"Du hast eine gute Stimme" oder: Versuch wider die Hochmütigen
Plädoyer für den Leserkritiker
1968 schreibt der damals 25jährige Schriftsteller Peter Handke über Marcel Reich-Ranicki (#1):
Schliesslich bilanziert er:
Lassen wir die Motive, die für diesen Zornesausbruch vielleicht im Hintergrund lauerten, beiseite. Handke hat diese Schlussfolgerungen, die er nicht nur polemisch in den Raum stellt, sondern durchaus begründet, vielleicht bereut, denn natürlich war Reich-Ranicki nachtragend und hat später kaum ein gutes Haar an Handkes Prosa gelassen. Wer den Unfehlbarkeitsnimbus des bereits damals fast theokratisch agierenden Reich-Ranicki anzweifelte, wurde entweder verrissen, oder – die höchste Strafe – gar nicht erst beachtet; man galt (und gilt) als Paria (#2). Man hat gelegentlich den Eindruck, derjenige mit den meisten Paria im Garten sei der wirkungsmächtigste und wichtigste Kritiker.
Angst vor den "Massen"
Ausgerechnet diese verstärkt auf persönliche Animositäten und ästhetische Degenerationen fixierten Grosskritiker (#3) und deren servile Assistenten, die irgendwann das lockende Erbe antreten wollen, mokieren sich über die von ihnen abschätzig als "Laienkritiker" denunzierten Leserkritiker, die in Blogs oder anspruchsvollen Online-Literaturmagazinen Kritiken veröffentlichen und ihre Leseerlebnisse formulieren. David Hugendicks Beitrag aus der "Zeit" erscheint in der Textzeile nicht mit seinem Titel ("Jeder spielt Reich-Ranicki") sondern mit der rhetorisch-effekthascherischen Frage "Wie gefährlich sind Laienkritiken?" Als würden Scharlatane ein unwirksames Medikament massenhaft zum Wucherpreis verkaufen ("Millionen von Laienkritikern" sieht der Autor alarmiert). Fehlt nur noch der Einwand, etliche Leserkritiker schrieben unter "Pseudonym" – als sei die Liste unter Pseudonym schreibender Schriftsteller (und Kritiker) nicht imposant genug.
Da werden Beispiele dümmlicher sogenannter Kurzrezensionen angeführt, als seien diese repräsentativ. Es wird vom "Kult der Amateure" gedröhnt, gar ein Kulturverfall als Möglichkeit angedeutet. "Myriaden" von Kurzrezensionen würden ein "Paralleluniversum" ergeben, allerdings "meistens fern der analytischen Auseinandersetzung mit Literatur", wie der Autor süffisant anmerkt, aber immerhin Parallelen zwischen der Meinungs- und Lebenshilferhetorik à la Heidenreich und diesen Leserrezensionen entdeckt.
Er vergisst, dass bei Heidenreich und beispielsweise Dennis Scheck (das ist der Mann, der Bücher, die ihm nicht gefallen, einfach wegwirft) in einem fort und bis an die Grenze zur Peinlichkeit Lobeshymen ausgeteilt werden, und zwar teilweise für derart banales Geschreibe, dass man sich dem Lob des Verrisses von Andreas Öhler in diesem Punkt unbedingt anschliessen muss. Öhler konstatiert eine Neigung des heutigen Kritikers zum "Allerweltsfreund". Da agierten etliche "zuweilen opportunistisch als dienstbare Geister des Marktes", statt "ihren Geist in den Dienst einer grossen tapferen Tradition zu stellen".
Der vom Literaturbetrieb unabhängige Leserkritiker ist eine Bedrohung
Welchen Geist? möchte man da böse fragen. Wer für ein neunzig Sekunden Filmchen mit "Tintenherz"-Schöpferin Cornelia Funke zum small talk nach Los Angeles kommt, um ihr einen Lesetip zu entlocken – wie frei ist der nachher, bei der "Besprechung" der "Spiegel"-Bestsellerliste diese Bücher durchfallen zu lassen? Sie werden es erraten: Er schmeisst sie natürlich nicht weg. Seine billige Erregung gelten Leuten wie Paulo Coelho oder Hape Kerkeling. Scheck wirkt wie ein Boxer, der als sich als Schwergewicht generiert, aber nur gegen Leichtgewichtler boxt. Er, der Totengräber jeder literaturästhetischen Diskussion, degeneriert zur Barbiepuppe des Literaturkommerzes. (Fn4)
Fest steht, dass immer mehr Leser von der durchweg passiven Rezeption (Lesen des Buches und der Kritik[en]) eine aktivere (die Kritik wird selber geschrieben) wählen. Man kann dies mit dem Aufkommen der "Do-It-Yourself"-Bewegung vergleichen, die seinerzeit ebenfalls zu den patzig-trotzigen, meist abschätzigen Kommentaren der betroffenen Berufsgruppe führten.
