Metepsilonema - 2008-02-25 12:55

Auch auf Deinen zweiten Beitrag bezogen.

Mir scheinen zwei Dinge von Wichtigkeit zu sein:

a) Warum will der Kosovo eigentlich unabhängig werden (mir zumindest ist das nicht 100%ig klar) und ist diese Entscheidung sinnvoll (in Hinsicht auf einen funktionstüchtigen Staat, wird man diese Frage wohl verneinen)?

b) Hatte der Weg der politischen Verständigung eine realistische Chance, wenn man an die Ablehnung der kosovarischen Unabhänigkeitsbestrebungen aller oder nahezu aller serbischen Politiker denkt, selbst wenn man berücksichtigt, dass innenpolitisches Kalkül auf serbischer Seite durchaus eine Rolle spielen kann, und dass - so weit ich weiß - dieser Weg der Verständigung von kosovarischer Seite nie ernsthaft versucht wurde?

Gregor Keuschnig - 2008-02-25 13:15

Versuche

Zu a.) Der Zusammenbruch der bipolaren Welt hatte in Europa einen Sog entfacht, den man so sicherlich nicht erwartet hatte. Man denke an die UdSSR, die sich mit dem Gebilde der GUS noch einen supranationalen Überbau verschaffen wollte. Heute redet niemand mehr von "GUS". Alte Sezessionsbewegungen auf dem Kaukasus sind wieder aufgekommen - und zwar immer unabhängig davon, ob der beabsichtigte Staat später ökonomisch "überlebensfähig" ist oder nicht. Verkürzt kann man sagen, dass die Ethnien ihre Chancen witterten - sei es auch ökonomischen Gründen (was ich in Jugoslawien für das Hauptmotiv halte) - sei es aus nationalistischen Gründen (oft genug gemischt).

Nach 1989 gab es enorm viele Vorbilder: die baltischen Staaten; Moldawien; der Zerfall der Tschechoslowakei; Ost-Timor, usw. Die Strahlkraft war offensichtlich enorm.

Bei Jugoslawien hat die EU - und insbesondere Deutschland - ein Wesentliches zum Zerfall beigetragen (durch Genschers voreilige Anerkennung Sloweniens und Kroatiens). Danach konnte man praktisch nicht mehr anders als den anderen ehemaligen jugoslawischen Provinzen den gleichen Status anzuerkennen. Der Gipfel dieser Politik ist (vorerst) das Kosovo. Vielleicht fällt jetzt das Kunstgebilde Bosnien auseinander oder es gibt noch irgendwann eine Bewegung in der Vojvodina - wer weiss.

b) Keine Ahnung. Die Fehler sind offensichtlich - ich habe da einige Leute in meinem ersten Beitrag zitiert - bei der "Übergabe" auf die UCK passiert, die ja durch niemanden legitimiert war (wie auch das Bombardement Serbiens völkerrechtswidrig war). Das hat man auf seiten der EU akzeptiert - mit dem Ergebnis, dass nun die Serben geschuhriegelt wurden.

Das Kosovo als unabhängigen Staat anzuerkennen wird abermals Auswirkungen haben (nicht nur auf dem Kaukasus), denn es ist nicht argumentierbar, das Kosovo als "Ausnahme" zu quantifizieren. Wie diese Länder wirtschaftlich existieren wollen, bleibt natürlich ein Rätsel. Man sieht das bspw. an Montenegro - ein Staat, der zum grossen Teil von der Schattenwirtschaft existiert.

Interessant in diesem Zusammenhang finde ich, dass diese Ethnien erst die nationalistische Karte ziehen - also den Nationalstaat, um dann in Windeseile in transnationale Verbünde "Sicherheit" zu suchen.
Metepsilonema - 2008-02-26 17:14

Der Sog könnte in der erzwungenen Gemeinsamkeit des Kommunismus seinen Ursprung haben; nach seinem Zusammenbruch wollten die meisten Staaten erlangen, was sie lange nicht konnten: Selbstbestimmung. Daher der unbedingte Wille zum eigenen Staat, selbst wenn er sich als kaum lebensfähig herausstellen sollte.

Das Nationale ist, wenn nicht Zweck ("Wir wollen einen eigenen Staat"), dann oft Mittel zur Motivation (um z.B. die ökonomisch argumentierten Unabhängigkeitsbestrebungen zu verstärken).

Die Verlockung des transnationalen Gebildes ist vermutlich hohe Lebensqualität (die natürlich mit der Wirtschaft in Verbindung steht). Oder man hofft - im Falle des Kosovo - Schutz vor den Serben zu finden.

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