nona (Gast) - 2008-04-28 00:58

In Anlehnung an ein häufig benutztes englisches Sprichwort - Meinungen sind wie Nasen: jeder hat eine. Und im Internet hat jeder mindestens zwei oder drei.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor, vielleicht sogar der primäre Faktor, ist die Einfachheit und Bequemlichkeit des Internets, und die häufig damit einhergehende Anonymität, oder zumindest Pseudonymität. Man braucht keinen Leserbrief zu schreiben um seiner Meinung Gehör zu verschaffen, es Bedarf keines Blattes Papier und keiner Briefmarke. Man braucht sich nicht persönlich in irgendwelche öffentlich stattfindenden Gesprächsrunden zu bequemen. Es macht wirklich keine nennenswerte Mühe. Man braucht lediglich bequem daheim am Computer sitzen, da ist alles schon drin. Man braucht noch nichtmal seine Identität preiszugeben, ebensowenig braucht man sich über den "Gegenüber" Gedanken zu machen, denn der Gegenüber ist weit weg jenseits des Bildschirms, und ebenso gesichts- und namenlos wie man selbst (so man das denn so will). Mit Anonymität und bequemen Zugang diskutiert es sich enorm leicht, und mindestens ebenso leicht pöbelt es sich, denn jegwede Hemmschwelle bezüglich des Schutzes des eigenen Namens und der Befindlichkeiten anderer Leute sind unter solchen Umständen äusserst niedrig bis überhaupt nicht vorhanden. Kurz gesagt: niemand (er)kennt mich, und weder sehe ich den Gegenüber noch seine Reaktion noch sein Gemüt oder seine Gefühle, noch werde ich ihm aller Wahrscheinlichkeit nach jemals persönlich begegnen. Psychopathologisch betrachtet ist das häufig recht interessant, mitunter hat es allerdings auch eher den Charme eines Verkehrsunfalls.

Solche -sagen wir mal- durch Ano-/Pseudonymität und Einfachheit/Bequemlichkeit geförderte und geformte Grabenkämpfe sind so alt wie die Verfügbarkeit von Online-Foren jegweder Art, egal ob man selbst schreibt (blogt, wie man in diesem Zusammenhang sagen würde) oder ob man auf Geschriebenes reagiert. Vor allem ziehen diese Eigenheiten bestimmte Klientele und Gemüter besonders an, ebenso stossen sie andere ab. Wie es halt so ist mit ökologischen Nischen.

Was vermutlich noch relativ neu ist, ist die Verquickung von mehr oder minder "seriösen" Veröffentlichungen mit einem gewissen Anspruch an Qualität und Standards auf der einen Seite (Stefans Blog würde ich z.B. dazu zählen), und dieser chaotischen Online-Diskussionskultur auf der anderen. Was daraus mal wird, wer weiss. Nicht wenige dieser Diskussions-Biotope sind schon unter ihrer eigenen Last implodiert, ob die Möglichkeit freier Kommentarfunktionen unter Blogs und Online-Artikeln mal das gleiche Schicksal ereilen wird... bleibt wohl abzuwarten.

Gregor Keuschnig - 2008-04-28 11:17

Zweifellos ist die Netzanonymität ein willkommenes Ventil für all die Störer und Rüpel und Trolle. Ganze Blogs leben davon (ich brauche keine Namen nennen). Dennoch liegt auch hierin eine Chance - trotz der beschriebenen Nachteile. Wenn man böse ist kann man auch sagen: Niggemeier zapft durch die Kommentare ein gewisses Potential an, wobei - wie bei allem Schürfen - der qualitative Anteil u. U. immer gesucht werden muss.

Daher hat mich (wie auch Sebastian schreibt) die Möglichkeit, die Kommentare abzuschalten ein bisschen indigniert (zumal dies ganz einfach bei jedem Blog möglich ist - man klickt sie einfach nicht an).

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