@Metepsilonema
Niggemeier ist Journalist - das darf man nicht vergessen. er hat mit dem Bloggen nach seiner Tätigkeit als Redakteur der FAZ angefangen, verfügte also (1.) um ein gewisses "Netzwerk" und (2.) weiss er einfach, wie man schreibt.
Ich hatte im Sommer ja das Bild von der "Do-It-Yourself"-Bewegung auf das Bloggen verwendet. Dieses Bild fortgeschrieben heißt das: Niggemeier war der Geselle, der sich selbständig gemacht hat. Der Geselle hat aber sein Handwerk gelernt. Ich wäre - um sozusagen im Bild zu bleiben - derjenige, der sich selbständig gemacht hat ohne vorher Geselle gewesen zu sein (in Deutschland geht das glaube ich nicht, aber theoretisch eben). Die Unterschiede halte ich für fundamental: Der "ungelernte" Blogger wird immer sehr schnell an Grenzen stoßen - und zwar sowohl an Grenzen der Akzeptanz (bei anderen) als auch Grenzen bspw. der Recherche. Nur so wäre aber die Bloggerei irgendwann "relevant": Wenn die Blogger recherchieren würden. Ansonsten bleibt nur der Katzenblog.
Journalisten haben in Bezug auf Blogs die gleiche Haltung wie Mediziner auf Heilpraktiker: Sie mögen sie nicht und greifen sie immer da an, wo sie eh anzugreifen sind. In den meisten Fällen trifft das auch zu. Aber in dem sowohl in der "breiten Masse" als auch innerhalb der "kritischen Masse" die Akzeptanz aufgrund von Fornmalqualifikationen bzw. Formalvoraussetzungen fehlen, wird der Blogger immer nur in Ausnahmefällen gefunden werden.
Ein Gemeinschaftsblog würde daran nichts ändern - sondern die Sache nur auf eine breitere Basis stellen. Ich glaube, wenn man nensch zu seiner Zeit aktiv beworben und Multiplikatoren gefunden hätte, hätte sich das Forum etablieren und gute Autoren gewinnen können. Dieser Zug ist m. E. dahingehend abgefahren, dass man zwar noch in Feeds auftauchen würde, aber die Leute längst nur noch selektiv lesen, weil es einfach zuviel ist, was sie im www präsentiert bekommen.
Ich habe zwar damit begonnen, aber wir dürfen nicht den Fehler machen, ausschließlich mit dem Journalismus zu vergleichen, und zwar in dem Sinn, dass man ihm auf seinem ureigenen Gebiet ebenbürtig sein will. Das wird nicht funktionieren, aber das muss es gar nicht. Blogger haben den großen Vorteil, dass sie (im Regelfall) nicht etwas Bestimmtes liefern müssen (wie eine Rezension in einer Zeitung stilistisch und auch inhaltlich aussehen wird, ist relativ klar; es gilt eben genau nicht dasselbe zu liefern, sondern etwas anderes; Deine Rezensionen sind ein gutes Beispiel, sie würden in dieser Form nicht in einer Zeitung stehen, aber nicht weil sie qualitativ schlecht sind; ich erinnere mich an einen Kommentator, der feststellte, dass in Deinen Rezensionen der Autor viel mehr als gewöhnlich zur Sprache kommt, und dass er das sehr gut findet), sondern relativ große Freiheit besitzen. Das "Do-it-Yourself" ist schon stimmig, aber noch kein Qualitätskriterium; es ist immer wieder erstaunlich was "Laien" zustande bringen, und das steht "Profis" schon mal wenig nach. Kein Eigenlob, keine falsche Hoffnung, kein schönreden, aber man sollte nicht vorschnell aufgeben, oder falsche Ziele verfolgen (Und wenn Du an nensch zurückdenkst, das hätte einer professionellen Zeitung den Rang auch nicht abgelaufen, aber es war eine allgemeine Diskussionsplattform, wie sie Demokratien brauchen. Vielleicht ein Ziel?).
Zur Recherche: In einem Gemeinschaftsprojekt bliebe dafür mehr Zeit (Zumindest was das Lesen von Büchern und Artikeln betrifft; von Bloggern vor-Ort-Recherchen zu erwarten halte ich für eine zu hohe Erwartung). Und was Blogger allemal können, ist aus Feldern berichten mit denen sie tagtäglich zu tun haben (Beruf etc.).
Wenn ich kurz versuche meine eigenen Lesepräferenzen zu reflektieren, dann will ich gerade nicht (nur) Blogs lesen, die wie Zeitungen "daherkommen". Und der den Texten gleichwertige Aspekt ist für mich immer die - ja! - öffentliche Diskussion, auch schon bei Nensch.
