Ist Gott gefährlich? - Ulrich Beck und seine schlichten Thesen
Irgendwo habe ich mal gelesen, Ulrich Beck schreibe manchmal sehr schnell. Einen Essay oder ein kleines Buch in wenigen Tagen – keine Problem. Hieraus resultiert dann gelegentlich auch mal der Vorwurf des Schnellen, Voreiligen; gar eines kessen Zeitgeistsurfers. Sein neuester Essay in der aktuellen Ausgabe der "ZEIT" scheint von dieser Art zu sein. "Gott-ist-gefaehrlich- (pdf, 188 KB)" schreibt der renommierte Soziologe und stupende Risikoforscher Beck dort und formuliert fünf Thesen, die dieses arg pauschale Urteil bestätigen sollen – und enttäuschend schlicht daherkommen.
Becks erste These beschäftigt sich mit der Dualität Gläubiger und Ungläubiger. Zwar postulierten religiöse Systeme die Gleichheit aller Menschen – aber im gleichen Moment, wo diese Brücke gebaut sei, zerstöre man durch die dualistische Logik zwischen Ungläubigen und Gläubigen diese Versöhnungsgeste wieder. Und Beck möchte dem Gesundheitsminister ins Stammbuch schreiben: Religion tötet. Religion darf an Jugendliche unter 18 Jahren nicht weitergegeben werden.
Ein schönes Aperçu und stimmig mit den Dawkins' und Hitchens' dieser Tage. Beck sagt aber leider nicht, wem dieser fesche Appell des säkularen Trendsetters gilt. Gilt er dem Staat? Soll damit gesagt werden, dass der Staat seine Aufgabe nicht mehr länger darin sehen kann, im Religionsunterricht in den Schulen diese eine Religion sozusagen als Monopol zu verordnen bzw. zu verorten? Dann hätte er Position zu der Frage eines Ethikunterrichts als Alternative zum bisherigen Religionsunterricht an den Schulen bezogen. Einem Punkt, dem tatsächlich voll zuzustimmen ist, denn auch wenn eine normative Trennung zwischen Staat und Kirche in der Bundesrepublik nicht existiert, so wäre doch eine eher laizistische Position seiner Institutionen wünschenswert (und damit ein Anfang gemacht). Alleine, um im interkulturellen Kontext andere religiöse und ethische Systeme vorzustellen.
Oder meint er, dass das Verbot mit religiösen Systemen in Kontakt zu kommen, auch von seiten der Erziehungsberechtigten einzufordern ist? Will Beck in das private Erziehungsmonopol (Art. 6 GG) eingreifen? Wohl kaum. Und wer erklärt dann den Kindern Weihnachten oder Ostern – oder werden diese Festtage gleich mit "säkularisiert" und der kommerziellem Vermarktung endgültig preisgegeben? Und dann die Fragen von leuchtenden Kinderaugen, was man denn in diesen grossen Gebäuden da mache, in denen einige Menschen immer an bestimmten Tagen hineingehen? Wie denjenigen erklären, die im fortgeschrittenen Jugendlichenalter am Computer bereits ganze Weltreiche befehligen oder Jagdfliegerstaffeln kommandieren, dass das, was sich in diesen ominösen Häusern abspielt, noch nichts für ihre jungen, reinen Seelen sei und die Versammlung der Gläubigen in Kirchen, Moscheen oder Synagogen damit einen konspirativen Charakter bekommt? Würde nicht gerade dann sogar eine gewisse Neugier angestachelt?
Am Anfang macht sich Beck über die Drei-Tage-Christen und den Konsum der Kirchentheaterdienstleistung lustig – aber was ist mit diesen Elfmonatsatheisten eigentlich, die ihren rationalistischen Furor immer dann spazieren führen, wenn für sie gerade mal die Sonne scheint?
Auch seine zweite These hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Sein Versuch einer Trennung zwischen "Religion" und "religiös" ist irgendwie nicht überzeugend – und im fortschreitenden Eklektizismus der Religionen, wie er ihn für Japan beschreibt, könnte man doch als positives Element die Atomisierung der Dogmengläubigkeit zu jeder einzelnen Religion erkennen. Seltsam – diese Angst vor der Vermischung der einzelnen religiösen Bräuche hat er dann sicherlich durchaus mit den jeweiligen Exegeten des "reinen Glaubens" gemein.
