Kosovo ante portas 2

In der gestrigen Ausgabe der französischen Zeitung "Le Figaro" nimmt Peter Handke in einem kurzen Kommentar Stellung zur Unabhängigkeit des Kosovo. Hier die – unautorisierte – Übersetzung (für Hinweise und Korrekturen bin ich dankbar):

Unser ehrwürdiges Europa hat sein Herz verloren

Jugoslawien war während des Zweiten Weltkrieges das Land, das sich (fast) allein von der nazistischen Besatzung befreit hat. Was dächten sie heute, diese Partisanen, die damaligen Widerstandskämpfer, die Slowenen, die Kroaten, die Bosnier, die Serben, die Mazedonier und auch die Albaner, den Refrain hörend (präsidial geworden), dass das große Jugoslawien, für das sie zusammen gekämpft haben, seit jeher ein "künstlicher Staat" war und das seine Zerstörung gar kein Riss und vor allem keine Tragödie sei?

Den albanischen Staat Kosovo (KOCOBO im kyrillischen) anerkennend, haben die selbsternannten Ärzte der westlichen Hemisphäre für einen Kranken gegen einen anderen Kranken grundsätzlich Partei ergriffen. Den albanischen Staat Kosovo anerkennend, haben diese Ärzte den Eid des Hippokrates verletzt und sich als falsche Ärzte erwiesen. Den albanischen Staat Kosovo anerkennend haben die westlichen Gaunerstaaten, die vorher das serbische Jugoslawien bombardiert und zerstört hatten, einen neuen Gaunerstaat bekommen. Den kosovo-albanischen Staat anerkennend, hat der Westen mit einem tödlichen Schlag dem serbischen Volk des Kosovo seine Heimat entzogen und ihn zum Gefangenen und Verbannten in seinem eigenen Land gemacht. Den albanischen Staat Kosovo anerkennend, hat unser ehrwürdiges Europa endgültig sein Herz verloren. Trauern wir still um die unparteiischen Wesen guten Willens, um das verlorene serbische Volk des Kosovo, KOCOBO.

Vorher hatte Handke in einem Interview für das österreichische Magazin "NEWS" gesagt:

Irgendwann wird es nicht anders möglich sein, als dass wir alle ohne Grenzen leben können. Da wird dann dieser zweite albanische Staat auch dazugehören. Aber im Moment ist die Zeit noch nicht reif. Um das Wort Demokratie, das mir immer schwerer über die Lippen geht, doch noch zu verwenden: Man hätte im Kosovo ein bisschen mehr Demokratie walten lassen sollen, damit das Volk sich daran gewöhnt. Durch die Verwaltung des Westens ist jedenfalls gerade das Gegenteil eingetreten, Schmuggel und Drogenhandel sind noch stärker geworden.

Kritische Stimmen, die auf völkerrechtlicher Basis argumentieren, findet man hier.
Dank für den Link an Michael Roloff
Metepsilonema - 2008-02-23 15:26

Im zweiten Abstatz hat sich ein Fehler eingeschlichen, Du hast entweder zweimal angesetzt, oder einen Satzteil ausgelassen (fett markiert).

"Indem sie den albanischen Staat von Kosovo erkannten, Den albanischen Staat Kosovo anerkennend haben die westlichen Gaunerstaaten, die vorher das serbische Jugoslawien bombardiert und zerstört hatten, einen neuen Gaunerstaat bekommen."

Gregor Keuschnig - 2008-02-23 15:39

Danke.

Hab' ich korrigiert (Shame on me).
Metepsilonema - 2008-02-25 12:55

Auch auf Deinen zweiten Beitrag bezogen.

Mir scheinen zwei Dinge von Wichtigkeit zu sein:

a) Warum will der Kosovo eigentlich unabhängig werden (mir zumindest ist das nicht 100%ig klar) und ist diese Entscheidung sinnvoll (in Hinsicht auf einen funktionstüchtigen Staat, wird man diese Frage wohl verneinen)?

b) Hatte der Weg der politischen Verständigung eine realistische Chance, wenn man an die Ablehnung der kosovarischen Unabhänigkeitsbestrebungen aller oder nahezu aller serbischen Politiker denkt, selbst wenn man berücksichtigt, dass innenpolitisches Kalkül auf serbischer Seite durchaus eine Rolle spielen kann, und dass - so weit ich weiß - dieser Weg der Verständigung von kosovarischer Seite nie ernsthaft versucht wurde?

