a) Sieht Richardson Terrorismus auch als soziales Phänomen? Das scheint mir ausgeklammert zu bleiben. Oder habe ich etwas überlesen? Wäre Armutsbekämpfung an manchen Orten nicht auch Terrorismusbekämpfung? Oder zumindest die Möglichkeit "Gutpunkte" zu sammeln? Die Katastrophenhilfe geht in die Richtung, ist aber eigentlich etwas anderes. Wenn wir beispielsweise an den Libanon denken: Die Hisbollah ist sozial stark verankert, das gibt ihr Rückhalt, und macht das Problem erst zu dem was es eigentlich ist. Der Rückhalt in der Bevölkerung müsste minimiert werden, lese ich, aber was tun wenn er derart verankert ist? Da hilft "Gutpunkte" sammeln auch nichts.
b) Die Sache mit der "Religion". Ich behaupte - allerdings ohne Beweise - dass "religiöse", quasi-, oder pseudoreligiöse Bindungen Selbsmordattentäter (die meisten jedenfalls) in ihrem Tun befördern, oder dieses erst möglich machen. Sich für das "große Ganze" zu opfern, obwohl man "der Sache" eigentlich sein ganzes Leben dienen kann (dann doch viel effizienter) trägt deutlich irrationale Spuren. Es braucht doch irgendeine "Ideologie", irgendetwas, das die Angst vor dem Tod nimmt, irgendeine Versprechung, etwas Erfüllendes, das die große Leere des Todes auffüllen mag! Darum auch pseudoreligiös: Nationalismus (Panarabismus) vermag so etwas zu leisten, oder denken wir an die politische Idolatrie des 20. Jahrhunderts (Nationalsozialismus, Stalinismus), usw.
Religion ist hier ausschließlich funktional zu denken. Aber ohne eine solche Bindung jedenfalls, kann ich mir das kaum vorstellen.
Widersprechen nicht die von Dir erwähnten ritualisierten Selbstmordattentate (LTTE) der These, dass die Religion (im oben angeführten Sinne) keine Rolle spielt. Definiert Richardson Religion? Aber wenn sie ausführlich auf LTTE eingeht, müsste das zu klären sein.
Kurzum: Ist Richardsons Analyse möglicher Weise zu sehr auf politwissenschaftliche Aspekte fokussiert?
Sieht Richardson Terrorismus auch als soziales Phänomen?
Ich habe das ein bisschen verkürzend dargestellt, sonst wär's zu lang geworden. Sie sieht keine monokausalen Ursachen. Dabei ist Terrorismus auch ein soziales Phänomen, aber nicht primär. Richardson belegt, dass beispielsweise die Attentäter des 11. September nicht "arm" oder aus armen Verhältnissen stammen. Ähnliches gilt für die Attentäter von Madrid und London, Sie zeigt, dass diese Leute nach aussen hin bestens integriert schienen.
Die Hisbollah ist sozial stark verankert, das gibt ihr Rückhalt, und macht das Problem erst zu dem was es eigentlich ist. Der Rückhalt in der Bevölkerung müsste minimiert werden, lese ich, aber was tun wenn er derart verankert ist? Da hilft "Gutpunkte" sammeln auch nichts.
Genau diese soziale Verankerung spricht sie auch an. Die Hisbollah engagiert sich sozial, hat aber auch politische Ziele, für den sie Terrorismus einsetzt. Es gilt diese politischen Ziele zu desavouieren bzw. die Unterstützung in der Bevölkerung für diese Ziele abzubauen.
Nationalsozialismus und Stalinismus haben nicht mit Selbstmordanschlägen operiert, obwohl sie quasireligiöse Erlösung versprachen.
Widersprechen nicht die von Dir erwähnten ritualisierten Selbstmordattentate (LTTE) der These, dass die Religion (im oben angeführten Sinne) keine Rolle spielt.
Nein. Mit "ritualisierten Selbstmordattentaten" meine ich das Prozedere der Aktionen an sich; es wird ausführlich beschrieben (bis zum letzten Essen mit dem LTTE-Führer). Die LTTE ist eine säkulare Organisation, die sich aus dem Hass gegen die "Besatzer" speist. Natürlich übernimmt hier der Nationalismus quasireligiöse Züge. Was er aber definitiv nicht schürt, ist eine Jenseitshoffnung oder –verheissung. Der Selbstmordattentäter weiss, dass er tot sein wird und der Ruhm seiner Tat strahlt nur auf die Familie. Richardson führt aus, dass die Organisation sich vor Bewerbern nicht retten kann und sehr grossen Zulauf hat. Die Organisation setzt das Instrument der Selbstmordattentate sehr rational ein. Daher kann man keine irrationalen, cholerischen Amokläufer gebrauchen. Die Personen, die sich dafür bereit erklären, sehen offensichtlich keine andere Möglichkeit, sich in der politischen Diskussion einzubringen, als diese einmalige Tat. (Ein gewisses Ohnmachtsgefühl ist ja auch dem westlichen Demokratieanhänger gelegentlich nicht fremd.)
