Hiroshi Sugimoto (K20 in Düsseldorf)
Man betritt die Ausstellung – und da sind sie sofort: Dreizehn "Seascapes" (entstanden zwischen 1980 und 2003). Meerlandschaften, Horizontbilder. Den Horizont immer an der gleichen Stelle; immer schwarz-weiss.


Aber immer anderes Licht; mal nebelig, mal klar; mal dunkel (wie suchend sich dann der Betrachter den Horizont zunächst imaginiert und dann findet), mal Tageslicht; in Nuancen anders. Und immer an unterschiedlichen Orten. Es keine Menschen, keine Boote und auch keine Tiere auf den Bildern; der Wasserspiegel ist immer gleich ruhig. Wie der erste Mensch will Hiroshi Sugimoto diese Meerlandschaften sehen. Man möchte hinzufügen: Wie das erste Lebewesen überhaupt.
Die Fotos (leider mit etwas spiegelnder Verglasung) entwickeln sofort einen Sog und auch ohne die Erläuterung an der Wand (die vom ersten Menschen) begreift man sofort die Unschuld des Augenblicks auf diesen Bildern. Man beginnt – das ist durchaus Absicht – dann irgendwann in eine Art meditatives Schauen zu verfallen. Man ergibt sich gerne. Die Schauplätze geraten zur Nebensächlichkeit; werden fast lästig. Wenn die Bilder dann nicht so teilweise penetrant von zusätzlichen Lichtstrahlern beleuchtet würden, sondern – wie dies offensichtlich Sugimoto wollte – ausschliesslich im Tageslicht zu sehen wären (also immer auch in anderen Verhältnissen), würde der Effekt, die fast hypnotische Wirkung, noch verstärkt werden.
Weiter geht es dann mit der Serie zu "Theaters" (1975-2001; ausgestellte Werke 1978-1995).
Sugimoto setzt sich hierfür mit seiner Kamera in Kinos und belichtet den gesamten Film (von zwei oder drei Stunden Länge) auf einem Bild. Das Ergebnis ist verblüffend: Die Leinwand ist ein einziges grelles Weiss (und, wie im Film "Contacts" von Jean-Pierre Krief glaubhaft versichert wird, die Zuschauer sind nicht da, förmlich "vom Licht verschluckt"). Diese Serie führt ihn in vielen Kinos (hauptsächlich in den Vereinigten Staaten). Neben der Tatsache einer gewissen Persistenz des Künstlers sticht vor allem in der immer gleichen grellen Leinwand, auf der der gesamte Film im wörtlichen Sinne verborgen ist, ins Auge. Diese Überfülle an "Informationen" mutieren letztlich zum Nichts. Der Film verwandelt sich in ein lichtgleissendes Objekt. Und der Blick wird frei zum ansonsten Verborgenen bzw. Nebensächlichen: der Architektur und Inneneinrichtung des Kinos. Und ein bisschen kann man, darf man diese Fotos als wohltuendes Augenbalsam im Gegensatz zu den Wimmelfotografien eines Andreas Gursky sehen, die einem in diesem Moment allzu pathetisch, allzu aufgeladen erscheinen.
Und spätestens jetzt bemerkt man, dass Sugimoto tatsächlich mit seinen Fotografien malt, und dann, im Weitergehen, sieht man seine Fotos von Wachsfiguren aus Madame Tussauts berühmtem Museum, die er, mit dem Licht der "damaligen Zeit" abfotografiert hat und die dann fast wie lebendige, zeitgenössische Wesen wirken (und unversehens ist man in einer Art Zeitmaschine, weil alle Fotos der Ausstellung Protagonisten des 16. Jahrhunderts sind). Das gleiche machte Sugimoto auch mit Dioramas von Tieren und abermals ist man sich der Ambivalenz von Fotografien bewusst aber gleichzeitig entzückt von den "Tricks" des Künstlers. Die japanischen "Pine Trees" werden dann wieder deutlicher "Gemälde aus Fotografie" (Sugimoto), weil verfremdet und in ein fast mystisches Dunkel getaucht.
