Der Bösmensch
Eigentlich macht man das nicht: Über ein Buch schreiben, was man nicht gelesen hat. Aber manchmal reicht es auch, nur einen Teil gelesen zu haben, um festzustellen, dass das Leben viel zu kurz ist, sich weiter mit dem Gelesenen zu beschäftigen.
So ging es mir mit Kai Diekmanns Äusserungen aus seinem Buch "Der große Selbstbetrug", welches nun – in durchaus kurioser Form – vorgestellt wurde. Michael Naumann erbarmte sich, begab sich in die Höhle des Löwen (des Löwen?) und bürstete den gegelten Autor ein bisschen gegen den Strich. Das ist vermutlich ganz schön hanseatisch abgelaufen und vielleicht wird es Naumann gelingen, bis zu den Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft noch ein, zwei Mal in der "Bild"-Zeitung erwähnt zu werden. Das ist doch was.
Diekmann glaubt die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Eine Abrechnung mit den 68ern treibt ihn wohl um. Besser noch: Eine Abrechnung mit den "Gutmenschen". Das ist – so hat das neulich Stefan Niggemeier ganz treffend formuliert – aus der Sicht rechtsradikaler Spinner auch ein Synonym für "linker Nazi". Eine wesentlich andere Meinung scheint Diekmann nicht zu hegen, was nicht unbedingt für ihn spricht. Aber wer erwartet eigentlich von einem Chefredakteur der "Bild"-Zeitung Differenzierungsvermögen. Das ist eher eine Ausschlussbedingung. Ungefähr so, als könnte man Papst werden, wenn man geschieden ist.
Vermutlich sieht sich Diekmann in der Nachbereitung von Udo di Fabios restaurativ-intellektuellem Gesellschaftsentwurf "Die Kultur der Freiheit" und/oder Schirrmachers "Minimum". Beide entdecken die Strahlkraft vergangener "Gartenlaube"-Idyllen in Grossfamilien wieder, die es – das kann man empirisch belegen – so nie gegeben hat (ausser vielleicht bei einigen Bildungsbürgern und in Romanen). Insbesondere di Fabio sieht seit 1968 nicht nur eine Atomisierung von Werten, beispielsweise der viel geschmähten Sekundärtugenden, sondern auch eine Bevormundung des Staates in die Lebensentwürfe der Bürger, die diesen wiederum träge machen. Dies gilt es zu durchbrechen. Hierfür findet di Fabio den Begriff der "Freiheit". Die Regulierungskräfte des Staates sind für ihn Instrumente der Zementierung der Unselbständigkeit der Individuen, die sich dann lieber den Strukturen ergeben, statt Neues und Unbekanntes zu riskieren. "Freiheit" bedeutet für ihn, sich aus der selbstgewählten Unmündigkeit zu befreien – und dies wird dann notfalls dem Bürger verordnet. Das dies nicht auf Begeisterung stösst, ist klar: Einem Bergsteiger, der mitten auf der Tour der Rucksack abgenommen bekommt, wird zwar die Gewichtserleichtung spüren, aber wenn er auf seinen Rucksack nicht mehr zurückgreifen kann, beginnen die Probleme.
Bei allem Unverständnis, welches den Leser bei di Fabio überkommt und bei allem Kopfschütteln über Schirrmachers Angst, das Unausgesprochene zu benennen – beide verbindet eine nicht zu leugnende Intellektualität (freilich auf unterschiedliche Art). Von einfachen Schlagworten halten sich beide Autoren – klug genug! – fern. Ihnen gemein (und nicht nur ihnen) ist allerdings das tiefe Unbehagen der Kulturrevolution, die (undeutlich, weil verkürzend) mit dem Begriff der 68er definiert wird.
Kai Diekmann kann sich natürlich nicht mit den oben genannten Autoren messen. Seine Philippika gegen die "Gutmenschen", jene säkulare Form des pietistisch-abseitigen Frömmlers, ist grundsätzlicher Natur. Hier schreibt sich offensichtlich jemand seinen Frust von der Seele. Jahrzehnte aufgestaute Wut. So, als wolle sich jemand gegen die rächen, die ihm auf dem Schulhof immer auf das Pausenbrot gespuckt haben. Endlich hat Diekmann das Klima vorgefunden, in dem er sich sicher wähnt. Die Restauration beginnt spätestens seit dem Abgang von rot-grün. Diekmann hat dies mit den anderen Springer-Zeitungen und in seltsamer Allianz mit dem "Spiegel" herbeigeschrieben. Die Überraschung war, dass das Volk dann fast nicht so abgestimmt hätte, wie man es ihm eingehämmert hat. So was aber auch.
