Demut und Wut
Preisvergabe. Und einige unwesentliche Bemerkungen.
Hartnäckig weigerte sich der neue Juryvorsitzende Burkhard Spinnen ein Pauschalurteil über den aktuellen "Jahrgang" beim Bachmannpreis 2008 abzugeben. Das könne man nicht, so Spinnen, wenn überhaupt müsse man zehn, fünfzehn Jahre abwarten; es seien ja schliesslich keine Weinjahrgänge.
Spinnen stiehlt sich da aus einem Urteil heraus. Das überrascht nur vordergründig. Würde er zugeben, dass das Niveau schwach war, kritisiert er auch implizit die Juroren und auch sich selber. Die Jury aber – diesen Eindruck bekam man sehr schnell – ist ziemlich kritikresistent.
Hinter der jovialen Fassade des Moderators Dieter Moor (der mit seiner zwanghaften Gesprächsführungsrhetorik nicht nur störte, sondern auch gelegentlich in unzulässiger Weise in den Wettbewerb eingriff) schlummerten die längst ausgetüftelten Bewertungsfallbeile beispielsweise des Wichtigtuers Ijoma Mangold, der teilweise vollkommen verwirrten (und textunsicheren) Ursula März und eines fast zwanghaft den Clown gebenden Klaus Nüchtern.
Ilija Trojanow meinte anfangs, die Jury sei wohl von der Konflikt- zur Konsensdiskussion übergegangen. Das mag immanent für grosse Teile des Wettbewerbs gestimmt haben. Den Autoren gegenüber jedoch gab es mehrfach teilweise ungebührliche Missgriffe. So nannte Ijoma Mangold Lenz' Beitrag "unsympathisch" und "unbedeutend", hatte bei anderen Erzählungen bestimmte Sujets "dicke" oder zeigte sich "genervt". Beim Beitrag von Mohafez assoziierte er 'Feuerwehrmann -> Schlauch -> Phallus'. Selbst Trojanow bemerkte am Ende (ohne Mangold zu nennen), den Schlag unter "der Gürtellinie" der Jury – insbesondere bei der Besprechung zum Beitrag von Pedro Lenz.
Auch Burkhard Spinnen, der sich vor Jahren mit seiner Kauzigkeit einen gewissen Kultstatus erarbeitet hatte, machte als Juryvorsitzender eine unglückliche Figur, schien mit der Bürde überfordert und meinte den professoralen Skeptiker abgeben zu müssen. Als in einer ihren wenigen lichten Momente Ursula März das Herumkritteln bei Rammstedt kritisierte ('das versteht außerhalb dieses Raumes niemand mehr') sprach er dünnhäutig von einem gelbträchtigen "Foul". Und bei Mohafez' Beitrag meinte er, die Feuerwehr würde durch einen Brand obdachlos gewordene Menschen nicht in Obdachlosenaslye, sondern in Hotels unterbringen. Er, Spinnen, habe das vorher in Anrufen bei der Feuerwehr recherchiert. Leider hatte Spinnen verschwiegen, wo er eine halbe Stunde vorher bei der Erzählung von Heike Geißler nach der Existenz von Engeln recherchiert hatte.
Vollständig disqualifiziert hat sich auch mindestens einmal André Vladimir Heiz, der 2007 noch mit einigen Sottisen aufwarten konnte. Beim Beitrag von Martin von Arndt, dessen Erzählung unter anderem eine Beziehungs- bzw. Ehekrise thematisierte, bemerkte er in pubertärer Diktion: "… wer sich verheiraten will, soll das tun, aber bitte belästigen Sie uns nicht auch noch mit Texten darüber". Diesen Satz kann man – eben weil er so unglaublich blöde ist – allen literarischen Themen, die einem unangenehm sind, aufkleben: "Wer will, soll das tun, aber bitte belästigen Sie uns nicht auch noch mit Texten darüber".
Es mag wohlfeil sein, die Jury für die insgesamt mediokre Qualität des diesjährigen Wettbewerbs verantwortlich zu machen. Fakt ist: Sie bestimmt die Teilnehmer (jeder zwei). De jure kann sich jeder (der den Teilnahmebedingungen entspricht) bewerben – de facto suchen die Juroren die Autoren und bitten um einen "Text". Hierin liegt ein Teil des Problems: Neue Juroren unterstehen einer Hackordnung – die "alten Hasen" bestimmen den Weg. Die Juroren kennen die Beiträge schon Wochen vorher – Absprachen und Diskussionen im Vorfeld sind an der Tagesordnung. Zurück zum alten Verfahren bekäme man keine Juroren mehr – die Angst, sich in der Spontaneität zu blamieren, wäre zu gross. Bei der Qualität der aktuellen Juroren ist diese Angst mehr als begründet.
Also ginge nur noch ein neutrales Auswahlverfahren, wonach die angenommenen, von einer anderen Jury nominierten Beiträge anonymisiert an die Juroren verschickt werden. Es gäbe weniger Möglichkeiten zum veritablen Kuhhandel und sie könnten keine Prominentenboni oder –maluse aussprechen. Erst am Ort selber stellt sich heraus, wessen Erzählung da vorgestellt wird. So verfährt eigentlich fast jeder Provinzwettbewerb – mit einer grösstmöglichen Anonymisierung. Endlich wäre der private Leser und Zuschauer dem Juror (fast) wieder gleichgestellt. Raum für Diskussionen wäre wieder da – Raum für fruchtbares Verirren. Dieses Verfahren würde auch die Qualität der Juroren stärker herausstellen helfen.
Dass Tilman Rammstedt gewonnen hat, ist kein Missgriff. Endlich wurde einmal ein komischer Beitrag ausgezeichnet, der im übrigen nicht nur komisch war, sondern auch Protokoll einer Hassliebe. Mit Markus Orths zeichnete man eine Erzählung aus, die ziemlich schlicht war und mit dem abgegriffenen Topos des Muschelrauschens, welches als Meeresrauschen verklärt wird, endet. So schlicht kann es zugehen. Patrick Findeis' bäuerliches Setting war auch jurytauglich (Bauerntexte gehen also immer mal wieder). Und Schade und sehr überraschend, dass Mohafez keinen Preis bekommen hat. (Das sagt ja auch was).
