Rettungsversuch
Gedanken zu Kommentaren in Blogs am Beispiel und mit Hilfe von Stefan Niggemeier
Warum kommentiert man auf Blogs? Was sind die Beweggründe derer, sich in teilweise zähen Wortgefechten mit Leuten streiten, die sie (in der Regel) nicht kennen und vermutlich auch niemals kennenlernen werden? Mitte März stellte Stefan Niggemeier diese Frage auf seinem Blog – vielleicht um herauszufinden, wie die Leute "gestrickt" sind, aber auch, um Material für seinen Artikel in der FASZ zu erhalten.
Sehr wohl war mir aufgefallen, dass Niggemeier die Kommentare auf seinem Blog mit einer offenbar zunehmenden Ambivalenz betrachtete. Seit einiger Zeit kann man diese sogar "abschalten".
BILDblog – basierend auf einer alten Idee
Niggemeier wurde vielfach für seine journalistische Arbeit ausgezeichnet. Der BILDblog - sein Projekt. Wolfgang Kraushaar berichtet in seinem Buch "Achtundsechzig – Eine Bilanz" von der Idee einer "Analyse des Inhalts und der Verdummungspraktiken der 'Bild'-Zeitung" vom Anfang der 60er Jahre und einer unveröffentlichten Diplomarbeit von 1958/59 eines gewissen Klaus Wilczynski mit dem ausgreifenden Titel "Methoden der politischen Hetze und der Verdummung des Leserpublikums mit den Mitteln der Bildjournalistik in der imperialistischen Massenpresse, dargestellt an Beispielen der 'Bild'-Zeitung". Bekannter ist da die sogenannte "Erklärung der Vierzehn" in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" vom 19. April 1969, in der bekannte Intellektuelle (wie beispielsweise Theodor W. Adorno, Walter Jens, Golo Mann und Eugen Kogon) unter anderem erklärten: "Die Unterzeichneten fordern…endlich in die öffentliche Diskussion über den Springer-Konzern, seine politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und seine Praktiken der publizistischen Manipulation einzutreten."
Die Technik macht es heute möglich, diese Diskussion über "Praktiken der publizistischen Manipulation" auf breiter Basis und für jeden unmittelbar abrufbar zu führen. Und statt ideologischer Worthülsen (auch das kann man zur Genüge in der Blogosphäre lesen) gibt es beim "BILDblog" kritische und – hierauf legt man besonderen Wert - faire Beobachtung. Man scheut sich auch nicht, eigene Fehler einzugestehen.
Auf seinem eigenen Blog dokumentiert Niggemeier anhand aktueller Fälle exemplarisch Schwachstellen in der Berichterstattung von Medien aller Art. Immer wieder zeigt er dabei, dass einst hochgeschätzte Eigenschaften eines Journalisten – Recherchefähigkeit, Neutralität und Sorgfalt – zunehmend in den Hintergrund geraten. Stattdessen werden kritik- und vor allem nachfragelos Agenturmeldungen abgeschrieben, die Webseiten auch seriöser Medien mit zweifelhaften Symbolfotos und "Bildergalerien" vollgestopft, Fehler nicht korrigiert, gegen elementare Regeln journalistischer Ethik verstossen oder alles zusammen.
Der Blog ist aus zwei Gründen interessant: Zunächst zeigt er – oft an scheinbar unbedeutenden oder vernachlässigbaren Beispielen – die Oberflächlichkeit, mit der heute "berichtet" wird. Zum anderen eröffnet er seinen Lesern durch die Kommentarmöglichkeit (die sehr problemlos gewährt wird), Stellung zu nehmen. Durch die Bekanntheit Niggemeiers entsteht für den Kommentator der durchaus reizvolle Effekt einer verhältnismässig grossen Öffentlichkeit.
Warum lässt man kommentieren?
Für den inzwischen renommierten Journalisten entsteht durch dieses breite Echo allerdings auch ein gewisses Problem, welches er auf die treffende Überschrift bringt "Wie sag ich's meinem Randalierer?".
