Mit Scheuklappen
Der erste Appetit scheint gestillt. Die Postillen wenden sich vorübergehend wieder anderen Themen zu. Mindestens eine entblödete sich nicht vom "Inzest-Monster" zu sprechen. Ausgerechnet sie, die einen ganzen Schwarm von Lügenmonstern beschäftigen, mit ihrem Mentor Kai Diekmann. Ich spreche von Deutschland; das österreichische Mediengewitter habe ich nicht mitbekommen. Vielleicht ist das gut so.
Ich stelle die These auf: Sie haben Josef F. gebraucht. Nein: Sie brauchen ihn. Immer noch. Sie verzehren sich nach ihm. Wenn es ihn nicht gäbe – so verrückt und lügnerisch können sie gar nicht sein, ihn zu erfinden. Sie freuen sich, dass jemand ein noch schlimmerer Mensch ist, als ihre Phantasie es hätte erfinden können. Sie suhlen sich im Elend seiner Opfer. Sie weiden sich an ihnen und verbrämen dies mit einem schmierigen Betroffenheitstheater.
Ein österreichisches Gericht beging einen Lapsus. Es nannte Josef F.s Frau in einem öffentlichen Dokument nicht Rosemarie, sondern "Maria". Welch' ein Witz: Josef und Maria in Amstetten. Ihr Kind hat nun gelitten. Es hat für uns gelitten. Für unsere Sensationsgier. Zu unserem Plaisir. "Thrill" nennt man das im Englischen. Und jetzt müssen sie alle noch einmal leiden. Mit dem Attributgewitter der üblichen Verdächtigen.
Das grausame Schicksal dieser Gefangenen wird nun gnadenlos (da bekommt dieses Wort plötzlich wieder seinen Sinn zurück) ausgebreitet. Das durfte man erwarten, denn der Fall ist so prima exotisch und dämonisch. Und man konnte erwarten, dass die Lügenmonster der entsprechenden Verblödungsmaschinen ihre Schornsteine kräftig rauchen lassen. F.s Anwalt als Spielverderber: Will er doch darauf plädieren, dass sein Mandat unzurechnungsfähig ist. Das wäre für die Lügenmonster nicht gut, weil sie ihre Geschichten dann nicht mit dem entsprechenden Schauder ausstatten könnten. Man lebt doch auch ein bisschen davon, dass der Josef F. unser Nachbar sein könnte.
Aber das alles ist Beiwerk. Man kann ihm, wenn man will, aus dem Weg gehen. Aber wenn sich eine Schriftstellerin wie Elfriede Jelinek dem annimmt und die Feuilletons dies bejubeln, dann muss man das lesen, sich damit beschäftigen. Und man liest es und stellt fest: Da wird der Boulevard literarisiert. Da werden Klischees weitergesponnen – mit dem Mäntelchen des literarischen. Lügenjournalismus und Feuilleton in seltsamer Allianz.
Im Verlassenen heisst Jelineks Text. Er ist absatzlos. Die Sprache bekannt; mit einigen Ausnahmen ist es die Jelinek-Sprache, die alles assoziativ auf ihre Thesen herunterbricht: Alle Gewalt ist männlich. Männer sind gewalttätig. Sexualität ist Gewalt. Die Kirche ist männlich. Und Österreich voller Nazis.
Die Wortkaskaden, das Spielerische, das Bonmothafte, das Kalauernde – ja, es ist kunstvoll, es ist nett, es ist manchmal komisch, ab und zu erhellend und manchmal verstörend (in den schönsten Momenten). Irgendwann ist es – wenn man einige ihrer Bücher gelesen hat – aber nur noch redundant. Jelinek ist mit den Jahren ihren sprachlichen und stilistischen Manierismen erlegen. Ich verhehle nicht, dass ich "Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft", "Die Liebhaberinnen" und "Die Klavierspielerin" mit grossem Vergnügen gelesen habe. "Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr" und ihren spektakulärsten Erfolg "Lust" (ein Buch, dass seinerzeit einen mittleren Skandal auslöste) konnte man nur noch mit sehr viel literarischem Wohlwollen ertragen. Danach verfiel sie zu einer Heroine ihrer eigenen Selbstinszenierung. Die unflätigen Diffamierungen gegenüber ihrer Person (und ihrem Werk) durch Haiders FPÖ haben sie vielleicht ein Stück weit zur Getriebenen ihrer eigenen Weltanschauung gemacht.