Neben den Anschlägen der LTTE können auch sehr viele Selbstmordattentate im libanesischen Bürgerkrieg in den 80er Jahren als Aktionen säkularer Terrororganisationen eingestuft werden, sowie die Aktionen der PKK. Richardson wehrt sich nur gegen die Absolutierung, dass Religion unbedingt erforderlich sei. Sie ist – das ist sicherlich richtig – "hilfreich", aber offensichtlich nicht notwendig.
Ob Richardsons Analyse zu sehr auf politikwissenschaftliche Aspekte fokussiert ist, vermag ich nicht zu sagen. Hierfür müsste man wissen, wie Du das meinst. Ihre Analysen und Handlungsanweisungen sind natürlich ziemlich "anstrengend" und fordern von den politischen Eliten des Westens ein grosses Mass an Empathie und Einsatzwillen. Das ist deutlich etwas anderes, als die korrupten "Eliten" in einigen Ländern, die vom Terrorismus bedroht sind, mit Geld und anderen Zuwendungen ruhig zu stellen oder ihnen selber die Bekämpfung zu überlassen (bspw. in Ägypten sind diese Fehler gemacht worden).
Welche anderen Aspekte sollte man zur Terrorismusbeämpfung heranziehen?
Ich kenne es aus eigener Erfahrung, und nehme an, dass auch andere nicht dagegen gefeit sind: Kommt man aus einer bestimmten Fachrichtung, denkt man auf bestimmte Art und Weise, und arbeitet mit einer bestimmten Methodik. Man kann das kompensieren, aber die Scheuklappen wird niemand komplett los. Gerade bei Phänomenen wie dem Terrorismus, die viele Wurzeln haben, werden Fachleute - z.B. ein Islamexperte, ein Soziologe, ein Politikwissenschaftler - verschieden gewichtete Antworten geben. Daran dachte ich.
Zur Religion: Wir sind einig darin, dass institutionalisierte Religion keine notwendige Voraussetzung für Terror ist. Wenn ich aber z.B. die IRA mit LTTE (korrigiere mich bitte, falls ich falsch liege) vergleiche, dann sehe ich, dass erstere kaum, letztere aber sehr wohl Selbstmordattentate verübt haben. Ich folgere daraus, dass dem Terror der Selbstmord nicht notwendiger Weise innewohnt (ich glaube auch hierin sind wir einig). Nun frage ich mich warum das das eine Mal so ist, und dann wieder nicht. Eine mögliche Erklärung: "Energien", Kräfte (ich finde gerade kein besseres Wort), die sonst in dem was wir als Religion bezeichnen, gebunden sind, können, wenn sie "frei" werden, anderwertige Foci finden. Zum Beispiel: säkulare Ideologien, wie den Nationalismus. Erst dann sind Menschen zu Handlungen wie dem Selbstmordattentat bereit. Da braucht es keine Psychopathen, oder Irre, es reicht vollkommen, wenn Bindungen hergestellt werden, die nicht per se vorhanden sind, die aber möglich sind, und die man als "religiös" (aber im funktionalen, nicht institutionalisierten Sinne) bezeichnen kann. Eine "Ersatzreligion", die den Tod überhöht (das über das "bloße" Individuum hinausweist), aber nicht unbedingt Erlösung versprechen muss. Daher mein Rekurs auf den Nationalsozialismus und den Stalinismus. Der Kampf für den Führer bis zur letzten Patrone, die Hingabe von allem, "beweist" genau eine solche Bindung. Du hast selbstverständlich Recht, das gipfelte damals nicht in Selbstmordanschlägen (hätte im Land- und Luftkrieg auch nicht allzuviel Sinn), aber sehr wohl zu bedingungsloser Gefolgschaft.
[Man denke zum Beispiel an das NS-Lied "Vorwärts, vorwärts" in dem Zeilen wie "Deutschland, du wirst leuchtend stehn /Mögen wir auch untergehn." oder "Uns're Fahne flattert uns voran/Uns're Fahne ist die neue Zeit/Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit!/Ja die Fahne ist mehr als der Tod!" vorkommen. Untergang, Tod, Ewigkeit: da gibt es kein konkretes Versprechen, aber die emotionale Bindung ist gewiss hoch.]
