Schizophrenes Rollenspiel

Gestern hat wenigstens einer einmal dieses unsäglich dumme Geschwätz von der "Tarifautonomie" im Tarifstreit zwischen der Deutschen Bahn AG und der GDL angekratzt. In einem Interview mit Verkehrsminister Tiefensee konstatierte Claus Kleber im "heute journal", als Tiefensee seinen üblichen Sermon wieder abspulen wollte, dass in diesem Fall die Bundesregierung (als Vertreter für die Bundesrepublik Deutschland) ja selber Tarifpartei sei, also die gesetzlich geregelte Tarifautonomie, die den Staat bei Tarifverhandlungen zur Neutralität verpflichtet, gar nicht gelte.

Leider hakte Kleber nicht sachlich nach, als der Minister dann seine Nebelkerzen wieder zündete, sondern versuchte sich mit der Frage zu profilieren, warum er, Tiefensee, als Minister eigentlich noch nicht zurückgetreten sei. Und irgendwann fiel dann wieder das "T"-Wort und niemand scherte es mehr (vermutlich, weil die Zeit für das Gespräch abgelaufen war).

Offensichtlich reicht es, eine unrichtige Aussage nur lange genug zu wiederholen, damit sie nicht mehr von deutschen Journalisten befragt wird. Statt sich in präzisem Nachhaken zu üben, hüpft man zum anderen Punkt auf der Liste und klopft dann auch schon mal einen markigen Spruch.

Mich hätte beispielsweise interessiert, warum der Mehrheitsaktionär eines Unternehmens, dessen gewählte Repräsentanten gelobt haben, Schaden vom Volk abzuwenden, bei einem derartigen volkswirtschaftlichen Schaden nicht wenigstens moderierend eingreift, sondern sich in ein schizophrenes Rollenspiel flüchtet, nur um die Gallionsfigur (Mehdorn) nicht zu beschädigen.

Oder ist es einfach nur – Inkompetenz?

Leider habe ich in der Mediathek des ZDF das Interview nicht als Einzelfilm gefunden. Man muss wohl die gesamte Sendung anschauen.
Köppnick - 2007-11-16 13:55

Mich erinnert das Verhalten der Bahn an eine Szene im Contergan-Film. Dort hatte ganz am Schluss der Familienvorstand Wirtz sich auf eine Entschädigungssumme von 87 Millionen festgelegt, die sich aus einem Gutachten ergab. Der verhandelnde Rechtsanwalt wollte aber ohne Wissen von Herrn Wirtz die Summe auf 50 Millionen drücken. Als diese Mauschelei herauskam, nannte er den Grund: Der Prozess sei ein Präzedenzfall für die gesamte chemische Industrie. Genauso scheint es mir bei der Bahn zu sein. Arbeitnehmer sollen auf gar keinen Fall für sich das bestmögliche Ergebnis heraushandeln dürfen - so wie es die Manager, u.a. Herr Mehdorn ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen.

Leider sind politische Streiks in Deutschland verboten. Die GDL würde sich also ins eigene Knie schießen und ein juristisches Streikverbot riskieren, wenn sie als eine zusätzliche Streikforderung den Rücktritt von Herrn Mehdorn aufnehmen würden. Obwohl das absolut geboten wäre. Ohne das Rollen von Köpfen kommt man nicht mehr aus der verfahrenen Situation heraus. Die Regierung hält sich heraus, weil sie sich mit ihrer Privatisierungsidee total verrannt haben.

Was wir bei der Entlassung von Mehdorn noch erleben werden: Da er einen mehrjährigen Vertrag hat, wird er sein gesamtes Salär für den noch folgenden Zeitraum hinterher geworfen bekommen und sich selbstverständlich keine Minute dafür schämen.

blackconti - 2007-11-16 17:32

Ich komme schon seit Wochen aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus, eben, weil doch der Staat Mehrheitsaktionär bei der Bahn ist und somit, via Verkehrsminister, seiner Marionette Mehdorn die Verhandlungslinie mit der GDL vorgegeben haben wird, was man getrost voraussetzen darf. Da die Hinhaltetaktik des Aushungerns der GDL anscheinend nicht ohne immensen volkswirtschaftlichen Schaden funktioniert, ist ein sofortiges Einlenken der Regierung unbedingt geboten, völlig wurscht, ob Pappkamerad Mehdorn dann als solcher kenntlich wird.
Bei jedem Mist dieser Koalition: Die SPD marschiert immer vorne weg. Es ist zum Weinen.

