en-passant (anonym) - 2008-05-18 13:47

...und vorm Keller rosa Gardinen

Hallo G.K.

Bei aller Prägnanz ihrer fraglos richtigen Kritik... fällt mir doch das starke Moment der Vergeblichkeit auf: Vor der Blutrunst der Menge an solchen Ungeheuerlichkeiten lohnten vielleicht sämtliche Ihrer Anstrengungen nicht (mehr) – und was dann? Sie sind es, der, hoffnungslos zu spät, die Ohnmacht nur anderswo ausbadet (ausbaden muss?), während die Menge sich ob abgrundtief langweiliger Leben ungleich freudiger an der geilen Fortsetzungsstory erregt.

Sollte man nicht einmal zugeben, dass vor manchen Dingen alle Erklärungen versagen? Und die Erklärungen der Erklärungen nicht mehr ausreichen? Und dass das gut ist? Dass man sogar selber noch (egal aus welchen Gründen) dessen bedarf? (Und sei es nur, um von dort einmal auf sich und seine Ohnmachten zu schauen.)

Ich ahne es ja bei mir selbst, das ist mit das Schlimmste, was Denk- & Wortgläubigen zustoßen kann. Aber hat nicht diese Arbeit am Festhalten einer an sich selbst okkult gewordenen Vernunft längst etwas seinerseits Beschwörendes, damit etwas Restgläubiges auch - etwas latent Schreckliches (das damit irgendwo sogar seine Mitschuld bei den Ungläubigen hat)?

Eben das verkörpert mir die zur Aufsagemaschine gewordene Jelinek: ihre Lieblingsthemen, Östereich und männliche (Vernunft-)Gewalt, haben sie längst fest im Griff und schütteln sie, bis nur immer mehr putzige Kalauer aus ihr herauspurzeln, die dann als Fußnoten auch noch den Wahnsinn adnotieren. Mir scheint, bei all meiner Anti-& Sympathie für sie (denn sie bleibt ja eine Künstlerin!, man siehe nur, von wem sie alles gehasst wird, Guten wie Bösen!), ist sie längst von einem verwandten Verfallenheits-Furor infiziert. (Man muss ja wohl selber verrückt dran werden - oder "stellvertretend leiden" à la Karl Kraus, Qualtinger, Bernhard, Bauer, Schwab... Und das mit der inneren Monstrosität eines jeden, dem dünnen Häutchen Zivilisation herum der Barbarei, das mit der Wiederkehr des Verdrängten - hatte das nicht ein anderer Österreicher kongenial kapiert? Wieso überhaupt schafft das Böse erst unsere Hellsicht? Reden wir uns nicht in allem, so oder so, auf uns selber heraus?)

Muss wohl so sein. Das meinte dann aber auch, dass man mit einer gewissen Perspektive auf den je eigenem Restanteil an den Bedürfnissen der Niedrigkeit die Existenzberechtigung auch der Kronen-Zeitung nicht gut bestreiten kann (oder eben die maultriefenden Fortsetzungsergötzungen bei RTL).

Ich weiß: Mein Argumentieren hier ist letztlich selber wieder tautologisch. Aber mein Gefühl mehr und mehr ist: Bleibt es ja anderswie und sowieso auch! Alarmiert starren wir auf die Schlange, die uns immer auch hypnotisiert. Möglicherweise kommt man gegen den nicht wegzukriegenden Widersinn nur an mit dem eigenen Widersinn. Denn zuletzt bleibt es dann doch so: Alle Österreicher sind sie ja doch irgendwie inzestuöse Degenerierte (wie alle Deutschen qua Geburt Nazis sind und jedem Chavez für die eigene Trottelei dienen mit der Schuld, die man dem anderen anhängen kann, etc.). Wir werden es wieder sehen bei der anstehenden Fußball-Euro?-Meisterschaft.

Amstetten und die Berichterstattung ist der Wahnsinn, der die Normalität ist, die den Wahnsinn produzieren muss, den wir Zuschauer brauchen, um uns dazwischen irgends zurecht zu finden.