Wer will, kann im Online-Lexikon Wikipedia eine interessante Diskussion lesen – auf der "Gutmensch"-Seite. Der Begriff ist (siehe oben) umstritten. Einige bringen ihn mit dem nationalsozialistischen "Stürmer" in Verbindung; ein Studium hierüber wäre sicherlich notwendig, aber den "Stürmer" gibt's noch nicht online. Andere wiederum halten ihn für ein eher harmloses Attribut. Das ist er aber mit Sicherheit nicht.
Ist es nicht merkwürdig, dass heutzutage ein "guter Mensch" ein Depp ist? Dass jemand, der an "das Gute im Menschen glaubt" (lassen wir im Moment einmal weg, dass es sich um eine kindische Metapher handelt) als weltfremder Spinner gelten muss? Und das solche lackierten Wichtel wie Diekmann sich als Welterkenner und Weltenversteher ausweisen können, ohne dass ihnen schallendes Gelächter entgegen dröhnt? (Enorm lustig auch dieses Interview von Diekmann, in dem er sich als detailversessenen Journalisten outet; ein Brüller.)
Und dann wird ganz schnell der "Gutmensch" zur Plage, weil – Überraschung! - dessen Weltsicht auch die Berichterstattung inzwischen bestimme. Das ist wenigstens konsequent, denn sein Blatt ist zuverlässig von jeder toleranten und weltoffenen Berichterstattung meilenweit entfernt. Stattdessen masturbieren Geisteszwerge wie Herr Wagner da herum, aber – dem "Bildblog" sei Dank – inzwischen ist es niemandem guten Willens (!) mehr möglich, zu sagen, er hätte davon nichts gewusst.
Ach ja: Wie Diekmanns journalistische Imperative aussehen, kann man am Beispiel des WamS Kommentators Alan Posener sehen, der auf seinem Blog Diekmann stark kritisierte – und dessen Text ganz schnell gelöscht wurde.
Michael Naumann ist ein kluger Mensch. Er nannte Diekmanns Buch eine "Selbstenthüllung auf 254 Seiten". Er hat dieses Buch gelesen. Er hat bestimmt recht. Und man sollte die (notwendige) Diskussion um die 68er ganz sicher anderen Leuten überlassen als Diekmann et. al. Das haben die verdient.
PS: Was ist eigentlich das Gegenteil des "Gutmenschen"? Der "Bösmensch"? Der "Broder"?
Wer hilft?
So ging es mir mit Kai Diekmanns Äusserungen aus seinem Buch "Der große Selbstbetrug", welches nun – in durchaus kurioser Form – vorgestellt wurde. Michael Naumann erbarmte sich, begab sich in die Höhle des Löwen (des Löwen?) und bürstete den gegelten Autor ein bisschen gegen den Strich. Das ist vermutlich ganz schön hanseatisch abgelaufen und vielleicht wird es Naumann gelingen, bis zu den Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft noch ein, zwei Mal in der "Bild"-Zeitung erwähnt zu werden. Das ist doch was.
Diekmann glaubt die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Eine Abrechnung mit den 68ern treibt ihn wohl um. Besser noch: Eine Abrechnung mit den "Gutmenschen". Das ist – so hat das neulich Stefan Niggemeier ganz treffend formuliert – aus der Sicht rechtsradikaler Spinner auch ein Synonym für "linker Nazi". Eine wesentlich andere Meinung scheint Diekmann nicht zu hegen, was nicht unbedingt für ihn spricht. Aber wer erwartet eigentlich von einem Chefredakteur der "Bild"-Zeitung Differenzierungsvermögen. Das ist eher eine Ausschlussbedingung. Ungefähr so, als könnte man Papst werden, wenn man geschieden ist.
Vermutlich sieht sich Diekmann in der Nachbereitung von Udo di Fabios restaurativ-intellektuellem Gesellschaftsentwurf "Die Kultur der Freiheit" und/oder Schirrmachers "Minimum". Beide entdecken die Strahlkraft vergangener "Gartenlaube"-Idyllen in Grossfamilien wieder, die es – das kann man empirisch belegen – so nie gegeben hat (ausser vielleicht bei einigen Bildungsbürgern und in Romanen). Insbesondere di Fabio sieht seit 1968 nicht nur eine Atomisierung von Werten, beispielsweise der viel geschmähten Sekundärtugenden, sondern auch eine Bevormundung des Staates in die Lebensentwürfe der Bürger, die diesen wiederum träge machen. Dies gilt es zu durchbrechen. Hierfür findet di Fabio den Begriff der "Freiheit". Die Regulierungskräfte des Staates sind für ihn Instrumente der Zementierung der Unselbständigkeit der Individuen, die sich dann lieber den Strukturen ergeben, statt Neues und Unbekanntes zu riskieren. "Freiheit" bedeutet für ihn, sich aus der selbstgewählten Unmündigkeit zu befreien – und dies wird dann notfalls dem Bürger verordnet. Das dies nicht auf Begeisterung stösst, ist klar: Einem Bergsteiger, der mitten auf der Tour der Rucksack abgenommen bekommt, wird zwar die Gewichtserleichtung spüren, aber wenn er auf seinen Rucksack nicht mehr zurückgreifen kann, beginnen die Probleme.