Natürlich sind viele der Leserkritiken schlecht, oberflächlich und teilweise von possierlicher Ahnungslosigkeit. Häufig werden Klappentexte zitiert (die "Perlentaucher"-Rezensionssammlungen nachahmend) und darunter prangt dann "meine Meinung" und vielleicht noch eine Sternchen- oder Punktwertung. Dort wird Meinung mit Kritik verwechselt – ein Fehler, der im übrigen den Meinungsmachern, die ihre Weltanschauung zunehmend immer gleich mit verramschen, nicht so fremd ist. Und natürlich gibt es den literarisch ambitionierten Dummkopf, der zum Beispiel die Figuren von Stefan Zweig blass findet und dem Autor vorwirft, er könne keine Stimmung erzeugen.
Das ist natürlich ein willkommener Anlass, Leserkritiker in Sippenhaft zu nehmen. Aber wer käme auf die Idee, Alfred Kerrs Verriss von Thomas Manns "Tod in Venedig" als Anlass für die Bedeutungslosigkeit der Kritik an sich zu nehmen? Es gibt sehr wohl fundierte Leserkritik, die sich oft genug vom drögen, phrasenhaften Germanistenjargon wohltuend unterscheidet ohne gleich in banale Flachheiten zu verfallen. Vielen Leserkritikern merkt man die Leidenschaft an der Literatur an. Das alleine reicht natürlich nicht aus, ist aber unabdingbare Voraussetzung – wichtiger als jede noch so gute Formalqualifikation. So stellte Richard Sennett neulich fest, dass für den Handwerker Motivation wichtiger sei als Talent.
Das fallbeilartige Verdammungsurteil, welches Öhler zum aufklärerischen Richterspruch im Geiste Kants verklärt, ist seriösen Leserkritikern meistens fremd; sie erhalten sich in der Regel einen Rest Respekt und vermeiden die Hybris des Allwissenden. Aber nimmt man Öhlers Polemik einmal als Wunsch, sich auch mit dem abseitigen, bisher gerne ignorierten zu beschäftigen, auch mit der Gefahr, es "verreissen" zu müssen, dann plädiert auch er für eine intensivere Text- bzw. Werkauseinandersetzung. Verriss bedeutet ja nicht, ein Buch wie weiland Reich-Ranickis "Ein weites Feld" von Günter Grass auf dem Titelblatt physisch zu zerreissen.
Leserkritiker maßen sich nicht per se an, Autor und auch Leser belehren zu wollen. Sie wissen, es gibt Grautöne und die dumme Dichotomie des "gut oder schlecht", des Daumen hoch oder Daumen runter ist eine Trivialisierung der Literatur und Literaturkritik. Wie absurd mutet es da an, Bücher als "Fälle" zu "behandeln".
Dennoch entgleiten sie nicht in liebedienerischer Sanftheit. Sie haben den unverdorbenen Blick und sie können ihn im Idealfall fruchtbar machen. Keine Redaktion sagt ihnen, was man vielleicht noch hineinzuschreiben habe (oder weglassen soll). Kein Verlag ködert sie, im Falle einer milden oder gar guten Rezension ein eigenes Buch prominent platzieren zu können. Kein Mainstream sagt ihnen auf welcher Welle sie im Moment besser schwimmen, um vielleicht einmal Feuilleton-Chef zu werden. Sie haben die Chance, sich dem Zeitgeist (von Martin Walser unlängst eindringlich beschrieben) zu widersetzen. Sie können Stachel im Fleisch des bräsigen Literaturklüngels sein. Es gibt Kritiken von Leserkritikern, die (vielleicht nach ein bisschen Redigierung) keinen Vergleich mit den manchmal so blutleeren, von "arrivierten" Kritikern verfassten Rezensionen beispielsweise aus "Zeit", "F.A.Z." oder "Süddeutsche Zeitung" zu scheuen brauchen ("Spiegel" sowieso).
Emphatische Subjektivität
Der Grund für die vehementen Tiraden wider die Leserkritik liegt sowohl im drohenden Verlust der Deutungshoheit als auch in der narzisstischen Kränkung, die den professionellen Kritikern durch Leute zugefügt wird, die zum Teil noch etwas kultivieren, was sie selbst längst in jahrelangem Redaktionseinerlei verloren haben, etwas, was im automatisierten Lesen im Akkordtempo und der häufig desillusionierenden Bekanntschaft mit den Dichtern, die sie doch einst so verehrt hatten, verpuffte: Leidenschaft, Enthusiasmus und, Josef Haslinger jetzt paraphrasierend, "emphatische Subjektivität" (#5). Und dies alles – es wurde schon angesprochen – basiert auf Unabhängigkeit.
Hinzu kommt, dass sich das Feuilleton (unverändert) als elitär generiert – und sich die Protagonisten damit selber in eine intellektuelle Jet-Setposition befördern. Sie übertragen ihre Verachtung der Massen und der Massenkultur (ein alter Topos auch und vor allem unter deutschen Intellektuellen) auf die Rezeption von Literatur. Ähnlich den Restaurationskräften im 19. Jahrhundert, die an einer Beteiligung des "gemeinen Volkes" den Untergang des Abendlandes festmachten, sehen sie eine Bedrohung darin, die "Sache" der Literatur dem gemeinen Massengeschmack preiszugeben.