... und was Handwerk bedeuten kann, hast Du, Gregor, schon rezensiert. Ich bleibe bei meiner Überzeugung, dass mehrere Köpfe gemeinsam mehr zustande bringen als sie als Einzelne zu leisten imstande sind. Ich merke das immer wieder in der Uni, sei es in Colloquien oder an den Forschungsschwerpunkten der Lehrenden: Zersplitterung bedeutet in diesem Fall eine gewisse Schwächung. Will man Meinungen bilden, muss man sie für's Erste an einem Ort (sei er auch virtuell) konzentrieren, bündeln.
Sicherlich kannst Du dagegenhalten, dass Niggemeier Journalist ist. Sein einzig tatsächlicher Vorteil ist allein das Netzwerk. Erinnere Dich im Gegenzug an die Präsenz von PI: Der Blog wurde (oder wird; wer durchschaut's?) von einem Grundschullehrer initiiert. Kein Netzwerk, sondern Meinungsmacht. Beide liefern etwas, das einem bestimmten Publikumssegment fehlte: aus der jeweiligen Perspektive "kritische" Berichterstattung, die Forum und Repräsentanz bietet.
Es gibt, meine ich inzwischen, genug Leute, die wissen, wie man schreibt; der eigene Blog verführt allerdings zu einer gewissen Kompromisslosigkeit, weil man auf seinem Blog seine Sache durchziehen kann - man macht sie ja schließlich, weil man sich nirgends vertreten, nirgends aufgehoben fühlt. Ich wundere mich inzwischen nicht mehr, dass ich nur vereinzelte Rückmeldungen erhalte; naiv wie ich zu Beginn gewesen bin, dachte ich, das Interesse an postmoderner Ethik sei bestimmt riesig. Ist's aber nicht. Ergo: Größere Reichweite erfordert Kompromissbereitschaft, ohne dabei auf Qualität zu verzichten. Das ist vielleicht eher der Drahtseilakt ... ?
Du betonst zwei Punkte, die meines Erachtens essentiell sind (ich hatte das schon in Digitale Narzissten angedeutet):
1. Mehrere Leute bringen gebündelt mehr zusammen als Vereinzelung (es gibt dazu auch die Gegenthese der "Schwarmintelligenz").
2. Die "Vereinzelung" in den Blogs führt zu einer gewissen Kompromisslosigkeit (sehr schön formuliert; ich sage eher: zur schleichenden Asozialität, was bspw. Gegenstimmen oder Gegenargumente angeht).
Beides spricht für eine Bündelung von Kräften, die dann ejdoch aber auch nicht parallel nebeneinander (eine pure Verschmelzung), sondern miteinander interagieren müssen (wobei die Frage ist, ob dies sozusagen "öffentlich" oder in einer virtuellen Redaktion unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattzufinden hat).
Die Nachteile, die ich als Deutscher natürlich sofort problematisiere, sehe ich in der bereits angesprochenen Kompromissbereitschaft, die durch eine grössere Reichweite, die angestrebt wird, erforderlich ist.
Das Entscheidende ist aber das, was Du bei Niggemeier ansprichst und als einzigen Vorteil fast ein bisschen abschwächend erwähnst: das Netzwerk. Das ist in der heutigen Zeit und um überhaupt eine Breitenwirkung zu erreichen, enorm wichtig und notwendig. (Was natürlich irgendwann zu den "Zielen" [man kann sich dieses Managerjargon nicht immer ersparen] führt...)
Meine Erfahrungen sowohl mit Nensch als auch mit diesem Blog hier: Mit meinen Texten ist in dieser Hinsicht kein Staat zu machen. Dass sie dem ein oder anderen gefallen, ist schön. Aber auch die Verlinkung über Niggemeier und Perlentaucher hat dauerhaft weder zu einer Steigerung der Zugriffszahlen noch zu intensiveren Diskussionen geführt (Ausnahmen waren dann meist nur die verlinkten Texte).
Diesen Satz verstehe ich nicht: Die Nachteile, die ich als Deutscher natürlich sofort problematisiere, sehe ich in der bereits angesprochenen Kompromissbereitschaft, die durch eine grössere Reichweite, die angestrebt wird, erforderlich ist. Was haben Deutsche und Kompromissbereitschaft für Schwierigkeiten miteinander?
Was mein Verhältnis zum Netzwerken anbelangt: das ist in der Tat "abgeschwächt". Ich beobachte diese "Praxis" dann und wann und habe mich ausreichend davon überzeugen können, dass das nichts für mich ist. Sei's für den "erfolgreichen" Betrieb von Kulturinstitutionen, sei's auf akademischen oder blogzentrierten Konferenzen, sei's auf XING oder facebook: zu viel Verbiegerei, zu viel geheucheltes Interesse. Und alle sind gleich "Freunde". Gespräche kommen oft nur dadurch zustande, dass man sich "Kontakte" erhofft - und finden ab dem Augenblick keine Fortsetzung mehr, ab dem man nichts zu bieten hat. Austausch = Tausch; ohne "assets" geht nix.
