Inspirierend von den Kommentaren hier ein sehr altes Interview, nein: Gespräch mit Elfriede Jelinek und Wolfgang Korruhn (für die WDR-Fernsehsendung "ZAK") geschaut (hatte es auf Video aufgenommen). Um 1989/90 herum, nach der Veröffentlichung von "Lust". Korruhn - wie üblich - körperlich dich an den Gesprächspartner herangerückt. Beide auf dem Boden in Jelineks Münchner Wohnung sitzend; vor Korruhns Füssen eine riesige Kaffetasse, wie man sie in Frankreich benutzt, aber mit Henkel. Parkett oder Laminat auf dem Boden; nur wenige Möbel. Jelinek spricht von der "slawischen Seele" der Mutter, ihren Zumutungen von seiten der Mutter, ihren Musikunterrichten, Klavier, Orgel, usw.
Und sie spricht von der Kombination von Liebe und Leistung: Liebe gab es nur bei Leistung - sprich: Konformität (Schule; Musik). Dann vergibt sie der Mutter auch wieder; betont ihre Körperlichkeit, aber eben das absolute Tabu der Sexualität. Die Macht der Mutter habe sie - E. J. - nur durch ihre heimliche Sexualität durchbrochen. Dies sei das Einzige, worauf sie im Leben wirklich stolz sei.
Korruhn im Element: Ob sie ein Mann sein möchte. E. J. zögert, sagt dann ja, obwohl dies überhaupt nicht mit ihrem Feminismus konform gehe. Aber dann, so Korruhn, müsse sie doch mit Frauen schlafen. Ja, sagt sie, ein bisschen ratlos.
Später dann zum Kern: Sexualität sei für sie - E. J. - nur in der Fremdheit zum Anderen möglich, zum anderen Geschlecht meint sie. Sie brauche das, die gewisse Scheu...Fremdheit, auch Angst. Das sei für sie notwendig. Dies steigere die Erotik, die Sexualität; Angst und Fremdheit sei sexualisierend. Woran das liege, die fast gehauchte Frage von Korruhn - und dann Jelineks Antwort: sie sei keine Psychologin; sie wisse es nicht.
Vielleicht hat Elfriede Jelinek dergestalt ja ein erotisches Verhältnis zu Österreich?
War Korruhn dieser aufdringliche Mensch bei ZAKK? An irgendeinen aufklärerischen Mehrwert durch ihn erinnerte ich mich bisher nicht.
Aber mir macht Ihre Schilderung mal wieder klar, dass „das Werk“ eben doch nicht den Menschen ganz abdeckt (klar... eh nicht). Dass der – die ihn treibenden Kräfte - aber oft interessanter sind als seine Hervorbringungen. (Das würde ich auch bei Frau J. annehmen, die ja trotz Nobelpreis im deutschsprachigen Raum mittlerweile doch eher als weniger relevant gilt und künstlerisch nicht mehr wirklich weiterführend, geschweige denn innovativ. [Obwohl diese Ranking-Bestimmungen selber was geringwertiges sind.])
Aber kann man heute noch den Geständnismut dieser Frau erahnen? So kommt es mir zumindest vor, und ich meine, damals wäre das noch einigermaßen aufregend... weil anderswie aufklärerisch, frauen-mutiger eben gewesen: Dass dieses ganze Sublimations-Ding Kunst („Die Kunst ist immer gegen den Körper des Künstlers gerichtet – immer.“ (E.J.) teilweise ganz untauglich ist, das Eigentliche zu bearbeiten, geschweige denn zu bewältigen. Und wie viele Männer sich hinter ihrem Groß-Ding „Werk“ verstecken (und die Sublimieurngs-Verarbeitungs-Kultur goutiert das, weil es sie mit nobilitiert... einer größer als der andere. Usw.)
Paradoxer Effekt bei mir: Ich mag sie eigentlich immer noch nicht wieder lesen, aber gegen sich argumentlos-stark dünkenden Rundumschläge gegen sie (Ressentiments halt, Zerrbilder meiner eigenen) würde ich sie fast wieder verteidigen wollen. Zumindest als „schwierige“, anscheinend zunehmend sperrigere Person.
Die Gespräche mit/von Korruhn waren schon irgendwie interessant, weil so heute niemand mehr fragen würde, teilweise so...intim, ohne dabei obszön zu sein. Immer dicht an die Personen angeschmiegt (fast). Ich erinnere mich noch an den Ausraster von Bednarz, aber das nur am Rande (Korruhn ist schon Jahre tot).
