Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Richard Dawkins  Der Gotteswahn"Der Gotteswahn" ist ein Missionierungsversuch, eine Kampfschrift wider alles und allem, was in irgendeiner Form mit Transzendenz in Verbindung gebracht werden kann. Der rationalistische Furor des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins ist eine Mischung zwischen krudem Weltverbesserungspathos, der Paranoia frommer Exorzisten, die überall nur noch Besessene sehen, die von ihrer Krankheit zu heilen sind und einem archaisch-jakobinischem Moralverständnis. Der monotheistischen Chauvinismus speziell des Christentums hat es ihm angetan (früh werden Konfuzianismus und Buddhismus ausgeklammert; sie werden flugs als ethische Systeme eingeordnet) und sein Bildersturm für einen radikalen Atheismus nimmt im Laufe des Buches wahrhaft kulturrevolutionärere Züge an (verflacht dann allerdings auf den letzten 50 Seiten).

Religion ist eine "psychiatrische Krankheit"

Es ist eigentlich ganz einfach. Zunächst einmal wird der Atheismus als tapferes, grossartiges Ziel ausgegeben. Dann verweigert Dawkins ausdrücklich und dezidiert den religiösen Gefühlen von Menschen seinen Respekt – vermutlich, um historische Ungerechtigkeiten ein für allemal auszugleichen (der bewusstseinserweiternde Feminismus der 68er ist da sein "Lehrmeister"). Eigentlich also ein Vorgehen, welches dem freimütig bekannten Zweck der Bekehrung zuwiderläuft, denn gemeinhin gewinnt man einen Menschen für eine Idee nicht dadurch, in dem man seine bisherigen Überzeugungen in den Dreck zieht. Nachdem dann Albert Einstein und – etwas später -Thomas Jefferson als Gesinnungsgenossen vereinnahmt wurden (bei Jefferson unterschlägt Dawkins allerdings dessen Bewunderung dem Neuen Testament gegenüber, welches in der sogenannten "Jefferson Bible" mündete) geht es dann los: Religion ist eine psychiatrische Krankheit, ein Virus, sie entsteht durch Fehlfunktionen einzelner Gehirnmodule; ihre Verfechter sind sehr viel dümmer als Atheisten (gläubige Katholiken haben – immer noch nach Dawkins – eine unterdurchschnittliche Intelligenz).

Die Theologie selber ist gar kein Forschungsgegenstand, da Gott eh nicht existiert (ein Schluss, der den Autor für den Rest des Buches entbindet, sich mit kritischen religionswissenschaftlichen Stimmen auseinanderzusetzen); eine "Seele", die den Körper überdauert, existiert ebenfalls nicht. Ein besonderes Anliegen ist ihm die religiöse Indoktrination von Kindern und er behauptet, der durch sexuellen Missbrauch erzeugte psychische Schaden, sei nachweislich geringer als der, den eine katholische Erziehung anrichte. Und ein Beispiel für das Unheil, welches Religionen heute noch anrichten, erkennt er im islamischen Dschihadismus, in dem er die Aktionen der Selbstmordattentäter als aus der Religion abgeleitete Imperative behauptet.

Umfrage per E-Mail

In Anbetracht dessen, dass Dawkins ein Wissenschaftler ist, sind seine Methoden – gelinde gesagt - reichlich merkwürdig. Als er beispielsweise beweisen will, dass Hochschulgelehrte in Grossbritannien im Verhältnis zur Bevölkerung überdurchschnittlich atheistisch eingestellt sind (also ein indirekter weiterer Nachweis für die These, dass religiöse Menschen unintelligent sind), zitiert er eine Studie, die wie folgt ablief: Befragt wurden 1074 Fellows der Royal Society, die eine E-Mail-Adresse besassen (die grosse Mehrheit), und von diesen antworteten ungefähr 23 Prozent (was für eine solche Untersuchung eine gute Quote ist). Das Resultat: Nur 3,3 Prozent der Fellows äusserten zu der Aussage, es gebe einen persönlichen Gott eine starke Zustimmung […], 78,8 Prozent dagegen lehnten sie völlig ab…. Scheinbar beeindruckend.

Aber das Ergebnis ist vollkommen wertlos und überhaupt nicht repräsentativ. Zunächst wurden offensichtlich nur die Fellows mit E-Mail-Adresse befragt – ein fragwürdiges Auswahlkriterium. Desweiteren bleibt Dawkins schuldig, wie hoch die "kleine Minderheit" ist, die keine E-Mail-Adresse hat. Und dann ist die Beteiligung von 23% viel zu niedrig, um einen Schluss auf die "Frömmigkeit" in der gesamten "Royal Society" zu ziehen. Unerwähnt bleibt auch noch, ob die Erhebung "neutral" durchgeführt wurde, oder ob die beiden Befrager (Cornwell und Stirrat) in Erscheinung getreten sind (also den Befragten die "Intention" der Anfrage durchaus hätte bekannt sein können). Und nicht erwähnt wird auch, ob die Antworten der Fellows anonymisiert wurden oder schlicht mit dem "Antwort"-Button erfolgten.

Induktive Schlüsse, Verallgemeinerungen, Behauptungen, Widersprüche

Dawkins arbeitet mit Vorliebe mit induktiven Schlüssen, die er dann als Beweise ausgibt. Beispielsweise belegt er die eigentlich schockierende Behauptung, die religiöse Erziehung von Kindern wäre dem sexuellen Missbrauch gleichzustellen, mit genau zwei Quellen: Zum ersten den Brief einer Frau, die einmal als Kind von einem Priester im Auto gestreichelt wurde und zum zweiten mit der Mail einer anderen Frau, die heute ihre religiöse Erziehung nachträglich als Martyrium empfindet.

Manchmal vollzieht er reichlich sprunghafte Assoziationen. Etwa, wenn er Thomas Jefferson als Atheist darstellen will, aus Christopher Hitchens' Jefferson-Biographie zitierend: Als seine Tage zur Neige gingen, schrieb Jefferson mehr als einmal an Freunde, er sehe seinem bevorstehenden Ende weder mit Hoffnung noch mit Furcht entgegen. Zweifellos eine interessante Aussage, die mit den gängigen Dogmen des Christentums nicht direkt in Verbindung zu bringen sind. Um so verblüffender dennoch der Schluss: Das war das Gleiche, als hätte er unmissverständlich erklärt, dass er kein Christ war. Übrigens kein Problem für den Jünger des ethischen Zeitgeistes schnell noch Immanuel Kant Atheismus zuzuschreiben, Huxleys doppeldeutige Äusserungen wissend als Atheismus zu interpretieren und Adolf Hitler zum (vielleicht) gläubigen Christen zu machen (mit einigen Goebbels-Zitate und ein bisschen "Mein Kampf"). Letzteres, damit nicht böse Menschen Stalin und Hitler zu Repräsentanten der Handlungen von Atheisten machen können (so hilflos "wehrt" sich Dawkins gegen eine lächerliche Schlussfolgerung – anstatt einfach den Fehlschluss offenzulegen).

Und dann widerspricht sich Dawkins gelegentlich in seinem Übereifer, etwa wenn er einerseits zugibt, viele benutzten Religion als Etikett, um ihre Zwecke durchzusetzen aber später dann den Dschihadismus direkt aus dem Koran ableitet. Oder er begeht ausdrücklich nicht den Weg, dem Christentum die ganzen Verbrechen der letzten zweitausend Jahre gebetsmühlenartig (!) vorzuwerfen (Kreuzzüge; Missionierungen; Eroberungen; Inquisition), weil es ja grausame und böse Menschen in jedem Jahrhundert gegeben habe – um dann irgendwann wieder auf die unheilvolle Christengeschichte im Namen der Bibel hinzuweisen.

Manchmal schreibt er schlichtweg Unsinn, etwa wenn er Altruismus im Tierreich laufend mit Symbiose verwechselt oder die amerikanischen Gründerväter beleglos als Säkularisten bezeichnet (andere Quellen sagen exakt das Gegenteil – wie wäre es, Mr. Dawkins, dies mal wissenschaftlich zu klären?) oder behauptet Dualisten interpretieren geistige Krankheiten bereitwillig als "Teufelsbesessenheit". Vom Islam hat Dawkins offensichtlich überhaupt keine Kenntnisse – einmal spricht er von der allgemein üblichen Interpretation des Islam [sic!]. Von einem Autor über Religion erwarte ich als Mindestkriterium, dass er weiss, dass es so etwas gar nicht gibt.