Auch wenn mich der Artikel in Gänze nicht überzeugt, spiegelt er doch die Problematik wider: Welchen Wert haben Diskussionen – insbesondere, wenn sie sensible Themen berühren – wenn sie von Störern, Rüpeln und Beleidigern überquellen? Die Fallhöhe bei jemandem wie Niggemeier ist ziemlich hoch. Warum setzt er sich überhaupt dieser Tortur aus? Zumal die aktuelle Rechtslage den Blogbesitzer bei Beleidigungen oder Persönlichkeitsverletzungen auch in die Haftung nimmt (Niggemeier erfährt dies im Moment in diversen Rechtsstreitigkeiten selber). Es muss also moderiert werden – was bedeutet, jeden noch so unsinnigen Kommentar lesen und auch bewerten zu müssen (und notfalls zu löschen).
Die eingangs gestellte Frage 'Warum kommentiert man auf Blogs' liesse sich also auch umformulieren: Warum lässt man überhaupt kommentieren? Diese Frage stellte sich mir bei der Lektüre des Beitrags "Wie 'Bild' Ausländerfeindlichkeit fördert" - und der Kommentare hierzu.
Wer den Kommentaren folgt, findet meine Kritik an Niggemeiers Beitrag dort, wo er von der sprach- und medienkritischen Analyse wechselt in die Bewertung und Kommentierung des Prozesses selber. Der Vorgang interessiert hier jedoch nur aus der Sicht der Dynamik von Diskursen, wie sie sich in den Kommentaren zeigen. Denn viele von Niggemeiers Beiträgen, die hunderte von Kommentaren nach sich ziehen, laden die User offensichtlich ein, sich nicht an der jeweiligen medialen "Verwerfung" zu orientieren, sondern die Thematik als solches zu behandeln.
So schweiften die Kommentatoren beispielsweise einer der meines Erachtens nach gelungensten Beiträge Niggemeiers "Wollt ihr den totalen Widerspruch?", in dem er sich mit Sprache und Rhetorik eines FAZ-Artikels auseinandersetzt, der vor einer Klimawandel-"Hysterie" eindrücklich (und polemisch) warnt und einem angesehenen Klimaforscher unlautere Motive unterstellt, ganz schnell in eine Diskussion um die Fakten des Klimawandels ab. Auch bei der Aufdeckung der Verwendung vom falschem Bildmaterial anlässlich der Unruhen in Tibet gleiteten die Kommentare schnell dahingehend ab, dass einige annahmen, Niggemeier vertrete damit die offizielle Meinung Chinas zum Konflikt (was natürlich Unfug war). Und ein besonders extremer Fall: die 1256 Kommentare zum Beitrag "Tom Cruise, Scientologist", der eigentlich nur aus dem Hinweis auf ein Video von Cruise bestand und in Windeseile eine lange (und ermüdende) Diskussion um Scientology wurde, zumal ein Teilnehmer vehement (aber nicht ungeschickt) die Verteidigung der Sekte übernahm.
In diesem Sinne "bestimmt" der Blogger die Intensität seiner Kommentare unter Umständen selber: Fokussiert er sie auf die Intention des Beitrages oder lässt er grosse Spielräume zu Abschweifungen? Greift er redigierend oder appellierend ein? Oder lässt er die Streithähne in Ruhe (und obliegt nur seiner Kontrollpflicht)?
"Manchmal weiß ich es auch nicht."
Warum – so meine Frage – tut sich jemand wie Stefan Niggemeier die Kommentare (zum Beispiel im aktuellen Beitrag) an? Seine Antwort (als Kurzversion) ist verblüffend (das Kursivgedruckte sind im folgenden Zitate von Niggemeier, die mit seiner Erlaubnis aus einer E-Mail-Korrespondenz vom 24. und 25.4.08 entnommen sind): Manchmal weiß ich es auch nicht. Später dann: Ich weiß nicht immer, warum ich mir das antue. Manchmal stimmt die Balance: die positiven Effekte überwiegen. Manchmal ist es das krasse Gegenteil. Eine richtige Antwort habe ich darauf noch nicht gefunden.