Über anderes schweige ich.
Lesungen 28.06.08 - Kurzeindrücke
Preisprognose
Schwer vorherzusagen, wer den Hauptpreis gewinnt. Einen Preis bekommt in jedem Fall Mohafez. Sicherlich Rammstedt. Vermutlich auch Orths. Vielleicht auch Erdmann Ziegler oder auch Findeis.
Anette Selg: Harmlos, bedächtig-gravitätische Urlaubsprosa. Fast gelangweilt gelesen. Einschläfernd.
Tilman Rammstedt: Komische Suada über einen allmächtigen, gerade gestorbenen Großvater; gekonnt, aber auch doppelbödig. Den Großvater nicht dämonisierend.
Ulf Erdmann Ziegler: 60er-Jahre Erinnerungsgeschichte; flott, ironisch, assoziativ; frech. Macht Lust auf mehr.
Pedro Lenz: Monolog; elliptische Suada, dabei aber nicht geschwätzig. Stimmige Rollenprosa. Gefällt mir sehr gut; wunderbar kongenial gelesen. / Mangold fand ihn belanglos (er verwechselte das mit Bronsky); März (wieder einmal) vollkommen überfordert mit der Erzählung – muss von den Kollegen korrigiert werden. Spinnen verweist zu recht auf Lentz ("Muttersprache"); vergaloppiert sich aber mit einer Parallele zu Thomas Bernhard.
Dagrun Hintze: Reflexionen einer frustrierten Journalistin; feuilletonistisch und kulturkritisch. Manchmal etwas larmoyanter Ton. Dennoch überdurchschnittlich (im Verhältnis zu vielen anderen Geschichten heuer).
Subadeh Mohafez: Erzählung eines und über einen Wohnungsbrand; später kleine Liebesgeschichte. Leicht naive Ich-Erzähler-Perspektive. Gelungen - auch in den Bildern.
Heike Geißler: Dröge Erzählung über einen Dorf-Don Juan, der mit seinem Engel spricht und ein Doppelzimmer für sich und ihn nimmt. Kitsch as Kitsch can! - Daneben die von Arndt-Erzählung gehalten: Was müsste die Jury da bei ihm Abbitte leisten! / Mangold findet es "hervorragend". Nun, bei ihm erstaunt mich inzwischen nichts mehr.
Lesungen 27.06.08 – Kurzeindrücke
Marcus Orths: Ein putzneurotisches Zimmermädchen, kriecht unter das Bett und wird zum "Ecouteur" (Sulzer); erlebt die Welt des jeweiligen Gastes. Originelle Idee, aber unspektakulär erzählt. Am Schluss das tausendfach schon verwendete Bild des Muschel/-Meeresrauschens. – Die Jury stört's nicht. Sie hat sich entschlossen, zu loben.
Patrick Findeis: Bauernprosa, gelegentlich Bauernfolklore. Betulich erzählt; fast neo-realistisch. – Die Juroren loben über den grünen Klee; März schwadroniert vom Protagonisten als "grosser tragischer Figur" in der Literatur.
Hier bekam man schön demonstriert, wie die Juroren "argumentieren". Mangold meinte, die bäuerliche Welt sei uns ja kaum noch bekannt. Dennoch habe man gewisse Vorstellungen davon. Als einziger monierte er nun, dass diese Vorstellungen in der Erzählung erfüllt würden. D. h. Mangold ärgert sich darüber, dass von einer Welt, von der er keine Ahnung hat, das beschrieben wird, was er schon anderswo gelesen hat. So weit, so gut. Aber was hat das mit dem Vortrag zu tun? - Später, bei Orths, wird der Exotismus als Vorteil gebucht – weil er neu ist (im Gegensatz zum Bauernroman). So betreibt die Jury letztlich – Wunschkonzert.
Martin von Arndt: Beziehungsgeschichte mit einem genazinohaften Protagonisten. Schöne Bilder, manchmal fast elegisch. Und ironisch. Wunderbar vorgelesen. – Leider in der Diskussion durchgefallen. Die Jury mühte sich nicht einmal ansatzweise um die Sprache, erkannte die Ironie nicht, sondern arbeitete sich an dem Protagonisten ab; teilweise verwechseln sie Autor mit Hauptfigur. Heiz empfahl Oliver Sacks. Oh ja. Der zeigt damit, wieviel er verstanden hat.
Angelika Reitzer: Beziehungsgeschichte – kühl und steril erzählt. Allegorisch; aber irgendwie auch blutleer. (Brillantes Plädoyer von Heiz!)
Clemens J. Setz: Kleines – am Ende sich bedrohlich zuspitzendes - Soziogramm eines Mietshauses mit einer kauzigen Figur verknüpft. Die Hausgemeinschaft entdeckt eine alte Waage als Gegenstand des Vergnügens; Anthropomorphisierung. Interessante Metaphern – teilweise zündend.
Alina Bronsky: Affektiertes Jungmädchengeschwafel aus einer Spätaussiedlerfamilie; voll mit Plattitüden; die Ich-Erzählerin ist 17 Jahre und anscheinend hochbegabt. Leider merkt man das in der Prosa nicht an. Im Sendung-mit-der-Maus-Stil nicht nur geschrieben sondern auch noch vorgelesen. Was hat Mangold nur geritten, einen solch läppischen "Text" vorzuschlagen? (Wie zu erwarten war, finden Leute wie Strigl oder Nüchtern sowas "erfrischend" - was einiges über deren Welt aussagt.)
Thorsten Palzhoff: Rumänien 1990 – Mischung aus Novelle und Reportage. Sehnsucht nach Richard Swartz bekommen, der sowas kann - Palzhoff kann's nicht. Märchenonkelhafte Folklore; später unergiebige Filmbeschreibung. Ohne Empathie – ohne das, was man doppelten Boden nennt.