Sie kompensieren diese Ängste durch die Pflege eines paternalistischen Gebarens, getarnt mit der Attitüde des fürsorglichen "Leserbeschützers". Beispielsweise Dennis Scheck, der in seiner Sendung "druckfrisch" mit einem Mikrofon durch eine Buchhandlung streift und versucht, Menschen an Bücherregalen ein Buch zu empfehlen. Warum Scheck auf die Antwort "Alles" auf die Frage "Was lesen Sie denn gerne?" ein Buch dieses oder jenes Schriftstellers empfiehlt, bleibt sein Geheimnis. Es ist dieser peinlich-besserwisserische Habitus des Missionars, der abstrus und überholt daherkommt (oder auch einfach nur komisch). Und wie alle Missionare verachten sie insgeheim diejenigen, die sie missionieren wollen.
Vorbei auch die Zeiten, als es dem Leser genügte, im "Literarischen Quartett" vier Menschen über Bücher streiten zu sehen. Der Zuschauer hatte kaum Zeit und Möglichkeit, wenigstens eines der Bücher im Vorfeld zu lesen. Das Anschauen des Quartetts galt als Surrogat – wer das gesehen hatte, konnte über die Bücher diskutieren, ohne sie gelesen zu haben. So urteilte man letztlich über etwas, was man nicht kannte (ein Phänomen, das aufmerksame Zuschauer bei der Betrachtung der Sendung häufiger auch bei den Protagonisten bemerken konnte).
Da man den vorgebrachten Argumenten der Kritiker nur eingeschränkt folgen konnte, punktete derjenige, der die griffigste und massentauglichste Formulierung fand. Der Affekt des Zuschauers tendierte eh entweder zur belustigten Zustimmung oder zum Spruch, der Kritiker solle es doch erst einmal besser machen. In beiden Fällen wandte man sich der Literatur eher ab. Öhler sieht den Bedeutungsverlust auch darin begründet, dass im Fernsehen das "Ressentiment des arroganten Kritikers" drastisch bedient wurde. "Statt das Werk in Angriff zu nehmen", wurden "nicht ohne Häme Autoren vorgeführt". Jemand wie Marcel Reich-Ranicki, Selbstdarsteller par excellence, nutzte die Fernsehbühne zur Selbstdarstellung. Dabei war sein Kritikerbesteck etwa so ausgefeilt, als würde ein Chirurg mit einem Küchenmesser operieren wollen. Literatur und Kritik wurde zum Zirkus und Reich-Ranicki war der Clown. (#6)
Der Literaturdiskurs ist zu kostbar…
Warum all diese alten Geschichten aufwärmen? Ist es dieses Gefuchtel eigentlich wert? Im Herbst wird zum Beispiel ein herausragendes Buch von Uwe Tellkamp über die DDR der letzten Jahre erscheinen ("Der Turm"). Man könnte sich in sein Kämmerlein zurückziehen, das geniessen und generell seine Bücher lesen und sich daran erfreuen oder erzürnen.
Aber Literatur und der Literaturdiskurs sind zu kostbar, um sie ausschliesslich den Meinungsführern zu überlassen. Das ist der Antrieb so vieler Leserkritiker (auch der Stümper); das ist ihr Furor. In Abwandlung zu den Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als grosse Teile dessen, was wir inzwischen in den Feuilletons, im Radio und im Fernsehen als Literaturkritik angeboten bekommen, finden wir überall – und zur Not machen wir es uns noch selber, denn, so der Esel im Märchen: "Du hast eine gute Stimme".
So sind die Leserkritiker die erwachten Stimmen – auch (und trotz) all ihrer manchmal falsche Bildern, gewagten Verknüpfungen oder gelegentlichen Verirrungen. Aber all dies ist nicht reserviert für sie, sondern auch und gerade Bestandteil der professionellen Kritik. Die Verführung der dichotomischen Literaturkritik liegt in ihrem unverschämten, vereinfachenden Reduktionsmus.
Ich kann Leute wie Spiegel, Radisch, Matussek, Karasek, Heidenreich, Hartwig, Mangold und wie sie auch immer heissen, nicht mehr lesen und nicht mehr hören. Ich mag nicht glauben, dass dies die "Perlen" des Perlentauchers sind; sie sind höchstens Fallobst. Ich kann die Allüren und Selbststilisierungen dieser Feuilletonapparatschiks nicht mehr ertragen. Natürlich kann man sie ignorieren. Aber sie beeinflussen das, woran dem Leser gelegen ist. Längst usurpieren ihre Kriterien nicht nur die Auswahl der Verlage, sondern auch die Schreibstile der Autoren.
Dabei ist lässig-coole Gehabe von berufsjugendlichen Kritikersurrogaten, die ihren Zynismus rhetorisch spazieren führen auch keine Alternative; im Gegenteil: antipodisch zum Grosskritikerum imitiert man nur. Mit Netzarroganz ist die Grosskritikerarroganz nicht zu kontern. Sie macht es den konventionellen Verfechtern der Meinungsführerschaft nur unnötig leicht.