Der Nobelpreis, der auf sie 2004 wie ein Wunder einprasselte, ist auch (aber nicht nur) als moralische Unterstützung der Akademie für den politischen und sozialen Menschen Elfriede Jelinek zu verstehen. Ich fand und finde das gut. Auch wenn es "bessere" Autoren gibt. Aber in den letzten Jahren gibt es keine Entscheidung aus Stockholm, die nicht auch moralisch und politisch begründet ist. Das ist dann schon wieder schade.
Und nun ein Text zu Amstetten. Jelinek setzt zu ihrem üblichen Parlando an. Aber diesmal geht es nicht um fiktive Figuren, die exemplarisch vorgeführt werden können. Diese Menschen gibt es. Hat sie das vergessen?
Und Jelinek schreibt mit dem Furor der Wissenden. Ihre Urteile stehen immer schon fest. Und auch für sie ist F. ein Monster (sie benutzt nur das Wort nicht). Stattdessen treibt sie Assoziationsspiele:
Hier gilt das Wort des Vaters, der sogar schon Großvater ist, nichts besonderes, es gibt Väter und Großväter sogar in einer Person, es gibt ja auch die hl. Dreifaltigkeit, einen in drei Personen…. Später dann: Auf unsere Männlichkeit haben wir immer Zugriff und die Männlichkeit ist in einem kleinen, gemusterten Sack unter dem dicken Bauch gut aufgehoben. Er habe keine Scham gekannt weiss sie. Und Österreich sei eine Probe für irgendetwas später, was noch kommen wird; und es gilt das ist das erste Gebot hier: Du sollst nicht merken.
Die vollkommen berechtigte Frage, wie so etwas über diese lange Zeit unentdeckt bleiben konnte, wird heruntergebrochen, in dem nun das ganze Land zum Kumpan des Josef F. erklärt wird.
Partout will sie dieses Verbrechen exklusiv für Österreich reklamieren. Vielleicht sogar patentieren? Ein bisschen mehr Recherche hätte ich schon erwartet. Dann hätte sie vielleicht von Lutz R. aus Hamburg gehört oder gelesen. Aber als Sabine Rückerts Artikel in der ZEIT erschien, war Jelineks Text schon online? Na, dann. Es schreibt sich ja so schön mit den Scheuklappen.
Komisch, dass auch noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Bundesrepublik als das Babymörderland zu bezeichnen (die "Strecke" ist doch beeindruckend genug, oder?)
Boulevard und Journalismus bzw. Literatur: Sie lieben plötzlich beide die Sensation. Und sie haben es so gerne, ihre Vorurteile bestätigt zu sehen. Männergewalt – ja. Österreich – nach Kampusch: ja. Thailandreisender – ja. Katholisches Umfeld – ja.
Umgekehrt: Frauen morden – passt nicht. Deutschland – passt nicht (einige meinten, da viele dieser Tötungsdelikte in Ostdeutschland vorgekommen seien, habe dies habe mit der ostdeutschen Sozialisation zu tun – berechtigterweise wurde dies mit Empörung als Unsinn bezeichnet). Kein Inzest – nicht spektakulär genug.
Im Verlassenen passt sich dem schematischen Denken des Lügenjournalismus an. Freilich von der anderen Seite. Dabei orchestriert die Autorin wortgewaltig eine Mischung zwischen Sippenhaft und bewusster Komplexitätsreduzierung. Das stilvoll-literarische verdeckt das sensationsheischende nur mühsam. Noch einmal: Hüben wie drüben werden die Messer gewetzt – jeder auf seiner Seite mit seinen Mitteln.
Das Schlimme ist: Inzwischen glaube ich auch der Jelinek-Seite nicht mehr. Ihrem kruden Schematismus, der dem des Boulevards in vielem so ähnlich ist. Beide zielen auf Affekte oder billige Provokationen. Sie schauen zuerst auf ihre Wirkung. Nur wenige Stimmen, die sich zurückhalten und nüchtern abwägen. Sie wirken dabei so schrecklich altmodisch. Vielleicht weil sie Pietät und Respekt kennen.
Noch ein Wort zum Zitieren. Auf ihrer Webseite untersagt Elfriede Jelinek jegliches Zitieren aus ihren Texten. Ich hatte über die angegebene E-Mail Adresse (es war eine Adresse vom Rowohlt-Verlag) gefragt, ob ich zitieren dürfe – leider gab es keine Antwort. Ich habe mir dennoch das Recht herausgenommen, aus dem verlinkten Text zu zitieren (Zitate in kursiver Schrift). Auch, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass solche Vorschriften in Demokratien legal sind.