Bachmannpreis 2008 - Rück- und Ausblick
Vieles spricht dafür, dass die IT-Kommunarden der "Zentralen Intelligenz Agentur" nicht planen, den Ingeborg-Bachmann-Preis 2008 zu "unterwandern". Dies gelang nach einigen Anläufen im Jahr 2006 perfekt, als Kathrin Passig, weder vorher noch nachher als erzählende Schriftstellerin in Aktion getreten, die gesamte Konkurrenz mit ihrer Geschichte düpierte und nicht nur den angepeilten Publikumspreis (mit gehöriger Unterstützung ihrer Freunde) gewann, sondern auch von der Jury den Hauptpreis zugesprochen bekam.
Wieder einmal war der Bachmann-Preis in der Krise. Der Skandal, der so oft in Klagenfurt zuschlug (und Künstler initiierte – zum Beispiel Rainald Goetz – oder ruinierte – wie Urs Allemann), ging diesmal nicht von den Beiträgen oder der Performance aus, sondern von der offensichtlichen Manipulierbarkeit dieser Veranstaltung, die damit vorgeführt bekam, dass da nicht die grosse, weite Welt war, sondern eben nur ein ganz gewöhnlicher Wettbewerb, in dem 1000 Stimmen 10000 Euro einbringen können. (Das machte sich Peter Licht dann 2007 noch einmal zu Nutze, als er mit seiner läppischen Darbietung reüssierte.)
Klagenfurt war tatsächlich auf ein schwaches Niveau abgefallen, was sich jedoch in den Jahren zuvor schon ankündigte. Das hatte zum einen den Grund darin, dass selbst nur halbwegs bekannte Autoren die Gefahr, leer auszugehen als zu stark empfanden. Zum anderen bemerkte man oft genug die latente Überforderung der Juroren, die entweder aus einem hässlichen Entlein noch einen edlen Schwan konstruieren wollten oder einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht sahen. Nach "ich" dürfte das meistgebrauchte Wort in den Diskussionen um die Lesungen "Text" sein. Für diejenigen, die sich dort als Jury versuchen, ist eben alles "Text"; für die Medien sowieso. Das ist aber ein Teil des Problems von Rezeption von Literatur. "Text" ist ja auch die Gebrauchsanleitung einer Waschmaschine.
Die Frequenz der teilweise frappierenden Fehlbeurteilungen durch die Juroren ist beachtlich. Mir unvergesslich, als Thomas Hettche als Juror einmal seine Kollegen fast verzweifelt bat, den Zauber des gerade Gehörten doch nicht zu zerreden. Sehr gute Texte beispielsweise von Alban Nikolai Herbst, Katharina Hacker, Josef Winkler (1996; 1979 Jurypreis), Peter Stamm, Arno Geiger, Wolfgang Herrndorf oder Sasa Stanisic erhielten von der Jury nicht nur keinen Preis, sondern wurden mit teils inquisitorischer Ekstase frustrierter Germanisten auseinandergenommen (Herrndorf [IM der ZIA?] und Stanisic bekamen immerhin den Zuschauerpreis). Und die klägliche Demontage von Iris Radisch dem Beitrag von Björn Kern im vergangenen Jahr gegenüber dürfte noch präsent sein.
Schreibschulgestählt und fad
Dennoch: Der Gehalt der präsentierten, häufig schreibschulgestählten Prosa oszillierte in den letzten Jahren oft genug zwischen plüschigem Wohlstandskinderkitsch, oberflächlich-belanglosem Behauptungsprosageplätscher und der idiosynkratischen Hypochondrie einer Generation, die scheinbar versuchte eine Art "neue Innerlichkeit" zu simulieren, wo doch nur Leere und Empathielosigkeit vorherrschte. Statt diese jedoch zu erzählen, glaubten sie, die blosse Schilderung reiche aus, um Literatur zu erzeugen. Die Juroren, die ja diese Auswahl getroffen hatten, retteten sich einige Zeit darin, dies mit dem Gerede von "Authentizität" und Realismus zu beweihräuchern. Natürlich ist es für jemanden, der tagaus, tagein mit der Lektüre von Büchern verbringt, manchmal sicherlich ganz interessant, beispielsweise eine (schablonenhaft erzählte) Bürowelt vorgesetzt zu bekommen. Die Frage, warum Literatur aber Wirklichkeit abbilden soll, warum Authentizität bereits als Leistung gilt und worin sich dann diese Art von Geschreibe von einer Reportage unterscheidet - all dies blieb unbeantwortet. Jurorenentscheidungen sind – ähnlich wie Schiedsrichterentscheidungen im Fussball – unbefragbar. (In den Feuilletons bemerkte der aufmerksame Leser häufig genug Monate später, dass das Buch des Autors, dessen "Text" so hoch gelobt wurde oft nur noch sehr reservierte Urteile bekam – und umgekehrt: Autoren, deren Beiträge arg zerrupft wurden, erschienen plötzlich im milderen Licht - merkwürdige Kehre; späte Einsicht?)
Kritiker vs. Autoren
Nach und nach verabschiedeten sich auch die sogenannten Grosskritiker aus der Jury. Von Matt und Karasek schon früh, dann Demetz, Isenschmid, Ruoss, Scheck (war nur sehr kurz dabei), Corino (immer mal wieder) und jetzt Radisch – um nur eine Auswahl aus den jüngeren Jahren zu nennen (freilich gab es vorher mit den Granden Reich-Ranicki & Co. den Versuch, die Gruppe 47 in Klagenfurt zu revitalisieren, was nur momentweise gelang). Andere, wie Hubert Winkels, widerstehen der Versuchung. Mit März, Mangold und Nüchtern sind nur drei (von heuer sieben Juroren) aktive "Feuilletonisten" in der aktuellen Jury. Drei Juroren sind das, was man gemeinhin als "Autoren" bezeichnet. Daniela Strigl als siebte ist die einzig noch verbliebene Wissenschaftlerin. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Autoren als Juroren oft eine genauere Replik formulieren können, ohne sich in ad-hominem-Diskussionen zu verlieren. Vielleicht profitiert der Diskurs davon (ohne dass jetzt ein Werfen mit Wattebäuschen einsetzen muss). Burkhard Spinnen als Juryvorsitzender geniesst bei vielen schon einen Kultstatus. Und die zuweilen rätselhaften Gedankensplitter von André Vladimir Heiz aus dem vergangenen Jahr waren zweifellos eine Bereicherung.