Metepsilonema - 2007-11-16 18:11

Vielleicht könnte die hier vorgeschlagene Möglichkeit den Streit schlichten:

"In einem derart festgefahrenen Tarifkonflikt empfiehlt der Ökonom die sogenannte Pendelschlichtung, wie sie etwa in Großbritannien üblich ist. Dabei formulieren beide Tarifparteien ein letztes Angebot und übergeben es einem Schlichter. Der muss sich für einen der beiden Vorschläge entscheiden, der dann verbindlich wird. »Dadurch entsteht auf beiden Seiten der Druck, eine ausgewogene Lösung vorzuschlagen, die den Schlichter überzeugt«, sagt Schnabel, sonst wähle der den Vorschlag der Gegenseite. Der Vorteil: »Mit irgendwelchen Mondforderungen hat man dabei keine Chance.«"

Gregor Keuschnig - 2007-11-16 18:50

Antwortversuche

@Köppnick
Der Präzendenzfall ist längst schon geschaffen. Auf Anhieb fallen mir die Piloten ein, die vor einigen Jahren rd. 16% Steigerung ihrer eh schon üppigen Gehälter erreicht haben und im vergangenen Jahr die Klinikärzte.

Volkswirtschaftlich ist die Entwicklung der Atomisierung von Partikularinteressen bedenklich. Kleine Berufsgruppen, die - das stellt man dann fest - unverzichtbar und mittelfristig unersetzbar sind, können fast beliebig "am Markt" operieren. Mir hat Deine Formulierung irgendwo anders mal sehr gut gefallen, die sinngemäss meint, die Gewerkschaften hätten den Kapitalismus entdeckt.

@blackconti
Ein Nachgeben auf die GDL-Forderungen ist m. E. fatal. Sie erinnern sich sicherlich noch an den ÖTV-Streik 1974. Heinz Kluncker forderte (angeblich auf Druck der Basis) rd. 11% mehr Lohn für den öffentlichen Dienst. Nachdem der Müll die Städte verstopfte, gab der Bund als Arbeitgeber sehr schnell nach.

Gefragt ist Konfliktmanagement. Aber dies würde, nein: müsste bedeuten, dass sich der Bund als involviert begreift und eine Art Moderatorenrolle vergibt. Womit wir bei

@Metepsilonema
sind. Der Einsatz eines Schlichters in deutschen Tarifkonflikten kommt immer erst nachdem die Karre vollkommen verfahren ist. Vernunft ist da Mangelware. Ich bin der Meinung, dass man längst einen Schlichter hätte einsetzen müssen.

Zur Info: Im Spätsommer hatten sich beide Parteien mit je einem Mediator auf ein Modell geeinigt, wie man weiterverhandeln möchte. Nachdem die beiden Herren abgezogen waren und die Konfloktparteien wieder alleine verhandelten, begann der Streit über die Interpretation dieses Kompromissmodells. Dieser dauert de facto bis heute an. Das Problem scheint wohl zu sein, dass dieses neue Tarifmodell beiden Parteien zu viel Interpretationsmöglichkeiten lässt.

Man darf auch nicht unterschätzen, dass solche Arbeitskämpfe sehr schnell in persönliche Ressentiments abdriften.

Köppnick - 2007-11-16 19:17

Die GDL hat sich doch schon bewegt. In den letzten Interviews hat Schell sinngemäß gesagt, dass die Gewerkschaft mit 10+x zufrieden sein würde und dann nicht auf einem eigenen Vertrag besteht. Wer sich bis jetzt null bewegt hat, ist die Bahn.

