Heisse Luft

In einem offenen Brief in der aktuellen "Zeit" haben insgesamt 17 Politiker und Wissenschaftler, die Unions-Mitglieder sind oder ihr nahestehen, in der aktuellen Integrationsdebatte Stellung bezogen. Dieser Beitrag soll, so die Unterzeichner Journalisten gegenüber, ausdrücklich nicht als Kritik am Wahlkampf von Roland Koch in Hessen gesehen werden. Das ist die erste Scheinheiligkeit dieses Schreibens. Es gibt noch mehr.

Alleine der Beginn (als Replik auf einen offenen Brief in der vergangenen Ausgabe) ist aberwitzig:

Wir möchten Sie daran erinnern, dass es mit Jürgen Rüttgers ein christdemokratischer Regierungschef war, der 2005 nach Ablösung der rot-grünen Landesregierung das erste deutsche Integrationsministerium errichtete.
Ich möchte nur daran erinnern, dass Jürgen Rüttgers die Bemühungen der rot-grünen Regierung mit einem vereinfachten Verfahren, beispielsweise indische IT-Kräfte in das Land zu holen, mit dem legendären Satz "Kinder statt Inder" kommentierte. (Herr Laschet, haben Sie das vergessen, als Sie hier unterzeichneten?)

Und weiter:

Integrationspolitik ist so fundamental für die Zukunft unseres Landes, dass sie nicht zum Wahlkampfthema degradiert werden darf.
Das soll keine Kritik an Koch sein? Und wenn denn Integrationspolitik, wohl gemerkt: gelungene Integrationspolitik, so fundamental ist, warum haben die Unterzeichner ihren offenen Brief nicht vergangene Woche publiziert? Warum haben sie nicht den Mut gehabt (welcher Mut wäre das gewesen?) vor der Hessen-Wahl zu widersprechen? Aus einer falsch verstandenen Loyalität ihrem Parteifreund gegenüber?

Und ausserdem: Was für ein Unsinn, ein Thema per se aus einem Wahlkampf heraushalten zu wollen. Durch diese Form von Tabuisierung setzt man die Lawinen, die man später beklagt, erst in Gang. Die Frage kann nicht sein, ob ein Thema angepackt wird, sondern wie. Und es muss auch thematisiert werden, inwiefern die Zuständigkeit dessen, was zur Wahl steht, überhaupt tangiert ist. So kann man bspw. mit einer Mindestlohnkampagne keinen seriösen Landtagswahlkampf betreiben.

Mehr Ganztagsangebote, bessere Durchlässigkeit der Schulzeiten, mehr Lehrer und Sozialpädagogen an Hauptschulen, damit kein Kind ohne einen Abschluss die Schule verlässt.
Tatsächlich gibt Hamburg im Vergleich zu anderen Bundesländern in Deutschland das meiste Geld pro Kopf und Schüler aus. Dennoch: Im OECD-Vergleich hinkt Deutschland hier beträchtlich hinterher. Warum also immer, seit Jahren und Jahrzehnten die gleichen Reden – und wenig Taten? Bildung ist Ländersache!

Die Verweise auf die christsoziale Regierung in Bayern sind fast peinlich, aber Frau Stewens musste ja auch gewonnen werden. Ansonsten biedert sich der Text an die gängigen Expertenmeinungen zu Lösung des Problems der Jugendkriminalität an. Meinungen, die – unter Schweigen der Unterzeichner – von CDU-Politikern im Hessenwahlkampf unter anderem als "Kuschelpädagogik" denunziert wurden.

Die Unterzeichner versuchen fast so zu tun, als sei alles nur ein Missverständnis gewesen. Oder eine Entgleisung. Hört nicht auf den Koch, liest man zwischen den Zeilen. Aber die Kanzlerin hatte Koch gestärkt (egal, warum).

Dieses "war doch nicht so gemeint" hat übrigens in der politischen Verarbeitung in Deutschland durchaus Tradition. So war man 1945 und auch 1989 im nachhinein sicherlich überrascht, wieviele Gegner die überwundenen Regime hatten.