Der moderne Literaturkritiker sollte weder mit blasierter Geste seine "Belesenheit" zur Schau stellen noch sich in selbstgefällig-arrogantem Getöse ergehen oder gar mit wohlfeilen Plattitüden oder pseudo-investigativer Alarmismus-Rhetorik dem Publikum Honig ums Maul schmieren. Die Angst, der Leserkritiker trivialisiere den Literaturdiskurs, ist unbegründet. Jochen Jung ist einer der wenigen, der die neuen Möglichkeiten erkennt: "Das wahre Urteil ist am Ende das Summe aller Urteile". Jungs vorsichtige Annäherung sollte aufgegriffen werden. Den emphatischen Subjektivismus der Leserkritiker wird man auf Dauer nicht unterdrücken können. Man sollte ihn in den Diskurs einbinden. Bisher versucht man, durch Ignorieren den angekratzten Thron besetzt zu halten. Auf Dauer wird dies nicht funktionieren. Und das ist gut so.
---
#1 Peter Handke: "Marcel Reich-Ranicki und die Natürlichkeit" in: "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms" (st 56, 1972) - eine Reaktion auf Reich-Ranickis "Literatur der kleinen Schritte" von 1967. Eine holprige Transkription mit Hervorhebungen, die im Handke-Aufsatz nicht existieren, findet sich hier.
#2 Es geht im folgenden aber auch gar nicht nur um Reich-Ranicki – der muss (ein bisschen stellvertretend) für eine ganze Gruppe von Kritikern herhalten, die hier (ein bisschen ungenau) als "Grosskritiker" oder "Meinungsmacher" bezeichnet werden. Desweiteren ist zu erwähnen, dass nie die Person Reich-Ranicki gemeint ist, die hier angegriffen wird, sondern nur seine Position und wie er sie ausfüllt.
#3 Im folgenden eine ungenaue Rubrizierung für Essayisten, Feuilletonisten und Kritiker, die in den grossen, überregionalen Zeitungen, im Rundfunk und/oder Fernsehen einen herausgehobenen Status haben.
#4 Dass es auch im Fernsehen anders gehen kann, hat Hubert Winkels mit seiner "Bestenliste"-Sendung von 1998-2002 bewiesen. Die Sendung wurde jedoch vorsorglich derart ungünstig platziert (im SWR Freitag Nacht und auf 3sat Sonntags ungefähr ab 10.30 Uhr), dass der Quotengau schon vorprogrammiert war.
#5 Josef Haslinger: "Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm", Fischer, 1996
#6 Im Schatten des "Literarischen Quartett" stand der "Literaturclub" des Schweizer Fernsehens. Als die Sendung in den letzten Jahren des Quartetts von Daniel Cohn-Bendit moderiert wurde, der mit Kritikern wie Hardy Ruoss, Peter Hamm, Gabriele von Arnim, Gunhild Kübler oder Andreas Isenschmid seine bewusst teilweise naive Sicht in die Diskussion einbrachte, stelle sich dieses Element als ein belebendes heraus, was nach dem Wechsel der Moderation von Cohn-Bendit zum vollkommen verkopften Roger Willemsen (inzwischen wird die Sendung von Iris Radisch moderiert) noch deutlicher wurde. Zwar wurde der ästhetisch-theoretische Diskurs unter Willemsen sehr viel intensiver und das marktschreierische Gehabe eines Reich-Ranicki ist ihm natürlich fremd, aber in der bewussten Zelebrierung einer im germanistischen Duktus daherkommenden Aussenseiterposition liegt ein abschreckendes Element der Kritik für den durchschnittlich konditionierten Leser. Der möchte nämlich keine durchgestylte Diskurstheorie vorgekaut bekommen, die ihm erklärt, warum dieses Buch so und nicht anders zu bewerten ist, sondern er möchte Angebote erhalten, sich dieses Urteil selber zu bilden – durchaus in einer polarisierenden und geschliffenen Diskussion, die aber nicht oktroyierend daherkommen darf.
1968 schreibt der damals 25jährige Schriftsteller Peter Handke über Marcel Reich-Ranicki (#1):
Reich-Ranicki kann man mit Einwänden nicht kommen: er kennt die alte List, sich dumm zu stellen, weil er nicht argumentieren kann (und er ist nie fähig zu argumentieren, er äußert sich nur mit kräftigem rhetorischem Gestus). »Ich gestehe«, leitet er dann in der Regel seine Sätze ein. Nachdem er aber seine Verständnislosigkeit eingestanden hat, zieht er über das Nichtverstandene her.
Schliesslich bilanziert er:
Reich-Ranicki stellt sich schon lange keine Fragen über sich selbst mehr. Er, der unwichtigste, am wenigsten anregende, dabei am meisten selbstgerechte deutsche Literaturkritiker seit langem, kann freilich alle Angriffe mit seinem Kommuniquésatz abwehren: »Ein Literaturkritiker, der etwas taugt, ist immer eine umstrittene Figur.« Von mir aus ist Reich-Ranicki unumstritten.