Ich kann mir wie gesagt schwer vorstellen, dass man aus rationaler Überlegung zum Selbstmordattentäter wird. Ich glaube gerne, dass Selbstmordattentäter rational handeln, aber ihre Bindung, und damit ihre Überzeugung speisen sich aus einer anderen Quelle. Aber wie erklärt Richardson denn die Motive der Selbstmordattentäter? Den hohen Zulauf? Woher kommt der?
[...] Sie zeigt, dass diese Leute nach aussen hin bestens integriert schienen.
Glaubst Du, dass ein politisches Motiv, einen bestens integrierten Menschen, der zudem - wie das durchaus der Fall war - gebildet sein kann, dazu bringt zum (Selbstmord)attentäter zu werden? Die Armut fällt als Erklärung weg. Aber da muss es noch andere Faktoren geben, wie empfundene Ungerechtigkeit und Arroganz (Wirtschaft, Politik) Muslimen (muslimischen Staaten) gegenüber, vielleicht grundlegende Aspekte unserer modernen Gesellschaften, die nur ein unerfülltes, leeres Dasein ermöglichen, aber sicher auch Hass (nur woher?), das Gefühl Verlierer zu sein (oder das für andere zu empfinden), da bin ich mir sicher. Wenn man nur nach dem "trockenen", politischen Motiv sucht, geht man fehl, das "motiviert" einfach zu wenig.
Im Falle der Hisbollah geht es mir folgendermaßen: Einmal denke ich, dass die politischen Ziele egal sind, solange die soziale Verankerung vorhanden ist, dann wieder umgekehrt. Obwohl den meisten Menschen die soziale Sicherung viel wichtiger als die Politik ist (die bracht man nicht um zu überleben).
Welche anderen Aspekte sollte man zur Terrorismusbeämpfung heranziehen?
Darüber muss ich noch nachdenken.
Generell: Richardson hat mit Sicherheit ein gutes Buch geschrieben, in diesem Sinne ist meine Kritik nicht fundamental gemeint.
Ich erinnere mich an einen Spielfilm über den Vietnamkrieg, in dem man einen Vietcong in einen Unterstand laufen sieht. Eine Sekunde später explodiert dieser Unterstand. Hier ist das Selbstmordattentat je nach Sichtweise eine Tat in einem regulären Krieg oder einer Widerstandsbewegung.
Vielleicht sollte man die Untersuchung des Phänomens "Selbstmordattentäter" ganz simpel als Kosten-Nutzen-Rechnung beginnen: Selbstmordattentate werden wahrscheinlich, wenn der potenzielle Attentäter den Wert seines (zukünftigen) Lebens als geringerwertig erachtet als den Wert des Nutzens / Schadens durch sein Attentat. Diese Betrachtungsweise lässt Raum für individuelle, religiöse und gesellschaftliche Ursachen. Auf jeden Fall darf man als Außenstehender nicht versuchen, moralische Bewertungsmaßstäbe zugrunde zu legen, weil der Selbstmordattentäter sich selbst ja als im Recht empfindet.
Was überwiegend zu gelten scheint: Selbstmordattentäter kommen aus Gruppen, d.h. Gruppenziele werden höher gewichtet als das eigene Leben. Das ist uns deshalb so unheimlich, weil bei uns das Individuum einen hohen Stellenwert hat und weil bei uns ein langes und im Vergleich zu anderen Gegenden bzw. Zeiten sorgenarmes Leben die Regel ist.
Die Islamisten verändern beide Seiten der Kosten-Nutzen-Rechnung: Auf der individuellen Seite wird das Selbstmordverbot des Islam durch das Versprechen eines besseren (und unendlich lange währenden) Lebens nach dem Tod überkompensiert. Auf der Gruppenseite wird behauptet, dass es der Gruppe durch das Attentat sehr viel besser als vorher gehen wird. Der Attentäter muss das a priori glauben, weil er keine Möglichkeit der Überprüfung hat. Zur Festigung dieses Glaubens wird innerhalb der Gruppe der Märtyrer-Kult zelebriert. Auch das wirkt wieder auf beide Seiten der Rechnung.
Selbstmordterrorismus ist zutiefst beunruhigend, weil er ein Mass an Fanatismus für eine Sache erkennen lässt, das uns ziemlich fremd ist...Keine Strafandrohung kann wohl eine Person beeinflussen, die bereit ist, sich selbst umzubringen. Und ein Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist und von Köppnick bereits angesprochen wurde: Mit der Bereitschaft, das eigene Leben zu geben, massen sich Terroristen eine moralische Überlegenheit an, die mit unserer Vorstellung von ihrer moralischen Verderbtheit nicht in Einklang zu bringen ist.