Die Bahn spielt dividi et impera. Sie versucht die Gewerkschaften gegeneinander aufzuhetzen und nutzt den Frust der Bahnreisenden für ihre Propaganda. Die GDL agiert sehr ungeschickt. Ich hätte an ihrer Stelle ausschließlich den Güterverkehr bestreikt, und diesen sehr selektiv, um die großen Automobilkonzerne und die Häfen zu treffen. Hier ist die "just in time" Geschäftsstrategie am ausgeprägtesten. Aber der Gewerkschaft fehlen ganz offensichtlich ein paar ausgebuffte Logistiker, die punktgenau die neuralgischen Punkte der Bahn treffen.
Gregor Keuschnig - 2007-11-17 16:52

@Köppnick

Fest steht (unabhängig davon, ob sich die GDL "bewegt" hat) - und das wird von der Gewerkschaftsseite ja zugegeben: Die Bahn wird sukzessive bis zum Einlenken erpresst. Es folgt jetzt ein neues "Ultimatum", und wenn darauf kein adäquates Einlenken erfolgt, dann gibt es unbefristete Streiks. Sinngemäss heisst die Maxime: Ohne einen eigenen Tarifvertrag läuft nichts; basta. Und fest steht weiterhin, dass es bisher niemand fertiggebracht hat, beide Seite an einen Tisch zu zwingen, sondern die Kommunikation über Medieninterviews zu laufen scheint. (Vielleicht gibt es ja so etwas wie Geheimverhandlungen; Geißler hat das neulich nicht ganz ausgeschlossen).

Die Folgen werden sein, dass nach der Beendigung des Tarifkonfliktes weiterhin grosse Teile des bisher über die Bahn abgewickelten Güterverkehrs über die Strasse (oder allenfalls Binnenschiff) laufen werden. Den Unternehmen wird das zu unsicher. Der Schaden wird bei der Bahn hängenbleiben.

Interessant für mich in diesem Zusammenhang ist weder das Verhalten der GDL noch der Bahn (da gleichen sich die Bilder in fast jedem Tarifkonflikt) sondern eben das des Mehrheitseigentümers, des Bundes - vertreten durch die Bundesrepublik. Die tun so, als seien ihnen die Hände gebunden. Das kann eigentlich nur zwei Gründe haben: Sie wollen die Gallionsfigur Mehdorn nicht beschädigen (der Mann hat ja nicht aus eigenem Antrieb so gehandelt, sondern weil die Politik [insbesondere die Schröder-Regierung] das so wollte) - oder sie sind schlichtweg inkompetent.
Köppnick - 2007-11-18 17:06

Es gibt im vorliegenden Fall sehr viele Ungereimtheiten. Siehe zum Beispiel das Interview mit Sarrazin. Wenn die dort geäußerten Vermutungen stimmen, dann sind die Reaktionen der GDL verständlicher. Außerdem finde ich noch weitere Dinge sehr merkwürdig:
1. Wenn beide Tarifparteien das Schlichtungsergebnis unterschiedlich interpretiert haben, warum haben dann die Schlichter nicht klargestellt, wie sie es gemeint haben?
2. Der Bund hat sich als Eigentümer sehr wohl eingemischt, wenn ich die letzten Nachrichten interpretiere. Mehdorn hatte ganz offensichtlich gar nicht die Erlaubnis, ein neues Angebot zu unterbreiten.
3. Eine von beiden Seiten lügt: Entweder Tiefensee, der behauptet, man stünde mit beiden Seiten in intensivem Kontakt, oder die GDL-Spitze, die behauptet, seit 14 Tagen nichts von Tiefensee gehört zu haben.

Ich war am Wochenende in Leipzig. Dort ist man auf Tiefensee gar nicht gut zu sprechen. Er war jahrelang Oberbürgermeister und hat den Leipzigern das verkehrspolitisch unsinnige Projekt des City-Tunnels hinterlassen, das die Stadt jetzt tief in die roten Zahlen treibt.

