom Referenten her, der versucht „kalt“ zu bleiben, um sich nicht emphatisch verführen zu lassen.
Das mit dem Desinteresse, der eben auch einen gewissen Frieden bewahrt, kann man in jedem Büro beobachten. Aber als Philosoph muss er es natürlich in ein schillernderes, „nachhaltiges“ Kleid von Argumenten packen.
Die Versöhnungsrhetorik war zu Zeiten Adenauers notwendig und wichtig; die "Wirtschaftsgemeinschaft" sollte die äussere Klammer bieten. In dem Sloterdijk diese Rhetorik heute als obsolet betrachtet (er sagt da so explizit natürlich nicht) und die ökonomischen Verflechtungen als solche nur noch als Katastrophenszenarien wahrgenommen werden, muß entweder eine neue Form des Umgangs miteinander gefunden werden oder - und das ist die These - genügt ein freundliches, aber unbestimmtes Nebeneinander.
Insoweit folge ich Sloterdijk durchaus. Ich glaube sogar, dass die derzeitige "EU-Rhetorik" (immer bei bestimmten Jubiläen oder den Europawahlen zu beobachten) kontraproduktiv ist. Dass so etwas wie Reisefreiheit als Errungenschaft der EU betrachtet werden soll, ist nicht mehr vermittelbar. Und was nutzt das Feiern der wegfallender Grenzen, wenn über die Hintertür Freiheitsrechte einer hysterischen Terrorismusangst geopfert werden?
Genau so unsinnig wäre es, wenn jemand heute wieder von der "Erbfeindschaft" zwischen Deutschland und Frankreich faseln würde. Auch das zeigt dieses Buch meiner Ansicht nach: Die EU als supranationaler Schmelztiegel taugt nicht. Das Verhältnis zwischen den Nationalstaaten wird nicht durch diese inzwischen als bürokratischer Moloch wahrgenommene (und sich so gerierende) Organisation definiert. Die Nationalstaaten werden bleiben (meiner Meinung nach werden sie sich selber viel stärker regionalisieren), weil die EU zu kurz springt. Man erinnere sich daran: die EWG wollte als Ziel mehr als nur ein Wirtschaftsraum sein, sondern politische Kraft bündeln und langfristig eine Art Vereinigtes Europa (das wurde ganz schnell fallengelassen).
Daher mein Gedanke, Sloterdijk schreibe das Jubiläum 2012 antizipierend eine Art Science-Fiction-Essay aus der Zukunft. Und da spielt überraschenderweise die EU kaum noch eine Rolle.
HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.
Gleichzeitig lerne ich aus der verlinkten Literatur, dass der Weltkrieg bis 1962 gedauert hat, weil die Franzosen ja damals noch weiter mit Indochina etc. Krieg geführt haben.
Dass Adenauer, Kohl oder Brandt fehlen würde mich auch stutzig machen. Aber die Darstellung treibt mich eher in die Resignation des Biedermeierschen Bürgers. Lasst die anderen Politik machen. Die ist in Wirklichkeit nicht zu verstehen.
Meiner bescheidenen Meinung nach ist jede Erklärung für die angesprochene Art von Geschehnissen ausschließlich kommerziell bedingt. Da gibt es keine Affirmation und keine Metanoia (habe ich jetzt als neues Wort dazu gelernt), sondern schlicht Habsucht und Raffgier.
Und Neid, wenn ich über die Grenze schaue und es den anderen besser geht. Da benötige ich weder Sartre noch Camus und auch keinen der deutschen Philosophen. Wir als Menschen sind unfähig, dazu zu lernen. Nicht als Einzelner, aber als Menschheit von Generation zu Generation. Erfahrung lässt sich nicht weitergeben. Deswegen werden sich kleine Kinder immer wieder einmal verbrennen und große Kinder werden andere verbrennen.
Aber die Buchbesprechung ist toll!
Brandt fehlt ja in Sloterdijks Liste nicht. Er ist sogar der einzige, der mit Vornamen erwähnt wird. Dass Kohl fehlt, ist einerseits verwunderlich, andererseits jedoch stringent zur These. Man denke an die Versöhnungsinszenierungen, die Kohl mit Mitterrand veranstaltete.