Richardson hütet sich, monokausale Ursachen für Selbstmordanschläge zu postulieren - also beispielsweise kulturelle Differenzen. Sie schränkt das sogar ein: Wenn Terroristen sich selbst töten, um andere umzubringen, ist das ein Verhalten, das vollkommen mit jenem von Soldaten durch alle Epochen hinweg übereinstimmt. Militärhistoriker haben uns schon vor geraumer Zeit dargelegt, dass es leidenschaftliche Loyalität gegenüber dem kleinen Haufen der Mitstreiter ist, die junge Männer aus den Schützenlöchern und über die Gräben treibt. Das mag überraschend erscheinen, denn wir denken bei Selbstmordattentaten an individuelle Handlungen, tatsächlich ist aber kein Fall bekannt, wo ein Terrorist einfach für sich beschloss, Märtyrer zu werden, sich Sprengstoff zu besorgen und einen Plan zu entwerfen. Vielmehr spielte bei jeder bekannten Märtyreroperation eine Gruppe eine wesentliche Rolle...Eine Märtyreroperation erfordert im Durchschnitt die Unterstützung durch rund zehn Mitstreiter. Überall auf der Welt reservieren Gesellschaften ihre höchsten Ehren für diejenigen, die für ihr Land ihr Leben gaben...
Als historische Beispiele zieht sie die Zeloten und Assassinen heran - und arbeitet auch die Unterschiede zu heute heraus.
Später heisst es: Die beliebte These, dass Selbstmordterroristen verzweifelt oder verrückt seien, wird durch sämtliche Forschungen zu diesem Thema widerlegt. Selbstmordattentäter handeln nicht allein; sie werden von einer Gruppe ausgewählt, ausgebildet, überwacht und unterstützt...Die Vorstellung, Armut treibe die Menschen zum Selbstmordterrorismus, wird ebenfalls von den Lebensläufen der Freiwlligen widerlegt - vom Ägypter Mohammed Atta mit seinem Diplom in Stadtplanung bis hin zum Briten Shehzad Tanweer, dem Sohn eines erfolgreichen mittelständischen Geschäftsmanns. Dennoch trifft es zu, dass beruflich erfolgreiche Menschen sich nicht freiwillig für Selbstmordmissionen melden, und viele von denen, die es tun, aus wirtschaftlich desolaten Gebieten wie dem Gazastreifen kommen.
Am Ende kommt sie als Motivation auf die drei Rs...
Überall auf der Welt reservieren Gesellschaften ihre höchsten Ehren für diejenigen, die für ihr Land ihr Leben gaben...
Das hatte ich auch gedacht und dabei Stauffenberg, den kommunistischen Widerstand im 3. Reich u.ä. im Hinterkopf, aber mir nicht getraut zu schreiben. Aber letztlich unterscheidet sich hier nur unsere Bewertung der Taten, die Dynamik der Gruppe, die Gruppenpsychologie ist ähnlich.
Ich musste auch an eine lange zurückliegende Anmerkung von Gruber denken, der damals sinngemäß gesagt hat: Da menschliches Leben endlich ist (und, meine Ergänzung, ersetzbar und reproduzierbar), wird es zu einer Ressource, die zu anderen Ressourcen ins Verhältnis gesetzt wird. Er hatte das damals im Zusammenhang des Verhaltens von Politikern zu Atomkraftwerken und deren Folgen geschrieben. Es passt aber überall, jegliches menschliches Handeln beeinflusst letztlich eigenes und fremdes menschliches Leben.
Ich glaube, man braucht nicht einmal an den Widerstand zu denken. Soldatenverehrung existiert nahezu überall. (In Deutschland kollidierte das nach 1945 mit den nach und nach bekannt werdenden Einzelheiten des Vernichtungskriegs der Nationalsozialisten und deren Massaker. Da hatte man nun einerseits die "gefallenen" Sodlaten, die für das "Vaterland" gekämpft hatten und verehrt werden sollten [die soziale Komponente ist nicht ganz unwichtig dabei] - andererseits hatten sie einem, Verbrecherregime "gedient". Man log sich jahrzehntelang mit der Legende der "sauberen Wehrmacht" in die Tasche und versuchte zu trennen, was grössenteils untrennbar miteinander verknüpft war.)
Man beachte den Euphemismus "gefallen" für getötete Soldaten. Im englischen nennt man das "killed in action". Sie haben auf Grabsteinen ein anderes Zeichen. Sie sind nicht "einfache Tote", sondern durch ihren EInsatz erhält ihr Sterben einen "Sinn". Das hat zwar nicht die Dimension von Selbstmordattentaten, aber sie ist immer implizit mitzudenken.