Nichtexistenzbeweise

Natürlich ist Religion auch als Stifter für ethische und moralische Fragen untauglich. Dawkins begründet dies für das Christentum hauptsächlich mit der Blutrünstigkeit des Gottes des Alten Testaments (das Opfer Abrahams wird ausführlich behandelt), die sich auch in einigen Teilen im Neuen Testament fortsetzt (gemeint ist hauptsächlich die Erbsünde; aber ein paar freundliche Worte zur Bergpredigt findet er dennoch). Mit spürbarer Lust an der Verspottung des Gegenstands greift Dawkins einige Erzählungen des Alten Testaments heraus, die exemplarisch für seine These stehen. Dabei rennt er – was ihm offensichtlich unbekannt ist – offene Türen en masse ein, aber die Dekonstruktion dieser tatsächlich furchtbaren Texte macht ihm einfach zuviel Spass, während der Leser ob der Redundanzen schon ein bisschen gelangweilt ist.

Eine Moral basierend auf diesen launisch-boshaften Tyrannen namens "Gott" ist für Dawkins schlichtweg unmöglich zu begründen. Soweit mag man ihm ja durchaus folgen. Hieraus zieht er jedoch den Schluss, dass die Kirche ihre Kompetenz in diesen Fragen für alle Zeiten und vollständig eingebüsst hat. Moraltheologen wie beispielsweise Hans Küng, die versuchen, eine allgemein gültige Weltethik aus den monotheistischen Religionen zu destillieren, kennt Dawkins natürlich nicht (seine Literaturliste enthält fast ausschliesslich englischsprachige Publikationen, die mehrheitlich seiner Linie folgen).

Warum er bei einem derart eindeutigen Resultat für die Gefährlichkeit und Nutzlosigkeit von Religion überhaupt noch den Beweis der Nichtexistenz Gottes vornimmt, bleibt sein Geheimnis. Dieser Abschnitt, welchen er als einer seiner Kernkapitel sieht, gehört zum schwächsten des Buches. Die These Gott existiert nicht, da es kein Lebewesen gibt, welches ausserhalb eines Evolutionsprozesses steht ist in seiner Substanzlosigkeit vielen sogenannten Gottesbeweisen ebenbürtig. Den Einwand, dass Gott als "Begründer" der Evolution gesehen werden würde, kontert Dawkins mit einem lustigen Einfall: Wenn es Gott gäbe, dann müsste es ein Wesen geben, welches diesen Gott erschaffen hat. Und dann eines, welchen den Vater Gottes erschuf, usw. In dem er diese Regression ins Unendliche treibt, versucht er zu beweisen, dass es deshalb keinen Gott geben kann. Diese These ist selbst für einen Ungläubigen einfach zu widerlegen, in dem er (mit Kant) Gott als ein "Ding an sich" (ein "möglicher Gedanke") "sieht", welches der Kausalität (die nur für die "Welt der Erscheinungen" gilt) entzogen ist.

Von den "Zellhaufen" und "Kaulquappen"

Beim Thema Abtreibung läuft Dawkins zu Hochform auf. Zunächst einmal stellt er fest, dass viele Personen, die für ein radikales Abtreibungsverbot plädieren gleichzeitig Befürworter der Todesstrafe für Kapitalverbrechen sind (er bezieht sich hier auf die USA und nennt natürlich als prominentestes Beispiel George W. Bush). Aber statt diesen interessanten Zusammenhang detailliert zu durchleuchten, dient das natürlich ausschliesslich als Munition gegen Religion.

Fatalerweise glaubt der Autor mit effekthascherischer Wortwahl noch mehr erreichen zu können. Zunächst wird Mutter Teresa als scheinheilig-heuchlerisch tituliert (weil sie eine andere Meinung als er vertritt) und dann werden menschliche Embryos (Kaulquappen) mit Kühen in einem Schlachthaus verglichen (letztere würden bei der Schlachtung mehr leiden als Embryos, wenn diese vor Entwicklung des Nervensystems abgetrieben würden). Und überhaupt sei das anthropozentrische Weltbild sowieso schädlich (er fordert keine Sonderrechte mehr für die menschliche Spezies) und das primitive Schwarz-Weiss-Bild funktioniert auch bei diesem Thema aufgrund der strikt selektiven Wahrnehmung wunderbar: Religiöse Ethiker diskutieren häufig über Fragen wie die, wann ein Embryo zu einer Person wird, also zu einem menschlichen Wesen. Säkulare Ethiker dagegen fragen eher: "Ganz gleich, ob es ein Mensch ist (was bedeutet das bei einem kleinen Zellhaufen überhaupt?) – von welchem Entwicklungsstadium an ist ein Embryo jeder beliebigen Tierart in der Lage, zu leiden?

Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn – wer seine Thesen nicht übernimmt, ist ein "Religiöser" (Agnostiker finden am Anfang des Buches nur zögernd einen gewissen Respekt; im Grunde betrachtet er sie als Weicheier). Und man stellt altbekanntes auch bei Dawkins fest: Eine Person bestimmt ex cathedra, wer der Abtrünnige, der Häretiker ist, und wer der Verkünder des neuen, ethischen Zeitgeistes.

Worum es wirklich geht

Atheisten haben keinen Glauben postuliert Dawkins – und ernennt flugs die natürliche Selektion, die unsichtbare Hand (Hand?) der Evolution zur unumstösslichen Tatsache. Für Dawkins ist das nicht bloss wissenschaftliches Axiom, sondern ein Faktum (vom Gödelschen Unvollständigkeitssatz hat er scheinbar noch nie etwas gehört). Evolution und religiöser Glauben sind für ihn nicht vereinbar. Damit begibt er sich in seltsamer Übereinstimmung mit den Kreationisten, die er so vehement bekämpft. Und dieser "Kampf" bildet der wahre Hintergrund für dieses Buch. Dawkins zitiert den Genetiker Jerry Coyne:

Für Wissenschaftler wie Dawkins und Wilson [E. O. Wilson, den berühmten Biologen der Harvard University] tobt der wahre Krieg zwischen Rationalismus und Aberglauben. Naturwissenschaft ist eine Form des Rationalismus, und Religion ist die am weitesten verbreitete Form des Aberglaubens. Der Kreationismus ist nur ein Symptom dessen, was sie als ihren grösseren Feind ansehen: die Religion. Zwar kann Religion ohne Kreationismus existieren, aber einen Kreationismus ohne Religion gibt es nicht. (Hervorhebung von mir)

"Der Gotteswahn" ist nur auf Basis dieses Zitats zu verstehen. Dawkins sind die kreationistischen Umtriebe in den USA, die auch immer mehr nach Europa überschwappen, zutiefst zuwider (in Deutschland wird das Phänomen, obwohl es erste Anzeichen gibt, noch weitgehend unterschätzt). Indem Kreationisten (die amerikanischen Taliban) durch ihr dogmatisches Behaupten der Wörtlichkeit der Bibel elementarste naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse ad absurdum führen und eine eigene, krude Moral aus ihrer Exegese schöpfen, greifen sie das Primat der Naturwissenschaften an. Vermutlich überziehen sie Dawkins' "Lebenswerk" mit ähnlich unflätigen Texten, so dass sich dieser zum Befreiungsschlag genötigt sieht (Christopher Hitchens ist ein anderer Protagonist dieser vehementen Religionskritik). Ein-, zweimal verbeisst sich Dawkins geradezu in Texten des (kreationistischen) "Wachtturms", und man fragt sich, warum ein Naturwissenschaftler sich in derartige Niederungen begibt. Statt sich in einzelne Formulierungen einer Wochen- oder Monatsschrift zu verlieren, hätte vielleicht eine etwas detaillierte Betrachtung der unterschiedlichen Bewegungen und ihrer inzwischen gesellschaftspolitischen Verstrickungen gut getan. Aber feines Argumentieren und Ausarbeiten ist Dawkins' Sache nicht; er ist ein Uhrmacher, der mit Axt und Vorschlaghammer reparieren möchte.

Chemotherapie gegen Kreationisten

Da die Religion gemäss obiger These die Basis für kreationistisches Gedankengut darstellt, ist es Dawkins weder möglich, eine Diversifizierung von Religion und Gottesglauben vorzunehmen, noch eine Religionsinterpretation in Betracht zu ziehen, welche die Evolutionstheorie inkorporiert und versucht, eine Synthese zwischen Naturwissenschaft und Glauben zu schaffen (Vorreiter dieses Strebens, wie den deutschen Religionsphilosophen Karl Rahner, hat er wohl nicht gelesen).

Dawkins kennt – und wiederum gibt es Ähnlichkeiten zwischen ihm und denjenigen, die er bekämpft – nur die Dichotomie "gut" oder "böse". Kreationisten sind böse und – und hierin liegt der zweite Grund für Dawkins' Erregung – nicht nur dogmatische Bibelinterpreten, die sektenartig das Land mit falschen Lehren überziehen. Sie streben insbesondere - zusammen mit den Evangelikalen – nach gesellschaftlichem und politischem Einfluss, ja: Macht. Dawkins ist ein Anhänger des westlichen Universalismus und warnt in diesem Zusammenhang vor einer Zerstörung des (demokratischen) Wertesystems unter anderem durch falsch verstandene Toleranz denjenigen gegenüber, die das Falsche verbreiten. Er nimmt da ausdrücklich den Islam nicht aus, wobei sein Islam-Bashing begrenzt ist und immer im Kontext mit dem eigentlichen Feindbild, dem Christentum, gesehen werden muss (das Judentum wird nur mit zwei, drei despektierlichen Bemerkungen "bedacht" [man ahnt, warum]; Scientology hält er einer einzigen Bemerkung für eine Religion, die intelligent gestaltet sei – eine Ausnahme, wie Dawkins schreibt, ohne diese Einlassung zu präzisieren).