Mit der dritten (Glaube sticht Verstand - ist das nicht für jede Weltanschauung immanent?) und vierten These greift Beck direkt die Argumente des aktuellen "neuen Atheismus" auf. Er erkennt eine virulente Nähe zwischen der manichäischen Welt der Religionen und des Nationalismus. Die Germanisierung des Christentums während der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere eines aggressive[n], antreibende[n] Antisemitismus protestantischer Gemeinden, erkennt Beck nicht als Pervertierung des christlichen Menschenbildes, sondern als dessen Folge. Der Theologennationalismus während des sogenannten Dritten Reiches wird als Inspirationsquelle für den Totalitarismus der Nationalsozialisten gesehen.
Das ist – mit Verlaub – in dieser Kontinuität gesehen nichts anderes als Geschichtsklitterung. Beck übernimmt hier ungelenk (und stark verkürzend) Goldhagens These vom spezifisch deutschen "eliminatorischen Antisemitismus", aber während Goldhagen ausgesprochen scharf die katholische Kirche (und auch den Vatikan) angreift, kapriziert sich Beck auf den Protestantismus, um in einem Befreiungsschlag gleich das ganze Christentum zu denunzieren.
Beck setzt in der – berechtigten – Negation der absolutistischen Wahrheitsansprüche der monotheistischen Religionen einfach den absolutistischen Wahrheitsanspruch seines Säkularismus. Ich hätte gerne erfahren, worin dieser besteht. Stattdessen schreibt er sich ab an der Geisselung religiöser Systeme. Am Ende wird ein wenig über Gandhis "Hinduismus" erzählt (für Beck ist Hinduismus offensichtlich homogen, was aber definitiv nicht der Fall ist und damals schon gar nicht) und stattdessen Beton für die nächste Vergötterung gerührt.
Also noch einmal die Frage: Ist Gott gefährlich? Oder sind nur diejenigen gefährlich, die Gott für ihre Zwecke usurpieren? Natürlich ist es ein einfaches Spiel, immer zu behaupten, die Religion würde "missbraucht". Aber wird sie nicht in diesem Moment auch vom glühenden Atheisten "missbraucht", der sie als Folie für sein wachsendes Unbehagen an der Moderne braucht? Und wie immer, wenn ein Projekt zu scheitern droht oder der Wind ins Gesicht weht, braucht es knorrige Sündenböcke, die leicht herangezogen werden können (und es den Kritikern auch oft genug leicht machen).
Wird vielleicht deshalb suggeriert, auch in Rom würde den Ungläubigen der Status des Menschen überhaupt abgesprochen? Woran macht er das dingfest? Die neue Papst-Enzyklika sagt etwas anderes. Und sogar im Koran ist definiert, wer der "Ungläubige" ist. Freilich gibt es im Islam keine einheitlichen Lesarten.
Statt das Unbehagen an der Moderne, der sozialen Vereinzelung, die Überforderungen des individualisierten, jeglicher Transzendenz "befreiten" Menschen zu beschreiben, werden die Nischen der teilweise nur noch virtuellen Gottesgemeinden dieser Welt dafür verantwortlich gemacht. Verwechselt man nicht Ursache und Wirkung? Ist Becks Beschwörung des gefährlichen Gottes nicht eher ein eifersüchtiges Schauen auf das, was im Projekt der Moderne nicht mehr zu funktionieren scheint?
Kann man die bedrohlich überschwappende Welle antiaufklärerischer Kreationisten aus den USA mit der Bannung jeglicher Religion bekämpfen? Kann, und das ist nicht rhetorisch gefragt, die Moderne die antimodernen Affekte nur seinerseits mit antimodernen Affekten, also mit strikten Verboten, schützen? Was wäre eine Gesellschaft wert, die ihre Werte nur für ihresgleichen verteidigt und die Gefahren, die durch andere Weltanschauungen drohen oder zu drohen scheinen, schlichtweg verbietet ? Und wie kann das "Projekt der Moderne", welches offensichtlich mehr und mehr als Überforderung – auch und gerade in industrialisierten Gesellschaften – wahrgenommen wird, wieder attraktiv gemacht werden?
