Hatte mir gestern Abend die erste Lesung angesehen, diese ins Medial-"urbahn legend"-überhöhte Polit- & Reportage-Ding - gefiel mir von der Idee eigentlich gut, dazu dieser starke Bachmann-Bezug (zu Celan), und genug exotisch-historisches Material lag auch da drin...
Aber die Ausführung fand ich dann auch betulich bis zur Putzigkeit, viel Redundanz, sprachlich uninspiriert etc.
Mein Gedanke will aber auch an Ihren anschließen: Könnte man sich das Extravagante entlegenen Geistes heute denn noch leisten - ja, könnte man es an-erkennen? (Der Einzelne sicher, aber könnte es sich innerhalb des derart Vor-Geregelten Settings durchsetzen? Gäbe es genug unverstellten Geist, es sich ereignen zu lassen?)
Vor Monaten hatte "edit" (Lit-Mag aus Leipzig) mal das Experiment gestartet, Kafkas "Broskwa-Skizze" verschiedenen Lektoren vorzulegen - von Kafka blieb da nicht mehr viel. Kann sein, man muss "das Falsche" erst mal ausmerzen, bevor man es dann wieder zulassen kann. Aber die Stromlinienförmigkeit als Form bringt es nun auch nicht. Der Mainstream - müsste ihn nicht mit Mahlstrom übersetzen?
All die guten Zureder und Auskenner, die angeblich mit dem Richtigen vertrauten usw., die lektoren und Veröffentlicher, dazu dieser Medienabrieb... der "Betrieb" frisst sich irgendwie selbst. Oder?
Schade.
(Übrigens wohltuend noch mal als entscheidender Vorteil bei Aufzeichnungen ist eben, dass man Onkel Moor et. al. und das ganze Drumherum fast überspringen kann... )
an einen zwar trivialen, aber irgendwie treffenden Film: Zurück an den Absender. Wie im Link erläutert, handelt es sich um einen Pförtner in einem Verlag (Rudolf Platte), der die abgelehnten Romanmanuskripte wieder zurückschicken muss. Durch Zufall fällt ihm ein Skript in die Hände, er liest es und findet es toll. Irgendwie gelingt es ihm, seinen Chef zu überzeugen. Das Buch wird ein Sensationserfolg. Der Verleger meint nun, den Pförtner sozusagen als Lektor anstellen zu müssen, was natürlich Argwohn bei den bisherigen Lektoren hervorruft. Die legen ihm ein "Kuckucksei" ins Nest - Hemingway - und ergötzen sich an des Pförtners Ablehnung.
Dieser Film ist von 1981 (ich erinnere mich merkwürdigerweise heute irgendwie alter Filme) und ich glaube, dass er auch heute noch viel aussagt (übrigens auch über die Kraft und Kraftlosigkeit von so etwas wie Blogs). Einerseits ist dem Dilettanten (ich bn ja selber auch einer) eine gewisse Naivität eigen, die den "Eingeweihten" irgendwann abhanden gekommen ist. Andererseits suggeriert der Film, dass dieser "Zauber" des "Idioten" nicht von Dauer ist - beim nächsten "Fall" versagt er.
Ich glaube zwar nicht, dass dieser Zauber sich so schnell verflüchtigt (das musste wohl aus dramaturgischen Gründen sein), aber das eine Integration in so etwas wie "Betrieb" Blicke trüben und Urteile verändern kann - dessen bin ich mir ziemlich sicher. Und das dies nicht unbedingt von Vorteil ist, auch. Ich halte allerdings dagegen, dass es sich nicht um einen Automatismus handeln muss (Parallelen gibt es in der Politik - wenn eine Oppositionspartei irgendwann in die Regierung kommt und in den Institutionalisierungen unter Umständen versinkt). Und vielleicht deshalb so viele Käuze im "Betrieb", die aber - ob sie wollen oder nicht - irgendwann immer vereinnahmt werden.
Ich will nicht verhehlen, dass mich dieser Film - trotz seiner ästhetisch eher bescheidenen Ausführung - immer wieder beschäftigt hat. Denn es ist ja theoretisch nicht sicher, dass jemand, der Hemingway abgelehnt hat, für immer und ewig ein Versager ist. Und irren müsste jeder dürfen. Und irgendwie glaube ich, dass der Pförtner zu schlecht weggekommen ist. Einem Gericht gehören doch auch Laienrichter an, oder?
Schauen Sie eigentlich auch die Diskussionen? Machen Sie sich auf etwas gefasst. Ijoma Mangold mutiert im Laufe des Bewerbs zum Dieter Bohlen von Klagenfurt.
Letzlich leben alle „Urteile“ ja auch durch ihre Umstrittenheit bzw. den Weg, sie zu gewinnen. Ich finde Ihren Einfall in dem Zusammenhang sehr schlüssig.