Ich stelle die These auf: Sie haben Josef F. gebraucht. Nein: Sie brauchen ihn. Immer noch. Sie verzehren sich nach ihm. Wenn es ihn nicht gäbe – so verrückt und lügnerisch können sie gar nicht sein, ihn zu erfinden. Sie freuen sich, dass jemand ein noch schlimmerer Mensch ist, als ihre Phantasie es hätte erfinden können. Sie suhlen sich im Elend seiner Opfer. Sie weiden sich an ihnen und verbrämen dies mit einem schmierigen Betroffenheitstheater.
Ein österreichisches Gericht beging einen Lapsus. Es nannte Josef F.s Frau in einem öffentlichen Dokument nicht Rosemarie, sondern "Maria". Welch' ein Witz: Josef und Maria in Amstetten. Ihr Kind hat nun gelitten. Es hat für uns gelitten. Für unsere Sensationsgier. Zu unserem Plaisir. "Thrill" nennt man das im Englischen. Und jetzt müssen sie alle noch einmal leiden. Mit dem Attributgewitter der üblichen Verdächtigen.
Das grausame Schicksal dieser Gefangenen wird nun gnadenlos (da bekommt dieses Wort plötzlich wieder seinen Sinn zurück) ausgebreitet. Das durfte man erwarten, denn der Fall ist so prima exotisch und dämonisch. Und man konnte erwarten, dass die Lügenmonster der entsprechenden Verblödungsmaschinen ihre Schornsteine kräftig rauchen lassen. F.s Anwalt als Spielverderber: Will er doch darauf plädieren, dass sein Mandat unzurechnungsfähig ist. Das wäre für die Lügenmonster nicht gut, weil sie ihre Geschichten dann nicht mit dem entsprechenden Schauder ausstatten könnten. Man lebt doch auch ein bisschen davon, dass der Josef F. unser Nachbar sein könnte.
Aber das alles ist Beiwerk. Man kann ihm, wenn man will, aus dem Weg gehen. Aber wenn sich eine Schriftstellerin wie Elfriede Jelinek dem annimmt und die Feuilletons dies bejubeln, dann muss man das lesen, sich damit beschäftigen. Und man liest es und stellt fest: Da wird der Boulevard literarisiert. Da werden Klischees weitergesponnen – mit dem Mäntelchen des literarischen. Lügenjournalismus und Feuilleton in seltsamer Allianz.
Im Verlassenen heisst Jelineks Text. Er ist absatzlos. Die Sprache bekannt; mit einigen Ausnahmen ist es die Jelinek-Sprache, die alles assoziativ auf ihre Thesen herunterbricht: Alle Gewalt ist männlich. Männer sind gewalttätig. Sexualität ist Gewalt. Die Kirche ist männlich. Und Österreich voller Nazis.
Die Wortkaskaden, das Spielerische, das Bonmothafte, das Kalauernde – ja, es ist kunstvoll, es ist nett, es ist manchmal komisch, ab und zu erhellend und manchmal verstörend (in den schönsten Momenten). Irgendwann ist es – wenn man einige ihrer Bücher gelesen hat – aber nur noch redundant. Jelinek ist mit den Jahren ihren sprachlichen und stilistischen Manierismen erlegen. Ich verhehle nicht, dass ich "Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft", "Die Liebhaberinnen" und "Die Klavierspielerin" mit grossem Vergnügen gelesen habe. "Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr" und ihren spektakulärsten Erfolg "Lust" (ein Buch, dass seinerzeit einen mittleren Skandal auslöste) konnte man nur noch mit sehr viel literarischem Wohlwollen ertragen. Danach verfiel sie zu einer Heroine ihrer eigenen Selbstinszenierung. Die unflätigen Diffamierungen gegenüber ihrer Person (und ihrem Werk) durch Haiders FPÖ haben sie vielleicht ein Stück weit zur Getriebenen ihrer eigenen Weltanschauung gemacht.
Der Nobelpreis, der auf sie 2004 wie ein Wunder einprasselte, ist auch (aber nicht nur) als moralische Unterstützung der Akademie für den politischen und sozialen Menschen Elfriede Jelinek zu verstehen. Ich fand und finde das gut. Auch wenn es "bessere" Autoren gibt. Aber in den letzten Jahren gibt es keine Entscheidung aus Stockholm, die nicht auch moralisch und politisch begründet ist. Das ist dann schon wieder schade.