Gregor Keuschnig - 2008-02-25 13:15

Versuche

Zu a.) Der Zusammenbruch der bipolaren Welt hatte in Europa einen Sog entfacht, den man so sicherlich nicht erwartet hatte. Man denke an die UdSSR, die sich mit dem Gebilde der GUS noch einen supranationalen Überbau verschaffen wollte. Heute redet niemand mehr von "GUS". Alte Sezessionsbewegungen auf dem Kaukasus sind wieder aufgekommen - und zwar immer unabhängig davon, ob der beabsichtigte Staat später ökonomisch "überlebensfähig" ist oder nicht. Verkürzt kann man sagen, dass die Ethnien ihre Chancen witterten - sei es auch ökonomischen Gründen (was ich in Jugoslawien für das Hauptmotiv halte) - sei es aus nationalistischen Gründen (oft genug gemischt).

Nach 1989 gab es enorm viele Vorbilder: die baltischen Staaten; Moldawien; der Zerfall der Tschechoslowakei; Ost-Timor, usw. Die Strahlkraft war offensichtlich enorm.

Bei Jugoslawien hat die EU - und insbesondere Deutschland - ein Wesentliches zum Zerfall beigetragen (durch Genschers voreilige Anerkennung Sloweniens und Kroatiens). Danach konnte man praktisch nicht mehr anders als den anderen ehemaligen jugoslawischen Provinzen den gleichen Status anzuerkennen. Der Gipfel dieser Politik ist (vorerst) das Kosovo. Vielleicht fällt jetzt das Kunstgebilde Bosnien auseinander oder es gibt noch irgendwann eine Bewegung in der Vojvodina - wer weiss.

b) Keine Ahnung. Die Fehler sind offensichtlich - ich habe da einige Leute in meinem ersten Beitrag zitiert - bei der "Übergabe" auf die UCK passiert, die ja durch niemanden legitimiert war (wie auch das Bombardement Serbiens völkerrechtswidrig war). Das hat man auf seiten der EU akzeptiert - mit dem Ergebnis, dass nun die Serben geschuhriegelt wurden.

Das Kosovo als unabhängigen Staat anzuerkennen wird abermals Auswirkungen haben (nicht nur auf dem Kaukasus), denn es ist nicht argumentierbar, das Kosovo als "Ausnahme" zu quantifizieren. Wie diese Länder wirtschaftlich existieren wollen, bleibt natürlich ein Rätsel. Man sieht das bspw. an Montenegro - ein Staat, der zum grossen Teil von der Schattenwirtschaft existiert.

Interessant in diesem Zusammenhang finde ich, dass diese Ethnien erst die nationalistische Karte ziehen - also den Nationalstaat, um dann in Windeseile in transnationale Verbünde "Sicherheit" zu suchen.
Metepsilonema - 2008-02-26 17:14

Der Sog könnte in der erzwungenen Gemeinsamkeit des Kommunismus seinen Ursprung haben; nach seinem Zusammenbruch wollten die meisten Staaten erlangen, was sie lange nicht konnten: Selbstbestimmung. Daher der unbedingte Wille zum eigenen Staat, selbst wenn er sich als kaum lebensfähig herausstellen sollte.

Das Nationale ist, wenn nicht Zweck ("Wir wollen einen eigenen Staat"), dann oft Mittel zur Motivation (um z.B. die ökonomisch argumentierten Unabhängigkeitsbestrebungen zu verstärken).

Die Verlockung des transnationalen Gebildes ist vermutlich hohe Lebensqualität (die natürlich mit der Wirtschaft in Verbindung steht). Oder man hofft - im Falle des Kosovo - Schutz vor den Serben zu finden.
Clovis (Gast) - 2008-03-02 09:20

Übersetzung

Ich weiß nicht, ob es urheberrechtlich in Ordnung ist, die Übersetzung eines Texts aus einer fremdsprachigen Zeitung ohne Zustimmung des Autors in ein Blog einzustellen. Deshalb will ich die Fehler und Ungenauigkeiten, die ich in Ihrer Übersetzung gefunden habe, hier nicht explizit korrigieren.