(Übrigens, apropos „alte Filme“: mir kommen überraschend genug oft auch welche... Und bei Hemingway, nie ein Favorit von mir, muss ich immer an Arno Schmidt denken, der ihn damals auf seine kauzige Art ablehnte: „...stinkt mich an“. Und wer wäre heute mehr präsent? Der weltläufige, aber schon historische H. oder der kleinteilig-solpsistische, zumindest aber doch oft originelle Kleinbürger S.? )
Soll sagen, dass alle Urteile ja auch ihre Bedingtheit in sich tragen, dass einem das aber als sogar eventuell bewusstes Wissen darum nicht weiterhilft. Außerdem gehört eine gewisse Portion Blindheit dazu, um so mehr zum ästhtetischen Urteil, da man unmöglich alles Relevante jederzeit mit-berechnen kann. (Heimlich bewundere ich immer die Unumstößlichkeit von Leuten wie Boris Groys oder Bazon Brock, aber zweifeln will ich doch!)
Ich hatte, glaube ich, auch vergessen darauf hinzuweisen, dass die Lektoren den Verfassernamen zu „Broskwa“ natürlich nicht kannten. Aber das verschärft die Frage: Kann man dem Text-Gott Kafka, dem Souverän von zugleich weitgehendster Textverschlankung und Extremausdeutbarkeit kleinmäklerisch in die Grammatik fahren, die Satz-Musik (die ich immerhin bei ihm höre)? Oder wie könnte man erkennen, dass hier erst einmal ein anderer Geist am Werke ist, dem man per se Großmütigkeit schuldig wäre? Und dass man daran die eigene Weitsicht wachsen sähe?
Das verweist noch mal auf den „Kauz“, für dessen Moment an Andersartigkeit ich erst mal einen Vorschuss an Toleranz zahle... während das gleich auf gut temperierter Tonlage Gelungene mich unfroh stimmt.
Ich würde also sagen – so lautet aber auch eh die gut mittelmäßige (also meine) Erkenntnis schon lang -, jeder Berufsrichter wäre auch ein Laienrichter und weiß um seine blinden Flecken.
(Mangold war mir bisher gar nicht so unangenehm aufgefallen. Er hat halt eben auch sein Besteck und putzt viel an dessen rhetorischem Silber; dass er sich dann auch mal platt zu werden erlaubt – nun ja. Sogar der dröhnend-lustige Nüchtern ist manchmal wirklich originell. Nur das Prof. Spinnen neuerdings soooo uninspiriert wirkt... )
Muss denn Literatur einer richtigen Grammatik gehorchen? Müssen immer alle Bilder "sitzen"? Kann es nicht vielmehr sein, dass ein falscher Ausdruck, ein fehlerhaftes Bild, eine vielleicht oder nur scheinbar verunglückte Metapher gerade aus einem Text Literatur erst machen? Kann es nicht sein, dass Literarizität erst durch das Opake, Unwägbare, vielleicht Drastische erst erzeugt wird? (Mir ist das neulich bei Berkéwicz so gegangen - es erschien mir viel zu leicht, dieses Buch einfach niederzumachen. Und dann habe ich es gelesen als Literatur, nicht als Text.)
Das wäre doch die Aufgabe einer Jury: so etwas herauszuarbeiten, überhaupt erst einmal zu suchen. Stattdessen suchen sie wie fetthaarige Deutschlehrer in falschen Konjunktiven herum oder "recherchieren" tumben "Tatort"-Kommissaren gleich, die sich in ihren Ermittlungen mit einem Milieu konfrontiert sehen, welches sie nur mit stereotypischen Klischees bedenken können.
HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.
Aber die Ausführung fand ich dann auch betulich bis zur Putzigkeit, viel Redundanz, sprachlich uninspiriert etc.
Mein Gedanke will aber auch an Ihren anschließen: Könnte man sich das Extravagante entlegenen Geistes heute denn noch leisten - ja, könnte man es an-erkennen? (Der Einzelne sicher, aber könnte es sich innerhalb des derart Vor-Geregelten Settings durchsetzen? Gäbe es genug unverstellten Geist, es sich ereignen zu lassen?)
Vor Monaten hatte "edit" (Lit-Mag aus Leipzig) mal das Experiment gestartet, Kafkas "Broskwa-Skizze" verschiedenen Lektoren vorzulegen - von Kafka blieb da nicht mehr viel. Kann sein, man muss "das Falsche" erst mal ausmerzen, bevor man es dann wieder zulassen kann. Aber die Stromlinienförmigkeit als Form bringt es nun auch nicht. Der Mainstream - müsste ihn nicht mit Mahlstrom übersetzen?
All die guten Zureder und Auskenner, die angeblich mit dem Richtigen vertrauten usw., die lektoren und Veröffentlicher, dazu dieser Medienabrieb... der "Betrieb" frisst sich irgendwie selbst. Oder?
Schade.
(Übrigens wohltuend noch mal als entscheidender Vorteil bei Aufzeichnungen ist eben, dass man Onkel Moor et. al. und das ganze Drumherum fast überspringen kann... )
Das erinnert mich...