Vor einigen Jahren hatte man beschlossen, dass den Juroren alle "Texte" einige Tage vor dem Wettbewerb zugehen. Damit beraubte man der Diskussion die Spontaneität – beispielsweise sich auch einmal emotional zu einem Urteil hinreissen zu lassen, was ein bisschen jenseits adaptierter Bewertungsschablonen lag. Einige Juroren nutzten das für Google-Recherchen, die sich kleinlich an falschen Bezügen zur Realität abarbeiteten (der 18. Juli war kein Dienstag!). Manche waren selbst hierzu zu faul, wie beispielsweise anlässlich der Erzählung von Gregor Hens, die von der Gleichzeitigkeit eines Erdbebens in Costa Rica und dem Staatsbesuch John F. Kennedys dort handelte. In dem diese Koinzidenz als schlichtweg als unrealistisch abgetan wurde, obwohl sie tatsächlich der Wahrheit entsprach, brauchte man sich nicht mehr weiter mit der Erzählung auseinandersetzen. Der einzige Vorteil dieses Modus, dass die Jury von Anfang an die jeweiligen Beiträge im Kontext des Wettbewerbs bewerten kann und abwegige Parallelen vermeidet, wurde kaum bemerkt.
Wobei eines natürlich klar sein müsste: Die Illusion, "der Beste" gewinne bei einem solchen Wettbewerb, ist natürlich naiv. Die Klagenfurt-Verächter speisen ihre Gegnerschaft aus dem generell unter Intellektuellen vorherrschenden Skepsis, ihre Leistung einer bewertenden Kritik zu unterziehen – ein Wettbewerb erinnert sie zu sehr an Sport. Ihre Verachtung zeigen sie allerdings nicht im Ignorieren der Veranstaltung, sondern in ihrer Verspottung.
Andere subsumieren Klagenfurt gerne pejorativ als "Wettlesen". Das sind meist diejenigen, die "Leser" mit "Bücherwurm" übersetzen und statt "Lesen" "Verschlingen" sagen. Ihre intellektuelle Beschränktheit gipfelt im Goutieren der Lesetips von Elke Heidenreich, deren Sendung "Lesen!" sie in ihrer kruden Einfältigkeit mit einer Literatursendung verwechseln.
Kleiner Rückblick – und nun?
Bei allem Unbill der letzten Jahre: Ich verdanke Klagenfurt eine Menge Entdeckungen. Der wortgewaltige Andreas Maier, der stille Jan Lurvink (noch nicht einmal auf die "short-list" gekommen), die schöne und kluge Aglaja Veteranyi, deren unterschwellige Schwermut in ihrem Romanauszug die Juroren nicht erkannt hatten, Gregor Hens und John von Düffel sowieso. Aber auch die von mir goutierten Preisträger Michael Lentz (für sein famoses Lesen von "Muttersterben") und Jan Peter Bremer (das düster-melancholische Bild eines Diktators in "Der Fürst spricht").
Und wie sieht es 2008 aus? Der geneigte Leser hat im Moment nur die Möglichkeit, sich die Videofilme der Autoren anzusehen. Eigentlich auch ein überflüssiges Ritual: Autoren in zweieinhalb Minuten Stellungnahmen zur Welt, zur Literatur, zum eigenen Schreiben, usw. abzufordern. Zwei sind mir bekannt – Martin von Arndt (dessen fulminanter Roman "ego shooter" immer noch präsent ist) und Ulf Erdmann Ziegler, von dem ich irgendwann irgendwo einmal etwas gelesen habe. Es spricht unbedingt gegen mich, von den anderen nichts gehört zu haben. Zumal ja – seit Passigs Sieg – unbeschriebene Blätter nicht mehr erwünscht sind.
Es mag sein, dass die Filme etwas über die Teilnehmer aussagen. Mir ist das ehrlich gesagt suspekt. Es lenkt mich vom Eigentlichen zu sehr ab. Die ehemalige Jurorin Ilma Rakusa meinte einmal, sie habe gerne Informationen über den Autor. Ich finde, diese Informationen häufig störend. Später ja – jetzt eher nein.
Dennoch habe ich nicht widerstanden: Alina Bronsky karikiert den "Betrieb"; Heike Geißler befindet, dass die Einzige, die sie beim Schreiben stört, sie selber ist; Pedro Lenz ist ein lautmalerischer Schriftsteller und Dichter; Dagrun Hintze hat den Jury-Jargon bereits sehr verinnerlicht und vermutlich 2011 Juryorsitzende; Angelika Reitze kopiert irgendwie Jelinek und Streeruwitz; Tillmann Ramstedt schreibt zwischen 5 und 9 Uhr. Neugierig macht mich dann Markus Orths, der keinen Film hat machen lassen (wie weiland Andreas Maier [aber es gab später noch den ein oder anderen "Verweigerer"]). Und Thorsten Palzhoff, dessen Film in der Befragung anderer und deren Widersprüche diese Art Filme schön karikiert. Am Ende hat Martin von Arndt für mich den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er von dem Glück in der Kunst und der Demut und – gleichzeitig – seiner Wut spricht.
Demut und Wut – das charakterisiert schön auch meine Regungen der letzten Jahre bei der Betrachtung der Lesungen und Diskussionen. Und deshalb schaut man wieder. (Und bitte, Herr Moor, ich schätze sie ja als sprachgewandten Moderator, aber nicht hier - danke.)