Bei allem Unverständnis, welches den Leser bei di Fabio überkommt und bei allem Kopfschütteln über Schirrmachers Angst, das Unausgesprochene zu benennen – beide verbindet eine nicht zu leugnende Intellektualität (freilich auf unterschiedliche Art). Von einfachen Schlagworten halten sich beide Autoren – klug genug! – fern. Ihnen gemein (und nicht nur ihnen) ist allerdings das tiefe Unbehagen der Kulturrevolution, die (undeutlich, weil verkürzend) mit dem Begriff der 68er definiert wird.
Kai Diekmann kann sich natürlich nicht mit den oben genannten Autoren messen. Seine Philippika gegen die "Gutmenschen", jene säkulare Form des pietistisch-abseitigen Frömmlers, ist grundsätzlicher Natur. Hier schreibt sich offensichtlich jemand seinen Frust von der Seele. Jahrzehnte aufgestaute Wut. So, als wolle sich jemand gegen die rächen, die ihm auf dem Schulhof immer auf das Pausenbrot gespuckt haben. Endlich hat Diekmann das Klima vorgefunden, in dem er sich sicher wähnt. Die Restauration beginnt spätestens seit dem Abgang von rot-grün. Diekmann hat dies mit den anderen Springer-Zeitungen und in seltsamer Allianz mit dem "Spiegel" herbeigeschrieben. Die Überraschung war, dass das Volk dann fast nicht so abgestimmt hätte, wie man es ihm eingehämmert hat. So was aber auch.
Wer will, kann im Online-Lexikon Wikipedia eine interessante Diskussion lesen – auf der "Gutmensch"-Seite. Der Begriff ist (siehe oben) umstritten. Einige bringen ihn mit dem nationalsozialistischen "Stürmer" in Verbindung; ein Studium hierüber wäre sicherlich notwendig, aber den "Stürmer" gibt's noch nicht online. Andere wiederum halten ihn für ein eher harmloses Attribut. Das ist er aber mit Sicherheit nicht.
Ist es nicht merkwürdig, dass heutzutage ein "guter Mensch" ein Depp ist? Dass jemand, der an "das Gute im Menschen glaubt" (lassen wir im Moment einmal weg, dass es sich um eine kindische Metapher handelt) als weltfremder Spinner gelten muss? Und das solche lackierten Wichtel wie Diekmann sich als Welterkenner und Weltenversteher ausweisen können, ohne dass ihnen schallendes Gelächter entgegen dröhnt? (Enorm lustig auch dieses Interview von Diekmann, in dem er sich als detailversessenen Journalisten outet; ein Brüller.)
Und dann wird ganz schnell der "Gutmensch" zur Plage, weil – Überraschung! - dessen Weltsicht auch die Berichterstattung inzwischen bestimme. Das ist wenigstens konsequent, denn sein Blatt ist zuverlässig von jeder toleranten und weltoffenen Berichterstattung meilenweit entfernt. Stattdessen masturbieren Geisteszwerge wie Herr Wagner da herum, aber – dem "Bildblog" sei Dank – inzwischen ist es niemandem guten Willens (!) mehr möglich, zu sagen, er hätte davon nichts gewusst.
Ach ja: Wie Diekmanns journalistische Imperative aussehen, kann man am Beispiel des WamS Kommentators Alan Posener sehen, der auf seinem Blog Diekmann stark kritisierte – und dessen Text ganz schnell gelöscht wurde.
Michael Naumann ist ein kluger Mensch. Er nannte Diekmanns Buch eine "Selbstenthüllung auf 254 Seiten". Er hat dieses Buch gelesen. Er hat bestimmt recht. Und man sollte die (notwendige) Diskussion um die 68er ganz sicher anderen Leuten überlassen als Diekmann et. al. Das haben die verdient.
PS: Was ist eigentlich das Gegenteil des "Gutmenschen"? Der "Bösmensch"? Der "Broder"?
Wer hilft?
Gregor Keuschnig - 2007-10-23 20:12