"Allein waren sie Niemande..."

Die Demütigungen passierten immer unerwartet und wie nebenbei. Es waren ja nur Scherze, das Ganze war nicht so gemeint gewesen, der Betreffende – in diesem Falle ich – hatte es selbst durch seine Lügen, sein Selbstlob, sein "Eindruckschinden", mit einem Wort: durch sein ganzes Wesen herausgefordert. Diejenigen, die sich im Quälen am meisten auszeichneten, stellte ich fest, waren intelligent und hatten eine Schar eifriger Nachahmer um sich. Durch irgendeinen Umstand zog der Anführer die anderen mit sich. Die Großredner waren dabei die Übelsten, die Unerbittlichsten. Schnell waren sie wegen etwas beleidigt, und noch schneller überschritten sie die Grenzen und fanden ein Opfer, das sie demütigten. Sie benötigten dafür immer ein Publikum. Allein waren sie Niemande wie ich, erst in der Schar ihrer Bewunderer blühten sie auf. Ihr gesamtes Denken konzentrierte sich auf "Schwachstellen", instinktiv und wie besessen fahndeten sie danach, bis sie endlich den Punkt ausgemacht hatten, an dem sie jemanden oder eine Sache der Lächerlichkeit preisgeben konnten. Sie hatten keine Hemmungen, Wörter auszusprechen, die andere erniedrigten. Immer handelte es sich bei den Anführern um Besserwisser, die selbst Mängel aufwiesen. Eine mimosenhafte Empfindlichkeit zeichnete sie aus, wenn es um sie selbst ging, sie waren voll Neid und Eifersucht, und jeder Scherz, der mit ihnen getrieben wurde, hatte Wutanfälle zur Folge. In einem fort wollten sie von sich selbst ablenken oder sich für etwas rächen, aber das zu verstehen war ich noch zu jung, und es hätte mir auch nicht geholfen. Ich war erschrocken darüber, mit welcher Begeisterung sich meine Mitschüler, wenn sie Lust auf Abwechslung überkam, am Quälen weideten. Doch für sie galt das Gleiche wie für mich: dass sie so sein wollten, wie sie glaubten, dass die anderen waren.

Gerhard Roth: "Das Alphabet der Zeit"; S. Fischer Verlag 2007, S. 522
blackconti - 2007-09-15 12:42

Ooops - jetzt fühle ich mich durchschaut. Aber den Söder, den darf ich doch noch ein wenig der Lächerlichkeit preisgeben? Bitte?

Gregor Keuschnig - 2007-09-15 12:49

Das galt...

(natürlich!) nicht Ihnen.

Es ging eher in diese Richtung.
blackconti - 2007-09-15 13:01

Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen :-)

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HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.

Kommentare hier...

Das erinnert mich...
an einen zwar trivialen, aber irgendwie treffenden...
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 21:08
Hatte mir gestern Abend...
Hatte mir gestern Abend die erste Lesung angesehen,...
en-passant (anonym) - 2008-07-04 18:16
Noch ein kurzer Nachklapp
Ich stelle mir manchmal den jungen Franz Kafka da vor....
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 17:49
Es gab vor sehr langer...
Es gab vor sehr langer Zeit einmal ein Fernsehspiel,...
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 17:38
Was dran ist...
Das Wort "Reform" an sich ist neutral, hat aber mittlerweile...
Metepsilonema - 2008-07-02 11:47
Was ist dran an "Demokratieverdrossenheit" ?
Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) hat die...
Gregor Keuschnig - 2008-06-30 19:56
"Toll" ist der richtige...
Ich weiß nicht was man sich dabei gedacht hat,...
Metepsilonema - 2008-06-30 09:06
Ich meinte folgendes
Demokratie funktioniert meines Erachtens nicht, wenn...
Metepsilonema - 2008-06-30 00:25
Es wurde alles gesagt,
etwas Neues kann ich eigentlich gar nicht hinzufügen....
La Tortuga - 2008-06-29 21:47
"immer weitere Entzauberung"
Ja, das trifft es. Ich frage mich: Ist es nun eine...
Gregor Keuschnig - 2008-06-29 17:50

...anderswo

Sorry, aber ich teile
tinius' Feststellung. ich habe auch seit etwas mehr...
help - 2008-07-04 21:46
Das erinnert mich...
an einen zwar trivialen, aber irgendwie treffenden...
begleitschreiben - 2008-07-04 21:08
Noch ein kurzer Nachklapp
Ich stelle mir manchmal den jungen Franz Kafka da vor....
begleitschreiben - 2008-07-04 17:49
Es gab vor sehr langer...
Es gab vor sehr langer Zeit einmal ein Fernsehspiel,...
begleitschreiben - 2008-07-04 17:38
Der Artikel ist in einem...
Der Artikel ist in einem bestimmten Jargon geschrieben....
KwakuAnanse - 2008-07-03 08:55

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