Vor diesem Hintergrund spielt sich dieser Kulturkampf ab: Dawkins sieht die Vereinigten Staaten in dieser Hinsicht im fortgeschrittenen Stadium einer Krebskrankheit. Sein Buch ist somit eine Therapie, in der dann auch Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen sind (in dem man beispielsweise den gesamten gemässigten oder gar progressiven Klerus verprellt). Und um Europa (und sein Heimatland Grossbritannien) hiervor zu beschützen, verordnet er eine radikale, neoadjuvante Chemotherapie. Man sieht in der Ferne den moralischen Impetus und den guten Willen (den hatten die Jakobiner sicherlich auch am Anfang) – aber viel Wohlwollen zerstört Dawkins durch seinen abstossenden Rigorismus.

Es grüsst ein wütender Antichrist, der unfähig ist, beispielsweise eine Synthese zwischen den feinen Denkstrukturen des Existentialismus und der von ihm als Gegenbild postulierten Naturwissenschaft fortzuschreiben. (Weshalb ich den Existentialismus immer vorziehe.) Ein unbedingter Rechthaber, der keinen Tabubruch scheut, um Aufmerksamkeit zu erheischen; ein Zwangsprovokateur. Die Verwunderung über die Vorwürfe seiner schrillen Sprache im Nachwort klingt dabei wie Heuchelei. Von "nüchternem Nachdenken", welches er sich selber attestiert, ist er meilenweit entfernt.

Hundenasen und die Schönheit von Schrödingers Katze

Dawkins entwickelt keine neue Ideologie als Religionssurrogat. Einmal zitiert er irgendwelche neuen zehn Gebote (das 10. Gebot lautet: Stelle alles infrage) – und gibt wenig später zu, nur den ersten Googletreffer wiedergegeben zu haben; es hätte enorm viele, andere "Angebote" gegeben. Ihm reicht eigentlich die Schönheit der Naturwissenschaft als Ersatz für das religiöse Denken. Seine Bekehrung hin zu diesem Denken fallen eher ungelenk aus. Da wird die Schönheit des Modells von Schrödingers Katze und der "Viele-Welten-Theorie" postuliert oder das Geruchsvermögen von Hunden gepriesen. Oder man könnte mal "Per Anhalter durch die Galaxis" lesen. Und natürlich die Beschwörung der bewusstseinserweiternden natürlichen Selektion (wobei Dawkins vielleicht einigen Irrtümern in der Interpretation Darwins aufsitzt). Und obschon für Dawkins Religion und Religionsgefühle nur evolutionäre Nebenprodukte darstellen, die als religiöse Ideen überleben, weil sie sich mit anderen Memen vertragen (Meme sind Dawkins Erfindung – es sind, vereinfacht gesagt, kulturelle Verhaltensweisen, analog zum Gen, allerdings nicht stofflicher Natur) und in Memplexen, also einem imaginären Korb kultureller Tradierungen, Überreste darstellen (diese Hypothese überzeugt nicht richtig), scheint er zu ahnen, dass seine Gegenwelten wenig attraktiv sind, denn hier ermattet sein einst so vehementer Furor.

Die Attraktiviät religiöser Strukturen

Bei aller Kritik an seiner Sprache und der unreflektierten Hingabe naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchen gegenüber – zwei wesentliche Gründe für das scheinbar unvertilgbare Verlangen vieler Menschen nach Transzendentalem hat Dawkins schlichtweg vergessen: Zum einen sind Religionen Gemeinschaftsstifter, und zwar notfalls über alle physischen Grenzen hinweg (zweifellos mit der Gefahr, auch ausgrenzend zu wirken). Ein wichtiger Punkt, der sich im Christentum in der "Gemeinde" zeigt, oder im Islam in der "Umma", die über das religiöse hinaus auch soziale Funktionen übernimmt. In dieser Gemeinschaft wird – unter anderem, aber immer irgendwie präsent - die Ungeheuerlichkeit der Todestatsache aufgearbeitet: Die Gläubigen wollen sich nicht mit dem geborgten Dasein abfinden. Man mag das Lebens als zwecklos bezeichnen – und dies mag ja durchaus richtig sein (wer vermag es zu sagen?) -, aber diese Perspektive ist offensichtlich für viele Menschen nicht besonders verlockend.

Der andere Punkt, der in Dawkins Theoriegerüst keinen Eingang gefunden hat, und der die weltweite Zunahme nach religiösem Überbau teilweise erklärt, liegt in der zunehmenden Verunsicherung, welche die pluralistisch-kapitalistische Welt bietet. Viele sehnen sich einerseits nach Freiheit und Glück – aber erfahren schnell, dass die Glücksversprechen (materieller und ideeller Natur) schwierig zu erreichen sind. Parallel hierzu empfinden viele einen diffusen, von der Masse erzeugten Druck, diese Glücksversprechen erfüllen zu müssen. Sie sehen sich in einem Konformitätszwang, der aber - bei Einhaltung der Normen – letztlich trotzdem überhaupt kein Sicherheitsnetz bietet; im Gegenteil: man steigert u. U. die Abhängigkeit fremdbestimmter Entscheidungen, denn nichts ist mehr sicher.

In dieser, von vielen als vage Bedrohung empfundenen Situation, wächst nicht nur der Hang zu hierarchischen politischen Entscheidungen (die "einfache" Lösungen anbieten), sondern auch die Bereitschaft sich mit einem irgendwie gearteten transzendentalen Netz zu umgeben, an das beispielsweise grundlegende "Entscheidungen" oder sogar das Scheitern delegiert werden können. Das ist ein Grund, der für den immer noch steigenden Zulauf hin zur Esoterik oder Sekten (im westlichen Kulturraum) oder eine der "grossen" Religionen führt (insbesondere des Islam). Hier ist in de Regel eine einfache, gradlinige Struktur, die vor der Komplexität der Aussenwelt schützt oder mindestens Antworten gibt. Und hier greift wieder der obige Punkt: Statt lauter individualisierte Konformisten (nur scheinbar ein Widerspruch), die einem imaginären und unsicheren Glück hinterherjagen, bringt man sich ein in eine Gemeinschaft, die eindeutige Paradigmen postuliert und klare Ziele hat. Religion als Reaktion wider die zunehmend empfundene Komplexität der globalisierten und "unsicherer" gewordenen Welt (zu beobachten insbesondere am "Boom" nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in den osteuropäischen Staaten).

Man mag dies verurteilen oder die Menschen, die so reagieren, beschimpfen, in dem man sie für dumm erklärt. Aber gelöst hat man das Problem damit nicht.

Alle kursiv gedruckten Passagen sind Original-Zitate aus dem Buch "Der Gotteswahn"
blume-religionswissenschaft - 2007-10-01 14:14

Dawkins nicht wissenschaftlich

Ich komme gerade von einer internationalen Tagung zurück, in der Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen und auch Glaubenshaltungen auf Basis empirischer Daten und dem Stand der Evolutionsforschung die Evolution der Religiosität (die "Biology of Faith") diskutiert haben. Dawkins wurde und wird von kaum einem seriösen Wissenschaftler ernst genommen, da schon seine Grundannahmen unreflektiert sind und seine "Memetik" seit zwei Jahrzehnten keine klaren Definitionen, keine empirischen Studien, dafür aber eine Unmenge Widersprüche aufzuweisen hat.

Dennoch sehe ich den "Gotteswahn" nicht nur als polemisches Machwerk, sondern auch als eine Ermutigung für seriöse Forschung an. Dawkins stellt radikale Fragen und ermutigt so endlich auch unsere geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten, sich dem Dialog mit den Naturwissenschaften und besonders der Evolutionstheorie zu stellen. Nur weil selbst in gebildeten Kreisen nicht klar ist, was Evolution eigentlich bedeutet, kann Dawkins seine Weltanschauung als Wissenschaft vermarkten.

Danke für die Rezension, die ich von meinem Blog aus verlinken werde!

steppenhund - 2007-10-01 17:25

Aus der Rezension ,,,

entnehme ich, dass Dawkins sich zumindest nicht wissenschaftlich ausdrücken kann. Aber es könnte sein, dass er bewusst übertreibt, weil er sonst in der heutigen Zeit keine Denkrichtung beeinflussen kann.
Ich persönlich halte das meiste für einen Schmarr'n (Die Aussagen, nicht die Rezension) und tröste mich damit, dass ich den gestrigen IQ-Test mit bravour bestanden habe.
Jetzt sollen halt einmal ein paar Atheisten kommen und beweisen, dass sie klüger sind.
Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all!

