Dreifaches Nein

Gestern hat das Bundesverfassungsgericht die Kürzung der Pendlerpauschale (Zahlung von EUR 0,30 pro km erst ab 21. Kilometer) verworfen. Diese Kürzung war am 1. Januar 2007 in Kraft getreten. Beschlossen wurde sie vom Bundeskabinett am 10. Mai 2006.

Dieser Vorgang ist ein Musterbeispiel für die Stümperhaftigkeit, mit der gelegentlich Gesetze beschlossen werden. Aber er ist auch exemplarisch für den unerträglich-anbiederischen Opportunismus von Politikern, die sich plötzlich nicht mehr an ihre Beschlüsse von vor zwei Jahren erinnern mögen, nur weil sich herausstellt, dass diese plötzlich unpopulärer sind, als man seinerzeit dachte.

Damals mit im Kabinett als Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz war Horst Seehofer (CSU). Von einer Opposition Seehofers diesem Beschluss gegenüber ist nichts dokumentiert. Im bayerischen Landtagswahlkampf hatte die CSU die Pendlerpauschale als Wahlkampfthema entdeckt, was insofern unsinnig war, weil es sich um ein Bundesgesetz handelte und die Causa längst beim Verfassungsgericht lag. Die CSU wollte sich als Anwalt der Leistungsträger generieren und "forderte" etwas zurückzunehmen, was sie selber vor zwei Jahren mitbeschlossen hatte. Als Grund wurden die steigenden Benzinpreise genannt. In Wirklichkeit ging es darum, die bröckelnde Mehrheit in Bayern mit einem Wahlgeschenk verhindern zu wollen.

Bei AFP kann man lesen:

Mit Blick auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Pendlerpauschale sagte Seehofer, Merkels Regierung hätte die von der CSU geäußerten Bedenken gegen eine Einschränkung der Pauschale "ernst nehmen und aufgreifen sollen". "Das hätte uns Rückenwind für den Wahlkampf in Bayern gegeben", fügte der CSU-Chef hinzu. "Diese Fehlentscheidung hat uns mit das Wahlergebnis verhagelt." Seehofer wandte sich gegen eine Neuregelung der Pendlerpauschale. "Ein dreifaches Nein. Wir wollen, dass diese Entlastung den Arbeitnehmern voll zugute kommt."

Ja, wirklich: Ein "dreifaches Nein" solchen erbärmlichen Politikerimitationen wie Horst Seehofer! Da ist mir die Bärbeissigkeit und Unbeirrbarkeit eines Peer Steinbrück –zig mal lieber als dieses jämmerliche Schmierentheater dieses bajuwarischen Pseudo-Sozialritters. Seehofer zeigt sich wie immer: Als wetterwendischer Opportunist ohne Rückgrat. Wie schon damals als Gesundheitsminister, als er vor Lobbyisten resignierte und die Brocken hinwarf, wenn's ihm zu kompliziert wird und das noch nachträglich als Konsequenz feiern lässt.
Andreas (Gast) - 2008-12-10 16:30

Viel schlimmer als den berufsbedingten Opportunismus mancher zweifelhafter Politiker finde ich die zunehmende Kompetenzvereinnahmung des BVerfG. Die Verfassungsväter hatten dies so sicher nicht intendiert. Die Judikative bindet hier in zunehmendem Maße exekutive Kompetenzen an sich. Ein sehr bedenklicher Vorgang. Leider wird diese Kritik im allgemeinverbindlichen Jauchzen über Pendelkostenrückzahlungen verstummen.

