aroedl (anonym) - 2008-04-28 02:31

Seltsame Fragestellung

Es gibt nicht nur medien(-politische) Blogs und bei Seiten wie "Slashdot.org" (auch ein Blog, obwohl sie es nicht zugeben) ist die eigentliche Meldung bzw. der eigentliche Eintrag irrelevant. Dort sind die Kommentare das wesentliche. Würde man in Blog-Software eine Bewertungsfunktion für Kommentare einführen, dann hätte sich das Thema schon erledigt.

Es geht nicht um Zensur (bei Slashdot.org wird nicht zensiert), sondern um das Vorfiltern lesenswerter Kommentare. Mit einem solch ausgeklügelten Bewertungssystem sind Ungerechtigkeiten und "groupthink" sogar ausgeschlossen - wenn man es richtig implementiert. Wer sich bei Heise.de an die grün gefärbten Kommentare hält, wird keine Beleidigungen, Ausländerfeindlichkeit oder sonstiges dieser Art lesen.

Selbst bei digg.com gibt es ein Bewertungssystem für Kommentare, was ausgesprochen zeitsparend ist, wenn man nur mal kurz ein Gefühl für die Stimmung erhalten will.

Bei der heutigen Blogsoftware gibt es keine Bewertung. Hier und bei Stefan Niggemeiers Blog kann man mitunter 10 Minuten lang Kommentare lesen und ist danach noch weniger informiert als zuvor. Das sieht bei anderen Blogs noch ganz anders aus, wo man seitenweise Kommentare in der Art von "WTF?" lesen kann. In einem Bewertungssystem wäre das erste "WTF?" noch als lesbar bewertet, das zweite schon automatisch verborgen, weil "nicht lesenswert (da redundant)".

Es liegt also an der Darstellung der Kommentare.

Das alles ist übrigens nicht anders als in der Kneipe, wo man automatisch dem zuhört, dem andere am Tisch auch zuhören. Die gemeinschaftliche Bewertung findet dadurch statt, dass sich andere in der Gruppe zu dem Sprecher wenden, der nicht nur Müll von sich gibt. In der heutigen "Blogosphäre" gibt es das nicht.

Viele haben es verstanden (wie die genannten Beispiele), die allermeisten allerdings noch nicht.

Gregor Keuschnig - 2008-04-28 08:24

Bewertungsfunktionen

bei Kommentaren sind nur angebracht, wenn aussergewöhnlich viele Kommentare gemacht werden, die nicht mehr moderiert werden können. Slashdot hat Millionen von Klicks pro Monat, -zigtausende Kommentare und eine sehr grosse "Community".

Auf zeit.de oder faz.net oder auch beim ehemals sehr interessanten Forum nensch.de kann/konnte man sehen, dass die Bewertungen von Kommentaren fast immer nach der Gesinnung erfolgt, die im jeweiligen Kommentar hervorschimmert. Die Argumentationsführung spielt da keine Rolle. Bewertet wird die Einstellung. Wenn sie noch hübsch formuliert ist, gibt's immer Bestnoten. Das spielt bei Shlashdot vielleicht keine Rolle, aber wenn ich nur drei oder fünf Bewerter habe, dann kann jeder vom Mainstream abweichende Kommentar ganz schnell heruntergewählt werden. Unter Umständen sind aber diese Meinungen gerade interessant.
mz (anonym) - 2008-04-28 10:42

baumstruktur

Viel besser zum Aussortieren der Kommentare finde ich Ihre Version hier: wenn die Kommentare ins OT Wanken, sieht man das an der Baumstruktur. Ein Kommentar der sich direkt auf den Artikel bezieht ist leicht erkennbar und wenn jemand eine abdriftende These aufwirft, überscrollt man die Kommentare zu dieser.. natürlich keine Lösung des Problems, vielleicht aber eine Verbesserung? Mir kam gerade noch der Gedanke einer Shoutbox statt einer Kommentarfunktion.. da Herr Niggemeier sowieso alle seine Kommentare liest, könnte er das eben auch bei einer Shoutbox machen, die nur ca. die letzten 30 Beiträge anzeigt. So wird keine direkte Diskussionskultur gehemmt, aber wenn jemand eine besondere Perle zu einem Artikel schreibt, kann jene auch noch unter diesen nachträglich eingefügt werden. Nur so ne Idee.. ähnelt natürlich dem Konzept der vorkontrollierten Kommentare, aber eben mit der Möglichkeit, trotzdem direkt diskutieren zu können.
aroedl (anonym) - 2008-04-28 10:43

Bewertungsfunktionen

Bei slashdot.org werden eben _nicht_ nur die Kommentare, die der "Gesinnung der Community" entsprechen hoch bewertet, sondern natürlich auch Kommentare, die dieser "Gesinnung" diametral entgegen stehen. Das lässt sich ganz einfach nachprüfen, indem man sich die hoch bewerteten "Anti-Open-Source/Anti-Linux-Kommentare" ansieht. Es kommt einfach darauf an, ob sich jemand Mühe bei der Argumentation gegeben hat.