Hinsichtlich der Kommerzialisierungen von Kriegserlebnissen vermag ich Dir nicht zu folgen. Wo soll das bspw. in der nach-napoleonischen Zeit in Deutschland oder Frankreich stattgefunden haben? Oder 1918? Oder meinst Du eine Kommerzialisierung in Bezug auf politische Ränkespiele?
Wenn Erfahrung sich tatsächlich nicht weitergeben lässt (wofür einiges spricht) - welche Folgen hätte das für die "Nachkriegszeit"? Wäre dann die Sloterdijk untergeschobene These (eine Paraphrasierung von Jünger) fast unabwendbar? Will sagen: Ist dann irgendwann ein Krieg nicht nur wieder möglich sondern auf eine perverse Art und Weise wieder nötig? Das kann es eigentlich nicht sein (daher "Metanoia" - wobei dieser Begriff zugegebenermaßen sehr akademisch ist, aber Sloterdijk bringt aus seinem Elfenbeinturm nur gelegentlich den Müll runter, sonst verläßt er ihn eher nicht.)
Krieg & Frieden
Die Saga vom Krieg als Regulator der größeren Einheiten (Völker) und Überlebensnotwendigkeit im Sinne zu tarierender Gesamtkräfteverhältnisse und heraus impliziten Erneuerungszwängen, ist ja eine der Mächtigen überhaupt, etwas, was die unter sich ausmachen – dafür haben sie ja dann ein Volk mit seinen Ressourcen. Machiavelli, sein Geist west heute noch durch die Vermittlung der politischen Theorien, soweit ich weiß – und geht dann glatt bis Carl Schmitt. Und taucht in den amerikanischen Think-Tanks wieder auf. (Etwa Karl Rove.) Alles natürlich in neuen Theorie- und Rhetorik-Verkleidungen.
Sloterdijk – und muss das nicht auch jemand machen? (hat er auch beim „Menschenpark“ versucht) – unternimmt es aber, so weit ich es sehe, diese Perspektive aus größerer Ferne zum alltäglichen Nachrichten-HickHack anzunehmen ohne in Hochmut und den Zynismus der Stärkeren zu verfallen. Der Zynismus ergibt sich eher aus den Sachlagen als vom Referenten her, der versucht „kalt“ zu bleiben, um sich nicht emphatisch verführen zu lassen.
Das mit dem Desinteresse, der eben auch einen gewissen Frieden bewahrt, kann man in jedem Büro beobachten. Aber als Philosoph muss er es natürlich in ein schillernderes, „nachhaltiges“ Kleid von Argumenten packen.
Ich freu mich immer noch auf das Buch!
Insoweit folge ich Sloterdijk durchaus. Ich glaube sogar, dass die derzeitige "EU-Rhetorik" (immer bei bestimmten Jubiläen oder den Europawahlen zu beobachten) kontraproduktiv ist. Dass so etwas wie Reisefreiheit als Errungenschaft der EU betrachtet werden soll, ist nicht mehr vermittelbar. Und was nutzt das Feiern der wegfallender Grenzen, wenn über die Hintertür Freiheitsrechte einer hysterischen Terrorismusangst geopfert werden?
Genau so unsinnig wäre es, wenn jemand heute wieder von der "Erbfeindschaft" zwischen Deutschland und Frankreich faseln würde. Auch das zeigt dieses Buch meiner Ansicht nach: Die EU als supranationaler Schmelztiegel taugt nicht. Das Verhältnis zwischen den Nationalstaaten wird nicht durch diese inzwischen als bürokratischer Moloch wahrgenommene (und sich so gerierende) Organisation definiert. Die Nationalstaaten werden bleiben (meiner Meinung nach werden sie sich selber viel stärker regionalisieren), weil die EU zu kurz springt. Man erinnere sich daran: die EWG wollte als Ziel mehr als nur ein Wirtschaftsraum sein, sondern politische Kraft bündeln und langfristig eine Art Vereinigtes Europa (das wurde ganz schnell fallengelassen).
Daher mein Gedanke, Sloterdijk schreibe das Jubiläum 2012 antizipierend eine Art Science-Fiction-Essay aus der Zukunft. Und da spielt überraschenderweise die EU kaum noch eine Rolle.