Lamby/Rutz: Merkels Macht - auf den Spuren der Kanzlerin (ARD)
Nach wenigen Sekunden bereits die Äusserung in einer der sehr kurzen Eingangsstatements von anderen Politikern. Schäuble mit einer Spur Anerkennung in der Stimme: Angela Merkel sei jemand, der sich erst im letzten Moment festlege. Man beeilte sich, das als Fähigkeit, anderen zuzuhören zu erklären; umzudeuten. In Wirklichkeit heisst das, Merkel ist ein Machtmensch. Hugo Müller-Vogg, von der FAZ zur "Bild" Gefallener, bezeichnete sie als "Kontrollfreak".
Die beiden engsten Mitarbeiterinnen Merkels (Eva Christiansen und Beate Baumann) dürfen nur kurz gezeigt werden; keine Interviews. Seit geraumer Zeit keine Bilder mehr aus dem Flugzeug. Angeblich soll die Privatsphäre geschützt werden. Aber sich in Indien mit einem scheinbar geistig behinderten Kind filmen zu lassen, als gute Helferin – das ist plötzlich keine Privatsache mehr.
Lamby/Rutz zeigen Merkel als Politikerin, die nicht versucht, ihre Politikentwürfe umzusetzen, sondern abwartet, was sich als Politik am besten "vermarkten" lässt. Sie zeigen Merkel als jemand, der an visionärer Politik letztlich kein Interesse hat; der es als "Geschäft" sieht. Wofür steht sie? Der Charme des Filmes liegt darin, dass sie Merkel demaskieren, ohne ein böses Wort über sie zu verlieren. Und das sie sagen, dass das, was man sieht, nicht das ist, was wahr ist. Lamby/Rutz haben keine aussergewöhnlichen Bilder oder Szenen (wie auch) – aber sie sagen: Schaut' doch, selbst bei den offiziellsten Terminen gibt es genug zu sehen und zu hören (und vor allem: bestimmtes nicht zu hören und zu sehen). Heiligendamm im grünen Sakko – zum Beispiel.
Merkel ist für diese Koalition offensichtlich wie geschaffen. Thematisch wird von ihr nicht viel verlangt; der Dauerkompromiss ist Standard. Zeit für Visionen oder grosse neue Würfe ist danach. Nur: Ist Merkel auch noch danach?
Ein bisschen versuchen die beiden Reporter dann noch Merkel zu retten. Sie habe ja eingegriffen – damals in der Oettinger-Affäre. Dass das Telefonat von ihr mit Oettinger in der "Bild"-Zeitung durch sie dorthin lanciert wurde – sie streitet es nicht ab; redet ein bisschen wirr drumherum. Oettinger sitzt wie ein Schuljunge da, der weiss, dass irgendwann noch einmal seine Zeit kommen wird. Nein, meinte er, es ist nicht schlimm, wenn einmal was nach aussen dringt, schliesslich spreche er ja fast wöchentlich mit der Kanzlerin, da sei dieses eine Mal nicht so wichtig. Er sagt es ganz leise.
Und am Ende lacht die Kanzlerin.
Die beiden engsten Mitarbeiterinnen Merkels (Eva Christiansen und Beate Baumann) dürfen nur kurz gezeigt werden; keine Interviews. Seit geraumer Zeit keine Bilder mehr aus dem Flugzeug. Angeblich soll die Privatsphäre geschützt werden. Aber sich in Indien mit einem scheinbar geistig behinderten Kind filmen zu lassen, als gute Helferin – das ist plötzlich keine Privatsache mehr.
Lamby/Rutz zeigen Merkel als Politikerin, die nicht versucht, ihre Politikentwürfe umzusetzen, sondern abwartet, was sich als Politik am besten "vermarkten" lässt. Sie zeigen Merkel als jemand, der an visionärer Politik letztlich kein Interesse hat; der es als "Geschäft" sieht. Wofür steht sie? Der Charme des Filmes liegt darin, dass sie Merkel demaskieren, ohne ein böses Wort über sie zu verlieren. Und das sie sagen, dass das, was man sieht, nicht das ist, was wahr ist. Lamby/Rutz haben keine aussergewöhnlichen Bilder oder Szenen (wie auch) – aber sie sagen: Schaut' doch, selbst bei den offiziellsten Terminen gibt es genug zu sehen und zu hören (und vor allem: bestimmtes nicht zu hören und zu sehen). Heiligendamm im grünen Sakko – zum Beispiel.