Lassen wir die Motive, die für diesen Zornesausbruch vielleicht im Hintergrund lauerten, beiseite. Handke hat diese Schlussfolgerungen, die er nicht nur polemisch in den Raum stellt, sondern durchaus begründet, vielleicht bereut, denn natürlich war Reich-Ranicki nachtragend und hat später kaum ein gutes Haar an Handkes Prosa gelassen. Wer den Unfehlbarkeitsnimbus des bereits damals fast theokratisch agierenden Reich-Ranicki anzweifelte, wurde entweder verrissen, oder – die höchste Strafe – gar nicht erst beachtet; man galt (und gilt) als Paria (#2). Man hat gelegentlich den Eindruck, derjenige mit den meisten Paria im Garten sei der wirkungsmächtigste und wichtigste Kritiker.
Angst vor den "Massen"
Ausgerechnet diese verstärkt auf persönliche Animositäten und ästhetische Degenerationen fixierten Grosskritiker (#3) und deren servile Assistenten, die irgendwann das lockende Erbe antreten wollen, mokieren sich über die von ihnen abschätzig als "Laienkritiker" denunzierten Leserkritiker, die in Blogs oder anspruchsvollen Online-Literaturmagazinen Kritiken veröffentlichen und ihre Leseerlebnisse formulieren. David Hugendicks Beitrag aus der "Zeit" erscheint in der Textzeile nicht mit seinem Titel ("Jeder spielt Reich-Ranicki") sondern mit der rhetorisch-effekthascherischen Frage "Wie gefährlich sind Laienkritiken?" Als würden Scharlatane ein unwirksames Medikament massenhaft zum Wucherpreis verkaufen ("Millionen von Laienkritikern" sieht der Autor alarmiert). Fehlt nur noch der Einwand, etliche Leserkritiker schrieben unter "Pseudonym" – als sei die Liste unter Pseudonym schreibender Schriftsteller (und Kritiker) nicht imposant genug.
Da werden Beispiele dümmlicher sogenannter Kurzrezensionen angeführt, als seien diese repräsentativ. Es wird vom "Kult der Amateure" gedröhnt, gar ein Kulturverfall als Möglichkeit angedeutet. "Myriaden" von Kurzrezensionen würden ein "Paralleluniversum" ergeben, allerdings "meistens fern der analytischen Auseinandersetzung mit Literatur", wie der Autor süffisant anmerkt, aber immerhin Parallelen zwischen der Meinungs- und Lebenshilferhetorik à la Heidenreich und diesen Leserrezensionen entdeckt.
Er vergisst, dass bei Heidenreich und beispielsweise Dennis Scheck (das ist der Mann, der Bücher, die ihm nicht gefallen, einfach wegwirft) in einem fort und bis an die Grenze zur Peinlichkeit Lobeshymen ausgeteilt werden, und zwar teilweise für derart banales Geschreibe, dass man sich dem Lob des Verrisses von Andreas Öhler in diesem Punkt unbedingt anschliessen muss. Öhler konstatiert eine Neigung des heutigen Kritikers zum "Allerweltsfreund". Da agierten etliche "zuweilen opportunistisch als dienstbare Geister des Marktes", statt "ihren Geist in den Dienst einer grossen tapferen Tradition zu stellen".
Der vom Literaturbetrieb unabhängige Leserkritiker ist eine Bedrohung
Welchen Geist? möchte man da böse fragen. Wer für ein neunzig Sekunden Filmchen mit "Tintenherz"-Schöpferin Cornelia Funke zum small talk nach Los Angeles kommt, um ihr einen Lesetip zu entlocken – wie frei ist der nachher, bei der "Besprechung" der "Spiegel"-Bestsellerliste diese Bücher durchfallen zu lassen? Sie werden es erraten: Er schmeisst sie natürlich nicht weg. Seine billige Erregung gelten Leuten wie Paulo Coelho oder Hape Kerkeling. Scheck wirkt wie ein Boxer, der als sich als Schwergewicht generiert, aber nur gegen Leichtgewichtler boxt. Er, der Totengräber jeder literaturästhetischen Diskussion, degeneriert zur Barbiepuppe des Literaturkommerzes. (Fn4)
Fest steht, dass immer mehr Leser von der durchweg passiven Rezeption (Lesen des Buches und der Kritik[en]) eine aktivere (die Kritik wird selber geschrieben) wählen. Man kann dies mit dem Aufkommen der "Do-It-Yourself"-Bewegung vergleichen, die seinerzeit ebenfalls zu den patzig-trotzigen, meist abschätzigen Kommentaren der betroffenen Berufsgruppe führten.
Natürlich sind viele der Leserkritiken schlecht, oberflächlich und teilweise von possierlicher Ahnungslosigkeit. Häufig werden Klappentexte zitiert (die "Perlentaucher"-Rezensionssammlungen nachahmend) und darunter prangt dann "meine Meinung" und vielleicht noch eine Sternchen- oder Punktwertung. Dort wird Meinung mit Kritik verwechselt – ein Fehler, der im übrigen den Meinungsmachern, die ihre Weltanschauung zunehmend immer gleich mit verramschen, nicht so fremd ist. Und natürlich gibt es den literarisch ambitionierten Dummkopf, der zum Beispiel die Figuren von Stefan Zweig blass findet und dem Autor vorwirft, er könne keine Stimmung erzeugen.
