Do-It-Yourself

Was der Spiegel übersieht.

Die ganze Diskussion erinnert mich fatal an das Aufkommen der "Do-It-Yourself"-Bewegung, die in Deutschland irgendwann Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre durchbrach. Kern war ja nicht, dass jemand in seinem Häuschen oder Wohnung kleinere Reparaturen vornahm oder der heute noch teilweise in Dörfern praktizierte "Austausch" von Fertigkeiten untereinander (der Schreiner hilft dem Fliesenleger und vice versa).

Hingabe und engagiertes Tun

Es ging um die Ermöglichung einer Autarkie von dem, was (1.) viel Geld kostete und (2.) dann doch qualitativ hinter dem zurückfiel, was man sich vorstellte. Im Wirtschaftswunderland wurde seinerzeit oft genug handwerklich unzureichend gearbeitet (inzwischen werden die ersten Bauten, in den 60er Jahren hastig errichtet, abgerissen). Handwerker sein hiess damals: Man hatte keine Zeit - und nicht genug Fachkräfte. Der Wohnungs- oder gar Häuslebesitzer war mit dem angebotenen nicht mehr zufrieden. Der Heimwerker wurde erschaffen – anfangs belächelt, später wenn nicht bewundert, dann geachtet. Und wie so oft wurde der Trend vom Fernsehen aufgegriffen – und massenkompatibel gemacht. "Vollendet" wurde diese Entwicklung durch die Baumärkte, die dieses Konzept perfekt umsetzten, in dem sie alle Produkte für den Massenverkauf zur Verfügung stellten.

Man erinnere sich an das Lamento der alteingesessenen Handwerker. Der Amateur imitierte und kopierte ihre Fertigkeiten. Was sie mit routinierter Lieblosigkeit machten, erledigte der dilettierende Heimwerker mit Hingabe (und also besser!). Richard Sennett definiert in seinem Buch "Handwerk" Handwerker als Menschen die ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen und sie um ihrer selbst willen gut machen wollen. Ihre Arbeit sei nicht nur Mittel zu einem anderem Zweck. Der Handwerker, so Sennett, steht für die besondere menschliche Möglichkeit engagierten Tuns.

Dieses engagierte Tun wurde des Heimwerkers Leitlinie. Es war "meine" Wand, die tapeziert werden musste; "mein" Fenster, was er einsetzte, "mein" Regal, dass man bastelte – und war dann eben "mein" Fehler, wenn ich etwas falsch machte. Aber wie leicht es vielen fiel, das vormals so bewunderte Wissen, die bewunderte Fertigkeit selber durchzuführen! Es fand eine Entzauberung des Handwerkers statt (Sennett versucht diesen Zauber wieder herbeizuschreiben; mit eminentem Wissen und - Furor), die bis heute anhält.

DIY für Texte

Bloggen ist ja nichts anderes als die Möglichkeit, "Do-It-Yourself" für Texte zu praktizieren. Baumärkte sind hier die Bloghoster. In wenigen Minuten ist jeder sein eigener Schreiber. Die entzauberten Handwerker sind die Journalisten, die über die Jahre ihre investigative Ader zu Gunsten des Abschreibens von Agenturmeldungen ersetzt haben. Begünstigt wird dies durch das Internet, welches auch Nachrichten abseits gängiger Mainstream-Agenturmeldungen anbietet (allerdings mit gelegentlich nicht zu unterschätzendem Fehlerpotential – welches aber durchaus vom Laienschreiber gegenrecherchiert wird).

Blogger haben sehr oft ein Nischenwissen, welches sie im blossen Schreiberbrei nicht ausreichend berücksichtigt sehen. Sie sind in der Regel nicht von der Hybris befallen, von Allem Alles zu wissen. Aber vielleicht muss man in diesen Richterstatus fallen, weil man jahrzehntelang gehört hat, man sei die vierte Gewalt. In Anbetracht grosser Teile des real-existierenden Journalismus kommt diese Feststellung einer Drohung gleich, die alltäglich (oder allwöchentlich) in diversen Medienerzeugnissen greifbar und fassbar ist: Schlagzeilentrendiges statt seriöser Recherche. Und neuerdings Reportagen, in der der Autor als Hauptdarsteller wie ein Zirkusdompteur durch den Beitrag wuselt (man vermisst im Abspann den "eingekleidet von"-Hinweis).