Und Menschen sind nun mal geborene Verbrecher. Sie hängen rosa Gardinen vor Kellerfenstern. Wiss'ma eh! Und die Donau is' schön blau!

fely - 2008-05-18 14:37

Zitiere:

[ ] denn sie bleibt ja eine Künstlerin!, man siehe nur, von wem sie alles gehasst wird, Guten wie Bösen!

hört sich so an, als sei Gehaßtwerden ein Qualitätsmerkmal für eine Künstlerin. Ironie?
Im Fall von Elfriede Jelinek stellt sich für mich jedenfalls eher die Frage, wen sie (Gute und Böse) alles haßt. (Über die Feststellung von Ursache und Wirkung will ich mich nicht auslassen. Eins steht für mich jedoch fest: ihr Haß ist älter...)
Gregor Keuschnig - 2008-05-18 15:07

@en-passant

Ich glaube nicht nur, Sie zu verstehen, sondern ich kann Ihnen auch sicherlich zustimmen. Klar ist mein Geschreibe nur wieder selber eine tautologische Vergeblichkeit, aber nicht primär dieser Tat, sondern dem Text der Jelinek gegenüber. Mein Zuspätkommen entschuldige ich mit dem Überlegen (und Befragen eines Kundigen), ob ich überhaupt Zitieren dürfe. Und aus der Angst, nein: Befürchtung heraus, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen (letzteres ist eh' der Fall).

Sie treffen mit Ihrem Befund natürlich die Kernfrage jeden Textschreibers: Was ist damit zu ändern, wenn ich in den Ozean pinkle? Vermutlich, ja, sicherlich, nichts.

Aber genau das, was Sie zur Jelinek sagen, diese Aufsagemaschine, dieses durchschaubare Empörungsparlando, stört mich derart, dass ich nicht ablassen kann von der Kritik daran, ohne mich natürlich selber wieder in den "Kreisen" zu bewegen, die ich moniere.

Sie zählen diese eindrucksvolle Schar von österreichkritischen Österreichern der letzten Jahrzehnte auf. Sie sind natürlich alle unterschiedlich in ihren Kritikpunkten. Aber einmal eine kleine Gegenfrage: Haben Sie - bezogen auf die Bevölkerungszahl - auf die Schnelle 20 Intellektuelle aus Deutschland zur Hand mit nur annäherend ähnlichem Format (Karl Kraus jetzt sogar einmal weggelassen)? Und jemanden wie Handke habe ich da noch gar nicht "eingerechnet". Und Menasse fiele mir noch ein. Und der unsägliche Haslinger auch, der einen solchen Unsinn über Amstetten gesagt hat, aber doch auch ein kluger Kopf ist.

Was ist also das Österreichische? Bei aller angeblichen "Versumpfung" zeigt sich da doch einiges an Intellektualität, während die Deutschen nur ihren Botho Strauß haben (den sie hassen), einen Grass, Walser und drei, vier andere (vielleicht fünf - und da zähle ich dann tatsächlich schon ANH dazu!).

Amstetten und die Berichterstattung ist der Wahnsinn, der die Normalität ist, die den Wahnsinn produzieren muss, den wir Zuschauer brauchen, um uns dazwischen irgends zurecht zu finden.
Ich würde es ein bisschen anders formulieren: "Amstetten und die Berichterstattung ist der Wahnsinn, der die Normalität ist, die den Wahnsinn produzieren muss, den wir Zuschauer brauchen, um uns selber als normal zu empfinden." Letztlich dient ein solches Verbrechen der Selbstvergewisserung der eigenen "Normalität" - gepaart mit dem Grusel, beim Nachbarn im Urlaub mal ein bisschen genauer nachzusehen (obwohl man doch kaum noch Wohnungsschlüssel bekommt).

@fely
Gehaßtwerden kann (vielleicht) in Österreich ein Indiz für eine gewisse Intellektualität sein bzw. als solches veranschlagt werden. Wie bereits gesagt: In kaum einem Land spielt der nationale Selbsthaß eine derart dominante Rolle. Wobei zum Beispiel der Bernhardsche Österreichhaß natürlich eine Österreichliebe oder zumindest -sehnsucht war.

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