Gregor Keuschnig - 2008-12-11 18:55

Ja, das finde ich wichtig zu erwähnen. Die Gesetze scheinen schon so "gestrickt" zu werden, dass man sie lieber sofort dem BVerfG übergeben lässt (ein Kläger findet sich ja schnell). Hauptsache man hat dann erst einmal zwei Jahre "Ruhe". Zumal die Verfassungsmässigkeit im konkreten Fall einigermassen zweifelhaft (auch von Laien) war.
stripe (Gast) - 2008-12-12 21:09

Naja, das BVerfG entscheidet halt, ob Gesetze verfassungsmäßig sind oder nicht. Das kann tendenziell jedes Gesetz betreffen, aber dieser große Kompetenzumfang ist systemimmanent und vernünftig.
Wenn schon, sollte man besser im Sinn von Gregor von einer Kompetenzabschiebung der Exekutive an die Legislative sprechen.
stripe (Gast) - 2008-12-15 07:20

"... an die Judikative sprechen" sollte das natürlich heißen.
Peter (Gast) - 2008-12-10 17:43

I'm a rock, i'm and island ... dudeldu

Da ist mir die Bärbeissigkeit und Unbeirrbarkeit eines Peer Steinbrück –zig mal lieber
In dem Land in dem ich lebe, hatte der Herr Steinbrück in 48 Stunden seine Meinung zweimal diametral geändert, was ihn aber nicht davon abhielt, die neue Meinung mit der gleichen Verve zu Vertreten wie die alte. Aufgeblasene Hosen sind kein Fels in der Brandung.

Gregor Keuschnig - 2008-12-11 18:53

Wann hat er denn seine Meinung entsprechend gewechselt?
Peter (Gast) - 2008-12-11 21:48

Mmh, in dem Land in dem ich lebe, hatte Steinbrück z.B. steif und fest behauptet, dass die deutschen Banken nicht stark betroffen sind, um kurz danach in nächtlicher Sitzung (vor der Öffnung der asiatischen Börsen) eine Privatbank vor dem Konkurs zu bewahren.

So wie du fragst, nehme ich an du deutest dies anders?
stripe (Gast) - 2008-12-12 21:30

Wenn Steinbrück in diesem Punkt die Augen vor der Realität verschlossen hätte, wäre das Sturheit und keine Prinzipientreue gewesen. Keiner hat in der Finanzkrise vorher ganz genau gewusst, wie es kommen wird und warum. Da kann man es Steinbrück, der ja auch nur ein Außenstehender gegenüber den Banken ist, sicher nicht vorwerfen, dass er sich geirrt hat und das ohne Umschweife und zeitraubende Rückzugsgefechte korrigiert.
Gregor Keuschnig - 2008-12-12 21:35

@Peter

Steinbrücks Ausspruch war ein Fehlurteil. Man kann ihm das vorwerfen (das er genauso wenig gewusst hat, wie alle anderen und nicht geschwiegen hat), aber es ist etwas anderes als der Opportunismus eines Seehofer (oder auch der Kanzlerin bzgl. der Klimapolitik der EU). Hier hatten sich nicht von ihm beeinflussbare Veränderungen an der Lage ergeben, die man auch so nicht vorhersehen konnte.

Ich werfe ihm eher vor, dass er sich zusammen mit der Kanzlerin hinstellte und für alle privaten Spareinlagen eine Art Garantie übernahm. Sowas ist Symbolpolitik, die er sonst nicht macht.
Peter (Gast) - 2008-12-12 22:32

Es geht nicht darum, ob Steinbrück fehlbar ist. Ich weiß, dass ich nicht weiß ist die momentane Parole. Es geht darum, dass sein Auftreten nicht seinem Kenntnisstand entspricht. Wer eine Meinung mit aufreizender Dominanz vertritt und irrt, sollte etwas Demut zeigen und nicht die neue Lage mit gleicher Pose zur Schau stellen. Das macht maximal unglaubwürdig.

Ich bin mal gespannt wie er sich weiterhin gegenüber der Schweiz (und auch Luxemburg) verhält. Die Amis haben den Schweizern gezeigt, wie man seine Interessen wahrt.
stripe (Gast) - 2008-12-15 07:23

Gut, extrem sympathisch mag Steinbrück nicht sein. Aber trotzdem kann er ein guter Politiker sein, das sollte man trennen.
Z.B. ist Nobbi Blüm bestimmt ein sehr netter Mensch, aber mit seinem Herz-Jesu-Sozialismus konnte ich nie was anfangen.
Gregor Keuschnig - 2008-12-17 17:14