Verteidigen möcht' ich E. J. immer dann, wenn sie als Person zur "Disposition" gestellt wird. Aber eben nur dann noch. Literarisch hat sie Gutes geleistet; das Neue lese ich aber nicht mehr. Als "politische Autorin" ist sie meines Erachtens grausig, da sie glaubt, sich als Schriftstellerin keinen Argumenten mehr stellen zu müssen, aber selber nur mehr "behauptet" (ohne Anschauung sozusagen; damit im Gegensatz zu jemand wie Handke [vielleicht])).
HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.
Unnachgefragte (?) Ergänzung
Und sie spricht von der Kombination von Liebe und Leistung: Liebe gab es nur bei Leistung - sprich: Konformität (Schule; Musik). Dann vergibt sie der Mutter auch wieder; betont ihre Körperlichkeit, aber eben das absolute Tabu der Sexualität. Die Macht der Mutter habe sie - E. J. - nur durch ihre heimliche Sexualität durchbrochen. Dies sei das Einzige, worauf sie im Leben wirklich stolz sei.
Korruhn im Element: Ob sie ein Mann sein möchte. E. J. zögert, sagt dann ja, obwohl dies überhaupt nicht mit ihrem Feminismus konform gehe. Aber dann, so Korruhn, müsse sie doch mit Frauen schlafen. Ja, sagt sie, ein bisschen ratlos.
Später dann zum Kern: Sexualität sei für sie - E. J. - nur in der Fremdheit zum Anderen möglich, zum anderen Geschlecht meint sie. Sie brauche das, die gewisse Scheu...Fremdheit, auch Angst. Das sei für sie notwendig. Dies steigere die Erotik, die Sexualität; Angst und Fremdheit sei sexualisierend. Woran das liege, die fast gehauchte Frage von Korruhn - und dann Jelineks Antwort: sie sei keine Psychologin; sie wisse es nicht.
Vielleicht hat Elfriede Jelinek dergestalt ja ein erotisches Verhältnis zu Österreich?
Unnachgefragt... aber willkommen.
Aber mir macht Ihre Schilderung mal wieder klar, dass „das Werk“ eben doch nicht den Menschen ganz abdeckt (klar... eh nicht). Dass der – die ihn treibenden Kräfte - aber oft interessanter sind als seine Hervorbringungen. (Das würde ich auch bei Frau J. annehmen, die ja trotz Nobelpreis im deutschsprachigen Raum mittlerweile doch eher als weniger relevant gilt und künstlerisch nicht mehr wirklich weiterführend, geschweige denn innovativ. [Obwohl diese Ranking-Bestimmungen selber was geringwertiges sind.])
Aber kann man heute noch den Geständnismut dieser Frau erahnen? So kommt es mir zumindest vor, und ich meine, damals wäre das noch einigermaßen aufregend... weil anderswie aufklärerisch, frauen-mutiger eben gewesen: Dass dieses ganze Sublimations-Ding Kunst („Die Kunst ist immer gegen den Körper des Künstlers gerichtet – immer.“ (E.J.) teilweise ganz untauglich ist, das Eigentliche zu bearbeiten, geschweige denn zu bewältigen. Und wie viele Männer sich hinter ihrem Groß-Ding „Werk“ verstecken (und die Sublimieurngs-Verarbeitungs-Kultur goutiert das, weil es sie mit nobilitiert... einer größer als der andere. Usw.)
Paradoxer Effekt bei mir: Ich mag sie eigentlich immer noch nicht wieder lesen, aber gegen sich argumentlos-stark dünkenden Rundumschläge gegen sie (Ressentiments halt, Zerrbilder meiner eigenen) würde ich sie fast wieder verteidigen wollen. Zumindest als „schwierige“, anscheinend zunehmend sperrigere Person.
Ja (und nein)
Verteidigen möcht' ich E. J. immer dann, wenn sie als Person zur "Disposition" gestellt wird. Aber eben nur dann noch. Literarisch hat sie Gutes geleistet; das Neue lese ich aber nicht mehr. Als "politische Autorin" ist sie meines Erachtens grausig, da sie glaubt, sich als Schriftstellerin keinen Argumenten mehr stellen zu müssen, aber selber nur mehr "behauptet" (ohne Anschauung sozusagen; damit im Gegensatz zu jemand wie Handke [vielleicht])).