Die "Colors of Shadow" (beispielsweise "C1028")
sieht man dann schon fast wie selbstverständlich als ein gemaltes Bild; oder – umgekehrt – bei der Vergewisserung, dass es Fotos sind (Fotos, die sich mit dem ältesten Thema der Malerei beschäftigen: dem Licht), kommt einem plötzlich in den Sinn, dass hier ein Impressionist fotografiert und man nimmt sich vor, die Seascapes noch einmal anzuschauen.
Aber erst hinauf zu den so markanten Architektur-Bildern, auf denen bewusst berühmte Gebäude mit Unschärfe fotografiert wurden, um, wie es heisst, eine idealisierte Sicht des Gebäudes erkennbar zu machen (Erkennung durch Unschärfe) und quasi den architektonischen Akt zeitlich zurück zu bilden. Aber diese dann doch etwas gespreizte Erklärung gefällt mir nicht.
Ich sehe die unscharfen Bauwerke vor mir (mit ein bisschen Wehmut die Zwillingstürme – die wie halluzinatorisch wieder auferstanden sein könnten [nein, das Bild ist ja von 1997]) und werde erinnert an die späten Turner-Bilder, dieses fast konturlose, weiche Malen, welches dann, am Ende nur noch zu amorphen Farbhaufen führt.
Hier wie dort ertappt sich bei einer Art Vexierspiel und versucht durch Verringerung oder Vergösserung der Entfernung zu den Bildern wie ein Zoom die fehlende Schärfe wiederherzustellen – natürlich ohne Erfolg.
Am Ende setzt man sich noch einmal zu den Meerlandschaften und betrachtet diese in gebührender Entfernung. Und nachher, bei der Recherche, findet man unzählige dieser Bilder und bedauert, nur so wenige in Düsseldorf gezeigt zu bekommen.
Ausstellung im K20 bis 06.1.08; danach noch in Salzburg, Berlin und Luzern
Der angesprochene Film ist im Netz nicht kostenfrei verfügbar. Es gibt allerdings auf Youtube ein schönes Interview (in zwei Teilen) mit Hiroshi Sugimoto (in englischer Sprache mit italienischen Untertiteln). Sein englisch ist sehr gut zu verstehen und er spricht mit sanfter Stimme. Empfehlenswert.
Teil 1
Teil 2
Und noch eine Ergänzung:
Eine schöne Besprechung des Bildbandes "Hiroshi Sugimoto" bei Hantje Cantz findet man hier.


Aber immer anderes Licht; mal nebelig, mal klar; mal dunkel (wie suchend sich dann der Betrachter den Horizont zunächst imaginiert und dann findet), mal Tageslicht; in Nuancen anders. Und immer an unterschiedlichen Orten. Es keine Menschen, keine Boote und auch keine Tiere auf den Bildern; der Wasserspiegel ist immer gleich ruhig. Wie der erste Mensch will Hiroshi Sugimoto diese Meerlandschaften sehen. Man möchte hinzufügen: Wie das erste Lebewesen überhaupt.
Die Fotos (leider mit etwas spiegelnder Verglasung) entwickeln sofort einen Sog und auch ohne die Erläuterung an der Wand (die vom ersten Menschen) begreift man sofort die Unschuld des Augenblicks auf diesen Bildern. Man beginnt – das ist durchaus Absicht – dann irgendwann in eine Art meditatives Schauen zu verfallen. Man ergibt sich gerne. Die Schauplätze geraten zur Nebensächlichkeit; werden fast lästig. Wenn die Bilder dann nicht so teilweise penetrant von zusätzlichen Lichtstrahlern beleuchtet würden, sondern – wie dies offensichtlich Sugimoto wollte – ausschliesslich im Tageslicht zu sehen wären (also immer auch in anderen Verhältnissen), würde der Effekt, die fast hypnotische Wirkung, noch verstärkt werden.
Weiter geht es dann mit der Serie zu "Theaters" (1975-2001; ausgestellte Werke 1978-1995).