Das ist natürlich ein willkommener Anlass, Leserkritiker in Sippenhaft zu nehmen. Aber wer käme auf die Idee, Alfred Kerrs Verriss von Thomas Manns "Tod in Venedig" als Anlass für die Bedeutungslosigkeit der Kritik an sich zu nehmen? Es gibt sehr wohl fundierte Leserkritik, die sich oft genug vom drögen, phrasenhaften Germanistenjargon wohltuend unterscheidet ohne gleich in banale Flachheiten zu verfallen. Vielen Leserkritikern merkt man die Leidenschaft an der Literatur an. Das alleine reicht natürlich nicht aus, ist aber unabdingbare Voraussetzung – wichtiger als jede noch so gute Formalqualifikation. So stellte Richard Sennett neulich fest, dass für den Handwerker Motivation wichtiger sei als Talent.
Das fallbeilartige Verdammungsurteil, welches Öhler zum aufklärerischen Richterspruch im Geiste Kants verklärt, ist seriösen Leserkritikern meistens fremd; sie erhalten sich in der Regel einen Rest Respekt und vermeiden die Hybris des Allwissenden. Aber nimmt man Öhlers Polemik einmal als Wunsch, sich auch mit dem abseitigen, bisher gerne ignorierten zu beschäftigen, auch mit der Gefahr, es "verreissen" zu müssen, dann plädiert auch er für eine intensivere Text- bzw. Werkauseinandersetzung. Verriss bedeutet ja nicht, ein Buch wie weiland Reich-Ranickis "Ein weites Feld" von Günter Grass auf dem Titelblatt physisch zu zerreissen. Leserkritiker maßen sich nicht per se an, Autor und auch Leser belehren zu wollen. Sie wissen, es gibt Grautöne und die dumme Dichotomie des "gut oder schlecht", des Daumen hoch oder Daumen runter ist eine Trivialisierung der Literatur und Literaturkritik. Wie absurd mutet es da an, Bücher als "Fälle" zu "behandeln".
Dennoch entgleiten sie nicht in liebedienerischer Sanftheit. Sie haben den unverdorbenen Blick und sie können ihn im Idealfall fruchtbar machen. Keine Redaktion sagt ihnen, was man vielleicht noch hineinzuschreiben habe (oder weglassen soll). Kein Verlag ködert sie, im Falle einer milden oder gar guten Rezension ein eigenes Buch prominent platzieren zu können. Kein Mainstream sagt ihnen auf welcher Welle sie im Moment besser schwimmen, um vielleicht einmal Feuilleton-Chef zu werden. Sie haben die Chance, sich dem Zeitgeist (von Martin Walser unlängst eindringlich beschrieben) zu widersetzen. Sie können Stachel im Fleisch des bräsigen Literaturklüngels sein. Es gibt Kritiken von Leserkritikern, die (vielleicht nach ein bisschen Redigierung) keinen Vergleich mit den manchmal so blutleeren, von "arrivierten" Kritikern verfassten Rezensionen beispielsweise aus "Zeit", "F.A.Z." oder "Süddeutsche Zeitung" zu scheuen brauchen ("Spiegel" sowieso).
Emphatische Subjektivität
Der Grund für die vehementen Tiraden wider die Leserkritik liegt sowohl im drohenden Verlust der Deutungshoheit als auch in der narzisstischen Kränkung, die den professionellen Kritikern durch Leute zugefügt wird, die zum Teil noch etwas kultivieren, was sie selbst längst in jahrelangem Redaktionseinerlei verloren haben, etwas, was im automatisierten Lesen im Akkordtempo und der häufig desillusionierenden Bekanntschaft mit den Dichtern, die sie doch einst so verehrt hatten, verpuffte: Leidenschaft, Enthusiasmus und, Josef Haslinger jetzt paraphrasierend, "emphatische Subjektivität" (#5). Und dies alles – es wurde schon angesprochen – basiert auf Unabhängigkeit.
Hinzu kommt, dass sich das Feuilleton (unverändert) als elitär generiert – und sich die Protagonisten damit selber in eine intellektuelle Jet-Setposition befördern. Sie übertragen ihre Verachtung der Massen und der Massenkultur (ein alter Topos auch und vor allem unter deutschen Intellektuellen) auf die Rezeption von Literatur. Ähnlich den Restaurationskräften im 19. Jahrhundert, die an einer Beteiligung des "gemeinen Volkes" den Untergang des Abendlandes festmachten, sehen sie eine Bedrohung darin, die "Sache" der Literatur dem gemeinen Massengeschmack preiszugeben.