Warum die LTTE Selbstmordattentae verübt, die IRA aber nicht hat auch mit der "Tradition" zu tun. Im antikolonialistischen Kampf in Indien (und wohl auch Ceylon) gab es auch vereinzelt Selbstmordaktionen. Einige Terrororganisationen sind vernetzt und "entdecken" neue Arten des Terrorismus sozusagen "neu".
Im medialen Reaktionswettlauf haben Selbstmordanschläge - insbesondere, wenn sie sich gegen "uns" richten - eine sehr grosse Wirkung, da sie uns nach wie vor verstören. Die Anführer der Organisationen wissen das; Richardson führt Belege hierzu an.
HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.
Ein andermal hoffentlich mehr.
a) Sieht Richardson Terrorismus auch als soziales Phänomen? Das scheint mir ausgeklammert zu bleiben. Oder habe ich etwas überlesen? Wäre Armutsbekämpfung an manchen Orten nicht auch Terrorismusbekämpfung? Oder zumindest die Möglichkeit "Gutpunkte" zu sammeln? Die Katastrophenhilfe geht in die Richtung, ist aber eigentlich etwas anderes. Wenn wir beispielsweise an den Libanon denken: Die Hisbollah ist sozial stark verankert, das gibt ihr Rückhalt, und macht das Problem erst zu dem was es eigentlich ist. Der Rückhalt in der Bevölkerung müsste minimiert werden, lese ich, aber was tun wenn er derart verankert ist? Da hilft "Gutpunkte" sammeln auch nichts.
b) Die Sache mit der "Religion". Ich behaupte - allerdings ohne Beweise - dass "religiöse", quasi-, oder pseudoreligiöse Bindungen Selbsmordattentäter (die meisten jedenfalls) in ihrem Tun befördern, oder dieses erst möglich machen. Sich für das "große Ganze" zu opfern, obwohl man "der Sache" eigentlich sein ganzes Leben dienen kann (dann doch viel effizienter) trägt deutlich irrationale Spuren. Es braucht doch irgendeine "Ideologie", irgendetwas, das die Angst vor dem Tod nimmt, irgendeine Versprechung, etwas Erfüllendes, das die große Leere des Todes auffüllen mag! Darum auch pseudoreligiös: Nationalismus (Panarabismus) vermag so etwas zu leisten, oder denken wir an die politische Idolatrie des 20. Jahrhunderts (Nationalsozialismus, Stalinismus), usw.
Religion ist hier ausschließlich funktional zu denken. Aber ohne eine solche Bindung jedenfalls, kann ich mir das kaum vorstellen.
Widersprechen nicht die von Dir erwähnten ritualisierten Selbstmordattentate (LTTE) der These, dass die Religion (im oben angeführten Sinne) keine Rolle spielt. Definiert Richardson Religion? Aber wenn sie ausführlich auf LTTE eingeht, müsste das zu klären sein.
Kurzum: Ist Richardsons Analyse möglicher Weise zu sehr auf politwissenschaftliche Aspekte fokussiert?
Ich habe das ein bisschen verkürzend dargestellt, sonst wär's zu lang geworden. Sie sieht keine monokausalen Ursachen. Dabei ist Terrorismus auch ein soziales Phänomen, aber nicht primär. Richardson belegt, dass beispielsweise die Attentäter des 11. September nicht "arm" oder aus armen Verhältnissen stammen. Ähnliches gilt für die Attentäter von Madrid und London, Sie zeigt, dass diese Leute nach aussen hin bestens integriert schienen.
Die Hisbollah ist sozial stark verankert, das gibt ihr Rückhalt, und macht das Problem erst zu dem was es eigentlich ist. Der Rückhalt in der Bevölkerung müsste minimiert werden, lese ich, aber was tun wenn er derart verankert ist? Da hilft "Gutpunkte" sammeln auch nichts.
Genau diese soziale Verankerung spricht sie auch an. Die Hisbollah engagiert sich sozial, hat aber auch politische Ziele, für den sie Terrorismus einsetzt. Es gilt diese politischen Ziele zu desavouieren bzw. die Unterstützung in der Bevölkerung für diese Ziele abzubauen.
Nationalsozialismus und Stalinismus haben nicht mit Selbstmordanschlägen operiert, obwohl sie quasireligiöse Erlösung versprachen.
Widersprechen nicht die von Dir erwähnten ritualisierten Selbstmordattentate (LTTE) der These, dass die Religion (im oben angeführten Sinne) keine Rolle spielt.