Gregor Keuschnig - 2007-10-01 18:22

Naja,

Dawkins ist schon ein ganz besonderes Kaliber, wie man auch hier sehen kann (das liegt aber schon ein bisschen zurück). Das kommt mir dann fast schon paranoid vor.
Peter (Gast) - 2007-10-02 22:52

Ja, Dawkins ist ein Getriebener seiner Überzeugungen. Wer The Blind Watchmaker gelesen hatte, bekam schon eine Ahnung wie hilflos sich der Mann als Gegenüber der Kreationisten fühlte, jede Souveränität opferte, um einen Stich zu machen. Der Mann ist sicher nicht dumm, die Motive sind vermutlich lauter. Aber irgendwann hat er den rechten Pfad verlassen. Erinnert dies an etwas?

Eine erste Vorschau auf "The God Delusion" konnte man schon im Januar 2006 in der Dokumentation "The Root Of All Evil" bekommen, die im britischen Privatfernsehen(!) lief. Die beiden Teile kann man hier und hier sehen (über Keepvid kann man sich auch eine qualitativ hochwertige Version downloaden). Die Bilder sind eindrücklich, Dawkins doziert fast pastoral und seine Intentionen werden sehr deutlich. Das ist alles nicht sehr wissentschaftlich. Aber, wie denn auch bei dem Thema? Alles andere als Agnostik ist seit Kant objektiv haltlos, der Rest nicht beweisbare Vermutung.

Deine Kritik ist sehr drastisch. Vermutlich auch zu Recht, weil Dawkins die Gepflogenheiten des Diskurses ignoriert.

Ein paar Anmerkungen:

  • Mit dem Buch hat Dawkins den Evangelikalen in den USA den Kampf angesagt, ist ganz konsequent mit vielen Lesungen in den USA präsent. Das ist zumindest mutig, wenn nicht selbstmörderisch. Das dort nicht Florett gefochten wird, sollte klar sein.

  • Die religöse Indoktrination von Kindern macht Dawkins in Interviews gerne an dem Film Jesus Camp fest (Einen Trailer gibt es hier). Einer der Protagonisten ist Ted Haggard; man erinnert sich? Die Widerwärtigkeit der Bilder ist tatsächlich unbeschreiblich.

  • Bei dem Thema Mutter Teresa könnte ich zum Dawkins werden. Man hat sicherlich Quellen, denen man eher traut als anderen. Ich glaube aber, die Behauptung, dass Mutter Teresa scheinheilig-heuchlerisch sei, ist nicht ganz haltlos. Siehe z.B. hier.

  • Das Thema Kreationismus in Deutschland ist auch meiner Meinung nach weitgehend unterschätzt. Siehe, nach den Althaus'schen Kapriolen, die letzten Einlassungen der hessischen Kultusministerin Karin Wolf.


Gregor Keuschnig - 2007-10-03 09:59

Dass es eigentlich um die Evangelikalen / Kreationisten geht, ist für mich eindeutig. Und natürlich ist das Thema ID in Deutschland ziemlich unbekannt (ein Link in meiner Besprechung ist immerhin von 2005 - man kann es also schon finden, wenn man will, insbesondere in Thüringen und Hessen - wie von Dir erwähnt).

Obwohl ich in dieser Hinsicht sein Ziel als durchaus ehrenwert ansehe, schiesst er jedoch bei weitem hinaus. Die Religion greift er an, weil sie Bestandteil des kreationistischen Weltbilds ist. Er will das Problem quasi an den Wurzeln bekämpfen. Damit ignoriert er jedoch, dass es sehr wohl Theologen gibt (und zwar wichtige), die die naturwissenschaftliche Sicht mit ihrer Bibelauslegung (die sicherlich auch und gerade im institutionalisierten Katholizismus ziemlich reformbedürftig ist) in Übereinstimmung bringen.

Was ihm vollkommen fehlt ist eine Souveränität, mit der er die evolutionäre Weltsicht (bei allen Fragen und Ungereimtheiten) einfach entwickelt und vertritt. Stattdessen wählt er den einfacheren Weg, in dem er alle, die religiös sind, als dumm und geisteskrank beschimpft. Wenn die anderen herumpöbeln, ist es ein Zeichen mangelnder Klasse, selber mitzumachen (wohlgemerkt: nicht vielleicht ein-, zweimal zu entgleisen).

Haggard erwähnt er im Buch. Er sagt aber nie dezidiert, die religiöse Indoktrination von Kindern wie Heggard das macht ist falsch. Er generalisiert sofort und geisselt jede religiöse Erziehung als Indoktrination (auch hier sagt er richtiges, was bspw. den Religionsunterricht angeht, aber das geht im Meer der Wut schlichtweg unter). Gerade hier könnte man - wenn man seiner Linie folgert - auch sagen, dass der radikale Atheismus und die Erziehung hierzu nichts anderes als eine "religiöse Indoktrination" ist - allerdings in die andere Richtung.

Danke für die Links.
PS: Mir ist gerade beim nochmaligen Lesen Deines Kommentars ein Attribut aufgefallen: Du schreibst über den Eindruck, wie "hilflos" sich Dawkins den Kreationisten gegenüber fühlt. Genau das ist es wohl. Ich frage mich aber, warum er sich hilflos fühlt?

Speist sich dieses Gefühl der Hilflosigkeit nicht auch aus einem Unverständnis fundamentalistischer Überzeugungen gegenüber, die keinerlei rationales Gegenargument zulassen?
Peter (Gast) - 2007-10-03 12:19


PS: Mir ist gerade beim nochmaligen Lesen Deines Kommentars ein Attribut aufgefallen: Du schreibst über den Eindruck, wie "hilflos" sich Dawkins den Kreationisten gegenüber fühlt. Genau das ist es wohl. Ich frage mich aber, warum er sich hilflos fühlt?

Speist sich dieses Gefühl der Hilflosigkeit nicht auch aus einem Unverständnis fundamentalistischer Überzeugungen gegenüber, die keinerlei rationales Gegenargument zulassen?


So wird es sein. Ich denke, es war eine Entwicklung und die wilden Rundumschläge wie du sie zitierst, sind ein Stil, den ich bisher nicht von ihm kannte.
Dawkins hat seit zwanzig Jahren argumentiert und ist nur in interessierten Kreisen bekannt geworden und jetzt haut er richtig auf
den Putz und hat fast einen medialen Hype ausgelöst. Ob das Absicht war, kann ich nicht beurteilen.

Eine andere Frage, die sich mir stellt, ist, ob Evolutionstheorie und christlicher Glaube tatsächlich vereinbar sind? Wollte man im Christentum
die Alleinstellung des Menschen aufgeben, wie es die ET verlangt, was bliebe dann übrig?

Ein letzter Punkt: Zweimal hattest du moniert, dass Dawkins deutsche Autoren nicht kennt. Auch wenn Rahner und Küng hierzulande eine gewisse
Bedeutung haben, im angloamerikanischen Raum sind diese Autoren schlicht egal. Mehrfach habe ich in der Vergangenheit Bücher gelesen, in denen
Thesen postuliert wurden, die hier schon vor zwanzig, dreißig Jahren publiziert wurden. Wir sollten uns daran gewöhnen.
Gregor Keuschnig - 2007-10-03 16:59

@Peter

Sorry, aber genau daran werde und will ich mich nicht genau nicht gewöhnen. Wenn Autoren Thesen aufstellen, sollen sie sich unfassend kundig machen und nicht die selektive Wahrnehmung, die sie anderen vorwerfen, selber praktizieren.

Ob ET und Christentum vereinbar sind, weiss ich nicht. Tatsache ist, dass die monotheistischen Religionsbücher in den letzten 200 Jahren durch die Naturwissenschaften arg zerrupft wurden. Wörtliche Auslegung ist m. E. nicht mehr haltbar, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben (das macht der Vatikan ja zur Genüge; aber auch die anderen Religionen). Ob eine Synthese der unterschiedlichen Systeme möglich ist, ohne essentielle Glaubenssätze aufgeben zu müssen, wäre doch eigentlich DIE Aufgabe für die Hüter der "Glaubenswahrheiten". Das ist das, was Herr Blume im ersten Kommentar hier als wichtigen Diskussionsanstoss sieht. In der Tat könnte da was losgestossen werden, aber ich fürchte, die Schrillheit und Aggression Dawkins' ist da genau kontraproduktiv.

Im übrigen bleibt - bei aller axiomatischen Plausibilität - auch die Evolutionstheorie eine Theorie.
scipio (Gast) - 2007-10-19 20:09

Wie ...