Sie kompensieren diese Ängste durch die Pflege eines paternalistischen Gebarens, getarnt mit der Attitüde des fürsorglichen "Leserbeschützers". Beispielsweise Dennis Scheck, der in seiner Sendung "druckfrisch" mit einem Mikrofon durch eine Buchhandlung streift und versucht, Menschen an Bücherregalen ein Buch zu empfehlen. Warum Scheck auf die Antwort "Alles" auf die Frage "Was lesen Sie denn gerne?" ein Buch dieses oder jenes Schriftstellers empfiehlt, bleibt sein Geheimnis. Es ist dieser peinlich-besserwisserische Habitus des Missionars, der abstrus und überholt daherkommt (oder auch einfach nur komisch). Und wie alle Missionare verachten sie insgeheim diejenigen, die sie missionieren wollen.
Vorbei auch die Zeiten, als es dem Leser genügte, im "Literarischen Quartett" vier Menschen über Bücher streiten zu sehen. Der Zuschauer hatte kaum Zeit und Möglichkeit, wenigstens eines der Bücher im Vorfeld zu lesen. Das Anschauen des Quartetts galt als Surrogat – wer das gesehen hatte, konnte über die Bücher diskutieren, ohne sie gelesen zu haben. So urteilte man letztlich über etwas, was man nicht kannte (ein Phänomen, das aufmerksame Zuschauer bei der Betrachtung der Sendung häufiger auch bei den Protagonisten bemerken konnte).
Da man den vorgebrachten Argumenten der Kritiker nur eingeschränkt folgen konnte, punktete derjenige, der die griffigste und massentauglichste Formulierung fand. Der Affekt des Zuschauers tendierte eh entweder zur belustigten Zustimmung oder zum Spruch, der Kritiker solle es doch erst einmal besser machen. In beiden Fällen wandte man sich der Literatur eher ab. Öhler sieht den Bedeutungsverlust auch darin begründet, dass im Fernsehen das "Ressentiment des arroganten Kritikers" drastisch bedient wurde. "Statt das Werk in Angriff zu nehmen", wurden "nicht ohne Häme Autoren vorgeführt". Jemand wie Marcel Reich-Ranicki, Selbstdarsteller par excellence, nutzte die Fernsehbühne zur Selbstdarstellung. Dabei war sein Kritikerbesteck etwa so ausgefeilt, als würde ein Chirurg mit einem Küchenmesser operieren wollen. Literatur und Kritik wurde zum Zirkus und Reich-Ranicki war der Clown. (#6)
Der Literaturdiskurs ist zu kostbar…
Warum all diese alten Geschichten aufwärmen? Ist es dieses Gefuchtel eigentlich wert? Im Herbst wird zum Beispiel ein herausragendes Buch von Uwe Tellkamp über die DDR der letzten Jahre erscheinen ("Der Turm"). Man könnte sich in sein Kämmerlein zurückziehen, das geniessen und generell seine Bücher lesen und sich daran erfreuen oder erzürnen.
Aber Literatur und der Literaturdiskurs sind zu kostbar, um sie ausschliesslich den Meinungsführern zu überlassen. Das ist der Antrieb so vieler Leserkritiker (auch der Stümper); das ist ihr Furor. In Abwandlung zu den Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als grosse Teile dessen, was wir inzwischen in den Feuilletons, im Radio und im Fernsehen als Literaturkritik angeboten bekommen, finden wir überall – und zur Not machen wir es uns noch selber, denn, so der Esel im Märchen: "Du hast eine gute Stimme".
So sind die Leserkritiker die erwachten Stimmen – auch (und trotz) all ihrer manchmal falsche Bildern, gewagten Verknüpfungen oder gelegentlichen Verirrungen. Aber all dies ist nicht reserviert für sie, sondern auch und gerade Bestandteil der professionellen Kritik. Die Verführung der dichotomischen Literaturkritik liegt in ihrem unverschämten, vereinfachenden Reduktionsmus.
Ich kann Leute wie Spiegel, Radisch, Matussek, Karasek, Heidenreich, Hartwig, Mangold und wie sie auch immer heissen, nicht mehr lesen und nicht mehr hören. Ich mag nicht glauben, dass dies die "Perlen" des Perlentauchers sind; sie sind höchstens Fallobst. Ich kann die Allüren und Selbststilisierungen dieser Feuilletonapparatschiks nicht mehr ertragen. Natürlich kann man sie ignorieren. Aber sie beeinflussen das, woran dem Leser gelegen ist. Längst usurpieren ihre Kriterien nicht nur die Auswahl der Verlage, sondern auch die Schreibstile der Autoren.
Dabei ist lässig-coole Gehabe von berufsjugendlichen Kritikersurrogaten, die ihren Zynismus rhetorisch spazieren führen auch keine Alternative; im Gegenteil: antipodisch zum Grosskritikerum imitiert man nur. Mit Netzarroganz ist die Grosskritikerarroganz nicht zu kontern. Sie macht es den konventionellen Verfechtern der Meinungsführerschaft nur unnötig leicht.