Hartnäckig weigerte sich der neue Juryvorsitzende Burkhard Spinnen ein Pauschalurteil über den aktuellen "Jahrgang" beim Bachmannpreis 2008 abzugeben. Das könne man nicht, so Spinnen, wenn überhaupt müsse man zehn, fünfzehn Jahre abwarten; es seien ja schliesslich keine Weinjahrgänge.
Spinnen stiehlt sich da aus einem Urteil heraus. Das überrascht nur vordergründig. Würde er zugeben, dass das Niveau schwach war, kritisiert er auch implizit die Juroren und auch sich selber. Die Jury aber – diesen Eindruck bekam man sehr schnell – ist ziemlich kritikresistent.
Hinter der jovialen Fassade des Moderators Dieter Moor (der mit seiner zwanghaften Gesprächsführungsrhetorik nicht nur störte, sondern auch gelegentlich in unzulässiger Weise in den Wettbewerb eingriff) schlummerten die längst ausgetüftelten Bewertungsfallbeile beispielsweise des Wichtigtuers Ijoma Mangold, der teilweise vollkommen verwirrten (und textunsicheren) Ursula März und eines fast zwanghaft den Clown gebenden Klaus Nüchtern.
Ilija Trojanow meinte anfangs, die Jury sei wohl von der Konflikt- zur Konsensdiskussion übergegangen. Das mag immanent für grosse Teile des Wettbewerbs gestimmt haben. Den Autoren gegenüber jedoch gab es mehrfach teilweise ungebührliche Missgriffe. So nannte Ijoma Mangold Lenz' Beitrag "unsympathisch" und "unbedeutend", hatte bei anderen Erzählungen bestimmte Sujets "dicke" oder zeigte sich "genervt". Beim Beitrag von Mohafez assoziierte er 'Feuerwehrmann -> Schlauch -> Phallus'. Selbst Trojanow bemerkte am Ende (ohne Mangold zu nennen), den Schlag unter "der Gürtellinie" der Jury – insbesondere bei der Besprechung zum Beitrag von Pedro Lenz.
Auch Burkhard Spinnen, der sich vor Jahren mit seiner Kauzigkeit einen gewissen Kultstatus erarbeitet hatte, machte als Juryvorsitzender eine unglückliche Figur, schien mit der Bürde überfordert und meinte den professoralen Skeptiker abgeben zu müssen. Als in einer ihren wenigen lichten Momente Ursula März das Herumkritteln bei Rammstedt kritisierte ('das versteht außerhalb dieses Raumes niemand mehr') sprach er dünnhäutig von einem gelbträchtigen "Foul". Und bei Mohafez' Beitrag meinte er, die Feuerwehr würde durch einen Brand obdachlos gewordene Menschen nicht in Obdachlosenaslye, sondern in Hotels unterbringen. Er, Spinnen, habe das vorher in Anrufen bei der Feuerwehr recherchiert. Leider hatte Spinnen verschwiegen, wo er eine halbe Stunde vorher bei der Erzählung von Heike Geißler nach der Existenz von Engeln recherchiert hatte.
Vollständig disqualifiziert hat sich auch mindestens einmal André Vladimir Heiz, der 2007 noch mit einigen Sottisen aufwarten konnte. Beim Beitrag von Martin von Arndt, dessen Erzählung unter anderem eine Beziehungs- bzw. Ehekrise thematisierte, bemerkte er in pubertärer Diktion: "… wer sich verheiraten will, soll das tun, aber bitte belästigen Sie uns nicht auch noch mit Texten darüber". Diesen Satz kann man – eben weil er so unglaublich blöde ist – allen literarischen Themen, die einem unangenehm sind, aufkleben: "Wer will, soll das tun, aber bitte belästigen Sie uns nicht auch noch mit Texten darüber".
Es mag wohlfeil sein, die Jury für die insgesamt mediokre Qualität des diesjährigen Wettbewerbs verantwortlich zu machen. Fakt ist: Sie bestimmt die Teilnehmer (jeder zwei). De jure kann sich jeder (der den Teilnahmebedingungen entspricht) bewerben – de facto suchen die Juroren die Autoren und bitten um einen "Text". Hierin liegt ein Teil des Problems: Neue Juroren unterstehen einer Hackordnung – die "alten Hasen" bestimmen den Weg. Die Juroren kennen die Beiträge schon Wochen vorher – Absprachen und Diskussionen im Vorfeld sind an der Tagesordnung. Zurück zum alten Verfahren bekäme man keine Juroren mehr – die Angst, sich in der Spontaneität zu blamieren, wäre zu gross. Bei der Qualität der aktuellen Juroren ist diese Angst mehr als begründet.
Also ginge nur noch ein neutrales Auswahlverfahren, wonach die angenommenen, von einer anderen Jury nominierten Beiträge anonymisiert an die Juroren verschickt werden. Es gäbe weniger Möglichkeiten zum veritablen Kuhhandel und sie könnten keine Prominentenboni oder –maluse aussprechen. Erst am Ort selber stellt sich heraus, wessen Erzählung da vorgestellt wird. So verfährt eigentlich fast jeder Provinzwettbewerb – mit einer grösstmöglichen Anonymisierung. Endlich wäre der private Leser und Zuschauer dem Juror (fast) wieder gleichgestellt. Raum für Diskussionen wäre wieder da – Raum für fruchtbares Verirren. Dieses Verfahren würde auch die Qualität der Juroren stärker herausstellen helfen.
Dass Tilman Rammstedt gewonnen hat, ist kein Missgriff. Endlich wurde einmal ein komischer Beitrag ausgezeichnet, der im übrigen nicht nur komisch war, sondern auch Protokoll einer Hassliebe. Mit Markus Orths zeichnete man eine Erzählung aus, die ziemlich schlicht war und mit dem abgegriffenen Topos des Muschelrauschens, welches als Meeresrauschen verklärt wird, endet. So schlicht kann es zugehen. Patrick Findeis' bäuerliches Setting war auch jurytauglich (Bauerntexte gehen also immer mal wieder). Und Schade und sehr überraschend, dass Mohafez keinen Preis bekommen hat. (Das sagt ja auch was).