Aber um nochmal gegen Deine Skepsis zu halten: Ein gutes Netzwerk kann auch durch Zusammenschluss entstehen. Es ist (oder sollte sein) mehr als die Summe seiner Mitglieder - sofern man, wie Du richtig forderst, für Interaktionen und Rückkopplungen offen ist.
nach (und dem, was man mir so aus dem Ausland sagt), neigen Deutsche zum überschwänglichen Problematisieren (man sehe nur die gestrigen Fernsehsendungen nach dem Rettungspaket II - die Chancen wurden gar nicht bzw. kaum genannt, stattdessen nur die Nachteile und Probleme). Nur das meinte ich.
Mit Netzwerk meine ich auch etwas anderes als XING oder facebook. Beides sind nur Imitationen von Netzwerken; die richtigen "Netze" werden nicht in der Öffentlichkeit gesponnen, sondern eher im "Verborgenen" bzw. wesentlich informeller.
Ja, Du hast natürlich Recht. Nichtsdestotrotz (oder gerade aus dem Grund?) meine Überzeugung: dass man Netzwerke nicht in und/oder für ein gemeinsames Projekt übernimmt, sondern dem Neuen mit einer Offenheit gegenübersteht, die ihm Raum zum Wachsen eines eigenen Netzwerks lässt. Gerade weil ein gemeinsames Projekt ja zu Perspektivänderungen führen könnte, die das bisherige Netzwerk sprengen bzw. nicht ansprechen. (Meine Formulierungsgabe hat sich heute freigenommen, befürchte ich ...)
HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.
Niggemeier ist Journalist - das darf man nicht vergessen. er hat mit dem Bloggen nach seiner Tätigkeit als Redakteur der FAZ angefangen, verfügte also (1.) um ein gewisses "Netzwerk" und (2.) weiss er einfach, wie man schreibt.
Ich hatte im Sommer ja das Bild von der "Do-It-Yourself"-Bewegung auf das Bloggen verwendet. Dieses Bild fortgeschrieben heißt das: Niggemeier war der Geselle, der sich selbständig gemacht hat. Der Geselle hat aber sein Handwerk gelernt. Ich wäre - um sozusagen im Bild zu bleiben - derjenige, der sich selbständig gemacht hat ohne vorher Geselle gewesen zu sein (in Deutschland geht das glaube ich nicht, aber theoretisch eben). Die Unterschiede halte ich für fundamental: Der "ungelernte" Blogger wird immer sehr schnell an Grenzen stoßen - und zwar sowohl an Grenzen der Akzeptanz (bei anderen) als auch Grenzen bspw. der Recherche. Nur so wäre aber die Bloggerei irgendwann "relevant": Wenn die Blogger recherchieren würden. Ansonsten bleibt nur der Katzenblog.
Journalisten haben in Bezug auf Blogs die gleiche Haltung wie Mediziner auf Heilpraktiker: Sie mögen sie nicht und greifen sie immer da an, wo sie eh anzugreifen sind. In den meisten Fällen trifft das auch zu. Aber in dem sowohl in der "breiten Masse" als auch innerhalb der "kritischen Masse" die Akzeptanz aufgrund von Fornmalqualifikationen bzw. Formalvoraussetzungen fehlen, wird der Blogger immer nur in Ausnahmefällen gefunden werden.
Ein Gemeinschaftsblog würde daran nichts ändern - sondern die Sache nur auf eine breitere Basis stellen. Ich glaube, wenn man nensch zu seiner Zeit aktiv beworben und Multiplikatoren gefunden hätte, hätte sich das Forum etablieren und gute Autoren gewinnen können. Dieser Zug ist m. E. dahingehend abgefahren, dass man zwar noch in Feeds auftauchen würde, aber die Leute längst nur noch selektiv lesen, weil es einfach zuviel ist, was sie im www präsentiert bekommen.
Zur Recherche: In einem Gemeinschaftsprojekt bliebe dafür mehr Zeit (Zumindest was das Lesen von Büchern und Artikeln betrifft; von Bloggern vor-Ort-Recherchen zu erwarten halte ich für eine zu hohe Erwartung). Und was Blogger allemal können, ist aus Feldern berichten mit denen sie tagtäglich zu tun haben (Beruf etc.).
Wenn ich kurz versuche meine eigenen Lesepräferenzen zu reflektieren, dann will ich gerade nicht (nur) Blogs lesen, die wie Zeitungen "daherkommen". Und der den Texten gleichwertige Aspekt ist für mich immer die - ja! - öffentliche Diskussion, auch schon bei Nensch.