Ich wünschte mir eine in diesem Sinne fruchtbare Religionskritik. Religionskritik, die ihren Gegenstand nicht diffamiert, sondern wahrnimmt, ihre Vorteile erkennt, aber ihre Nachteile in einem strikt weltanschaulich neutralen Staat bekämpft. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten.
Hiermit ist dann erst einmal von meiner Seite zum Thema Religion und Atheismus Schluss.
Becks erste These beschäftigt sich mit der Dualität Gläubiger und Ungläubiger. Zwar postulierten religiöse Systeme die Gleichheit aller Menschen – aber im gleichen Moment, wo diese Brücke gebaut sei, zerstöre man durch die dualistische Logik zwischen Ungläubigen und Gläubigen diese Versöhnungsgeste wieder. Und Beck möchte dem Gesundheitsminister ins Stammbuch schreiben: Religion tötet. Religion darf an Jugendliche unter 18 Jahren nicht weitergegeben werden.Ein schönes Aperçu und stimmig mit den Dawkins' und Hitchens' dieser Tage. Beck sagt aber leider nicht, wem dieser fesche Appell des säkularen Trendsetters gilt. Gilt er dem Staat? Soll damit gesagt werden, dass der Staat seine Aufgabe nicht mehr länger darin sehen kann, im Religionsunterricht in den Schulen diese eine Religion sozusagen als Monopol zu verordnen bzw. zu verorten? Dann hätte er Position zu der Frage eines Ethikunterrichts als Alternative zum bisherigen Religionsunterricht an den Schulen bezogen. Einem Punkt, dem tatsächlich voll zuzustimmen ist, denn auch wenn eine normative Trennung zwischen Staat und Kirche in der Bundesrepublik nicht existiert, so wäre doch eine eher laizistische Position seiner Institutionen wünschenswert (und damit ein Anfang gemacht). Alleine, um im interkulturellen Kontext andere religiöse und ethische Systeme vorzustellen.
Oder meint er, dass das Verbot mit religiösen Systemen in Kontakt zu kommen, auch von seiten der Erziehungsberechtigten einzufordern ist? Will Beck in das private Erziehungsmonopol (Art. 6 GG) eingreifen? Wohl kaum. Und wer erklärt dann den Kindern Weihnachten oder Ostern – oder werden diese Festtage gleich mit "säkularisiert" und der kommerziellem Vermarktung endgültig preisgegeben? Und dann die Fragen von leuchtenden Kinderaugen, was man denn in diesen grossen Gebäuden da mache, in denen einige Menschen immer an bestimmten Tagen hineingehen? Wie denjenigen erklären, die im fortgeschrittenen Jugendlichenalter am Computer bereits ganze Weltreiche befehligen oder Jagdfliegerstaffeln kommandieren, dass das, was sich in diesen ominösen Häusern abspielt, noch nichts für ihre jungen, reinen Seelen sei und die Versammlung der Gläubigen in Kirchen, Moscheen oder Synagogen damit einen konspirativen Charakter bekommt? Würde nicht gerade dann sogar eine gewisse Neugier angestachelt?
Am Anfang macht sich Beck über die Drei-Tage-Christen und den Konsum der Kirchentheaterdienstleistung lustig – aber was ist mit diesen Elfmonatsatheisten eigentlich, die ihren rationalistischen Furor immer dann spazieren führen, wenn für sie gerade mal die Sonne scheint?
Auch seine zweite These hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Sein Versuch einer Trennung zwischen "Religion" und "religiös" ist irgendwie nicht überzeugend – und im fortschreitenden Eklektizismus der Religionen, wie er ihn für Japan beschreibt, könnte man doch als positives Element die Atomisierung der Dogmengläubigkeit zu jeder einzelnen Religion erkennen. Seltsam – diese Angst vor der Vermischung der einzelnen religiösen Bräuche hat er dann sicherlich durchaus mit den jeweiligen Exegeten des "reinen Glaubens" gemein.
Mit der dritten (Glaube sticht Verstand - ist das nicht für jede Weltanschauung immanent?) und vierten These greift Beck direkt die Argumente des aktuellen "neuen Atheismus" auf. Er erkennt eine virulente Nähe zwischen der manichäischen Welt der Religionen und des Nationalismus. Die Germanisierung des Christentums während der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere eines aggressive[n], antreibende[n] Antisemitismus protestantischer Gemeinden, erkennt Beck nicht als Pervertierung des christlichen Menschenbildes, sondern als dessen Folge. Der Theologennationalismus während des sogenannten Dritten Reiches wird als Inspirationsquelle für den Totalitarismus der Nationalsozialisten gesehen.