Heute abend werde ich mir das erste Mal Anne Will ansehen. Vielleicht gibt es dort ein paar Antworten. Mit Schell, Suckale, Hansen und Biedenkopf sind ja alle Beteiligten (mit Ausnahme von Tiefensee) versammelt. Ein kluger Schachzug übrigens, Suckale und und nicht Mehdorn zu schicken. Diese Sendung kriegt bestimmt eine Riesenquote, zumal auch das Coming Out von Anne Will auf den heutigen Tag fällt.
Gregor Keuschnig - 2007-11-18 18:06

@Köppnick

Im "Presseclub" heute hiess es, Mehdorn habe das mehr oder weniger an Frau Suckale delegiert, weil er mit der GdL vermutlich nie zu einer Einigung kommen würde.

Der Aufsichtsrat hat Mehdorn den Rücken gestärkt (Vorsitzender ist übrigens der ehemaliger Wirtschaftsminister Müller). Ob der Bund sich eingemischt hat, ist die Frage. Jemand wie Mehdorn, der Gesetzesentwürfe der Politik, die ihm nicht passen, mit seinen Bemerkungen zurückschicht, lässt sich kaum derart reglementieren.

Vermutlich sind beide Seiten über einen oder mehrere Vermittler zugange.

Warum man nicht die Mediatoren befragt und zur Not nochmals konsultiert hat, ist mir auch vollkommen unklar. Aber das ist eben das desaströse Konfliktmanagement.

Schrecklich, das uns jetzt schon die privaten Liebesbeziehung von Journalisten zu interessieren haben. Das "coming out" hatte sich schon lange angedeutet; im September war im Zeit-Magazin ein Artikel über Anne Will erschienen, in dem vermerkt wurde, sie habe auf einem Ball mit Frau Meckel getanzt und seit längerer Zeit sei kann Mann mehr an ihrer Seite gesehen worden. Ich fand diese Bemerkung damals schon degoutant.
Köppnick - 2007-11-18 18:27

Im heutigen Medienzeitalter zählen halt nicht nur die fachliche Kompetenz einer Person, sondern die Kameras und die Presseleute rücken den Handelnden sehr nahe auf den Pelz. Das hat Vor- und auch Nachteile, aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen.

Solche Outings wie von Wowereit, Kerkeling oder jetzt von Anne Will machen sie mir sowohl als Persönlichkeiten als auch das Land sympathisch - als Beleg dafür, was jetzt so alles geht und toleriert wird, normal ist es noch lange nicht. Auf die vollkommene Normalität werden wir noch über hundert Jahre warten dürfen, z.B. in Form einer lesbischen Farbigen, die im Ausland geboren wurde, als Parteivorsitzende der CSU. Dann wird es auch kein Outing mehr geben, die Medien müssen sich etwas anderes suchen, was Quote bringt.
Gregor Keuschnig - 2007-11-18 19:46

@Köppnick

Das Problem ist, dass Outings irgendwann fast erzwungen werden. Anne Will hat das wohl bei "Bild" gemacht. Hätte sie sich "verweigert", dann droht eine Kampagne, d. h. irgendwelche Fotos, Mutmassungen, usw.

Darin zeigt sich auch der Zirkelschluss: Einerseits zählt ja nur die fachliche Qualifikation - andererseits aber nur solange, bis der Prominente "offen" wie ein Buch ist. Ich vermag nicht einzusehen, was mich (beispielsweise) die sexuelle Orientierung eines Moderators, Komikers oder Politikers angeht. Das trägt nichts zur Beurteilung der Qualifikation, Kompetenz oder Handlungsweise bei.

Man kann das natürlich als Fortschritt auslegen, was tatsächlich inzwischen gesellschaftlich akzeptiert ist (das mache ich eigentlich auch). Aber andererseits dokumentiert es auch ein ungesundes Vermischen zwischen dem Privaten und dem Beruflichen: Journalisten und Politiker werden auf dem Niveau von Yellow-Press-Figuren "verhandelt".