Dieser Film ist von 1981 (ich erinnere mich merkwürdigerweise heute irgendwie alter Filme) und ich glaube, dass er auch heute noch viel aussagt (übrigens auch über die Kraft und Kraftlosigkeit von so etwas wie Blogs). Einerseits ist dem Dilettanten (ich bn ja selber auch einer) eine gewisse Naivität eigen, die den "Eingeweihten" irgendwann abhanden gekommen ist. Andererseits suggeriert der Film, dass dieser "Zauber" des "Idioten" nicht von Dauer ist - beim nächsten "Fall" versagt er.
Ich glaube zwar nicht, dass dieser Zauber sich so schnell verflüchtigt (das musste wohl aus dramaturgischen Gründen sein), aber das eine Integration in so etwas wie "Betrieb" Blicke trüben und Urteile verändern kann - dessen bin ich mir ziemlich sicher. Und das dies nicht unbedingt von Vorteil ist, auch. Ich halte allerdings dagegen, dass es sich nicht um einen Automatismus handeln muss (Parallelen gibt es in der Politik - wenn eine Oppositionspartei irgendwann in die Regierung kommt und in den Institutionalisierungen unter Umständen versinkt). Und vielleicht deshalb so viele Käuze im "Betrieb", die aber - ob sie wollen oder nicht - irgendwann immer vereinnahmt werden.
Ich will nicht verhehlen, dass mich dieser Film - trotz seiner ästhetisch eher bescheidenen Ausführung - immer wieder beschäftigt hat. Denn es ist ja theoretisch nicht sicher, dass jemand, der Hemingway abgelehnt hat, für immer und ewig ein Versager ist. Und irren müsste jeder dürfen. Und irgendwie glaube ich, dass der Pförtner zu schlecht weggekommen ist. Einem Gericht gehören doch auch Laienrichter an, oder?
Schauen Sie eigentlich auch die Diskussionen? Machen Sie sich auf etwas gefasst. Ijoma Mangold mutiert im Laufe des Bewerbs zum Dieter Bohlen von Klagenfurt.
Laienrichter
(Übrigens, apropos „alte Filme“: mir kommen überraschend genug oft auch welche... Und bei Hemingway, nie ein Favorit von mir, muss ich immer an Arno Schmidt denken, der ihn damals auf seine kauzige Art ablehnte: „...stinkt mich an“. Und wer wäre heute mehr präsent? Der weltläufige, aber schon historische H. oder der kleinteilig-solpsistische, zumindest aber doch oft originelle Kleinbürger S.? )
Soll sagen, dass alle Urteile ja auch ihre Bedingtheit in sich tragen, dass einem das aber als sogar eventuell bewusstes Wissen darum nicht weiterhilft. Außerdem gehört eine gewisse Portion Blindheit dazu, um so mehr zum ästhtetischen Urteil, da man unmöglich alles Relevante jederzeit mit-berechnen kann. (Heimlich bewundere ich immer die Unumstößlichkeit von Leuten wie Boris Groys oder Bazon Brock, aber zweifeln will ich doch!)
Ich hatte, glaube ich, auch vergessen darauf hinzuweisen, dass die Lektoren den Verfassernamen zu „Broskwa“ natürlich nicht kannten. Aber das verschärft die Frage: Kann man dem Text-Gott Kafka, dem Souverän von zugleich weitgehendster Textverschlankung und Extremausdeutbarkeit kleinmäklerisch in die Grammatik fahren, die Satz-Musik (die ich immerhin bei ihm höre)? Oder wie könnte man erkennen, dass hier erst einmal ein anderer Geist am Werke ist, dem man per se Großmütigkeit schuldig wäre? Und dass man daran die eigene Weitsicht wachsen sähe?
Das verweist noch mal auf den „Kauz“, für dessen Moment an Andersartigkeit ich erst mal einen Vorschuss an Toleranz zahle... während das gleich auf gut temperierter Tonlage Gelungene mich unfroh stimmt.
Ich würde also sagen – so lautet aber auch eh die gut mittelmäßige (also meine) Erkenntnis schon lang -, jeder Berufsrichter wäre auch ein Laienrichter und weiß um seine blinden Flecken.
(Mangold war mir bisher gar nicht so unangenehm aufgefallen. Er hat halt eben auch sein Besteck und putzt viel an dessen rhetorischem Silber; dass er sich dann auch mal platt zu werden erlaubt – nun ja. Sogar der dröhnend-lustige Nüchtern ist manchmal wirklich originell. Nur das Prof. Spinnen neuerdings soooo uninspiriert wirkt... )
Textgötter
Das wäre doch die Aufgabe einer Jury: so etwas herauszuarbeiten, überhaupt erst einmal zu suchen. Stattdessen suchen sie wie fetthaarige Deutschlehrer in falschen Konjunktiven herum oder "recherchieren" tumben "Tatort"-Kommissaren gleich, die sich in ihren Ermittlungen mit einem Milieu konfrontiert sehen, welches sie nur mit stereotypischen Klischees bedenken können.