Das ist – mit Verlaub – in dieser Kontinuität gesehen nichts anderes als Geschichtsklitterung. Beck übernimmt hier ungelenk (und stark verkürzend) Goldhagens These vom spezifisch deutschen "eliminatorischen Antisemitismus", aber während Goldhagen ausgesprochen scharf die katholische Kirche (und auch den Vatikan) angreift, kapriziert sich Beck auf den Protestantismus, um in einem Befreiungsschlag gleich das ganze Christentum zu denunzieren.
Beck setzt in der – berechtigten – Negation der absolutistischen Wahrheitsansprüche der monotheistischen Religionen einfach den absolutistischen Wahrheitsanspruch seines Säkularismus. Ich hätte gerne erfahren, worin dieser besteht. Stattdessen schreibt er sich ab an der Geisselung religiöser Systeme. Am Ende wird ein wenig über Gandhis "Hinduismus" erzählt (für Beck ist Hinduismus offensichtlich homogen, was aber definitiv nicht der Fall ist und damals schon gar nicht) und stattdessen Beton für die nächste Vergötterung gerührt.
Also noch einmal die Frage: Ist Gott gefährlich? Oder sind nur diejenigen gefährlich, die Gott für ihre Zwecke usurpieren? Natürlich ist es ein einfaches Spiel, immer zu behaupten, die Religion würde "missbraucht". Aber wird sie nicht in diesem Moment auch vom glühenden Atheisten "missbraucht", der sie als Folie für sein wachsendes Unbehagen an der Moderne braucht? Und wie immer, wenn ein Projekt zu scheitern droht oder der Wind ins Gesicht weht, braucht es knorrige Sündenböcke, die leicht herangezogen werden können (und es den Kritikern auch oft genug leicht machen).
Wird vielleicht deshalb suggeriert, auch in Rom würde den Ungläubigen der Status des Menschen überhaupt abgesprochen? Woran macht er das dingfest? Die neue Papst-Enzyklika sagt etwas anderes. Und sogar im Koran ist definiert, wer der "Ungläubige" ist. Freilich gibt es im Islam keine einheitlichen Lesarten.
Statt das Unbehagen an der Moderne, der sozialen Vereinzelung, die Überforderungen des individualisierten, jeglicher Transzendenz "befreiten" Menschen zu beschreiben, werden die Nischen der teilweise nur noch virtuellen Gottesgemeinden dieser Welt dafür verantwortlich gemacht. Verwechselt man nicht Ursache und Wirkung? Ist Becks Beschwörung des gefährlichen Gottes nicht eher ein eifersüchtiges Schauen auf das, was im Projekt der Moderne nicht mehr zu funktionieren scheint?
Kann man die bedrohlich überschwappende Welle antiaufklärerischer Kreationisten aus den USA mit der Bannung jeglicher Religion bekämpfen? Kann, und das ist nicht rhetorisch gefragt, die Moderne die antimodernen Affekte nur seinerseits mit antimodernen Affekten, also mit strikten Verboten, schützen? Was wäre eine Gesellschaft wert, die ihre Werte nur für ihresgleichen verteidigt und die Gefahren, die durch andere Weltanschauungen drohen oder zu drohen scheinen, schlichtweg verbietet ? Und wie kann das "Projekt der Moderne", welches offensichtlich mehr und mehr als Überforderung – auch und gerade in industrialisierten Gesellschaften – wahrgenommen wird, wieder attraktiv gemacht werden?
Ich wünschte mir eine in diesem Sinne fruchtbare Religionskritik. Religionskritik, die ihren Gegenstand nicht diffamiert, sondern wahrnimmt, ihre Vorteile erkennt, aber ihre Nachteile in einem strikt weltanschaulich neutralen Staat bekämpft. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten.
Hiermit ist dann erst einmal von meiner Seite zum Thema Religion und Atheismus Schluss.
Gregor Keuschnig - 2007-12-21 09:48