Schlimm ist, dass ich als "Konsument" diesen Informationen gar nicht mehr ausweichen kann - selbst, wenn ich es vielleicht möchte.
walhalladada - 2007-11-16 23:39

Auch ich bin ja - mittelbar durch den SEV - auf das Thema fixiert.
Mir kommt das ganze mittlerweile wie eine Leistungsschau vor, in der die Bahn potentiellen Käufern aus dem private equity bereich demonstriert, wie gut der Laden in Schuss ist - sogar ohne die überflüssig werdenden 'Führer'...!

steppenhund - 2007-11-18 17:28

Rubrik

Wenn ich hier den Artikel und die Kommentare lese, so würde ich den Gesamttext am liebsten bei mir unter der Rubrik "Den Deutschen ist nicht zu helfen" einordnen. Tiefensee und Mehdorn verkörpern den Politikertyp, den ich als zutiefst menschenverachtend betrachten muss. Es ist schade, wenn eine Regierung solche Personen dulden oder sogar fördern muss.
Es kann aber natürlich sein, dass mir die notwendige Kenntnis fehlt und meine Sicht von außen viel zu subjektiv gehalten ist.
-
Aber wenigstens kann ich hoffen, dass sich die GDL durchsetzt, auch wenn ich eigentlich "nichtrot" bin:)

Gregor Keuschnig - 2007-11-18 17:50

Naja, die Rubrik...

sollte ich ernsthaft erwägen.

Mehdorn ist kein Politiker, sondern jemand, den die Politik geholt hat, um ihre Vorstellungen (Privatisierung der Bahn) umzusetzen. Damit sie das nicht direkt machen muss (ein abgelegter Staatssekretär wäre ja auch möglich gewesen), hat man jemanden von aussen geholt. Mehdorn ist ein "Produkt" des Ex-Bundeskanzlers Schröder. Die jetzige Regierung war dämlich genug, seinen Vertrag zu verlängern. Die Rolle des Buhmanns lässt er sich fürstlich vergüten. Zudem scheint er stark solipsistische Züge zu haben.

Tiefensee galt als Hoffnungsträger der SPD. Er war Lepiziger Oberbürgermeister. Die Personalnot der Partei hat ihn sanft auf den Ministerposten gezwungen. Er gibt heute noch zu, dass er sich in spezielle Sachthemen einarbeiten muss. Im Prinzip ist er Parteisoldat. Solche Politiker sollte man eigentlich verachten, aber bei Tiefensee gelingt mir das nur teilweise, weil er m. E. seine Aufgabe vollkommen unterschätzt hat.

Für den GDL-Gewerkschaftsboss Schell (ein CDU-Mitglied) kann ich auch wenig Sympathien empfinden. Ja, er und seine Gewerkschaft wurden von der Bahn in der Vergangenheit ziemlich schlecht behandelt (und mit der anderen Gewerkschaft wurde gekungelt; die "Transnet" sitzt im Ausichtsrat der Bahn durch ihren Vorsitzenden Hansen). Aber die GDL hat mit anderen Betreibern (bspw. Werkslokführen und Lokführern von Privatbahnen) Tarifverträge geschlossen, die zwischen 2,5% und 5% Lohnerhöhungen gebracht hatten. Bei der Bahn will er's jetzt anders. Er geht übrigens im Januar in Pension.

Das Schäbige: Die beiden anderen Gewerkschaften, mit denen die Bahn sich bereits geeinigt hat, Transnet und GdBA, haben Klauseln in ihren Tarifabschlüsseln, dass, sollte mit der GDL ein höherer Abschluss getätigt werden, ihre Verträge auch noch mal nachverhandelt werden müssen. Die lassen sich also die Drecksarbeit von der GDL machen.

Ja, man könnte eine Rubrik "Deutschland ist nicht zu helfen" einrichten. Aber man müsste das dann auch für Frankreich einrichten. Mindestens.
lebowski (anonym) - 2007-11-20 04:23