... begründest Du diesen Satz:

"Mit dem Buch hat Dawkins den Evangelikalen in den USA den Kampf angesagt, ist ganz konsequent mit vielen Lesungen in den USA präsent. Das ist zumindest mutig, wenn nicht selbstmörderisch. Das dort nicht Florett gefochten wird, sollte klar sein."

Wie viel tote Atheisten oder generell: wie viel Tote haben die "Evangelikalen in den USA" auf dem Gewissen? Sind Evangelikale besonders gewalttätig? Reist Dawkins überhaupt in den Bible Belt, oder bleibt er doch lieber seinesgleichen, im Osten und im kalifornischen Westen?
Peter (Gast) - 2007-10-19 20:36

Wie viel tote Atheisten oder generell: wie viel Tote haben die "Evangelikalen in den USA" auf dem Gewissen? Sind Evangelikale besonders gewalttätig? Reist Dawkins überhaupt in den Bible Belt, oder bleibt er doch lieber seinesgleichen, im Osten und im kalifornischen Westen?

Ich hatte z.B. den Link auf "Jesus Camp" gebracht. Man schaue sich das Interview Dawkins' mit Haggard (die Höhle des Löwen) in "The root of all evil" an. Wem das nicht reicht, findet im Netz das Interview von Dawkins bei Fox. Da bleiben Millionen tote Hirne auf der Strecke. Guten Tag.
scipio (Gast) - 2007-10-19 22:55

Alles, was wir je über die Evangelicals wissen wollen ...

... oder besser nie wissen wollten, hören wir von Dawkins, der so ganz neutral vorgeht? Oder sucht er sich doch die leichtesten Gegner aus, schnitzt sie sich so, daß er sie mit einem Schlag umhauen kann?

Allen, die nicht jedem Polemiker alles glauben - vor allem nicht, wenn er alle über den Kamm extremer Fälle schert, empfehle ich die Mitschrift einer Diskussion aus 2004, u.a. mit Christopher Hitchens und anderen angesehenen US-Journalisten und Wissenschaftlern. http://www.eppc.org/publications/pubID.2115/pub_detail.asp
scipio (Gast) - 2007-10-19 22:58

Rahner - Küng in den US

Rahner und Küng sind bei katholischen und protestantischen Theologen in den USA ausreichend bekannt und übersetzt, und zwar seit Jahrzehnten, sodaß ein jeder, der sich drüben für christliche Theologie an ihre Bücher rankommt oder Rahner-Schüler und Küng-Anhänger findet, mit denen er diskutieren kann.

Keine Entschuldigung für Dawkins.
Gregor Keuschnig - 2007-10-20 13:20

@scipio

Ich glaube nicht, dass die Evangelikalen zu den "leichtesten" Gegnern gehören. Ihr Einflussbereich bis in die Schaltzentralen der Politik ist schon ziemlich gross.

Ohne die verlinkte Diskussion gelesen zu haben: Hitchens schlägt ja mit seinem Buch "Der Herr ist kein Hirte" in die gleiche Kerbe wie Dawkins. Ich habe das Buch aber erst angefangen.
walhalladada - 2007-10-03 00:21

Dawkins ist ein 'Eiferer'. Das zeigt zunächst mal die prekäre Nähe zum Objekt.
Wenn das Objekt die Religion' ist, dann ist Dawkins ein angemessen flacher Nietzsche.
Daran hat auch die Forschung nichts ändern können. Die Argumente stammen aus dem gleichen Nähkästchen...

Gregor Keuschnig - 2007-10-03 10:37

Ich habe lange überlegt, die Formulierung des Antichristen hineinzubringen. Seien Sie gewiss: Mit Nietzsche hat Dawkins nichts gemein. Und schon gar nicht das schriftstellerisch-aphoristische.

Nietzsche hätte Dawkins' Atheismus sicherlich auch mit grosser Skepsis betrachtet.
walhalladada - 2007-10-03 14:02

Um Gottes Willen!

Köppnick - 2007-10-09 20:52

Dawkins Denkfehler

Unabhängig von vielen Schwächen im Detail scheint Dawkins einen prinzipiellen Denkfehler zu machen, siehe dazu die Skizze.

Atheismus umfasst lediglich die Annahme, für das, was wir Wirklichkeit nennen, existiere keine Ursache oder, wenn es eine determinierte (notwendige) gäbe, dann wenigstens eine unbewusste, d.h. apersonale. Und Glauben wiederum will Dawkins auf die Annahme eines personalisierten Gottes reduzieren, der den Menschen wohlwollend gegenüber steht, entweder immer oder an die Einhaltung gewisser Verhaltensvorschriften gebunden.

Man kann aber auch annehmen, dass es einen entweder gleichgültigen, heute toten oder zumindest gegenwärtig abwesenden „Schöpfer“ der Wirklichkeit gibt. Das ist auch Glauben, aber außerhalb aller heutigen Religionen, ihrer Mythen und Riten stehend. Und die Wissenschaft wäre schön dumm, wenn sie die Suche nach einer solchen bewussten Ursache nicht führen würde. Sicherlich gibt es noch sehr viel mehr Möglichkeiten, zu differenzieren oder zu variieren, aber allein das reicht ja schon, um Dawkins Entweder-Oder-Argumentation als fehlerhaft zu entlarven. Es gilt eben nicht der Satz vom ausgeschlossenen Dritten, wenn es mehr als zwei einander einfach ausschließende Möglichkeiten gibt.

Gregor Keuschnig - 2007-10-15 08:56

Ich glaube, Dawkins' Denken in bezug auf Religion ist nicht derart komplex, wie Du es hier ausbreitest. In Wirklichkeit beschäftigt er sich überhaupt nicht mit "Religionskritik". Das würde ja eine gewisse Auseinandersetzung implizieren - das ist aber nicht seine Sache (und würde sich sicherlich auch nicht so gut verkaufen).

Auf den "abwesenden Schöpfer" geht er zwar kurz ein, aber mit dem Diktum, dass es kein Wesen ausserhalb der Evolution geben kann, suggeriert er, dass es auch niemals eines gegeben haben könnte. Dawkins ist in seinen einfachen Gedankengebäuden den Religionsapologeten nicht unähnlich.
Metepsilonema (Gast) - 2007-10-16 00:14

Theismus - Atheismus

Sollten wir die Begriffe nicht enger fassen bzw. anders definieren?

Unter Atheismus verstünde ich lediglich den Glauben an die Nichtexistenz einer personalisierten, allmächtigen Ursache, eines anthropomorphen Gottes, der fähig ist in den Lauf des Universums (der Welt) einzugreifen - alle anderen Ursachen kann man unter dem Begriff Deismus zusammenfassen z.B. einen Schöpfergott der sich aus seiner Schöpfung zurückgezogen hat, einen "Vernuftgott", eventuell den aristotelischen unbewegten Beweger etc.

Der Theismus wäre dann natürlich der Glaube an eben diesen vermenschlichten, allmächtigen Gott.
Gregor Keuschnig - 2007-10-16 08:01

@Metepsilonema

Der Deismus der Aufklärung findet vor Dawkins wenn nicht Gnade, so Milde. Was natürlich meine These bestätigt, dass es sein Anti-Theismus mit Religion nur dahingehend zu tun hat, weil diese die Basis für das stellt, was er zu bekämpfen trachtet.

Ein bisschen OT: Es gibt immer nur die Möglichkeit, auf einen Kommentar zu "antworten". Ich konnte also jetzt nicht auf Deinen Kommentar antworten, sondern nur auf Köppnicks.

Wenn Du Dich bei twoday anmeldest, verschwindet das "anonym" hinter Deinem Pseudonym. Du kannst leichter kommentieren und auch Deine Kommentare editieren (und auch - was man aber sehr sparsam machen sollte - wieder löschen). Anmelden bedeutet nicht, dass Du auch einen Weblog betreiben musst.
Metepsilonema (Gast) - 2007-10-13 12:45

Eine "neue" Ideologie?

Der Atheismus, wie auch der Theismus benötigen notwendiger Weise den Glauben. Nur der Agnostiker ist sich bewusst, dass er die Existenz Gottes nicht erkennen kann. Er ist der einzige der mit möglichst wenigen zusätzlichen Annahmen auskommen will bzw. muss. Er ist es, der den meisten Mut benötigt, und sicher alles andere als ein "Weichei".

Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten: wir stiften einen Sinnzusammenhang, und brauchen dazu Prämissen die wir nicht beweisen oder widerlegen können, und daher glauben müssen, oder wir akzeptieren die Sinnlosigkeit dieser Welt, ihre Kälte und Bedeutungslosigkeit (die allermeisten von uns befreien sich davon wohl unbewusst). Letzteres ist nicht unbedigt einfach zu (er)tragen, das hat immer wieder den Sieg der Religionen, und anderer ideologischer Systeme und Ideen ausgemacht. Auch aus dem Evolutionismus (Naturalismus) kann (ungewollt?) ebenso ein solches System entstehen (siehe: http://www.zeit.de/2007/42/Biologismus).