Die Canossagang, der hier angetreten werden soll, wirkt heuchlerisch. Soll Ole von Beust bei der Wahl in rd. vier Wochen in Hamburg ein ähnliches Schicksal wie Koch erspart bleiben? Ist das letztlich nur wohlfeiles Gerede - ohne greifenden Hintergrund in der CDU-Programmatik? Nur heisse Luft?
Köppnick - 2008-01-31 07:57

Das Problem der beiden großen Volksparteien ist es, dass sie, um sehr breite Bevölkerungsschichten zu erreichen, viele verschiedene Ansichten, Meinungen und Konzepte integrieren müssen, von denen einige miteinander unvereinbar sind. Vor den Wahlen werden dann diejenigen betont, mit denen man meint, einige Wechselwähler noch auf die eigene Seite zu ziehen, ohne zugleich die Stammklientel zu sehr zu verprellen. Vor der Wahl mit Kritik hinter dem Berg zu halten, scheint mir der ganz normale Parteiopportunismus zu sein. Clement von der SPD hat sich nicht daran gehalten und wird vielleicht jetzt wegen seinem wahlschädigenden Verhalten aus seiner Partei ausgeschlossen.

Die kleineren Parteien haben es da einfacher, die Klientel ist homogener, das Programm muss so gestaltet werden, dass es mehr als 5% der Menschen anspricht. Die Grünen haben das mit dem Ökothema geschafft, die FDP mit ihrem monotonen "Steuern senken"-Mantra. Die Gesamtlinke vertritt die Globalisierungsverlierer und - weniger bekannt - ist die einzige Partei die jedwede Auslandseinsätze der Bundeswehr aus Prinzip ablehnt. Die ostdeutsche Linke wiederum ist viel pragmatischer, weil sie als Volkspartei vielerorts in Regierungsverantwortung steht.

Gregor Keuschnig - 2008-01-31 09:36

Ich habe gerade meinen Text noch etwas ergänzt (etwas, was ich sonst nicht mache). Die Tradition, im nachhinein Widerstand zu leisten, hat in Deutschland eine ziemliche Tradition. Das aktuelle Deutschland ist aber eine Demokratie. Sollte das Schweigen der 17 aus Parteiopportunismus erfolgt sein (woran ich keinen Zweifel habe), ist es erbärmlich. Diese Art von billiger Rhetorik verachte ich zutiefst, weil sie berechnend ist und ein Verhalten wider besseres Wissen darstellt.
Talakallea Thymon - 2008-01-31 09:57

Da staunt man doch: Fragen, die fundamental für die Zukunft unseres Landes sind, sollen nicht zum Wahlkampfthema werden?

Aha. Welche dann? Also nur das weniger Wichtige? Und was ist belanglos genug, um sich noch für den Wahlkampf zu eignen? Das neue Gullyformat oder die Farbe von Straßenlaternenpfählen? Oder hat das schon zuviel Streitpotential??

Mannmannmann, in welchem Zirkus sind wir hier eigentlich?

walhalladada - 2008-01-31 10:10

Integrationspolitik ist so fundamental für die Zukunft unseres Landes, dass sie nicht zum Wahlkampfthema degradiert werden darf. Das ist mehr als nur 'heiße Luft'. Das ist 'heiße Luft' über 'heißem Brei'. Hier offenbart sich die Sprache der 'political correctness' als legitime Sprache der Verdrängung. Die Politik tut was geschieht, innovative Konzepte sind von ihr nicht zu erwarten!

Spritkopf (anonym) - 2008-01-31 12:46

Das soll keine Kritik an Koch sein? Und wenn denn Integrationspolitik, wohl gemerkt: gelungene Integrationspolitik, so fundamental ist, warum haben die Unterzeichner ihren offenen Brief nicht vergangene Woche publiziert? Warum haben sie nicht den Mut gehabt (welcher Mut wäre das gewesen?) vor der Hessen-Wahl zu widersprechen? Aus einer falsch verstandenen Loyalität ihrem Parteifreund gegenüber?

Deine Kritik ist sehr berechtigt. Aber obenstehenden Passus finde ich, na, nicht zu hart, aber der politischen Realität nicht angemessen. Schließlich weiß man, daß alles, was von den lieben Parteifreunden als "während des Wahlkampfes in den Rücken fallen" angesehen wird - und das kann ein nur zartes Wort der Kritik sein - härteste Reaktionen bis hin zu Forderungen nach Parteiausschluß nach sich zieht. Hat man ja auch bei Wolfgang Clement gesehen (ok, bei ihm war es weniger zart). Daß die Briefunterzeichner eine kleinlaute "Klarstellung" hinterherschieben würden, hat man sich schon vorher an 10 Fingern abzählen können.

Gregor Keuschnig - 2008-01-31 21:42

Der politischen Realität

scheint meine Passage wirklich nicht angemessen zu sein. Es bleibt die Frage, was zu korrigieren ist: Mein "Anspruch" oder die "politische Realität". (Ich weiss natürlich, wie das Ergebnis aussieht.)

Was wäre denn passiert, wenn Koch mit leichten Verlusten zwar, aber doch ähnlich wie Wulff in Niedersachsen mit der FDP hätte regieren können? Wäre es dann auch zum "offenen Brief" gekommen?