Alles eine Sache des Prinzips

Mich amüsiert das vehemente Streikgehabe eines DGL-Vorsitzenden mit offensichtlich zu hohem Cholesterin-Wert inzwischen genauso wie das arrogante und reaktionäre Verhalten des Bahnchefs mit der Aura eines Gummibärchen - Al Capone`s, doch das eigentlich Lustige und zugleich Traurige an der ganzen Sache ist doch eigentlich, dass sich der Mehrheitseigner der Bahn, nämlich die Bundesregierung, in diesem Fall vertreten von Herrn Tiefensee, weitgehend bedeckt hält, um weder Herrn Mehdorn zu schaden, noch dem eigenen politischen Profil der Union, die normalerweise weiß Gott nicht hinter den Berg hält, wenn es darum geht, was sie für gerechte Sozialpolitik hält: Nämlich den Abbau sämtlicher Löhne, und wenn möglich sogar flächendeckend. Nur, dass sie sich damit selbst ins eigene Fleisch schneiden könnte, weil die breite Bevölkerung dann keine Kaufkraft mehr hätte, kommt ihr leider nicht in den Sinn. Das Motto der Union und für deren Lobbyisten lautet stets: Wir tun alles, damit es den Unternehmen gut geht, und wenn es dem oberen Drittel der Gesellschaft prächtig geht, dann stimmen wir auch gerne einem Euro Lohnerhöhung für die unteren Arbeiterklassen zu. Hört ihr denn nicht den Hohn und Spott aus diesen Worten? - Ich finde, das stinkt gewaltig nach einer Revolution, denn seit wann fordern wir von denen da oben ein Allmosen? – Wir fordern lediglich das, was uns sowieso zusteht, und dies ist meistens noch viel zu wenig. Im Grunde genommen geht es hier nicht einmal nur um den Bahnstreik, sondern es geht ums ganze Prinzip, nämlich den Schweinekapitalismus mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in die Knie zu zwingen, meine Damen und Herren! - Ich freue mich schon auf den nächsten Bundestagswahlkampf, denn wenn die SPD ihren Versprechungen vom letzten Parteitag tatsächlich nach kommen sollte und den Mindestlohn zum Wahlkampfthema proklamiert, haben wir eine echte Auseinandersetzung in der Bevölkerung, welche die deutliche Spaltung innerhalb derselben offenbaren wird.

Gregor Keuschnig - 2007-11-20 08:40

Zwei Fragen:

Wir fordern lediglich das, was uns sowieso zusteht
Wer legt das (= "was uns sowieso zusteht") denn fest? Und wo steht das?

nämlich den Schweinekapitalismus mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in die Knie zu zwingen
...zu Gunsten welcher Alternative?
Auf den Bundestagswahlkampf freu ich mich - ehrlich gesagt - nicht. Ausser heisser Luft, viel Verbalmüll und falschen Versprechungen wird da nicht rauskommen. Am Ende werden Koalitionen geschmiedet, die schon wieder den Keim der Entschuldigung in sich tragen, dass man sein Programm nicht voll umsetzen konnte.

An die echte Auseinandersetzung in der Bevölkerung glaube ich nicht. Im Prinzip ist dem Niedriglöhner egal, von wem bzw. wie er das Geld bekommt.
friedjoerg - 2007-11-22 08:36

Der Aktionär im Tarifstreit?

Es ist eigentlich nicht Sinn einer Aktiengesellschaft, dass ein Aktionär direkt in operative Entscheidungen eingreift. Die Interessen des Staates sind in diesem Falle auch sehr vielschichtig und widersprüchlich, es wäre auch aus diesem Grunde nicht hilfreich, wenn der Verkehrsminister die Sache an sich zieht. Dazu kommt, dass eine Entscheidung, die durch offensichtliches Eingreifen des Staates zustande käme, gesellschaftlich nicht genauso akzeptiert wäre wie ein Verhandlungsergebnis auf Basis eines ganz normalen Tarif-Verfahrens.

Gregor Keuschnig - 2007-11-22 09:02

Der Aktionär...

greift normalerweise natürlich auch nicht in operative Entscheidungen ein - dafür hat er ja den Vorstand. Zwei Einwände, die dies im vorliegenden Fall nicht zum verallgemeinernden Imperativ machen:

1. Die Bahn ist im klassischen Sinne eben (noch) keine Aktiengesesellschaft, d. h. die Aktien sind nicht frei erwerb- und handelbar.