Freimütig bekennt er: Ich liebe meine Kommentatoren und ich hasse sie, und ich fürchte, das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Grundsätzlich mag ich das Feedback, auch wenn es nicht positiv ausfällt. Welchen Mehrwert generiert jemand wie Niggemeier aus Kommentaren? Er benutzt ein anderes Wort - Realitätscheck, man wisse als Journalist nicht einmal das Grundlegendste: Wie die Menschen einen Text lesen. An welchen Formulierungen sie hängen bleiben, welche Witze, welche ironische Formulierungen überhaupt ankommen, welche Botschaft sie in einen Text lesen. Und man weiß nicht, was ihnen gefällt und was sie empört, welches Thema auf großes Interesse stößt, welche Beobachtungen über die Welt da draußen sie teilen und welche ihnen fremd sind.
Die Kommentare als eine Art "Steinbruch" – sowohl für die Resonanz auf den Text, als auch für den Umgang mit Kritik. Und oft sei es eine Bereicherung. Niggemeier zitiert zwei Kommentare aus dem letzten Artikel zum Thema Ausländerfeindlichkeit bei "Bild": Ein gutes Beispiel ist für mich dieser (eigentlich viel zu lange) Kommentar. Ich teile dessen Meinung nicht zu 100%, aber es ist ein guter, weiterführender Gedanke - und ein Aspekt, der bei mir im Text fehlt. Oder auch nur dieses kurze, treffende Zitat.
Zur "Bereicherung" gehören (zumindest theoretisch) auch die Leute, die echte oder vermeintliche Schwachstellen in meinem Text kritisieren, Behauptungen anzweifeln, Interpretationen ablehnen. Das ist oft nervig, sagt mir aber natürlich auch etwas über die Resonanz eines Textes. (Die Gefahr besteht dann natürlich darin, diese Resonanz nicht für 100% zu nehmen. Die meisten Leser kommentieren nicht, und ob diejenigen, die es tun, für die Gesamtheit repräsentativ ist, glaube ich nicht.)
Niggemeier sucht den Austausch mit seinen Lesern. Das ist bei Journalisten – zumal bei "prominenten" – längst nicht mehr selbstverständlich. Viele verschanzen sich mit Chefarztallüren vor dem "gemeinen Leser". Natürlich haben die vehementen Kritiker der Diskussionskultur in Foren und Blogs teilweise recht, aber Niggemeier wehrt sich gegen eine billige Pauschalisierung, diese Arroganz der "Netznörgler" [der Titel des Artikels scheint nachträglich geändert worden zu sein?] und setzt emphatisch die Möglichkeit, ja: die Notwendigkeit, des Diskurses dagegen.
"Vielleicht ist die härteste Erkenntnis für Journalisten die, für wen man da arbeitet", so lautet der erste Satz dieses Artikels, dessen filigrane Ironie man erst auf den zweiten Blick habhaft wird. Niggemeier sagt da nichts anderes als: Etliche der arrivierten Redakteure und Journalisten von heute haben sich derart von ihren "Kunden" – also: den Lesern, Hörern, Zuschauern – entfernt, dass sie eher Kommunikationsverhinderer sind als –vermittler.
Den Faden weiterspinnend könnte man sagen: Viele Journalisten, die dem Leser, Zuhörer, Zuschauer die Welt näher bringen sollen, sind schon vor Jahren in ihrer solipsistischen Welt abgetaucht und unnahbar geworden. Um sich nicht mit der "Welt da draussen" abgeben zu müssen, wird sie vorsorglich pauschal denunziert. Hassblogs tun das ihrige dazu, die vorschnellen Vorurteile zu befestigen.