Nur so viel: Schauen Sie sich noch einmal die Präpositionen und Artikel an, prüfen Sie, ob etwas Subjekt, direktes Objekt oder präpositionales Objekt ist und suchen Sie für bestimmte Ausdrücke idiomatischere, üblichere bzw. dem Original eher entsprechende Übersetzungen.

Falls es Ihnen gelingt, meine urheberrechtlichen Bedenken zu zerstreuen, bin ich gerne bereit, Ihnen Ross und Reiter zu nennen.

Clovis, Oberlehrer

Gregor Keuschnig - 2008-03-02 09:36

Solange es keine vom Autor selber autorisierte Übersetzung gibt, nehme ich mir das Recht heraus, meine Übersetzung (die mit Sicherheit nicht optimal ist) zur Diskussion zu stellen. Sollte es dagegen Einwände von entsprechender Stelle geben, bin ich gerne bereit, den Beitrag zu entfernen. Ich weiss, dass hier gelegentlich bestimmte Leute lesen - und man kann mich erreichen.

Insofern kann ich sicherlich Ihre Bedenken nicht zerstreuen. Sollten Sie hierzu mehr wissen, bitte ich um Nachricht.
Clovis (Gast) - 2008-03-03 21:04

Immer noch Übersetzung bzw. Urheberrecht

Soweit ich weiß, ist es ein Verstoß gegen das Urheberrechtsgesetz, eine Übersetzung eines urheberrechtlich geschützten Werks (und das sind auch Zeitungsartikel) ohne Zustimmung des Autors zu verbreiten. Das heißt, Sie müssten bei Handke oder dem Figaro (falls er sich die entsprechenden Rechte gesichert hat) um Erlaubnis fragen. Es kommt nicht darauf an, ob schon eine autorisierte Übersetzung vorliegt oder nicht. Mit dem Zitatrecht können Sie auch nicht argumentieren, da es sich um den gesamten Text handelt.

Im schlimmsten Fall könnte Handke (bzw. Le Figaro) Sie verklagen bzw. Ihnen eine Klage androhen, falls Sie nicht zu einem nachträglichen Vertragsabschluss bereit sind. Und da Ihre Übersetzung jetzt schon seit dem 23.2. online ist, würde das gar nicht mal so billig werden. Ein Entfernen der Übersetzung wäre da nur Schadensbegrenzung, die Urheberrechtsverletzung ist schon geschehen. Aber in solchen Dingen gilt: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Sie sehen - ich würde Ihnen gerne helfen, kann aber nicht, einerseits aus juristischen, andererseits aus moralischen Gründen, denn keinem Publizisten würde es gefallen, wenn jemand seine Texte in Übersetzung in ein Blog einstellt, ohne dafür zu löhnen - oder anders gesagt: Das Urheberrechtsgesetz trägt erheblich zum materiellen Überleben von Künstlern und Publizisten bei.

Bonne soirée

Clovis, juristisch interessierter Oberlehrer

Gregor Keuschnig - 2008-03-03 21:52

Ich bin ein

Verfechter des Urheberrechts - auch wenn ich in diesem Punkt anderer Meinung bin. Und natürlich ersetzt eine Meinung keine evtl. Rechtslage. Ich hatte im übrigen den "Figaro" über meine Übersetzung unterrichtet; eine Antwort habe ich nicht erhalten.

Ich gehe mal davon aus, Ihr Posting nicht als Drohung zu interpretieren.
Clovis (Gast) - 2008-03-03 22:02

Wenn ich Ihnen drohen wollte, dann hätte ich dies klar und deutlich ausgesprochen. Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, wie ich die Rechtslage sehe. Falls Sie doch noch eine Antwort auf Ihre Mail an den Figaro erhalten, würden Sie deren Inhalt dann hier im Kommentarbereich kurz zusammenfassen? Danke.
Gregor Keuschnig - 2008-03-03 22:06

Ja, werde ich. Aber das ist jetzt schon eine Weile her. Ich glaube nicht, dass man (noch) antwortet.

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