Ich frage mich - in Unkenntis des Dawkinsschen Werkes - ob er sich dessen bewusst ist, er vielleicht ein System schafft (mit erschafft), das er am Ende selbst bekämpfen müsste?

Gregor Keuschnig - 2007-10-13 15:12

Über den Biologismus gab es bei diesem Beitrag einige interessante Kommentare.

Wenn ich schreibe, dass er keine neue Ideologie entwickelt, so meine ich, dass er nichts Neues postuliert - ausser einen Rekurs auf die "gängigen" Naturwissenschaften (= Evolutionslehre). Indirekt hast Du natürlich Recht: Die von ihm stark unterstützte "Brights"-Bewegung ist ja so etwas wie eine "atheistische Religionsgemeinschaft". Es gibt da ein Forum, in dem in frappierender Weise die Nicht-Religion verabsolutiert wird - und durchaus totalitäre Züge entwickelt (ähnlich bspw. wie heute im fundamentalistischen Christentum und Islam).

Da er die Evolutionslehre als absolute Wahrheit setzt, schafft er auch kein System in dem Sinne, was zu bekämpfen ist. Um sich vom Vorwurf des Fundamentalismus abzugrenzen schreibt er einmal, dass, wenn man ihm beweise, dass die Evolutionslehre falsch sei, er auch sofort von ihr "abschwören" würde (mein Wort; ich habe das Buch im Moment nicht zur Hand, zitiere daher aus dem Kopf und von Notizen).

Das mit den Weicheiern des Agnostizismus geht dahingehend, dass er natürlich seinem dichotomischen Weltbild geschuldet irgendwann nur schwarz oder weiss gelten lässt; alles andere ist dann für ihn ein Hinwegstehlen. Einen kleinen Kompromiss macht er, wo er Kants Gottesidee "durchgehen" lässt diesen Agnostizismus offenbar "akzeptiert". Da hat Immanuel aber noch mal Glück gehabt!

Willkommen hier! Hoffe auf mehr Reaktionen von Dir.
Metepsilonema (Gast) - 2007-10-13 19:20

Danke.

Die Qualität Deiner Beiträge lädt dazu ein öfter mal vorbeizuschauen, die Reaktionen werden dann - so es die Zeit zulässt - hoffentlich folgen.

Kann ich auf Deinen Kommentar nicht direkt antworten, oder habe ich das System nicht durchschaut?
Peter (Gast) - 2007-10-17 16:46

Mir kam es direkt merkwürdig vor und habe nochmal nachgesehen. Dein Eindruck, dass Dawkins Agnostiker als Weicheier ansieht, trügt, da er sich selbst ausdrücklich als Agnostiker bezeichnet. Er sagt wörtlich, dass er kein Atheist sei.

Gregor Keuschnig - 2007-10-17 17:24

Ich habe das Buch

im Moment nicht zur Hand aber der Begriff "Weichei" fällt in Verbindung mit Agnostizismus durchaus. Er unterscheidet zwei verschiedene Arten von Agnostikern - VPA "vorübergehend pragmatisch" und PPA "prinzipiell permanent". Da bei einem Agnostiker immer die Möglichkeit der Existenz eines Gottes besteht, lehnt das ziemlich eindeutig ab. - Spätestens nach dem Kapitel, wo er beweisen will, dass Gott "vermutlich" nicht existiert.

Wie gesagt, ich habe das Buch im Moment nicht zur Hand, wüsste aber gerne, wo er sich dort dezidiert als Agnostiker outet (ohne die Ebene des wissenschaftlichen Agonistizismus zu verlassen) oder sich sogar als Nicht-Atheist bezeichnet.

Übrigens: Die Wikipedia-Artikel zum Thema sind nicht besonders aussagefähig. In einem Artikel wird Dawkins tatsächlich als Agnostiker geführt - im Dawkins-Artikel selber als "bekennender Atheist". Auch wenn die Dawkins-Seite skeptischen Stimmen gegenüber nicht aufgeschlossen ist und alles wieder löscht, was das Denkmal ankratzen könnte - ich glaube (sic!), hier haben sie recht.
Peter (Gast) - 2007-10-17 20:32

Ich bitte die Quelle zu entschuldigen. In einem Wartezimmer stolperte ich heute über das Stern-Interview mit Dawkins, wo er dies explizit so sagt. Im Netz findet man noch einige Interviews, wo er diese Haltung dediziert einnimmt. Leider dominiert die aktuelle Hype die ersten Google-Seiten, so dass die älteren Treffer untergehen.

Ich stimme ja zu, dass Dawkins mit dem aktuellen Buch den Rubikon überschritten hat. Vielleicht ist es dem Verlag geschuldet, vielleicht seine eigene Entscheidung, um schlicht Wind zu machen. Allgemein halte ich Dawkins aber nicht für unseriös.
Peter (Gast) - 2007-10-17 20:41

Nachtrag

Das Stern-Interview ist übrigens auch hier zu lesen. Der entsprechende Absatz lautet:

Ich bin Agnostiker. Üblicherweise sind Agnostiker Leute, die eine 50 : 50-Wette über die Existenz Gottes eingehen: Kann sein, dass es ihn gibt, kann auch sein, dass es ihn nicht gibt. Das finde ich zu wenig. Auf der anderen Seite stehen die Atheisten. Atheismus in purer Form heißt: Gott gibt es mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht. Auch diese Position teile ich nicht. Ein Wissenschaftler sollte sich nie hundertprozentig sicher sein. Aber es geht um mehr als 50 : 50. Vermutlich glauben Sie ebenso wenig wie ich an die Existenz von Feen oder von unsichtbaren Wesen in rosa Uniformen. In diesem Sinne sind wir fast alle Agnostiker. Genau darum geht es auch bei der Existenz Gottes.

Dem kann ich inhaltlich vollständig zustimmen.
Gregor Keuschnig - 2007-10-17 21:08

Die Seriosität von Dawkins

will ich nicht diskutieren; die soll jeder aus diesem Buch herauslesen. Seine Methoden sind - naja, nicht besonders wissenschaftlich.

Danke für die Quelle. Wenn sich Dawkins als Agnostiker bezeichnet, ist das ein Witz. Etwa so, als würde sich Kim Yong-Il als Demokrat bezeichnen (womit ich Dawkins nicht mit Kim vergleichen will). Ich verstehe das nur so, dass er sich ein bisschen anbiedern will.

Dawkins beginnt den Gotteswahn mit dem "Geständnis", er wolle mit diesem Buch zum Atheismus bekehren. Dies sei ein grosses, realistisches Ziel. Er bekennt sich zum Stolz auf den Atheismus. Ob er sich d e z i d i e r t als Atheist bezeichnet, kann ich im Moment nicht rekonstruieren.

Irgendwo berichtet Dawkins von einer Skala von 1 bis 7 - wobei 1 die absolute Frömmigkeit darstellt und 7 die 100%ige Gottesleugnung. Dawkins stuft sich dort - wenn ich es richtig in erinnerung habe - bei 6,5 ein. Um eine Umfrage hierzu auszuwerten, wirft er 6er und 7er in den gleichen Topf (was logisch ist) und nennt sie Atheisten.
Metepsilonema - 2007-10-17 22:54

Rhetorik?

Mir scheint Dawkins "Agnostizismus" rhetorischer Natur zu sein:
"Ein Wissenschaftler sollte sich nie hundertprozentig sicher sein."

So nach dem Motto, wenn es schon zum guten Ton gehört...
Peter (Gast) - 2007-10-17 23:51

Hast du eigentlich "Das egoistische Gen" oder "Der blinde Uhrmacher" gelesen? Wenn nicht, wäre dies eine Möglichkeit Dawkins' Leumund wieder herzustellen. Bei dem zweiten Buch merkt man allerdings schon, dass der Mann von dem Fundamentalismus mancher Opponenten gezeichnet war.

Und, die 6,5 wird von ihm dezidiert (Ja,Danke!) begründet, in dem er sich ausdrücklich auf die Russel'sche Teapot-Analogie ( heute wohl eher als Spaghettimonster bekannt ) bezieht.

Zählt man die bereits postulierten Götter, die die Menscheit so hervorgebracht hat, bleibt dann als Wahrscheinlichkeit pro Gott nicht viel. Sicherlich wird es einem Evangelikalen in Amerika keinerlei Kopfzerbrechen bereiten Apollo als denkbaren Gott zu verwerfen. Aber mit welchem Recht? Würden alle Menschen, nicht per Geburtsort, sondern per Ontogenese einen bestimmten offenbarten Gott anbeten, sähe die Situation völlig anderns aus.

Agnostik ist eben nicht die 50:50 Haltung, sondern nur die Anerkennung, dass die Frage schlussendlich nur aus einer unmöglichen Metaposition zu beurteilen wäre. Real existierende Religionen haben dabei aber noch viel größere Angriffsflächen als die durch Kant freigepinselten.