Der Aufklärer
Dagegen schreibt Stefan Niggemeier an. Er ist ein Verfechter der Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechniken. "Warum gerät das Buch eigentlich nicht in Verruf durch die ungezählten Schundromane, die jedes Jahr in dieser Form publiziert werden, die vielen unlesbaren Traktate und all die Werke, die nur geschrieben werden, um den Autor selbst glücklich zu machen, und nie mehr als eine Handvoll Leser erreichen werden? Beim Internet argumentieren Kritiker genau so. Die 'Süddeutsche Zeitung' verbindet Ahnungslosigkeit, Lernresistenz und Penetranz, um sich zum Sprachrohr der Internetphobie zu machen, die genau diese Unarten beklagt."
Niggemeier ist im besten und altmodischen Sinne ein Aufklärer. Sowas nervt heute gelegentlich – auch manchmal den wohlwollenden Leser. Aber er delektiert sich nie an den Fehlern anderer, will niemanden blossstellen, sondern er will – man verzeihe mir das Jargonwort aus uralten Zeiten – ein "Bewusstsein" schaffen. Ein Bewusstsein von Tatsachen und Wahrheiten. Eine offensichtlich herkulinische Aufgabe in Zeiten eines reüssierenden Henryk M. Broder und seiner argumentationsresistenten Spiessgesellen. Niggemeier vertraut auf die Lernfähigkeit des Menschen, wo andere an niedere Instinkte appellieren. Und wenn man seine Texte zu "Politically Incorrect" oder "Callactive" (hiermit liegt er im Rechtsstreit) liest, stellt sich irgendwann die Frage, ob er ein Idealist ist. Ich bin schon froh, dass Sie fragen, ob ich "Idealist" bin und nicht "Masochist"... kommt dann zurück. Ich glaube, wenn Stefan Niggemeier wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde er heute noch eine Agenturmeldung kritisieren.
Man lese bei Interesse auch "Digitale Narzissten"
Warum kommentiert man auf Blogs? Was sind die Beweggründe derer, sich in teilweise zähen Wortgefechten mit Leuten streiten, die sie (in der Regel) nicht kennen und vermutlich auch niemals kennenlernen werden? Mitte März stellte Stefan Niggemeier diese Frage auf seinem Blog – vielleicht um herauszufinden, wie die Leute "gestrickt" sind, aber auch, um Material für seinen Artikel in der FASZ zu erhalten.
Sehr wohl war mir aufgefallen, dass Niggemeier die Kommentare auf seinem Blog mit einer offenbar zunehmenden Ambivalenz betrachtete. Seit einiger Zeit kann man diese sogar "abschalten".
BILDblog – basierend auf einer alten Idee
Niggemeier wurde vielfach für seine journalistische Arbeit ausgezeichnet. Der BILDblog - sein Projekt. Wolfgang Kraushaar berichtet in seinem Buch "Achtundsechzig – Eine Bilanz" von der Idee einer "Analyse des Inhalts und der Verdummungspraktiken der 'Bild'-Zeitung" vom Anfang der 60er Jahre und einer unveröffentlichten Diplomarbeit von 1958/59 eines gewissen Klaus Wilczynski mit dem ausgreifenden Titel "Methoden der politischen Hetze und der Verdummung des Leserpublikums mit den Mitteln der Bildjournalistik in der imperialistischen Massenpresse, dargestellt an Beispielen der 'Bild'-Zeitung". Bekannter ist da die sogenannte "Erklärung der Vierzehn" in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" vom 19. April 1969, in der bekannte Intellektuelle (wie beispielsweise Theodor W. Adorno, Walter Jens, Golo Mann und Eugen Kogon) unter anderem erklärten: "Die Unterzeichneten fordern…endlich in die öffentliche Diskussion über den Springer-Konzern, seine politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und seine Praktiken der publizistischen Manipulation einzutreten."