@stripe

"Extrem sympathische" Politiker sind mir per se immer suspekt. (Wobei: Blüm war mir nie sympathisch; Geißler auch nicht - als Generalsekretär nicht und jetzt auch nicht. DAS ist für mich der typische Wendehals.)
stripe (Gast) - 2008-12-21 01:28

Eigentlich fällt mir auf Anhieb so gar kein "extrem" sympathischer Politiker ein. Wenn Du mit "extrem sympathischen" die meinst, die sich beim Wahlvolk Liebkind machen, nur offene Türen einrennen und jedes klare Wort scheuen, dann gebe ich Dir Recht. Aber die sind mir persönlich dann auch nicht sympathisch, geschweige denn extrem sympathisch.

Geißler war in der CDU schon immer ein Linker. Insofern würde ich ihn nicht als Wendehals bezeichnen. Seine Kaltstellung durch Kohl hat natürlich dazu geführt, dass seine Eitelkeit nicht mehr durch Parteiräson gemildert wird.
stripe (Gast) - 2008-12-21 01:43

Dass Geißler "schon immer in der CDU links" gewesen sei, nehme ich hiermit wieder zurück. Aber als Wendehals würde ich ihn trotzdem nicht bezeichnen, weil ich ihm seine jetzige Grundeinstellung abnehme.
Gregor Keuschnig - 2008-12-21 11:44

@stripe

Geißler ist jesuitisch erzogen worden. Sein Rigorismus zeigte sich sowohl in seiner Rolle als CDU-Generalsekretär als auch jetzt als (Pseudo-)Dissident. Immanent bei solchen Leuten ist, dass sie arg plakativ und konfrontativ argumentieren. Egon Bahr hat einmal gesagt, Geißler wäre der einzige Politiker gewesen, dem er damals den Handschlag verweigert hatte. Seine Polemiken waren tief verletzend - und zwar im Bewußtsein dessen.

Intellektuell war er Kohl meilenweit überlegen. Als Geißler das ausspielen wollte, krachte es. Kohl hatte das vorher schon mit Biedenkopf erlebt und sich nach Geißler immer mit schwächeren Personen umgeben - was man später dann an seiner Politik sah.
Arnfrid (Gast) - 2008-12-20 14:14

Das mit der Pendlerpauschale konnte ja nicht lange gut gehen. Immer wollen die Politiker nur beim kleinen Mann sparen, sich aber die Diäten regelmäßig erhöhen. Wie lange soll denn das noch gut gehen? Überall werden Steuern angehoben, allein die Benzinpreise sind ja explosionsartig in die Höhe gestiegen, auch wenn sie momentan wieder gefallen sind. Aber wie lange bleiben sie auf diesem Stand? Das kann wohl kein Politiker beantworten. Die Hälfte vom Benzinpreis besteht aus Steuern, vielleicht sollte einmal darüber nachgedacht werden, hier könnte man doch so einiges ändern, wenn man nur wollte.

stripe (Gast) - 2008-12-21 01:35

Ja, wenn man nur wollte. Bzw. wenn man nur Geld dafür übrig hätte. Das hat der Staat aber nicht, weil er die Zinsen für einen Schuldenberg bezahlen muss, der entstanden ist, weil vom Staat 40 Jahre lang Geld ausgegeben wurde, das er nicht hatte.

Aber macht ja nichts, es ging ja anscheinend 40 Jahre gut.
Oder wie der Fallschirmspringer, der seinen Fallschirm im Flugzeug vergessen hatte, 2 Meter über dem Boden sagte: "Anscheinend geht's auch ohne."
Gregor Keuschnig - 2008-12-21 11:35

@Arnfrid

Wie soll ein Politiker beantworten können, wie sich der Benzinpreis entwickelt? Was für ein Blödsinn.

Im übrigen hat das BVerfG nicht über die Zulässigkeit der Pendlerpauschale an sich entschieden. Der Gesetzgeber könnte sie auch problemlos abschaffen - wenn er es dann für alle tun würde. Wie so oft maßregelte das Gericht nur die verletzte Gleichheit des Gesetzes.

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