Über anderes schweige ich.
Lesungen 28.06.08 - Kurzeindrücke
Preisprognose
Schwer vorherzusagen, wer den Hauptpreis gewinnt. Einen Preis bekommt in jedem Fall Mohafez. Sicherlich Rammstedt. Vermutlich auch Orths. Vielleicht auch Erdmann Ziegler oder auch Findeis.
Anette Selg: Harmlos, bedächtig-gravitätische Urlaubsprosa. Fast gelangweilt gelesen. Einschläfernd.
Tilman Rammstedt: Komische Suada über einen allmächtigen, gerade gestorbenen Großvater; gekonnt, aber auch doppelbödig. Den Großvater nicht dämonisierend.
Ulf Erdmann Ziegler: 60er-Jahre Erinnerungsgeschichte; flott, ironisch, assoziativ; frech. Macht Lust auf mehr.
Pedro Lenz: Monolog; elliptische Suada, dabei aber nicht geschwätzig. Stimmige Rollenprosa. Gefällt mir sehr gut; wunderbar kongenial gelesen. / Mangold fand ihn belanglos (er verwechselte das mit Bronsky); März (wieder einmal) vollkommen überfordert mit der Erzählung – muss von den Kollegen korrigiert werden. Spinnen verweist zu recht auf Lentz ("Muttersprache"); vergaloppiert sich aber mit einer Parallele zu Thomas Bernhard.
Dagrun Hintze: Reflexionen einer frustrierten Journalistin; feuilletonistisch und kulturkritisch. Manchmal etwas larmoyanter Ton. Dennoch überdurchschnittlich (im Verhältnis zu vielen anderen Geschichten heuer).
Subadeh Mohafez: Erzählung eines und über einen Wohnungsbrand; später kleine Liebesgeschichte. Leicht naive Ich-Erzähler-Perspektive. Gelungen - auch in den Bildern.
Heike Geißler: Dröge Erzählung über einen Dorf-Don Juan, der mit seinem Engel spricht und ein Doppelzimmer für sich und ihn nimmt. Kitsch as Kitsch can! - Daneben die von Arndt-Erzählung gehalten: Was müsste die Jury da bei ihm Abbitte leisten! / Mangold findet es "hervorragend". Nun, bei ihm erstaunt mich inzwischen nichts mehr.
Lesungen 27.06.08 – Kurzeindrücke
Marcus Orths: Ein putzneurotisches Zimmermädchen, kriecht unter das Bett und wird zum "Ecouteur" (Sulzer); erlebt die Welt des jeweiligen Gastes. Originelle Idee, aber unspektakulär erzählt. Am Schluss das tausendfach schon verwendete Bild des Muschel/-Meeresrauschens. – Die Jury stört's nicht. Sie hat sich entschlossen, zu loben.
Patrick Findeis: Bauernprosa, gelegentlich Bauernfolklore. Betulich erzählt; fast neo-realistisch. – Die Juroren loben über den grünen Klee; März schwadroniert vom Protagonisten als "grosser tragischer Figur" in der Literatur.
Hier bekam man schön demonstriert, wie die Juroren "argumentieren". Mangold meinte, die bäuerliche Welt sei uns ja kaum noch bekannt. Dennoch habe man gewisse Vorstellungen davon. Als einziger monierte er nun, dass diese Vorstellungen in der Erzählung erfüllt würden. D. h. Mangold ärgert sich darüber, dass von einer Welt, von der er keine Ahnung hat, das beschrieben wird, was er schon anderswo gelesen hat. So weit, so gut. Aber was hat das mit dem Vortrag zu tun? - Später, bei Orths, wird der Exotismus als Vorteil gebucht – weil er neu ist (im Gegensatz zum Bauernroman). So betreibt die Jury letztlich – Wunschkonzert.
Martin von Arndt: Beziehungsgeschichte mit einem genazinohaften Protagonisten. Schöne Bilder, manchmal fast elegisch. Und ironisch. Wunderbar vorgelesen. – Leider in der Diskussion durchgefallen. Die Jury mühte sich nicht einmal ansatzweise um die Sprache, erkannte die Ironie nicht, sondern arbeitete sich an dem Protagonisten ab; teilweise verwechseln sie Autor mit Hauptfigur. Heiz empfahl Oliver Sacks. Oh ja. Der zeigt damit, wieviel er verstanden hat.
Angelika Reitzer: Beziehungsgeschichte – kühl und steril erzählt. Allegorisch; aber irgendwie auch blutleer. (Brillantes Plädoyer von Heiz!)
Clemens J. Setz: Kleines – am Ende sich bedrohlich zuspitzendes - Soziogramm eines Mietshauses mit einer kauzigen Figur verknüpft. Die Hausgemeinschaft entdeckt eine alte Waage als Gegenstand des Vergnügens; Anthropomorphisierung. Interessante Metaphern – teilweise zündend.
Alina Bronsky: Affektiertes Jungmädchengeschwafel aus einer Spätaussiedlerfamilie; voll mit Plattitüden; die Ich-Erzählerin ist 17 Jahre und anscheinend hochbegabt. Leider merkt man das in der Prosa nicht an. Im Sendung-mit-der-Maus-Stil nicht nur geschrieben sondern auch noch vorgelesen. Was hat Mangold nur geritten, einen solch läppischen "Text" vorzuschlagen? (Wie zu erwarten war, finden Leute wie Strigl oder Nüchtern sowas "erfrischend" - was einiges über deren Welt aussagt.)
Thorsten Palzhoff: Rumänien 1990 – Mischung aus Novelle und Reportage. Sehnsucht nach Richard Swartz bekommen, der sowas kann - Palzhoff kann's nicht. Märchenonkelhafte Folklore; später unergiebige Filmbeschreibung. Ohne Empathie – ohne das, was man doppelten Boden nennt.