Merkel ist für diese Koalition offensichtlich wie geschaffen. Thematisch wird von ihr nicht viel verlangt; der Dauerkompromiss ist Standard. Zeit für Visionen oder grosse neue Würfe ist danach. Nur: Ist Merkel auch noch danach?
Ein bisschen versuchen die beiden Reporter dann noch Merkel zu retten. Sie habe ja eingegriffen – damals in der Oettinger-Affäre. Dass das Telefonat von ihr mit Oettinger in der "Bild"-Zeitung durch sie dorthin lanciert wurde – sie streitet es nicht ab; redet ein bisschen wirr drumherum. Oettinger sitzt wie ein Schuljunge da, der weiss, dass irgendwann noch einmal seine Zeit kommen wird. Nein, meinte er, es ist nicht schlimm, wenn einmal was nach aussen dringt, schliesslich spreche er ja fast wöchentlich mit der Kanzlerin, da sei dieses eine Mal nicht so wichtig. Er sagt es ganz leise.
Und am Ende lacht die Kanzlerin.
Gregor Keuschnig - 2008-01-03 19:02
Nein, nicht Merkel wurde demaskiert, denn da war und ist nichts Verborgenes, nichts, was man nicht schon vorher wusste, sieht man mal von den erstaunlichen Möglichkeiten der Stylisten und Visagisten ab. Demaskiert wurden alle sie umgebenden Einschleimer und Claqueure, die letztlich nur auf den richtigen Moment warten, den Dolch zu zücken. Aus dieser Perspektive war der Film in seiner lakonischen Zustandsbeschreibung erhellend.
Kaum überraschend, dass die seinerzeitige Einschätzung des SZ-Magazins ( Magazin/ Heftarchiv/ Nr.26/2006) unter dem Titel „Nonstop Konsens“ nach wie vor gültig ist . Merkel - palim, palim...
An Merkel zeigt sich, was eine zu stark am Konsens orientierte Politik letztlich auch anrichten kann: Beliebigkeit. Dabei bin ich ein Verfechter des Konsenses. Konsens darf jedoch nicht zur Prinzipienlosigkeit bis zur Selbstaufgabe bzw. bis zum kleinsten gemeinsamen Nenner verkommen.
Merkel zeigt nur dort Prinzipien, wo es ihr vermeindlich nichts kostet. Wenn es dann doch Staub aufwirbelt und sich nicht so entwickelt, wie sie glaubt, ist sie mit Kohlschem Aussitzvermögen gesegnet (so wird das mit dem Empfang des Dalai Lama im Kanzleramt gehandhabt).
Das grösste Problem für sie bestünde darin, 2009 in einer Koalition mit der FDP gehen zu müssen. Dann müsste sie führen - Politik wirklich gestalten und nicht nur "moderieren". Und ausserdem wäre dann der Oppositionswind schärfer. Ich glaube nicht, dass ihr diese Rolle gefallen würde. Sie würde auch von ihrem erhabenen Thron, den sie derzeit innehat (sie scheint fast unangreifbar und fast ein bisschen politisch-impotent wie die britische Queen), herunter müssen.
Dieses merkwürdige „System Merkel“ funktioniert allerdings nur deshalb, weil es keine Opposition gibt, d.h. solange die SPD da mitspielt. Leider ist aufgrund der momentanen Verfassung der SPD ist in absehbarer Zeit keine Veränderung zu erwarten.
Sie haben recht,
Kaum überraschend auch, dass die seinerzeitige Einschätzung im Heft 26/06 durch Juli Zeh (die sich ja vor der Wahl 2005 öffentlich für Rot-Grün engagiert hat) nicht vor Lobeshymnen strotzte.
Aber immerhin schrieb sie im Wesentlichen bloß, dass man Merkel eigentlich erst richtig beurteilen kann, wenn sie außerhalb der Zwänge einer großen Koalition regiert. Und in dieser Auffassung ist sie sich mit mir einig.