...falls du noch Interesse an dem Thema hast.
Köppnick - 2007-10-18 06:39

Ich habe begonnen, Dawkins Buch zu lesen. Die gesamte Einleitung nutzt er, Theismus, Deismus, Pantheismus und Atheismus voneinander abzugrenzen und die "Religion" von Wissenschaftlern zu erklären. Sein Lieblingsbeispiel sind unzählige Zitate von Einstein, die, aus dem Zusammenhang gerissen, den Eindruck vermitteln können, Einstein wäre religiös im Sinne des Theismus gewesen. Zu sich selbst schreibt Dawkins:
Indes, ich nenne mich lieber nicht "religiös", weil diese Bezeichnung missverständlich ist - auf verhängnisvolle Weise missverständlich, weil für die allermeisten Menschen "Religion" das "Übernatürliche" impliziert. Sehr schön hat es auch Carl Sagan formuliert: "Wenn man mit 'Gott' die Gesamtheit der physikalischen Gesetze meint, die das Universum beherrschen, dann gibt es natürlich einen Gott. Doch dieser Gott ist emotional unbefriedigend. Es hat nicht viel Sinn, zum Gravitationsgesetz zu beten.
Summa summarum: Dawkins ist ein lupenreiner Atheist, der auch den Agnostizismus kritisiert. Deismus (abwesender Gott) ist für ihn ein verwässerter Theismus (personalisierter Gott), Pantheismus (Gott ist Natur) verwässerter Atheismus. Wenn er sich tatsächlich als Agnostiker bezeichnet hat, dann nur zähneknirschend aus erkenntnistheoretischen Gründen.
Gregor Keuschnig - 2007-10-18 08:14

@Peter

Nein, ich habe die anderen Dawkins-Bücher nicht gelesen. Und ich wollte auch seinen Leumund nicht angreifen - das kann ich gar nicht und schon gar nicht auf Dawkins' Gebiet. Das Interesse besteht übrigens weiterhin bei mir - ich habe bereits das Buch von Christopher Hitchen auf dem Tisch (Dawkins zitiert Hitchen gelegentlich).

Ich glaube, man muss dabei die institutionalisierte Religionsausübung von der Sehnsucht vieler Menschen nach transzendentalem Glauben unterscheiden.

Die Institution "katholische Kirche" beispielsweise kann man mit sehr vielen, guten Gründen kritisieren. Man kann die Vereinnahmung der Evangelien kritisieren, man kann die Exegese kritisieren, man kann die historischen Verirrungen wie Kreuzzüge, Inquisition, usw. angreifen (letzteres macht Dawkins nicht) - man kann die aktuellen Verstrickungen des Vatikan kritisieren und/oder dessen Haltung während der NS-Zeit. All dies ist wichtig, legitim und durchaus aufklärerisch. Man kann und muss auch die nach wie vor starken EInflüsse der christlichen Kirchen in das deutsche Gemeinwesen hinein kritisieren - ich finde es beispielsweise skandalös, dass der Kirchensteuerabzug von den Finanzämtern durchgeführt wird und dass es einen Religionsunterricht in den Schulen gibt, der ausschliesslich die christliche Religion nahebringt.

Aber man kann und darf das im Menschen wesende Gefühl, was nur undeutlich mit "reiligiös" beschrieben ist, nicht per se als Aberglauben denunzieren. Ich glaube, dass Dawkins das gleiche macht, was er den Kreationisten vorwirft: Er setzt sich und seinen Wissenschaftsglauben absolut; Dawkins ist - im schlechtesten Sinn - ein Dogmatiker.

"Der Gotteswahn" ist deshalb nicht aufklärerisch, weil er dem Leser gar keine Chance lässt, sich ein eigenes Bild zu machen. Für Dawkins sind Gläubige dumm und krank. Und wer das nicht begreift, ist auch dumm. Basta. Dawkins ist ein Jakobiner.

Noch etwas zur katholischen Kirche: Bei allen (auch oben aufgezählten) Kritikpunkten zeigt sich doch im Vergkleich zum Islam, wie wichtig eine Institutionalisierung sein kann. Der Islam kennt so etwas nicht (der Protestantismus auch nicht) und daher gibt es - was die Interpretation des Koran angeht - keine "einheitliche Meinung". Die Krux daran zeigt sich jetzt: Religion kann von jedem Prediger in seinem Sinn fast beliebig gedeutet und instrumentalisiert werden. Was nach aussen hin als pluralistisch gilt, birgt eine grosse Gefahr in sich.

Diese Gefahr ist nicht nur im Islam virulent, sondern auch im Protestantismus, der uns in den USA begegnet. Dawkins greift diesen ja auch vollkommen zurecht an. Er macht dies nur mit den falschen Mitteln. Ich glaube auch, dass auf Dauer Bewegungen wie die Evangelikalen eine grössere Gefahr für unsere Demokratie darstellen, wie der sogenannte Islamismus. Aber man schärft das Bewusstsein dafür nicht, dass man auch alle "wohlmeinenden" Christen in derartiger Form verprellt und diffamiert.
Peter (Gast) - 2007-10-18 11:14

@Köppnik

Nur aus erkenntnistheoretischen Gründen?

@Gregor Keuschnig

Ich glaube nicht, dass Dawkins religiöse Menschen per se für dumm hält. Haggard-Jünger sicherlich, aber nicht allgemein (hier wird gerne seine Freundschaft zu dem ehemaligen Bischof von Oxford genannt). Er versteht sie nur nicht. Da es mir ebenso geht, mag meine Empathie den ein oder anderen Fehlgriff relativieren.

Das Kausalitätsprinzip ist dem Menschen in die Wiege gelegt. Der Drang Ursachen für Wirkungen zu finden, ist eine der Eigenschaften, die den Mensch zum Menschen macht. Die letzte Ursache, den unbewegten Beweger oder wie immer man das nennen will, zu finden, kommt also nicht von ungefähr. Was ist jetzt demütiger? Wenn ich mir anmaße diese letzte Ursache zu bennenen oder wenn ich sage dies liegt außerhalb meiner Möglichkeiten?

Es wäre für Herrn Schäuble oder auch Beckstein angenehm mit einem institutionalisierten Islam zu verhandeln. Das ist aber rein politisch motiviert. Warum gibt es denn eine katholische Institutionalisierung? Fing das nicht damit an, dass Paulus Johannes aus dem Boot schubste? Dass Augustinus die Kirche kurzfristig neu erfunden hat? Anders formuliert, ist das nicht reines Menschenwerk zum Machterhalt und hat mit der Frage nach Agnostik, Deismus oder Theismus überhaupt nichts zu tun?
Metepsilonema - 2007-10-18 14:48

@Gregor Keuschnig

Wenn wir davon ausgehen, dass wir keine letzte Ursache und keinen Sinn unseres Daseins mit Sicherheit begründen können, dann stehen wir, wie Camus gezeigt hat, vor der Absurdität unserer Existenz: Wir sind, aber wir wissen nicht wieso oder wozu.

Trotz allem: Es ist nahe liegend irgendwelche Deutungen zu versuchen und jede Metaerzählung - wie Religion - bindet den Menschen in einen sinnstiftenden Rahmen ein, sie gibt ihm Orientierung. Das ist meines Erachtens der wesentlichste Grund für Religion. Sie ist einfach eine psychologische "Notwendigkeit" (ebenso wie viele Ideologien). Die eigene Existenz soll erträglich sein, wir wollen glauben, dass unser Tun und Lassen irgendeinen Sinn hat. Ich kann das verstehen.

Zur Institutionalisierung: Abseits vom Machterhalt, es ist für den Gesetzgeber natürlich einfach und wünschenswert wenn er "einen" Ansprechpartner für jede Religionsgemeinschaft hat. Ich glaube diese Forderung an den Islam ist legitim und notwendig; das heißt ja auch nicht, dass es dann nur eine Spielart des Islam gibt.
Gregor Keuschnig - 2007-10-18 15:32

@Peter und Metepsilonema

Es steht wörtlich im Buch, dass er religiöse Menschen für dumm hält. Das schliesst nicht aus, dass er einigen, wenigen Bischöfen Respekt bezeugt. Vermutlich wird er dann durch dessen Intellekt ein bisschen milder gestimmt.

