Handke, Rattentöten und Katholizismus

Josef Winkler, Büchnerpreisträger 2008, in Neuss

Nach der Lesung aus einem Buch "Roppongi" wurde Josef Winkler aus dem Publikum gefragt, ob er einen Grund nennen könne, warum so viele, eigentlich die meisten wortmächtigsten, zeitgenössischen Schriftsteller deutscher Sprache aus Österreich kommen würden (Handke, Jelinek, Thomas Bernhard und natürlich auch Winkler).

Winkler überlegte kaum, antwortete sehr schnell, anfangs mit einer Art Stottern oder, besser, Stammeln, als hätte er die Frage schon Wochen vorher gewusst. Naja, sagte er, es gäbe doch auch einige sehr gute Schriftsteller aus der Schweiz. Gelächter im Publikum. Dann hatte Winkler seine Gedanken sortiert. Handke, Jelinek, Bernhard – das seien europäische Ausnahmeerscheinungen. Insbesondere Handke.

Er käme nicht sehr viel zum Lesen, würde aber "schmökern". Nach einigen Seiten merke man an der Sprache, ob das etwas Neues, Einzigartiges sei, oder so altbacken, dass er es schon fünfzig Jahre vor seiner Geburt hätte lesen können. Diese Mitteilungsliteratur.

Er habe alle dicken Bücher von Handke gelesen. Einige Kapitel seien, naja, da wisse er nicht so ganz genau. Aber dann immer wieder diese Stellen, die man fünf- oder zehnmal lesen würde – und wo man sich auch als Schriftsteller, der vielleicht nicht ganz so schlecht schreiben könne, frage, wie der das nur mache. Winkler hält Handke für den sprachgewaltigsten europäischen Schriftsteller. Gegen Handke bin ich ein Analphabet, so Winkler, und er sage dies ohne Koketterie.

Auf meinen Eindruck hin befragt, dass ich Thomas Bernhard, dessen frühe Werke wesentlich stärker seien (Winkler stimmte zu), in den späteren Büchern ("Holzfällen" beispielsweise) immer ein bisschen als den Salonaufreger, Winklers Furor jedoch für "authentischer", ehrlicher, gehalten habe, meinte er, man solle sich nicht täuschen, auch er wäre ein grosser Schwindler. Winkler betonte ausdrücklich die Fiktionalität von Literatur.

Aber natürlich wäre Thomas Bernhards Einfluss auf seine (Schriftsteller-)Generation enorm gewesen. Auch die Generation danach hätte ihn fast aufgesogen. Bernhard (und Handke) seien die Vorbilder (dieses Wort benutzte er nicht) gewesen. Die ganz jungen würden ihn jetzt nicht mehr lesen.

Es gäbe Parallelen zwischen ihm und Bernhard in den "Themen" (bspw. Tod, Katholizismus). Der Grund, dass er, Winkler, kein Bernhardiner geworden sei, liege in der Sprache. Er benutze Sprache mit einer starken Bildstruktur. Das unterscheide essentiell ihn von Bernhard.

Natürlich wurde Winkler auch auf das Versöhnlerische in "Roppongi" angesprochen; die Milde im "Umgang" mit seinem Vater. Winkler antwortete sehr persönlich und offen. Er habe sich auf seine Art und Weise, also durch das Schreiben, an seiner Kindheit, an dem spannungsreichen Verhältnis mit seinem Vater, dem Ungeliebtsein, abgearbeitet. Er habe es durch das Schreiben verarbeitet. Etwas anderes, also zum Beispiel eine Psychotherapie, wäre für ihn nie infrage gekommen.

Und sogar auf seine früher virulenten Selbstmordgedanken kam Winkler zu sprechen. Alleine dadurch, dass die Selbsttötung als Möglichkeit erschienen sei, hätte ihm geholfen, mit seiner Verzweiflung fertig zu werden. Zur Ausführung brauchte es dann nicht mehr kommen.

Als Kind oder Jugendlicher habe der Vater niemals ein "ich hab' Dich gern" zu seinem eher schwächlichen Sohn gesagt. Und wenn er sich an die seltenen Augenblicke des Angenommenseins erinnere, so daran, wenn abends vom Heuboden die Ratten in den Keller herunterkamen: die Geste, er, der Vater, aus der Lektüre seiner Zeitung aufblickend und der Sohn das Lesen von Karl May unterbrechend – und dann ging es zum gemeinsamen Rattentöten.

Am Ende hielt es Winkler nicht mehr auf seinem Stuhl; die letzte Frage nahm er stehend entgegen, setzte sich dann wieder hin. Er sei jetzt müde, sagte er. Am Schluss noch das Simon Zitat Alles ist autobiografisch, um das Paradoxon der Vermischung zwischen Fiktion und Realität aufzuzeigen. Und als er heute abend angekommen sei, kurz vor sieben, da sei dieses Läuten wieder gewesen. Diesen Katholizismus werde man nie mehr los, so Winkler. Nie mehr. Sagt er. Fast triumphierend. Sich abfindend. Das Beste daraus machend. Dann geht er weg, begrüsst eine Frau in der Vorhalle, kommt wieder zurück und signiert Bücher. Er fragt immer, ob er auch das Datum schreiben soll.
Ausser die kursiv gedruckten Stellen, die wörtliche Wiedergaben von Josef Winkler sind, handelt es sich um ein Gedächtnisprotokoll der Lesung und anschliesenden Diskussion vom 28.08.2008 in der Neusser Stadtbibliothek. Die Äusserungen sind sinngemäss zu verstehen; es kann sein, dass der ein oder andere Ausdruck nicht wortwörtlich verwendet wurde.

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