Sugimoto setzt sich hierfür mit seiner Kamera in Kinos und belichtet den gesamten Film (von zwei oder drei Stunden Länge) auf einem Bild. Das Ergebnis ist verblüffend: Die Leinwand ist ein einziges grelles Weiss (und, wie im Film "Contacts" von Jean-Pierre Krief glaubhaft versichert wird, die Zuschauer sind nicht da, förmlich "vom Licht verschluckt"). Diese Serie führt ihn in vielen Kinos (hauptsächlich in den Vereinigten Staaten). Neben der Tatsache einer gewissen Persistenz des Künstlers sticht vor allem in der immer gleichen grellen Leinwand, auf der der gesamte Film im wörtlichen Sinne verborgen ist, ins Auge. Diese Überfülle an "Informationen" mutieren letztlich zum Nichts. Der Film verwandelt sich in ein lichtgleissendes Objekt. Und der Blick wird frei zum ansonsten Verborgenen bzw. Nebensächlichen: der Architektur und Inneneinrichtung des Kinos. Und ein bisschen kann man, darf man diese Fotos als wohltuendes Augenbalsam im Gegensatz zu den Wimmelfotografien eines Andreas Gursky sehen, die einem in diesem Moment allzu pathetisch, allzu aufgeladen erscheinen.Und spätestens jetzt bemerkt man, dass Sugimoto tatsächlich mit seinen Fotografien malt, und dann, im Weitergehen, sieht man seine Fotos von Wachsfiguren aus Madame Tussauts berühmtem Museum, die er, mit dem Licht der "damaligen Zeit" abfotografiert hat und die dann fast wie lebendige, zeitgenössische Wesen wirken (und unversehens ist man in einer Art Zeitmaschine, weil alle Fotos der Ausstellung Protagonisten des 16. Jahrhunderts sind). Das gleiche machte Sugimoto auch mit Dioramas von Tieren und abermals ist man sich der Ambivalenz von Fotografien bewusst aber gleichzeitig entzückt von den "Tricks" des Künstlers. Die japanischen "Pine Trees" werden dann wieder deutlicher "Gemälde aus Fotografie" (Sugimoto), weil verfremdet und in ein fast mystisches Dunkel getaucht.
Die "Colors of Shadow" (beispielsweise "C1028")
sieht man dann schon fast wie selbstverständlich als ein gemaltes Bild; oder – umgekehrt – bei der Vergewisserung, dass es Fotos sind (Fotos, die sich mit dem ältesten Thema der Malerei beschäftigen: dem Licht), kommt einem plötzlich in den Sinn, dass hier ein Impressionist fotografiert und man nimmt sich vor, die Seascapes noch einmal anzuschauen. Aber erst hinauf zu den so markanten Architektur-Bildern, auf denen bewusst berühmte Gebäude mit Unschärfe fotografiert wurden, um, wie es heisst, eine idealisierte Sicht des Gebäudes erkennbar zu machen (Erkennung durch Unschärfe) und quasi den architektonischen Akt zeitlich zurück zu bilden. Aber diese dann doch etwas gespreizte Erklärung gefällt mir nicht.
Ich sehe die unscharfen Bauwerke vor mir (mit ein bisschen Wehmut die Zwillingstürme – die wie halluzinatorisch wieder auferstanden sein könnten [nein, das Bild ist ja von 1997]) und werde erinnert an die späten Turner-Bilder, dieses fast konturlose, weiche Malen, welches dann, am Ende nur noch zu amorphen Farbhaufen führt.
Hier wie dort ertappt sich bei einer Art Vexierspiel und versucht durch Verringerung oder Vergösserung der Entfernung zu den Bildern wie ein Zoom die fehlende Schärfe wiederherzustellen – natürlich ohne Erfolg. Am Ende setzt man sich noch einmal zu den Meerlandschaften und betrachtet diese in gebührender Entfernung. Und nachher, bei der Recherche, findet man unzählige dieser Bilder und bedauert, nur so wenige in Düsseldorf gezeigt zu bekommen.
Ausstellung im K20 bis 06.1.08; danach noch in Salzburg, Berlin und Luzern
Der angesprochene Film ist im Netz nicht kostenfrei verfügbar. Es gibt allerdings auf Youtube ein schönes Interview (in zwei Teilen) mit Hiroshi Sugimoto (in englischer Sprache mit italienischen Untertiteln). Sein englisch ist sehr gut zu verstehen und er spricht mit sanfter Stimme. Empfehlenswert.
Teil 1
Teil 2
Und noch eine Ergänzung:
Eine schöne Besprechung des Bildbandes "Hiroshi Sugimoto" bei Hantje Cantz findet man hier.
Gregor Keuschnig - 2007-09-19 11:11