Gutes Bloggen ist Handwerk
Sicherlich kannst Du dagegenhalten, dass Niggemeier Journalist ist. Sein einzig tatsächlicher Vorteil ist allein das Netzwerk. Erinnere Dich im Gegenzug an die Präsenz von PI: Der Blog wurde (oder wird; wer durchschaut's?) von einem Grundschullehrer initiiert. Kein Netzwerk, sondern Meinungsmacht. Beide liefern etwas, das einem bestimmten Publikumssegment fehlte: aus der jeweiligen Perspektive "kritische" Berichterstattung, die Forum und Repräsentanz bietet.
Es gibt, meine ich inzwischen, genug Leute, die wissen, wie man schreibt; der eigene Blog verführt allerdings zu einer gewissen Kompromisslosigkeit, weil man auf seinem Blog seine Sache durchziehen kann - man macht sie ja schließlich, weil man sich nirgends vertreten, nirgends aufgehoben fühlt. Ich wundere mich inzwischen nicht mehr, dass ich nur vereinzelte Rückmeldungen erhalte; naiv wie ich zu Beginn gewesen bin, dachte ich, das Interesse an postmoderner Ethik sei bestimmt riesig. Ist's aber nicht. Ergo: Größere Reichweite erfordert Kompromissbereitschaft, ohne dabei auf Qualität zu verzichten. Das ist vielleicht eher der Drahtseilakt ... ?
@willyam
1. Mehrere Leute bringen gebündelt mehr zusammen als Vereinzelung (es gibt dazu auch die Gegenthese der "Schwarmintelligenz").
2. Die "Vereinzelung" in den Blogs führt zu einer gewissen Kompromisslosigkeit (sehr schön formuliert; ich sage eher: zur schleichenden Asozialität, was bspw. Gegenstimmen oder Gegenargumente angeht).
Beides spricht für eine Bündelung von Kräften, die dann ejdoch aber auch nicht parallel nebeneinander (eine pure Verschmelzung), sondern miteinander interagieren müssen (wobei die Frage ist, ob dies sozusagen "öffentlich" oder in einer virtuellen Redaktion unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattzufinden hat).
Die Nachteile, die ich als Deutscher natürlich sofort problematisiere, sehe ich in der bereits angesprochenen Kompromissbereitschaft, die durch eine grössere Reichweite, die angestrebt wird, erforderlich ist.
Das Entscheidende ist aber das, was Du bei Niggemeier ansprichst und als einzigen Vorteil fast ein bisschen abschwächend erwähnst: das Netzwerk. Das ist in der heutigen Zeit und um überhaupt eine Breitenwirkung zu erreichen, enorm wichtig und notwendig. (Was natürlich irgendwann zu den "Zielen" [man kann sich dieses Managerjargon nicht immer ersparen] führt...)
Meine Erfahrungen sowohl mit Nensch als auch mit diesem Blog hier: Mit meinen Texten ist in dieser Hinsicht kein Staat zu machen. Dass sie dem ein oder anderen gefallen, ist schön. Aber auch die Verlinkung über Niggemeier und Perlentaucher hat dauerhaft weder zu einer Steigerung der Zugriffszahlen noch zu intensiveren Diskussionen geführt (Ausnahmen waren dann meist nur die verlinkten Texte).
Als Deutscher?
Was mein Verhältnis zum Netzwerken anbelangt: das ist in der Tat "abgeschwächt". Ich beobachte diese "Praxis" dann und wann und habe mich ausreichend davon überzeugen können, dass das nichts für mich ist. Sei's für den "erfolgreichen" Betrieb von Kulturinstitutionen, sei's auf akademischen oder blogzentrierten Konferenzen, sei's auf XING oder facebook: zu viel Verbiegerei, zu viel geheucheltes Interesse. Und alle sind gleich "Freunde". Gespräche kommen oft nur dadurch zustande, dass man sich "Kontakte" erhofft - und finden ab dem Augenblick keine Fortsetzung mehr, ab dem man nichts zu bieten hat. Austausch = Tausch; ohne "assets" geht nix.
Aber um nochmal gegen Deine Skepsis zu halten: Ein gutes Netzwerk kann auch durch Zusammenschluss entstehen. Es ist (oder sollte sein) mehr als die Summe seiner Mitglieder - sofern man, wie Du richtig forderst, für Interaktionen und Rückkopplungen offen ist.
Meiner Erfahrung
Mit Netzwerk meine ich auch etwas anderes als XING oder facebook. Beides sind nur Imitationen von Netzwerken; die richtigen "Netze" werden nicht in der Öffentlichkeit gesponnen, sondern eher im "Verborgenen" bzw. wesentlich informeller.