Nein. Mit "ritualisierten Selbstmordattentaten" meine ich das Prozedere der Aktionen an sich; es wird ausführlich beschrieben (bis zum letzten Essen mit dem LTTE-Führer). Die LTTE ist eine säkulare Organisation, die sich aus dem Hass gegen die "Besatzer" speist. Natürlich übernimmt hier der Nationalismus quasireligiöse Züge. Was er aber definitiv nicht schürt, ist eine Jenseitshoffnung oder –verheissung. Der Selbstmordattentäter weiss, dass er tot sein wird und der Ruhm seiner Tat strahlt nur auf die Familie. Richardson führt aus, dass die Organisation sich vor Bewerbern nicht retten kann und sehr grossen Zulauf hat. Die Organisation setzt das Instrument der Selbstmordattentate sehr rational ein. Daher kann man keine irrationalen, cholerischen Amokläufer gebrauchen. Die Personen, die sich dafür bereit erklären, sehen offensichtlich keine andere Möglichkeit, sich in der politischen Diskussion einzubringen, als diese einmalige Tat. (Ein gewisses Ohnmachtsgefühl ist ja auch dem westlichen Demokratieanhänger gelegentlich nicht fremd.)
Neben den Anschlägen der LTTE können auch sehr viele Selbstmordattentate im libanesischen Bürgerkrieg in den 80er Jahren als Aktionen säkularer Terrororganisationen eingestuft werden, sowie die Aktionen der PKK. Richardson wehrt sich nur gegen die Absolutierung, dass Religion unbedingt erforderlich sei. Sie ist – das ist sicherlich richtig – "hilfreich", aber offensichtlich nicht notwendig.
Ob Richardsons Analyse zu sehr auf politikwissenschaftliche Aspekte fokussiert ist, vermag ich nicht zu sagen. Hierfür müsste man wissen, wie Du das meinst. Ihre Analysen und Handlungsanweisungen sind natürlich ziemlich "anstrengend" und fordern von den politischen Eliten des Westens ein grosses Mass an Empathie und Einsatzwillen. Das ist deutlich etwas anderes, als die korrupten "Eliten" in einigen Ländern, die vom Terrorismus bedroht sind, mit Geld und anderen Zuwendungen ruhig zu stellen oder ihnen selber die Bekämpfung zu überlassen (bspw. in Ägypten sind diese Fehler gemacht worden).
Welche anderen Aspekte sollte man zur Terrorismusbeämpfung heranziehen?
Ich kenne es aus eigener Erfahrung, und nehme an, dass auch andere nicht dagegen gefeit sind: Kommt man aus einer bestimmten Fachrichtung, denkt man auf bestimmte Art und Weise, und arbeitet mit einer bestimmten Methodik. Man kann das kompensieren, aber die Scheuklappen wird niemand komplett los. Gerade bei Phänomenen wie dem Terrorismus, die viele Wurzeln haben, werden Fachleute - z.B. ein Islamexperte, ein Soziologe, ein Politikwissenschaftler - verschieden gewichtete Antworten geben. Daran dachte ich.
Zur Religion: Wir sind einig darin, dass institutionalisierte Religion keine notwendige Voraussetzung für Terror ist. Wenn ich aber z.B. die IRA mit LTTE (korrigiere mich bitte, falls ich falsch liege) vergleiche, dann sehe ich, dass erstere kaum, letztere aber sehr wohl Selbstmordattentate verübt haben. Ich folgere daraus, dass dem Terror der Selbstmord nicht notwendiger Weise innewohnt (ich glaube auch hierin sind wir einig). Nun frage ich mich warum das das eine Mal so ist, und dann wieder nicht. Eine mögliche Erklärung: "Energien", Kräfte (ich finde gerade kein besseres Wort), die sonst in dem was wir als Religion bezeichnen, gebunden sind, können, wenn sie "frei" werden, anderwertige Foci finden. Zum Beispiel: säkulare Ideologien, wie den Nationalismus. Erst dann sind Menschen zu Handlungen wie dem Selbstmordattentat bereit. Da braucht es keine Psychopathen, oder Irre, es reicht vollkommen, wenn Bindungen hergestellt werden, die nicht per se vorhanden sind, die aber möglich sind, und die man als "religiös" (aber im funktionalen, nicht institutionalisierten Sinne) bezeichnen kann. Eine "Ersatzreligion", die den Tod überhöht (das über das "bloße" Individuum hinausweist), aber nicht unbedingt Erlösung versprechen muss. Daher mein Rekurs auf den Nationalsozialismus und den Stalinismus. Der Kampf für den Führer bis zur letzten Patrone, die Hingabe von allem, "beweist" genau eine solche Bindung. Du hast selbstverständlich Recht, das gipfelte damals nicht in Selbstmordanschlägen (hätte im Land- und Luftkrieg auch nicht allzuviel Sinn), aber sehr wohl zu bedingungsloser Gefolgschaft.
