Staunen über das Staunen
Man muss Wolfgang Streeck nicht in allem rechtgeben, was er in seinem Artikel "Lektion-zum-Kapitalismus (pdf, 77 KB)" in der letzten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben hat. Aber als eine Art Vergewisserung, was Kapitalismus eigentlich ist, wie dieser "strukturiert ist und funktioniert (und immer schon funktioniert hat) - das ist schon durchaus lesenswert. Dabei räumt Streeck mit dem Glauben eines "gezähmten Kapitalismus" auf; vielleicht ein bisschen zu früh:
Im Kapitalismus geht es um Maximierung, nicht um Normalisierung des Gewinns. Kapitalismus ist keine Ordnung, sondern institutionalisierte Unordnung. Nicht Stabilität ist zu erwarten, sondern Wandel als Dauerzustand; nicht Kontinuität, sondern Diskontinuität...
Streeck entdeckt das Staunen, denn die Krisenszenarien sind beileibe nicht neu: ...staunen muss man eigentlich nur über das Staunen, und zwar weil vieles so lange "gutgegangen" ist. Und weil die Politik, die jetzt so vehement Regularien fordert, jahrelang selber mitgemischt hat.
Nach der Lektüre erscheint es dringender denn je, wenigstens einen Teil der Diskontinuitäten zu domestizieren. Auch wenn man einiger Illusionen beraubt wird.
Im Kapitalismus geht es um Maximierung, nicht um Normalisierung des Gewinns. Kapitalismus ist keine Ordnung, sondern institutionalisierte Unordnung. Nicht Stabilität ist zu erwarten, sondern Wandel als Dauerzustand; nicht Kontinuität, sondern Diskontinuität...
Streeck entdeckt das Staunen, denn die Krisenszenarien sind beileibe nicht neu: ...staunen muss man eigentlich nur über das Staunen, und zwar weil vieles so lange "gutgegangen" ist. Und weil die Politik, die jetzt so vehement Regularien fordert, jahrelang selber mitgemischt hat.
Nach der Lektüre erscheint es dringender denn je, wenigstens einen Teil der Diskontinuitäten zu domestizieren. Auch wenn man einiger Illusionen beraubt wird.
Gregor Keuschnig - 2008-09-30 18:46


"In der Wirtschaft wird eine größere Summe Geldes prozentual höher verzinst als eine kleinere. Durch die Politik werden höhere Einkommen und Vermögen prozentual stärker als niedrigere besteuert. Gewinnt die Ökonomie die Oberhand und wachsen die Unterschiede zu stark, verlieren die Armen die Lust. Gewinnt die Politik die Oberhand und werden die Unterschiede zu sehr eingeebnet, verlieren die Reichen die Lust. Eine funktionierende Gesellschaft braucht alle Menschen, die Entwicklung verläuft deshalb zyklisch."
Das Maximum des "mehr Markt" wurde soeben überschritten. Jetzt geht es wieder in Richtung "mehr Staat".
Zinsen werden verlangt für das Verleihen von Geld, welches in Investitionen fliesst. In der Regel stehen diesen Investitionen dann Werte gegenüber (Waren, Maschinen, Immobilien). Wenn ich jetzt das Geld hierzu wieder verkaufe, dann verliert man (wiederum laienhaft ausgedrückt) den Bezug zum "Produkt". Und dabei habe ich noch gar nicht von Derivaten und ähnlichem Zeugs gesprochen.
All diese Bürokratismen, die jetzt diskutiert werden (5% der kredite verbleiben bei den Banken selber oder eine Art "TÜV" für Fonds und Zertifikate) taugen rein gar nichts. Wenn Wasser durch die Decke kommt, hilft es nicht, das Loch zu verstopfen - ich muss das Dach reparieren. Banken haben sich bestimmten Gepflogenheiten unterzuordnen (in diesem Rahmen wird noch genug Unfug gemacht) und damit basta.
Auch die Papiere, mit denen man auf fallende oder steigende Kurse setzt, sind in erster Linie keine Zockerpapiere, sondern dienen der Absicherung und Verstetigung von realwirtschaftlichen Prozessen. Wie will man unterscheiden zwischen der ernsthaften Verwendung und der spekulativen? Bis jetzt scheiterte die Regulierung am Unwillen derjenigen Staaten, die am meisten davon profitierten. Aber das sind außer den USA und Liechtenstein auch China, Indien und die Schwellenländer.
Der einzige Ansatz, von dem ich (theoretisch) glaube, dass er funktionieren könnte, ist die Tobin-Steuer. Man sanktioniert nicht einzelne "böse" Finanzprodukte, sondern belegt jegliche Transaktion mit einer minimalen Steuer von z.B. 0,1%. Den oben genannten Geschäften schadet sie kaum (0,6% Aufpreis), aber dass 1000mal Geld hin- und herfließt, wird sicher unterbunden. Aber ihre Durchsetzbarkeit setzt voraus, dass sich *alle* Staaten einig sind und an der Durchsetzung beteiligen. Das jetzige Problem besteht doch vor allem darin, dass den multinationalen Konzernen keine multinationale Politik entgegengesetzt werden konnte. Glaubst du, dass das jetzt anders werden wird? Ich bin skeptisch.
Die jetzige Diskussion in den USA ist jedenfalls eine Scheindiskussion. Die Tatsachen sind doch folgende: Es wurde Leuten Immobilien aufgeschwatzt, die sie sich nicht leisten konnten. Die Immobilien büßen sie jetzt wieder ein. Unter realistischen Bedingungen hätten sie sich diese auch früher nicht leisten können. - Die Betreffenden bezahlen also für ein paar Jahre Hoffnung. Und es ist auch vollkommen egal, ob den Steuerzahlern 700 Milliarden über höhere Steuern oder über den Verlust ihrer Kaufkraft oder ihres Arbeitsplatzes abgeknöpft werden, bezahlen tun immer die, die sowohl am Beginn als auch am Ende der wirtschaftlichen Nahrungskette stehen. Denn dazwischen stehen keine Personen, sondern gesellschaftliche Konstrukte, wie sie z.B. Firmen sind.
Forderungsverkäufe sind natürlich irgendwie notwendig, um das System am Laufen zu halten. Man müsste diese nur kanalisieren (natürlich weltweit), was letztlich eine Verstaatlichung (bzw. "Verglobalisierung") dieser Geschäfte bedeuten würde. Wenn nämlich eh nachher der Steuerzahler bzw. Konsument geradestehen muss, dann muss es vorher ein Recht dazu geben, diese Geschäfte zu bewerten (und notfalls zu stoppen).
Die meisten Politiker sind mit dieser Bewertung vermutlich überfordert - sie müssten auf Experten zurückgreifen. Die haben sich aber in der Vergangenheit auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert.