Ja, Dawkins ist ein Getriebener seiner Überzeugungen. Wer The Blind Watchmaker gelesen hatte, bekam schon eine Ahnung wie hilflos sich der Mann als Gegenüber der Kreationisten fühlte, jede Souveränität opferte, um einen Stich zu machen. Der Mann ist sicher nicht dumm, die Motive sind vermutlich lauter. Aber irgendwann hat er den rechten Pfad verlassen. Erinnert dies an etwas?
Eine erste Vorschau auf "The God Delusion" konnte man schon im Januar 2006 in der Dokumentation "The Root Of All Evil" bekommen, die im britischen Privatfernsehen(!) lief. Die beiden Teile kann man hier und hier sehen (über Keepvid kann man sich auch eine qualitativ hochwertige Version downloaden). Die Bilder sind eindrücklich, Dawkins doziert fast pastoral und seine Intentionen werden sehr deutlich. Das ist alles nicht sehr wissentschaftlich. Aber, wie denn auch bei dem Thema? Alles andere als Agnostik ist seit Kant objektiv haltlos, der Rest nicht beweisbare Vermutung.
Deine Kritik ist sehr drastisch. Vermutlich auch zu Recht, weil Dawkins die Gepflogenheiten des Diskurses ignoriert.
Ein paar Anmerkungen:
Mit dem Buch hat Dawkins den Evangelikalen in den USA den Kampf angesagt, ist ganz konsequent mit vielen Lesungen in den USA präsent. Das ist zumindest mutig, wenn nicht selbstmörderisch. Das dort nicht Florett gefochten wird, sollte klar sein.
Die religöse Indoktrination von Kindern macht Dawkins in Interviews gerne an dem Film Jesus Camp fest (Einen Trailer gibt es hier). Einer der Protagonisten ist Ted Haggard; man erinnert sich? Die Widerwärtigkeit der Bilder ist tatsächlich unbeschreiblich.
Bei dem Thema Mutter Teresa könnte ich zum Dawkins werden. Man hat sicherlich Quellen, denen man eher traut als anderen. Ich glaube aber, die Behauptung, dass Mutter Teresascheinheilig-heuchlerisch sei, ist nicht ganz haltlos. Siehe z.B. hier.
Das Thema Kreationismus in Deutschland ist auch meiner Meinung nach weitgehend unterschätzt. Siehe, nach den Althaus'schen Kapriolen, die letzten Einlassungen der hessischen Kultusministerin Karin Wolf.
Dass es eigentlich um die Evangelikalen / Kreationisten geht, ist für mich eindeutig. Und natürlich ist das Thema ID in Deutschland ziemlich unbekannt (ein Link in meiner Besprechung ist immerhin von 2005 - man kann es also schon finden, wenn man will, insbesondere in Thüringen und Hessen - wie von Dir erwähnt).
Obwohl ich in dieser Hinsicht sein Ziel als durchaus ehrenwert ansehe, schiesst er jedoch bei weitem hinaus. Die Religion greift er an, weil sie Bestandteil des kreationistischen Weltbilds ist. Er will das Problem quasi an den Wurzeln bekämpfen. Damit ignoriert er jedoch, dass es sehr wohl Theologen gibt (und zwar wichtige), die die naturwissenschaftliche Sicht mit ihrer Bibelauslegung (die sicherlich auch und gerade im institutionalisierten Katholizismus ziemlich reformbedürftig ist) in Übereinstimmung bringen.
Was ihm vollkommen fehlt ist eine Souveränität, mit der er die evolutionäre Weltsicht (bei allen Fragen und Ungereimtheiten) einfach entwickelt und vertritt. Stattdessen wählt er den einfacheren Weg, in dem er alle, die religiös sind, als dumm und geisteskrank beschimpft. Wenn die anderen herumpöbeln, ist es ein Zeichen mangelnder Klasse, selber mitzumachen (wohlgemerkt: nicht vielleicht ein-, zweimal zu entgleisen).
Haggard erwähnt er im Buch. Er sagt aber nie dezidiert, die religiöse Indoktrination von Kindern wie Heggard das macht ist falsch. Er generalisiert sofort und geisselt jede religiöse Erziehung als Indoktrination (auch hier sagt er richtiges, was bspw. den Religionsunterricht angeht, aber das geht im Meer der Wut schlichtweg unter). Gerade hier könnte man - wenn man seiner Linie folgert - auch sagen, dass der radikale Atheismus und die Erziehung hierzu nichts anderes als eine "religiöse Indoktrination" ist - allerdings in die andere Richtung.
Danke für die Links.
PS: Mir ist gerade beim nochmaligen Lesen Deines Kommentars ein Attribut aufgefallen: Du schreibst über den Eindruck, wie "hilflos" sich Dawkins den Kreationisten gegenüber fühlt. Genau das ist es wohl. Ich frage mich aber, warum er sich hilflos fühlt?
Speist sich dieses Gefühl der Hilflosigkeit nicht auch aus einem Unverständnis fundamentalistischer Überzeugungen gegenüber, die keinerlei rationales Gegenargument zulassen?
Peter (anonym) - 2007-10-03 12:19
PS: Mir ist gerade beim nochmaligen Lesen Deines Kommentars ein Attribut aufgefallen: Du schreibst über den Eindruck, wie "hilflos" sich Dawkins den Kreationisten gegenüber fühlt. Genau das ist es wohl. Ich frage mich aber, warum er sich hilflos fühlt?
Speist sich dieses Gefühl der Hilflosigkeit nicht auch aus einem Unverständnis fundamentalistischer Überzeugungen gegenüber, die keinerlei rationales Gegenargument zulassen?
So wird es sein. Ich denke, es war eine Entwicklung und die wilden Rundumschläge wie du sie zitierst, sind ein Stil, den ich bisher nicht von ihm kannte.
Dawkins hat seit zwanzig Jahren argumentiert und ist nur in interessierten Kreisen bekannt geworden und jetzt haut er richtig auf
den Putz und hat fast einen medialen Hype ausgelöst. Ob das Absicht war, kann ich nicht beurteilen.
Eine andere Frage, die sich mir stellt, ist, ob Evolutionstheorie und christlicher Glaube tatsächlich vereinbar sind? Wollte man im Christentum
die Alleinstellung des Menschen aufgeben, wie es die ET verlangt, was bliebe dann übrig?
Ein letzter Punkt: Zweimal hattest du moniert, dass Dawkins deutsche Autoren nicht kennt. Auch wenn Rahner und Küng hierzulande eine gewisse
Bedeutung haben, im angloamerikanischen Raum sind diese Autoren schlicht egal. Mehrfach habe ich in der Vergangenheit Bücher gelesen, in denen
Thesen postuliert wurden, die hier schon vor zwanzig, dreißig Jahren publiziert wurden. Wir sollten uns daran gewöhnen.
Sorry, aber genau daran werde und will ich mich nicht genau nicht gewöhnen. Wenn Autoren Thesen aufstellen, sollen sie sich unfassend kundig machen und nicht die selektive Wahrnehmung, die sie anderen vorwerfen, selber praktizieren.
Ob ET und Christentum vereinbar sind, weiss ich nicht. Tatsache ist, dass die monotheistischen Religionsbücher in den letzten 200 Jahren durch die Naturwissenschaften arg zerrupft wurden. Wörtliche Auslegung ist m. E. nicht mehr haltbar, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben (das macht der Vatikan ja zur Genüge; aber auch die anderen Religionen). Ob eine Synthese der unterschiedlichen Systeme möglich ist, ohne essentielle Glaubenssätze aufgeben zu müssen, wäre doch eigentlich DIE Aufgabe für die Hüter der "Glaubenswahrheiten". Das ist das, was Herr Blume im ersten Kommentar hier als wichtigen Diskussionsanstoss sieht. In der Tat könnte da was losgestossen werden, aber ich fürchte, die Schrillheit und Aggression Dawkins' ist da genau kontraproduktiv.
Im übrigen bleibt - bei aller axiomatischen Plausibilität - auch die Evolutionstheorie eine Theorie.
"Mit dem Buch hat Dawkins den Evangelikalen in den USA den Kampf angesagt, ist ganz konsequent mit vielen Lesungen in den USA präsent. Das ist zumindest mutig, wenn nicht selbstmörderisch. Das dort nicht Florett gefochten wird, sollte klar sein."
Wie viel tote Atheisten oder generell: wie viel Tote haben die "Evangelikalen in den USA" auf dem Gewissen? Sind Evangelikale besonders gewalttätig? Reist Dawkins überhaupt in den Bible Belt, oder bleibt er doch lieber seinesgleichen, im Osten und im kalifornischen Westen?
Peter (anonym) - 2007-10-19 20:36
Wie viel tote Atheisten oder generell: wie viel Tote haben die "Evangelikalen in den USA" auf dem Gewissen? Sind Evangelikale besonders gewalttätig? Reist Dawkins überhaupt in den Bible Belt, oder bleibt er doch lieber seinesgleichen, im Osten und im kalifornischen Westen?
Ich hatte z.B. den Link auf "Jesus Camp" gebracht. Man schaue sich das Interview Dawkins' mit Haggard (die Höhle des Löwen) in "The root of all evil" an. Wem das nicht reicht, findet im Netz das Interview von Dawkins bei Fox. Da bleiben Millionen tote Hirne auf der Strecke. Guten Tag.
Alles, was wir je über die Evangelicals wissen wollen ...
... oder besser nie wissen wollten, hören wir von Dawkins, der so ganz neutral vorgeht? Oder sucht er sich doch die leichtesten Gegner aus, schnitzt sie sich so, daß er sie mit einem Schlag umhauen kann?
Allen, die nicht jedem Polemiker alles glauben - vor allem nicht, wenn er alle über den Kamm extremer Fälle schert, empfehle ich die Mitschrift einer Diskussion aus 2004, u.a. mit Christopher Hitchens und anderen angesehenen US-Journalisten und Wissenschaftlern. http://www.eppc.org/publications/pubID.2115/pub_detail.asp
Rahner und Küng sind bei katholischen und protestantischen Theologen in den USA ausreichend bekannt und übersetzt, und zwar seit Jahrzehnten, sodaß ein jeder, der sich drüben für christliche Theologie an ihre Bücher rankommt oder Rahner-Schüler und Küng-Anhänger findet, mit denen er diskutieren kann.
Ich glaube nicht, dass die Evangelikalen zu den "leichtesten" Gegnern gehören. Ihr Einflussbereich bis in die Schaltzentralen der Politik ist schon ziemlich gross.
Ohne die verlinkte Diskussion gelesen zu haben: Hitchens schlägt ja mit seinem Buch "Der Herr ist kein Hirte" in die gleiche Kerbe wie Dawkins. Ich habe das Buch aber erst angefangen.
Ja, Dawkins ist ein Getriebener seiner Überzeugungen. Wer The Blind Watchmaker gelesen hatte, bekam schon eine Ahnung wie hilflos sich der Mann als Gegenüber der Kreationisten fühlte, jede Souveränität opferte, um einen Stich zu machen. Der Mann ist sicher nicht dumm, die Motive sind vermutlich lauter. Aber irgendwann hat er den rechten Pfad verlassen. Erinnert dies an etwas?
Eine erste Vorschau auf "The God Delusion" konnte man schon im Januar 2006 in der Dokumentation "The Root Of All Evil" bekommen, die im britischen Privatfernsehen(!) lief. Die beiden Teile kann man hier und hier sehen (über Keepvid kann man sich auch eine qualitativ hochwertige Version downloaden). Die Bilder sind eindrücklich, Dawkins doziert fast pastoral und seine Intentionen werden sehr deutlich. Das ist alles nicht sehr wissentschaftlich. Aber, wie denn auch bei dem Thema? Alles andere als Agnostik ist seit Kant objektiv haltlos, der Rest nicht beweisbare Vermutung.
Deine Kritik ist sehr drastisch. Vermutlich auch zu Recht, weil Dawkins die Gepflogenheiten des Diskurses ignoriert.
Ein paar Anmerkungen:
Obwohl ich in dieser Hinsicht sein Ziel als durchaus ehrenwert ansehe, schiesst er jedoch bei weitem hinaus. Die Religion greift er an, weil sie Bestandteil des kreationistischen Weltbilds ist. Er will das Problem quasi an den Wurzeln bekämpfen. Damit ignoriert er jedoch, dass es sehr wohl Theologen gibt (und zwar wichtige), die die naturwissenschaftliche Sicht mit ihrer Bibelauslegung (die sicherlich auch und gerade im institutionalisierten Katholizismus ziemlich reformbedürftig ist) in Übereinstimmung bringen.
Was ihm vollkommen fehlt ist eine Souveränität, mit der er die evolutionäre Weltsicht (bei allen Fragen und Ungereimtheiten) einfach entwickelt und vertritt. Stattdessen wählt er den einfacheren Weg, in dem er alle, die religiös sind, als dumm und geisteskrank beschimpft. Wenn die anderen herumpöbeln, ist es ein Zeichen mangelnder Klasse, selber mitzumachen (wohlgemerkt: nicht vielleicht ein-, zweimal zu entgleisen).
Haggard erwähnt er im Buch. Er sagt aber nie dezidiert, die religiöse Indoktrination von Kindern wie Heggard das macht ist falsch. Er generalisiert sofort und geisselt jede religiöse Erziehung als Indoktrination (auch hier sagt er richtiges, was bspw. den Religionsunterricht angeht, aber das geht im Meer der Wut schlichtweg unter). Gerade hier könnte man - wenn man seiner Linie folgert - auch sagen, dass der radikale Atheismus und die Erziehung hierzu nichts anderes als eine "religiöse Indoktrination" ist - allerdings in die andere Richtung.
Danke für die Links.
PS: Mir ist gerade beim nochmaligen Lesen Deines Kommentars ein Attribut aufgefallen: Du schreibst über den Eindruck, wie "hilflos" sich Dawkins den Kreationisten gegenüber fühlt. Genau das ist es wohl. Ich frage mich aber, warum er sich hilflos fühlt?
Speist sich dieses Gefühl der Hilflosigkeit nicht auch aus einem Unverständnis fundamentalistischer Überzeugungen gegenüber, die keinerlei rationales Gegenargument zulassen?
PS: Mir ist gerade beim nochmaligen Lesen Deines Kommentars ein Attribut aufgefallen: Du schreibst über den Eindruck, wie "hilflos" sich Dawkins den Kreationisten gegenüber fühlt. Genau das ist es wohl. Ich frage mich aber, warum er sich hilflos fühlt?
Speist sich dieses Gefühl der Hilflosigkeit nicht auch aus einem Unverständnis fundamentalistischer Überzeugungen gegenüber, die keinerlei rationales Gegenargument zulassen?
So wird es sein. Ich denke, es war eine Entwicklung und die wilden Rundumschläge wie du sie zitierst, sind ein Stil, den ich bisher nicht von ihm kannte.
Dawkins hat seit zwanzig Jahren argumentiert und ist nur in interessierten Kreisen bekannt geworden und jetzt haut er richtig auf
den Putz und hat fast einen medialen Hype ausgelöst. Ob das Absicht war, kann ich nicht beurteilen.
Eine andere Frage, die sich mir stellt, ist, ob Evolutionstheorie und christlicher Glaube tatsächlich vereinbar sind? Wollte man im Christentum
die Alleinstellung des Menschen aufgeben, wie es die ET verlangt, was bliebe dann übrig?
Ein letzter Punkt: Zweimal hattest du moniert, dass Dawkins deutsche Autoren nicht kennt. Auch wenn Rahner und Küng hierzulande eine gewisse
Bedeutung haben, im angloamerikanischen Raum sind diese Autoren schlicht egal. Mehrfach habe ich in der Vergangenheit Bücher gelesen, in denen
Thesen postuliert wurden, die hier schon vor zwanzig, dreißig Jahren publiziert wurden. Wir sollten uns daran gewöhnen.
@Peter
Ob ET und Christentum vereinbar sind, weiss ich nicht. Tatsache ist, dass die monotheistischen Religionsbücher in den letzten 200 Jahren durch die Naturwissenschaften arg zerrupft wurden. Wörtliche Auslegung ist m. E. nicht mehr haltbar, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben (das macht der Vatikan ja zur Genüge; aber auch die anderen Religionen). Ob eine Synthese der unterschiedlichen Systeme möglich ist, ohne essentielle Glaubenssätze aufgeben zu müssen, wäre doch eigentlich DIE Aufgabe für die Hüter der "Glaubenswahrheiten". Das ist das, was Herr Blume im ersten Kommentar hier als wichtigen Diskussionsanstoss sieht. In der Tat könnte da was losgestossen werden, aber ich fürchte, die Schrillheit und Aggression Dawkins' ist da genau kontraproduktiv.
Im übrigen bleibt - bei aller axiomatischen Plausibilität - auch die Evolutionstheorie eine Theorie.
Wie ...
"Mit dem Buch hat Dawkins den Evangelikalen in den USA den Kampf angesagt, ist ganz konsequent mit vielen Lesungen in den USA präsent. Das ist zumindest mutig, wenn nicht selbstmörderisch. Das dort nicht Florett gefochten wird, sollte klar sein."
Wie viel tote Atheisten oder generell: wie viel Tote haben die "Evangelikalen in den USA" auf dem Gewissen? Sind Evangelikale besonders gewalttätig? Reist Dawkins überhaupt in den Bible Belt, oder bleibt er doch lieber seinesgleichen, im Osten und im kalifornischen Westen?
Ich hatte z.B. den Link auf "Jesus Camp" gebracht. Man schaue sich das Interview Dawkins' mit Haggard (die Höhle des Löwen) in "The root of all evil" an. Wem das nicht reicht, findet im Netz das Interview von Dawkins bei Fox. Da bleiben Millionen tote Hirne auf der Strecke. Guten Tag.
Alles, was wir je über die Evangelicals wissen wollen ...
Allen, die nicht jedem Polemiker alles glauben - vor allem nicht, wenn er alle über den Kamm extremer Fälle schert, empfehle ich die Mitschrift einer Diskussion aus 2004, u.a. mit Christopher Hitchens und anderen angesehenen US-Journalisten und Wissenschaftlern. http://www.eppc.org/publications/pubID.2115/pub_detail.asp
Rahner - Küng in den US
Keine Entschuldigung für Dawkins.
@scipio
Ohne die verlinkte Diskussion gelesen zu haben: Hitchens schlägt ja mit seinem Buch "Der Herr ist kein Hirte" in die gleiche Kerbe wie Dawkins. Ich habe das Buch aber erst angefangen.