Der moderne Literaturkritiker sollte weder mit blasierter Geste seine "Belesenheit" zur Schau stellen noch sich in selbstgefällig-arrogantem Getöse ergehen oder gar mit wohlfeilen Plattitüden oder pseudo-investigativer Alarmismus-Rhetorik dem Publikum Honig ums Maul schmieren. Die Angst, der Leserkritiker trivialisiere den Literaturdiskurs, ist unbegründet. Jochen Jung ist einer der wenigen, der die neuen Möglichkeiten erkennt: "Das wahre Urteil ist am Ende das Summe aller Urteile". Jungs vorsichtige Annäherung sollte aufgegriffen werden. Den emphatischen Subjektivismus der Leserkritiker wird man auf Dauer nicht unterdrücken können. Man sollte ihn in den Diskurs einbinden. Bisher versucht man, durch Ignorieren den angekratzten Thron besetzt zu halten. Auf Dauer wird dies nicht funktionieren. Und das ist gut so.
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#1 Peter Handke: "Marcel Reich-Ranicki und die Natürlichkeit" in: "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms" (st 56, 1972) - eine Reaktion auf Reich-Ranickis "Literatur der kleinen Schritte" von 1967. Eine holprige Transkription mit Hervorhebungen, die im Handke-Aufsatz nicht existieren, findet sich hier.
#2 Es geht im folgenden aber auch gar nicht nur um Reich-Ranicki – der muss (ein bisschen stellvertretend) für eine ganze Gruppe von Kritikern herhalten, die hier (ein bisschen ungenau) als "Grosskritiker" oder "Meinungsmacher" bezeichnet werden. Desweiteren ist zu erwähnen, dass nie die Person Reich-Ranicki gemeint ist, die hier angegriffen wird, sondern nur seine Position und wie er sie ausfüllt.
#3 Im folgenden eine ungenaue Rubrizierung für Essayisten, Feuilletonisten und Kritiker, die in den grossen, überregionalen Zeitungen, im Rundfunk und/oder Fernsehen einen herausgehobenen Status haben.
#4 Dass es auch im Fernsehen anders gehen kann, hat Hubert Winkels mit seiner "Bestenliste"-Sendung von 1998-2002 bewiesen. Die Sendung wurde jedoch vorsorglich derart ungünstig platziert (im SWR Freitag Nacht und auf 3sat Sonntags ungefähr ab 10.30 Uhr), dass der Quotengau schon vorprogrammiert war.
#5 Josef Haslinger: "Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm", Fischer, 1996
#6 Im Schatten des "Literarischen Quartett" stand der "Literaturclub" des Schweizer Fernsehens. Als die Sendung in den letzten Jahren des Quartetts von Daniel Cohn-Bendit moderiert wurde, der mit Kritikern wie Hardy Ruoss, Peter Hamm, Gabriele von Arnim, Gunhild Kübler oder Andreas Isenschmid seine bewusst teilweise naive Sicht in die Diskussion einbrachte, stelle sich dieses Element als ein belebendes heraus, was nach dem Wechsel der Moderation von Cohn-Bendit zum vollkommen verkopften Roger Willemsen (inzwischen wird die Sendung von Iris Radisch moderiert) noch deutlicher wurde. Zwar wurde der ästhetisch-theoretische Diskurs unter Willemsen sehr viel intensiver und das marktschreierische Gehabe eines Reich-Ranicki ist ihm natürlich fremd, aber in der bewussten Zelebrierung einer im germanistischen Duktus daherkommenden Aussenseiterposition liegt ein abschreckendes Element der Kritik für den durchschnittlich konditionierten Leser. Der möchte nämlich keine durchgestylte Diskurstheorie vorgekaut bekommen, die ihm erklärt, warum dieses Buch so und nicht anders zu bewerten ist, sondern er möchte Angebote erhalten, sich dieses Urteil selber zu bilden – durchaus in einer polarisierenden und geschliffenen Diskussion, die aber nicht oktroyierend daherkommen darf.
Gregor Keuschnig - 2008-08-20 13:43


Etwas Probleme habe ich damit, dass Sie die, ich nenne sie jetzt mal: „ernsthafte Feuilletonkritik“ mit den populären TV-Büchershows a la Heidenreich, Scheck oder Literarisches Quartett in einen Topf werfen. Erstens werden jeweils völlig verschiedene Zielgruppen angesprochen und zweitens sehe ich diese TV-Shows gar nicht so kritisch, werden dort doch plötzlich Menschen erreicht und zum Lesen angeregt, die ansonsten mit Büchern nur wenig am Hut haben. Das halte ich für einen Wert an sich, selbst wenn dabei mit Sicherheit auch kommerzielle Interessen im Spiel sind.
Machen Sie sich mal die Mühe und vergleichen die aktuelle "Long-List" für den Deutschen Buchpreis mit den in "Lesen!" besprochenen Büchern - ich habe nur Walser gefunden. Kein Handke, kein Beyer, kein Bärfuss - nichts. Von Tellkamps "Der Turm" nicht zu reden; das Buch erscheint erst im September. Die Bücher, die in den letzten Jahren den Buchpreis gewonnen haben oder in der "Short-List" waren - nichts. Bei Frau Heidenreich kommt es nur auf die Gesinnungskultur an - und nicht auf Ästhetik. Grässlich. Aber das hat si emit einigen Feuilletons durchaus gemein.