Die Technik macht es heute möglich, diese Diskussion über "Praktiken der publizistischen Manipulation" auf breiter Basis und für jeden unmittelbar abrufbar zu führen. Und statt ideologischer Worthülsen (auch das kann man zur Genüge in der Blogosphäre lesen) gibt es beim "BILDblog" kritische und – hierauf legt man besonderen Wert - faire Beobachtung. Man scheut sich auch nicht, eigene Fehler einzugestehen.
Auf seinem eigenen Blog dokumentiert Niggemeier anhand aktueller Fälle exemplarisch Schwachstellen in der Berichterstattung von Medien aller Art. Immer wieder zeigt er dabei, dass einst hochgeschätzte Eigenschaften eines Journalisten – Recherchefähigkeit, Neutralität und Sorgfalt – zunehmend in den Hintergrund geraten. Stattdessen werden kritik- und vor allem nachfragelos Agenturmeldungen abgeschrieben, die Webseiten auch seriöser Medien mit zweifelhaften Symbolfotos und "Bildergalerien" vollgestopft, Fehler nicht korrigiert, gegen elementare Regeln journalistischer Ethik verstossen oder alles zusammen.
Der Blog ist aus zwei Gründen interessant: Zunächst zeigt er – oft an scheinbar unbedeutenden oder vernachlässigbaren Beispielen – die Oberflächlichkeit, mit der heute "berichtet" wird. Zum anderen eröffnet er seinen Lesern durch die Kommentarmöglichkeit (die sehr problemlos gewährt wird), Stellung zu nehmen. Durch die Bekanntheit Niggemeiers entsteht für den Kommentator der durchaus reizvolle Effekt einer verhältnismässig grossen Öffentlichkeit.
Warum lässt man kommentieren?
Für den inzwischen renommierten Journalisten entsteht durch dieses breite Echo allerdings auch ein gewisses Problem, welches er auf die treffende Überschrift bringt "Wie sag ich's meinem Randalierer?".
Auch wenn mich der Artikel in Gänze nicht überzeugt, spiegelt er doch die Problematik wider: Welchen Wert haben Diskussionen – insbesondere, wenn sie sensible Themen berühren – wenn sie von Störern, Rüpeln und Beleidigern überquellen? Die Fallhöhe bei jemandem wie Niggemeier ist ziemlich hoch. Warum setzt er sich überhaupt dieser Tortur aus? Zumal die aktuelle Rechtslage den Blogbesitzer bei Beleidigungen oder Persönlichkeitsverletzungen auch in die Haftung nimmt (Niggemeier erfährt dies im Moment in diversen Rechtsstreitigkeiten selber). Es muss also moderiert werden – was bedeutet, jeden noch so unsinnigen Kommentar lesen und auch bewerten zu müssen (und notfalls zu löschen).
Die eingangs gestellte Frage 'Warum kommentiert man auf Blogs' liesse sich also auch umformulieren: Warum lässt man überhaupt kommentieren? Diese Frage stellte sich mir bei der Lektüre des Beitrags "Wie 'Bild' Ausländerfeindlichkeit fördert" - und der Kommentare hierzu.
Wer den Kommentaren folgt, findet meine Kritik an Niggemeiers Beitrag dort, wo er von der sprach- und medienkritischen Analyse wechselt in die Bewertung und Kommentierung des Prozesses selber. Der Vorgang interessiert hier jedoch nur aus der Sicht der Dynamik von Diskursen, wie sie sich in den Kommentaren zeigen. Denn viele von Niggemeiers Beiträgen, die hunderte von Kommentaren nach sich ziehen, laden die User offensichtlich ein, sich nicht an der jeweiligen medialen "Verwerfung" zu orientieren, sondern die Thematik als solches zu behandeln.