Bachmannpreis 2008 - Rück- und Ausblick
Vieles spricht dafür, dass die IT-Kommunarden der "Zentralen Intelligenz Agentur" nicht planen, den Ingeborg-Bachmann-Preis 2008 zu "unterwandern". Dies gelang nach einigen Anläufen im Jahr 2006 perfekt, als Kathrin Passig, weder vorher noch nachher als erzählende Schriftstellerin in Aktion getreten, die gesamte Konkurrenz mit ihrer Geschichte düpierte und nicht nur den angepeilten Publikumspreis (mit gehöriger Unterstützung ihrer Freunde) gewann, sondern auch von der Jury den Hauptpreis zugesprochen bekam.
Wieder einmal war der Bachmann-Preis in der Krise. Der Skandal, der so oft in Klagenfurt zuschlug (und Künstler initiierte – zum Beispiel Rainald Goetz – oder ruinierte – wie Urs Allemann), ging diesmal nicht von den Beiträgen oder der Performance aus, sondern von der offensichtlichen Manipulierbarkeit dieser Veranstaltung, die damit vorgeführt bekam, dass da nicht die grosse, weite Welt war, sondern eben nur ein ganz gewöhnlicher Wettbewerb, in dem 1000 Stimmen 10000 Euro einbringen können. (Das machte sich Peter Licht dann 2007 noch einmal zu Nutze, als er mit seiner läppischen Darbietung reüssierte.)
Klagenfurt war tatsächlich auf ein schwaches Niveau abgefallen, was sich jedoch in den Jahren zuvor schon ankündigte. Das hatte zum einen den Grund darin, dass selbst nur halbwegs bekannte Autoren die Gefahr, leer auszugehen als zu stark empfanden. Zum anderen bemerkte man oft genug die latente Überforderung der Juroren, die entweder aus einem hässlichen Entlein noch einen edlen Schwan konstruieren wollten oder einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht sahen. Nach "ich" dürfte das meistgebrauchte Wort in den Diskussionen um die Lesungen "Text" sein. Für diejenigen, die sich dort als Jury versuchen, ist eben alles "Text"; für die Medien sowieso. Das ist aber ein Teil des Problems von Rezeption von Literatur. "Text" ist ja auch die Gebrauchsanleitung einer Waschmaschine.
Die Frequenz der teilweise frappierenden Fehlbeurteilungen durch die Juroren ist beachtlich. Mir unvergesslich, als Thomas Hettche als Juror einmal seine Kollegen fast verzweifelt bat, den Zauber des gerade Gehörten doch nicht zu zerreden. Sehr gute Texte beispielsweise von Alban Nikolai Herbst, Katharina Hacker, Josef Winkler (1996; 1979 Jurypreis), Peter Stamm, Arno Geiger, Wolfgang Herrndorf oder Sasa Stanisic erhielten von der Jury nicht nur keinen Preis, sondern wurden mit teils inquisitorischer Ekstase frustrierter Germanisten auseinandergenommen (Herrndorf [IM der ZIA?] und Stanisic bekamen immerhin den Zuschauerpreis). Und die klägliche Demontage von Iris Radisch dem Beitrag von Björn Kern im vergangenen Jahr gegenüber dürfte noch präsent sein.
Schreibschulgestählt und fad
Dennoch: Der Gehalt der präsentierten, häufig schreibschulgestählten Prosa oszillierte in den letzten Jahren oft genug zwischen plüschigem Wohlstandskinderkitsch, oberflächlich-belanglosem Behauptungsprosageplätscher und der idiosynkratischen Hypochondrie einer Generation, die scheinbar versuchte eine Art "neue Innerlichkeit" zu simulieren, wo doch nur Leere und Empathielosigkeit vorherrschte. Statt diese jedoch zu erzählen, glaubten sie, die blosse Schilderung reiche aus, um Literatur zu erzeugen. Die Juroren, die ja diese Auswahl getroffen hatten, retteten sich einige Zeit darin, dies mit dem Gerede von "Authentizität" und Realismus zu beweihräuchern. Natürlich ist es für jemanden, der tagaus, tagein mit der Lektüre von Büchern verbringt, manchmal sicherlich ganz interessant, beispielsweise eine (schablonenhaft erzählte) Bürowelt vorgesetzt zu bekommen. Die Frage, warum Literatur aber Wirklichkeit abbilden soll, warum Authentizität bereits als Leistung gilt und worin sich dann diese Art von Geschreibe von einer Reportage unterscheidet - all dies blieb unbeantwortet. Jurorenentscheidungen sind – ähnlich wie Schiedsrichterentscheidungen im Fussball – unbefragbar. (In den Feuilletons bemerkte der aufmerksame Leser häufig genug Monate später, dass das Buch des Autors, dessen "Text" so hoch gelobt wurde oft nur noch sehr reservierte Urteile bekam – und umgekehrt: Autoren, deren Beiträge arg zerrupft wurden, erschienen plötzlich im milderen Licht - merkwürdige Kehre; späte Einsicht?)
Kritiker vs. Autoren
Nach und nach verabschiedeten sich auch die sogenannten Grosskritiker aus der Jury. Von Matt und Karasek schon früh, dann Demetz, Isenschmid, Ruoss, Scheck (war nur sehr kurz dabei), Corino (immer mal wieder) und jetzt Radisch – um nur eine Auswahl aus den jüngeren Jahren zu nennen (freilich gab es vorher mit den Granden Reich-Ranicki & Co. den Versuch, die Gruppe 47 in Klagenfurt zu revitalisieren, was nur momentweise gelang). Andere, wie Hubert Winkels, widerstehen der Versuchung. Mit März, Mangold und Nüchtern sind nur drei (von heuer sieben Juroren) aktive "Feuilletonisten" in der aktuellen Jury. Drei Juroren sind das, was man gemeinhin als "Autoren" bezeichnet. Daniela Strigl als siebte ist die einzig noch verbliebene Wissenschaftlerin. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Autoren als Juroren oft eine genauere Replik formulieren können, ohne sich in ad-hominem-Diskussionen zu verlieren. Vielleicht profitiert der Diskurs davon (ohne dass jetzt ein Werfen mit Wattebäuschen einsetzen muss). Burkhard Spinnen als Juryvorsitzender geniesst bei vielen schon einen Kultstatus. Und die zuweilen rätselhaften Gedankensplitter von André Vladimir Heiz aus dem vergangenen Jahr waren zweifellos eine Bereicherung.