2. Die Bahn ist kein "normales" Unternehmen, sondern verwaltet ein Monopol.

Im übrigen gibt es sehr wohl in Aktiengesellschaften Einsflüsse des jeweiligen Mehrheitsaktionärs. Ob einem das passt oder nicht. Und im vorliegenden Fall geht es nicht darum, ob der Bahnhof Lüdenscheid-Ost nun renoviert wird oder nicht, sondern um tägliche Verluste in Millionenhöhe. In einer ähnlichen Situation bei Porsche oder BMW würden sehr wohl die Mehrheitsbesitzer eingreifen - freilich vermutlich hinter den Kulissen.
kranich05 (anonym) - 2007-11-22 12:38

"Wir fordern lediglich das, was uns sowieso zusteht
Wer legt das (= "was uns sowieso zusteht") denn fest? Und wo steht das?"
Ich glaube, es gibt eine dreistufige Antwort:
1. die Macht der Streikenden und derer, die mit ihnen solidarisch sind.
(Wenn er gezwungen wird, ist der "Schweinekapitalismus" (leider) zu praktisch unendlichen Kompromissen fähig, wie wir noch aus der Zeit der Systemauseinandersetzung wissen.)
2. Die Macht derer, die im Ausnahmefall/-zustand diktieren; nach einem Diktum, das in jüngster Zeit wieder bekannter geworden ist, auch hier im Blog zitiert wurde.
3. Die Macht, die das Gewaltmonopol des kapitalistischen Staates gegenstandslos macht. (Wäre mir lieb, wenn ich nicht gefragt würde, wo sich diese letztgenannte Macht gerade 'rumtreibt.)

Gregor Keuschnig - 2007-11-22 17:52

Nur kurz:

Zu 1: Das ist das Prinzip des Marktes - Angebot und Nachfrage. Also wieder mein Lieblingszitat des Jahres (von Köppnick): Die Gewerkschaften (= die Streikenden) entdecken den Kapitalismus. Denn um Verbesserungen der Arbeitsbedingungen im "klassischen Sinn" geht es höchsten noch am Rande.

Zu 2: Nicht jeder Streik ist ein Ausnahmezustand (aufpassen, nicht den Alarmis der "Gegenseite" vereinnahmen zu wollen). Soll ein Streik jedoch nach bestimmten Regeln ablaufen oder soll er "frei" geführt werden (siehe Frankreich aktuell und UK in den 70er Jahren)?

Zu 3: Das wird es nicht geben. Jeder Staat impliziert eine Staatsgewalt. Alles andere hat sich einfach nicht bewährt. Die Staatsgewalt (sie muss nicht mit Nationalstaatsgewalt identisch sein) muss jedoch nach Kontrollmechanismen angelegt sein. Das ist in Deutschland gegeben. Zum Gewaltmonopol des Staates gibt es keine Alternative. Es ist übrigens losgelöst von der ökonomischen Grundordnung. Es darf aber nicht von ihr dominiert werden.

Übrigens: Der Staat - das sind wir alle!
Köppnick - 2007-11-23 07:58

Welches Zitat meinst du denn? Die Gewerkschaften (und gerade die GDL) sind uralt und als Reaktion auf den Kapitalismus entstanden, etwa zur selben Zeit wie die SPD übrigens. Dass die Auseinanderssetzungen jetzt an Schärfe zunehmen, verwundert nicht, denn mit steigenden sozialen Unterschieden in der Gesellschaft wachsen auch die damit verbundenen Spannungen.

Der Staat sind wir alle.
Das Grundgesetz erlaubt "ökonomische" und verbietet "politische" Streiks. Das ist aus Sicht des gerade existierenden Staates natürlich logisch (und bräuchte eigentlich nicht explizit kodifiziert zu werden). Denn natürlich würde ein Staat, der bei dieser Betrachtungsweise eben doch ein Eigenleben entwickelt, das sich in seinen Interessen von der Mehrheit der in ihm lebenden Bürger unterscheiden könnte, um seinen Erhalt kämpfen. Aber genauso wie mit einigen Artikeln im GG, die mit ihrer "Ewigkeitsgarantie" eine Illusion aufbauen, nämlich, sie würden tatsächlich ewig gelten, verhält es sich auch mit dem Staat.