So schweiften die Kommentatoren beispielsweise einer der meines Erachtens nach gelungensten Beiträge Niggemeiers "Wollt ihr den totalen Widerspruch?", in dem er sich mit Sprache und Rhetorik eines FAZ-Artikels auseinandersetzt, der vor einer Klimawandel-"Hysterie" eindrücklich (und polemisch) warnt und einem angesehenen Klimaforscher unlautere Motive unterstellt, ganz schnell in eine Diskussion um die Fakten des Klimawandels ab. Auch bei der Aufdeckung der Verwendung vom falschem Bildmaterial anlässlich der Unruhen in Tibet gleiteten die Kommentare schnell dahingehend ab, dass einige annahmen, Niggemeier vertrete damit die offizielle Meinung Chinas zum Konflikt (was natürlich Unfug war). Und ein besonders extremer Fall: die 1256 Kommentare zum Beitrag "Tom Cruise, Scientologist", der eigentlich nur aus dem Hinweis auf ein Video von Cruise bestand und in Windeseile eine lange (und ermüdende) Diskussion um Scientology wurde, zumal ein Teilnehmer vehement (aber nicht ungeschickt) die Verteidigung der Sekte übernahm.
In diesem Sinne "bestimmt" der Blogger die Intensität seiner Kommentare unter Umständen selber: Fokussiert er sie auf die Intention des Beitrages oder lässt er grosse Spielräume zu Abschweifungen? Greift er redigierend oder appellierend ein? Oder lässt er die Streithähne in Ruhe (und obliegt nur seiner Kontrollpflicht)?
"Manchmal weiß ich es auch nicht."
Warum – so meine Frage – tut sich jemand wie Stefan Niggemeier die Kommentare (zum Beispiel im aktuellen Beitrag) an? Seine Antwort (als Kurzversion) ist verblüffend (das Kursivgedruckte sind im folgenden Zitate von Niggemeier, die mit seiner Erlaubnis aus einer E-Mail-Korrespondenz vom 24. und 25.4.08 entnommen sind): Manchmal weiß ich es auch nicht. Später dann: Ich weiß nicht immer, warum ich mir das antue. Manchmal stimmt die Balance: die positiven Effekte überwiegen. Manchmal ist es das krasse Gegenteil. Eine richtige Antwort habe ich darauf noch nicht gefunden.
Freimütig bekennt er: Ich liebe meine Kommentatoren und ich hasse sie, und ich fürchte, das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Grundsätzlich mag ich das Feedback, auch wenn es nicht positiv ausfällt. Welchen Mehrwert generiert jemand wie Niggemeier aus Kommentaren? Er benutzt ein anderes Wort - Realitätscheck, man wisse als Journalist nicht einmal das Grundlegendste: Wie die Menschen einen Text lesen. An welchen Formulierungen sie hängen bleiben, welche Witze, welche ironische Formulierungen überhaupt ankommen, welche Botschaft sie in einen Text lesen. Und man weiß nicht, was ihnen gefällt und was sie empört, welches Thema auf großes Interesse stößt, welche Beobachtungen über die Welt da draußen sie teilen und welche ihnen fremd sind.
Die Kommentare als eine Art "Steinbruch" – sowohl für die Resonanz auf den Text, als auch für den Umgang mit Kritik. Und oft sei es eine Bereicherung. Niggemeier zitiert zwei Kommentare aus dem letzten Artikel zum Thema Ausländerfeindlichkeit bei "Bild": Ein gutes Beispiel ist für mich dieser (eigentlich viel zu lange) Kommentar. Ich teile dessen Meinung nicht zu 100%, aber es ist ein guter, weiterführender Gedanke - und ein Aspekt, der bei mir im Text fehlt. Oder auch nur dieses kurze, treffende Zitat.
Zur "Bereicherung" gehören (zumindest theoretisch) auch die Leute, die echte oder vermeintliche Schwachstellen in meinem Text kritisieren, Behauptungen anzweifeln, Interpretationen ablehnen. Das ist oft nervig, sagt mir aber natürlich auch etwas über die Resonanz eines Textes. (Die Gefahr besteht dann natürlich darin, diese Resonanz nicht für 100% zu nehmen. Die meisten Leser kommentieren nicht, und ob diejenigen, die es tun, für die Gesamtheit repräsentativ ist, glaube ich nicht.)