Und nun ein Text zu Amstetten. Jelinek setzt zu ihrem üblichen Parlando an. Aber diesmal geht es nicht um fiktive Figuren, die exemplarisch vorgeführt werden können. Diese Menschen gibt es. Hat sie das vergessen?
Und Jelinek schreibt mit dem Furor der Wissenden. Ihre Urteile stehen immer schon fest. Und auch für sie ist F. ein Monster (sie benutzt nur das Wort nicht). Stattdessen treibt sie Assoziationsspiele:
Hier gilt das Wort des Vaters, der sogar schon Großvater ist, nichts besonderes, es gibt Väter und Großväter sogar in einer Person, es gibt ja auch die hl. Dreifaltigkeit, einen in drei Personen…. Später dann: Auf unsere Männlichkeit haben wir immer Zugriff und die Männlichkeit ist in einem kleinen, gemusterten Sack unter dem dicken Bauch gut aufgehoben. Er habe keine Scham gekannt weiss sie. Und Österreich sei eine Probe für irgendetwas später, was noch kommen wird; und es gilt das ist das erste Gebot hier: Du sollst nicht merken.
Die vollkommen berechtigte Frage, wie so etwas über diese lange Zeit unentdeckt bleiben konnte, wird heruntergebrochen, in dem nun das ganze Land zum Kumpan des Josef F. erklärt wird.
Partout will sie dieses Verbrechen exklusiv für Österreich reklamieren. Vielleicht sogar patentieren? Ein bisschen mehr Recherche hätte ich schon erwartet. Dann hätte sie vielleicht von Lutz R. aus Hamburg gehört oder gelesen. Aber als Sabine Rückerts Artikel in der ZEIT erschien, war Jelineks Text schon online? Na, dann. Es schreibt sich ja so schön mit den Scheuklappen.
Komisch, dass auch noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Bundesrepublik als das Babymörderland zu bezeichnen (die "Strecke" ist doch beeindruckend genug, oder?)
Boulevard und Journalismus bzw. Literatur: Sie lieben plötzlich beide die Sensation. Und sie haben es so gerne, ihre Vorurteile bestätigt zu sehen. Männergewalt – ja. Österreich – nach Kampusch: ja. Thailandreisender – ja. Katholisches Umfeld – ja.
Umgekehrt: Frauen morden – passt nicht. Deutschland – passt nicht (einige meinten, da viele dieser Tötungsdelikte in Ostdeutschland vorgekommen seien, habe dies habe mit der ostdeutschen Sozialisation zu tun – berechtigterweise wurde dies mit Empörung als Unsinn bezeichnet). Kein Inzest – nicht spektakulär genug.
Im Verlassenen passt sich dem schematischen Denken des Lügenjournalismus an. Freilich von der anderen Seite. Dabei orchestriert die Autorin wortgewaltig eine Mischung zwischen Sippenhaft und bewusster Komplexitätsreduzierung. Das stilvoll-literarische verdeckt das sensationsheischende nur mühsam. Noch einmal: Hüben wie drüben werden die Messer gewetzt – jeder auf seiner Seite mit seinen Mitteln.
Das Schlimme ist: Inzwischen glaube ich auch der Jelinek-Seite nicht mehr. Ihrem kruden Schematismus, der dem des Boulevards in vielem so ähnlich ist. Beide zielen auf Affekte oder billige Provokationen. Sie schauen zuerst auf ihre Wirkung. Nur wenige Stimmen, die sich zurückhalten und nüchtern abwägen. Sie wirken dabei so schrecklich altmodisch. Vielleicht weil sie Pietät und Respekt kennen.
Noch ein Wort zum Zitieren. Auf ihrer Webseite untersagt Elfriede Jelinek jegliches Zitieren aus ihren Texten. Ich hatte über die angegebene E-Mail Adresse (es war eine Adresse vom Rowohlt-Verlag) gefragt, ob ich zitieren dürfe – leider gab es keine Antwort. Ich habe mir dennoch das Recht herausgenommen, aus dem verlinkten Text zu zitieren (Zitate in kursiver Schrift). Auch, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass solche Vorschriften in Demokratien legal sind.
Gregor Keuschnig - 2008-05-16 18:03
Bei Dutroux