Das heißt, wenn sich einige Bedingungen in der Gesellschaft ändern, zum Beispiel die Idee der Tarifpartnerschaft von einer Seite aufgegeben wird (durch steigende Gewinne und sinkende Realeinkommen), dann ändert sich mit kurzer zeitlicher Verzögerung auch der Charakter der Auseinandersetzungen. Das kann bis an die Wurzeln des Staates selber gehen. Dann möchten "wir alle" eben einen anderen Staat bilden.

Ob da der Vergleich mit Frankreich oder England sinnvoll ist, weiß ich nicht. Die Deutschen zeichnen sich durch eine besondere Gründlichkeit und Konsequenz auch im Dekonstruieren Bestehenden aus. Das haben sie im 20. Jahrhundert ja mehrfach bewiesen.
Gregor Keuschnig - 2007-11-23 10:42

@Köppnick

Naja, Du hast das (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) einmal irgendwo geschrieben (ich kann das jetzt nicht so schnell finden).

Wie alt oder jung die GDL ist, spielt ja für die aktuelle Auseinandersetzung keine Rolle. Sie kann erst seit dem Beginn der Privatisierung streiken, denn vorher waren ihre Mitglieder fast alle verbeamtet. Das sieht man daran, dass die GDL immer noch im "dbb" (früher: Deutscher Beamtenbund) assoziiert ist. Es ist schon ziemlich lustig,, dass erst die aberwitzige und vollkommen überzogene Privatisierungspolitik der letzten Bundesregierungen zu dem geführt hat, was man jetzt beklagt.

In Italien sind politische Streiks möglich; in Frankreich werden sie de facto durchgeführt. Thatcher hat in Grossbritannien die Gewerkschaften in den 70er Jahren durch eine Reihe von Gesetzen praktisch zahnlos gemacht, weil diese durch permanente Streiks politische Forderungen durchsetzen wollten. Das jetzt ausgerechnet die SPD durch Beck an der Tarifautonomie unter Berufung auf Grossbritannien kratzen will, ist allerdings bemerkenswert.

Natürlich sind Gesetze und Grundrechte Schwankungen unterworfen. Tatsächlich ist nichts für ewig. Und ständig sind auch Ausnahmefälle zu denken. Diese im Vorfeld zu verrechtlichen führt in die aktuelle Rechtsstaats-Diskussion.

Die Tendenz der Deutschen zur möglichst gründlichen Destruktion ist nur eine Seite. Auf der anderen Seite sind wir ebenfalls ziemlich gründlich. Nur zwei Beispiele: Kein Land in der EU zahlt soviel Gelder in den gemeinsamen Topf als Deutschland. Gerechtfertigt wird dies u. a. damit, dass Deutschland mehr herausbekomme als man einzahle (und wenn es über den Export von unternehmen in die anderen Mitgliedsstaaten ist). Das ist allerdings nur bedingt richtig, da die Einzahlungen in die EU keinerlei direkte Auswirkungen auf die Exportfähigkeit der Wirtschaft haben - es sei denn, es sind dirkekte oder indirekte Subventionen (da gibt es allerdings viele). Dennoch: Einen irgendwie gearteten, adäquate politischen Mehreinfluss bedingt durch diese Beitragsfestsetzung hat Deutschland nicht. Eher im Gegenteil. Und das ist ziemlich merkwürdig.

Und noch ein Beispiel: Ich glaube, rund 70% der gesamten Steuerrechtsliteratur auf der Welt ist in deutscher Sprache. In keinem Land der Welt gibt es derart komplizierte Steuer- und Abgabengesetze. Für jeden und jedem gibt es Ausnahmen und Sonderregelungen. Die Folge ist, dass die Gleichheit in der rechtlichen Anwendung von Gesetzen nicht nur nicht erreicht wird, (das kann man praktisch nie erreichen, obwohl man es als Ziel nicht aus den Augen verlieren darf), sondern eher abnimmt.

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