Niggemeier sucht den Austausch mit seinen Lesern. Das ist bei Journalisten – zumal bei "prominenten" – längst nicht mehr selbstverständlich. Viele verschanzen sich mit Chefarztallüren vor dem "gemeinen Leser". Natürlich haben die vehementen Kritiker der Diskussionskultur in Foren und Blogs teilweise recht, aber Niggemeier wehrt sich gegen eine billige Pauschalisierung, diese Arroganz der "Netznörgler" [der Titel des Artikels scheint nachträglich geändert worden zu sein?] und setzt emphatisch die Möglichkeit, ja: die Notwendigkeit, des Diskurses dagegen.
"Vielleicht ist die härteste Erkenntnis für Journalisten die, für wen man da arbeitet", so lautet der erste Satz dieses Artikels, dessen filigrane Ironie man erst auf den zweiten Blick habhaft wird. Niggemeier sagt da nichts anderes als: Etliche der arrivierten Redakteure und Journalisten von heute haben sich derart von ihren "Kunden" – also: den Lesern, Hörern, Zuschauern – entfernt, dass sie eher Kommunikationsverhinderer sind als –vermittler.
Den Faden weiterspinnend könnte man sagen: Viele Journalisten, die dem Leser, Zuhörer, Zuschauer die Welt näher bringen sollen, sind schon vor Jahren in ihrer solipsistischen Welt abgetaucht und unnahbar geworden. Um sich nicht mit der "Welt da draussen" abgeben zu müssen, wird sie vorsorglich pauschal denunziert. Hassblogs tun das ihrige dazu, die vorschnellen Vorurteile zu befestigen.
Der Aufklärer
Dagegen schreibt Stefan Niggemeier an. Er ist ein Verfechter der Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechniken. "Warum gerät das Buch eigentlich nicht in Verruf durch die ungezählten Schundromane, die jedes Jahr in dieser Form publiziert werden, die vielen unlesbaren Traktate und all die Werke, die nur geschrieben werden, um den Autor selbst glücklich zu machen, und nie mehr als eine Handvoll Leser erreichen werden? Beim Internet argumentieren Kritiker genau so. Die 'Süddeutsche Zeitung' verbindet Ahnungslosigkeit, Lernresistenz und Penetranz, um sich zum Sprachrohr der Internetphobie zu machen, die genau diese Unarten beklagt."
Niggemeier ist im besten und altmodischen Sinne ein Aufklärer. Sowas nervt heute gelegentlich – auch manchmal den wohlwollenden Leser. Aber er delektiert sich nie an den Fehlern anderer, will niemanden blossstellen, sondern er will – man verzeihe mir das Jargonwort aus uralten Zeiten – ein "Bewusstsein" schaffen. Ein Bewusstsein von Tatsachen und Wahrheiten. Eine offensichtlich herkulinische Aufgabe in Zeiten eines reüssierenden Henryk M. Broder und seiner argumentationsresistenten Spiessgesellen. Niggemeier vertraut auf die Lernfähigkeit des Menschen, wo andere an niedere Instinkte appellieren. Und wenn man seine Texte zu "Politically Incorrect" oder "Callactive" (hiermit liegt er im Rechtsstreit) liest, stellt sich irgendwann die Frage, ob er ein Idealist ist. Ich bin schon froh, dass Sie fragen, ob ich "Idealist" bin und nicht "Masochist"... kommt dann zurück. Ich glaube, wenn Stefan Niggemeier wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde er heute noch eine Agenturmeldung kritisieren.
Man lese bei Interesse auch "Digitale Narzissten"
Gregor Keuschnig - 2008-04-27 13:08
generell glaube ich das viele nur ihre meinung abladen und dann weiterziehen, es also nicht tatsächlich zu einer diskussion zwischen einigen wenigen gibt, sondern das eine diskussion von immer anderen weitergeführt wird.