[Man denke zum Beispiel an das NS-Lied "Vorwärts, vorwärts" in dem Zeilen wie "Deutschland, du wirst leuchtend stehn /Mögen wir auch untergehn." oder "Uns're Fahne flattert uns voran/Uns're Fahne ist die neue Zeit/Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit!/Ja die Fahne ist mehr als der Tod!" vorkommen. Untergang, Tod, Ewigkeit: da gibt es kein konkretes Versprechen, aber die emotionale Bindung ist gewiss hoch.]
Ich kann mir wie gesagt schwer vorstellen, dass man aus rationaler Überlegung zum Selbstmordattentäter wird. Ich glaube gerne, dass Selbstmordattentäter rational handeln, aber ihre Bindung, und damit ihre Überzeugung speisen sich aus einer anderen Quelle. Aber wie erklärt Richardson denn die Motive der Selbstmordattentäter? Den hohen Zulauf? Woher kommt der?
[...] Sie zeigt, dass diese Leute nach aussen hin bestens integriert schienen.
Glaubst Du, dass ein politisches Motiv, einen bestens integrierten Menschen, der zudem - wie das durchaus der Fall war - gebildet sein kann, dazu bringt zum (Selbstmord)attentäter zu werden? Die Armut fällt als Erklärung weg. Aber da muss es noch andere Faktoren geben, wie empfundene Ungerechtigkeit und Arroganz (Wirtschaft, Politik) Muslimen (muslimischen Staaten) gegenüber, vielleicht grundlegende Aspekte unserer modernen Gesellschaften, die nur ein unerfülltes, leeres Dasein ermöglichen, aber sicher auch Hass (nur woher?), das Gefühl Verlierer zu sein (oder das für andere zu empfinden), da bin ich mir sicher. Wenn man nur nach dem "trockenen", politischen Motiv sucht, geht man fehl, das "motiviert" einfach zu wenig.
Im Falle der Hisbollah geht es mir folgendermaßen: Einmal denke ich, dass die politischen Ziele egal sind, solange die soziale Verankerung vorhanden ist, dann wieder umgekehrt. Obwohl den meisten Menschen die soziale Sicherung viel wichtiger als die Politik ist (die bracht man nicht um zu überleben).
Welche anderen Aspekte sollte man zur Terrorismusbeämpfung heranziehen?
Darüber muss ich noch nachdenken.
Generell: Richardson hat mit Sicherheit ein gutes Buch geschrieben, in diesem Sinne ist meine Kritik nicht fundamental gemeint.
Selbstmordattentate
Vielleicht sollte man die Untersuchung des Phänomens "Selbstmordattentäter" ganz simpel als Kosten-Nutzen-Rechnung beginnen: Selbstmordattentate werden wahrscheinlich, wenn der potenzielle Attentäter den Wert seines (zukünftigen) Lebens als geringerwertig erachtet als den Wert des Nutzens / Schadens durch sein Attentat. Diese Betrachtungsweise lässt Raum für individuelle, religiöse und gesellschaftliche Ursachen. Auf jeden Fall darf man als Außenstehender nicht versuchen, moralische Bewertungsmaßstäbe zugrunde zu legen, weil der Selbstmordattentäter sich selbst ja als im Recht empfindet.
Was überwiegend zu gelten scheint: Selbstmordattentäter kommen aus Gruppen, d.h. Gruppenziele werden höher gewichtet als das eigene Leben. Das ist uns deshalb so unheimlich, weil bei uns das Individuum einen hohen Stellenwert hat und weil bei uns ein langes und im Vergleich zu anderen Gegenden bzw. Zeiten sorgenarmes Leben die Regel ist.
Die Islamisten verändern beide Seiten der Kosten-Nutzen-Rechnung: Auf der individuellen Seite wird das Selbstmordverbot des Islam durch das Versprechen eines besseren (und unendlich lange währenden) Lebens nach dem Tod überkompensiert. Auf der Gruppenseite wird behauptet, dass es der Gruppe durch das Attentat sehr viel besser als vorher gehen wird. Der Attentäter muss das a priori glauben, weil er keine Möglichkeit der Überprüfung hat. Zur Festigung dieses Glaubens wird innerhalb der Gruppe der Märtyrer-Kult zelebriert. Auch das wirkt wieder auf beide Seiten der Rechnung.
Selbstmordterrorismus ist zutiefst beunruhigend, weil er ein Mass an Fanatismus für eine Sache erkennen lässt, das uns ziemlich fremd ist...Keine Strafandrohung kann wohl eine Person beeinflussen, die bereit ist, sich selbst umzubringen. Und ein Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist und von Köppnick bereits angesprochen wurde: Mit der Bereitschaft, das eigene Leben zu geben, massen sich Terroristen eine moralische Überlegenheit an, die mit unserer Vorstellung von ihrer moralischen Verderbtheit nicht in Einklang zu bringen ist.