Vor einigen Jahren hatte man beschlossen, dass den Juroren alle "Texte" einige Tage vor dem Wettbewerb zugehen. Damit beraubte man der Diskussion die Spontaneität – beispielsweise sich auch einmal emotional zu einem Urteil hinreissen zu lassen, was ein bisschen jenseits adaptierter Bewertungsschablonen lag. Einige Juroren nutzten das für Google-Recherchen, die sich kleinlich an falschen Bezügen zur Realität abarbeiteten (der 18. Juli war kein Dienstag!). Manche waren selbst hierzu zu faul, wie beispielsweise anlässlich der Erzählung von Gregor Hens, die von der Gleichzeitigkeit eines Erdbebens in Costa Rica und dem Staatsbesuch John F. Kennedys dort handelte. In dem diese Koinzidenz als schlichtweg als unrealistisch abgetan wurde, obwohl sie tatsächlich der Wahrheit entsprach, brauchte man sich nicht mehr weiter mit der Erzählung auseinandersetzen. Der einzige Vorteil dieses Modus, dass die Jury von Anfang an die jeweiligen Beiträge im Kontext des Wettbewerbs bewerten kann und abwegige Parallelen vermeidet, wurde kaum bemerkt.
Wobei eines natürlich klar sein müsste: Die Illusion, "der Beste" gewinne bei einem solchen Wettbewerb, ist natürlich naiv. Die Klagenfurt-Verächter speisen ihre Gegnerschaft aus dem generell unter Intellektuellen vorherrschenden Skepsis, ihre Leistung einer bewertenden Kritik zu unterziehen – ein Wettbewerb erinnert sie zu sehr an Sport. Ihre Verachtung zeigen sie allerdings nicht im Ignorieren der Veranstaltung, sondern in ihrer Verspottung.
Andere subsumieren Klagenfurt gerne pejorativ als "Wettlesen". Das sind meist diejenigen, die "Leser" mit "Bücherwurm" übersetzen und statt "Lesen" "Verschlingen" sagen. Ihre intellektuelle Beschränktheit gipfelt im Goutieren der Lesetips von Elke Heidenreich, deren Sendung "Lesen!" sie in ihrer kruden Einfältigkeit mit einer Literatursendung verwechseln.
Kleiner Rückblick – und nun?
Bei allem Unbill der letzten Jahre: Ich verdanke Klagenfurt eine Menge Entdeckungen. Der wortgewaltige Andreas Maier, der stille Jan Lurvink (noch nicht einmal auf die "short-list" gekommen), die schöne und kluge Aglaja Veteranyi, deren unterschwellige Schwermut in ihrem Romanauszug die Juroren nicht erkannt hatten, Gregor Hens und John von Düffel sowieso. Aber auch die von mir goutierten Preisträger Michael Lentz (für sein famoses Lesen von "Muttersterben") und Jan Peter Bremer (das düster-melancholische Bild eines Diktators in "Der Fürst spricht").
Und wie sieht es 2008 aus? Der geneigte Leser hat im Moment nur die Möglichkeit, sich die Videofilme der Autoren anzusehen. Eigentlich auch ein überflüssiges Ritual: Autoren in zweieinhalb Minuten Stellungnahmen zur Welt, zur Literatur, zum eigenen Schreiben, usw. abzufordern. Zwei sind mir bekannt – Martin von Arndt (dessen fulminanter Roman "ego shooter" immer noch präsent ist) und Ulf Erdmann Ziegler, von dem ich irgendwann irgendwo einmal etwas gelesen habe. Es spricht unbedingt gegen mich, von den anderen nichts gehört zu haben. Zumal ja – seit Passigs Sieg – unbeschriebene Blätter nicht mehr erwünscht sind.
Es mag sein, dass die Filme etwas über die Teilnehmer aussagen. Mir ist das ehrlich gesagt suspekt. Es lenkt mich vom Eigentlichen zu sehr ab. Die ehemalige Jurorin Ilma Rakusa meinte einmal, sie habe gerne Informationen über den Autor. Ich finde, diese Informationen häufig störend. Später ja – jetzt eher nein.
Dennoch habe ich nicht widerstanden: Alina Bronsky karikiert den "Betrieb"; Heike Geißler befindet, dass die Einzige, die sie beim Schreiben stört, sie selber ist; Pedro Lenz ist ein lautmalerischer Schriftsteller und Dichter; Dagrun Hintze hat den Jury-Jargon bereits sehr verinnerlicht und vermutlich 2011 Juryorsitzende; Angelika Reitze kopiert irgendwie Jelinek und Streeruwitz; Tillmann Ramstedt schreibt zwischen 5 und 9 Uhr. Neugierig macht mich dann Markus Orths, der keinen Film hat machen lassen (wie weiland Andreas Maier [aber es gab später noch den ein oder anderen "Verweigerer"]). Und Thorsten Palzhoff, dessen Film in der Befragung anderer und deren Widersprüche diese Art Filme schön karikiert. Am Ende hat Martin von Arndt für mich den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er von dem Glück in der Kunst und der Demut und – gleichzeitig – seiner Wut spricht.
Demut und Wut – das charakterisiert schön auch meine Regungen der letzten Jahre bei der Betrachtung der Lesungen und Diskussionen. Und deshalb schaut man wieder. (Und bitte, Herr Moor, ich schätze sie ja als sprachgewandten Moderator, aber nicht hier - danke.)
Gregor Keuschnig - 2008-06-28 20:53


Intelligenzmaßnahmen