"Du hast eine gute Stimme" oder: Versuch wider die Hochmütigen
Plädoyer für den Leserkritiker
1968 schreibt der damals 25jährige Schriftsteller Peter Handke über Marcel Reich-Ranicki1:
Schliesslich bilanziert er:
Lassen wir die Motive, die für diesen Zornesausbruch vielleicht im Hintergrund lauerten, beiseite. Handke hat diese Schlussfolgerungen, die er nicht nur polemisch in den Raum stellt, sondern durchaus begründet, vielleicht bereut, denn natürlich war Reich-Ranicki nachtragend und hat später kaum ein gutes Haar an Handkes Prosa gelassen. Wer den Unfehlbarkeitsnimbus des bereits damals fast theokratisch agierenden Reich-Ranicki anzweifelte, wurde entweder verrissen, oder – die höchste Strafe – gar nicht erst beachtet; man galt (und gilt) als Paria 2. Man hat gelegentlich den Eindruck, derjenige mit den meisten Paria im Garten sei der wirkungsmächtigste und wichtigste Kritiker.
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1968 schreibt der damals 25jährige Schriftsteller Peter Handke über Marcel Reich-Ranicki1:
Reich-Ranicki kann man mit Einwänden nicht kommen: er kennt die alte List, sich dumm zu stellen, weil er nicht argumentieren kann (und er ist nie fähig zu argumentieren, er äußert sich nur mit kräftigem rhetorischem Gestus). »Ich gestehe«, leitet er dann in der Regel seine Sätze ein. Nachdem er aber seine Verständnislosigkeit eingestanden hat, zieht er über das Nichtverstandene her.
Schliesslich bilanziert er:
Reich-Ranicki stellt sich schon lange keine Fragen über sich selbst mehr. Er, der unwichtigste, am wenigsten anregende, dabei am meisten selbstgerechte deutsche Literaturkritiker seit langem, kann freilich alle Angriffe mit seinem Kommuniquésatz abwehren: »Ein Literaturkritiker, der etwas taugt, ist immer eine umstrittene Figur.« Von mir aus ist Reich-Ranicki unumstritten.
Lassen wir die Motive, die für diesen Zornesausbruch vielleicht im Hintergrund lauerten, beiseite. Handke hat diese Schlussfolgerungen, die er nicht nur polemisch in den Raum stellt, sondern durchaus begründet, vielleicht bereut, denn natürlich war Reich-Ranicki nachtragend und hat später kaum ein gutes Haar an Handkes Prosa gelassen. Wer den Unfehlbarkeitsnimbus des bereits damals fast theokratisch agierenden Reich-Ranicki anzweifelte, wurde entweder verrissen, oder – die höchste Strafe – gar nicht erst beachtet; man galt (und gilt) als Paria 2. Man hat gelegentlich den Eindruck, derjenige mit den meisten Paria im Garten sei der wirkungsmächtigste und wichtigste Kritiker.
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Gregor Keuschnig - 2008-08-20 13:39


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