Richardson hütet sich, monokausale Ursachen für Selbstmordanschläge zu postulieren - also beispielsweise kulturelle Differenzen. Sie schränkt das sogar ein: Wenn Terroristen sich selbst töten, um andere umzubringen, ist das ein Verhalten, das vollkommen mit jenem von Soldaten durch alle Epochen hinweg übereinstimmt. Militärhistoriker haben uns schon vor geraumer Zeit dargelegt, dass es leidenschaftliche Loyalität gegenüber dem kleinen Haufen der Mitstreiter ist, die junge Männer aus den Schützenlöchern und über die Gräben treibt. Das mag überraschend erscheinen, denn wir denken bei Selbstmordattentaten an individuelle Handlungen, tatsächlich ist aber kein Fall bekannt, wo ein Terrorist einfach für sich beschloss, Märtyrer zu werden, sich Sprengstoff zu besorgen und einen Plan zu entwerfen. Vielmehr spielte bei jeder bekannten Märtyreroperation eine Gruppe eine wesentliche Rolle...Eine Märtyreroperation erfordert im Durchschnitt die Unterstützung durch rund zehn Mitstreiter. Überall auf der Welt reservieren Gesellschaften ihre höchsten Ehren für diejenigen, die für ihr Land ihr Leben gaben...
Als historische Beispiele zieht sie die Zeloten und Assassinen heran - und arbeitet auch die Unterschiede zu heute heraus.
Später heisst es: Die beliebte These, dass Selbstmordterroristen verzweifelt oder verrückt seien, wird durch sämtliche Forschungen zu diesem Thema widerlegt. Selbstmordattentäter handeln nicht allein; sie werden von einer Gruppe ausgewählt, ausgebildet, überwacht und unterstützt...Die Vorstellung, Armut treibe die Menschen zum Selbstmordterrorismus, wird ebenfalls von den Lebensläufen der Freiwlligen widerlegt - vom Ägypter Mohammed Atta mit seinem Diplom in Stadtplanung bis hin zum Briten Shehzad Tanweer, dem Sohn eines erfolgreichen mittelständischen Geschäftsmanns. Dennoch trifft es zu, dass beruflich erfolgreiche Menschen sich nicht freiwillig für Selbstmordmissionen melden, und viele von denen, die es tun, aus wirtschaftlich desolaten Gebieten wie dem Gazastreifen kommen.
Am Ende kommt sie als Motivation auf die drei Rs...
@Gregor
Das hatte ich auch gedacht und dabei Stauffenberg, den kommunistischen Widerstand im 3. Reich u.ä. im Hinterkopf, aber mir nicht getraut zu schreiben. Aber letztlich unterscheidet sich hier nur unsere Bewertung der Taten, die Dynamik der Gruppe, die Gruppenpsychologie ist ähnlich.
Ich musste auch an eine lange zurückliegende Anmerkung von Gruber denken, der damals sinngemäß gesagt hat: Da menschliches Leben endlich ist (und, meine Ergänzung, ersetzbar und reproduzierbar), wird es zu einer Ressource, die zu anderen Ressourcen ins Verhältnis gesetzt wird. Er hatte das damals im Zusammenhang des Verhaltens von Politikern zu Atomkraftwerken und deren Folgen geschrieben. Es passt aber überall, jegliches menschliches Handeln beeinflusst letztlich eigenes und fremdes menschliches Leben.
@Köppnick
Man beachte den Euphemismus "gefallen" für getötete Soldaten. Im englischen nennt man das "killed in action". Sie haben auf Grabsteinen ein anderes Zeichen. Sie sind nicht "einfache Tote", sondern durch ihren EInsatz erhält ihr Sterben einen "Sinn". Das hat zwar nicht die Dimension von Selbstmordattentaten, aber sie ist immer implizit mitzudenken.
Warum die LTTE Selbstmordattentae verübt, die IRA aber nicht hat auch mit der "Tradition" zu tun. Im antikolonialistischen Kampf in Indien (und wohl auch Ceylon) gab es auch vereinzelt Selbstmordaktionen. Einige Terrororganisationen sind vernetzt und "entdecken" neue Arten des Terrorismus sozusagen "neu".
Im medialen Reaktionswettlauf haben Selbstmordanschläge - insbesondere, wenn sie sich gegen "uns" richten - eine sehr grosse Wirkung, da sie uns nach wie vor verstören. Die Anführer der Organisationen wissen das; Richardson führt Belege hierzu an.