Mit der Attitüde abgewiesener Verehrer

Was ist also an Bloggern arroganter als an diesen mit zum Teil sechsstelligen Gehältern gut situierten Robin-Hood-Nachahmern? Vom Katzenblog, der sich in auf Privates und Intimes konzentriert und dies - hautnaher und tatsächlich manchmal trefflicher als jede soziologische Studie – kommuniziert, über den Fussballblogger, dessen ausgewogenes Urteil so manchem Pseudoexperten anstehen würde, zum den engagierten Ostlinken, der sich mit dem Kapitalismus nicht abzufinden vermag bis zum Literaturkritikersurrogaten – alle haben "ihre" Sprache gefunden und Gleichgesinnte, die ihnen Relevanz zugestehen und den leidenschaftlichen Amateur dem profanen Abschreiber und Bildergalerie-Entwerfer vorziehen.

Diejenigen, sie sich mit der Attitüde abgewiesener Verehrer nun dem Leser vor die Wahl "Der oder ich!" stellen, reagieren im Stile beleidigter Wursterzeugnisse, wenn die Antwort in speziellen Fällen "Die!" lautet, statt des erhofften "Du". Ihr Verlust an Souveränität muss gross sein – anders ist diese Attitüde kaum verständlich.

Dass Blogger In Deutschland nicht die Durchdringung wie in den USA haben, liegt an mindestens drei, bei näherem Nachdenken offensichtlichen Punkten: Erstens gab es in Deutschland kein so allgemeines Versagen des Journalismus wie in den USA in den Jahren 2001-03 (mündend im Irakkrieg 2003). Zweitens ist die "Szene" der Blogger sehr viel länger in den USA aktiv als in Deutschland. Und drittens gibt es in den USA ein grundlegend anderes kulturelles Verständnis über die Meinungen anderer.

Hinzu kommt, dass in Deutschland jahrzehntelang die Eindimensionalität in den Medien nicht nur konserviert, sondern kultiviert wurde. Wie soll eine Gesellschaft, in der das passive Konsumverhalten im Nachrichten- und Informationswesen sozusagen weitervererbt wurde, innerhalb weniger Jahre verändert werden? Die Bloggerszene in Deutschland befindet sich – ungeachtet etlicher Perlen (und auch katastrophaler Auswüchse) - immer noch in einem strukturellen Aufbau; einem Verfahren des "Trial and Error" – die Basis dessen, wie Professionalität irgendwann entsteht (auch das ist jetzt nach Sennett paraphrasiert).

In dem der Spiegel beispielsweise Stefan Niggemeier als Beta-Blogger in einem selten dämlichen Wortspiel darstellt und seinem Möchtegern-Rebellen Broder, der nur wartet, bis der Mainstream feststeht, um dann in aller bräsigen Bequemlichkeit die Gegenposition zu übernehmen [bei entsprechender Notwendigkeit würde er auch bestreiten, dass 2 + 3 = 5 ergibt]) damit die Stange hält, disqualifizieren sich die Autoren selber, weil sie keine Kriterien definieren, sondern Geschmacksurteile fällen – und damit exakt das tun, was sie den "Bloggern" vorwerfen. Das ist in etwa so, als würde der Tiger die anderen hinter Gitter vermuten.

Dieses Verhalten kennt man zur Genüge. Und als Kind galt das Buch an sich als der Quell des Übels (sogar manchmal des Bösen). Lesen verdarb den Charakter – mindestens aber die Augen. Zwei Generationen später wäre man froh, wenn mehr gelesen würde und verwechselt das Lesen mit dem, was gelesen wird (oder gelesen werden soll). Geradezu lächerlich der Vorwurf, Blogger wären einseitig – lächerlich, wenn man die unverhohlen lobbyistische Einseitigkeit der Journalisten sieht – zum Beispiel beim Thema "Blogs".

So sieht also Berichterstattung im Jahre 2008 vom (angeblich) führenden deutschen Nachrichtenmagazin aus. Der Friseur merkt, wenn ein Amateur die Haare geschnitten hatte. Er wird nie anerkennen, wenn diese laienhafte Arbeit gut war. Er wird das finden, was er bei sich niemals finden würde. Viele werden es wohl nie verkraften, dass inzwischen der Laie auch die Fehler des vermeintlichen Meisters findet. Es ist ein schwaches Zeichen, sich herausreden zu wollen. Und ein noch schwächeres, sich in Abfälligkeit zu flüchten.

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Gregor Keuschnig - 2009-11-06 20:40
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Und derart treibt's auch mancher Mensch.
Gedankenpflug (Gast) - 2009-11-06 19:24
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Thorsten Wiesmann (Gast) - 2009-11-04 12:47
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Gregor Keuschnig - 2009-11-03 13:14
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lou-salome - 2009-11-03 13:05

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steppenhund - 2009-11-08 12:48
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begleitschreiben - 2009-11-06 20:40

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