Peter (anonym) - 2007-11-10 20:50

Joseph Ratzinger - Jesus von Nazareth

Man sollte wissen, was man sich zutrauen kann. Eine Rezension gehört bei mir leider nicht dazu. Aber ein paar Worte kann ich trotzdem darüber verlieren.

Das Buch kommt als friedliche, detailverliebte Bibelexegese eines freundlichen älteren Herrn daher. Vielfältige Querverweise dokumentieren das Gesagte, weisen eine enorme Belesenheit auf, die den Laien manchmal ratlos zurücklässt. Manch einem mag aber beim Lesen zwischen den Zeilen der Wolf begegnen, der gelegentlich hinter dem gütige Lächeln des Papstes zu stecken scheint.

So stehen die Querverweise häufig in keinerlei historischem Zusammenhang, erscheinen willkürlich nur dem Ziel geschuldet. Schon ganz am Anfang stellt Ratzinger klar, dass er nur bereit ist über einen historischen Jesus zu reden, die Bibel wörtlich auszulegen. Argumentationen beginnen mit Neuere Wissenschaft hat festgestellt oder ganz unverblümt mit einem völlig haltlosen Freilich ist/hat .... Da wird ein Axiomensystem aus dem Hut gezaubert, auf dem das wohlgebaute, aber schwankende Gebäude fußen soll.

Exkursionen außerhalb seiner Dogmatik enden üblicherweise mit Totalschaden. Muslime oder Atheisten werden schnell mal lächerlich gemacht (z.B. rituelle Waschungen) oder direkt als Terroristen beschimpft. Versucht er sich in selten Fällen an echter Naturwissenschaft, man spürt wie angeekelt er ist, wird deutlich, dass dies für ihn Terra incognita ist. Der Antichrist persönlich wird aber in Rudolf Bultmann ausgemacht. Man meint förmlich zu sehen, wie sein Mund spitzer wird, wenn es um Versuche der Entmythologisierung der Bibel geht. Da hört der Spass auf, dort bleibt der Intellekt auf der Strecke. Mit kurzem, knappen dort irrt Bultmann wird er zur Strecke gebracht, wenn auch ohne Begründung.

Eine weitere wichtige Aussage des Buches ist die klare Trennung der drei monotheistischen Religionen. Der Judaismus wird als natürliche Basis des christlichen Glaubens dargestellt (was für einen Papst nicht gerade üblich ist), der Islam praktisch nicht erwähnt. Nach der Lektüre bin ich fest davon überzeugt, dass Ratzinger die Provokation seiner berüchtigten Regensburger Rede sehr gezielt gesetzt hat.

Insgesamt ein Buch, beim dem der durch moderne Wissenschaft mit dem Rücken zu Wand stehende Gläubige vor Kopfnicken müde wird, ein Anderer durch Kopfschütteln. Beachtenswert scheint mir noch der Umstand, dass Ratzinger dass Buch als ersten Band bezeichnet, in dem er für ihn wesentliche Teile vorab veröffentlichen wollte. Möglichweise hält Ratzinger seine Exegese für unverzichtbar. Wenn dies das schärfste Schwert des Katholizismus ist, dann helfe ihm Gott.

Eine Vielfalt an Stimmen aus dem theologischen Umfeld findet man übrigens hier.

Gregor Keuschnig - 2007-11-11 15:36

Interessant

Danke für die interessante Darstellung. Irgendwie macht das schon neugierig, obwohl ich glaube, dass man tatsächlich als Laie irgendwann mit den Details überfordert ist.

Als jahrelanger (jahrzehntelanger?) Vorsitzender der Glaubenskongregation ist er sicherlich sehr "selbstsicher", was seine Exegese angeht. Da konnte ihm fast nichts besseres passieren, als Papst zu werden.

Dass der Islam praktisch nicht erwähnt wird, ist merkwürdig. Schliesslich erkennt der Islam Jesus als Propheten an. Im Koran ist Jesus eine Lichtgestalt. Nur die Auferstehungsgeschichte wird nicht erzählt.
Metepsilonema - 2007-11-11 22:47

@Gregor

Vielleicht gerade weil Jesus nur als Prophet anerkannt wird, die Gottessohnschafft verwirft der Koran ja.

Ansonsten scheint das rezensierte Buch gut zu dem verlinkten Welt-Artikel zu passen.

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