Und warum stellt sich Merkel noch einmal hinter Koch (wie es immer so schön heisst)?

Nein, die CDU ist für mich noch unglaubwürdiger geworden, weil sie jetzt, in dem Augenblick wo es "billig" ist, das hinterherschiebt, was dringend notwendig vor der Wahl hätte gesagt werden müssen. Aber das ist typisch für diese Partei. Aus der Geschichte kann man das immer wieder ableiten. Erst hatten sie in den 60er Jahren Brandt ob seines Exilantentums diffamiert, dann in den 70er Jahren die Ostpolitik hintertrieben - und 1989/90 war der schwerkranke Brandt dann "gut genug", von Kohl als SPD-Fähnchen für seine Vereinigungspolitik zu dienen.
Köppnick - 2008-02-01 07:55

Und warum stellt sich Merkel noch einmal hinter Koch (wie es immer so schön heisst)?

Hihi, die Antwort findest du in im Buch der verrückten Experimente. Man kann es seit der letzten Bundestagswahl auch den Schrödereffekt nennen:

1970, Tegers Versteigerung eines Dollars
In diesem Versuch wurde jeweils ein Dollar versteigert und an den Meistbietenden verkauft. Im Unterschied zu normalen Versteigerungen musste jedoch auch der Zweitbietende seine Summe entrichten. Die Wirkung dieser Klausel haben viele der teilnehmenden Studenten erst während des Bietens begriffen: Normalerweise wird man für einen Dollar nur maximal 100 Cent bieten. Was aber passiert, wenn man mit 99 Cent der zweithöchste Bieter ist? Man büßt 99 Cent ein. Deshalb geht das Bieten weiter, denn wenn man z. B. 101 Cent bietet und den Zuschlag erhält, verliert man nur einen Cent. Allerdings hat das zu diesem Zeitpunkt der andere Bieter ebenfalls erkannt, das Bieten geht also weiter. Im extremsten Fall wurde die Dollarnote für 20 Dollar versteigert.

Der Psychologieprofessor Teger war auf die Idee dieses Versuchs zu kommen, weil es so schwer zu verstehen war, warum die US-Regierung den Vietnamkrieg immer weiter und weiter geführt hat, obwohl die Verluste immer größer wurden und den erwarteten Nutzen bei weitem überstiegen. Es war den Amerikanern einfach unmöglich, die bereits entstandenen Verluste zu akzeptieren und schnellstmöglich aufzuhören, obwohl das die beste Entscheidung gewesen wäre.
Gregor Keuschnig - 2008-02-01 10:04

Das ist eine Möglichkeit: Sie kann nicht mehr zurück, weil sie sich zu stark mit Kochs Wahlkampf identifiziert hat. Wiche sie jetzt ab, dann würde ihr das (für eine Ostdeutsche doppelt ungünstige) Attribut des "Wendehalses" aufgepappt. (Die andere wäre, dass Merkel den "konservativen" Flügel der Union nicht zu sehr verprellen will; insbesondere auch die CSU. Immerhin hat jemand wie Bosbach, der eigentlich bisher als "liberal" galt, die Kritiker kritisiert.)

Was mich immer amüsiert: Wenn es heisst, jemand stelle sich hinter jemanden. Dann stelle ich mir eine Kampf- oder Kriegssituation vor. Stellt man sich da hinter eine Person, dann bekommt diese ja die Kugeln oder Schläge ab. Man stellt sich also hinter jemanden, nicht um ihn zu beschützen, sondern um Schutz zu suchen. Die Formulierung müsste eigentlich lauten: Sie stellt sich vor Koch. Es sei denn, die Journalisten meinten es anders...
Köppnick - 2008-02-01 10:08

Assoziation

Es gibt ein Zitat von Hitler: "Millionen stehen hinter mir." Dazu wurde später ein politisches Plakat (ich glaube von Heartfield) gemacht, der Hitler von der Seite mit erhobener und nach hinten geöffneter Hand zeigt. Hinter ihm stehen ein paar dicke Industrielle, die ihm einen Geldpacken in diese Hand legen.
Gregor Keuschnig - 2008-02-01 10:12

Ich kenne auf Anhieb nur das.
Köppnick - 2008-02-01 18:57

Dein Link funzt nicht.
walhalladada - 2008-02-01 19:18

Ich bin so frei :)

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Gregor Keuschnig - 2008-08-07 09:07
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Milo (anonym) - 2008-08-06 21:13
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Gregor Keuschnig - 2008-08-06 17:11
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Gregor Keuschnig - 2008-08-06 17:09
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