Wieso funktioniert das so gut? Es liegt an der Art des Bewertungssystems. Man bekommt etwa monatlich fünf Moderationspunkte, die man über drei Tage aufbrauchen kann. So ist fast ausgeschlossen, dass man nur dort bewertet, wo man seine Meinung vertreten sieht.

--
"wenn ich nur drei oder fünf Bewerter habe, dann kann jeder vom Mainstream abweichende Kommentar ganz schnell heruntergewählt werden."
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Dann ist eben auch die Anzahl der Kommentare und Leser sehr gering. Ich kenne diesen Blog (noch) nicht, aber bei Niggemeier und BildBlog sind die Leserzahlen sicherlich nicht gering, was man (bei Niggemeier) an der durchschnittlichen Anzahl an Kommentaren abschätzen kann. Ob sich bei einer grossen Anzahl von Lesern/Bewertern eine Art "Gemeinschafts-Gesinnung" überhaupt herauskristallisieren kann und ob das überhaupt ein negativer Effekt wäre, ist zu bezweifeln. Wenn sich als Gemeinschafts-Gesinnung eine Abneigung gegenüber z. B. ausländerfeindlicher Hetze bildet, dann ist es doch das, was hier gefordert wird?

Wenn der Betreiber des Blogs und die Mehrzahl der Leser verabscheuenswürdige Kommentareinträge nicht gut heisst, dann _ist_ das doch schon eine Bewertung. Eine Bewertung allerdings, die nicht dargestellt wird. Und diese Darstellung könnte eben so aussehen wie bei digg.com, slashdot.org, heise.de und mittlerweile vielen anderen.

Als Gegenargument gegen eine Bewertungfunktion höre ich immer wieder, dass dann nur noch Kommentare, die dem "Groupthink", der "Gesinnung der Community" hoch bewertet werden. Ist es nicht exakt das, was hier und an anderer Stelle eigentlich gefordert wird?

Um mein Kneipenbeispiel aufzugreifen: Man stelle sich vor, in der Stammkneipe purzelt plötzlich ein ausländerfeindlich gröhlender Neonazi rein. Um den Frieden und die anderen Gäste zu schützen, schmeisst der Wirt/Barkeeper diese Person raus. Wenn er es nicht tut, dann tun es vielleicht die Gäste, oder er wird ganz einfach ignoriert - ausser man will sich wirklich dazusetzen und mit ihm darüber reden.

Genau so funktionieren Bewertungssysteme wie bei Slashdot. Es ist nicht so, dass solche Kommentare komplett verschwinden, man kann sie immernoch anklicken und sie lesen - nur werden sie nicht automatisch dargestellt. Sie werden quasi ignoriert.

Heutige Blogs sind nicht anders als Kneipen in denen wirklich jeder alles Gröhlen kann ohne dass jemand den "common sense" durchsetzt - "hier wird nicht ausländerfeindlich gegröhlt. Was Du gesagt hast, wird so markiert, dass sich andere das nicht nochmal anhören müssen".

Ich denke wirklich, dass die üblichen Verdächtigen der Blogsoftware und -Dienste (Moveable Type, Wordpress, Blogger.com, ...) in nicht allzu ferner Zukunft eine Bewertungsfunktion für Kommentare implementieren werden um das Grundrauschen auszufiltern.
Gregor Keuschnig - 2008-04-28 11:03

@aroedl

Wenn sich als Gemeinschafts-Gesinnung eine Abneigung gegenüber z. B. ausländerfeindlicher Hetze bildet, dann ist es doch das, was hier gefordert wird?
Es geht nicht um Kommentare mit ausländerfeindlicher Hetze. Es geht darum, dass abseitige Meinungen per se einem "Community-Spirit" unterworfen werden. Um beim Niggemeier-Blog zu bleiben: Manchmal schreibt jemand von Jörg Friedrich reichlich verqure Kommentare, die dezidiert eine andere Meinung aufzeigen. Dennoch halte ich sie für interessant. Einem unter Umständen als niedrig bewertet angezeigt und ich wäre geneigt, sie nicht zu lesen.

Am eindringlichsten konnte man das bei zeit.de erkennen und der Diskussion um das Video von jens Jessen (grosse Teile davon sind nicht mehr online). Die Gegner von Jessens These hatten jeden Kommentar, der auch nur ein Verständnis suggerierte "gnadenlos" heruntergewertet (freilich hat das da keine Folgen). Umgekehrt übrigen auch - womit man schon sagen könnte, es gleiche sich aus (was es meistens nicht tat). Ich hätte es seinerzeit bei einem pointierten Anti-Jessen Kommentar mit Polemik gewürzt zu sehr hohen Bewertungen bringen können.

Diesen Punkt berücksichtigt bleibt die Frage nach dem Wert einer Kommentarbewertung für den Blogger selber.

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