Die Frage, ob Religion zum Machterhalt für bestimmte Eliten dient, ist nicht einfach zu beantworten. Die Ursprünge des Christentums müssen m. E. als "rein" gedacht werden. Später - und das meine ich mit der institutionalisierten Kirche - wurden Interessen gebündelt und Meinungen kanonisiert (und andere bekämpft). Aber Dawkins betreibt mit seinem jakobinischen Atheismus nichts anderes. Das unterscheidet ihn vom Existenzialismus, der den Menschen zwar von Gott "befreit", dies jedoch weder dogmatisch macht, noch Andersdenkende pauschal denunziert. Der Existenzialismus lässt mir die Freiheit, mich für das Nichts zu entscheiden - Dawkins will mich zum Parteigänger machen.
Metepsilonema - 2007-10-18 15:55

@Gregor Keuschnig

Genau! Er zerstört das Nichts, indem er wieder etwas, eine Idee, als sicher annimmt, und es an seine Stelle setzt.
Peter (Gast) - 2007-10-18 17:33

@Metepsilonema

Trotz allem: Es ist nahe liegend irgendwelche Deutungen zu versuchen und jede Metaerzählung - wie Religion - bindet den Menschen in einen sinnstiftenden Rahmen ein, sie gibt ihm Orientierung. Das ist meines Erachtens der wesentlichste Grund für Religion. Sie ist einfach eine psychologische "Notwendigkeit" (ebenso wie viele Ideologien). Die eigene Existenz soll erträglich sein, wir wollen glauben, dass unser Tun und Lassen irgendeinen Sinn hat. Ich kann das verstehen.

Wo kommt die Sinnstiftung her? Offenbarung? Mir hat sich nichts offenbart und nehme an, dass meinen religösen Mitmenschen der Glaube nur per gesellschaftlicher Doktrin zu Teil wurde. Die psychologische Notwendigkeit hört sich eher nach "Ich möchte, also ist" an. Wenn du so leichtfertig behauptest, dass es nahe liegend ist irgendwelche Deutungen zu versuchen, dann frage ich mich was daran nahe liegend ist. Wieso ist ausgerechnet der christliche Gott sinnstiftend? Wieso überhaupt? Warum nicht Apollo et al.? Wie klärst du das Leib-Seele-Problem? Nahe liegend sehe ich da gar nichts. "Ich weiß, dass ich nichts weiß" ist naheliegend.

@Gregor Keuschnig

Die Frage, ob Religion zum Machterhalt für bestimmte Eliten dient, ist nicht einfach zu beantworten. Die Ursprünge des Christentums müssen m.E. als "rein" gedacht werden.

Deshalb hatte ich Johannes und Paulus erwähnt. Schon während der frühen Institutionalisierung kam es zum Sündenfall.

Später - und das meine ich mit der institutionalisierten Kirche - wurden Interessen gebündelt und Meinungen kanonisiert (und andere bekämpft).

Und diese kanonisierte Meinung kam wem per Offenbarung (oder welche "Beglaubigung" gibt es) und warum ist er legitimierter als andere? Entschuldigung, dass ist für mich hanebüchen.

Ich Stelle einfach mal die These auf: Was Agnostizismus für Naturwissenschaftler, ist Existenzialismus für die Geisteswissenschaft. Beide erlauben den Rückzug vor den "großen Fragen", schmecken aber je nach geistiger Herkunft besser. Mehr Freiheit sehe ich da nicht.
Metepsilonema - 2007-10-18 18:34

Langsam, langsam

@Peter

Wo kommt die Sinnstiftung her? Offenbarung? Mir hat sich nichts offenbart und nehme an, dass meinen religösen Mitmenschen der Glaube nur per gesellschaftlicher Doktrin zu Teil wurde. Die psychologische Notwendigkeit hört sich eher nach "Ich möchte, also ist" an. Wenn du so leichtfertig behauptest, dass es nahe liegend ist irgendwelche Deutungen zu versuchen, dann frage ich mich was daran nahe liegend ist. Wieso ist ausgerechnet der christliche Gott sinnstiftend? Wieso überhaupt? Warum nicht Apollo et al.? Wie klärst du das Leib-Seele-Problem? Nahe liegend sehe ich da gar nichts. "Ich weiß, dass ich nichts weiß" ist naheliegend.

Nicht alle Religionen sind Offenbarungsreligionen, das ist nur eine Kategorie.

Die Sinnstiftung wird von uns konstruiert, und wenn man es genau nimmt, dann beginnt sie dort wo wir auf irgendetwas zu hoffen beginnen, wo wir glauben, oder meinen, dass das was wir tun irgendeine Bedeutung hat. Es ist nicht einfach die Sinnlosigkeit seiner Existenz hinzunehmen (man versuche einmal daraus alle Konsequenzen zu ziehen und danach zu leben); und natürlich, es ist in einem gewissen, wenn auch oft unbewussten Sinne ein "Ich möchte, also ist". Apollo et al. ist genauso sinnstiftend wie Jesus, Allah, Buddha, oder die Aufklärung, wieso auch nicht (das wurde, glaube ich, doch nirgends bestritten)?

Worauf ich hinaus will ist, dass jede Deutung unser Dasein wesentlich erleichtert, uns quasi ein Grundlage, einen Bezug, eine Rechtfertigung gibt. Das "ich weiß nichts" ist quälend! Camus schreibt " [...] er ist ein Blinder, der sehen will und weiß dass die Nacht keine Ende hat." (aus dem Kopf zitiert). Wir wollen nicht sehen, dass es so ist. Die Sinnstiftung ist eine Befreiung, eine Befreiung von der Absurdität der Existenz! Es lebt sich einfach um soviel besser. Und wer will schon unglücklich sein?

Man nimmt meist den Glauben, den die Mehrheit einer Gesellschaft an, das kann man von mir aus Doktrin nennen, aber es gibt genauso eine persönliche Disposition, die wohl nicht das ganze Leben lang gleich ausgeprägt ist.

Im Übrigen glaube ich, dass jemand der tatsächlich glaubt sich des "Restrisikos" durchaus bewusst ist, denn wer glaubt vertraut, und weiß gleichzeitig, dass es nicht hundertprozentig sicher ist. Etwas Mut ist daher gefordert. Nur die Eiferer und Fanatiker verwechseln Glauben und sicheres Wissen. Sie zerstören die letzte verbleibende Ungewissheit.

Warum jetzt das Leib-Seele-Problem ins Spiel kommt, verstehe ich nicht ganz, ich bitte um Erläuterung.
Metepsilonema - 2007-10-19 23:13

Nicht nur von Gott

@Gregor

Der Existenzialismus befreit nicht nur von Gott, sondern von sämtlicher Metaphysik, was vermutlich nicht allen genehm ist.
Gregor Keuschnig - 2007-10-22 09:16

@Metepsilonema

Ja, das ist für einige sicherlich nicht angenehm, wobei der Existenzialismus allerdings Andersdenkende nicht diffamiert und die Befreiung von jeglicher Metaphysik erfolgt m. E. übrigens aufgrund eines Denkmodells und nicht irgendwelcher empirischer Nachweisbarkeit (was Dawkins versucht und womit er kläglich scheitert). Sie ist viel filigraner und zarter.

Es gibt aber mindestens eine Stelle bei Camus, die ich aus dem Kopf erinnere, in dem er vor der "Abtrünnigkeit" (meine Formulierung) hin zur Religion in den letzten Lebensmomenten "warnt". Das hat dann ein bisschen was Rigoroses - da wird Konsequenz eingefordert.
Metepsilonema - 2007-10-22 21:41

@Gregor

Wenn der Existenzialismus eine Metapysikkritik darstellt - und das tut er -, dann darf er auch nicht mehr als die Entscheidung in die Hände des Individuums zu legen - sie ist damit eine persönliche geworden. Alles was darüber hinausgeht wäre ja wieder Metaphysik (das genau ist ja auch ein "Problem" der Postmoderne).

Empirische Versuche sind natürlich zum Scheitern verurteilt...

Falls du die Camus-Stelle rekonstruieren kannst (ohne allzu großen Aufwand), sie würde mich interessieren. Ich glaube es erfordert tatsächlich rigorose Konsequenz wenn man den Weg, den Camus beschreibt, gehen will. Aber es wird niemand gezwungen.

Vermutlich fordern die letzten Lebensmomente (so man sie bewusst erlebt) dazu heraus doch noch auf "Nummer sicher zu gehen" und zu glauben zu beginnen.
ww (Gast) - 2008-01-26 14:57

ne

das ist denn doch so von oben herab und so mokant, wie Dawkins Argumentaition laut Rezensent sein soll. Und so oberflächlich, bei all dem markierten Tiefgang, dass es auch als Essayrezension kaum durchgeht. Man gehe in sich und schaue.

Gregor Keuschnig - 2008-01-26 15:27

"Von oben herab"? Ich nehme an, Sie haben das Buch nicht gelesen, sonst wüssten Sie den Ton meiner Besprechung besser einzuschätzen. Seit wann darf man keine Anforderungen an den Autor mehr stellen? Und: Wo ist Ihre "Argumentaition"? Ich schaue und sehe...erst mal nichts.
wwamser (Gast) - 2008-01-26 17:30

hm

denke, ww hat ziemlich recht
Gregor Keuschnig - 2008-01-26 17:43

Das ist mir zu wenig. Warum? Wie?

("dass es auch als Essayrezension kaum durchgeht"...das ist nicht "von oben herab"?)

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